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Full text of "Wiener Rundschau 4-1898"

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^^iener J^undsehau. 



15. MAI 1898. 



c 



EIN BESUCH BEI JOHANNES BRAHMS. 
Eine Reiseerinnerung von WILHELM BEHREND. 

Nachdem Johannes Brahms gestorben ist, glaube ich, dass ich 
einige Erinnerungen von einer Studienreise in Deutschland am Ende 
des Jahres 1895 der Oeffentlichkeit ubergeben darf. 

Es war um die Weihnachtszeit, als ich Wien besuchte. Damals lebten 
dort zwei ausgezeichnete Kunstler: Anton Bruckner und Johannes 
Brahms. Ihre Namen erfiillten das Wiener Musikleben mit einem 
31anze, der uber die Grenzen der alten Musikstadt weit hinausstrahlte. 
Nun sind Beide todt, und es ist um Vieles dunkler geworden in der 
Wiener Musikwelt. 

Dass Bruckners Tage damals gezåhlt waren, dariiber konnte ich 
nach dem, was ich von ihm und seinem traurigen Dasein hørte, nicht 
im Zweifel sein ; aber dass Brahms so bald einer tOdtlichen Krankheit 
erliegen sollte, ahnte damals wohl Niemand. Ich sah Brahms als 
gesunden, lebenskråftigen Mann, der sich kOrperlich sehr wohl zu 
befinden schien und geråde von seinen Planen sprach, nach Berlin zu 
gehen, um ein paar Concerte zu dirigiren, bei denen sein Liebling 
d* Albert mehrere seiner grossen Compositionen spielen sollte. Und doch 
hat Brahms bereits damals den Todesstempel getragen, unsichtbar fiir 
Andere, ja er selbst ahnte wohl nichts davon. Denn nur wenige Monate 
spåter kam die Krankheit zum Ausbruche, die scheinbar durch seine 
ubersturzte Reise zum Todtenbette der Frau seines Meisters und 
Freundes, Clara Schumann, hervorgerufen wurde. Die Schaffenskraft 
war bereits zuvor vermindert, nun blieb ihm nur ein trauriger Zeit- 
raum von kaum einem Jahre, in dem er mehr und mehr hinsiechte; 
die kraftige, behabige Gestalt beugte sich und magerte in beunruhigender 
Weise ab. Dennoch suchte er immer seinen Muth aufrecht zu erhalten, 
wie Hanslick, sein guter, allzu guter Freund, spåter erzåhlte, und ein 
aufmunterndes Wort von den Freunden, oder mehr noch von den 



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37 



o- * 



482 BEHREND. 

Aerzten, iibte eine merkwurdig belebende Wirkung auf ihn aus. So 
ungern wollte er die Hoffnung fahren lassen, bis es schliesslich gar 
keine Hoffnung mehr gab. 

Ich bin froh daruber, dass ich diesen unglucklichen, gebrochenen Mann 
nicht traf. Vor meiner Erinnerung steht Brahms in voller Gesundheit. 

Kørperlich jedenfalls. Denn in geistiger Hinsicht kam es mir vor, 
dass trotz alier Kraft und Klarheit ein gewisser Mangel an Harmonie 
und Zufriedenheit zu spiiren war. Ich konnte das Gefiihl nicht los- 
werden, dass dieser Mann, den ich hier in seiner bescheidenen, kaum 
gemuthlichen Junggesellenwohnung sah, trotz seiner GrØsse nicht 
glucklich war. Brahms sprach mit mir mit einer liebenswiirdigen, 
ruhigen Offenheit; es war keine Spur von Pose in seinem Auftreten; 
aber es war auch keine unverniinftige Bescheidenheit, im Gegentheil, 
man merkte sehr wohl — obschon in keiner unangenehmen Weise — 
dass auf dem Grunde seines Wesens und hinter seinen Worten das 
Bewusstsein seines eigenen Werthes lag. Sein Ton war der eines 
ålteren Mannes, der dem Jungeren gegenuber seiner Kritik, seiner 
Unzufriedenheit durch gemiithliche Ueberlegenhiefit Ausdruck verleiht, 
und der — nicht ganz ehrlich vielleicht — zu sagen scheint : »Ja, so 
thoncht geberden sich diese Menschen, mich geht es ja nicht viel an — 
ich bin zu hoch und zu weit gekommen!« 

Es ist ja mOglich, dass ich mich irre, da ich ja nur eine kurze 
Unterredung mit Brahms hatte, bei der die Bescheidenheit gegenuber 
dem beriihmten Manne mir gebot, seinem Worte mehr zu lauschen, 
als zu versuchen, direct sein Inneres zu erforschen; aber ich weiss, 
dass ich Brahms mit dem Gefuhle verliess: das ist ein einsamer, 
wenig gliicklicher Mann trotz seines Weltrufes, trotz seiner fanatischen 
Anhånger, trotz der Gesellschaft guter, aufrichtiger Freunde. Und nun, 
da ich meine Erinnerungen niederschreibe, kann ich dasselbe Gefiihl 
nicht loswerden, das noch verstårkt wird, wenn ich an das Kunstler- 
leben zuriickdenke, das nun abgeschlossen vorliegt. 

Brahms wurde, glaube ich, unglucklich in Folge allzu grossen 
Gluckes. Ein merkwurdiges Schicksal in der Geschichte der Musiker! 
Gluck pflegt ihnen sonst nicht im Uebermasse zutheil zu werden. Auf 
Brahms* Fåhigkeiten wurden wåhrend seines ganzen Lebens grøssere 
Wechsel gezogen, als er einlosen konnte. Und die Unzufriedenheit 
entstand dadurch, dass er eine zu stolze, zu ehrliche und selbstståndige 
Natur war, um sich einer solenen Verpflichtung zu entziehen oder mit 
> unechter Miinze zu zahlen. Es wurde auf seine Kunstlerschultern mehr 
gelegt, als sie tragen konnten. Als er noch ein ganz junger Mann 
war, erfullten sein Spiel und seine Compositionen Robert Schumann 
mit ganz begeistertem Entzucken, in Folge dessen dieser sich nicht 
bedachte, nach zehnjåhriger Pause zur Feder des Kritikers zu greifen 
und ihn zu preisen, »der nun gekommen ist, ein junges Blut, andessen 
Wiege Grazien und Helden Wacht standen. Johannes Brahms heisst 
er . . . und auch im Aeusseren hat er alle die Kennzeichen, die uns 
sagen : er ist einer der Berufenen ! « 



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EIN BESUCH BEI JOHANNES BRAHMS. 483 

Eine solche Siegesfanfare ging Brahms voraus, als er in die 
Musikwelt eintrat. Das burdet Verpflichtungen auf, grosse Verpflichtungen. 
Trotz Schumanns Vorhersage wollte die grosse Menge doch nicht recht 
diese jugendliche, duster leidenschaftliche und wild dahersttirmende 
Musik verstehen und sich dafiir interessiren. Ueber dem Haupte des 
»Berufenen« ruhte der schicksalsschwangere Segen (oder Fluch, wie 
man sagen will). Er wollte auf einmal des Meisters Wort zur Wahr- 
heit machen: der werden, dessen Gang duren die Welt »mit Lorbeern 
und Palmen« geschmuckt wird — »ein starker Streiter« — und zugleich 
sein eigenes ehrliches Ich retten. 

Der Weg, den Brahms ging, war die Ruckkehr zu den 
Classikern, fleissig und sorgfåltig sich ihre Compositionsweise anzu- 
eignen und darauf weiterzubauen. Das war Brahms' grosses und 
schOnes Manneswerk, dem wir so viele schOne, ernste, tiefgefuhlte und 
tiichtig aufgebaute Arbeiten verdanken, die man, wie Spitta so 
treffend sagt, »wohl nicht von einander reissen kann, in denen man 
aber doch die Eisenklammern sieht und fuhlt, dass Gewalt gebraucht 
ist, um sie zusammen zu halten.« 

Doch auch diese That durfte Brahms nicht in Ruhe ausfuhren. 
Als er so weit gekommen war, dass seine Werke ihm einen guten und 
geach teten Namen verschafft hatten, wurde er von einer Schaar Kunst- 
politiker und Fanatiker ergriffen und auf einen Thron gesetzt, der am 
liebsten (und so schnell wie mOglich) zu gleicher Hohe mit dem auf- 
gebaut werden sollte, auf dem Richard Wagner in den Augen seiner 
Anh anger und allmålig auch immer mehr in denen der Laien sass. 
Brahms war der Einzige, der so hoch iiber die Menge emporragte, 
dass der Conservativismus hoffen konnte, mit ihm als Schild siegreich 
zu kåmpfen. Der kluge, witzige, aber bissige und kurzsichtige Hanslick 
wurde sein Waffentråger. Ob Brahms anfangs froh dariiber gewesen 
ist, diesen Kampf kåmpfen zu sollen — mit diesem Waffengenossen, und 
ob er an Sieg geglaubt hat ? Hat er es gethan, muss er bitter enttåuscht 
worden sein, wie er die Schaar seiner Gegner wachsen und wachsen 
sah, wåhrend seine eigene theils sich verminderte, theils das Gepråge 
hysterischer Anbetung erhielt, die seiner gesunden Natur keineswegs 
gef allen konnte. 

Und hat er nicht an den guten Ausgang des Kampfes geglaubt, 
ist aber doch zu muthig und treu gewesen, die Waffen niederzulegen 
— wie peinlich muss es dann nicht fur ihn gewesen sein, sich gleichsam 
standig selbst uberbieten zu sollen, in dem Bewusstsein, dass man bei 
jedem neuen Werk von ihm erwartete: nun schlågt er die grosse 
Schlacht, nun ist der Sieg endlich unser ! — und dann wurde vielleicht 
irgend ein kleines Treffen gewonnen. Die grosse, entscheidende Schlacht 
niemals ! 

Ob nun Brahms seine Stellung so empfunden hat, wie sie hier 
geschildert ist, das weiss im Augenblick wohl kaum Jemand gewiss. 
Aber wenn Fr. Nietzsche (zu stolz, um sich gegen den Verdacht zu 
wehren, dass er Brahms als Wagners wahren Antagonisten betrachte) 

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484 BEHREND. 

mit treffenden Worten sagt: Brahms hat »die Melancholie des Unver- 
mogens« , ist der Musiker des Sehnsuchtsvollen, Unbefriedigten — 
selbstverståndlich geistig Unbefriedigten — dann kann die Berechtigung 
hiervon wieder auf Brahms* bOsen Stern zuruckgefuhrt werden: man 
wollte, er sollte ein Genie sein, ein Kunsterneuerer, und er war 
nur ein Talent, ein reich begabter, fleissig arbeitender Epigone und 
Eklektiker. 

Die Sehnsucht, das Hochste zu erreichen, das Streben, den Stoff, 
den er in Arbeit nahm, zu erschOpfen, der Stolz: zu sein, nicht zu 
scheinen, und zugleich der Ehrgeiz: sein grosses, namendich contra- 
punktisches Konnen zu zeigen — air das hat Brahms* spåteren Werken 
das Gepråge der Schwermuth, des Grublerischen , der muhsamen 
Empfangniss gegeben, uber die die Kritik wieder und wieder geklagt 
hat, und die das grosse Publikum abgeschreckt hat, das in der Musik 
zuerst und vor Allem (und mit Recht) von dem unmittelbar Hervor- 
sprudelnden, von den grossen, anschaulichen Gedanken, den reinen, klaren 
Linien ergriffen wird. 

Aber war nun Brahms auch kein Genie, und hatte er niemals 
als solches ausposaunt werden sollen, so soli diese Erkenntniss nur 
psychologisch seine Unzufriedenheit und Bitterkeit verståndlich machen, 
das sehnende Streben seiner Musik und die selten erreichte Vollkommenheit. 
Dagegen darf sie nicht dafur blind machen, welch grossen Kunstler 
die Musikwelt in ihm verloren hat. Er erreichte niemals den frohen, 
vertrauensvollen Aufschwung, aber wenn er in seiner Musik seine milde 
Wehmuth ausstrahlen låsst, dann mussen wir geriihrt werden und mit 
ihm fuhlen (besonders wenn es in den kleinen Formen geschieht, denn 
sonst kann die Wehmuth in unbestimmte Gefuhlsduselei ausarten) und 
wenn er mit eisernem Willen sein Werk aufbaut, mit einer »thema- 
tischen« Kraft, welche sich mit der der Besten messen kann, oft mit 
einer Kuhnheit, die beweist, dass er mit den Classikern wohl verwandt 
war und doch keineswegs ein »Conservativer« — dann miissen wir oins 
in Ehrfurcht beugen. Aber am meisten mussen wir ihn woW bewundern 
und ihn liebgewinnen als den tieffuhlenden, grossdenkenden Kunstier, 
wenn wir ihm in einem Werke wie »Ein deutsches Requiem« gegen- 
uberstehen — dem innigen, ernsten, schwermuthigen Klagegesang ara 
Grabe seiner Mutter. 

Und selbst wenn die Werke, in denen die Gediegenheit der Arbeit 
nicht vOflig der Unbestimmtheit des mhalts oder dem »akademischen« 
Ausdruck abzuhelfen vermag, dann gilt, was em dånischer Musiker ein- 
ma! so richtig ausdruckte : Brahms sagt seine besten Dinge en passant. 
Ja, so ist es. Bisweilen wålzt Brahms glekfcsam die schwere Ver- 
antwoTtung, alk Genieverpflkiitungen von seinen SchuHern, schiebt die 
»Arbeit« bei Seite und zeigt sein eigenes Antiitz mit dem liebenswurdigen, 
ein wcnig wehmiithigen Låcheln. Solche anmuthige, herzgewinnende 
9teHen verrathen eine liebenswurdige KunståerpersOnflichkeit mit einem 
mnerlichen Drange, ADer Freund zu sein, eine stifte Lust nach dem 
bunten Leben, aber auch eine schwermuthvolle Ohnmacht, es zu ge- 



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EIN BESUCH BEI JOHANNES BRAHMS. 485 

niessen. Bezeichnend ist in dieser Beziehung seine håufige Beniitzung 
des Tanzrhythmus, ohne dass er jemals zu dem freien, munteren Tanz 
selbst gelangt. # 

Als ich meinen Wiener Bekannten in Musikkreisen erzåhlte, dass 
ich zum Theil nach Wien gekommen wåre, um Johannes Brahms zu 
sehen und, wenn mOglich, persOnlich kennen zu lernen, mach ten sie 
recht bedenkliche Gesichter. Brahms war, nach der Aussage Aller, ein 
sehr unzugånglicher Mann. Diejenigen, welche ihn persOnlich kannten 
und Sympathie fur ihn empfanden (von seinen eigentlichen »Anhångern« 
traf ich keinen) erklårten, dass er sehr munter und heiter sein k n n t e. 
Diejenigen, die ihm fern standen, persOnlich und kunstlerisch , die 
Bruckner-Anbeter, die bereits zahlreich waren in Wien, erklårten rund 
heraus, dass ich keine Freude von meinem Besuche haben wurde, und 
dass Brahms bisweilen gegen Fremde »geradezu unverschåmt« wåre, 
besonders wenn sie von Musik språchen, sowohl von seiner eigenen, 
als der seiner Rivalen. 

Es gab damals zwei ausgesprochene und scharf entgegengesetzte 
Parteien in der Wiener Musikwelt; die Brahmsianer und die 
Brucknerianer. Die Ersten hatten lange Zeit Bruckner und seine Musik 
nicht geschont; nun, da sie siegreich an Terrain gewann, da sie sich 
als eine im Aufgang begriffene Kunst zeigte, ist es wohl mOglich, 
dass Bruckners Leute, junge, begeisterte Musiker und Studenten, eine 
sehr grosse Gleichgiltigkeit fur Brahms* Musik und einen Unwillen 
gegen seine Person affectirten. Fiir einen Fremden war es nicht ganz 
leicht, sich zurechtzufinden. Aber sicher ist, dass ich mir trotz einer 
guten »Einfuhrungskarte« von Joseph Joachim — deren formeller, gar 
nicht collegialischer Styl mich in Erstaunen versetzt hatte — von 
einem Besuche bei Brahms nicht viel Gutes versprach, und ich schob 
ihn denn auch von einem Tage zum anderen auf, bis ich nur noch 
ein paar Tage fiir Wien ubrig hatte. 



Brahms wohnte in der Carlsgasse in der Vorstadt Wieden. Die 
Carlsgasse ist eine bescheidene, schmale Strasse, die von den kleinen 
Anlagen langs der Ufer der »Wien« hinter dem grossen Barock- 
gebåude der Carlskirche emporsteigt, die mit ihrer imponirenden Stein- 
masse und ihren Såulenreihen die gan/e Umgebung beherrscht. Es 
war ein al tes, ehrwiirdiges Haus, in dem der Meister wohnte. Nach 
der Strasse Offnete sich ein gewOlbter, ziegelgepflasterter Thorweg, und 
von diesem schlångelte sich durch das Gebåude hinauf eine dieser 
Kalkstein wendeltreppen, die man in Wiener Privathåusern so oft findet 
und die eine gewisse klosterartige Stimmung hervorrufen. 

Im dritten Stock (»Stiege«) wohnte Dr. Brahms — so hatte 
mir es die Frau des »Hausmeisters« angegeben — aber hier, ebenso 
wenig wie dort, wo ich sonst in Wien Besuche machte, gaben 
Schilder die Namen der Bewohner an. 



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486 BEHREND. 

Mit dem herzbeklemmenden Gefuhle, wie dieserBesuch wohl ablaufen 
wurde, stand ich vor der Thure und klingelte. Seine Haushålterin Offnete. 
Ich gab ihr meine Karte, ein wenig gespannt, ob ich empfangen werden 
wurde. Sie wollte die Karte nicht nehmen, sondern sagte mit einem 
Låcheln, der Doctor liesse niemals Jemand bei sich anmelden. Wenn 
er nicht arbeitete, empfinge er Jeden, der ihn besuchen wollte. Arbeitete 
er aber, so empfinge er Niemand. Und sie fugte hinzu : »Genen Sie 
nur durch dieses Zimmer, dann treffen Sie ihn im nåchsten.« 

Damit Gffnete sie eine Thure , und ich stand allein in — 
Brahms* Schlafzimmer. Diese formlose Einfiihrung bei einem Deutschen 
und zudem einer Beriihmtheit uberraschte mich ; ich hatte eigentlich 
recht gerne gesehen, dass meine Karte und meine »Empfehlung« 
meiner Person vorausgegangen wåre. 

Indessen, ich musste ja weiter, und nachdem ich meinen Blick 
in dem geråumigen Zimmer hatte umherwandern lassen , in dem 
Brahms* »Staatskleider« sorgfåltig auf das Bett gelegt waren, klopfte 
ich an die Glasthure, die mit gninseidenen Gardinen zugezogen war 
und in das Allerheiligste des Meisters hineinfuhrte. 

»Herein!« ertOnte es, und ich trat hinein. 

Von dem Schreibtischstuhle am Fenster in der fernsten Ecke 
des grossen, aber niedrigen Zimmers erhob sich ein kleiner. corpu- 
lenter Mann. Hoflich, aber ein wenig reservirt kam er mir entgegen 
und reichte mir die Hånd. 

Wåhrend er Joachims Karte las, hatte ich Zeit, ihn nåher zu 
betrachten, und ich sah nun, dass er einen sehr einfachen und sehr 
bequemen Hausanzug trug. Lichtbraunes Jaquet, keinen Kragen, eine 
offenstehende Weste, die ein Jager' sches Wollhemd oben von dem 
biossen Halse, bis dort, wo es sich uber den dicken Bauch ausbreitete, 
sehen Hess. Dieses Wollhemd, das ganz ungenirt gezeigt wurde und 
nicht einmal ordentlich zugeknOpft war, hatte etwas eigenthumlich 
Gemuthliches, Studentisches, etwas Vertrauliches, »unter uns«, das ich 
eigentlich gar nicht erwartet hatte und das mir meine Sicherheit gegen- 
uber dem beriihmten Kunstler wiedergab. Es sollte sich glucklicherweise 
zeigen, dass ich dieses Kleidungsstuck richtig gedeutet hatte. 

Brahms* Kopf war hubsch und gross. Vielleicht erschien auch 
die Figur kleiner als sie war, aber sie fesselte durch ihre månnliche 
Kraft und die reinen, wenn auch nicht feinen Linien. Das Gesicht 
war von frisener, rOthlicher Farbe und långlich, oder vielleicht Hess 
der lange, spitz geschnittene grauweisse Bart es so erscheinen. Das 
Haar wuchs frei und starrte bei den Ohren in langen, låcherlichen 
Buscheln hinaus. Ein wenig dunn war dies graue Haar, jedenfalls 
jetzt, da es sich im Negligé pråsentirte — Ueberbleibsel eines echten 
»Kunstlerhaares«. Hinter der Brille, die Brahms freilich auch nur 
in seinen spåteren Jahren und bei sich zu Hause trug, leuchteten die 
kleinen, blaugrauen, lebhaften und klugen, aber nicht geråde »tiefen« Augen. 

Das Zimmer, das Brahms* Arbeits- und Wohnzimmer zu sein 
schien, war sehr bescheiden eingerichtet. Ein grosser Fliigel, der mit 



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EIN BESUCH BEI JOHANNES BRAHMS. 487 

einer grunen Decke bedeckt war, ein Tisch mit Sopha und Stiihlen, 
und ringsum mehrere kleine Tische mit Massen von Noten und Buchem, 
die in regelmåssige Stapel geordnet waren. Von Notenpapier oder 
Manuscripten sah ich nichts, weder auf dem Schreibtisch noch auf 
dem Clavier. Gemuthlich war der Raum nicht. 

Als Brahms die Karte gelesen hatte, nickte er mir freundlich 
zu, lud mich zum Sitzen auf dem Sopha ein, reichte mir ein Kåstchen 
Cigaretten, zundete sich selbst eine an und setzte sich mir gegeniiber 
an den Tisch — oder vielmehr ein wenig davon, aus Riicksicht auf 
seinen Umfang. Die Arme legte er geråde vor sich auf den Tisch mit 
gefalteten Hånden und im Gegensatz zu der Gewohnheit der Wiener 
gestikulirte er sehr wenig, wåhrend er sprach. Seine Hånde waren 
klein und fein, mit schOnen, sorgfåltig gepflegten Någeln. 

Als wir so einander gegeniiber sassen, plauderten wir ganz 
gemuthlich miteinander. Bald hatte jedes Gefuhl, einem grossen Manne 
gegeniiber zu sitzen, sich bei mir verloren. Brahms' naturliche Liebens- 
wurdigkeit, sein lebhaftes Interesse und sein gemuthlicher Con- 
versationston bewirkten, dass ich mir ganz bekannt und vertraut mit 
ihm vorkam und keine Scheu hegte, mich offen auszusprechen. Aber 
ich hatte auch keinen Augenblick das Gefuhl, Angesicht zu Angesicht 
mit einem genialen oder auch nur ausgesprochen eigenartigen Menschen 
zu sein. Freilich, wie sollte Brahms die tiefsten und reichsten Seiten 
seiner Natur in einem Gespråch von einer knappen Stunde offenbaren 
mit einem Fremden, ihm gleichgiltigen jungen Mann aus dem fernen 
Norden? Aber trotzdem, ich weiss, dass ich darauf lauerte, ob 
nicht das Genie in einem kurzen Augenblick hindurchbrechen wiirde 
— geråde weil das Gespråch so ruhig und natiirlich verlief, wiirde 
es da nicht begreiflich gewesen sein, wenn man einen Gedanken, ein 
Wort, ja nur einen Blick aufgefangen hatte, der verrieth : dieser Mann 
denkt und fuhlt grøsser, eigenartiger, als die meisten andern? — In 
der Beziehung wurde ich enttåuscht, aber das zerstOrte keineswegs 
den guten, einnehmenden Eindruck, den ich von Brahms* PersOnlichkeit 
empfing. 

Ungefåhr die ersten Worte, die Brahms zu mir sagte, nachdem 
ich ihm erzåhlt hatte, dass ich an einer Musikgeschichte arbeite, waren: 
»Uebrigens dreht sich jetzt hier Alles ja nur um Bruckner!« 

Es wurde in spøttischem Ton gesagt, aber nicht ohne einen 
gewissen Stachel darin, und dass dies das Erste war, was Brahms 
zu einem Fremden sagte, schien mir wohl beachtenswerth. Er erhob 
sich zugleich und nahm vom Schreibtisch das Musikblatt, in dem er 
gelesen hatte, als ich kam : »Mir ist da geråde ein ganzes Blatt nur 
voll Bruckner zugeschickt worden!« und er reichte mir die Oster- 
reichische Musikzeitung mit den Worten: »Haben Sie Lust, das mit- 
zunehmen, dann bitte sehr.« 

Ich konnte es nicht unterlassen, zu sagen : »Ja, danke sehr, aber 
kOnnen Sie es nicht selbst gebrauchen?« 

»Nein, ich håbe hineingeguckt und gesehen, was mich interessirt. « 



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488 



BEHREND. 



Ich steckte das Blatt ein, das mich viel uber Bruckners Musik 
belehrte und mir eine liebe Erinnerung an den Besuch bei Brahms ist. 

Das Gespråch zog sich nun eine Dreiviertelstunde ohne Unter- 
brechung hin; ein paarmal wollte ich auf brechen, da es mir peinlich 
war, die Zeit des sonst so unzugånglichen Meisters in Anspruch zu 
nehmen. Aber er setzte jedesmal selbst das Gespråch fort. Ich hatte 
augenscheinlich das Gliick gehabt, in einem Moment zu kommen, 
da er das Bediirfniss empfand zu »plaudern«. Aber ich muss auch 
hinzufugen, dass ich, gewarnt, wie ich im Voraus war, den delicatesten 
Punkten aus dem Wege ging: die Musik uberhaupt und besonders 
seine eigene, Bruckners und Wagners. 

Ich erzåhlte, dass ich die Beethoven-Håuser in Wien besucht 
hatte, und dass das grosse, ein wenig diistere »Schwarzspanierhaus« 
(Beethovens Sterbeståtte) einen feierlichen und wehmuthigen Eindruck 
auf mich gemacht hatte. 

»Ach,« sagte Brahms, »ein Fremder kann sich Wien gar nicht 
so vorstellen, wie es zu Beethovens Zeit war. Damals lag das Schwarz- 
spanierhaus frei und offen, umgeben von Glacisfeldern, halb wie auf 
dem Lande. Damals hat es keinen finstern Eindruck gemacht, wie 
jetzt in den Gassen.« 

Von meinem Ausflug nach Heiligenstadt sprach ich und von dem 
fast låcherlich unbedeutenden Beethoven-Museum dort. 

»Ja,« sagte Brahms und zeigte nach dem kleinen Zimmer 
nebenan hin, dessen Thure offen stand und wo alle Wånde mit 
Bucherregalen bedeckt waren. »Ich håbe dort drinnen mehr und bessere 
Dinge, als sich draussen in dem Museum finden.« Und er, der eine 
werthvolle Sammlung von Reliquien aus den Tagen der Classiker 
besass, erzåhlte mit sichtbarem Stolze von einem seiner besten Schåtze : 
ein Notenblatt, das auf der einen Seite von Beethovens Hånd und — 
durch einen Zufall — auf der andern von der Schuberts beschrieben 
wåre : »er musste ja uberall Noten hinschreiben, wo es sich machen Hess !« 

Und in seine Classiker-Erinnerungen vertieft, fuhr er mit ironischem 
Låcheln fort: »Haben Sie gesehen, wie nett man es draussen in 
Heiligenstadt mit der Eroika-Gasse und — Banken langs des Baches ein- 
gerichtet hat, wo Beethoven die »Scene am Bach« componirte — nun 
kann jeder — bitte sehr — sich recht gemåchlich auf die Bank 
setzen und die »Pastoralsymphonie« componiren! Das pråchtige Geburts- 
haus Schuberts haben Sie besucht? Haben Sie die Tafel aber der 
Thure gesehen: »Schuberts Geburtshaus« steht da ganz einfach. Nun 
mussen Sie wissen, dass es noch heutigen Tages geschieht, dass 
Bauernmådchen und Frauen, wenn sie vom Lande hineinkommen — 
es liegt ja fast auf der Grenze von Stadt und Land — an der Thure 
anklingeln und nach Herrn Dr. Schubert fragen. Sie meinen, es ist 
ein Gebårhaus« — und Brahms lachte herzlich. 

Ich erzåhlte ihm von der Auffuhrung seiner Symphonien bei 
uns daheim, von ihrer Aufnahme und von Gades Vorliebe fur Nr. 3 
in F-dur. Das amusirte ihn zu hOren. 



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EIN BESUCH £EI JOHANNES BRAHMS. 489 

»Aber die Jungen bei Ihnen daheim, was machen die? Schaffen 
sie auch etwas, das 'was taugt?« 

Ich nannte einige Namen dieser nicht eigentlich mehr »jungen« 
Musiker. Er kannte keinen von ihnen. 

»Ja, es ist wahr, ich kenne eine dånische Symphonie, die gut 
ist — von einem .... einem Hansen .... in G-moll.« 

»Ach, Herr Doctor meinen gewiss Nielsen, Karl Nielsen.« 

»Ja, das kann schon sein — Nielsen ? Na ja, vielleicht ! Die war 
gut. Aber das Titelblatt war verdammt komisch. Das vergesse ich 
nicht so leicht!« 

Das »komische« Titelblatt brachte das Gespråch auf Decoration 
und bildende Kunst im Allgemeinen. 

»Nun muss ja Alles franzOsisch sein. FranzOsisch ist Mode in 
aller Kunst. Nach 1870 sind wir Deutche so galant geworden, den 
Franzosen nachzuahmen, ja, sie uns selbst vorzuziehen. Sie kOnnen es 
an unseren Bildern sehen und an unserer Musik høren. Gehen Sie 
ins Theater: eine franzøsische Operette hat mehr Erfolg, als eine 
deutsche Oper. Nun fehlt nur noch, dass die Franzosen Symphonien 
schreiben lernen, dann wird man unsere eigenen nicht mehr spielen. 
Wenn Alexander Dumas stirbt, sind alle Zeitungen voll langer Artikel 
uber ihn; wenn Einer von uns stirbt — Paul Heyse z. B. — Sie 
werden sehen : dann steht da so ein kleines Stuck.« 

Trotz des lustigen Tones und des launigen Låchelns schimmerte 
die Bitterkeit deutlich hervor. 

Ich hatte mit Verwunderung erfahren, dass Niels Gade in Nord- 
deutschland so bekannt ist, dass man ihn fast zu den eigenen Com- 
ponisten zåhlt, in Wien war er so wenig bekannt, dass selbst Musik- 
leute kaum den Namen wussten. Ich sprach davon zu Brahms. 

»Ja, so ist es mehreren bedeutenden Componisten ergangen. 
Hier herrscht viel Localpatriotismus. Als ich Dirigent war, håbe ich 
versucht, verschiedene Fremde einzufiihren, aber es gluckte niemals. 
Das Publicum will sich nicht dafiir interessiren, und dann haben wir 
ja auch keineswegs so viele gute Concerte, wie in Norddeutschland. 
Aber bedenken Sie auch, wie viel Musiker wir selbst in Wien haben. 
Da ist Bruckner, Goldmarck, Brull und . . . 

»Und Fuchs,« sagte ich, da ich an ein hubsches Streichquartett 
von ihm dachte, das ich am Abend vorher gehørt hatte und uber das 
sich Brahms sehr gunstig ausgesprochen. 

»Ja und Fuchs — ja und dann Brahms,« fuhr er mit un- 
beschreiblich schelmischem Låcheln uber meine Ungeschicklichkeit fort. 
»Ja, wir sind noch mehr. Nun sagt man wohl, wir schreiben zu viel, 
aber es ist doch nur zu naturlich, dass wir in erster Reihe fur uns 
selbst sorgen. Die Leute wollen hier nicht einmal auf anderen Clavieren 
spielen, als denen, die hier fabricirt sind. Und warum soliten sie es 
auch, unsere sind geråde so gut, wie die anderen. Ja, hier in Wien 
halten wir auf unser Eigenes!« 



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490 



BEHREND. 



»Schade, dass Sie nicht gestern herkamen!« rief Brahms eine 
Weile spåter, dann hatten sie einen echten Musiker kennen gelernt, 
einen pråchtigen Menschen, Anton Dvofåk. Er war gestern geråde 
bei mir und bleibt ein paar Tage hier in Wien.« 

Ich fragte, ob Dvofåk nicht eine Stellung in Amerika hatte. 

»Nein, nein, die hat er aufgegeben. Uebrigens erst ganz kurz- 
lich. Er hatte eine glånzende Stellung druben. Aber er war nicht zu- 
frieden. Es gibt dort kein wahres Kunstinteresse. Dvofåk furchtete, 
sein Talent kOnnte in der Luft leiden und zugrunde gehen. Und er, 
der Frau und sechs Kinder hat, beginnt nun in Prag von vorn. — 
Ja, das hat er gethan, das ist hubsch, das ist kiinstlerisch,« 
fugte Brahms mit warmem, bewunderndem Klang in der Stimme hinzu. 

»Aber, kann ein Mann, wie Dvofåk, vom Componiren leben?« 

»Vielleicht schlecht genug; aber er ist doch Einer von denen, 
welche die Musikhandler am liebsten haben wollen und die sie am 
besten bezahlen. Die meisten jungen bekommen ja nichts fur ihre 
Musik, sie mussen in der Regel noch den Druck bezahlen. Na ja, 
wenn sie so wenig taugt, wie es oft der Fall ist, oder wenn das 
Publicum sich so wenig dårum kummert, ist es ja begreiflich genug.« 

Långere Zeit und in sehr starken Worten beklagte sich Brahms 
tiber die Menge mittelmåssiger Musik, die geschrieben wurde und ihm 
haufenweise zugesandt. Er wies ringsum auf die Tische hin: 

»Ich konnte Ihnen Proben genug davon geben. Von allen Enden 
der Welt kommen sie, von Deutschland, England, Italien, Amerika, 
und fragen mich, ob sie Talent haben ! Ich weiss es nicht, was ich 
dabei machen soli. Und wenn doch nur einmal Einer kame, der ein 
hubsch es Lied oder eine Sonate schreiben konnte, wie wurde ich 
mich freuen, und wie leicht wurde ich ihm einen Verleger ver- 
schaffen?« 

Und Brahms sprach mehrmals, wie zu sich selbst, in weh- 
muthigem Tone die Worte: »Wie wurde ich mich freuen!« 

Ich schob die Bemerkung ein, dass vielleicht das eine oder andere 
neuere dånische Werk ihm diese Freude bereiten kønnte, aber Brahms 
furchtete offenbar, noch mehr Musik zur Durchsicht zu erhalten und 
beeilte sich, zu ant worten : 

»Thun Sie das nicht — ich hatte wohl kaum Zeit, es durch- 
zusehen, und ausserdem — wie kann ich etwas von dem Talente des 
Betreffenden sagen, wenn ich nur die Noten sehe. Ich musste ja auch 
wissen, was es sonst fur ein Mensch ist, wie alt er ist, welche Studien 
er gemacht hat, und ob es sonst ein netter Mensch ist.« 

»Es gibt doch einige unter den jungeren Componisten, die von 
ihren Werken leben kOnnen. So viel ich weiss, gilt das zum Beispiel 
von Sinding.« 

»Ja, da sehen Sie selbst. Wenn nur Einer kommt, der etwas 
Eigenes fur sich hat. Ich will Sinding nicht herabsetzen, aber daruber 
konnen wir doch wohl einig sein, dass es keine Musik ist, die das 



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EIN BESUCH BEI JOHANNES BRAHMS. 491 

Publikum einnimmt. — Eigentlich schOn — was?« Und Brahms 
sah mich mit schelmischem Blick an — »es ist . . . ist . . .» 

»Harte Musik,« sagte ich zOgernd. 

»Ja, richtig: harte Musik — und doch interessirt er, weil er 
etwas Eigenes hat. Wenn Einer kame, der noch dazu Schonheit 
hatte — wie wurde ich mich freuen ! « 

In dieser Verbindung wurde auch Grieg als ein Musiker genannt, 
der allein von seinen Werken lebte. — »Und bedenken Sie, er schreibt 
nichts mehr, und erinnern Sie sich, wie wenig und wie eigenartig er 
componirt hat, aber nur, weil er etwas fur sich hat. . . .« 

Dann erwåhnte Brahms noch als eine bedeutende auslåndische 
Kraft Tschalkowsky, der nun auch in Wien gespielt wurde — und 
kam dann auf seine Klage zuriick (iber die vielen jåmmerlichen Musiker 
der Gegenwart. 

»Schade, dass unser alter Hartmann in Deutschland so wenig 
bekannt ist.« 

»Ja, ich kenne ihn und seine Musik. Das ist ein ausgezeichneter 
alter Kerl. Aber warum hat er all diese Ballets geschrieben, die kOnnen 
hier ja nicht eingefiihrt werden.« 

Ich nannte »Wala's Weissagung«. 

»Na ja, das ist dasselbe. Was sollen wir mit diesem altnordischen 
Text anfangen, den kein Mensch versteht und der noch unbegreiflicher 
wird, wenn man ihn hVs Deutsche iibersetzt.« 

Brahms plauderte noch weiter (iber Hartmann, plotzlich aber 
fuhr er auf, sah nach seiner Uhr, die in einem Etui auf dem Clavier 
stand, sagte einige freundliche Worte, dass die Zeit so schnell ver- 
flossen wåre, und dass er sich umkleiden musste, da er mit einigen 
Freunden in der Stadt essen sollte. Und unter vielen Entschuldigungen, 
die mich ganz verlegen machten, reichte er mir zum Abschied ein 
paar Notenzeilen, um die ich ihn gebeten hatte, fragte, wie lange ich 
in Wien bliebe und sprach die Hoffnung aus, mich irgendwo zu treffen. 

Leider bekam ich Brahms nicht mehr zu sehen. 

Im Entrée standen wartend zwei elegant gekleidete, grosse, hagere 
Månner mit feierlichen Mienen. Sie gehørten zweifellos zu dem Typus : 
Englånder, die reisen, um lebende und todte Sehenswurdigkeiten zu 
sehen. Der Eine stand vor dem Spiegel und kåmmte und burstete 
sorgfåltig Haar und Bart. Mir kamen diese steifen, ernsten Herren, 
die sich zu einer Audienz vorbereiteten, in diesem Augenblicke so komisch 
vor, theils weil ich wusste, dass sie Brahms wohl in noch tieferem 
Negligé antreffen wurden als ich, im Begriffe, seine Staatskleider 
anzuziehen und kaum zu långerer Unterhaltung aufgelegt, theils weil 
ich durchaus nicht mehr das Gefuhl hatte, Angesicht zu Angesicht mit 
einem »grossen Manne« gestanden, sondern den angenehmen und herr- 
lichen Eindruck, eine Stunde in lebhaftem Gespråche mit einem liebens- 
wurdigen und klugen Menschen verbracht zu haben, der sich fiir das- 
selbe interessirte wie ich. 



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DIE HERRIN DER GÅRTEN. 

Es war im Mårz . . . Ich weiss es noch wie heut .... 
Vom hellen Himmel stromte warmes Licht 

Um meine sanften Hiigel von Florenz 

Es war sehr schon .... Ich weiss es noch wie heut . . . 

Wandernd gerieth ich vor ein ofFnes Thor 

In einen tiefen Garten, angefullt 

Mit vielem Zwitschern unsichtbarer Chore, 

Laut wie der Friihling .... wie der Friihling siiss .... 

Im Schatten der Cypressen aber sprang 
Aus einem Fels ein Lowenhaupt hervor, 
Und aus den Winkeln seines Maules quoll 
Ein Murmeln, das bethorend dunkel war .... 

Da trat die Herrin aus den Stammen vor, 
Die Stirn gesenkt. Sie hatte gold'nes Haar, 

Das kronengleich um's Haupt geflochten war 

Langsam hob sie den Blick zu mir empor .... 

Graz. HERMANN UBELL. 



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TULPEN. 
Von PETER ALTENBERG. 

Cåcilia sagte zu ihm: »Sie, Sie sind wirklich ein zuwiderer 
Kerl. Erstens nie elegant. Schauen Sie den Beamten an. Zweitens 

dieser Schnurrbart, so slowakisch. Und dann iiberhaupt 

was glauben Sie eigentlich?! Ich kann fliegen auf wen ich wilL 
Und just!« 

Als sie sah, dass sie ihn gekrånkt hatte, bekam jedoch ihr 
Antlitz einen Zug von unerhorter Milde. 

»Wie Katzen sind wir wirklich,« fiihlte sie, »schade, allein 
wir sind es!« 

Er sass da, am Marterpfahl der Seele, wimschte hinweg- 
geschwemmt zu werden in einem Bach von Thrånen. Nicht mehr 
sein, nicht mehr sein! Jedoch man ist, man bleibt! 

Er schlief natiklich die ganze Nacht nicht. 

Morgens ging er in den grossen Park, welcher eben Mai- 
Toiktte angelegt hatte. 

Ein riesiges Blumenbeet leuchtete wie Gluth und Brand, 
wie Schnee und iibertriebene Schminke. 

Tulpen ! Auf ganz kurzen festen Stengeln, kerzengerade, 
standen sie da, ziemHch gedrångt, Bhimen-Regimenter, unerhort 
rothe, unerhort weisse im Morgensonnenlichte und ganz oben, 
als Gipfel des Fartrøiberges, geflammte, wie Blumen gewordene 
Fackeln. Sie dufteten glekhsam von Farbe, Farben- Vanille, Farben- 
Jasmin, erzeugten Migråne durch die Augen. Faibe gewordene 
Dufte! 

Er setete sich dem Tulpenbeete gegeniiber, wckhes uner- 
horte Pracht ausstromte, Extrakt von Prachten und welches man r 
obzwar es einem nicht gehorte, ganz und leidenschafflich gemessen 
derfte. 

Um das Tulpenbeet Taerum standen Greise in sdiwarzen 
langen Rocken, junge Damen in weissen Kleidern, Kimler und 
M2rtar, cme Theater-Elevin und Studenten mit kfeinen Heften. 



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ALTENBERG. 



Alle begatteten sich gleichsam mit den Tulpen, genossen sie 
ohne Rest, sogen sie ein in sich, berauschten sich, vergassen an 
die Pflichten und versanken . 

Eine Bonne sagte: »Des tulipes, mes enfants .« 

Damit war alles gesagt. 

Die Theater-Elevin jedoch machte ein verklårtes Gesicht. 
Denn es gehorte zu ihrem Berufe. 

Er aber sass da, ausgepumpt, genussunfåhig, direktement 
greisenhaft, hatte Kopfschmerzen, fiihlte: »Die Hånd ausstrecken 

— eins! Deinen Hals fassen zwei! Zupressen 

drei!« Dann dachte er: »Verlegt Ihr uns vielleicht nicht 

die Athemwege?! Nun also! Tulpen darf man lieben. Krepire! 
Tulpen darf man lieben. Darf?! Tulpen muss man lieben! Sie 
sind! Roth, weiss, flambant — — und fertig. Nicht nur von 
meines Herzens Gnaden sind sie! Sondern roth, weiss, flambant 
fiir alle Menschen. Jedoch Cåcilia ist von meines Herzens Gnade! 
Nein, keine dichterischen Worte, bitte, sie sind zu diinn, ver- 
mogen nicht zu heilen. Aber Worte gibt es wie Steinwiirfe und 
geschleuderte Bierglåser, die entlasten, bios wenn man sie denkt 
und so gewaltsam ausspricht: »Dich massakriren, massakriren, 
masss — sssa — krrri — rrren!!« Wie komme ich zu dieser Unruhe, 
die mich treibt?! Wie ein Morphinist, dem man sein Spritzchen 
entzogen hatte! Aller Dinge wåre er fåhig. Gleichsam »ausser« 
sich! Weib, Ihr seid »innere Morderic Darf das Gesetz des Staates 
psychologisch sein?! Ich aber darf es sein! Ich richte! Ich! Mein 
figener Staat!! Carmen Cåcilia!« 

Er sass da, sah das Tulpenbeet im Morgensonnenlichte, 
unerhort weiss, unerhort roth, unerhort flambant. Und an die 
gliicklichen dicken Hollånder dachte er von annodazumal, welche 
ihre gesammte Liebe und Freundschaft, Zårtlichkeit und Sorge 
den Tulpenzwiebeln geben konnten! 

Heilige Ventile iiberschiissiger Seelen-Dampfkraft : Tulpen- 
zwiebeln, Mopse, Kanarienvogel, Politik, Literatur, Briefmarken, 
Miinzen, Bicycle, Ansichtskarten, Bienenzucht und Poker! 

Nur nicht das Einzige, das Wirkliche das Weib! 

Das Wirkliche vernichtet!! Hier gibt es keinen Selbstbetrug ! 
Es ist, es wirkt! Die anderen Empfindungen jedoch sind unseres 
Wahnsinns Knechte. Nur Weibesliebe ist unseres Wahnsinns 
Herrin! Hier erstirbt unser Låcheln iiber uns selbst und unsere 



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TULPEN. 



495 



Heiligthiimer und wir steh'n geblendet vor der ernsten Wahrheit 
unserer Sehnsuchten ! Hier gibt es keinen Selbstbetrug ! Es ist ! Es 
wirkt! 

Diese verschiedenen Gedankelchen brachten ihm Erleichterung, 
zertheilten diese compacte feindliche Masse »Cåcilia«, bohrten 
philosophische Sprenglocher aus, krach! 

Dann ging er in ein Blumengeschåft, sandte an die Dame 
einen Strauss von Tulpen, welche Schonheit gaben ohne Compli- 
cations. 

Abends sagte sie zu ihm: »Tulpen?! Schon wieder ein 
Blodsinn, eine Ungeschicklichkeit. Was ist an Tulpen?!« 

»An Tulpen ist,« sagte er, »dass man ihnen den Hals 
umdrehen kann, ohne in's Kriminal zu kommen!« 



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LJOLJETSCHKA. 

Erzåhlung von FJODOR SSOLOGUB. 

Autorisirte Uebersetzung von Klara Brauner. 

I. 

In Ljoljetschkas Kinderstube war alles licht, hubsch und frøhlich. 
Ljoljetschkas helle Stimme erfreute die Mama. Ljoljetschka ist ein 
reizendes Kind. Niemand hat ein solches Kind, hat es je gehabt und 
wird es je haben. Serafima Alexandrowna, Ljoljetschkas Mama, ist 
davon iiberzeugt. Ljoljetschkas Augen sind schwarz und gross, die 
Wangen roth, die Lippen scheinen zum Kussen und Lachen geschaffen. 
Aber nicht das ist Serafima Alexandrowna an Ljoljetschka das Liebste. 

Ljoljetschka ist allein bei der Mama. Darum entzuckt jede Be- 
wegung Ljoljetschkas die Mama. Welch' eine Wonne, Ljoljetschka 
auf den Knien zu halten, sie zu liebkosen, in den Armen das kleine 
Mådchen zu fuhlen, das lebendig und lustig wie ein Vogelchen ist! 

Die Wahrheit zu sagen, ist Serafima Alexandrowna nur in der 
Kinderstube frOhlich. Mit dem Mann ist ihr kalt. Vielleicht dårum, 
weil er selbst das Kalte so liebt, kaites Wasser, kalte Luft. Er ist 
immer frisch und kalt, mit einem kaiten Låcheln, und wo er voriiber- 
geht, scheinen kalte Wasserstrahlen durch die Luft zu dringen. 

Sergei Modjestowitsch und Serafima Alexandrowna Nesletjeff haben 
einander weder aus Liebe, noch aus Berechnung geheiratet, sondern 
weil es schon einmal so Sitte ist. Ein junger Mann von funfund- 
dreissig Jahren und ein junges Mådchen von sechsundzwanzig. Beide 
demselben Gesellschaftskreis angehorend und wohlerzogen, sind ein- 
ander in den Weg gekommen ; er sollte heiraten und auch fur sie war 
es Zeit, an den Mann zu kommen. Serafima Alexandrowna schien es 
sogar, sie sei in ihren Bråutigam verliebt und das amusirte sie sehr; 
er war elegant und geschickt, bewahrte immer einen vielsagenden Aus- 
druck in den gescheidten, grauen Augen und erfullte seine Bråutigams- 
pflichten mit tadelloser Zårtlichkeit. Sergei Modjestowitsch fuhlte sich 
nicht verliebt, es war ihm nicht so froh zu Muth, sondern nur an- 
genehm, wie ubrigens immer in seinem eintOnigen und gemåssigten 
Leben. Die Braut war ein hubsches — ubrigens nicht allzusehr — 
grosses, schwarzåugiges und schwarzhaariges Mådchen, das sich etwas 
schuchtern, aber sehr tactvoll benahm. Er hatte es nicht auf die 
Mitgift abgesehen — aber es machte ihm Vergnugen zu wissen, dass 
sie etwas besass. Er hatte Verbindungen — und auch sie hatte einfluss- 
reiche Verwandte. Einmal, bei Gelegenheit, konnte das von Nutzen 



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LJOLJETSCHKA. 497 

sein. Der stets correcte und tactvolle Nesletjeff avancirte auf seinem 
Posten nicht so schnell, um beneidet zu werden, aber auch nicht so 
langsam, um Andere zu beneiden. 

Nachdem sie geheiratet hatten, gab Sergei Modjestowitsch in 
seinem åusseren, zur Schau getragenen Benehmen seiner Frau nie 
Anlass, ihn zu beschuldigen. Spåter, als Serafima Alexandrowna in 
anderen Umstånden war, kniipfte Sergei Modjestowitsch im Stillen leichte, 
voriibergehende Verhåltnisse an. Serafima Alexandrowna erfuhr das und 
fuhlte sich zu ihrer Verwunderung nicht besonders gekrånkt; sie er- 
wartete das Kind mit einem unruhigen, sie ganz in Anspruch nehmenden 
Gefuhl. 

Ein Mådchen kam zur Welt ; Serafima Alexandrowna ging in den 
Sorgen um die Kleine ganz auf. Anfangs theilte sie ihrem Mann mit 
Entzucken die sie freuenden Einzelheiten aus Ljoljas Leben mit. Aber 
bald bemerkte sie, dass Sergei Modjestowitsch ihr ohne jede lebhafte 
Theilnahme, sondern einzig aus weltmånnischer, liebenswurdiger Gewohn- 
heit zuhOrte. Serafima Alexandrowna begann ihm immer ferner zu 
rucken. Sie liebte das Mådchen mit unbefriedigter Leidenschaftlichkeit, 
mit der andere Frauen, die sich in der Wahl ihres Schicksales geirrt 
haben, ihre Månner mit den erst besten jungen Leuten betrugen. . . 

In Ljoljetschkas Kinderstube war es licht und frøhlich. . . 

»Mamachen, wollen wir Verstecken spielen?« rief Ljoljetschka. 

Ihre anmuthige Unbeholfenheit beim Sprechen machte Serafima 
Alexandrowna zårtlich und geriihrt låcheln. 

Ljoljetschka lief herum, stampfte auf dem Teppich mit ihren 
kleinen, dicken Beinchen und versteckte sich hinter den Vorhången 
ihres Bettchens. 

»Kuku , Mamachen!« schrie sie mit lachender Stimme und 
schaute mit einem schwarzen, schelmischen Auge hervor. 

»Wo ist mein Kind?« fragte die Mama, indem sie sich den 
Anschein gab, Ljoljetschka zu suchen und sie nicht zu sehen. 

Und Ljoljetschka lachte laut und heil in ihrem Zufluchtsort. . . 
Dann streckte sie sich noch mehr vor, und die Mama fasste sie bei 
den kleinen Schultern, als hatte sie sie soeben erst erblickt und rief 
freudig aus: »Ah, hier ist sie, meine Ljoljetschka!« Lange und heil 
lachte Ljoljetschka, schmiegte ihren Kopf an Mamas Knie und zappelte 
in Mamas weissen Armen, freudig glånzten Mamas schwarze Augen. 

»Jetzt versteck' Du Dich, Mamachen,« sagte Ljoljetschka, die vom 
Lachen mude war. Die Mama ging sich verstecken ; Ljoljetschka wandte 
sich ab, als schaute sie nicht hin, und gab heimlich acht, wohin Mamachen 
gehen wird. Die Mama versteckte sich hinter einen Schrank und rief 
ihr zu: 

»Kuku, mein Kind! . . .« Ljoljetschka lief um das Zimmer herum, 
schaute in alle Winkelchen und stellte sich wie vorhin die Mama, als 
suchte sie, obgleich sie selbst gut wusste, wo Mamachen stand. 

»Wo ist mein Mamachen ? Hier nicht und hier nicht,« sagte sie 
und lief in eine andere Ecke. 

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498 SSOLOGUB. 

Die Mama stand mit verhaltenem Athem, den Kopf an die Wand 
gelehnt, mit zerzaustem Haar. Ein seliges und unruhiges Låcheln glitt 
uber ihre rothen Lippen. 

Die Wårterin Fedossja, mit einer etwas dummen Miene, aber eine 
gute und hiibsche Frau, schaute die Gnådige grinsend mit dem ihr 
eigenen Ausdruck an, als sei sie ein verstanden, nichts gegen die herr- 
schaftlichen Grillen einzuwenden und dachte im Stillen: »Sieh nur an, 
die Mutter gluht auch wie Feuer, wie so 'n kleines Kind. c 

Ljoljetschka nåherte sich Mamas Ecke und die Mama wurde immer 
aufgeregter, sie gewann Interesse am Spiel ; Mamas Herz schlug oft 
und kurz, und sie schmiegte sich fester an die Wand und verdruckte 
ihre Frisur. Ljoljetschka sieht in Mamas Ecke und quietscht vor Freude. 

»Son da!« schrie sie laut und freudig, wobei sie das »Sch« unrein 
aussprach und damit wieder die Mama erfreute. 

Sie zog die Mama bei den Hånden in die Mitte des Zimmers, 
Beide freuten sich und lachten und Ljoljetschka schmiegte wieder ihren 
Kopf an Mamas Kniee und flusterte ohne Ende liebe Worte, die sie so 
hiibsch und unbeholfen aussprach. 

Sergei Modjestowitsch nahte sich unterdessen der Kinderstube. Durch 
die nicht fest geschlossenen Thuren horte er ein Lachen, freudige Rufe, 
ein Larmen und Herumtollen. Kalt, aber liebenswurdig låchelnd, frisch 
und kerzengerade, tadellos gekleidet, trat er in die Kinderstube und ver- 
breitete um sich einen Hauch von Sauberkeit, Frische und Kålte. Er 
kam herein, als das Spiel im vollen Gange war und machte Alle durch 
seine klare Kålte verlegen. Selbst Fedossja wurde schamroth, halb fur 
die Gnådige, halb fur sich selbst. Serafima Alexandrowna wurde auf 
einmal ruhig und scheinbar kalt — und diese ihre Stimmung ging auf 
die Kleine tiber, die zu lachen aufhorte und den Vater aufmerksam 
und schweigend betrachtete. 

Sergei Modjestowitsch Hess einen fluchtigen Blick durch das Zimmer 
gleiten. Alles hier war ihm angenehm : die Einrichtung ist hiibsch und 
elegant — Serafima Alexandrowna sorgt dafiir, dass das Kind vom 
zartesten Alter an nur von Schonem umgeben sei ; Serafima Alexandrowna 
ist geschmackvoll und zu Gesicht gekleidet — das thut sie immer fur 
Ljoljetschka mit derselben Absicht. Nur Eineskonnte Sergei Modjestowitsch 
nicht gutheissen — dass seine Frau sich fast immer in der Kinderstube 
aufhielt. 

»Ich wollte Dir sagen . . . Ich wusste ja, dass ich Dich hier 
treffen wurde,« sagte er mit einem nachsichtigen Låcheln. 

Sie traten zusammen aus der Kinderstube. Nachdem Sergei Modje- 
stowitsch Serafima Alexandrowna den Vortritt in die Thur seines Arbeits- 
zimmers gelassen hatte, sagte er gleichgiltig, wie im Voriibergehen und 
ohne seinen Worten Bedeutung beizulegen : 

»Findest Du nicht, es wåre fur die Kleine nutzlich, sich manchmal 
auch ohne Deine Gesellschaft zu behelfen? Verstehst Du, damit das 
Kind ein wenig seine eigene PersOnlichkeit fuhlt,« erklårte er als Ant- 
wort auf Serafima Alexandrownas erstaunten Blick. 



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LJOLJETSCHKA. 499 

»Sie ist noch so klein . . .« 

»Das ist ubrigens nur so meine bescheidene Ansicht. Icb bestehe 
nicht darauf — dort ist Euer Konigreich.« 

»Ich werde es mir iiberlegen,« antwortete die Frau und låchelte 
kalt und hoflich, wie er. Und sie sprachen von was Anderem. 

II. 

Des Abends erzåhlte die Wårterin Fedossja in der Kiiche dem 
schweigsamen Dienstmådchen Darja und der alten KOchin Agafja, die 
zu raisonniren liebte, wie uberaus gern das kleine Fråulein mit der 
Gnådigen Verstecken spielt: sie versteckt das Gesichtchen und ruft 
»Kuku!« 

»Und die Gnådige ist selbst wie so 'n kleines Kind,« sprach 
Fedossja und grinste. 

Agafja horte zu, schuttelte missbilligend den Kopf und ihr Gesicht 
wurde streng und vorwurfsvoll. 

»Was schadet's der Gnådigen: natiirlich, ihr geht nichts ab,« 
sagte sie, »aber dass das Fråulein sich immer versteckt — das ist 
nicht gut.« 

»Warum denn?« fragte Fedossja neugierig. 

Ihr gutmuthiges und rothwangiges Gesicht sah vor Neugier dem 
Gesicht einer plump bemal ten Holzpuppe åhnlich. 

»Ja, es ist nicht gut,« wiederholte Agafja voll Ueberzeugung, 
»durchaus nicht!« 

»Nun?« fragte Fedossja wieder und verstårkte den komischen 
Ausdruck der Neugier in ihrem Gesicht. 

»Sie versteckt sich und versteckt sich und wird sich ganz ver- 
stecken,« sagte Agafja mit dumpfer Stimme, wåhrend sie ångstlich 
nach der Thur hinschielte. 

»Aber was Du nicht sagst!« rief Fedossja erschrocken aus. 

»Es ist schon richtig, gib auf mein Wort acht,« sagte Agafja 
mit Bestimmtheit, »das ist schon das sicherste Merkmal.« 

Aber die Alte hatte dieses Merkmal offenbar selbst erfunden — 
hatte plOtzlich Glauben daran gefasst und war jetzt sehr stolz darauf. 

m. 

Ljoljetschka schlief und Serafima Alexandrowna sass bei sich im 
Zimmer und dachte freudig und zårtlich an Ljoljetschka. Ljoljetschka 
war in ihren Tråumen ein liebes Kind, dann ein liebes junges Mådchen, 
dann wieder ein reizendes junges Mådchen und blieb immer ohne Ende 
Mamas Ljoljetschka. 

Serafima Alexandrowna bemerkte nicht, wie Fedossja hereinkam und 
vor ihr stehen blieb. Fedossja hatte ein verblufftes und erschrockenes Gesicht. 

»Gnådige, horen Sie, Gnådige,« rief sie leise mit zitternder und 
aufgeregter Stimme* 

Serafima Alexandrowna kam zu sich. Fedossjas Gesicht machte 
sie unruhig. 

3 8* 



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5 oo SSOLOGUB. 

»Was willst Du, Fedossja? Ist was mit Ljoljetschka geschehen?« 

Sie erhob sich rasch vom Sessel. 

»Aber nein, gnå' Frau,« erwiderte Fedossja und wehrte mit den 
Hånden ab, um die Gnådige zu beruhigen und sie zum Sitzen zu 
bringen, »Ljoljetschka schlåft, Gott sei mit ihr. Aber ich will Ihnen 
sagen, wissen Sie — ich werde Ihnen sagen, Ljoljetschka versteckt 
sich immer bei uns — das ist nicht gut . . .« 

Fedossja sah die Gnådige mit stieren, vor Schrecken gerundeten 
Augen an. 

»Warum ist das nicht gut?« fragte Serafima Alexandrowna und 
auch sie fuhlte unwillkurlich eine unbestimmte Unruhe. 

»Es ist schon einmal so, schlecht ist's, nicht gut,« sagte Fedossja 
und ihr Gesicht driickte eine unerschutterliche Ueberzeugtheit aus. 

»Sprich, bitte, vernunftig,« befahl Serafima Alexandrowna kurz, 
»ich verstene nichts.« 

»Ja schauen Sie, Gnådige, es gibt so ein Merkmal,« erklårte 
Fedossja und wurde plOtzlich verlegen. 

»Unsinn,« sagte Serafima Alexandrowna. 

Sie hatte keine Lust, långer zu hOren, was das fur ein Merkmal 
sei, was es prophezeie — ihr wurde, man kann nicht sagen ångstlich, 
aber unheimlich zu Muth, sie fuhlte sich beleidigt, dass irgend eine 
offenbar sinnlose Erfindung die lieben Traume verscheucht und bange 
macht. 

»Ja gewiss, die Herrschaften glauben nicht an Merkmale, aber 
dies Merkmal ist schlecht,« sprach Fedossja mit dumpfer Stimme, »das 
Fråulein versteckt sich und versteckt sich. . .« 

PlOtzlich weinte sie auf und schluchzte laut. 

»Sie versteckt sich und versteckt sich und dann wird sich ihre 
Engelsseele ins nasse Grab verstecken,« sagte sie, wåhrend sie sich mit 
der Schiirze die Thrånen wischte und sich schneuzte. 

»Wer hat Dir das Alles eingeredet?« fragte Serafima Alexandrowna 
mit strenger und sinkender Stimme. 

»Die Agafja,« antwortete Fedossja, »sie wird's schon wissen.« 

»Die wird's wissen,« sagte Serafima Alexandrowna årgerlich, die 
sich offenbar durch irgend etwas gegen diese pløtzliche Unruhe schiitzen 
wollte. »Welch ein Unsinn ! Ich bitte mir kunftig keine solchen Dumm- 
heiten zu sagen. Geh. . .« 

Fedossja ging mit beleidigtem und traurigem Gesicht. 

»Welch ein Unsinn! Kann denn Ljoljetschka sterben?« dachte 
Serafima Alexandrowna, indem sie das Gefuhl von Kålte und Schrecken, 
welches sie beim Gedanken an die MOglichkeit von Ljoljetschkas Tod 
erfasst hatte, durch verniinftige Argumente zu bekåmpfen suchte. 

Serafima Alexandrowna dachte daran, dass diese Frauen un- 
wissend seien und deshalb an die Merkmale glauben. Was sie anbetraf, 
begriff sie deutlich, dass zwischen einem Kinderspiel, fur welches ein 
jedes Kind eine Vorliebe fassen kann und der Dauer seines Lebens 
keinerlei Zusammenhang bestehen kønnte. Sie bemiihte sich an dem 



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LJOLJETSCHKA. 501 

Abend mit besonderem Eifer, sich mit etwas Anderem zu beschåftigen, 
aber sie kehrte unwillkurlich zu dem Gedanken zuriick, dass Ljoljetschka 
sich zu verstecken liebte. . . 

Als Ljoljetschka noch ganz klein war und erst seit Kurzem ge- 
lernt hatte, die Mama und die Wårterin zu erkennen, kam es vor, 
dass sie plotzlich die Mama mit schelmischer Miene anblickte, auflachte 
und sich hinter die Schulter der Kindsfrau versteckte, die sie auf dem 
Arm hielt. Dann lugt sie verschmitzt hervor. In der letzten Zeit hatte 
Fedossja Ljoljetschka wieder daran gewOhnt, sich wåhrend der kurzen 
Zeitråume, da die Mama in der Kinderstube abwesend war, zu ver- 
stecken ; als die Mama dann sah, wie reizend Ljoljetschka war, wenn 
sie sich versteckte, fing sie selbst an, Verstecken zu spielen. . . 

IV. 

Am nåchsten Morgen vergass Serafima Alexandrowna, von den 
freudigen Sorgen um Ljoljetschka erfullt, Fedossjas gestrige Reden. 
Aber als sie aus der Kinderstube ging, um das Mittagessen zu be- 
stellen, und dann als sie zuruckkam, Ljoljetschka unter dem Tisch 
versteckt war und von dort aus: »Kuku!« rief, wurde es Serafima 
Alexandrowna plOtzlich bange. Obgleich sie sich diese unbegnindete 
aberglåubische Angst sofort selbst vorwarf, konnte sie Ljoljetschka 
doch nicht mehr mit dem Versteckenspielen unterhalten und bemuhte 
sich, Ljoljetschkas Aufmerksamkeit auf etwas Anderes zu lenken. 

Ljoljetschka ist ein freundliches, gehorsames Kind. Sie leistet 
Mamas Wunsch gerne Folge. Aber da sie schon gewohnt ist, sich vor 
Mama zu verstecken und ihr »Kuku« zu rufen, kommt sie auch heute 
håufig darauf zuriick. 

Serafima Alexandrowna strengte sich an, Ljoljetschka zu be- 
schåftigen. Das ist nicht so leicht! Besonders wenn bange und drohende 
Gedanken stOren. 

Warum denkt Ljoljetschka immer an ihr »Kuku!«? . . . Wieso 
wird sie des Einerleis nicht iiberdriissig, die Augen zu schliessen und 
das Gesicht zu verstecken? Vielleicht, dachte Serafima Alexandrowna, 
hat Ljoljetschka keine so starke Neigung zur Welt wie andere Kinder, 
welche die sie umgebenden Dinge unverwandt anschauen. Aber wenn 
dem so ist, ist das nicht ein Zeichen organischer Schwåche? Ist das 
nicht der Keim der unbewussten Unlust zum Leben? Vorahnungen 
quålten Serafima Alexandrowna. Sie schåmte sich vor Fedossja und 
vor sich selbst, das Versteckenspiel aufzugeben. Aber das Spiel wurde 
ihr zur Qual, umsomehr da sie trotzdem Lust hatte es zu spielen und 
sich immer mehr hingezogen fuhlte, sich vor Ljoljetschka zu verstecken 
oder die versteckte Ljoljetschka zu suchen. Serafima Alexandrowna 
war manchmal sogar selbst die Anstifterin dieses Spieles — wobei 
sie darunter litt wie unter etwas Bosem, von dem man weiss, dass man 
es nicht thun darf und es doch thut. Es war ein schwerer Tag fur 
Serafima Alexandrowna. . . . 



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502 



SS0L0GUB. 



V. 

Ljoljetschka ging zu Bett. Ihre Augen fielen vor Mddigkeit zu t 
als sie sich in das von Netzen umrandete Bettchen legte. Die Mama 
deckte sie mit der blauen Decke zu. Ljoljetschka befreite ihre weissen 
und zarten Håndchen aus der Decke und streckte sie aus, um Mamachen 
zu umarmen. Die Mama neigte sich zu ihr herab. Ljoljetschka kusste 
die Mama mit einem zårtlichen Ausdruck im miiden Gesichtchen und 
senkte den Kopf auf die Kissen. Ihre Hånde versteckten sich unter 
die Decke, und das Mådchen fliisterte: »Die Håndchen — kuku.« 

Mamas Herz stand stille — Ljoljetschka lag so klein, so schwach 
und still da. Ljoljetschka låchelte leise, schloss die Augen und sagte 
still: »Die Augen, kuku.« 

Und dann noch leiser: »Ljoljetschka, kuku.« 

Mit diesen Worten schlief sie ein, die Wange an das Kissen 
geschmiegt, in die Decke gehullt, klein und schwach. Die Mutter 
blickte sie mit zårtlichen, traurigen Augen an. . . . 

Und lange stand Serafima Alexandrowna an Ljoljetschkas 
Bettchen und blickte ihre Ljoljetschka ångstlich an. »Ich bin ja die 
Mutter: ist's mOglich, dass ich sie nicht in Schutz nehmen kann?« — 
dachte sie und stellte sich allerlei Gefahren vor, die Ljoljetschka 
drohen konnten. 

Sie betete lange in dieser Nacht, aber das Gebet erleichterte ihre 
Bangigkeit nicht. ... 

Ein paar Tage vergingen. Ljoljetschka hatte sich erkåltet. 
Serafima Alexandrowna musste fur ein paar Stunden fortgehen, die 
Wårterin passte nicht genugend auf und Ljoljetschka spielte zu lange 
am offenen Fenster. Des Nachts bekam die Kleine Fieber. Als Serafima 
Alexandrowna, von Fedossja aufgeweckt, zu Ljoljetschka kam und sie in 
der Fieberhitze unruhig und leidend fand, dachte sie zuerst an das 
unheilverkundende Merkmal, und Verzweiflung, die im ersten Moment 
hoffnungslos war, bemåchtigte sich ihrer. 

Man holte den Arzt, that Alles was in solchen Fallen zu thun 
ist, doch das Unvermeidliche vollzog sich. Serafima Alexandrowna gab 
sich Muhe, sich mit der Hoffnung zu trOsten, Ljoljetschka wurde 
genesen, wurde wieder låcheln und spielen, doch das erschien ihr als 
ein unerreichbares Gluck. Und Ljoljetschka wurde von Stunde zu 
Stunde schwåcher. 

Der Arzt und der Mann heuchelten Ruhe, um Serafima Ale- 
xandrowna nicht zu erschrecken, aber ihre unaufrichtigen Gesichter 
machten sie traurig. Eine tOdtliche Bangigkeit kam viber sie von 
Fedossjas Schluchzen und Jammern. 

»Versteckt hat sie sich, meine Ljoljetschka, immer versteckt ! « 

Aber Serafima Alexandrownas Gedanken waren unklar, und 
sie begriff schlecht, wasvorging. 

Ljoljetschka brannte wie im Feuer, verlor jeden Augenblick das 
Bewusstsein und phantasirte. Aber wenn sie zu sich kam, ertrug sie 



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LJOLJETSCHKA. 503 

ihre Schmerzen und ihre Schvvåche mit zårtlicher Sanftmuth und 
låchelte der Mama zu, damit die Mama nicht glaubte, dass es sie 
sehr schmerzte. 

Quålend wie ein Alpdruck vergingen drei Tage. Ljoljetschka war 
ganz kraftlos. Aber sie begriff nicht, dass sie starb. 

Sie blickte die Mutter mit truben Augen an und fltisterte mit 
ihrem kaum hørbaren, heiseren Stimmchen : »Kuku, Mamachen ! Mache 
kuku, Mamachen ! « 

Serafima Alexandrowna versteckte das Gesicht hinter die Vor- 
hånge von Ljoljetschkas Bettchen. Welch eine Qual! . . . 

»Mamachen!« rief Ljoljetschka kaum hørbar. 

Die Mama beugte sich zu Ljoljetschka herab — und Ljoljetschka 
sah zum letztenmal mit ihren brechenden Augen Mamachens biasses 
und verzweifeltes Gesicht. 

»Mamachen ist weiss!« fltisterte sie. 

Mamachens biasses Gesicht erlosch und es wurde dunkel vor 
Ljoljetschka. Sie erfasste mit den Håndenen den Rand der Bettdecke 
und fliisterte: 

»Kuku.« 

Aus ihrer Kehle drang ein Røcheln, Ljoljetschka Offnete und schloss 
wieder die auf einmal erblassten Lippen und starb . . . 

In stumpfer Verzweiflung verliess Serafima Alexandrowna Ljo- 
ljetschka und ging aus dem Zimmer. Sie begegnete ihrem Mann. 

»Ljoljetschka ist todt,« sagte sie mit klangloser Stimme. 

Sergei Modjestowitsch blickte ihr biasses Gesicht ångstlich an. 
Ihn uberraschte die sonderbare Stumpfheit in den Zugen dieses fruher 
belebten und schOnen Gesichtes . . . 

VII. 

Man kleidete Ljoljetschka an, legte sie in einen kleinen Sarg und 
trug sie in den Salon. Serafima Alexandrowna stand am Sarg und blickte 
das todte TOchterchen stumpf an. Sergei Modjestowitsch kam auf seine 
Frau zu, trøstete sie mit leeren und kaiten Worten und bemuhte sich 
sie vom Sarg fortzufuhren. Sie låchelte. 

»Geh fort! Ljoljetschka spielt, sie wird gleich aufstehn.« 

»Reg* Dich nicht auf, meine Liebe,« sprach Sergei Modjestowitsch 
im Flusterton. »Man muss sich in das Schicksal fugen.« 

»Sie wird aufstehen,« wiederholte Serafima Alexandrowna eigen- 
sinnig und schaute die Todte mit starren Augen an. 

Sergei Modjestowitsch blickte ångstlich um sich: er fQrchtete das 
Unschickliche und Låcherliche. 

»Reg* Dich nicht auf!« sprach er wieder. »Das wåre ein Wunder, 
und im neunzehnten Jahrhundert geschehen keine Wunder.« 

Nachdem er diese banalen und unpassenden Worte gesagt hatte, 
fuhlte Sergei Modjestowitsch dunkel, wie wenig sie dem entsprachen, 
was vorging. Er wurde verlegen und årgerlich. Er fasste die Frau am 
Arm und fiihrte sie vorsichtig vom Sarge fort. Serafima Alexandrowna 



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SS0L0GUB. 



widersetzte sich nicht. Ihr Gesicht erschien ruhig und ihre Augen waren 
trocken. Sie ging in die Kinderstube und schaute uberall nach, wo 
Ljoljetschka sich Cruher versteckte. Sie ging um das ganze Zimmer 
herum, buckte sich, um unter den Tisch oder unter das Bettchen zu 
sehen und sprach dabei mit frohlicher Stimme: 

»Wo ist mein Kindchen? Wo ist meine Ljoljetschka?« 

Wenn sie um das Zimmer herumgegangen vvar, begann sie von 
Neuem zu suchen. Fedossja sass unbeweglich, mit traurigem Gesicht in 
einer Ecke, sah die Gnådige erschrocken an und begann dann plOtzlich 
zu schluchzen und laut zu jammern: 

»Versteckt hat sie sich, immer versteckt, Ljoljetschka, die Engels- 
seele ! « 

Serafima Alexandrowna fuhr zusammen, blieb stehen, blickte 
Fedossja verwundert an, begann zu weinen und ging still aus der Kinder- 
stube hinaus. 

VIII. 

Sergei Modjestowitsch beschleunigte das Begråbniss. Ihn beun- 
ruhigte das Gebahren der Frau. Er begriff, dass Serafima Alexandrowna 
vom plOtzlichen Kummer ausserordentlich erschuttert war und, da er 
fur ihren Verstand furchtete, glaubte er, man musse Ljoljetschka 
schnell begraben, um die Mutter zu zerstreuen und zu trøsten . . . 

Des Morgens kleidete sich Serafima Alexandrowna besonders 
sorgfåltig an — fur Ljoljetschka. Als sie in den Salon kam, waren 
zwischen ihr und Ljoljetschka viele Leute, der Geistliche und der 
Diakon gingen hin und her, ein blauer Rauch schwamm durch die 
Luft und es roch nach Weihrauch. Mit einer dumpfen Schwere im 
Kopf ging Serafima Alexandrowna an Ljoljetschka heran. Sie lag 
still und blass da und schien zu låcheln. Die Mutter lehnte ihre 
Wange an den Rand von Ljoljetschkas Sarg und fliisterte: »Kuku, 
Kindchen ! « Das Kindchen antwortete nicht. 

Um Serafima Alexandrowna ging etwas vor, ein Trubel, eine 
Bewegung, fremde und gleichgiltige Gesichter neigten sich uber sie, 
Jemand stiitzte sie — und man trug Ljoljetschka irgendwo hin. 

Serafima Alexandrowna richtete sich empor, schrie besturzt auf, 
låchelte und sagte laut: 

»Ljoljetschka!« 

Man trug Ljoljetschka fort — die Mutter stiirzte mit einem 
verzweifelten Wehruf dem Sarge nach — man hielt sie fest. Sie 
sprang hinter die Thiir, durch die man Ljoljetschka hinaustrug, setzte 
sich dort auf den Fussboden, schaute durch die Spalte und rief: 
»Ljoljetschka, kuku!« 

Dann steckte sie den Kopf hinter der Thiir heraus und lachte. 

Man trug Ljoljetschka eilig von der Mutter fort — der rasch 
forteilende Trauerzug glich einer Flucht . . . 



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DIE REGISSEURIN. 
Von ADELE SANDROCK (Wien). 

Das berufliche Zusammenwirken von Månnern und Frauen 
hat nirgends von selbst zu einer solchen Gleichberechtigung 
gefuhrt, wie beim Theater. In der Schauspielkunst hat der Mann 
keinen Vorrang. Umso unverståndlicher ist es, dass bei der Buhne 
den Frauen diejenigen Geschåfte bisher entzogen blieben, welche 
die Frauen im Leben vorwiegend besorgen. 

In jedem Hausstand obliegt ihnen fast ausschliesslich das 
Arrangement der Einrichtung, die Anordnungen bei Gesellschaften, 
die Herrichtung der Tafel, mit einem Worte : das Wohnlichmachen 
der Hausråume. Wer besorgt aber dies Alles auf der Buhne? 
— Der Regisseur ! Was der Mann im Leben unter seiner Wiirde 
erachtet — beim Theater verleiht es ihm eine solche. 

Der Regisseur hat ferner die Einstudirung der Stiicke bei den 
Proben zu leiten, bei Auffassung der månnlichen und weib- 
lichen Rollen mit seinen Ansichten einzugreifen. Wie komisch 
ist sich nun im Leben schon so mancher Mann bei Beurtheilung 
eines Weibercharakters vorgekommen, wie verblufft war er da- 
gegen zuweilen viber die durchdringende Schårfe, mit der eine Frau 
das Wesen einer andern klarzulegen vermochte. 

Es ist also Unsinn, heute noch beim Theater, welches ja 
die natiirlichen Eigenschaften des Menschen unverfålscht wieder- 
spiegeln soli, in irgend einer Beziehung dem Mann das Ressort 
der Frau, das im Leben das ihrige ist, zu iibertragen. 

Auch ist es ja eine bekannte Thatsache, dass die Schau- 
spielerinnen ihre Rollen weit besser memoriren und genauer 
innehaben als die Schauspieler, weshalb in dieser Richtung die 
Regisseurin sogar dem Regisseur bei weitem vorzuziehen ist. 

Ich gebe zu, dass es Buhnenwerke gibt, die im Ganzen 
ein ausgesprochen månnliches Gepråge haben, z. B. Julius Caesar, 
Die Råuber, Wilhelm Tell, Nathan, aber ebensoviele andere, die 
nur eine weibliche Regiefuhrung vertragen (Des Meeres und der 
Liebe Wellen, Sappho, Hedda Gabler, Einsame Menschen). Am 



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5 o6 SANDROCK. 

håufigsten wird es vorkommen, dass durch Zusammenwirken eines 
Regisseurs und einer Regisseurin das Heil eines Stiickes gefordert 
werden kann. 

Man darf mir nicht einwenden, dass eine Einhelligkeit der 
Ansichten hier nicht herzustellen sein wiirde. Viel enger ist die 
Berufsbeziehung, wenn ein Schauspieler mit einer Schauspielerin 
eine Scene zu spielen hat, uber viel mehr Punkte haben sie sich 
in diesem Falle zu einigen. Wåre also zwischen månnlichen und 
weiblichen Mitgliedern einer Biihne eine Uebereinstimmung uber 
ihre Kunst nicht herzustellen, so kame uberhaupt nie eine Theater- 
vorstellung heraus. 

Ueberall wird jetzt uber schlechte Regiefuhrung geklagt und 
Vorschlåge zu ihrer Verbesserung sind tåglich zu lesen. Es konnte 
aber auch eine weitere Vervollkommnung in der bisherigen Regie- 
fuhrung stets nur eine einseitige bleiben, solange man die weib- 
lichen Theatermitglieder davon ferne halt. Ganz abgesehen davon, 
dass die Besorgung dieses Amtes den Berufsernst der Schau- 
spielerinnen noch erhohen wird, verspricht, wie gesagt, diese 
Reform die Naturlichkeit des Spiels im Allgemeinen zu fordern. 

Die Schauspielerin als Regisseurin wird Alles, was ihre 
Geschlechtsgenossinnen angeht, mit deren Spielweise in Ueber- 
einstimmung bringen konnen. Eine Kiinstlerin wird dann nicht erst, 
wie jetzt, durch langes Parlamentiren mit dem Regisseur auf den 
Proben, wobei die Hålfte ihrer Intentionen verloren geht, ihren 
Ideen Geltung verschaffen mussen. Ueber das weibliche Milieu, 
welches sie zur vollen Verkorperung ihrer Rolle nothig erachtet, 
erst einen Mann zu Rathe ziehen mussen, ist absurd, nur eine 
Regisseurin wird sich da vollig hineinzuversetzen vermogen. 

Jetzt ist eine Darstellerin nie zu Hause, immer in einem 
Gemache und in einer Umgebung von Regisseurs Gnaden. 

Dieser Zustand hat viel Aehnliches mit der Unnatiirlichkeit 
jener Theaterzeiten, da die weiblichen Rollen noch von Månnern 
dargestellt wurden. Ein letzter Ueberrest davon ist geblieben — 
noch ist das Milieu, in welchem ge§pielt wird, immer ein aus- 
schliesslich månnliches. 

Ich håbe bei Gelegenheit meiner Gastspiele, wåhrend welcher 
ich die Regie in der Regel selbst fuhrte, gefuhlt, wie sehr mir 
hiedurch meine Aufgaben erleichtert wurden. So stieg in mir 
allmåhlich der Gedanke auf, es konnte uberhaupt beim Theater 



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DIE REGISSEURIN. 507 

durch Mitwirkung von Schauspielerinnen bei der Regiefuhrung 
Erquicklicheres geleistet werden, als es bis heute der Fall war. 
Es wurde mir grosse Freude bereiten, wenn der Zug der 
modemen Frauenbewegung auch auf das Gebiet der Regiefuhrung 
iibergriffe, und wenn die Schauspielerinnen diesen Vorschlag 
energisch unterstiitzten. Ich hatte dann vielleicht den bei der 
Buhne seltenen Ruhm, dass meine lieben C611eginnen von mir 
sagen wiirden, ich hatte ihnen neidlos neue Rollen verschafft — 
nåmlich die der Regisseurinnen. 



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GÉDICHTE VON GABRIELE D'ANNUNZIO. 

I. 

DÅMMERUNG. 

O bleibet, bleibt, o bitte, bleibt noch hier, 
Erhebt Euch nicht! Verlangt Ihr, dass ich Licht 
Ins Zimmer bringe? Nein? O lasst doch nicht 
Den Traum so schnell erloschen, bleibt noch hier! 

Es wiirde uns vielleicht gleich einem Pfeil 

Das Licht verwunden . . . Ach schon allzulange 

Hat dieser Tag gewåhrt; ich denke bange 

Des nåchsten . . . denn das Licht ist wie ein Pfeil . . . , . 

Ihr liebt es auch nicht — nicht wahr ? — Eure Augen 
Sind miid im Tageslicht .... und immer wieder 
Ist mir, als ob Ihr kaum die schweren Lider 
Erheben konnt, von Euren schmerzlichen Augen. 

Und nichts, ich schwor es, nichts auf Erden fand 
Ich trauriger, als starrer Wimpern Schatten 
Auf bleichen Wangen, starrer Wimpern Schatten 
Auf Wangen, von denen fur immer das Låcheln 

schwand 



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n. 

»DIE GUTE STIMME.« 

Du bist allein, Nichts And'res weisst Du mehr, 
Und wiisstest Du's, o so vergiss es auch! 
Sanft spiilt der Lethestrom das Herz Dir leer. 

O liebe diesen so geringen Pfad. 

Noch manche Rose ist am Rosenstrauch ; 

Dein Morgen bringt, was Dir Dein Heut verbal 

Morgen vergisst die Seele ihre Qual 
Und schopft sich neuen Muth zu neuer That, 
Wie sich beim ersten Thau, beim ersten StrahL 
Das Grås erhebt, das jetzt Dein Fuss zertrat. 

Deutsch von HERMANN UBELL. 



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DAS TODESPROBLEM UND DIE MODERNE LITERATUR. 

Aus einem Vortragc. 
Von STEFAN GROSSMANN (Wien). 

Selten ist in der Literatur so viel vom Tode die Rede gewesen 
wie heute, niemals mit einer so intensiven Innerlichkeit. Es finden 
sich ja auch in den ålteren Literaturen einzelne bemerkenswerte 
Todesfålle (. . . obzwar es eine ganze Bibliothek deutscher Romane 
gibt, worin nur Erbtanten oder Goldonkeln sterben . . .), aber bisher, 
bis zur modemen Literatur wurde der Tod gewOhnlich nur als eine 
Art Elementarereigniss behandelt. Je weniger Einsicht in das Cau- 
salitåtsgesetz vorhanden war, um so . . . plOtzlicher durfte der Autor 
seine Gestalten sterben lassen. Im besten Falle bestand der Conflict 
eines Kunstwerkes darin, dass die Wolken des Schicksals sich immer 
dichter und dunkler viber dem Helden zusammenballten, bis aus dieser 
schweren Wolke der Blitz des Todes auf den Helden niederfuhr. 

Die Bedeutung des modemen Menschen aber liegt in seiner 
Bewusstheit. Der Tod ist mehr kein Elementarereigniss, sondern in 
den Anschauungskreis des modemen Menschen mit einbezogen, in 
Calcul gesteilt. 

Nichts ist fur diese ostentative Betonung des Todesgedankens 
als innerer Lebensfactor charakteristischer, als jener grandiose Roman 
von Leo Tolstoi, worin alle Capitel keine Ueberschrift tragen, bis auf 
eines. Dieses tragt den Titel : Der Tod. Muss man hinzufugen, wieviel 
unsichtbares Pathos in diesem einen Titel liegt? 

* * 

Unlångst hat ein Arzt das Phånomen der Kinderselbstmorde zu 
erklåren versucht. Der Todesgedanke bei Kindern, sagte er, ist ein 
Pubertåtssymptom. Jene Knaben oder Mådchen, welche sich todten, 
kOnnten die Opfer wahnsinniger Elternehen sein. Ihre Dekadenz, wenn 
sie sich nicht vorher in physischer Krånklichkeit, Lebensunfåhigkeit 
geåussert hat, fQhrt in diesem Alter zu physischen StOrungen. Der 
Kinderselbstmord ist nur eine Art socialer Auslese. Die unfåhigen 
Organismen råumen sich selbst aus dem Wege. . . . Aber diese 
Hypothese ist viel zu einfach, zu geråde, als dass sie durchaus richtig 
wåre. Auch dieser Typus, der wahre dekadente, weil innerlich sterbende 
Mensch hat seine Lebenszåhigkeit. Zwar hat er eine stete Beziehung 
zum Todesgedanken, von Zeit zu Zeit wird er dessen bewusst, sowie 
sich Oswald Alwing von Zeit zu Zeit an die Brusttasche greift und 
fiihlt, ob er die betreffenden Pulver bei sich hat. Vor jedem Ereigniss 
des Lebens erinnert er sich . . ., geråth ins Wanken, seine ganze 
geistig-seelische Existenz ist auf dem Todesproblem erbaut. Er weiss: 



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DAS TODESPROBLEM UND DIE MODERNE LITERATUR. 



5H 



Seit jener lieblosen Nacht, in der er gezeugt wurde, stand ein Stern 
uber seinem Leben. In diesem war zu lesen: Du bist der Verfall, die 
innere Verwesung, die wahre Decadence, der Untergang! 

Aber wie selten sind die einzelnen > Falle« im Leben so einfach. 
Darf man denn sicher sein, dass z. B. Dr. Rank aus Ibsen's »Nora« 
sich wirklich erschiesst, wenn er an die frische Luft kommt? Wie viel 
Todte sind in physisch starken Organismen! Und wie wenige kennen 
den Leichengeruch des »homme médiocre« ! Ohne Rausch, in lieb- 
losen Nåchten gezeugt, gleitet sein Leben ohne Rausch und lieblos 
dahin. Aber mit der Leiche seiner Seele im Innern, imitirt er alle 
Symptome des Lebens. Zwar bleibt die médiocre Temperatur seines 
Lebens immer dieselbe, er erhitzt sich * nicht, er kann nicht kalt 
werden, aber um so schårfer vermag er die Symptome der Lebendig- 
keit nachzuahmen. Jeder Leidenschaft unfåhig, imitirt er Affecte mit 
der ganzen Erbitterung seines Starrsinns. Ohne jeden heiligen Eifer, 
weiss er diesen zu markiren und wird ein viel erbitterterer Dogmatiker, 
als es die Propheten sind. In den entscheidenden Stunden fehlt ihm 
jene spontane Energie, die ein Merkmal des innerlich lebendigen, 
gluhenden Menschen ist, also construirt er sich falsche Energien, am 
unrechten Platze. Wer vermag schliesslich zwischen den Echten und 
Unechten zu entscheiden? Ein namenloser Zorn muss den wirklich 
lebendigen Menschen angesichts dieser geschminkten wandelnden 
Leichen befallen. Zwar hat er das Bewusstsein, dass eine tOdtlich- 
kiihle s Atmosphåre im Innern dieser Leichenmenschen wohnt, dass sie 
stphnen vor innerer VerOdung und Ausgestorbenheit. Aber wer bringt 
diesem homme médiocre seine seelische Decadence ins Bewusstsein? 

Eine solche Abrechnung hat Hugo v. Hofmannsthal in seinem 
»Thor« und der Tod« mit ihm gehalten. Der Thor seufzt: 

Was weiss ich denn vom Menschenleben ? 

Bin freilich scheinbar drin gestanden, 

Aber ich hab' es hochstens verstanden, 

Hab' mich niemals drin verloren. 

Wo Andre nehmen, Andre geben, 

Blieb ich beiseit', im Innern stumm geboren. 

In der Nåhe des Todes erscheinen ihm jetzt die Mutter, die 
Gejiebte, der active Mann, der Verånderer des Lebens, nun erst, im 
Tode, erhålt er sein wahres Lebensgefiihl: seine seelische Beziehung 
zu den Dingen. Alle Lebensbetriige der Vergangenheit sinken in einen 
Haufen elender Asche vor ihm zusammen, alle frech gewåhlten Costume 
fallen von ihm und sein wahres Lebensgefiihl, das Bewusstsein von 
seinem ungelebten Leben, iiberfållt ihn. — Wie mit elektrischem Blitz 
beleuchtet der Todesgedanke die dunkle Landschaft eines unbewussten 
Lebens und alle Wege werden sichtbar. . . . Der Todesgedanke ist 
der stårkste Bewusstseinserreger. 

Will der dekadente Mensch sein Lebensgefiihl behalten, so darf 
er den Todesgedanken nicht aus dem Auge verlieren. Dieser Riickhalt, 
diese Stiitze kann ihn zum heroischen, zum religiOsen Menschen machen. 



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512' 



GROSSMANN. 



Der naive, unversehrte Mensch findet seinen Lebensfrieden in ein- 
fachen, beinahe nur vegetativen Verhåltnissen. Der dekadente, zum 
primitiven Leben unfåhige Mensch muss aus seinen Todesgedanken 
seinen Lebensinhalt saugen. Ihnen predigte Tolstoi: Wie werdet Ihr 
in der Stunde Eures Todes dastehen? Was hat denn Euer Leben be- 
deutet? Gute Kaufleute seid Ihr gewesen oder gute Schuster, eifrige 
Landleute oder specialistische Gelehrte. Aber kann das der Sinn Eures 
Lebens gewesen sein? 

Hier wird der Todesgedanke zum måchtigsten Erwecker ethischer 
Cultur. Indem er den Einzelnen seiner nichtigen socialen Function 
entkleidet und sein methaphysisches Bedurfniss weckt, adelt er das 
Individuum. Er fuhrt zur Autonomie des Individuums, zur plangemåssen 
Ausgestaltung seines eigenen Lebens. Der Todesgedanke gibt »innere 
SchOnheit«. »Ist es nicht schwer« — spricht Maeterlinck — »dem 
Meere oder der Nacht gegenuber an gewOhnliche Dinge zu denken? 
Und welche Seele weiss nicht, dass sie immer dem Meere und der 
Nacht gegenubersteht?« 

Es ist auch nichts falscher, als der bourgeoise Vorwand, dass der 
Todesgedanke trauriger, ernster, schwerer mache. Fur den bewussten 
Menschen hat der Tod viel weniger Schreckhaftes, als fur den Mast- 
burger, den »Stillstandsutopisten«, wie Egidy die Leute nennt, 
welche dem bornirten Glauben anhången, wir und die Welt kOnnten 
bleiben, wie wir sind. Im Gegentheil, der Todesgedanke schårft unser 
manchmal schlåfriges Wissen: Alles fliesst! .... Es gibt uns Ent- 
wicklungsbewusstsein, vermøge des Todesgedanken nehmen wir das 
Leben leichter, wir verwachsen nicht so schwerfållig, untrennbar mit 
den Dingen. Das Nichtvergessen auf den schliesslichen Tod macht 
uns im Leben kuhner, frOhlicher, waghalsiger. Ja, fur den heroischen 
Menschen ist der Gedanke an den Tod ein Trost. »Er hilft uber 
manche bøse Nacht hinaus« , sagt Friedrich Nietzsche. Und ein 
Martyrer der Gegegenwart, dessen Name hier nicht eitel genannt 
sein soli, schrieb in sein Tagebuch von La Roquette : »Nur ein Wille, 
der bis zur Aufopferung seiner selbst geht, kann wahrhaft erlOsend 
wirken.« Der Gedanke an den Tod ist nur fur den behåbigen, be- 
wegungslosen homme médiocre ein Schreckniss. In einer modemen 
Dichtung wird einmal ein ziemlich beleibter alterer Herr von einem 
Jungling gehånselt. »Welches Wort gefållt Ihnen besser« — fragt der 
Jungling — »Selbstmord oder Freitod?« Der beleibte Herr erstarrt. 
Nicht umsonst heisst eine deutsche Sprachwendung : Auf etwas ver- 
gessen, wie auf den Tod .... 

Wer kennt nicht die Frau in den Leihbibliotheken, welche bei 
jedem Buche nachsieht, ob am Schlusse Niemand stirbt .... Furst 
Kaunitz gab seiner Umgebung den strengen Befehl, in seiner Gegen- 
wart niemals das Wort »Tod« fallen zu lassen .... Revolutionen 
sind umso schrecklicher, je plotzlicher, unerwarteter sie ausbrechen. 
Deshalb ist der Tod nur fur den Bourgeois die fiirchterlichste Revolution. 



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DER STREIK DER WÅHLER. 

Von OCTAVE MlRBEAU (Paris). 

Vorbemerkung der Redaction. Dieser Aufsatz von Octave Mirbeau 
wurde wåhrend der letzten Wochen in Zehntausenden von Exemplaren duren 
ganz Frankreich colportirt. Vor den Neuwahlen rusten sich in Frankreich nicht 
nur die Politiker, sondern auch die Antipolitiker. — Man wird diese unbedingte 
Negation der Politik bei uns vielleicht sehr unzeitgemåss finden, aber in Frank- 
reich deuten so viele Anzeichen, unter Anderem dieses Manifest, auf die Er- 
mattung des politischen Sinnes hin. Diese Erkaltung des politiserien Interesses 
bedeutet vielleicht gleichzeitig eine Renaissance des religiosen Empfindens. 
Unter anderen Symptomen weist auf diese Entwicklung auch der Schluss der 
Mirbeau'schen Proclamation hin. D. R. 

Etwas kommt mir sehr seltsam vor — ich wage nicht zu sagen, 
dass ich dariiber bestiirzt bin — dass nåmlich heutztage, in der Stunde, 
wo ich dies schreibe, nach den unzåhligen Erfahrungen, nach den 
taglichen Scandalaffairen, in unserem »theuren Vaterland« (wie man 
in der Budgetcommission zu sagen pflegt) noch ein Wåhler, ein einziger 
Wåhler existiren kann, ein so unberechenbares, unorganisches, verblendetes 
Thier, welches darin einwilligt, sich in seinen Geschåften, Tråumen 
und Vergniigungen støren zu lassen, um zu Gunsten irgend eines 
Anderen fur irgend etwas zu stimmen. Ist dieses uberraschende 
Phånomen — wenn man nur einen Moment dariiber nachdenkt — 
nicht damach angethan, um die scharfsinnigsten Philosphien zu zer- 
stOren und alle Raison zu beschåmen ? Wo ist der Balzac, welcher uns 
die Physiologie des modemen Wåhlers gibt? Und der Charcot, 
welcher uns die Anatomie und den Geisteszustand dieses Unheilbaren 
aufdeckt ? 

Ich begreife, dass ein Hochstapler noch immer Actionåre findet, 
ich begreife, dass die Censur noch ihre Vertheidiger findet, ich begreife, 
dass historische Dramen geschrieben werden. — Aber dass ein Ab- 
geordneter oder ein Senator oder ein Minister oder wer immer unter 
all den sonderbaren Hanswursten, die eine gewåhlte Function bean- 
spruchen, einen Wåhler findet, will sagen: ein so unglaubliches 
Wesen, einen so unwahrscheinlichen Martyrer, welcher ihn von seinem 
Brod ernåhrt, von seiner Wolle kleidet, von seinem Fleisch måstet, 
mit seinem Geld bereichert, mit der einzigen Perspective, zum Dank 
fur diese Verschwendung spåterhin ignorirt oder mit hOflichen Fuss- 
tritten bedacht zu werden — wahrhaftig, das uberschreitet die pessi- 
mistischesten Begriffe, die ich mir bisher uber die menschliche Dumm- 
heit gemacht håbe ! 

39 



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514 



MIRBEAU. 



Wohlverstanden, ich spreche hier vom aufrich tigen, iiberzeugten 
Wåhler, vom theoretischen Wåhler, von dem armen Teufel, welcher 
sich einbildet, die That des freien Burgers zu vollbringen, seine 
Souverånitåt zu demonstriren, seiner Meinung Ausdruck zu geben, 
politische Programme und sociale Forderungen — o bewunderungs- 
wurdige und betriibende Narrheit! — durchzusetzen. — Nicht vom 
Wåhler, der in sich diesen Sachen »auskennt« und dariiber moquirt. 
Die Souverånitåt dieses »Wissenden« besteht darin, auf Kosten des 
allgemeinen Wahlrechtes zu wohlgefullten Taschen zu kommen. Der 
ist hier in seinem wahren Element, fur dieses eine Moment interessirt 
er sich aus Geschåftsinteresse, das Uebrige ist ihm gleichgiltig. Er 
weiss, was er will. Aber die Anderen? 

Ach ja, die Anderen ! Die Ernsthaften, die Unerbittlichen, die 
Herren »Souverånes Volk«, Jene, welche zu einer Art Trunkenheit 
kommen, wenn sie sich ansehen und sagen: »Ich bin Wåhler. Nichts 
geschieht ohne mich. Ich bin die Grundlage der modemen Gesell- 
schaft.« — Wieso existiren noch Leute von solcher Beschaffenheit ? So 
eingenommen, so sicher, so paradox sind sie, wie kommt es, dass sie 
nicht entmuthigt werden, nicht beschåmt vor ihrem Werke stehen? 
Wie kann es kommen, dass noch irgend ein guter Kerl, meinetwegen 
aus dem verstecktesten Gebirgsnest, so stupid, so unverståndig, so 
blind und taub gegeniiber den Thatsachen ist, um noch weiss oder 
schwarz, oder roth zu wåhlen, ohne bestochen, ohne betrunken worden 
zu sein? 

Welchem wunderlichen Gefuhl, welcher mysteriOsen Suggestion 
muss dieser denkende Zwei fussier gehorchen, der von einem starken 
Willen getrieben ist, von dem man etwas verlangt und der es thut, 
stolz auf sein Recht, uberzeugt, dass er eine Pflicht erfullt, wenn er 
in eine Wahlurne irgend einen Zettel legt, was immer er auch darauf- 
schreibt? . . . 

Was muss er sich wohl innerlich sagen, wenn er sich diese 
extravagante Handlung rechtfertigt oder wenigstens klarmacht? Was 
erhofft er? Denn schliesslich, um einzuwilligen, dass er sich einigen 
geschwåtzigen oder habgierigen Herren ausliefert, die ihn benutzen 
und bedrucken, muss er sich doch irgend etwas sagen, irgend etwas 
erhoffen, was wir nicht vermuthen. Er muss irgend welchen cerebralen 
Verirrungen erliegen, der Gedanke »unser Abgeordneter« muss irgend 
welche Ideen von Wissen, Gerechtigkeit, Aufopferung, von Arbeit und 
Redlichkeit auslOsen. Es muss wohl schon in den Xamen von Rouvier 
oder Wilson, oder wie sie anderswo heissen, ein specieller Zauber 
liegen. Eine Fata morgana muss wohl in diesen Namen liegen, Ver- 
heissungen kunftigen Glucks und baldiger Heilung. Und das ist wirklich 
erschreckend. Nichts dient da zur Lehre, weder die burlesken ComOdien 
noch die finsteren TragOdien des Parlamentarismus. 

Und dennoch hat, so lange die'Welt besteht, die Gesellschaften 
sich fol gen und ablOsen — eine gleicht der anderen — stets nur eine That- 



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DER STREIK DER WÅHLER. 



515 



sache die Geschichte beherrscht: Der Schutz der Grossen, die Zer- 
schmetterung der Kleinen. Kann der naive »Mann aus dem Volke« 
nicht dahin kommen, zu verstehen, dass es nur eine Raison in der 
Weltgeschichte gibt, das ist : Sich opfern fur eine Menge von Dingen, 
die er niemals geniessen wird, sich opfern fur politische Combinationen, 
die auf ihn gar nicht achten. 

Auch die Schafe gehen ins Schlachthaus, aber sie wåhlen 
wenigstens nicht den Schlåchter, der sie tOdten, den Bourgeois, der 
sie verzehren wird. Sie sagen nichts, sie hoffen nichts. Mehr Schaf 
als die Schafe, ernennt der Wåhler seinen Schlåchter und wåhlt seinen 
Bourgeois. Fur dieses Recht hat er Revolutionen gemacht. 



O Leser, unsagbarer Schwachkopf, armer Teufel, wenn Du statt 
den absurden Honigreden anzuhången, welche Dir jeden Morgen fur 
einen Sou in schwarzen oder weissen oder rothen Blåttern verkauft 
werden, wenn Du, anstatt den eingebil deten Schmeicheleien, womit 
man Deine Eitelkeit verzårtelt, wo man vor Deiner jåmmerlichen 
Souverånitåt auf den Fussen liegt, wenn Du Dich, statt in die unbe- 
holfenen Betrugereien der Wahlprogramme vor Deinem Kamin in irgend 
einen ernsten Denker vertiefen wurdest, vielleicht wiirdest Du da er- 
staunliche und nutzlichere Dinge erfahren, vielleicht wurdest Du dann 
weniger rasch Deinen schwarzen Gehrock und Deine wurdevolle Miene 
aufsetzen, um zur verderblichen Wahlurne zu eilen, wo Du im Vor- 
hinein — welchen Namen Du auch hineinlegst — die Dienste eines 
Anderen besorgst. Diese Denker wurden Dir sagen, dass die Politik ein 
ungeheurer Schwindel ist, dass dort jede wahre Erregung verhOhnt, 
jede einfache Vernunft verlacht wird und dass Du dort gar nichts zu 
suchen hast, Du, dessen Rechnung im grossen Buch der menschlichen 
Geschicke besiegelt ist! 

Traume danach, wenn Du willst, von lichtvollen Paradiesen, 
von unmOglichen Briiderlichkeiten, von unwirklichen Gliickszustånden. 
Tråumen thut wohl, es besånftigt das Leiden. Aber menge nie den 
Menschen in Deinen Traum, denn wo der Mensch in Action tritt, 
ersteht Schmerz, Hass, Mord. Erinnere Dich besonders, dass die Leute, 
welche um Deine Stimme ansuchen, unhonnete Leute sind, die mehr 
versprechen, als sie halten, als sie zu halten Macht haben. Der Mensch, 
den Du erhebst, repråsentirt nicht Dein Elend, nicht Deine Sehnsucht, 
nichts von Dir. Er repråsentirt nur seine eigenen Leidenschaften, seine 
eigenen Interessen, die den Deinen entgegengesezt sind. Also, kehre 
heim, guter Junge, und mache dem allgemeinen Wahlrecht Streik. 
Du hast nichts dabei zu verlieren, sage ich Dir, und vielleicht macht 
es Dir eine zeitlang Vergnugen. Auf der Schwelle Deines Hauses 
sitzend, das den politischen Hausirern verschlossen bleibt, lass das 
Gedrånge an Dir vorbeidefiliren und rauche in Ruhe Deine Pfeife. 

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5 i6 MIRBEAU. 

Und wenn in irgend einem verborgenen Winkel ein Mensch 
lebte, fåhig, Dich zu leiten und zu lieben, lass Dir's seinetwegen nicht 
leid thun. Er wåre auf seine Ehre zu eifersuchtig, um sich in den 
schmutzigen Streit der Parteien zu mengen, zu stolz, um von Dir ein 
Mandat zu ver langen, welches Du sonst der cynischen Grosssprecherei, 
der Beschimpfung und der Luge gewåhrst. 

Deshalb sag' ich Dir, mein Junge, kehre heim und streike! 



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N O T I Z E N. 



CHRONIK. 

»Bucher! . . . Die hab* ich 
g'fr essen! ... Die schreibt 
ein Jud vom andern ab.« 
Diese Ausspruche, welche in- 
zwischen eine europåische Beruhmt- 
heit erlangt haben, riihren be- 
kanntlich vom Abgeordneten Her- 
mann Bielohlawek her. Nichts ist 
leichter als angesichts dieser Såtze 
den Satyriker zu spielen. Fast sehen 
sie aus wie bestellte Sujets fur die 
gewissen politischen Ironiker. . . . 
Ist es gestattet, in diesen allgemeinen 
Chorus nicht miteinzustimmen ? 
Darf man fur diese lapidaren Såtze 
ein paar Milderungsgrunde an- 
fuhren, ganz unbetråchtliche, partei- 
lose, wenn's erlaubt ist, psycho- 
logische Milderungsgrunde? Bei 
welcher Gelegenheit wurde dieser 
Ausspruch gethan? Geråde als der 
Abgeordnete Leo Verkauf ein social- 
politisches Werk citiren wollte, es 
handelte sich um eine statistische 
Arbeit von Rauchberg. Nun, das 
Werk von Rauchberg kenne ich 
nicht, ich gesteh's, ebenso wie Herr 
Bielohlawek. Vielleicht ist es ein 
vortreffliches, nutzliches Buch. Aber 
sonst, Hånd aufs Herz: Gibt es 
noch einen Literaturzweig, wo so 
oft mit Wasser gekocht wird als 
in verschiedenen socialpolitischen, 
socialethischen, socialphilosophi- 
schen Werken? Dieses Gebiet ist 
heutzutage das eigentliche Terrain 
all Derer, die furs Leben uns 
nichts zu sagen haben und ihre 
absolute Sterilitet wissenschaftlich 
vermummen. Der bekannte Ge- 
lehrte, welcher aus tausend Buchern 



ein tausendunderstes macht, ist 
er nicht zweifellos ein social- 
politischer Schriftsteller ? Was fur 
ein Geschrei hat man erhoben als 
man erfuhr, dass d'Annunzio ein 
paar Seiten stillschweigend citirt 
hatte, aber hier, in diesen Ge- 
bieten lebt mindestens die H&lfte, 
sagen wir: die Hålfte vom heim- 
lichen Knuspern an fremder Leute 
Werk. Schliesslich compiliren sich 
die Betreffenden auch eine origi- 
nale Meinung. Der Typus Weisen- 
grun ist sehr verbreitet ... In 
einem kleinen Punkte hat ja Herr 
Bielohlawek Unrecht, wenigstens 
formell. Auf diesem Gebiet schreibt 
nicht nur ein »Jud« vom andern 
ab, zuweilen kann der Eine auch 
ein Christ sein, wenigstens formell. 
Aber Alles in Allem hat Herr 
Bielohlawek eine bemerkenswerthe 
Aufrichtigkeit gesagt. Welcher 
»Abschreiber« wurde einen solenen 
Urton anschlagen? . . . Wenn 
man an die erkunstelten Hoch- 
gespråche dieser »wissenschaft- 
lichen« Geister denkt, wird man 
unseren Hermann milder beur- 
theilen. Sie sind ja geråde nicht 
sehr »fortschrittlich«, diese UrtOne 
des Herrn Bielohlawek, nicht ge- 
råde Beweise unserer neu ent- 
deckten Osterreichischen Cultur, 
aber . . . immerhin UrtOne. Das 
ist auch nicht ohne Werth. 

sL gr> 



BOCHER. 

Der Wiener »HUGO WOLF- 
VEREIN« hat im Verlage von 
Fischer in Berlin eine Samm- 



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5i8 



NOTIZEN. 



lung von Aufsåtzen iiber die 
kiinstlerische Eigenart und Bedeu- 
tung des von ihm patronisirten 
musikalischen Lyrikers erscheinen 
lassen. Wir behalten uns vor, dem- 
nåchst in der Wiener Rundschau 
Hugo Wolfs Lieder einer ein- 
gehenden Beurtheilung zu unter- 
ziehen. Allerwårts in Deutschland 
finden sich Gruppen enthusiastischer 
und mit grosser Heftigkeit ihm er- 
gebener Anhånger. Seine rein 
lyrischen Gebilde haben zum ersten- 
mal das merkwiirdige Phånomen 
gezeitigt, dass fur einen Lieder- 
componisten mit der Glut und 
dem Eifer gefochten und agitirt 
wird, die sonst nur Religions- 
stifter und Sectenbegrunder zu 
entfachen imstande sind. Es ist 
also nicht zu bezweifeln, dass 
Hugo Wolf, nachdem sich unter 
den Musikern, die unter seinem 
Banne stehen, Kunstler von der 
Qualitåt eines Josef Schalk finden, 
einen Ton angeschlagen hat, der 
fein organisirte Naturen unserer 
Zeit als etwas Erwartetes, Er- 
sehntes trifft. Von den sechs Ver- 
fassern, deren Beitråge die ge- 
nannte Publication enthålt, hat 
Josef Schalk die eingehendste, ver- 
ståndigste und anschaulichste Be- 
sprechung des Wesens und der 
Verfahrungsart der Wolf senen 
Kunst geliefert. Man liest bei ihm 
den fein empfindenden, vollendeten 
Musiker selbst aus jeder Zeile 
heraus, die man nicht selbst unter- 
schreiben mOchte. Alle kritischen 
Bannertråger Wolfs stimmen darin 
iiberein, dass sie das Wesen 
seiner Kunst als die Uebertragung 
der Wagner' schen Principien des 
dramatischen Ausdruckes auf das 
Lied bezeichnen. Demgemåss lege 
Hugo Wolf das Hauptgewicht auf 



die richtige Declamation, erfinde 
seine Melodie aus der Grund- 
stimmung des Gedichtes heraus, 
emancipire das Clavier als »be- 
gleitendes« Instrument und vveise 
ihm die Rolle des Wagner schen 
Orchesters zu. Also das entschei- 
dende Uebergewicht liegt bei 
Wolf auf dem Charakteristischen 
des Liedes. Das melodische Ele- 
ment soli auch in dieser kleinen 
Kunstform genau nur soweit 
zur Geltung kommen, als die 
detaillirtesten Anforderungen der 
Dichtung ihm Raum gewåhren. 
Fur den bestimmten und den be- 
stimmenden Eindruck, den die 
Lieder Wolfs hinterlassen, ist 
allerdings die durchaus gerecht- 
fertigte Annahme, ja die Gewissheit, 
dass Wagner gegen eine derartig 
iibergreifende Anwendung seiner, 
aus dem Wesen der dramatischen, 
nicht der lyrischen Kunst ge- 
schOpften Principien lebhaft prote- 
stirt haben wiirde, nicht ent- 
scheidend. Wolf ist als kiinstlerische 
Erscheinung reich genug, um mit 
ihm Gleichgestimmte in den Kreis 
seines Wesens und Empfindens, 
seines Singens und Sagens hinein- 
zuziehen. Er ist auch als Mensch 
autokratisch genug, um diesen 
wenigen Verstehenden und ihm 
Nachempfindenden eine hiibsche 
Anzahl jener geistigen Nullen 
anzureihen, bei denen es nur 
Zufallssache ist, auf welches 
Schlagvvort sie eingeschworen 
werden. Wer sich in Wolfs 
Art eingelebt und in ihr eine 
begluckende, kiinstlerische Be- 
friedigung findet, wird sich 
sicher niemals den Vorwurf 
zu machen haben, dem Trivialen, 
dem GewOhnlichen, dem Geist- 
losen oder Speculativen zum 



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NOTIZEN. 



519 



Opfer gefallen zu sein. Seine 
Liedercompositionen bedeuten eine 
interessante, bisweilen sehr fesselnde 
Abart, eine Specialitåt. Gegen die 
Allgemeingiltigkeit, gegen die Su- 
perioritåt Wolfs uber Schubert, 
Schumann, wie sie in diesen Aus- 
fuhrungen in Anspruch genommen 
wird, mOchten wir denn doch ent- 
schieden protestiren. Bezeichnend 
ist es ubrigens, dass der Name 
Johannes Brahms', als einer qualité 
negligable, in dem ganzen Buche 
nur einmal fliichtig genannt wird. 
Wahrscheinlich weil er einmal 
declamirte »Wie bist Du meine 
KOnigin«. Also alle diese Herren, 
die Wolf gegenuber so hellsichtig 
sind, sehen angesichts des Brahms- 
schen Liederschatzes nur in einen 
schwarzen [Abgrund? Eingeleitet 
ist die Senrift durch einen die 
PersOnlichkeit Wolfs sehr gliick- 
lich, seine Kunst aber sehr schief 
charakterisirenden Aufsatz Hermann 
Bahrs. Ist es wirklich die Schuld 
Schuberts, wenn Bahr durch seine 
Composition »eines geliebten Ge- 
dichtes« (also etwa »An die 
Thuren will ich schleichen«) 
»genirt« wird, wåhrend nach 
seiner Meinung nur Wolf es ver- 
stene, »die naturliche Musik dieser 
Verse« zu machen und diesen 
Worten »Hånde und Augen« an- 
zucomponiren ? Wenn Hermann 
Bahr durchaus in musikalischen 
Dingen nach dem kritischen Richt- 
schwert greifen muss, so thåte er 
wohl, sich fruher zu vergewissern, 
dass er den Griff nicht mit der 
Schneide verwechsle. Diesmal hat 
er sich geschnitten. Am Schlusse 
wunscht der Verfasser, »die Na- 
tion mOge sich Hugo Wolfs 
wurdig erweisen«. Ein 
Satz, der Todte zum Lachen reizen 



kønnte. »Einverstanden« hore ich 
Hermann Bahr sagen. G. S. 

PAUL SCHEERBART: DerTod 
der Barmekiden. Arabischer 
Haremsroman. Verlag Kreisende 
Ringe, Leipzig 1898. 

Dieser Roman des sehr ver- 
schrieenen Phantasten hat mich 
— ich muss es gestehen — ent- 
zuckt. Allen Schwerverdauenden, 
die mit den dicken Phrasen 
ethischer und åsthetischer Dog- 
men vollgepfropft sind, kann man 
Paul Scheerbart als Digestions- 
mi ttel verschreiben. Seine Welt- 
anschauung ist die, keine Welt- 
anschauung zu haben. Man versuche 
um Himmelswillen nicht, auch in 
den Sprungen und tollen Gesången 
dieses Excentriques verborgene 
Dogmen zu wittern. Man freue 
sich uber den Rastlosen, Unruhigen, 
Bewegten, der wirklich die Hohe 
erreicht zu haben scheint, nichts 
ernst zu nehmen. Seine gute Wir- 
kung ist die, dass er den Leser 
von sich selbst weg stOsst, ohne 
ihn in eine neue Richtung zu 
zwingen. Er will bios befreien, 
den Muden und Schwerfålligen 
flinke Beine machen. Ob sie dann 
zum Fliegen kommen oder bios 
taumeln oder gar zusammensinken, 
ist ihm sehr gleichgiltig. Das 
unterscheidet ihn vortheilhaft oder 
unvortheilhaft — wie man es 
nehmen will — von Anderen, die 
frei machen, um wieder zu fesseln. 

Mitterwurzer soli einmal gesagt 
haben, dass er seine Natur identisch 
fuhle mit der der Schwerttånzer, 
Clowns und Schlangenmenschen. 
Daran møge man denken, bevor 
man Scheerbart und seine Buch- 
capriole aus der Kunst verbannt. 



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520 



NOTIZFN. 



VIVE MONTMARTRE! Von 
K. E. Schmidt. Verlag Gebriider 
Knauer, Frankfurt a. M. Mit einem 
Titelblatt von Ch. Léandre. 

Erstens ein verlockender Titel. 
Zweitens ein verlockender Autor, 
sozusagen: ein Stammburger von 
Montmartre, drittens ein ver- 
lockendes Titelblatt. 

Die Deutschen in Paris gehoren 
zu dem besten Europåerthum, vom 
Reichskanzler Hohenlohe an, der 
seinen ståndigen Wohnsitz in Paris 
hat, bis zu K. E. Schmidt, der 
nach jahrelangen Weltreisen in 
Montmartre gelandet ist, um mit 
Léandre, dem genialen Zeichner 
des »Rire« oder Carabin, dessen 
Serpentinentånzerinnen wir in der 
Secession bewundern, allabendlich 
im Café de la nouvelle Athenes 
seine Schachpartie zu spielen. — 
Die Schilderungen von K. E. 
Schmidt sind in Hemdårmeln 
geschrieben, ungezwungen, frisch, 
thatsachenreich, manchmal lang- 
weilig, ofter sehr gemiithlich. Nichts 



von verlogener Quartier - latin- 
Romantik, ein aufrichtiges, nicht 
geråde tiefes Buch, woraus man 
aber ganz Montmartre kennen 
lernt. — Wieso es kommt, dass 
dieses unterhaltsame Buch in 
einem etwas schwerfålligen, vier- 
eckigen Deutsch geschrieben ist, 
kann nicht recht erklårt werden. 
Der Autor, ein Bummier uber die 
ganze Welt, hat im Leben ein 
leichtes Herz. Wie sollte sich 
aber ein Lebenskunstler zum Sprach- 
ktinstler degradiren? Auch die 
Themen, von Montmartre ge- 
nommen, sind keine tragischen. 
(Auf Montmartre sind auch die 
»tragischen« Themen nicht tra- 
gisch.) Ihre sachliche Heiterkeit 
wird uns ja auch durch Schmidt 
mitgetheilt. Wenn die Sachen sti- 
listisch nicht so leicht sind, so 
wird es vielleicht nicht am Autor 
liegen. Es låsst sich im Deutschen 
uberhaupt nicht leicht uber Mont- 
martre schreiben. 

st. gr. 



Herausgeber: Gustav Schoenaich, Felix Rappaport. 
Verantwortlicher Redacteur: Gustav Schoenaich. 

K. k. Hoftheatcr-Druckerei, Wien, I., Wollzcile 17. (Verantwortlich A. Rimrich.) 



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I 



^fiener J^undsehau. 



1. JUNI 1898. 



DIE NAZARENER. 
Von DR. EUGEN HEINRICH SCHMITT (Budapest). 

Von Zeit zu Zeit tauchen Nachrichten auf, dass in Ungarn oder 
auch in Serbien Militårpflichtige die Waffenfolge verweigern, infolge- 
dessen zu langjåhrigem Kerker verurtheilt werden, in welchem sie 
schmachten, bis sie nach wiederholter vergeblicher Aufforderung die 
grøsste Zeit ihrer Militårpflichtigkeit im Gefångnisse abgesessen, um 
endlich nach 12- bis 16jåhriger Haft als kørperlich gebrochen und 
untauglich entlassen zu werden. Man nennt die Leute Nazarener. 
Sie weigern sich Waffen zu nehmen und Eid zu leisten, mit der Be- 
grflndung, dass Christus keinerlei Menschenmord, auch nicht den auf 
behOrdlichen Befehl gestattet håbe, dass er vielmehr befohlen håbe, 
selbst unsere Feinde zu lieben ; dass er mit vOllig klaren, vOllig unzwei- 
deutigen Worten den Eid verboten håbe. (Ev. Matth. 5. V. 33 — 37.) 

Wer sind diese eigenthumlichen Menschen, die inmitten des in 
Waffen starrenden, christlichen Europa sich auf die Worte des Meisters 
berufen und dieselben mit dem unerschutterlichen Heroismus der Blut- 
zeugen der Urkirche befolgen ? Begeben wir uns einmal in ihren Kreis, 
um den Anachronismus nåher zu studiren. 

In einem Betsaal mit schlichten Banken, an dessen Ende sich 
ein Tisch befindet, versammeln sich Månner und Weiber, die einen in 
der linken, die anderen in der rechten Bankreihe. Um den Tisch nehmen 
auf Stuhlen die Åltesten der Gemeinde Platz. Es sind einfache Leute 
in schlichten, meist årmlichen Gewåndern. Ein gewisser feierlicher 
Ernst pragt sich aus in ihren Zugen, aber auch ein tiefer Friede und 
eine eigenthiimliche Heiterkeit, die aber in dem schwårmerischen 
Blicke wie der Abglanz aus einer anderen Welt erscheint. Ihr ganzes 
Auftreten macht auf uns den Eindruck einer ganz anderen Welt, einer 
långstvergangenen. Ein alterer Mann vertheilt Bucher unter den An- 
wesenden, es sind Gesangsbucher, die die Aufschrift: »Die Zionsharfe« 

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522 



SCHMITT. 



tragen, ferner Bibeln. Einer der Åltesten halt eine kurze Ansprache 
und man beginnt den Gottesdienst mit einem Gebete, dem Vatenmser. 
Dann bezeichnet er einen Gesang, den die Gemeinde anstimmt. Nach 
einer Reihe von Gesangen tritt derselbe oder auch ein anderer der Åltesten 
hervor und beginnt eine Predigt iiber einen heiligen Text, der den 
Evangelien oder den Propheten entnommen ist. Vortråge wechseln so 
mit Gesangen und Gebeten. Die Leute sind nicht so sehr eine Confession 
als vielmehr vor Allem eine Brudergemeinde, die sich zur Aufgabe 
gesetzt, ein Leben zu fuhren, wie es den Vorschriften der Evangelien 
entspricht. Es sind meist arme Leute, aber es gibt keine Nothleidenden, 
keine Hungernden unter ihnen. Wenn wirkliche Noth eintritt fur irgend 
einen dieser arbeitsamen und genugsamen Menschen, so halt es die 
Brudergemeinde fur ihre heiligste Pflicht, dass jeder Einzelne nach 
Massgabe seiner Mittel fur die Unterstiitzung desselben beitrage, so 
lange, bis sich seine Lage gebessert. Die ganze Gemeinde ist eine 
einzige Familie. Der ubrigen Welt gegeniiber, die sie als Heiden 
betrachten, verhalten sie sich auch mit der grOssten Sanftmuth und 
einem immer dienstbereiten Wohlwollen. Sie streiten nicht, sie er- 
widern Beschimpfungen, oder auch thåtliche Insulte niemals mit 
Gleichem. Sie vergelten Boses nie mit BOsem, eingedenk der Worte 
des Evangeliums: »Liebet Eure Feinde, segnet die Euch fluchen, thut 
Gutes denen, die Euch beleidigen und verfolgen.« Sie handeln nie 
viber Waren. Wenn die Leute den von ihnen angebotenen billigen 
Preis nicht gewåhren wollen und oft ein hOchst unbilliger niederer 
geboten wird, antwortet der Nazarener: Nimm es im Namen Gottes 
hin, wenn Du das fur billig erachtest und Deine Mittel Dir nicht er- 
lauben, mehr zu geben. Es ist dies eine so bekannte Erscheinung, 
dass ich einen Mann im ungarischen Tieflande kannte, den man fur 
einen Nazarener hielt, weil er nicht fluchte (eine dort hOchst allge- 
meine Unsitte) und nicht feilschte. Sie machen so die Worte Christi 
lebendig: »Widerstehe nicht dem Obel,« und »gib dem, der etwas 
von Dir verlangt«. Nur im oben erwåhnten Punkt stossen sie zu- 
sammen mit den staatlichen BehOrden. Sie verweigern den Eid und 
halten den Menschenmord fur vOllig unvereinbar mit der Lebensfuhrung 
eines Christen. Wer in ihre Gemeinde eintreten will, muss sich in 
einen vOllig neuen Menschen umwandeln. Er muss die Schlechtigkeit 
seiner bisherigen Grundsåtze bekennen und alles Unrecht, welches er 
bis dahin gethan, mit der That gutmachen. Der Bekehrte bekennt 
den von der BehOrde nicht entdeckten Diebstahl oder Todschlag offen, 
wird infolgedessen verurtheilt und geht mit leichtem gehobenen Herzen 
in den Kerker; nachdem er denselben abgebtisst und hiedurch aber 
»informiert ist nach der Moral« der ubrigen sogenannten christlichen Welt, 
tritt er vor die Brudergemeinde, die ihn mit liebevoller Freude in ihre 
Arme nimmt, ein irdisches Vorbild jenes himmlischen Vaters der Parabel, 
der dem heimgekehrten verlorenen Sohne sein Festmahl bereitet. 

Die Secte taucht auf in der ersten Hålfte des Jahrhunderts und 
ihr Grunder ist ein protestantischer Prediger Samuel Heinrich 



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DIE NAZARENER. 



523 



FrØhlich, geboren in Brugg in der Schweiz im Jahre 1803. Der 
tiefinnig religiøs gesinnte Mann bricht mit seiner Kirchengemeinschaft 
und schliesst sich einer englischen baptistischen Gemeinschaft an, wird 
Missionår der Continental Missions-Gesellschaft, deren Lehren er jedoch 
im Sinne der Evangelien zu reinigen und zu vollenden bestrebt ist. 
Frøhlich grundete Gemeinden in der Schweiz, in Wurttemberg und 
Baden, wo man die Anhånger »Neutåufer« nennt. Den måchtigsten 
Anhang jedoch gewinnt die Glaubensgemeinschaft, deren Mitglieder 
sich selbst die »Glaubenden in Christo« nennen, in Ungarn. Ein 
Schmiedgeselle namens Ludwig Hemsey mach te 1842, nach Anderen 
noch fruher, in der Schweiz die Bekanntschaft Frøhlichs und brachte 
die Lehre nach Ungarn. Er bekehrte in Stuhlweissenburg einen Fran- 
ciscaner-Mønch, namens Gå spår, einen der beriihmtesten ungarischen 
Kanzelredner jener Zeit, auf den der schlichte Schmiedgeselle mit dem 
bleichen Angesicht und den leuchtenden Augen den tiefsten Eindruck 
machte. Hemsey verbreitete die Lehre dann in den Comitaten jenseits der 
Donau. Spåter gegen 1846 pilgert ein zweiter Handwerker Josef Bella 
zu FrØhlich, der in Budapest, dann im Liptauer Comitate Anhånger ge- 
winnt. Von der absolutistischen Regierung 1850 sammt seinen Anhångern 
verfolgt und in den Kerker geworfen, fluen tete er sich dann nach Amerika. 
Der måchtigste Apostel der Lehre in Ungarn, der dem Nazarenerthum 
massenhaft Anhånger gewann, ist aber Josef Kai mår (fruher Kramer) 
aus Pacsér im Båcser Comitate. Er nahm Theil am ungarischen Frei- 
heitskriege von 1848 und wird in der Gefangenschaft mit der Lehre 
bekannt. Aus dem Gefångnis entlassen, verkundet er die Lehre erst 
in Pacsér und Umgebung, dann von Dorf zu Dorf wandelnd, wo das 
Volk ihm in Massen zustrømt und seine feurigen Predigten hørt, die 
sich besonders gegen die Geistlichkeit wenden. Die Behørde kerkert 
ihn zuerst in Zombor, dann in Ofen als Aufwiegler ein, und da sich 
fur eine Lehre des Nichtwiderstandes die Beweise fur Aufwiegelung 
zur Gewaltthat etwas schwer erbringen lassen, låsst man Kaimår fur 
irrsinnig erklåren und bringt ihn nach Wien in die Irrenanstalt, wo 
man ihn vom Jahre 1855 bis zum Jahre 1862, alsb sieben Jahre lang 
gefangen halt. Im Jahre 1863 befindet er sich in Pacsér, nun aber als 
Gegner alier dogmatisch positiven Religion, was auch zu seiner Ab- 
trennung von der Nazarenergemeinde fuhrt. Er wurde Schreiber bei 
dem Amte der Donauregulierung, und soli 1877 noch gelebt haben. 
Die måchtigste ungarische Nazarenergemeinde ist in Hédmezø-Våsårhely« 
Von Ungarn aus verbreitete sich der Nazarenismus auf benachbarte 
Gebiete, nach Croatien, nach Syrmien, nach Serbien, auch nach Wien, 
wo ebenfalls eine Nazarenergemeinde existiert, die in der Wallgasse 
ihre Zusammenkunfte halt. 

Wir haben gesehen, dass Samuel Frøhlich von englischen Bap- 
tisten ausgegangen ist, und anfangs als deren Missionår functionierte. 
Es sind auch die Grundgedanken des Nazarenerthums keine SchØpfung 
Frøhlichs, sondern es sind die Grundsåtze der alten Baptistengemeinden, 
wie sie in åhnlicher Weise zur Zeit der Reformation auftraten in der 

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524 



SCHMITT. 



urepriinglichen Reinheit der Lehre. Es ist also die Lehre der Naza- 
rener keine Neuschøpfung, sondern sie fuhrt zu einer Verkettung von 
Secten und Traditionen, die man bis in die Zeiten des Urchristenthums 
verfolgen kann. Die Staatskirchen waren stets bemQht, diese Secten 
als unerhørte Neuerungen und als SchOpfung einzelner Menschen hin- 
zustellen, obschon sich in vielen Fallen der Ursprung solcher Secten 
mit keinem Namen verbinden lasst und die sogenannten Secten- 
grunder auch nur uralte Traditionen wieder lebendig machten, oder 
vielmehr aus der Verborgenheit des stillen geheimen Cultus ans Tages- 
licht der Offentlichkeit zu ziehen die Kuhnheit hatten, mit dem Feuer- 
eifer starker Individualitåten, was dann auch immer wieder die grau- 
samsten Verfolgungen der christlichen Staaten und der christlichen 
Kirchen veranlasst hat. Es ist aber auch begreiflich, dass jene Secten 
wieder die Anhånger dieser christlichen Kirchen nicht fur besser er- 
ach teten, als die Anhånger der heidnischen Staatsreligion und ihnen 
den Vorwurf machten,, dass sie ihre Herrschaft mit Hilfe alier 
Verbrechen aufrecht erhielten, und dass ihre Priester Baalspriester 
seien (das heisst Priester der Gewaltherrschaft, denn Baal bedeutet 
Herr). So finden wir schon in den ersten Jahrhunderten die Novatianer 
und Katharer (d. h. die Anhånger der reinen Lehre), dann die Monta- 
nisten, Donatisten, Paulicianer, die albigensischen Katharer, die Gottes- 
freunde oder Bogumilen, die Waldenser oder Tisserands, die Picarden, 
Spiritualen, Baptisten oder Wiedertåufer, die Mennonisten und Quåcker. 
Auch die Taboriten fuhren auf Waldensischen Ursprung zuriick, und 
die Måhrischen Bruder, dann die Herrenhuter, die sich von diesen ab- 
zweigen, so wie ferner eine Reihe russischer Secten, ich nenne nur die in 
der Gegenwart so grausam verfolgten Duhoborzen, die alle denselben alt- 
evangelischen Charakterzug zeigen, und in ihrer Lebensfuhrung und Ge- 
meindeverfassung unleugbar grosse Åhnlichkeit mit den urchristlichen Ge- 
meinden zeigen. Es sind wiederholt Falle vorgekommen, dass Anhånger 
solcher Secten, deren Grundsatz ursprunglich die Duldung alles Leidens 
und die Lehre der Gewaltlosigkeit war, zum Schwerte griffen, also in das 
Verbrechen ihrer Feinde verfielen, aber uberall lasst sich nachweisen, 
dass nur die unmenschlichste Verfolgung ihrer »christlich rechtglåubigen« 
kirchlichen Zeitgenossen sie in letzter Verzweiflung zu den Waffen greifen 
Hess. So die Paulicianer und Donatisten des romischen Reiches, so die 
Albigenser und Waldenser, so die Baptisten der Reformationszeit, im Auf- 
stande von Mtinster, die lange mit friedlichem Duldermuth die entmenschte 
Verfolgung ertrugen, in welcher Katholiken und Protestanten in riihriger 
Einmiithigkeit miteinander wetteiferten. Die Geschichte dieser urchrist- 
lichen Secten ist eine Leidensgeschichte ohne gleichen, und wahrlich an 
ihnen sind die Worte der Verheissung Christi in Erfullung gegangen: 
»Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wølfe.« »Wenn 
sie mich gehasst haben, werden sie auch euch hassen, wenn sie mich 
verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen.« Aber es erfullt sich 
an ihnen auch die Zusage: »Sie haben mich umsonst gehasst.« »Der 
glimmende Docht wird nicht erløschen, das geknickte Rohr wird nicht 



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DIE NAZARENER. 525 

zerbrochen werden, bis alles vollendet ist« : bis an die Stelle der 
blutigen Herrschaft des »Thieres« jene gewaltlose Herrschaft unend- 
lichen Erbarmens tritt. 

Ich håbe vornehmlich die Lichtseiten jener Secten und hier 
vor allem der Nazarener hervorgekehrt, mit denen sie der fibrigen 
sogenannten christlichen Welt nur als Muster voranleuchten in Ge- 
sinnung und Lebensfuhrung. Ich will nun versuchen, eben so unbe- 
fangen die Schwåchen und Schattenseiten derselben darzustellen. 

Diese Schwåchen sind im Wesentlichen wieder nur die des 
Urchristenthums, die vemrsachten, dass diese so måchtig aufblQhende 
Bewegung die Beute der romischen und der byzantinischen Gewalt- 
herren wurde, nicht bloss durch deren List und Gewalt oder den Trug 
der Priester, wie manche die Sache aufzufassen geneigt sind, sondern 
vor allem als Folge eigenen inneren Widerspruches und der Ungereiftheit 
und Kindlichkeit ihrer Weltanschauung und Lehre. Diese Kritik wird 
uns aber gleichzeitig in grøssere Perspective, in eine Zukunftsperspec- 
tive hineinfuhren, in welcher sich die Entfaltung edler Menschlichkeit auf 
Grund einer geklårten Weltanschauung auch in ungleich reinerer, 
geklårterer Form vollziehen wird. 

Christus bekennt, dass das, was dem Geringsten der Menschen- 
bruder geschehe, ihm geschehe: er betrachtet sein Ich, sein geistiges 
Leben so als allumfassendes gottliches Leben, als ein Leben der Liebe. 
Im Selbstbewusstsein Christi fållt das gottliche und das menschliche 
Leben zusammen und ist das Himmelreich, das Gottesreich inwendig 
in uns. Nicht so im Selbstbewusstsein des Urchristen, der sein Ich 
als sundiges schlechtes, ungøttliches bekennt und das Heil darin sucht, 
dass er sich åusserlich vor dem Herrn beugt. In solcher Fassungwird 
dieser Herr selbst zu einem åusserlichen Herrn, zu einem »Fursten 
dieser Welt«, zu einem grausamen, ja entsetzlichen Weltenrichter. 
Die Gewaltherrschaft und Gewaltausubung, die entsetzlichste Grausamkeit, 
die der Urchrist auf Erden verdammt, und deren richtendes Gegenbtld, 
eben jener mit der Domenkrone der Liebe und des unendlichen Erbarmens 
geschmuckte Christus ist, wird geheiligt im Himmel im »erhOhten« und 
»verherrlichten« Christus, im unerbittlichen Weltenrichter und durch 
ihn notwendig auch wieder auf Erden. Die Kirchen sind in dieser 
Hinsicht wenigstens consequenter als das Urchristenthum und nur die 
folgerichtige Entfaltung dieser Lehre des åusseren Herrn und Fursten 
fiber diese Welt, eine Wfirde, die Satan dem Christus am Berge (in 
jenem genialen Symbole) anbot und die Christus mit Abscheu zurfick- 
wies. Dieselben Secten, die jede Gewaltthat und Vergeltung, die von 
Menschen ausgefibt wird, verdammen, wiegen sich dann doch wieder 
in chiliastischen Tråumen, in den Hoffnungen des tausendjåhrigen 
Reiche«, welches derselbe Christus, der in den Evangelien alle Erden- 
herrlichkeit uberstrahlt und richtet durch die heilige Majeståt seiner 
duldenden Milde, nun an der Spitze eines himmlischen Gewaltheeres 
verwirklichen soli, und der dennoch seine Feinde mit den Waffen åusserer 
Gewalt aberwåltigend, nun als entsetzlich grausamer Weltenrichter 



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526 SCHM1TT. 

erscheint, der iiber schwache GeschOpfe ewige Qualen verhångt. In 
solenen Tråumereien wiegen sich auch die Nazarener. Ich hatte einmal 
Gelegenheit, mit den Åltesten einer Nazarenergemeinde uber diesen 
Punkt zu conferieren. 

Ich sprach ihnen meine Hochachtung aus vor den Lebens- 
grundsåtzen, die sie befolgten, bedauerte jedoch, dass sie die Lehre 
Christi allzubildlich buchståblich verstanden und so, ohne es zu wissen, 
in Ansichten verfielen, die den årgsten Gotteslåsterungen gleichkåmen. 
Ich stellte an sie die Frage, ob man von Gott etwas aussagen durfe, 
was bei den Menschen als Schlechtigkeit und Verworfenheit verdammt 
werden miisse. Als sie antworteten, dass man solches nicht von Gott 
behaupten durfe, stellte ich an sie nun die fernere Frage, ob ein 
Mensch, der sich an seinen Beleidigern råche, ja unmenschlich grausam 
råche, wohl ein guter oder ein schlechter Mensch zu nennen sei und 
auf die unzweifelhafte Antwort auf diese Frage, dass es also nach 
ihrem eigenen Zugeståndnisse die årgste Gotteslåsterung sei, wenn man 
Gott eine so unmenschlich grausame Vergeltung an schwachen Ge- 
schOpfen zuschreibe, verliess die Leute ihre Consequenz und sie meinten, 
bei Gott sei das etwas ganz Anderes, der konne machen, was er fur 
gut halte. 

Indem das Verbot des Waffentragens fur die Secte auch mehr 
ein åusseres Gebot ist, als eine aus dem ganzen Geist ih rer Weltan- 
schauung sich ergebende Lebensregel, so zeigt ihr Verhalten in dieser 
Beziehung auch eine gewisse Halbheit und sind die Anhånger Leo 
Tolstois oder auch die von diesem Propheten wesentlich beeinflussten 
russischen Duhoborzen oder Geisteskåmpfer viel consequenter. Die 
Nazarener verweigern zwar den Eid und den Gebrauch der Waffe, 
aber sie sind zum Militårdienst bei der Sanitåt oder auch im Trainwesen und 
uberhaupt unter der Bedingung geneigt, dass sie die Waffe nicht zu hand- 
haben brauchen. Sie dulden es dann, dass man ihnen dieselbe (meist 
durch einen Kameraden, um der Form zu genugen, dass sie selbst die 
Waffe nicht in die Hånd nehmen) umhången lasse. Solche Compro- 
misse haben unter gutmuthigen Commandanten schon viele Nazarener 
vor langjåhrigem Gefångnis bewahrt. Ja unlångst bat sogar eine 
Deputation ungarischer Nazarener den Kønig um die Gewåhrung der 
Gunst, nur unter dieser Form dienen zu durfen, was, als reglement- 
widriges Privilegium naturlich nicht gewåhrt werden konnte. Um flir 
ihre Bitte einen måchtigen Fursprecher zu gewinnen, gieng die Deputation 
auch zu Moriz Jékai. Dieser, Pråsident der Friedensliga, erwiderte 
ihnen jedoch, dass er selbst im Nothfall das Schwert zu ergreifen 
gesonnen sei. Ungleich consequenter als die Nazarener, war der 
Anhånger Leo Tolstois, Albert Skarvan, der sich weigerte, seinen 
Dienst als Militårarzt weiter zu leisten, indem er jede Theilnahme am 
Kriegshandwerk im consequent juridischen Sinne von seinem Stand- 
punkte aus als Mitschuld qualincierte. Eine andere Schattenseite der 
Nazarenergemeinde, die mit dem sittlichen Rigorismus und dem Principe 
des Einhaltens åusserer Moralregeln zusammenhångt, ist die oft klein- 



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DIE NAZARENER. 



527 



liche Controle der Lebensfiihrung, die die Mitglieder der Secte gegen- 
seitig ausuben, was zu vielem »Richten« und zu Médisance Ver- 
anlassung gibt, eine Erscheinung die auch in Kløstern oft beobachtet 
wird. Das alles hångt meiner Ansicht nach mit der Ungereiftheit der 
Weltanschauung, mit ihrem theologischen Grundcharakter zusammen, 
der alles auf åussere Gottesgebote stutzt und ibrer Moral so den 
Stempel der Åusserlichkeit aufdriickt oder docb wenigstens die Ent- 
faltung einer vollkommen verinnerlichten freien Sittlichkeit unmøglich 
macbt. 

Die Weltanschauung dieser schlichten Leute ist ubrigens ganz 
diejenige der Bibel und der Evangelien, und man wird in ihrem Um- 
gang førmlich hinubergezaubert in jene långst niedergegangene Cultur- 
welt. Sie schauen in der kindlich naiven Weise iiber dem Sternenzelt 
den Thron Gottes mit dem himmlischen Hofstaate der Engel und der 
Heiligen — als wenn Giordano Bruno niemals aufgetreten wåre, der 
die krystallene Sphåre jenes Himmels der Theologie zerbrochen hatte 
wie Glas, und dem Menschengeist den Ausblick erøffnet in die 
schrankenlose Sternenunendlichkeit, die keinen Raum mehr hat fur 
solche gemiithvolle Ruheståtten der Phantasie. Ich hatte Gelegenheit, 
mit einem ungarischen Nazarener, der in Sachen seiner Secte lite- 
rarisch thåtig war und ihrer Lehre einen noch mehr communistischen 
Charakter zu verleihen suchte, zu verkebren und bemuhte mich ver- 
gebens, den Mann aus der altevangelischen Enge seines Gesichtskreises 
zu befreien und der Weltanschauung des grossen Nolaners nahe zu 
bringen. Wenn nun dieser relativ gebildetere, inteHectuell in seinen 
Kreisen gewiss iiber die Menge der Gemeinde hervorragende Mann 
sich so verhålt in dieser Frage, so wirft das ein grelles Streiflicht 
auf die anachronistische Beschrånktheit des Gesichtskreises der Secte. 

Ungarn ist der Ort, wo die Nazarener zur grøssten Blute 
gelangten, so wie auch der Baptismus uberhaupt, als dessen Ver- 
zweigung und radical-urchristliche Ausgeslaltung der Nazarenismus zu 
betrachten ist, hier zu ganz besonderer Blute gelangte, und sich heute 
noch rapid verbreitet. Die Ursachen sind allgemeine culturelle und 
sociale. Ungarn ist im Vergleich mit den westlichen Låndern relativ 
culturell zuriickgeblieben ; die specifisch christliche Cultur, die bei den 
germanischen Vølkern ihren Høhepunkt erreicht hat, hat hier keine 
tiefen Wurzeln geschlagen und erscheint oft nur als oberflåchlicher 
Anstrich. Mit dem Verfalle dieser Cultur gehen nun die sittlichen, 
religiøsen und rechtlichen Grundlagen dieser Cultur geråde hier einer 
viel rapideren Aufløsung entgegen, als in den germanischen Låndern. 
Die beispiellose Corruption und Demoralisation des Landes, die von 
einer cynisch-brutalen Gewalt vollzogene Selbstzerstørung alier sittlichen 
Grundanschauungen und rechtlichen Institutionen illustriert diese Be- 
hauptung. Die Urkraft eines inteHectuell sehr hochbefåhigten Volkes 
hat aber zugleich den jungfråulichen Boden bewahrt, trotz der rapiden 
Verderbnis der oberen herrschenden Schichten in Ungarn. Die Paral- 
lele mit der decadenten rømisch-griechischen Cultur ist augenfållig 



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528 SCHMITT. 

und es ist daher auch naturlich, dass fur intellectuell relativ zuruck- 
gebliebene Volksschichten das Eingehen in solche urchristliche Gedanken- 
kreise als normalerer Gang der Entwicklung erscheinen muss, als der 
intellectuelle und sittliche Halt, der sich ihnen bietet bei dem Zu- 
sammenbruche der alten Weltanschauung und der offentlichen Moral. 
Andererseits aber bietet die ausnehmend hobe intellectuelle Befåhigung 
und dementsprechend vorgescbrittene Aufklårung geråde der grossen 
Massen des ungariscben Landvolkes eine Burgschaft dafiir, dass diese 
jetzt zum grOsseren Theil in einer unabhångig socialistischen Bewegung 
begriffenen Massen trotz dem entmenschten Terrorismus der Herr- 
schenden den Weg finden werden zu jener Weltanschauung, in deren 
innerer Allanschauung, in der Anschauung der Veniunft und der Liebe 
diese Stemenunendlichkeit versunken ist im Ich, in der Individualitet, 
die in bisher ungeahnter, in gOttlicher Wurde erstehen soli einera 
neuen Weltalter, dessen »inneres Himmelreich« kein Gtordano Bruno 
mehr aufzuløsen vennag im AUlichte des Gedankens, weil es dieaes 
Licht selbst ist. Eine edlere Gestaltung menschlicher Lebensverhåltnisse, 
ein »Paradies auf Erden«, jenes von den Chiliasten oder auch den 
Socialisten ertråumte Gottesreich kann sich aber nur im Himmelslichte 
einer edleren Gesinnung und Weltanschauung entwickeln. 



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»UN RICORDO.c 

Sie schwieg und hielt gesenkt den tr&ben Blick, 

Und in dem ungeheuren Schweigen glitt 

In einen grausen Abgrund all mein Gluck 

O hatte, Gott, mich doch ein Blitz zuvor 

Getodtet, ehe ich so viel erlitt .... 

Langsam hob sie den Blick zu mir empor 

. . . Noch seh' ich wie von ihrem zuckenden Munde 
Die ersten zogernden, todten Worte fluten, 
Wie Tropfen Bluts aus einer todtlichen Wunde, 
Die, kaum geschlossen, neu beginnt zu bluten 

Gabriele dAnnunzio. 

Deutsch von Hermann Ubell. 



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ORCHARDSON UND DIE ENGLISCHE KUNST. 

Von PAUL RITTER VON KlTTINGER (Wien). 

Muthet es nicht fast wie ein Wunder an, dass ein so wenig 
»verruckter« Kunstler wie Orchardson in der modemen Kunstwelt 
unter die grossen gezåhlt wird? Grelle Farbenorgien, phantastische 
Composition, krasser Real ismus oder mystische Unverståndlichkeit, die 
vier Symptome, welche das Publicum fur die sicheren Merkmale des 
Modemen halt, fehlen ihm gånzlich. Seine Bilder sind såmmtlich in 
discreten, warmen Tonen gehalten, seine Motive aus dem Leben der 
Salons genommen, oft mit einem altmodisch-sentimentalen Zug, eine 
junge Frau vor dem Spiegel, eine am Clavier, eine Ballgesellschaft, 
noch dazu meist in Empire-Milieu, oder es sind gar Historien, Napoleon 
auf dem Bellerophon, Voltaire, Hamlet und Ophelia, lauter Gegen- 
stånde, wie sie sich ein Maler der funfziger Jahre nicht schOner hatte 
wunschen konnen. Und doch gilt Orchardson als einer der bedeutendsten 
englischen Maler der Gegenwart. Der Grund davon ist wohl der, dass 
die ganze englische Kunst hinter ihm steht, die grosse neue Kunst, 
die die Åsthetik der Welt reformiert, der grosse Geschmack, der den 
neuen Stil geschaffen hat, das kunstlerische England. England will, 
dass Orchardson gross ist und dårum ist er es. England kann befehlen. 
Es bringt uns ja Bume-Jones, Walter Crane, Whistler und wir be- 
wundern. Es sagt uns: Orchardson ist auch einer von diesen Grossen, 
wir mussen es wohl glauben. Warum, verstehen wir freilich nicht, wir, 
die wir nur geblendet dastehen vor der Zauberpracht der englischen 
Kunst. Wir ahnen ja nicht, dass das alles ein måchtiger nationaler 
Stock ist, etwas Einheitliches, das organisch aus einer lebensfrischen 
Volksseele emporwåchst. Fur uns sind sie bloss bizarr, geistreich, etwas 
noch nie Dagewesenes, diese englischen Maler. In England aber sind 
sie naturlich, selbstverståndlich, so selbstverståndlich, wie einst Albrecht 
Durer in Nurnberg war. England fragt nicht, ist Orchardson ein 
Modemer, es sieht nur, dass er englisch ist und dårum ist er gross 
und modem zugleich. Da steht eine junge Frau vor einem Spiegel, 
ein Bouquet in der Hånd. Das Licht im Zimmer ist gedåmpft, die 
junge Frau tragt ein weisses Seidenkleid, sie sieht in den Spiegel — 
so eigenthumlich — halb tråumend. Das ist eine Melodie aus Tennyson, 
man kennt sie in England. »A hundred years ago.« Rings an der Wand 
hangen Ahnenbilder, ein junges Mådchen sitzt im Grossvaterstuhl, zart, 
etwas blass. Sie blickt tråumerisch auf die Bilder an der Wand. Das 
ist eine der sweet girls aus Bulwers veralteten Romanen .... Freie 
Seekiiste, ein Mådchen in weitem Strohhut, die Hånde im Nacken ge- 



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ORCHARDSON UND DIE ENGLISCHE KUNST. 53 z 

faltet. Sie beugt sich zuruck, der Wind spielt in ihren Haaren und 
sie singt. Was singt sie wohl? »My heart 's in the highland whereever 

I go « Es ist an Bord eines Kriegsschiffes, im Vordergrunde 

steht eine ldeine untersetzte Gestalt, Napoleon. Er sieht hinaus aufs 
Meer, sein Blick ist umflort. Auch er tråumt. Das hat er von dem 
englischen Maler gelernt. Im nebligen England tråumt man viel. Man 
tråumt von zarten Frauengestalten mit blonden Haaren, von etwas 
sehr Distinguiertem, Lustigen. Das Etwas ist fair oder es ist lovely. 
Fair ist nicht schøn wie eine griechische Venus, fair war die wunder- 
same Queen Guenevere, die zwischen Rosen thronte mit Rittern und 
Knappen. Und lovely ist nicht lieblich wie die griechischen Grazien 
oder die Damen des Rococo, lovely ist viel zarter, lovely kann 
schwårmen, kann weinen, lovely ist eben englisch. Es ist eine jener 
zarten, feinen, verklingenden Seelenmelodien, die der Sudlånder nicht 
verstehen kann, die den traumhaften Nebel des Nordens brauchen 
zu ihrem Gedeihen. Diese feinen, zarten Stimmungsnuancen, die man 
nicht in Worten sagen kann, sie sind die eigentliche Domåne 
Orchardsons. Er malt sie in ihrer feinsten Steigerung ohne jeden 
lauten Ton, ohne jede scharfe Geberde, wie eine Delicatesse, die nur 
auf reichen Tischen zu finden ist. Darum malt er auch selten arme 
Leute. Die Armut hat immer etwas Rudes an sich, wenn man sie 
malt. Etwas Rudes aber wåre ein greller Misston in Orchardsons Bildern. 
Er kann Verzweiflung malen, aber es darf kein brusker Ton darin 
sein. »Trouble« heisst eines seiner Bilder. Ein gedåmpftes Interieur, 
ein rauschendes Seidenkleid, dariiber ein feingeschnittenes biasses Profil 
und vorne ein Mann, der schluchzend an seinem Schreibtisch sitzt. 
Ein unsåglich tiefer Schmerz liegt uber dem Bilde, und doch keine 
einzige scharfe Linie, kein einziger greller Ton. »Hard hit« heisst ein 
anderes. Ein eleganter junger Mann verlåsst das Spielzimmer, er hat 
verloren. Die rechte Hånd ruht auf der Thurklinke, die Augen sind 
halb geschlossen, der Kopf etwas nach vorne geneigt. Seine ganze 
Erscheinung ist durchaus distinguiert und ruhig, und doch ist jeder, 
der das Bild sieht, von dem tiefen Ernst der Situation ergriffen. 

Das ist alles feinste Seelenmalerei, Seelenmalerei, die nur deshalb 
nicht blass und schwåchlich wird, weil die Empfindungen, die sie malt, 
in den feinsten Nuancen vibrieren. Die Leute sind darnach, dass sie 
weinen kOnnen ohne zu heulen, selig sein ohne zu jubeln und dårum 
brauchen sie auch nicht zu larmen, damit man an die Tiefe und Stårke 
ihres Seelenlebens glaubt. Sie sind ja die Traumer, die Leute aus dem 
Nebelland, wo schOn nicht schOn, und lieblich nicht lieblich ist, sondern 
etwas anderes, etwas — etwas — Englisches. Und darin liegt Orchard- 
sons Bedeutung und die Bedeutung der englischen Kunst uberhaupt. 
In England gibt es keine Schule der Symbolisten, der Naturalisten 
oder Farbenzauberer, in England gibt es nur eine englische Schule, 
die der Grundton alles anderen ist. Flir uns bilden Bocklin, Moreau, 
Burne- Jones eine Kategorie, Simm etwa und Orchardson eine andere, 
weil diese hoheres Genre und jene Mythen und Allegorien malen. In 



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532 



KITTINGER. 



England aber gehOren zunåchst Burne-Jones und Orchardson zu den 
grossen englischen Kunstlern, alles andere ist Nebensache, und Bocklin, 
wåre er selbst ein Englånder, wurde als Sondererscheinung von der 
Gemeinschaft dieser Kunstler ausgeschlossen sein. Es fehlt ihm eben 
das Etwas, was jene beiden gemeinsam haben, das national Englische. 
Es ist immer dasselbe, aber wie eine Wunderblume kleidet es sich in 
tausend blendende Gestalten. Es belebt die eisige Schonheit der Antike — 
Alma Tadema, es kehrt in die Hatten der Armen — Herkomer, es 
bluht in frisener Landschaft unter derben, gesunden Bauern — Stanhope 
Forbes, es ruht tråumend aus in dåmmrigen Empiresalons, creme de 
la creme — Orchardson, es spielt mit funkelnden Mårchenphantasien — 
Walter Crane, es vibriert in krankhaft exaltierten Nerven — Rosetti, 
und es durchzittert als grosse Harmonie in ewiger WunderschOnheit 
die Seele — Burne-Jones. Alle sind sie Bruder, diese groasen KQnstler, 
wie verschieden sie in Stil und Motiven auch sein mOgen, denn der 
tiefe Grundaccord ihrer Bilder ist allemal dieses nationale Etwas. Sie 
sind eben Englånder, sind die Kinder einer grossen, nationalen Kunst. 
Dass sie ein nationales Bedurfhis ist, keine blosse »Richtung«, 
sondern die tausendfåltige Åusserung einer grossen, starken Geistes- 
cultur, das ist es, was die englische Kunst so unendlich hoch ttber die 
deutsche und selbst die franzOsische hebt. 



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SCHIFFER REJERSEN VOM »SCDSTERN«. 
von Knut Hamsun. 

Einzig autorisierte Cbersetzung aus dem Norwegischen von E. Brausewetter. 

I. 

Eine alte getheerte Stockfisch -Yacht gleitet nach Wiek hinein 
und schleppt eine Jolle hinter sich her. Die Yacht heisst: »Der Stid- 
stern« und ihr Schiffer Rejersen. Sie sind alt und gut bekannt in 
Wiek, sowohl die Yacht, als der Fischer, sie sind dort viele ge- 
segnete Jahre gewesen, haben im Saltenfjord Fisene gedørrt, Stock- 
fische fur die Spanier. 

Auf den Hohen ringsum waren keine Menschen zu sehen, nur 
tief drinnen in der Bucht, wo die Bootschuppen standen, spielten 
einige kleine Kinder. 

Fruher, vor zwanzig Jahren, als der »Siidstern« zum eretenmale 
draussen vor dem Trockenplatz ankerte, da war es ånders, da standen 
Frauen und Kinder bewundernd ringsum auf allen hohen Stellen und 
ein Fischer nach dem andern ruderte zum »Siidstern« hinaus, um ihn 
zu empfangen und nach Neuigkeiten zu fragen. 

Es sind vier Mann auf Deck; aber Rejersen steht selbst am 
Steuer, das thut er unter wichtigen Umstånden stets. Er steuert noch 
wie in alten Tagen seine kleine Fisch-Yacht mit einer Feierlichkeit, als 
wåre es ein ungeheures Dampfschiff. Seine Haare und sein Bart sind 
grau, aber einst hatte er schwarze Haare und schwarzen Bart, das 
war vor zwanzig Jahren, als er die erstenmale nach dem Saltenfjord 
kam, als er noch ein junger Mann war. Seine Jacke ist abgenutzt 
und zerrissen, es ist zuriickgegangen mit Schiffer Rejersens Ansehen; 
aber beim Einsegeln ist er der Admiral seines Schiffes und ertheilt 
mit LOwenstimme seine Befehle. 

»Fallen lassen!« ertOnt das Commando. 

Und der Anker fållt. 

Der måchtige Laut der Kette rollt mit der Stimme des Mannes 
um die Wette. Aber die Zeiten haben sich geåndert. Die Postschiffe 
haben angefangen an dem Handelsplatz anzulaufen, und die Leute 
haben nun vor dem alten, ehrlichen Yacht-Schiffer keine sonderliche 
Hochachtung mehr. 

Als die spielenden Kinder bei den Bootschuppen hørten, dass 
ein Anker ausgeworfen wurde, blickten sie einmal nach der Bucht 
hinaus und spielten dann weiter, geråde als wenn eines zum andern 
gesagt hatte, dass es nur Rejersen mit seiner Yacht wåre. 



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534 



HAMSUN. 



Als die Tagesarbeit beendet war, die Yacht verankert und die 
Leute in die Kojen gegangen, sass der Schiffer auf Deck und blickte 
nach Wiek hinuber. Die Nacht war licht und mild, die Sonne ver- 
goldete das Wasser. Er kannte jedes Riff und an alle kniipften sich 
Erinnerungen, er hatte ja so ziemiich seine froheste Jugend hier ver- 
bracht, jedes Jahr drei Sommermonate, wenn er hier lag und Fische 
trocknete. Er war der erste Mann am Platze, schaffte sich uberall, 
wohin er kam, freie Bahn und setzte alles durch, was er nur woiite. 
Er gieng am Sonntag zur Kirche, um auch mit dabei zu sein, wo 
Leute waren, und immer sah man viele Mådchen in seinem Gefoige 
auf dem Heimwege. Wenn die Fischerjugend in den Sommernåchten 
tanzte, dann sah man sogleich auch Rejersen, wie er in seinem Heck- 
boot uber die Bucht daher kam, indem er achterwårts aufrecht dastand, 
mit blankgeputzten Schuhen, und der Koch oder ein anderer von 
seiner Mannschaft ruderte ihn ans Land. Er tanzte wie ein Held, und 
der Kajiitenduft seiner feinen, blauen Kleider erregte die Mådchen. 

Ja, Rejersen hatte viele Gaben; dazu war er mit allen gut 
Freund; die Bursche aus Wiek råumten auch stiilschweigend den 
Platz, wenn er in Sicht war. Er stach sie doch stets aus, aber sie 
ballten nicht die Fåuste daruber, sie giengen lieber in einen Winkel 
und vergossen Thrånen. 

Nun hatte Rejersen eine Frau und funf Kinder in Ofoten. 

II. 

Und blank liegt die See, und die Nacht kommt; aber noch 
sitzt der Schiffer Rejersen da und denkt an alte Tage. Was hatte er 
nicht fur Mådchen gekannt. Die ansehnlichsten in der ganzen Bucht. 
Im ersten Jahr war da besonders ein junges Mådchen mit dunklem 
Haar und dunklen Augen, das er so gem hatte. Man sah ihn mit 
dieser nun geråde confirmirten Dirne zu den unmOglichsten Zeiten 
beisammen, Nachts und am fruhen Morgen, wenn anståndige Leute 
meinten, jedes wåre fur sich daheim. Als dann aber die Zeit heran- 
nahte, da er fortsegein soli te, war alles vorbei, Rejersen tanzte nicht 
mehr mit ihr, sondern hielt sich an ein sehr dickes Fischermådchen 
aus Ausserwiek. Sie hatte tiefe Griibchen und weisse Zåhne und hiess 
Ellen Helene. 

Ja, die Ellen Helene! 

Mit ihr dauerte es ein Jahr. Sonst pflegte es bei Rejersen nicht 
ein ganzes Jahr zu dauern, und dårum sagten die Leute, nun wåre 
er gefangen. Rejersen gefangen ! Hoho, da kannte man den Rejersen 
schlecht. Aber jedenfalls bewirkte er die Løsung von Ellen Helenes 
Verlobung mit dem Schmied von Wiek und es gieng so weit, dass er 
sie in Aller Anwesenheit seine Liebste nannte. 

Aber im Jahr darauf kam Rejersen zum Trockenplatz, die Kajute 
mit Kramwaren angefullt, Mehl und Kaffee, Wolienstoff und Leinwand, 
bis auf Fingerringe und kOstlich gestickte Pulswårmer. Niemais wurde 
er den schOnen Anblick vergessen, es war gieichsam ein ganzer Laden 



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SCHIFFER REJERSEN VOM »SODSTERN«. 535 

auf dem »Siidstern«, und Rejersen wurde dadurch noch angesehener. 
Er bezahlte Platzmiete und Trockenlohn mit diesen Waren und manche 
Latzschiirze und manche strahlende Busennadel schenkte er den Mådchen. 
Ellen Helene fand sich darein, es half ja nichts, mit Rejersen zu streiten. 

Und dennoch konnte auch Ellen Helene ihrem Schicksal nicht 
entgehen, wie fiigsam sie auch war, sie wurde von Jacobine 
entthront, diesem feurigen, frohen Kinde, das dort so still und mit inni- 
gerBefriedigung umhergieng und Rejersens Fische umdrehte. Warum denn 
ewig und immer nur Ellen Helene, sollte damit fur einen Mann wie 
Rejersen vom »Siidstern« alles aus sein? Als im Herbst die Fische 
verladen werden soli ten, war Jacobine allein bei ihm in der Kajiite 
und bekam viele Geschenke vom Fischer, und als sie die Yacht ver- 
liess, befahl er zwei Månnern von der Besatzung, sie ans Land zu 
setzen. 

Die Lossage von Ellen Helene war dadurch vollståndig voll- 
zogen. Jens Olsen, ihr Vater, riickte wegen dieses Streichs dem måch- 
tigen Schiffer auf den Leib, zeigte ihm die Faust und stellte grobe 
Fragen an ihn. Rejersen war damals aber keiner, der sich etwas ge- 
fallen Hess, er zeigte auch seine Fåuste und sagte: »Wenn Du Dich 
getraust, mir zu nahe zu kommen, mein guter Jens Olsen, dann solist 
Du Rejersen vom »Siidstern« kennen lernen.« 

Aber auch Jacobine konnte Schiffer Rejersens fluchtiges Herz nicht 
auf die Dauer fesseln. Es war eine Nacht wie diese, ebenso still 
und licht, da gieng er auf Deck seines Schiffes auf und ab und hørte 
ferne Ruderschlåge. Ein Mådchen, das auf Eierlesen draussen gewesen 
war, kam angerudert. 

»Boot halloh!« rief Rejersen. 

Sie hielt die Ruder in die Hohe und lauschte. 

»Leg hier an, Schatz,« sagte er. 

»Bin nicht Euer Schatz,« antwortete es vom Boot. 

»Ich kenne Dich aber!« sagte Rejersen. »Hast Du Eier im 
Boot?« 

Da kam das Boot nåher. 

»Ja, wenn Ihr ein paar Eier haben wollt, so kOnnt Ihr schon* 
ein paar Stiick bekommen«, sagte das Mådchen. 

Aber da sprach Rejersen kein Wort mehr, sondern schwang sich 
in sein Heckboot hinab und von da hinuber zu dem Mådchen. 

»Ein guter Bekannter, ich, Rejersen, bin es,« rief er dann. 

Er nahm ihr die Ruder fort und ruderte sie zu den Bootschuppen 
hin. Niemand zu sehen, die Nacht war warm und geheimnisvoll. 

»Wir kOnnen gut gleich das Boot in den Schuppen setzen,« 
sagte Rejersen, als sie ans Land gekommen waren. 

Und das Mådchen erwiderte: 

»Ihr seid allzu dienstwillig ! « 

Aber dies, dass sie das Boot hineinsetzen sollten, sagte er nur 
mit einer bestimmten Absicht, und er hatte seine eigenen Gedanken 
dabei. Hoho, Du bOser Rejersen, Du dachtest Dir so mancherlei dabei, 



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536 HAMSUN. 

und das Mådchen war noch ein recht dummes Kind, das sich nicbt 
vor dem dunkeln Bootschuppen zur Nachtzeit furchtete. 

Als sie aber schieden, sagte sie nur: 

»Wie sollt Ihr wieder an Bord kommen?« 

»Ich 8chwimme hinuber,« erwiderte Rejersen. 

Und damit sprang er in die See. 

Dies Mådchen hiess Pauline ..... 

Ach, nun waren alle seine Freundinnen Gberallhin zerstreut, eine 
todt, eine andere in Amerika, eine dritte verheiratet. Und von Rejersen 
selbst war sozusagen nur noch ein Erinnerungszeichen ubrig. Pauline 
gieng noch ledig, wie fruher, in Wiek umher ; als sie aber vor einigen 
Jahren ein Auge verlor, wurde sie fromm, und nun konnten ihr welt- 
liche Dinge nichts mehr anhaben. So endete alles auf der Welt. Aber 
Rejersen hatte mit Frau und fOnf Kindern in Ofoten geendet 

Es wurde ein Uhr. Um eine Weile wlirden die SeevOgel er- 
wachen. Rejersen gåhnte laut und schaute nach dem Wetter aus. Ja, 
es war wohl am besten, in die Koje zu gehen, er war ja zu allem 
zu alt, verbraucht und verarbeitet. Morgen sollte er mit dem Aus- 
waschen der Fische anfangen, dann kamen Leute an Bord, Månner 
und Frauen in Seestiefeln und Fellkleidern, unter ihnen junge Mådchen 
mit sommersprossigen und lachenden Gesichtern, wahre Adamakinder. 
Rejersen kannte sie. 

Und der ergrauende Familienvater spiegelte sich in der Stille 
einen Augenblick verstohlen im Compassglas, bevor er in sein kleines 
stinkendes Kajutenloch hineinkroch und sich in die Koje legte. 

ni. 

Am fruhen Morgen kommen Boote an Bord, Rejersen wandert 
auf dem Deck auf und ab, als Herr auf seinem Gebiet, in seinen 
besten Kleidern, mit einer kunstreichen Uhrkette aus Haaren, die ihm 
auf der Brust herabhångt. 

Ob er Wåscher haben wollte? Ja, Wåscher musste er haben. 
Es wurde vom Lohn gesprochen, Forderungen gesteilt. Die Fischer 
hatten die schlechte Gewohnheit angenommen, mit einem Mann wie 
Rejersen zu feilschen, sie verlangten sechs Schilling mehr, als er bot. 
Was war das flir eine neumodische Erfindung? Ach, man schåtzte 
Rejersen vom »Sudstern« nicht mehr nach Verdienst, die Zeiten hatten 
sich mit jedem Jahr veråndert, und die goldbeknopften Capitåne der 
Postschiffe hatten ihn ausgestochen. 

Er schenkte den Leuten einen Schnaps und gab ihnen Kringel. 
Sie dankten und tranken. Er kniff die Mådchen in die Seite, sie 
schuttelten ihn ab und lachten ihn aus, sie guckten naseweis duren das 
Oberlichtfenster hinab und benahmen sich sehr frei. Na, wie es nun 
damit wåre, ob er sich bedacht hatte, wollte er die sechs Schilling 
mehr geben? 

Da fuhlte sich der Schiffer tief gekrånkt und machte kurzen 
Process. Er gieng achterwårts, dort beim Steuer wollte er stehen, da 



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SCHIFFER REJERSEN VOM »SODSTERN«. 537 

war sein Platz, er hatte ja das Commando. Es sollte wie in alten 
Tagen sein, geråde wie in alten Tagen. »Liebe Leute, wollt Ihr Wasch- 
arbeit haben?« Die Fischer bejahten verwundert. »Grut!« sagte Rejersen, 
»so und so viel furs Schock! Und damit punktum!« 

Aber es wurde doch nicht, wie in alten Tagen, die Fischer 
machten auch kurzen Process und stiegen in die Boote. Als sie von 
Bord abstiessen und heimzurudern begannen, musste der Schiffer nach- 
geben und auf ihre Forderung eingehen: 

»Ich gebe Euch die sechs Schilling und im ubrigen fahrt zum 
Teufel!« 

Die Boote legten wieder an, die grossen Luken des »Stidstern« 
wurden geøffnet und die von Lake tropf enden Fisene ausgeladen. So 
gieng es Tag fur Tag, nur durch die Mahlzeiten und den Schlaf 
unterbrochen. Die Trockenstellen wimmelten von Leuten, einige wuschen, 
andere trugen Fische auf Tragen aus Fassdauben, und wieder andere 
breiteten die Fische auf den Felsplatten in der Sonne aus zum Trocknen. 
Im Laufe der Zeit ward die Yacht geleert und hob sich im Meere, 
zuletzt lag ihr ganzer Bug frei, nur das Kielschwein war noch in See. 
Der »Stidstern« wurde abgespult, als er leer war. 

Der Schiffer Rejersen hatte nun bequeme Tage. Wåhrend er 
den Leuten an Bord auftrug, die Yacht von oben bis unten abzu- 
kratzen und zu malen, war er selbst an Land, gieng unter den Trocken- 
leuten mit den Hånden in den Taschen umher und scherzte mit den 
Mådchen. Nur mit Pauline Hess er sich nicht ein, sie war nun auch 
fast vierzig Jahre alt und sprach aus FrOmmigkeit so wenig wie 
mOglich. Wenn aber Rejersens Verhalten ihr zu leichtfertig wurde, 
warf sie ihm mit dem einen Auge, das sie noch ubrig behalten hatte, 
einen stummen vorwurfsvollen Blick zu. 

So vergieng Woche um Woche, Rejersen erreichte bei keiner 
etwas, sein Alter war daran schuld ; die Burschen von Wiek waren 
die Sieger. 

»Etsch!« sagten die Mådchen, wenn er ihnen zu nah kam. Und 
dieses »Etsch!« bedeutete: »Lass uns in Ruh!« 

Aber Rejersen sann auf etwas. Sein Alter driickte ihn nicht, 
und er wusste wohl, dass er noch immer derselbe vortreffliche Schiffer 
Rejersen, wie ehemals, wåre. Er hatte den »Sudstern« von Kiiste zu 
Kuste gefuhrt und war niemals aufgesegelt, er hatte Fische gekauft 
und Fische getrocknet, Rechnungen aufgesetzt, so lang wie die SchifTs- 
reeling, und sein Journal sorgsam gefuhrt, das wusste der Teufel ; aber 
die Leute bezeugten ihm nicht mehr den ihm schuldigen Respect. 

»Wische die Kajiite auf!« sagte er zum Koch, denn nun hatte 
er sich etwas ausgedacht. Rejersen setzte ans Land und machte unter 
den Trockenleuten bekannt, dass er zwei Mådchen an Bord brauchte, 
um etwas fur ihn zu flicken, so z. B. einige Risse in der Flagge des 
»Sudstern«. 

Aber keines von den Mådchen war geneigt, mit an Bord zu 
kommen. Rejersen strandete wieder. Er verhandelte daruber zwei 



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53 8 HAMSUN. 

ganze Tage, aber immer vergebens. Endlich vernahm er eine Frauen- 
stimme, die sagte: 

»Wenn Euch mit mir geholfen ist, will ich Euch gem zu 
Diensten sein ! « 

Es war Pauline, die so aus Barmherzigkeit handelte. 

Rejersen bedachte sich einen Augenblick, Paulinens Auge ruhte 
auf ihm. Was sollte er mit ihr? Endlich bedankt er sich und nimmt 
ihr Angebot an. Pauline steigt ins Boot. Und die Mådchen, die am 
Lande zunickbleiben, kichern. 

Eigentlich war es nicht Rejersens Absicht gewesen, seine Kajute 
mit langweiliger Gottesfurcht vollzupfropfen, er hatte gedacht, sich 
einen lustigen Tag zu machen, mit frohen Mådchen bei Schnåpsen 
und Kringeln, wie in den Zeiten seines Ansehens. Was war aber nun 
zu machen? 

Er holt aus den Kisten und dem Verschlage seine zerrissenen 
Kleider hervor und legt ihr die Flagge hin, und Pauline macht sich 
an die Arbeit. Sie spricht so wenig; Rejersen schenkt ihr ein Glas 
ein, sie trinkt es aus, bleibt aber stumm und fleissig. 

»Du, Pauline,« sagt er, um ihr nach dem Munde zu reden, 
»Du hast es gut, Du hast Gott gefunden.« 

»Das kOnnt Ihr wohl sagen,« erwiderte sie. »Es wåre an der 
Zeit, dass auch Ihr ihn findet.« 

Rejersen entgegnet: 

»Es kønnte wohl sein, dass ich ihm gar nicht mehr so fern 
bin, wie ich es friiher gewesen.« 

»Meint Ihr das?« fragt sie. 

»Mir scheint, es ist in letzter Zeit etwas besser damit geworden.« 

»Gott sei gelobt!« sagt sie. 

Aber nun war ihre Zunge geløst, und das al te Mådchen redete 
weiter von Gott. Rejersen bereute, dass er von dem Capitel angefangen 
hatte, es langweilte ihn, und der graue Sunder brachte alle møglichen 
Grunde dafur vor, dass er wirklich begonnen hatte, Gott nåher zu 
kommen. Er meinte, er hatte so etwas empfunden, sagte er. 

»Schafft ihm Raum im Herzen,« bat sie, »schafft ihm Raum 
im Herzen.« 

Rejersen goss einen neuen Schnaps ein und bot ihr noch mehr 
Kringel an. 

»Die Mådchen am Land standen und lachten,« sagte er. »Nun 
kannst Du ihnen erzåhlen, dass Du bei Rejersen keine Noth littest.« 

Sie tranken alle beide. Als er aber dem Gespråch eine mehr 
weltliche Richtung geben wollte, nåhte sie nur um so eifriger und 
liess sich nicht mit ihm ein. Er wagte sie nicht an die alten, frohen 
Zeiten vor zwanzig Jahren zu erinnern ; er hatte es auf den Lippen, 
unterliess es aber. 

Es wurde immer langweiliger, die Stunden vergiengen und die 
Flagge wurde fertig ; aber ein munteres Lachen hatte Rejersen bei ihr 
nicht gesehen. 



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SCHIFFER REJERSEN VOM »SODSTERN«. 539 

»Nun mag es flir diesmal genug sein,« sagte er, als er es nicht 
långer ertragen konnte. Er warf seine alten Kleider in den Kasten 
und den Verschlag zuriick und Hess Pauline ans Land setzen. 

Der Tag war verloren, seine Speculation missgluckt. 

IV. 

Und wieder vergehen ein paar Wochen. Es gieng gegen den 
Herbst, die Fische waren trocken, und der Tag nahte heran, da man 
sie wieder an Bord nehmen sollte. Er wåhlte einen warmen Morgen 
dazu, zehn- und achtrudrige Boote wurden gedriickt voll bis an den 
Rand mit Fischen belastet, und Månner in Hemdårmeln ruderten sie 
zum »Siidstern« hiniiber. 

Nun war es ein alter Brauch, dass das Laden duren vier Mådchen 
besorgt wurde. Wer wollte nun heuer das Laden iibernehmen? Alle 
lehnten es ab. Die Frage gieng in erster Reihe den Leiter der Fisch- 
trockenarbeit an, Endre Polden, und der Schiffer kiimmerte sich nicht 
dårum, aber er årgerte sich iiber diese neue Respectwidrigkeit und 
biss sich voll Bitterkeit in die Lippen. Pauline war wieder barmherzig 
und bot sich zum Verladen an, wenn drei andere mitgehen wollten. 
Rejersen drehte sich auf dem Absatz herum und setzte an Bord 

Er stieg in die Kajiite hinab und begann ganz allein sich iiber. 
eine Flasche herzumachen. Was sollte er unter solenen Umstånden 
auch anderes anfangen ? Seine Rolle war ausgespielt. Nun gut. Es sollte 
auch das letzte Jahr sein, dass er mit dem »Siidstern« in diesen 
Winkel hineinsegelte. Es gab noch andere Trockenplåtze im Salten- 
fjord. Er zu alt? Das wollte er doch noch einmal sehen. Prosit! 

Er trank. Er trank griindlich fur sich allein und hetzte sich auf. 
Nach Verlauf einer halben Stunde war er in eine Stimmung gekommen, 
dass er keck einem goldknOpfigen Postschiffs-Capitån die Spitze bieten 
konnte. Er hOrt Getrampel auf Deck, giesst noch ein Glas hinunter 
und steigt aus der Kajiite hinauf. 

Waren Lader im Raum? Er guckt hinunter, vier Mådchen sind 
in voller Arbeit; Endre Polden hatte endlich seine Autoritåt geltend 
gemacht und sie mit Gewalt an Bord getrieben. Gut! Aber nun wollte 
Schiffer Rejersen etwas in der Sache machen, gebt nur acht, er weiss 
schon was! Er hørt, wie das Lachen und Schwatzen der Mådchen in 
dem leeren Fahrzeuge wiederhallt und denkt: »O, bitte sehr, seid 
nur guten Muthes!« Nur Pauline schwatzte nicht. 

Es war eine ebenso alte Sitte, dass die Laderinnen an den Tagen, 
da die Fischverladung vor sich gieng, gratis tractiert wurden. Gratis- 
Tractierung? Ha, ha! Ja, Rejersen wollte wohl daran denken! Ja, das 
war es geråde, was er sich ausgedacht hatte, dass heuer nichts aus 
der Gratis-Tractierung werden sollte. Nun waren sie doch von ihm ab- 
hångig. 

»Pauline!« rief er, »ich wiinsche mit Dir in der Kajiite zu reden.« 

41* 



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340 



HAMSUN. 



Pauline stieg aus dem Schiffsraum und folgte dem Schiffer in 
die Kajute hinab. 

»Du warst die Einzige, die sien nicht weigerte, an Bord zu 
kommen,« sagte der Schiffer. »Ich will Dir etwas zum Besten geben.« 

»Ihr sollt Euch um mich nicht in Unkosten sturzen,« erwiderte sie. 

Aber Rejersen wollte was draufgehen lassen. Es fånde sich 
nichts in seinem Besitz, was er nicht hatte hergeben mOgen. »Stewart, 
mach* Feuer und koch Kaffee!« 

Der Schiffer setzte ihr selbst Brantwein und Kringel vor und 
Pauline bekam ein reines Festessen. 

»Wenn Du zum Schiffsraum zurtickkommst, erzåhle den Mådchen, 
dass Schiffer Rejersen Dir nichts zu Leide that,« sagte er. 

Sie tranken und thaten sich gutlich, Rejersen klopfte dem alten 
Mådchen auf die Schulter. Sie stand auf und wollte an ihre Arbeit gehen. 

»Bieib* noch sitzen,« sagte er, »plaudern wir noch ein Weiichen. 
Es ist das letztemal, dass ich hierher komme, Fische trocknen.« 

»Ach sagt das nicht.« 

Rejersen nickte: 

»Doch, das letztemal!« 

Es ruhrte sich etwas in dem alten Mådchenherzen, sie schlug 
die Augen nieder und fragte: 

»Wann segelt Ihr dann?« 

»Wenn die Fische an Bord sind,« erwiderte er. »Morgen Nacht, 
oder ubermorgen Nacht ! « 

Sie setzte sich wieder. 

»Gott sei mit Euch!« sagte sie wie zu sich selbst. 

»Trinken wir eines darauf,« antwortete er. Vor allem sollte nicht 
wieder eine Predigt daraus werden. Er fragte sie geradezu: »Na, 
Pauline, wann wirst Du Dich denn verheiraten?« 

Sie sah ihn gekrånkt an und sagte: 

»Macht Ihr Euch uber mich lustig?« 

»Ich mich uber Dich lustig machen?« fragte er »Warum denn?« 

»Kann ich heiraten, ich, die nur ein Auge hat?« fragte sie. 

Rejersen stiess einen pfeifenden Ton aus. 

»Warum nicht? Das ist nur ein kleiner KOrperfehler.« 

Sie war ihm dankbar fur diese Worte und gab ihm Recht. Sie 
hatte ein Auge verloren, aber sie war dårum noch ebenso gut, sie 
hatte Ungluck gehabt, ein Kind hatte ihr mit einem Eisenhaken das 
Auge ausgestochen. Dann waren Jah re vergangen, und sie hatte niemand 
ånders gehabt, an den sie sich halten konnte, als Gott. Sie weinte 
bisweilen um ihr Auge. Aber sie hatte kraftige Giieder und eine starke 
Gesundheit, das Gute war ihr noch nicht geraubt. 

Rejersen schenkt in die Glaser ein. Er lehnt sich zu ihr hinuber 
und will nichts davon hOren, dass sie nicht mehr trinken kønne. Es 
wåre das letztemal, dass er hier in Wiek låge, und sie wåre das 
einzige Wesen, das sich zu ihm gewagt hatte, das wurde er ihr ge- 



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SCHIFFER REJERSEN VOM »SODSTERN«. 541 

denken. Sie werden beide geriihrt wåhrend dieses Gespråchs, Rejersen 
ergreift die Hånd des alten Mådchens, 6ie sass da so sicher und 
kraftig, wie eine junge Maid. 

PlOtzlich umarmt er sie und sagt: 

»Besinnst Du Dich noch auf damals im Bootschuppen ? Jene 
Nacht vor zwanzig Jahren?« 

»Ja,« erwidert sie ganz leise. Sie leistet keinen Widerstand, er 
halt sie noch immer umfasst. »Ich håbe Eurer die ganze Zeit gedacht. 
Gott vergebe mir meine Sunde,« sagt sie. 

Nun wollte er constatieren, ob er etwa schon so ein Alter wåre, 
der zu nichts mehr taugte, 

»Was wollt Ihr?« fragt sie verwundert. »Seid Ihr verriickt? 
Ein verheirateter Mann!« 

Als aber ihre Vorwurfe nichts halfen, schlågt sie ihm mit der 
derben Faust auf den Kopf, so dass er betåubt gegen das gelbe Paneel 
zuriicktaumelt. 

»Hått' ich gewusst, dass Ihr an so was dachtet, hatte ich meinen 
Fuss nicht hergesetzt,« sagt sie årgerlich. »Hat man schon je so einen 
Kerl gesehen, ein verheirateter Mann!« 

Sie geht zur Thure hinaus, die Treppe hinauf und steigt zu 
ihrer Arbeit in den Schiffsraum hinab. Ihr Traum von Rejersen war 
zerstOrt, sie wurde gewiss nicht mehr an ihn denken und sich seines 
jugendlichen schwarzhaarigen Kopfes erinnern, wenn er »so Einer« 
war. Er hatte weder vor sich, noch vor Gottes Gebot Achtung. Im 
Bootschuppen vor zwanzig Jahren ! Ja, war das nicht ganz etwas anderes? 
Da war keines von ihnen verheiratet und handelte Gott zuwider! 

Aber Rejersen war von diesem Augenblicke an ein abgethaner 
Mann. Nicht einmal eine einåugige Hexe von vierzig Jahren wollte 
mehr etwas von ihm wissen, ihm, der alle Mådchen von Wiek zu 
seinen Fussen gesehen hatte. Das Alter war gekommen* seine Rechnung 
abgeschlossen. 

Es blieb ihm wohl auch nichts anderes iibrig, er musste ernster 
und gottesfurchtiger auf seine alten Tage werden ; wenn ihm alles 
andere fehlschlug, konnte er sich dann wenigstens daran halten. Er entsann 
sich auch dieses Beschlusses, als er ganz nOchtern geworden war, und 
sagte zu sich selbst: »Du fangst an, jeden Tag ein wenig besser zu 
werden, thue kleine Schritte und schreite ståndig vorwårts ; die Pauline 
kann recht haben, dass es dazu an der Zeit ist.« 

Als Endre Polden am Abend an Bord kam und meldete, dass 
die Fische morgen abends verladen sein kOnnten, erwiderte der 
Schiffer erast: 

»Gott sei gelobt!« 

Endre Polden sah ihn verståndnislos an. Er fragte: 

»Wann lichtet Ihr die Anker?« 

Und der Schiffer antwortete wiederum undeutlich: 

»Wenn Gott will, morgen nachts!« 



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542 



HAMSUN. 



Und Gott wollte es. Rejersen lichtete die Anker und richtete 
den Kiel hinaus. Tausendfåltiger Dank erfullte seinen Sinn. Er kannte 
jeden Holm; da hatte er in seiner Jugendzeit, seiner Glanzzeit, dies 
und dort jenes erlebt. Ach, nun war das alles vorbei 

Rejersen steht am Steuer. Er spiegelt sich im Compassgiase. 
PlOtzlich richtet er sich wie ein Admiral in die Hohe und sagt leise 
vor sich hin: 

»Nåchstes Jahr versuche ich es anderwårts! Da solite doch der 
Teufei dreinfahren, wenn ich schon abgefhan sein solite!« , 



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STRINDBERG, DER BEKENNER. 
Von LEO BERG (Berlin). 

Jedes, auch das scheinbar objectivste VVerk der Kunst erzåhlt 
uns nichts anderes, als die inneren Erlebnisse des Autors. Die Lite- 
ratur- und Kunstgeschichte ist sozusagen die Generalbeichte der Valker 
und Individuen. Aber die Freude am Darstellen und Dargestellten, 
das Kunstprincip und ein gewisses Schamgefuhl zwingt die Kunstler, 
ihrer Psyche ein fremdes Gewand zu geben, das bald die Geschichte, 
bald die Natur, bald die Gesellschaft oder irgend eine Wissenschaft 
liefern muss. Stil- und Sittengesetze haben weitere Beschrånkungen der 
Subjectivitåt des Kunstlers aufgeiegt. 

Zuweilen aber hat doch der eine oder andere kunne Mensch, 
auf die Gefahr hin, fur schamlos und verworfen gehalten zu werden, 
in irgend einer literarischen Nebenform sein Ich persOnlich in die 
Literatur eingefiihrt. Und das sind die eigentlichen Beichten oder 
Bekenntnisse, deren Geschichte mit dem grOssten und wunderbarsten 
Werk dieser Gattung anfångt, den Bekenntnissen des heiligen Augustinus. 
In den anderthalb Jahrtausenden aber ist diese Literatur, die im Zu- 
sammenhange einmal dargestellt werden sollte, nicht sehr gross ge- 
worden. Denn gibt es der Memoiren auch zahllose, eigentliche und 
directe Selbstbekenntnisse sind immer seltene Ausnahmen, weil sie 
einen besonderen Grad von Muth und Ehriichkeit zur Voraussetzung 
haben. 

Zu diesen aber gehoren die Werke von August Strindberg, 
des subjectivsten und leidenschaftlichsten unter den Modemen. Seine 
Dramen und Novellen, trotz ihrer kunstlerischen Form und schein- 
baren Objectivitåt, sind Proteste, leidenschaftliche Aufschreie einer 
gequålten Mannesseele. Ihre subjective Wahrheit ist so uberwåltigend, 
dass sie durch den Vorwurf der Obertreibung gar nicht entkråftet 
werden kann. Ob das Weib z. B. in Wirklichkeit so ist und immer 
so ist, wie es Strindberg darstellt, kommt nicht in Frage. Genug, dass 
es dasjenige Weib ist, das er kennt und wie er es kennt. Das aber 
ist unzweifelhaft echt. 

Strindberg hat dann weiter den Muth gehabt, auch die letzte 
kunstlerische Hulle fallen zu lassen und in »Vergangenheit« und der 
»BeichteeinesThoren« eine Darsteilung seiner Natur, seiner Geschichte 
und Erfahrungen gegeben, so riickhaltlos, so ohne alle Pose, Selbst- 
rechtfertigung und Eitelkeit, dass man diese Beichte zu den aufrich- 
tigsten Buchern der Weltliteratur rechnen muss. Ihr psychologischer 
Wert besteht in der Schårfe der Selbstbeobachtungen, ihr literarischer 



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544 



BERG. 



in der Klugheit und Feinheit des Beobachters. Es sind in unserer 
Zeit nicht viele Bucher geschrieben worden, welche lehrreicher und 
nutzlicher zu lesen wåren. 

Diese Beichte hat er neuerdings vermehrt durch einen Band, dem 
die literarische Kritik rathlos gegenuberstand : Inferno.*) Wir haben 
ihn bisher kennen gelernt als einen kuhnen Geist, der sich schnell 
auf die Hohen der wissenschaftlichen Speculation geschwungen, einen 
viel bewegten Mann, der allen Fragen des modemen Lebens leiden- 
schaftlich und gewappnet gegenuberstand. Den Strindberg von fruher 
bezeichnet man am besten als einen wissenschaftlichen, einen specifisch 
wissenschaftlichen Charakter. Jedes wissenschaftliche Problem, mit dem 
er sich befasst, nimmt er als eine persønliche Sache auf. Es ist ihm 
nicht gleichgiltig, ob die Wissenschaft dieses oder jenes Resultat zu 
Tage førdern wird. Denn er ist kein Fachgelehrter, d. i. kein geistiger 
Ca8trat. Mit solcher Leidenschaftlichkeit hat sich der menschliche Geist 
vielleicht seit den Tagen der Renaissance den wissenschaftlichen Pro- 
blemen nicht wieder zugewandt, die ihm Lebens- und Machtfragen sind. 

Und aus dieser Leidenschaftlichkeit heraus erklårt sich seine 
grosse Umkehr. Den Kåmpfer von gestern finden wir als einen ge- 
brochenen Mann wieder, der helle Kopf hat sich dunklen Geheim- 
wissenschaften zugewandt und er verabschiedet sich von uns mit dem 
Wunsch, in den Schoss der katholischen Kirche zuriickzukehren. Viel- 
leicht ist auch dies nur eine Episode in seinem Leben. Denn dieser 
bewegliche Geist hat schon viele Wandlungen durchgemacht. Jung 
war ich aufrichtig fromm, und Ihr habt mich zum Freidenker gemacht. 
Aus dem Freidenker habt Ihr mich zum Atheisten gemacht, aus dem 
Atheisten zum Gottesfurch tigen. Von humanitåren Ideen geleitet, bin ich 
ein Herold des Socialismus gewesen. Fiinf Jahre spåter habt Ihr den 
Socialismus ad absurdum gefuhrt. Alles, was ich prophezeit håbe, habt 
Ihr fur nichtig erklårt! Und angenommen, ich werde wieder religiOs, 
so bin ich sicher, dass Ihr in zehn Jahren auch die Religion wider- 
legt habt. 

Ist dies Schwåche? Ich glaube eher Reichthum, Leben, Mit- 
leben. Geister von dieser Receptivitåt, von dieser Leichtigkeit und 
Verletzlichkeit gerathen leichter ins Schwanken. In religiOs, politisch 
oder wissenschaftlich aufgewuhlten Zeiten, wie den unsrigen, in denen 
alles wieder in Frage gesteilt zu sein scheint, gibt es solche Er- 
scheinungen. Die Geschichte der Religionen und Wissenschaften ist 
voll von Gestalten wie Strindberg, der wahrlich nicht der uinter- 
essanteste in dieser Galerie ist. 

Diese letzte Beichte ist eine erschutternde TragOdie. Alles was 
er bekåmpft hat, hat sich wider ihn gewandt. Die Leidenschaftlichkeit 
erklårt sich dadurch, dass er so vieles in sich selbst hat niederkåmpfen 
mussen. Aber er hat sich nicht todgemacht. Das Umgeworfene hat sich 



*) August Strindberg: Inferno. Autorisierte deutsche Ausgabe. Berlin- 
Georg Bondi. 1898. 



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STRINDBERG, DER BEKENNER. 



545 



heimlich aufgerafft und ihn mit feinen Instrumenten, Selbststacheln 
und VViderhaken verfolgt. Und in diesem Kampfe ist er erlegen. Er 
leidet unsåglich. Aber seine Wahrheitsliebe zwingt ihn, alles zu sagen. 
Er gibt einen Bericht iiber sich, auf den hin man ihn in ein Irren- 
haus bringen kOnnte. Er verschweigt keine Krankheit und Qual. Ver- 
zweifelt ringt er an gegen diese Verfolgungen (ich glaube, die Mediciner 
werden diesen Bericht als einen getreuen Bericht von Verfolgungs- 
wahnsinn erkennen), er notiert jede Niederlage, er verheimlicht kcin 
Mittel und keinen Versuch. Er schildert seine Reue und Zerknirschung 
und gibt sich vollkommen preis. 

Die Geschichte fångt an mit einer Trennung in Paris. Strindberg 
glaubt, dass ihn seine Frau, seine »schOne Kerkermeisterin, die Tag 
und Nacht seine Seele belauert« in der Entwicklung seines wissen- 
schafdichen Charakters hindert und gibt ihr in ziemlich brutaler Weise 
den Scheidebrief. Die Reue folgt der That auf dem Fusse. Bei seinen 
chemischen Experimenten verbrennt er sich die Hånd, er kommt in 
ein frommes Krankenhaus, dessen Leiterin ihn wie ein leiser Schein 
der Heiligkeit beruhrt. Selbstmordgedanken quålen ihn, die wieder- 
holentliche Versuche zur Folge haben. Eine grosse Verzweiflung und 
Niedergeschlagenheit kommt tiber ihn. Denn er ist wieder einmal 
fertig. Das Erreichte, Theater und Literatur, interessiert ihn nicht 
mehr. Und die Gefahr der Vereinsamung steht an der Schwelle seiner 
Seele. Er ist ein »Bankerottierer der Gesellschaft«. »Vae soli!« Angst 
vor dem Unbekannten peinigt ihn, er erkennt jene unsichtbare Hånd 
wieder, die ihn zuchtigt und geisselt. Der Gedanke låsst ihn nicht 
mehr los, die Vorsehung plane etwas mit ihm. In allem, was er 
erlebt, was ihn beunruhigt, anekelt, sieht er die Macht und Absicht 
einer anderen Wek. Er sturzt sich abermals in die Arbeit, experimentiert, 
versucht sich, ein neuer Alchimist, Gold zu machen und beginnt, die 
Unsterblichkeit naturwissenschaftlich zu beweisen und ergibt sich einem 
wissenschaftlichen Mysticismus. Auf dem Friedhofe von Montparnasse, 
wo er in feierlicher Stimmung seine Morgenspaziergånge macht, treibt 
er »Jagd auf Seelen«, d. h. die vergeistigten KOrper der Abgeschiedenen, 
die als Miasmen die Luft schwångern. Er mochte wieder fromm werden. 
Alles erhåit jetzt erneute Bedeutung, jede Inschrift, auf die sein Blick 
fållt, jede Blattform, jedes Faserngezweig gibt ihm eine Hin weisung 
auf eine andere Welt, eine hohere Ordnung, ubernatiirliche Måchte. 
Das Leben ist eine Busscoionie fur Sunden, begangen in einer fruheren 
Existenz. Er ist dem Satan uberliefert. Die unsichtbaren Måchte ver- 
folgen ihn mit elektrischen Dråhten, die geråde auf seine Brust geleitet 
sind. In jedem Zufall sieht er eine feindliche Absicht. So erklårt sich 
alles, auch sein wissenschaftlicher Mysticismus, denn die Geister sind 
naturalistisch geworden. Fur seine damalige Stimmung citiert er das 
Wort des Jeremias: »Ich håbe fast vergessen, was Gluck ist«. 

Vdlig umdustert begibt er sich nach Schweden zu einem be- 
freundeten Arzt. Aber hier ist die Holle erst recht los. Er hat gesundigt 
durch Hybris, durch den Obermuth des modemen, wissenschaftlichen 



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546 BERG. 

Geistes, der die Sphinx gelost zu haben glaubte. Aber Gott straft diesen 
Obermuth, wie er ihn in dem anderen Fall, Nietzsche, gestraft hat. Einall- 
gemeiner Abfall von der Wissenschaft ist die Folge. Zeichen und Wunder 
geschehen, das Geschlecht der alten Gelehrten stirbt aus. Strindberg 
schreit auf fiber diesen Erscheinungen und Qualen: »Mit Heimweh 
nach dem Himmel geboren, weinte ich als Kind uber die Schmutzigkeit 
des Daseins (das er an einer anderen Stelle die KothhOlle nennt) und 
fuhlte mich fremd und heimatlos unter Eltern und Freunden. Von 
Kindheit auf håbe ich meinen Gott gesucht und håbe den Teufel 
gefunden. Ich håbe das Kreuz Christi in meiner Jugend getragen und 
håbe einen Gott geleugnet, der sich uber Sclaven zu herrschen bemuht, 
fiber Sclaven, die ihre Peiniger lieben!« 

Strindberg selbst halt sich zeitweise fur wahnsinnig. Alpdrucken, 
Ohrensausen, Angst vor gewissen Stunden und Erscheinungen stellen 
sich immer wieder ein. Aber er ist bei klarer Vernunft, er kann arbeiten, 
seine Artikel werden in den ersten Zeitschriften gedruckt. Aber irgend 
etwas verfolgt ihn, man will ihn auf kfinstliche Weise wahnsinnig machen, 
um ihn im Irrenhause verschwinden zu lassen. Das Misstrauen, das 
sonst Strindberg so durchdringend hellsichtig gemacht hat, macht ihn jetzt 
namenlos unglucklich. Er erschrickt selbst, wenn er bedenkt, wie wenig 
dazu gehOrt, seinen so empfånglichen Geist zu verwirren. 

Sein Kind ruft. Er reist nach Wien, wo er in seiner Schwiegermutter 
und Schwiegertante zwei åhnlich gestimmte Seelen lindet. Seine Stimmung 
wird milder, aber die Verfolgungen hOren nicht auf. Die beiden Frauen 
bestårken ihn in seinen trubsinnigen Gedanken, wenn sich auch sein 
alter Skepticismus zuweilen dagegen auflehnt. Du musst in Deinem 
vorigen Leben ein grosser Menschenschlåchter gewesen sein, sagt ihm 
die Mutter. Ein andermal will man ihn damit entråthseln, dass man ihn 
fur Robert den Teufel halt. Gewissensbisse und Furcht nehmen seine 
Seele wie zwei Muhlsteine und zermalmen sie. »Wer hat Dich 
geschlagen ? Frage ohne Antwort, Zweifel, Ungewissheit, Geheimnis, 
da habt Ihr meine Holle!« 

Welch ein Schauspiel, dieser Kampf mit dem Teufel, am Aus- 
gang unseres von der Fackel der Wissenschaft erleuchteten Jahrhunderts ! 

Die ErlOsung ist Swedenborg. Der Ewige hat gesprochen, er 
brauchte Strindberg, um sich zu offenbaren. Im Busserkleid kehrt er 
nach sechsjåhriger Verbannung wieder in die Heimat zurfick. Schweden, 
das Land seiner Siege und Hoffnungen, ist sein Canossa. Und er findet 
> Canossa auf der ganzen Linie«. Denn unter seinen Freunden und 
Altersgenossen uberall dieselben Erscheinungen. Swedenborg wird ihm 
die Beståtigung all seiner Ahnungen. Es gibt wirklich eine Holle, 
aber hier auf Erden. Eine neue Religion kundigt sich an. Ein Gott, 
bis auf weiteres unbekannt, scheint sich zu entwickeln. Die Religion 
als Mysterium der modemen Wissenschaft, die Wissenschaft als fiber- 
sinnliche Erklårung,*) vereinigen sich in Swedenborg. Die Dåmonen, 

*) Verlag des Verfassers: »Der Obermensch in der modemen Literatur«. 
Munchen 1898. 



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STRINDBERG, DER BEKENNER. 547 

das sind die verbessernden Geister, ihre Absicht ist die Vervollkomm- 
nung des menschlichen Typus, die Erzeugung des Hoheren, des Ober- 
menschen. Die Vorsehung ist eine aus lauter Verstorbenen zusammen- 
gesetzte ungeheure Verwaltung. Nehmt Euer Leiden auf Euch. Obet 
selbst Eure Marterqualen, denn sie sind Eure Erhebung. Gott ver- 
langt nach Euch! 

So erhebt sich abermals der gebåndigte, niedergebeugte Geist. 
Aber noch hat er keine Ruhe. In einem Walde von Zweifeln irrt er 
umher. Sein Trotz stiirmt an. Dieser so ganz unzeitgemåsse Hader 
mit dem Oberirdischen, dieser prometheische Trotz gegen die selbst- 
geschaffene Gottheit ist der grossartigste wie merkwiirdigste Theil der 
Beichte. »Ei, was die Gotter doch mit uns Sterblichen Spass und 
Spiel treiben!« Alle Gøtter sind Dåmonen geworden, auch Christus, 
»der Morder der Vernunft, des Fleisches, der Schonheit, der Freude, 
der reinsten menschlichen Gefuhle«. Wohin sollen sie gehen, die 
Ruhelosen? Die Demuthigung vor den Menschen erweckt Hochmuth, 
die Demuth vor Gott macht aus dem Nåchsten einen Plantagen- 
besitzer, der uber Sclaven herrscht, und ist Erniedrigung. Enthaltr 
samkeit heilt vor Dåmonen nicht und erzeugt ungesunde Traume. 
Strindberg sucht die Menschen auf und stellt sich blind gegen ihre 
Fehler und Gemeinheiten ; der Verrath vertreibt ihn. In der Ein- 
samkeit heben die Verfolgungen wieder an. »Ich suche Gott und finde 
den Teufel! Das ist mein Schicksal.« 

Es gibt nur einen Trost: die Qualen als Barzahlungen fur alte 
Siinden zu betrachten, sie zu ertragen, sich ihrer zu erfreuen und in 
der Erwartung einer neuen Religion zu leben, die die Vereinigung 
aller Traume der modemen Menschheit sein wird. Der Occultismus 
und die Theosophie sind nur Vorlåufer dieser neuen Religion. Strindberg 
freilich beginnt damit, indem er zur alten zuriickkehrt, wiewohl er uns 
vorher versichert hat, dass die neue Religion kein Compromiss mit 
den alten Religionen sein wird, keine Epoche der Reaction uns 
erwartet, »keine Rtickkehr zu alten abgelebten Idealen, vielmehr ein 
Fortschritt nach dem neuen«. 

Diese Beichte aber soli noch et was anderes bezwecken. Sie ist 
an des Dichters Freunde und Kampfgenossen gerichtet. Sein Leben 
ist nur ein Beispiel, ein Zeichen, um anderen zur Besserung zu dienen. 
»Hier habt Ihr, meine Bruder, mein Menschenschicksal, eins unter so 
vielen, und nun gebt mir zu, dass das Leben eines Menschen erscheinen 
kann — als ein schlechter Scherz!« Der Fall Strindberg hat etwas 
typisches, namentlich fur die nordischen Lander. Arne Garborg hat 
in seinen letzten Romanen åhnliche Selbstqualen des Gewissens dar- 
gestellt. 

Seine Beichte ist ein grosses, erschutterndes Drama, das der 
Stolz mit der Verzweiflung auffiihrt. Dieser furchtbare Kampf, der 
die ganze Welt aufzuzehren scheint, erinnert an die beruhmten 
Kåmpfer mit Teufel und Dåmonen aus der Zeit der Reformation, 
z. B. Luthers selbst. 



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548 BERG. 

Das dunkelste Gebiet in dieser neuen Oberwelt ist der Begriff 
Gottes. In den Mysterien »De creatione et sententia vera mundi«, das 
freilich aus alterer Zeit stammt, ist Gott der bOse Geist, der Usur- 
pator und Furst dieser Welt, uber dem noch ein Obergott, der Ewige, 
Unsichtbare thront. Strindberg lehnt sich gegen den Plantagen- 
besitzer auf. Aber dann ist Gott wieder der Kunstler, der seine Absichten 
hat. Der Schøpfungskunstler mit Zwecken, ein Meister, der auch 
einmal rein zum Vergnugen Zweckloses schafft (rart pour Fart), der ein 
Motiv fallen lfisst, ein anderes wieder aufnimmt, Stufen øberspringt 
und sich schliesslich schaffend entwickelt. Er stellt unseren Dichter 
auf die Probe, hat seine Plane mit ihm, bedarf seiner und regiert 
mittelst Verstorbener. Dann ist er bis auf weiteres unbekannt und 
will erst werden. Gegen Ende ist der Zweck Gottes die SchOpfung des 
Obermenschen. Ein andermal ist er wieder ein hohnischer Gott, der 
die Menschen zum Spass quålt. Dann ist er ein boser Dåmon geworden. 
Und der Bekenner endigt damit, die alten Furien wieder aufzurutteln : 
>Wer ist der Furst dieser Welt, der die Sterblichen zu ihren Lasten 
verurtheilt und die Tugend mit dem Kreuze, dem Scheiterhaufen, mit 
Schlaflosigkeit und wilden Tråumen ztichtigt? . . Welche babylonische 
Verwirrung ! « 

Mit Zweifel und Verzweiflung, wie/ sie begonnen, endet die 
Beichte, die wenn schon nichts anderes, der starke und wahre 
Ausdruck einer tiefen und gequålten PersOnlichkeit ist. 



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GESPRÅCH MIT JAPANERN. 

Von MULTATULI. 
Aus dem Hollåndischen von W. S. 

Kami und ich sprachen von der Keuschheit. 

Der Diener gieng hinaus und das Kammermådchen trat ein. 
Sie war lebhaft gerOthet von all dem Japanisch, das sie gelernt zu 
haben schien. 

»Mein Herr, mOchten Sie diese gelben Herren wohl 'mal fragen, 
ob es wahr ist, dass ihr Diener wirklich ein bluhendes Geschåft in 
seinem Lande hat? Und ob ich darauf rechnen kann, dass er mich 
anstand ig versorgt? Denn ich bin nicht so dumm wie Margot, die 
jetzt mit ihrem vaterlosen Kinde bettein geht. Sollte mir geråde ein- 
fallen ! Ich will erst wissen . . . denn sehen Sie, ich halte was auf 
meine Reputierlichkeit. 

Und um einen guten Platz zu verlieren, ohne sicher zu sein, 
dass ich nicht auf dem Pflaster liegen werde wie Margot, die sich 
nirgends sehen lassen kann, weil sie kein anståndiges Mådchen ist . . .« 

— »Genug, Kammerkåtzchen, anståndiges Mådchen, Du kannst 
gehen. Nein, halt, ein Wort noch: wie weit seid Ihr in Eurem japa- 
nischen Unterricht?« 

— »O macht sich schon, Herr . . ., wenn ich nur wusst', ob sein 
Ladengeschåft bei ihm zu Hause gut geht, und dass es mir nicht gehen 
wird wie Margot . . .« 

— »Und Eure Stunden im Hollåndisch?« 

— »Er hat nur sechs Gulden die Woche und »die Kost«. Sie 
werden ja wohl verstehen, dass ich nicht spåter wie Margot . . .« 

— » Genug damit, Du kannst zu Deiner Lection zuriickkehren, tugend- 
hafte Kammerjungfer ! — Habt Ihr gesehen, Kami, wie dieses Kammer- 
mådchen voll ist von den Tugenden des Tages, wie eine hollåndische 
Regierung? — Vollkommen, bauchloser Ergrunder, der Du die Wahr- 
heit aus Dienern und Dienerinnen herausholst. Doch kann man diese 
beiden Exemplare als Typen fur die Allgemeinheit ansehen?« 

— »Ich glaube ja, Kami. Ihr habt gehørt, wie ein gangbares Sprich- 
wort die Ehrlichkeit mit der Elle misst, wie Ihr die Stucke Seide, von 
denen Ihr mir nichts zum Angebinde machtet, und wie das tugend- 
hafte Kammermådchen ihr japanisches Studium den Finanzverhålt- 
nissen seines Lehrers unterordnet. Kami, so ist es uberall. In den 
oberen Classen der GesellschaTt hat man nicht die Gewohnheit, die 



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550 



MULTATULI. 



Dinge bei ihrem rechten Namen zu nennen, aber im Grunde beruht 
alles auf dem . . . G el de.« 

— »Wenn ich als nicht Tugendhafter einen Schwåcheren finden 
wiirde und ich verpflichtete ihn, ohne Lohn fur mich zu arbeiten, 
damit ich als Mtissiggånger auf seine Kosten leben kann, so wiirde das 
als sehr unredlich gelten bis zu dem Augenblick, wo ich mit gleicher- 
weise gestohlenem Gelde Eisenbahnen bauen kønnte. Das werdet Ihr 
ja wissen, Kami, der Ihr Kraft und Geduld genug hattet, den Be- 
rathungen der Kammern beizuwohnen, die nicht das niederlåndische 
Volk repråsentieren. « 

— »Wenn ich jemanden schliige und auspeitschte oder ich sperrte 
ihn ein und liesse ihn Hungers sterben, wiirde ich als wenig em- 
pfehlenswert gelten, denn man wiirde mich fragen, welchen Gewinn 
diese Operationen eintrugen, und ich kønnte dann keinen aufweisen. 
Aber im Haag konntet Ihr constatieren, wie die ehrenhaftesten Månner 
von siebzig Nestern sehr von der Tugend einer Regierung befriedigt 
waren, die ohne irgend welche Scham dasselbe Ding betreibt. Habt 
Ihr, o Kami, in der Kammer ob der Vertheilung der Colonialreich- 
thiimer irgend jemanden errOthen sehen?« 

— »Nein, ich muss bekennen, dass diese Herren durchaus ein 
ruhiges Gewissen zu haben schienen. Es waren welche mit Båuchen 
dabei ... oh, geschwollen von Tugend!« 

— »Und die sie niemals Offnen, o Kami, dem das årgerlich genug 
ist. Und die andere der Tugenden des Tages, die beide nur eine 
ausmachen, zeigt uberall das gleiche Verhåltnis. Da seht z. B. in 
der Zeitung: 

Verehelicht : 

Herr JANSEN 
mit 

Fråulein PIETER SE. 

Fråulein Pieterse ist jetzt Madame Jansen. Das heisst: Herr 
Jansen hat Fråulein Pieterse versprochen, dass er sie nicht auf 
der Strasse lassen wiirde . . . wie Margot. Das hat er ihr im Rath- 
hause vor Zeugen versprochen. Und er hat seinen Namen in ein Buch 
eingetragen, wo man spåter genau erkennen kann, wer der Vater 
der Kinder des Fråulein Pieterse ist und wer demgemåss die Schul- 
gelder und die Impfbescheinigung zu bezahlen hat. Doch wenn 
Fråulein Pieterse mit Herrn Jansen zusammengezogen wåre, und zwar 
bevor oder ohne dass derselbe sein Versprechen in dem Buche des 
Rathhauses festlegte, so wåre dem Madenen Schamlosigkeit nach- 
gesagt worden. Ihre Kinder hatte man genannt illegitim oder na- 
turlich . . .« 

— »Und wie nennt man sie jetzt? 

— »Nicht-naturlich und legitim, o Kami, der Ihr einen Geist habt 
unersåttlich, wie die Raubgier eines christlichen Staates. Nun sind 
diese Kinder legitim durch ihre Nicht-Natiirlichkeit. Denn der Haupt- 



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GESPRÅCH MIT JAPANERN. 551 

punkt ist annoch das Geld. Wenn Herr Jansen vor Fråulein Pieterse 
auf die Knie fiele und ihr in passender Weise klar machte, dass er 
die Absicht håbe, sie zur Wurde der Mutterschaft seiner zukunftigen 
Kinder zu erheben, so wiirde ihre Wohlanståndigkeit fur sie davon 
abhången: wird er im Stande sein, sie vor der Margot' schen Vaga- 
bondage zu bewahren?« 

— »Herr Jansen scheint ein gut gehendes Geschåft gehabt zu haben. 
Wenn Fråulein Pieterse, dieses Geschåftes nur in zweiter Linie achtend, 
geantwortet hatte: »Na, wie denn!« oder: »Sie sind sehr 
liebenswurdig!« oder gar: »Ich will 'mal sehen . . .«, dann 
wåre Fråulein Pieterse sehr schamlos gewesen. Jetzt ist sie tugendhaft 
und gar stolz auf ihre Tugend, denn, wie Sie sehen, erzåhlt sie es 
jedermann, dass sie das ganze Jahr hindurch mit Herrn Jansen 
zusammenlebt.« 

— »Wer ist der Erfinder dieser Tugend . . . oder ist man sich 
vielleicht daruber streitig, wie bezuglich der Buchdruckerkunst?« 

— »Weder diese Tugend noch diese Kunst ist erfunden worden. 
Die Umstånde haben die praktische Anwendung einer Sache, die schon 
da war, zur Nothwendigkeit gemacht, o Kami. Die wachsende Wiss- 
begierde verbunden mit dem rapideren Umsichgreifen der Ideen sind 
der Kunst zu drucken, die man als långst bekannt doch nicht anwandte, 
zu Hilfe gekommen die minder dringenden Bedurfnisse waren den 
Kosten einer primitiven Belehrung unangemessen gewachsen.« 

— »Und die geschlechtliche Ehrbarkeit, o Kami, der Ihr mich 
unrechtmåssigerweise von meinem Thema abbrachtet, eine geschlecht- 
liche Ehrbarkeit existiert nicht. Sie ist nur der Name fur eine der 
zahlreichen Anstrengungen, das wirtschaftliche Bediirfnis zur Hohe 
eines Princips zu erheben und aus der Schwierigkeit des Lebensunterhalts 
gewaltsam Tugenden herzuleiten.« 

— »Im Anfang, Kami, waren alle Kinder illegitim und niemand 
dachte daran, ein Mådchen zu verachten, weil es Mutter war. Das 
wåre gleich erachtet worden, als hatte man einer Bliitenknospe vor- 
geworfeh, dass sie die Kuhnheit hatte, sich zu entfalten.« 

— »Das dauerte solange, als die Nahrung nicht mangelte.« 

— »Man machte dann den jungen Frauen verståndlich, dass sie 
ftir den Unterhalt ihrer Kinder sorgen mussten.« 

— »Das war ihnen hinfort ein Grund, sich a priori zu unterrichten, 
ob der Vaterschaftscandidat auch einen gutgehenden Laden sein Eigen 
nennen kønne.« 

— »Viele sagten ja und manchmal war es wahr. Aber es gab auch 
welche, die trotzdem sich nicht um ihre Kinder kummerten. Sie stellten 
sich, als wenn sie es nicht verstiinden, wenn so eine junge Mutter sie 
einlud, mit ihr die Sorge des Haushalts zu theilen.« 

— »Um so ein Ausweichen zu verhindern, bestimmte man, dass 
eine Eheschliessung stattfinden miisse : Wer Vater zu werden wiinschte, 
der musste das im vorhinein ausdriicklich erklåren. Es war wohl etwas 
Gutes dabei, o Kami. Aber was nicht gut war, das war, dass man 



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MULTATULI. 



ein junges Mådchen, das in das Wort jemandes ohne die Ceremonie 
des Offentlichen Versprechens Vertrauen gesetzt hatte, als minder ehrbar 
hinstellte als ein anderes. Hochstens war sie einer Unverståndigkeit 
schuldig, indem sie vergass, dass das menschliche Herz schlecht ist, 
was man doch sonst månniglich weiss.« 

— »Ich sagte Euch, dass es anfånglich nicht so war, o Kami. Die 
Erfindung des Wortes Keuschheit oder Anstand . . .« 

— »Du sagtest, dass diese Hålfte der allgemeinen Tugend — die 
zwei ist — nicht erfunden sei.« 

— »Und ich wiederhole, o Kami, der Ihr von Unaufmerksamkeit 
iiberfliesst, die Sache ist nicht erfunden worden, weil sie nichts ist. 
Aber das Wort fur dieses illusionåre Ding wurde von der Zeit an- 
gewandt, wo man einen Popanz nøthig hatte, um einen Schutz gegen 
die Verminderung der Portionen aufzustellen, die eine Folge des An- 
wachsens der Menschenzahl war. Die jungen Mådchen aber, die sich 
jetzt iiber den Ton dieses Wortes entsetzen, wissen nicht, dass zu 
einer bestimmten Epoche ihre Unvorsichtigkeit nicht als Sunde aus- 
gelegt wurde. Damals, in wenig fernen Zeiten, war es keineswegs eine 
Schande, naturlich zu sein.*) Hier håbe ich ein kleines, sehr interessantes 
Buch,**) aus dem hervorgeht, dass in Nordamerika vor nun sechzig 
Jahren die Keuschheit in dem durch die Hungercivilisation gegebenen 
Sinne des Wortes unbekannt war. »Keine Unvorsichtigkeit« — sagt ein 
amerikanischer Håuptling — »konnte ein Weib aus dem Hause seiner 
Eltern verbannen; mag sie noch so viel Kinder ins Haus bringen, sie 
ist immer die Gerngesehene ; der Fleischkessel ist immer 
iiber dem Feuer, um sie zu ernåhren.« Seht Ihr, Kami, die 
ganze Keuschheit, die ganze Wohlanståndigkeit ist in diesem Fleisch- 
kessel gelegen. Nehmt diesen Kessel weg, und Ihr werdet die Eltern 
alsbald ein Wort erfinden sehen, das einen Fluch auf die Tochter 
schleudert, die dem Hause einen Såugling ohne gehørig registrierten 
Vater zufuhrt.« 

— »Denken diese Rothhåute noch so?« 

— »Ich glaube es nicht, Kami mit Euerem gelben Teint. Ich denke, 
dass die weissen Amerikaner ihnen die Fleischkessel weggenommen 
haben, um ihnen an deren Stelle einige Kernspruche iiber die Tugend 
zu schenken. Wenn jetzt ein Mådchen ein Kind gebårt, das der iiber- 
måssigen Natiirlichkeit schuldig ist, so wird sie es zweifellos todten, 
wie man's ja auch in den civilisierten Låndern thut. Seht, o Kami, der 
Ihr wiinschet, die Civilisation aus einem Journal zu schOpfen: »Die 
Leiche eines neugeborenen Kindes wurde heute morgens 



*) (Note des Autors von 1865.) Ich håbe mich in Låndern aufgehalten, 
wo der Kindermord als Ursache der Schande unbekannt war. Aber diese ein- 
geredete Schande und als ihre Folge diese Morde håbe ich mit dem Christen- 
thum dort sich einfiihren und festsetzen sehen. 

**) (Note des Autors von 1865). Biographie des Makatai-Meshekia- 
Kiak, nach officiellen Documenten. Von R. Postumus, Leenwaarden bei 
D. Meinersma, 1847. 



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GESPRÅCH MIT JAPANERN. 553 

aus der Prinzengracht gezogen.« Jede Woche Hest man 
diese oder eine åhnliche Neuigkeit, und wenn man nun an die Zahl 
der nicht aufgefundenen Neugeborenen denkt, die dennoch mit ebenso 
wenig Achtung behandelt wurden, wie dieser Knirps in der ekel- 
erregenden Prinzengracht, so verwtinscht man diese, bezuglich der 
Tugend erfundenen Worte, und man beneidet die Amerikaner um 
ihre Fleischkessel, die immer iiber dem Feuer, dem Menschen erlaubten 
Mensch zu sein, anstatt eines Tugendboldes.« 

— »Aber was ist die Belohnung fur diese Ehrlichkeit ?« fragte 
der Kami. 

— »Keine, o Kami. Eltern, Gesetzgeber und Fursten begreifen sehr 
gut, dass die Belohnung der Tugend ebenso theuer zu stehen kommen 
wurde, als wenn man die Consequenzen des Gegentheils auf sich 
nehmen wurde. Nun hat man derart noch etwas erfunden, und zwar 
auch ein Wort, Kami; aber sagt mir, habt Ihr meine »Ideen«*) 
gelesen ?« 

— »Das nicht. Wir haben unseren Lehrern in Yeddo versprechen 
mussen, uns dieser Lecture zu enthalten.« 

— »Dann kønnet Ihr nicht wissen, o Kami, dass ich in Nummer 88 
meiner »Ideen« gesagt håbe: »Worte regieren die Welt«. Nun, da 
hat man in Ermangelung der Fleischtopfe auch wieder so ein »Wort« 
erfunden, um damit die Tugend schadlos zu halten. Wenn Euer 
Kammermådchen voll all ihrer Keuschheit bleibt, wenn der Bediente 
Eures Hotels fortfåhrt von Ehrlichkeit uberzufliessen, wirft man diese 
armen Teufel — von da an, wo sie nicht mehr arbeiten konnen — 
dennoch aufs Pflaster, ganz wie die Margot, die nicht tugendhaft war, 
oder wie irgend einer, der albern genug sein wiirde, tausend mit 
einem Streich errungene Gulden — trotz starker Unannehmlich- 
keiten — dreissig Jahren eines ruhigen Lebens mit »Kost« vorzuziehen.« 



*) Das siebenbåndige Hauptwerk Multatulis. 



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FIDUS. 

Von WILHELM SPOHR (Friedrichshagen). 

In Fidus haben wir einen der seltenen Kunstler, die Seele dar- 
zustellen wissen. Viele wissen das, und doch konnten sie nur wenige 
Bilder von ihm kennen lernen. Diese wenigen waren nicht einmal seine 
besten und konnten nur duren das beschrånkte Mittel der Reproduction 
fur sich reden. Aber Fidus' Freunde verehren in ihm jene stille Grøsse, 
die ruhig warten darf, bis ihre Zeit gekommen ist und in dieser Ruhe 
ausreifen kann bis zu der Reife, die flir die Erfullung ihrer hohen 
Aufgaben eine Voraussetzung ist. Ober einen in seinen besten Åusse- 
rungen noch nicht erkannten Kunstler fur Leser einer Zeitschrift ver- 
ståndlich zu schreiben, fållt nicht leicht. Ich soli reden uber etwas, 
das zu keusch war, um seine SchOnheit auf den Mårkten feilzubieten, 
die sich die Kunst errichtet hat, und zu gewaltig, als dass es seine 
Kraft ergiessen mochte in kleine Kunstsåchelchen, wie sie dem Publicum 
genehm sind. Denn Fidus mOchte einer Religion gewordenen, einer 
Tempelkunst dienen, nach der das moderne Empfinden verlangt; aus 
dieser Empfindung heraus entstehen auch seine Bilder, und wir durfen 
sie als einen Beweis dafiir aufzeigen, dass mit dem Verlassen des 
Historismus erst der rechte gelåuterte Gottglaube gewonnen wird, der 
alle Embleme und Reminiscenzen entbehren kann und sich zu seinen 
Urformen zuruckkrystallisiert. Die nackte Stimme Gottes spricht aus 
Fidus' Bildern, die unverlierbare, allen Dingen eingeborene Gewalt 
Pans. Diese Stimme muss auch wohl Vielen schon aus seinen an- 
spruchslosen Gestalten klingen, die unsere neuen Munchener Wochen- 
schriften boten und duren die dieser Kunstler den meisten unter uns 
wohl zuerst bekannt wurde. Denn aus diesen keuschen, lebenathmenden 
Linien, die dem Kunstler bei leichtfertigen Schlagwort-Kritikern den 
Titel »Backfischzeichner« eintrugen, redete etwas auf uns ein, das wir 
in uns selbst als das Gottliche betrachten: eine Seele — eine Seele, 
die hier in Formen sprechenden Ausdruck fand. Dem Disponierten 
offenbart sich diese psychische Kraft in den unscheinbarsten Åusse- 
rungen eines Genies, und so wurde mir aus den einfachen Linien des 
>Backfischzeichners« die Erwartung geboren, ich werde hinter diesen 
schuchternen Zeichen eines Daseins einen Meister des AllerhOchsten 
finden. Ich musste nun nach weiteren Åusserungen dieses Kunstlers 
suchen und fand so wirklich den Meister, der bannen konnte, was 
unsere Seelen aufruhrt. Er bietet unseren Zweifeln Harmonie und Frei- 
heit. Es spricht bei ihm aus jedem Zuge mit einer lieblichen Inbrunst 
der Glaube an eine religiøse Cultur, die die eklektische Raffiniertheit 



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FIDUS. 555 

unserer Zeiten uberwand und sich auf unsere einfachen und ursprung- 
licben Verbindungen mit allem in der Schopfung Eingeschlossenen besann. 
Was spricht hier so besånftigend zu uns? Ist das nicht der Gott, der 
auch Michel Angelo die Hånd fuhrte, der es diesmal versucht, mit 
einer milden, mit einer kindesgutigen, mit kosender Stimme auf uns 
einzureden? Fidus' nackte Gestalten sind schone nackte Seelen, und 
sie erfullen uns mit einer sanften, doch aber tiefen Scham, indem wir 
ihnen mit unseren eigenen håsslichen Seelen gegenuberstehen. Und 
doch ergreift uns nicht Hoffnungslosigkeit. Denn spricht nicht hier der 
Bildner unsere eigene edelste Sehnsucht aus, fuhrt er uns nicht in 
jene utopischen Regionen, die wir eben nur eitråumen kOnnen, weil 
die wunderbaren ErfullungsmOglichkeiten auf dem Grunde unseres 
Seins wirklich vorhanden sind? 

Einem grOsseren Publicum konnte Fidus bisher nur durch die 
Reproductionen einiger Bilder in der eingegangenen »Sphinxc, in der 
»Jugend« und im »Simplicissimus« bekannt werden, femer durch den 
Buchschmuck, den viele moderne Dichterwerke von seiner Hånd er- 
hielten. Von dieser Production kann man nicht endgiltig auf seinen 
Wesensumfang schliessen. Aber seine Gemeinde hat er durch diese 
immerhin bescheidenen VerOffentlichungen doch gefunden, denn er 
konnte in keiner derselben seiner Seele Bekenntnis verleugnen. Nur 
eine ruckståndige, formal-teohnische Beurtheilung kann sich dem Reiz 
entziehen, der in seinen nackten Gestalten wohnt und sie zu Formen- 
seelen rnacht. Der kennt nicht die lebendige Kunst, der nichts von 
dem Banne der bewegiichen, keuscben Linie weiss, als deren Finder, 
Entdecker oder verzuckter Offenbarer mir Fidus gilt. Und dass es so 
oft das Weib ist bei Fidus ? Die Frager verrathen, dass sie einen ganz 
wesentlichen Zug der modemen Geistesverfassung nicht entdeckt und 
capiert haben, weim sie der ernsten Kunst vorwerfen, sie beschåftige 
sich zuviel mit dem in der Sphåre des Weiblkhen Gelegenen. Dass in 
unserer Zeit fur den Verachter wie fur den Schwårmer das Weib sich 
differenzierter zeigt wie fruher, als das Gefåss dåmonischer Elemente 
uns erscheint, die zu ihrer Geltendmachung nicht erst nothig haben, 
als reale Hånd am Steuerruder sich zu verkørpern, dass es deshalb so 
oft als Stoff geråde flir den Kunstler dienen muss und dass uns aUe 
die Aufgabe anzieht, das protéische Gebtide in allen seinen Metamor 
pfeosen zu beobachten — diese Thatsache und das Warum zu er- 
totem, darf ich mir wohl ersparen. Wesentlicher als dieser aUgemeine 
Drang ist fur Fidus, wie fur jeden aus dem Grunde atter Existenz 
HeraufschOpfenden em zweites Moment. Ihm sind alle Dinge, die er 
darstdlt, Spiegel einer Seele, und das Weib, das Kern und Schale mit 
einemmale ist, bei dem das Ecnpfinden *ich nieist so decentralisiert 
æigt, dass all seine Wesens-Einzetfeeken zu Kundern <kr kleinsten 
Erregungen werden karmen, dessen kleiner Finger alks freiwiMig ver- 
rfith, wenn es keinen Grund oder oicht die Kraft hat, hianter dem 
Berge zu halten, (hoses Weib ist fur den Seelenforscher der untrug- 
lichste Spiegel menschlicher Affecte und Eigenschaften, und es zeigt 



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556 



SPOHR. 



uns den Wetterpropheten nun auch in seiner Kunst wieder. Selbst 
Allgemein-Menschliches, wie Gute, Milde, Liebe, Dåmon, Verderbt- 
heit, Keuschheit strahlt uns neben den zahlreichen weichen, der receptiven 
Hålfte des Menschen eigenen Attributen vom Frauenantlitz und Frauen- 
leibe am deutlichsten entgegen, wåhrend der Mann mit seiner Em- 
pfindungscentrale und seiner harten, charaktervollen Peripherie nur die 
mit Kraft gepaarten Affecte fur die leichte Wahrnehmung an die Ober- 
flåche treten låsst. Wer nun in dem von Fidus Dargestellten nicht 
den Spiegel einer Seele erkennt, dem wird seine Bedeutung und sein 
Eigenstes nie zu den Sinnen sprechen. 

Wohl verdanke ich die Hoffnung, die sich mir an das Wirken 
dieses Kunstlers knupft, einem intimeren Eindringen in seine Kunst 
und in seine Kunstlertråume, so dass ich meine Glaubensfestigkeit 
betonen kann, die hohe Achtung der Wenigen, die in das Sanctum 
seines Wesens eindringen konnten, werde sich zur Verehrung eines 
grossen erløsungsbedurftigen Kreises erweitern und die Zukunft werde 
die Beweise schaffen, dass wir Vertrauenden mit gutem Recht die 
Entfaltung einer allerhOchsten Kraft voraussagten. Allein da ich die 
Keime der GrOsse auch in dem Bescheideneren zu erkennen wåhne, 
so halte ich Hinweise auf das Concretge wordene, d. h. hier auf das 
Bekanntgewordene fur nutzlich. Fidus sucht nicht die Kunstausstellungen 
auf, wo er sich mit seiner intimen religiøsen Kunst durchaus deplaciert 
fiihlen muss. So bleibt mir nur das Eingehen auf die Reproductionen 
ubrig, die grossen Kreisen zugånglich geworden sind. Gewiss begegnen 
uns schon auf diesem begrenzten Gebiet Kunstwerke, die uns den 
Wesensumfang des Malers ahnen lassen. Von den vielleicht nur dem 
engeren Kreise der Theosophen bekannt gewordenen Beilagen der 
»Sphinx« will ich doch eines Bildes Erwåhnung thun, das 1889 vom 
einundzwanzigjåhrigen Fidus geschaffen wurde und in dem er doch 
schon seinem specifischen Wollen einen packenden Ausdruck verleihen 
konnte. Es sind die »Tånzer«, die Darstellung zweier nackter, tan- 
zender Kinder in weisser Silhouette auf schwarzem Grunde. Er trat 
hier zuerst mit besonderem Gluck als Darsteller und Anwalt der 
menschlichen Seele auf. Dass er das Nackte darstellte, darin lag nichts 
absonderliches. Aber das Wie der Darstellung bewies, dass hier ein 
beredter Mensch erstanden war, dem wie Goethe »die Menschengestalt 
das non plus ultra alles menschlichen Wissens und Thuns« ist, dem 
der menschliche Leib als etwas dem Heiligsten Gleichstehendes gilt. 
Es war ein Werk gelungen, das den pruden Hasser der Nacktheit 
wie den Cyniker entwaffnen musste — eine wirkliche, eine tråumerische 
Musik der Formen war das, die die Seele auf Gefilde lockt, die uns 
leise wehe an das verlorene Paradies mahnen und måchtig die Sehn- 
sucht nach einem VViedererobern anregen. Da ist kein Rest von Fri- 
volitåt, vielmehr weht uns eine Kraft entgegen, die entschuldet und 
låutert. Diese Sicherheit im Ausdruck des Kindlich-Reinen, diese Ober- 
windung der Starrheit bei der von der Kunst gesteilten Aufgabe, im 
Bilde die Bewegung als Ruhe zu geben, diese gOttliche Schopferkraft 



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FIDUS. 



557 



die aus dem Kørper einen Kosmos macht, fur den in einer Weise, 
die uns so gern an dieses Wunder glauben låsst, die Schwerkraft 
unserer Erde aufgehoben ist, indem er das Centrum in sich gefunden 
zu haben scheint und so schwebend das Blatt der Blume unter seinen 
Fussen nicht niederbeugt, diese gluckliche LOsung der Aufgabe der 
Silhouette, jede Massigkeit in ungezwungene Gliederung aufzulOsen, 
was hier sogar bei zwei zum Tanze innig verbundenen Gestalten 
gelungen ist, diese Harmonie in dem Verhalten der beiden und dabei 
doch die strenge Scheidung månnlicher und weiblicher Wesenheit in 
den Kindern — und das alles mit einer Einfalt der Mittel, die so 
ruhrend schwesterlich dem Vorwurf zu seinem zarten Leben verhilft: 

ja, das alles in seiner Vereinigung scheint wirklich nur wie 

auf einem Gnadenwege møglich geworden zu sein. Und man kann 
mit Recht von einem Gnadenwege reden. Denn den verlangenden 
Kunstler, den Ernst und Fåhigkeit zu einem feinen Erzieherberuf 
lockten, begunstigte auch åusserlich das Schicksal, indem es ihn dem 
Maler Diefenbach in HOllriegelsgereuthe bei Munchen zufuhrte, 
der ihn zwar nicht viel Zeichnen und Malen lehren konnte, der aber 
durch seine reformatorische Idee, olympische Freiheit in alle åusseren 
Lebensformen dringen zu lassen, Fidus zu einer lebendigen Anschauung 
des Menschen verhalf, die kein Modellstudium bieten kann. Im Diefenbach- 
Kreise, der der Moral der Civilisation den Krieg erklårte, wurde die 
Scheu vor der Nacktheit (iberwunden; da beobachtete er die Kinder 
seines M eisters in einem herrlichen Leben der Freiheit, die Natur des 
Kindes offenbarte sich ihm in ihrem Sichfreifuhlen von allem Zwange, 
und er lernte die wunderbare Sprache des Leibes und der Glieder, 
die auch die Sprache der Seele ist. So hat er uns in erhabener Weise 
die Kindesseele schildern kOnnen. Wenn irgend eine Kunst, so mOchte 
ich diese als das vornehmste Erziehungsmittel hinstellen. 

(Schluss folgt.) 



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N O T I Z E N. 



THEATER. 

Burgtheater. »Mådchen- 
traum.« Spiel in drei Acten von 
Max Bernstein. 

In die Reihe dramatischer In- 
dustrieller, die sich seit einigen 
Jahren damit be fassen, ihre ge- 
dankliche Nichtigkeit durch das 
prunkende Costum glitzernder Verse 
preiswiirdiger zu gestalten, ist nun- 
mehr auch Herr Max Bernstein 
getreten. Herr Bernstein hat vor- 
dem belanglose Bluetten geliefert, 
sich aber bald als Gatte der Dich- 
terin Rosmereinen Namen gemacht. 
Schon glaubte man Herrn Bern- 
steins dramatischen Drang zum 
Schweigen gebracht, und durfte 
sich der angenehmen Illusion hin- 
geben, der Munchner Advocat håbe 
fUr lange Zeit in der dichterischen 
Production seiner in jedem Belang 
besseren Hålfte vollste Befriedigung 
gefunden. Leider hat sich diese 
Erwartung als tnigerisch erwie- 
sen, und das deutsche Theater- 
publicum muss nun erfahren, dass, 
wåhrend Frau Rosmer von Erfolg 
zu Erfolg eilte, der Gatte auch 
nicht mussig war. Das Burgtheater, 
dessen Directoren sich bisher in 
der Vernachlåssigung des Rosmer- 
schen Talentes gefielen und ihre 
Aufmerksamkeit ausschliesslich den 
Bernstein'schen Producten zu- 
wendeten, hat sich selbstverstånd- 
lich beeilt, auch den »Mådchen- 
traum« seinem Publicum vorzu- 
fuhren. Der Autor hat diesmal ein 
»Spiel« mit dereigenen Gedanken- 
armut gewagt. Eine Erzåhlung 
des Inhaltes durfte Qberflussig sein, 



da dieser ja schon vor Abfassung 
des Stiickes hinlånglich bekannt war. 
Herr Bernstein versucht es, die 
Mådchentråume einer weltfremden 
jungen Regentin durch die Er- 
fahrungen der Wirklichkeit zu 
widerlegen. Wir werden in die 
Gedankenwelt eines alten Operetten- 
habitués eingefuhrt, in dessen Gehirn 
sich das Erwachen der Liebe aus- 
nahmsweise einmal ohne Musik- 
begleitung abspielt. Die psycho- 
logischen Behelfe des Herrn Bern- 
stein entstammen etwa dem Libretto 
des »Spitzentuch der KOnigin«, 
nur dass sie der Autor mit dem 
pritentiOsen Bewusstsein einer lite- 
rarischen That handhabt. Kein 
besserer Componist wurde sich 
ubrigens mit den Versen, die 
im »Mådchentraum« gesprochen 
werden, abgeben. Die Darstellung 
stand noch unter dem Niveau des 
Werkes. Es wurde in einem 
unertråglich langsamen Tempo 
dahingespielt, und man empfand 
so recht, wie liebevoll verweilend 
sich Herr Schlenther in die SchOn- 
heiten der Dichtung vertieft hatte. 
Bei Fråulein Medelsky wird man 
noch immer nicht den peinlichen 
Eindruck des abgerichteten Stars 
los, und Herr Reimers entfaltete 
ein Naturburschenthum, das noch 
weit unerquicklicher beruhrte als 
seine heldenhaften Alliiren. Alle 
Schwåchen des Ensembles liegen 
jetzt bloss, nur die Kråfte vierten 
und funften Ranges haben sich 
auch unter Herrn Schlenther ihre 
alte Unbedeutendheit bewahrt. 



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NOTIZEN. 



559 



Gastspiel des Herrn Engels. 
Der schon seit langen Jahren in 
Berlin beliebte Komiker Herr Engels 
hat endlich sein seit vielen Jahren pro- 
jectiertes Gastspiel im Burgtheater 
absolviert. Es ist nun sehr fraglich 
geworden, ob ein inzwischen so 
ausgewachsener Darsteller noch 
nach Wien umgesetzt werden kann. 
Umsomehr, als es sich in diesem 
Falle nicht um moderne Spiel- 
weise handelt, die erzieherisch auf 
das Publicum wirken soli, dem- 
nach naturgemåss nicht beim ersten 
Erscheinen gleich vertraut an- 
muthen kOnnte, sondern vorwiegend 
um Komik, die augenblicklich ein- 
schlagen soli. Herr Engels ist ein 
Epigone des pråchtigen Helmer- 
ding, der seine komischen Wir- 
kungen theils durch krampfhaftes 
Niederhalten des Temperaments, 
theils durch Vorspiegeln eines 
nicht vorhandenen Gemuthslebens 
erzielte. Dieser geisselte jenes un- 
freie, aber doch Ungebundenheit 
heuchelnde Berlinerthum, welches 
man heute nur mehr in verhåltnis- 
måssig wenigen Exemplaren an- 
trifft. Man braucht nur Herrn 
Tyrolt zu nennen, um sofort zu 
erkennen, wie specifisch Berlinerisch 
die Komik des Herrn Engels ist. 
Es liegt gar keine Nothwendigkeit 
vor, fflr Stucke wie »Goldfische«, 
»Ein Attaché«, »Der Probepfeil« 
nach neuen Darstellern zu fahnden, 
weil diese veralteten Machwerke 
bei der dringlich gewordenen 
Såuberungdes Repertoires uberhaupt 
gånzlich auszuscheiden sein werden. 
Fur Charakterrollen aber im Genre 
des Malers Crampton verfugt das 
Burgtheater Qber einen weit ge- 
eigneteren Schauspieler, nåmlich 
Herrn Sonnenthal, der die Linien 
der Dichtung kunstlerisch deutlicher 



machen konnte als Herr Engels. 
Wie dieser die Rolle anlegte, durfte 
er den funften Aet nicht erleben, 
sondern musste schon im vierten 
an Såuferwahnsinn zugrunde gehen. 
In derlei Partieen hat Herr Engels 
die Art Laroche' und Baumeisters, 
die er wohl studiert haben mag, 
fur Berlin in seiner Person locali- 
siert. Bei uns zerfållt er wieder in 
diese beiden Naturen, in die er 
sich zu Einer eingelebt. Der Mangel 
an Urspriinglichkeit durfte sich an 
einem Orte, wo man seine Ur- 
sprunge so genau verf ol gen kann, 
bald fuhlbar machen. Damit ruckte 
er in die zweite Darstellerreihe, 
die ohnehin im Burgtheater uber- 
fullt ist. Der zunehmenden Ver- 
armung dieser Buhne an fuhren- 
den Kraften wurde die Ge- 
winnung des Herrn Engels nicht 
wesentlich abhelfen, und man 
mag nicht wunschen, dass es 
einem in Berlin so geschåtzten 
Localschauspieler wieder so er- 
gehe, wie seinerzeit dem sel. 
Reusche, der auch in einem 
Alter wie Herr Engels hieher 
gezogen wurde und trotz seiner 
anfånglichen Erfolge in Wien 
nicht Wurzel zu schlagen ver- 
mochte. Es liegt im Interesse 
des Herrn Engels, den hochst 
ehrenvollen Beifall, den er im 
»College Crampton« errungen, 
nicht zu uberschåtzen. In diesem 
Stucke und im »Probepfeil« trat 
zugleich auch Fråulein Haeberle 
als Gast auf in Rollen, in denen 
— seien sie nun gut oder schlecht 
gespielt — weder Talent, noch 
Talentlosigkeit verrathen werden 
kann. — i — . 



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56o 



NOTIZEN. 



BCCHER. 

Erlebnisse mit Richard 
Wagner, Franz Liszt und vielen 
andern Zeitgenossen vonWen- 
delin Weissheimer (Stuttgart, 
Deutsche Verlagsanstalt), ist der 
Titel eines Buches, das uns mit 
allerlei interessanten und lebendigen 
Ziigen der Persflnlichkeiten bekannt 
macht, mit denen der Verfasser 
das Gluck hatte, in Beriihrung zu 
kommen. Freilich — solche Er- 
zåhlungen werden ungewollt stets 
zu verråtherischen Charakteri- 
sirungen des Verfassers, selbst wenn 
dieser — was von Herrn Weiss- 
heimer sicher nicht behauptet 
werden kann — die Absicht haben 
sollte, sich bescheiden im Hinter- 
grund zu halten. Aus den Partien 
des Buches, deren Mittheilungen ich 
als Augenzeuge auf ihre Richtig- 
keit zu priifen im Stande bin, er- 
gibt sich, abgesehen von einigen Irr- 
thumern, dass Herr Weissheimer 
ein leidlich verlåssliches Gedåchtnis 
besitzt und wahrheitsgetreu zu be- 
richten gewillt ist. Aber das Ge- 
fåhrliche der Absicht, im Schatten 
Grosser selbst als Licht leuchten 
zu wollen, scheint ihm verborgen 
zu sein. Die Gabe der Eitelkeit, 
deren er sich in hohem Grade 
erfreut, trennt ihn von dieser 
wunschenswerten Erkenntnis. Sie 
wirkt wie ein minimaler Tropfen 
einer scharfen Essenz, die, hinein- 
gegossen, den besten Trunk unge- 
niessbar macht. Seinen Mit- 
theilungen uber die Geschicke 
Richard Wagners, die Entstehung 
der »Meistersinger*, dem bedrångten 
Leben des Meisters vor dessen 



Einholung nach Miinchen, den 
Auffuhrungender »Faustsymphonie« 
von Liszt und dessen folgenreichem 
Wirken in Weimar, uber sein 
Zusammentreffen mit Lassalle und 
seine Werke, versåumt Herr 
Weissheimer niemals, als Ein- 
schlag einen Bericht uber die 
eigenen Triumphe einzuweben, 
die er mit dem Vorspielen seiner 
seit mehr als dreissig Jahren ihre 
Weltberiihmtheit erwartenden Oper 
»Theodor Korner« (schreckliche 
Dichtung der schrecklichen Roman- 
schriftstellerin Luise Otto), verein- 
zelter Auffiihrungen seiner Ballade 
»Das Grab am Busento« und ein- 
zelner Lieder errungen haben will. 
Zweitausend und einige Thaier, die 
der Vater Weissheimers in sehr 
bedrångter Zeit Wagnern vor- 
schussweise zur Verfiigung stellte, 
sollen schliesslich die Weige- 
rung des Meisters, den von ihm 
als durchaus verfehlt erkannten 
»Theodor Kørner« der Mtinchner 
Hofbiihne zur Auffuhrung zu 
octroyieren, deutlich als einen Zug 
von »Undankbarkeit« erscheinen 
lassen. Also Wagner hatte ange- 
sichts seiner prekåren Stellung in 
Munchen, um seine Dankbarkeit 
Herrn Weissheimer gegenuber 
genugend an den Tag zu legen, 
offenen Nepotismus treiben und 
den Glauben anderer an Werke 
verlangen sollen, an die er selbst 
nicht glaubte. Dummerweise ist 
von Wagner »Bescheidenheit« 
verlangt worden. Aber sehr ge- 
rechtfertigterweise durfen wir 
solche von Wendelin Weissheimer 
verlangen. 

G. S. 



Herausgeber: Gustav Schoenaich, Felix Rappaport. 
Verantwortlicher Redacteur: Gustav Schoenaich. 

K. k. Hoftbeater-Drockerei, Wien, I., WolJzcilc 17. (Verantwortlich A. Rimrich.) 



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^)(/iener J^undsehau. 



15. JUNI 1898. 



AUS EMERSONS TAGEBUCH. 

Mitgetheilt von seinem Sohne, iibersetzt von KARL FEDERN. 

Concord, 15. November 1834. (Geschrieben, da Emerson als 
Prediger in seine Vaterstadt Concord kam.) Heil den ruhigen Gefilden 
meiner Vater. Nicht ganz ungeleitet von ubernaturlicher Freundschaft 
und Gunst mOge ich hieherkommen ! MOgen meine Absichten gesegnet 
, sein, in dem Masse als sie einfach und sittlich sind. Coleridges schOner 

Brief*) kommt den Gedanken, die mich erfullen, geråde zu Hilfe. Sei 
es so. Hinfort will ich keine Rede, kein Gedicht, kein Buch von mir 
geben, dass nicht gånzlich und speciell mein Eigen ist. Ich will bei 
Offentlichen Vorlesungen und Åhnlichem nur solene Dinge sagen, die 
ich um ihrer selbst willen und nicht zum ersten Male fur die Gelegen- 
heit bedacht håbe. 

1838. Der amerikanische Kunstler, der einen Waldgott schnitzen 
wurde, und der mit dem Walde in Maine vertraut wåre, wo ungeheure 
gefallene Fichtenståmme auf »dem Waldboden lasten«, wo riesige Moose, 
die von den Båumen hangen, und die Masse Holz dem Hain eine wilde 
und hagere Kraft geben, der wurde eine ganz andere Statue hervor- 
bringen, als der Bildhauer, der nur europåisches Waldland kennt, — 
der geschmackvolle Grieche zum Beispiel. 

Es scheint, als ob wir der Literatur gewisse Eindrucke von der 

Natur zu verdanken hatten, die die Natur nicht rechtfertigt. Durch die 

lateinische und englische Poesie wurde ich zu einem Oratorium von 

* Lobpreisungen der Natur, der Blumen, der Vogel und Berge, der Sonne 

. und des Mondes geboren und erzogen, und jetzt erkenn' ich, dass ich 

'I von all diesen schOnen Dingen nichts weiss, dass ich mit der leeraten 

I Oberflåche und dem Schein von allem zu thun gehabt, dass ich von 

ihrem Wesen und ihrer Geschichte gar nichts weiss. Und weiter mache 

*) Kurz vorher in der Londoner »Literary Gazette« erschienen. 



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562 EMERSON. 

ich die traurige Entdeckung, dass niemand, dass alle diese singenden 
Dichter selbst nicht — irgend etwas Ernstliches von dieser schonen 
Natur wissen, die sie so priesen, dass sie sich mit dem vorubergehen- 
den Zirpen eines Vogels begniigten, oder seine ausgebreitete Schwinge 
in der Sonne sahen, als er voruberflatterte, dass sie ein oder zwei 
Morgen in ihrem Leben sahen und theilnahmslos den Sonnenuntergang 
æhauten, und diese kargen Einblicke gedankenlos in ihrem Sang 
wiederholten. 

Wenn ich in den Wald gehe, finde ich alles neu und unbeschrieben, 
nichts ist mir je gesagt worden. Das Schreien der wilden Gånse hat 
noch Keiner gehørt ; die diinne Note der Meise und ihr keckes Ignorieren 
des bei ihr Stehenden; der Fall der Fliegen, die wie Regen auf die 
Blåtter klatschen, das årgerliche Zischen eines Vogels, der gestern gegen 
mich schalt, die Bildung des Harzes und alle Vegetation und alles I/eben, 
uberhaupt alles und jedes sind gleicherweise unbeschrieben. Jeder Mensch, 
der in den Wald geht, scheint der erste Mensch zu sein, der je in einen 
Wald gieng. Seine Empfindungen und seine Welt sind neu. Man møen te 
manchmal glauben, dass iiber Morgen und Abend nichts mehr gesagt 
werden kann, und die Wahrheit ist, es ist noch gar nie angefangen 
worden, Morgen oder Abend zu senil dern. 

Wenn ich sie sehe, dann werde ich an jene Homerischen oder 
Wil ton* senen oder Shakespeare' schen oder Chaucerischen Bilder nicht 
erinnert, sondern ich håbe die schmerzliche Empfindung einer fremden 
Welt oder die Freude der feuchten, warmen, glitzernden, knospenden 
und melodischen Stunde, die die engen Wånde meiner Seele hinweg- 
nimmt und ihren Puls und ihr Leben bis zu den Grenzen des Horizontes 
ausdehnt. Das ist der Morgen ; dass man fur eine lichte Stunde aufhørt der 
Gefangene dieses schwåchlichen Leibes zu sein und weit wird wie die Welt. 

Juni 1841. Die Blumen in letzter Zeit, namentlich wenn ich eine 
alte Bekannte in diesem Jahr zum erstenmal sehe — eine Gerardia, 
eine Leopedeza — haben viel iiber Leben und Tod zu sagen. »Ihr 
discutirt viel uber die Unsterblichkeit«, scheinen sie zu sagen. »Hier 
ist sie, hier sind wir, die nichts darttber gesagt.« Und als ich letzthin 
von einem erhabenen Felsen hinabsah, da schien unser menschliches 
Leben sehr kurz neben diesem sich immer erneuendem Geschlechte 
der Båume. »Euer Leben« sagen sie, »ist nichts als ein paar Ansåtze 
meines Gipfels. Immer wieder sprosst der Wald, immer wieder erneuert 
unsere feierliche Kraft ihre Knorren und Knoten, ihre Blattknospen 
und Wurzelfasern«. Grås und Båume haben keine Individualitet, 
wie der Mensch sie zåhlt. Die Fortsetzung ihrer Rasse ist Unsterb- 
lichkeit, die Forsetzung unserer ist es nicht. Und so triumphieren 
sie iiber uns, und wenn wir antworten oder etwas sagen wollen, 
halt der gute Baum uns ein Biindel griiner Blåtter vors Gesicht 
oder das wilde Geissblatt seine funf anmuthigen Finger und sieht 
so stupid-schøn aus, so unschuldig erhaben iiber allen Streit und 
alle Grunde, dass uns der Mund geschlossen wird, und die Natur das 
letzte Wort behålt. 



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AUS DEM TAGEBUCH. 563 

Ich kann nicht sagen, warum ich mich in der Natur so sehr 
als Fremdling fuhle. Ich bin mir eine Beriihrungslinie ihres Kreises, 
und Hege nicht in einer Ebene mit ihrer SchOnheit. Und doch bleibt das 
Dictat der Stunde, dass ich alles vergesse, was ich misslernt håbe, 
dass ich aufhOre Mensch zu sein und mich in die weite Form der 
Natur giesse. 

Januar 1841. 

All* meine Gedanken sind Waldbewohner. Ich håbe kaum einen 
Tagestraum, auf den der Athem dieser Fichten nicht gehaucht hat, 
fiber dem ihre Schatten nicht wogten. Soli ich nun nicht mein kleines 
Buch Wald-Essays nennen? 

1837. Dieses Buch ist meine Sparcassa. Ich werde reicher, weil 
ich meine Einnahmen irgendwo deponieren kann, und all die Bruch- 
theile werden wertvoller, weil entsprechende Bruchtheile sie hier er- 
warten, die durch ihr Hinzukommen zu Ganzen werden. 

— . Die Naturgeschichte an sich hat keinen Wert. Sie ist wie 
ein Geschlecht ohne das andere ; aber vermåhle sie mit der Menschen- 
geschichte und sie wird Poesie. Ganze Bånde von Botanik, alle Werke 
Linné's oder Buffon's enthalten nicht eine Zeile Poesie, aber die ge- 
wOhnlichste naturliche Thatsache, die Gewohnheit einer Pflanze, die 
Organe, die Arbeit, das Geråusch eines Insects, auf irgend eine That- 
sache des Menschenlebens angewendet, wird sogleich SchOnheit, Wahr- 
heit und Poesie. 

1840. Was unter allen Werken der Kunst ist lebendiger als 
unsere alte, einfache, hOlzerne Kirche, die vor eineinviertel Jahrhunderten 
gebaut worden, mit ihrem alterthumlichen neu-englischen Kirchthurm. 
Ich gehe bei Nacht daran voruber und stehe und lausche auf die 
Schlåge ihrer Uhr, wie auf Schlåge eines Herzens ; die, wie Elisabeth 
Hoar so gut bemerkte, nicht so sehr wie ein Ticken, als wie ein Schritt 
tOnen. Es ist der Schritt der Zeit. Man wird des Tons vOllig gewahr, 
wenn man auf das Blatt der Uhr sieht. Und dann fållt der Blick auf 
den hOlzernen Thurm, der so allein, aber bejahrt und dunkel zu den 
mitternåchtigen Sternen aufsteigt. Er hat verwandtschaftliche Vorrechte 
bei ihnen. Nicht weniger als die marmorne Kathedrale hatte auch er 
seinen Ursprung in hohem Sehnen, in der erhabenen Religion der 
Menschen. Nicht weniger als die Sterne, auf die er weist, begann er 
sein Sein in der Seele. 

— . Heut* in der Kirche ffihlte ich, wie ungleich der Kampf der 
Worte mit den Dingen ist. Hore doch auf, Du unberechtigter Plau- 
derer, uber Trost und Resignation und geistliche Freuden in wohl- 
erwogenen, gedrechselten Såtzen zu schwatzen! Denn ich kenne ja 
die Menschen, die unten sitzen und aufschauen, wenn sie diese Worte 
horen. Sei doch schnell still! Sorge und UnglQck sind Dinge f iir sie. 
Da sitzt Mr. A., der Schuhmacher, dessen Tochter wahnsinnig geworden, 
Und er sieht durch seine Brille nach Dir, um zu hOren, was Du seinem 
UnglQck bieten kannst. Da sitzt mein Freund, den all seine Schuler 
verlassen, und er weiss nicht, was er nun in die Hånd nehmen soli. 

43* 



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564 



EMERSON. 



Da sitzt meine Frau, die in die Kirche gekommen ist, in der Hoffnung, 
getrOstet und gekråftigt zu werden, nachdem die scharfe Zunge einer 
unsauberen Person sie im Hause verwundet hat. Da sitzt der Post- 
kutscher, der die Gelbsucht hat und nicht gesund werden kann. Da 
sitzt B., der in der letzten Woche fallierte, und auch er sieht zu Dir 
empor. O, sprich Dinge zu ihnen oder halte den Mund. 

— . Mich entzuckt unsere hubsche Kirchenmusik und besonders 
wenn ich das arme unscheinbare Mådel hOre, wie sie ohne Erziehung, 
ohne viel Gedanken, doch solen feinen Instinct in ihrem Singen zeigt, 
so, dass jede Note ihres Gesangs mir wie ein Ereignis und ein Sieg 
in der »Tonwelt«*) klingt; wåhrend der ganze Chor, ausser ihr, sich 
ångstlich nach dem Vorsånger und nach dem Bass richtet, geht diese 
Engelsstimme suchend, suchend, suchend immer hoher, und halt mit 
der Pracision des Genies ihren sicheren Weg ein, und uberflutet das 
Haus mit Melodien. 

— . Wieder schOne Melodien in der Kirche. Immer dank ich 
der gnådigen Urania, wenn unser Chorfuhrer Weisen mit Solopartien 
fur meine Sångerin wåhlt. Mein Ohr wartet auf diese sussen Modula- 
tionen, die so rein von aller persCnlichen Manier, so universell sind, 
dass sie das Ohr øffnen, wie das Ansteigen des Windes. 

1838. Heut' in der Kirche sah ich jenes wunderschOne Kind — 
und meinen feinen, nattirlichen, månnlichen Nachbar, der den Communi- 
canten Brod und Wein mit so klaren Augen und mit so vortrefflichem 
Gesicht und Haltung bot. Aber das war auch alles was ich in der 
Kirche sah, das an Gott erinnerte. MOge die Geistlichkeit sich in Acht 
nehmen, wenn die Wohlgesinnten und Gebildeten zu sagen beginnen : 
»Ich kann nicht in die Kirche gehen, die Zeit ist zu kostbar.« 

Juni 1845. Es war ein Vergniigen gestern den ganzen Tag 
Pater Taylor**) in unserer Landkirche predigen zu hOren. Die Menschen 
haben doch immer Interesse, wenn ein Mensch kommt, und all die 
mannigfachen Extreme unserer kleinen Dorfgesellschaft wurden einmal 
zusammengebracht. Schwarze und Weisse, Dich ter und Greisler, Unter- 
nehmer und Holzknecht, Methodisten und Prediger schlossen sich der 
wOchentlichen Gemeinde mit seltener Einmiithigkeit an. 

— . Gott baut seinen Tempel im Herzen und auf den Ruinen 
aller Kirchen und Religionen. 

— . Skeptiker und Unglåubige sind fur mich nicht Unglåubige, 
sondern Kritiker, glåubig sind alle und mussen es sein. 



*) Deutsch im Original. 
**) Beruhmter katholischer Missionsprediger. 



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LIEBE VON DAMALS 

Unbefriedigtes Verlangen, 

Wie erdriickst du mich, 

Wenn ich nach dem tagelangen 

Zwischen Groll- und Hoffhunghangen 

Seufzend Deinem Trotze wich! 

Keine Arbeit will von statten, 
Keine heit're Stunde naht. 
Einst, wenn wir gekiisst uns hatten, 
Gieng ich in dem milden Schatten 
Deiner Liebe Pfad um Pfad. 

Muss ich jetzt um Kusse bettein 
Wie ein armer Vagabund? 
Soli ich mit belohnten Vetteln 
Jugendgliick und Kraft verzetteln? 
Offne doch den stolzen Mund! 

Furchtest Du, dass meine Hånde 
Dir das schneeige Hemd beschmutzt . . 
Ahnst Du nicht, dass Liebesbrande 
Wie die meinen Dich am Ende 
Schoner als zuvor geputzt? 

Unbefriedigtes Verlangen, 

Wie erfullst du mich! 

Gram und Scham auf biassen Wangen 

Bin ich in die Nacht gegangen, 

Aber Du bHebst jungferlkh. 



JAKOB WASSERMANN. 



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DER HUNGER NACH KUNST. 
Von HAROLD ARJUNA VAN JOSTENOODE (Briisscl). 

Noch vor einem Menschenalter war bei uns allgemeine Klage iiber 
den Mangel an Kunst, fiber Mangel an Geschmack und fiber Mangel 
an Entgegenkommen von Seiten der Regierung und der gebildeten 
Stande gegen die Forderungen der Kunstler nach Beschåftigung. Heute 
sind wir allmåhlich in eine Periode getreten, die einem fOrmlichen 
Heisshunger nach Kunst Platz gemacht hat. Es regnet beinahe Kunst- 
geschichten und asthetische Betrachtungen, und die Kunstzeitschriften 
spriessen wie Pilze aus der Erde. Die Kfinstler fiberschwemmen den 
Markt mit Kunstwerken und die Regierungen lassen sich angelegen 
sein, offentliche Gebåude moglichst mit Statuen und Frescogemålden 
versehen zu lassen. Die Theater wetteifern, die schonsten und echtesten 
Costume dem kunstsinnigen Publicum vorzuffihren, und sogar die Wirts- 
håuser folgen dem Zuge der Zeit und schmficken sich mit stilvoller, 
altdeutscher Einrichtung und entsprechenden Wandgemålden. 

Es war in der That Zeit, dass es so kam. Denn, wenn man die 
unkfinstlerische Periode bedenkt, die von den Zeiten der Freiheitskriege 
bis vor kurzem geherrscht hat, dann kann man sich eines Aufathmens 
nicht erwehren, dass diese nfichterne, trockene, unåsthetische Zeit vorfiber 
ist. Es sieht aus, als ob nach einem historischen Gesetze, dass auf eine Rich- 
tung nach einer Seite spåter eine Neigung nach der entgegengesetzten 
sich geltendmacht, wir mit vollen Segeln in eine kfinstlerische Periode 
einlenken. Der Wind ist jedenfalls gunstig. Man kann sich heute 
kaum noch eine Vorstellung machen, welche Armut und Håsslichkeit 
damals in deutschen Btirgerhåusern die Regel war. Von stil- 
voller Einrichtung war keine Rede. Die Mode pflegte so geschmacklos 
wie moglich zu sein. Das Kunstverståndnis war aus Mangel an Kenntnis 
und tJbung auf dem Gefrierpunkt. Und wenn auch einige geniale 
Ffirsten, wie Ludwig I. von Bayern, sich bemfihten, das Volk kfinst- 
lerisch zu erziehen, so fielen doch ihre wohlgemeinten Bestrebungen 
in der Regel auf unfruchtbaren Boden. Der Munchner Bierphilister 
gieng doch lieber ins rauchgeschwångerte Hofbråu, als in die >Bigedeg« 
oder »Glibbedeg«. Vor einigen Jahren veranstaltete man in Coburg 
eine Bilderausstellung. Aber niemand kam. Da gerieth der arrangierende 
Hofmarschall auf den genialen Einfall, dort die beliebten Wurstchen 
verkaufen zu lassen. Das zog. Von da an war die Kunstausstellung 
gestopft voll. Diese Anekdote ist bezeichnend. Auch heute noch steht die 
Mehrzahl der bierehrlichen deutschen Philister auf demselben banau- 
sischen Standpunkte. Ohne Wfirste kein Kunstgenuss! Es fehlt 



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HUNGER NACH KUNST. 567 

eben allenthalben an der kiinstlerischen Erziehung und ist daher das 
Kunstverståndnis naturgemåss unentwickelt. 

Es ist kein Zufall, dass die ålteste deutsche Poesie so formlos 
ist im Vergleiche zu der hellenischen. Die germanische Dichtung war 
aufgebaut auf Gesetzen, die vom Verstande oder vom Gefuhle dictiert 
waren : gewisse Contraste wurden mit starken Accenten dargestellt, der 
Dichter war so erfQllt von seinem Stoffe, dass er in wuch tigen Worten, 
in steten Wiederholungen seinem Gedanken Ausdruck verlieh. Der 
Stabreim war da ganz am Platze. Aber eine Beherrschung der Form 
war damit nicht gegeben. Der Sanger selbst wurde beherrscht. Eine oft 
ungeheure Leidenschaft liegt in diesen einfachen Ausdrficken. Aber der 
Dichter ist nicht im Stande diese Leidenschaft objectiv darzustellen, wie 
Homer. Es fehlt ihm dazu an Formgeffihl. Wenn nun auch die Germanen 
duren den Einfluss der romanischen Poesie auf diesem Gebiete viel 
gelernt — ja sich geradezu vom alten germanischen Boden entfernt 
haben — so konnten sie doch nicht zu der Beherrschung der sinn- 
lichen Form gelangen, wie die Bewohner des sonnigen Sfidens. Das 
liegt in der Rasse. Man braucht nur fiber die Grenze zu kommen und 
Italiener oder Franzosen zu beobachten, so bemerkt man bald, dass bei 
alier mOglichen Dressur der Deutsche niemals das Anmuthige in seinem 
Wesen, die Eleganz, die Grazie erreichen wird, die jene haben. 

Daher sollte der Germane bei der kommenden Kunstperiode 
Rficksicht darauf nehmen, was fur ihn passt. Die Romanen haben ihm 
so lange als Muster gedient, und die alten >Classiker« sind zum Ober- 
druss in den Gymnasien gepaukt worden. Kein Wunder, dass der 
moderne Deutsche schliesslich unsicher geworden ist und nicht recht 
weiss, wohin er sich wenden soli. Die deutschen Classiker haben auf 
diesem Gebiete auch eine Richtung befolgt, die man heute nicht mehr 
als ma8Sgebend ansehen kann. Wir sind seit den Tagen der Romantik 
sicher nationaler geworden. Nur war es von Seiten der Romantiker 
oft nur ein unsicheres Tappen im Dunkeln. Jetzt haben wir durch 
grfindliche Studien auf dem Gebiete der Germanistik, der Volkskunde, 
der Geschichte ein besseres Auge bekommen fur das, was wirklich 
volksthumlich ist und was nicht. Richard Wagner namentlich mit seinen 
gigantischen Bestrebungen ist der eigentliche Bahnbrecher auf dem 
Gebiete der Kunst. Er hat sie wieder national gemacht. Bayreuth 
ist noch heute die classische Schule fur die deutsche Kunst, Bayreuth, 
das germanische Olympia, die Werkståtte volksthfimlich-nationaler Cultur. 

Aber noch viel bleibt zu thun. Noch lebt der Durchschnittsmensch, 
der echte Bildungsphilister, trotz seines Firniss von Bildungsschwindel, 
in åsthetischen Dingen als ein Barbar. Er spricht zwar heutzutage 
schon fiber Kunst und wiederholt wohl hin und wieder dunkle Aus- 
sprfiche, die er einer Kritik in seinem Bildungsblåttchen entnommen 
hat. Aber im Grunde fehlt ihm jede solide Grundlage. 

Man mfisste damit anfangen, auf den Schulen die Kinder 
systematisch zum Verståndnis des SchOnen zu erziehen. Aber freilich 
sind ja die Lehrer selbst meist am weitesten davon entfernt, irgend 



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5 68 JOSTENOODE. 

etwas vom åsthetischen Standpunkte aus zu betrachten. Bei ihnen ist 
der Hunger nach SchOnheit nur allzu sehr eretickt durch den Heiss- 
hunger nach Wissen. Betrachtung der SchOnheit um ihrer selbst 
willen, ist bei Vielen die verbotene Frucht, bei manchem Geistlichen 
sogar eine Art Teufelsdienst. Mit Schrecken und geheimer Besorgnis 
sehen viele auf die Einfuhrung von schOnen Bildern in die Schule. 
Ein preussischer Schulrath sprach mir einmal vom >Bilderdienst in 
der Schule«. Ja freilich ! Das waren ja so schOne Zeiten, als die 
weissgetunchten kahlen Wånde ernst und wurdevoll auf die Classe 
niedersahen, in der der gelehrte Philologe mit unerschutterlichem 
Gleichmuth vor der gåhnenden Classe seine Feinheiten der Syntax 
erklårte! Jahrhunderte lang hatte dieses herrliche System gedauert, 
ganze Generationen von pedantischen Stockphilologen (in jeder Bedeutung 
des Wortes!) und geistlosen Zopfjuristen sind auf diese Weise zum 
grossen Schaden der Nation herangezuchtet worden. Da kann man 
sich nicht wundern, dass dem deutschen Volke der Schonheitssinn 
absterben musste. Noch jetzt lastet die Tyrannis der Juristen und 
Schulmeister wie ein Bleigewicht auf dem unglucklichen Volke. Sie 
wesentlich triffit die Schuld, dass das Volk kunstlerisch zuruckgeblieben 
ist. Denn sie hatten das Heft in Hånden und haben das Grosse uber 
dem Kleinen ubersehen. Unsere ganze Bildung leidet darunter. 

Ich hatte im Louvre zu Paris eine Lieblingsmadonna. Als ich 
einmal wieder vor ihr stand und ihre vergeistigten Zuge bewunderte, 
hOrte ich mit Entsetzen eine Dame nåherkommen, die im Gehen mit 
grosser Zungengelåufigkeit allen Malern der betreffenden Bilder ihre 
SQnden vorhielt. Als sie vor meine Madonna gekommen war, bemerkte 
sie: >Ah, da ist ja diese Madonna! Na, nicht so Obel! Aber die Hånd 
ist zu gross!« Ich sah hin. Richtig, sie hatte Recht. Ich hatte in 
meiner Begeisterung die GrOsse der Hånd ubersehen. Aber von da ab. 
konnte ich das Bild nicht mehr ansehen. Ich musste immer an die zu 
grosse Hånd denken. Die Dame war naturlich eine Berlinerin. 

Uebertroffen wurde sie aber noch von jener Wienerin, die mir 
einmal in der »Gotterdammerung« naiv erklårte, man gienge ja nur 
in die Oper, um neue Costume auf der Bahne zu sehen. Bei diesem 
Kunstverståndnis verstummte ich besiegt. 

Ich konnte die Reihe solcher kunstliebender Damen nach Belieben 
fortsetzen. Aber es genugt hier aus der Praxis festgestellt zu haben, 
dass ein wahrer Tiefstand des Kunstverståndnisses beim Publicum 
vorhanden sein muss. 

Und doch hat jeder, auch der Ungebildetste ein gewisses 
Bedurfhis nach SchOnheit. Es fragt sich nur, wie es zu wecken ist. 
Man musste jedenfalls beim Volke im Kleinen anfangen, z. B. in der 
Sorge um Herstellung einer åsthetischen Kleidung. Die alten Volks* 
trachten hatten in dieser Hinsicht einen entschieden besseren Einfluss 
als unsere heutige Schornsteinfegerkleidung. Die Kleidung ist das 
Erste, worauf man den Sinn richten musste, will man eine Hebung 
des Geschmackes bewirken. Die åsthetische Bewegung in England, 



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HUNGER NACH KUNST. 



569 



die wesentlich durch den unglQcklichen Oskar Wilde angefacht wurde, 
dem man dafur grossen Dank schuldig ist, hat viel Gutes gestiftet, 
und wåre fur Deutschland leicht nachzuahmen, wenn eine wirkliche 
Hauptstadt vorhanden wåre, die den Ton angiebt. Wien wåre da fur 
Oesterreich diesseits, Ofen-Pest fur jenseits der Leitha besser geeignet. 
Die Ungarn haben jedenfalls das vor den Deutschen voraus, dass sie 
noch Wert auf ihr Nationalcostum legen. Sie sollten nur weiter gehen 
und die kleidsame Tracht immer tragen. Warum gehen die Studenten 
z. B. an den Hochschulen nicht mit dem Beispiel voran? Auch die 
deutschen Studenten sollten wieder eine Studententracht tragen, wie es 
noch am Anfang dieses Jahrhunderts allgemein iiblich war. Alles, waa 
sich abheben will, sollte eine charakteristische Kleidung tragen, ohne 
deshalb dem Spott der Låcherlichkeit zu verfallen. Man tragt ja jetzt 
Sportkleidung, die vor 30 Jahren eine Unmoglichkeit geschienen hatte, 
warum nicht solene Reformen, die sich jetzt nur schuchtern zeigen, 
allgemeiner machen? 

Man sollte z. B. bei MaskenbåUen mehr auf SchOnheit des 
Costums, als Richtigkeit sehen. Was hat man denn davon, ein streng 
historisches Costum mit Schnabelschuhen und Schellen sich anzusehen, 
wenn es dabei nicht den Schønheitssinn befriedigt? Nein, man sollte 
auf das åsthetisch schOnste Costum einen Preis setzen. Das wurde 
der Mode einen Anstoss geben. Nicht der Reichthum des Costums 
macht es, sondern die feine Zusammenstellung der Farben, der elegante 
Schnitt. Dies kann oft mit sehr wenigen Mitteln erreicht werden. 

Åhnlich steht es mit dem Theater. Man bemQht sich jetzt, 
>Lohengrin« im streng historischen Costum der Zeit Heinrichs des 
Vogelstellers darzustellen. Wozu das? Die Oper riickt die Handlung 
auf eine ideale Høne. So sollte auch das Costum entsprechend idealisiert 
sein. Eine Sångerin mit einem echten, burgundischen Thurmhut oder 
langen Pledermaushångeårmeln, kOnnte die schOnste Rolle verderben, 
denn das Costum muss stets dem Charakter der Rolle angepasst sein. 
Person und Costum mussen ein s sein, nicht zwei. Die ubertriebene 
Sorgfalt aber, die man heute der Richtigkeit des Costums widmet, 
schadet der Ausbildung des SchOnheitsgefuhles. Auch hier dominiert 
wieder der unverbesserliche Schulmeister, der in Deutschland noch 
uberall sein Wesen treibt. 

Ebenso musste neben der Kleidung die nåchste Umgebung jedes 
Menschen åsthetisch gemacht werden, wie es bei den alten Griechen 
war und im Oriente noch heute ist. Wenn mich etwas anzieht, aobald 
ich den internationalen, europåischen Volkermischmasch hinter mir 
håbe, so ist es die vollkommene Harmonie, die ich im Oriente finde, 
die schon bei der Welt der Sudslaven beginnt und im angenehmen 
Contraste steht zur charakterlosen Stillosigkeit unserer Bildung. Ein 
Reisender, der die Inseln der Sudsee besucht hat, behauptete vor einiger 
Zeit, die Muster, welche die rohen Eingeborenen verfertigen, stunden 
hoch uber denen unserer gebildeten Damen. Das ist doch gewiss kein 
Compliment fur unsere vielgeruhmte Bildung. Dass unser Geschmack 



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570 J0STEN00DE. 

in den letzten Jahren namentlich in Bezug auf Teppichmuster besser 
geworden ist, verdanken wir einzig und allein dem Einflusse des Orients. 
Ich entsinne mich noch wie der Kunstschriftsteller Charles Blanc, als 
er in seinen Vortrågen im College de France zu Paris darauf zu 
sprechen kam, mit Entrustung ausrief: >Wir sind in der Kunst noch 
reine Barbaren ! « Das war im Jahre 1880 und wir haben seit dieser 
Zeit so ziemlich Fortschritte gemacht. Aber wie viele zåhlen unter. 
diesem > Wir« ? 

Da unsere jetzigen Museen doch ihren Zweck beim Publicum 
verfehlen, so sollte man daran denken, neue Einrichtungen einzufuhren, 
welche besser fur die Bildung des Geschmackes sorgen. In Brussel hat 
ein reicher Advocat sein Haus der Stadt geschenkt, die es als Maison 
d'Art dem Publicum OfFnet. So sollte man auch in anderen Stådten 
Håuser mit voller Einrichtung dem Volke zugånglich machen. So wåre 
jetzt bei Gelegenheit des Jubilåums des Kaisers Franz Josef im Jahre 
1898 die MOglichkeit gegeben, ihm zu Ehren ein solches >Kaiserhaus« 
in Wien zu bauen, dass wie ein Schmuckkåstchen, ein deutliches Bild 
der Leistungsfåhigkeit unseres heutigen Kunstgewerbes in Einrichtung 
und Ausstattung bieten mQsste.*) Wenn man dann dort noch Special- 
Ausstellungen fur schOne Trachten u. s. w. und Vortråge øber åsthe- 
tische Gegenstånde veranstaltet, so wtirde es zur Wiederbelebung des 
kunstlerischen Geistes måchtig beitragen. 

Auch das Oeuvre de l'Art appliqué å la Rue A, welches in 
Belgien schon viel Gutes gestiftet hat, kOnnte man anderswo einfuhren. 
Dasselbe will dafur sorgen, dass die Strassen, Plåtze, Håuser kunstlerisch 
ausgeschmuckt werden. So erlasst man z. B. Concurrenz-Ausschreiben 
fur Laternen, fur Schilder u. s. w. Alles muss stilgemåss sein, muss 
sich der Umgebung anpassen. So wird der kunstlerisch e Sinn des 
Volkes allmåhlich gebildet. 

Nicht die jungen Kunstler, die sich oft fur genial halten, wo sie 
doch nur bizarr sind, die all zu oft ihre Inspirationen weniger aus dem 
Volksleben als dem Café holen, sondern das Volk als Ganzes soli die 
Richtung angeben. Erst wenn eine wirkliche Volkskunst enstanden 
ist, wird der Hunger nach Kunst endlich gestillt sein. 

Und alle Zeichen sprechen dafur, dass dieses Ziel erreicht werden 
wird. Ueberall zeigen sich Spuren, dass das Verståndnis fur die Noth- 
wendigkeit einer Kunsterneuerung im Wachsen begriffen ist. So hat 
sich in Hamburg eine »Lehrervereinigung fur die Pflege der 
kunstlerischen Bildung« constituiert, welcher soeben eine Schrift 
durch Herrn Dr. Spamer, »KQnstlerischer Bilderschmuck fur Schulen« 
(Commetersche Buchhandlung, Hamburg, 1897) hat herausgeben 
lassen. Der Suden, der vom Hause aus so viel kunstlerischer bean- 
lagt ist, sollte nicht zOgern, das Beispiel nachzuahmen. In Oster- 

*) Anmerkung ier Redaction. Theilweise sind diese Anregungen 
unseres geehrten Mitarbeiters bereits praktisch verwirklicht worden. Man denke 
an die letzte Weihnachtsausstellung des k. k. osterr. Museums fiir Kunst und 
Industrie. 



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HUNGER NACH KUNST. 



571 



reich, wo noch cchte Volkstrachten sind, sollte man alles thun, 
um zu erhalten, was an volksthumlicher Kunst noch vorhanden ist. 
Der Wiener Volksgesangverein ist hier auf dem richtigen Weg. Denn 
auch dem Gesange bleibt in der Erneuerung volksmåssiger Kunstpflege 
eine wichtige Rolle vorbehalten. Auch der Ausschuss fur die deutschen 
Nationalfestspiele hat die volksthumliche Musik in sein Programm auf- 
genommen. Er sollte nur noch auch ein Preisausschreiben fur die 
schønsten Volkstrachten veranstalten. Dann kønnte man die såmmt- 
lichen Nationaltrachten Revue passieren sehen und sich ein Bild davon 
machen, wie es um die åsthetische Ausbildung beim Volke steht. 

Hat das Mittelalter sein Schønheitsbedurfhis durch religiøse Dar- 
stellungen befriedigt, hat die Renaissance ein abstractes Schønheitsideal 
auf Grund der Antike zu finden gesucht, so soli die Neuzeit dem 
Vølkergedanken in der Kunst sinnlich-schønen Ausdruck verleihen. Das 
ware wohl das Ideal der nåchsten Zukunft. 



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EIGENTHCMLICHE POESIE. 
V<wi PAUL SCHEERBART (Niederschonhausen). 

DER HOFLICHE EREMIT. 

Ein Menuctt. 

>Guten Tag!« sagte schmunzelnd der hofliche Eremit. Und 
er schuttelte dabei seinem Freunde immer wieder herzlich die Hånd. 

»Sei mir willkommen!« rief begeistert der grosse Einsiedler. 
Und dabei riickte er seinen Ledersessel ans Penster und driickte 
seinen Freund in den Ledersessel hinein. 

>Hier hast Du Cigarren!« schrie der allzeit einsame Mann 
seinem Freunde ins Ohr. Und gleichzeitig ziindete er ein Ziindholz 
an, das er in brennendem Zustande dem Freunde zierlich hinhielt. 

>Wir trinken Grog!« kreischte der herrliche Wirt seinem 
Gaste ins Ohr. Und bald brodelte das kochende Wasser. 

Und dann wards gemiithlich in der Einsiedlerhohle. 

Der Herr des Hauses sprang und tanzte vor Vergniigen und 
erzåhlte dabei in Einem fort 

Ja — die Hoflichkeit! 

»Mein guter Freund!« briillte der hofliche Mensch. Und dabei 
nahm er seinen schonen Revolver von der Wand und schoss einen 
Spatz, der auf dem Fensterbrette sass, mausetodt. 

Der Freund driickte sich. 

Der hofliche Eremit driickte ihm herzlichst hundert Mal die 
Hånd und bat ihn, ja recht bald wiederzukommen. 

Der Freund driickte sich. 

Der Spatz aber war todt — ganz todt. 

ICH LASS' DICH NICHT LOS! 

Ein Zcrrbild. 

>Ich will, was Ich will!« schrei ich ihm schrill wie eine 
Lokomotiven-Pfeife dicht uberm Ohrlåppchen ins immer noch 
nicht ganz taube Ohr. 



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EIGENTHOMLICHE poesie. 



573 



Und da hab' ich ihm den Rock zerrissen. 

Und da hab' ich ihm mit dem Zeigefingerkndchel der linken 
Hånd in das Fleisch gestossen, das ihm uberm Herzen sitzt 

Und dann hab' ich ihm an den Schlund gepackt, dass er 
die Augen verdrehte — wobei ihm der Schlips abfiel. 

Ich håbe seinen dummen Schlips zertrampelt, und dann håbe 
ich — wild ausgesehen wie ein Teufel. 

Und da hat er Angst bekommen und sich nicht långer gewehrt 

»Ich lass' Dich nicht los!« 

Diese fiinf Worte sagt' ich ihm so klar und deutlich, dass 
er vollkommen das Selbstbewusstsein verlor. 

Nun geht er ruhig neben mir — mein Schatten — mein 
Zerrbild! 

Er sagt auch zu mir: 

>Ich lass' Dich nicht los!« 

Es klingt mir ofters sehr unheimlich — ich mochte eigent- 
lich wieder allein sein. 

Diese verdammte Gier! 

Diese verfluchte Sehnsucht! 

Dieses alberne Herrschenwollen! 

Alles dieses låsst uns auch nicht los — Nichts låsst los! 

Diese Welt ist doch sehr fest . . . 

MEERGLttCK. 

Eine Groteske. 

Das alte Meer tobt. 

Und langsam steigen aus den schaumenden Wogen Geister 
heraus — masslos riesige Geister! 

Mit wildem Trotz kommen sie hoher und hoher. 

Ihre Fåuste sind geballt. 

Sie drohen mit ihren geballten Fåusten. 

Und plotzlich schlagen sie mit ihren Fåusten aufs tobende 
Meer, dass die schaumenden Wasser hoch aufspritzen — bis an 
die Sterne. 

Unergriindliche smaragdgriine Augen starren aus den Geister- 
kopfen heraus — in die Welt hinein. 

Verzehrende Wehmuth und massloser Zorn kreischt — in 
diesen griinen Augen. 



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574 SCHEERBART. 

Das alte Meer tobt. 

Und langsam tauchen die Geister des Meeres wieder hinab 
— ins alte, kalte Wogenbett. 

Gurgelnd schliesst sich das Wasser iiber den haarigen Kopfen, 
in denen die smaragdgriinen Augen verloschen. 

Und wieder tobt das Meer — einsam — einsam — und gross ! 

SAULENLIED. 

Ich steh' auf meiner Saule, 
Und schau ins wilde Meer, 
Ich hore Dein Geheule, 
Und wund're mich nicht mehr. 

Ich steh' auf meiner Såule, 

Mir wird mein Herz nicht schwer. 



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FIDUS. 

Von WILHELM SPOHR (Friedrichshagen). 
(Schluss.) 

Die schønen von der »Jugend« verOffentlichten Blåtter bedurfen 
nicht meiner besonderen Erwåhnung. Aber des Bildes »Bruderseele« 
im »Simplicissimus« muss ich gedenken, weil es bemerkswert fiir Fidus 
boberes Wollen ist. Ich darf hier nicht von dem kiihnen Architekten 
Fidus reden, weil dem Leser jede Anschauung fehlt. In »Bruderseele* 
macht sich nun in bescheidener Weise eine architektonische Absicht 
geltend und es ist das einzige derartige Blatt, das eine Zeitschrift zu 
bringen unternahm. Das Bild zeigt im Hintergrunde einen Jiingling, 
der die Orgel spielt und uns also den Rucken zuwendet; rechts vom 
wie eine verzweifelt Betende knieend und aus den Klangen Balsam 
fur die verwundete Seele saugend, ein Mådchen. Die unerhorte leiden- 
schaftliche Gewalt, die aus jedem Linienzug der Silhouette des Orgel- 
spielers spricht und die demgemåss gestimmte Architektur der Orgel 
machen dies Bild Jedem dramatisch lebendig. Es war wohl ein Ver- 
such von Fidus, in dem er im Grunde conventionelle Mittel, jedoch in 
neuer Gruppierung wirkungsvoll anwandte, einen Uebergang zu schaffen 
zu den neuen architektonischen Gedanken, die in ihm nach Anwendung 
verlangten. Die LOsung einer Hauptaufgabe, die er dem Baukiinstler 
stellen mOchte, ist ihm hier wunderbar gelungen; diese Architektur schreit 
fOrmlich dem Beschauer ihren engen Bezug zum Menschen entgegen. 
Da streben die Tuben und FlOten und die sie vermittelnde Architektur 
auf das Centrum hin, auf den Punkt, wo die ergriffene Seele die Werk- 
zeuge dazu hinzureissen sucht, ihr im Tone VerkOrperung zu verleihen. 
Die weisse Gestalt des Mådchens im Vordergrunde ist mir nur eine nette 
Episode, die Beziehungen verdeutlicht. Aber diese lebendige, intellectuelle, 
Mittel und Zweck gewordene Architektur der Orgel und diese ergreifende 
Menschenseele, die in allen Ziigen des Leibes zittert und so mit alier 
Kraft arbeitend nach Ausdruck ringt, sie gehOren zusammen, sie lassen 
in uns eine Weise erklingen, die das Innerste aufruhrt. 

Wiewohl Fidus Leistungen im Buchschmuck besondere Be- 
achtung verdienten, so kann ich mich doch nur auf einen ganz allge- 
meinen Hinweis einlassen. Hier ist sein Ideenfeuerwerk so recht am 
Platze. Seine Kunst schaltet ganz frei mit ihren eigenen Elementen, 
indem sie sich nur der Stimmung des Textes anpasst und dennoch 
bescheiden sich nicht iiber ihre eigentliche Aufgabe erhebt; so ent- 
steht in dem Buche ein kleines edles Gesammt-Kunstwerk mit aus- 



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576 



SPOHR. 



gesprochenem Grundcharakter. Indeni es ganz seinem Wesen folgte, 
gab er im Gegensatz zu den Nachahmern der Englånder dem Buch- 
schmuck eine Prågung, die man eine specifisch deutsche nennen kann, 
Schraffierung, Ton oder sonstige Mittel, mit denen nur das Bild wirken 
sollte, verbannte er und stimmte die Zeichnung auf den Charakter 
des Letterndruckes. Fiir die Entwicklung des Buchschmuckes war das 
gewiss von Bedeutung, und auch ihm brachte die Aufgabe, auf kleinem 
Raume verståndlich und kOnstlerisch sich auszusprechen, den Gewinn 
des prågnantesten Ausdruckes durch das einfachste Mittel, durch die 
Linie, in der Folge mit sich. Ich erwåhne des bedeutenden Buch- 
schmuckes zu Franz E vers' »Hohen Liedern« (Schuster & Loeffler, Berlin), 
der allein einen Aufsatz verdiente, des Buchschmuckes zu Jul. Hart's 
Gedichten (Eugen Diederichs, Leipzig), sowie der Zeichnungen zu einem 
demnåchst bei S. Fischer erscheinenden Balladenbuche. Erwåhnens- 
wert geråde bei ihrer Kleinheit sind auch die Vignetten zu Karl 
Henckell's Dichter-Flugblåttern, den »Sonnenblumen«. 

Im Anschauen seiner Bilder werden wir inne, dass mit ihrer 
malerisch-technischen Betonung als Hauptsache zu wenig fiir die Er- 
schliessung des Kernes gethan ist. Denn diese Bilder stellte Fidus nicht 
so »nur um der Kunst willen< vor uns hin. Naturlich weist ihn seine 
Bestimmung und eine tiefere Wahl auf die plastischere Sprache der 
bildenden Ktinste; doch ihm liegt banausischer Kastenehrgeiz so fern, 
dass er vielleicht, so er nur Meister desselben wåre, freudig das Wort 
als Briicke fiir das Verståndnis seiner Eingebungen beniitzen wurde, 
wenn es ihm feinere und heiligere Wirkungen verhiesse. Er kniipft 
auch an seine kvinstlerischen Åusserungen die Hoffnung einer Er- 
ziehung zur Reinheit, und so kommt er zu seiner Sehnsucht nach 
einem bildnerischen Gesammt-Kunstwerk, das er als Medium der grossen 
unbekannten Mach te zu den Menschen reden lassen mochte. Er gehOrt 
zu den seltenen Menschen, denen diese Måchte das delphische Amt 
der Verkiindigung in die Hånde legten. Wer in ihm nur den »Back- 
fischzeichner« sieht, der wird verwundert sein, dass ich ihn als Gleich- 
gebornen in die Kaste der Michel Angelo, Montaigne, Novalis, Emerson, 
Whitman und Klinger rangire. Ich fiir mich muss das, und ich hoffe, 
dass mir seine Kunst, seine bisherige, die nur unvollkommen bekannt 
ist, und noch mehr seine zukiinftige, bald auch in den Augen v i e 1 e r 
Verståndiger das Recht geben wird, dass ich sie so hoch einschåtze. 
Er hat die Kraft, sich auf das Wesentliche zu concentrieren und von 
der åusseren Symbolik zum Ergluhen — und Tonenlassen des Kernes 
fortzuschreiten ; aus seinen ruhenden Gestalten kann er wie einen Blitz 
den Entschluss einer zukunftigen Bewegung uns entgegenzucken lassen ; 
die Bewegung seiner Gestalten zeigt oft eine unerhOrte Kuhnheit, und 
doch glauben wir an die Naturlichkeit dieser Luftsprunge: es ist die 
Bewegung selbst, mochte man sagen, die Fidus da erlauscht und er- 
spåht hat; einmal liebt er die menschliche Geste als den Kunder des 
inneren Erlebnisses und entzuckt uns durch die poselose Freiheit der- 
selben, dann wieder zeigt er, dass er selbst dieses Ausdrucksmittels als 



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FIDUS. 



377 



eines åusserlichen entrathen må uns Ruhe und Leidenschaften m ihrøi 
feinsten Differenzierungen und in ihren Gradunterschiedon ans den 
Zugen seiaer Wesen sprechen lassen kann, aus ihren Augen und gat 
aus ihren Handen, wenn es ihm gefållt, uns das Antlkz vorzuenthalten. 
— Das aHes aber oft mit den stammelnden Mitteln des Kindes oder 
des primitiven Insulaners, in einfachster Umrisszeichnung ohne Ton 
und Farbe : in einer Linie, deren Musik unser Empfinden in adåquaten 
Rhythmen sich bewegen heisst, einer Linie, die Seele geworden ist. Wie 
jetzt schon Einzelnen, so konnte er der Menschheit ein Erzieher seia, 
wenn man ihn den wurdigen Rahmen fur seine Kunst sich schafTea 
und ihn den Traum vom Gesammt-Kunstwerk realisieren liesse. Dean 
seine und seiner in Zeit und Raum verstreuten Mitstreiter wahrheits- 
wie schonheitsvolle Lebensauffassung bleibt uns vielleicht allein noch 
als Rettung nach dem Fiasco aller åusserlichen Systeme ubrig. 

Unter Fidus' Hånd wird alles 2um Tråger von Empfindungen, 
das Bikinis, das architektonische wie sonstiges Gebild von Menschen- 
hånd, die kosmische Erscheinungswelt. Vor so unmittelbaren Bekenné- 
nissen der Dinge dunkt uns die Frage kleinlich, ob uns der Kunstler 
mit der Stårke seines Anempfindens uber die Leblosigkeit der Dinge 
hinwegtåusche, oder ob wirklich ein Bewusstsein und ein Odem in 
aller Erscheinung lebendig sei. Stårker als wissenschaftliche »Belege«, 
nach welchen der Durst der Niichternen lechzt, uberzeugen diese Dinge 
da, die ihren eigensten Charakter ausschwitzen. Dramatisch lebbaft in 
einem vornehmen Sinne, d. h. auf mehr gestutzt als nur ein åusser- 
Hches Geschehen, wird Fidus' Ideenkunst da, wo zwei solcher eine Eigeo- 
beit bildenden Charaktersphåren aneinanderprallen. In unserem Innera 
wird ein correspondierendes Moment lebendig, es stOsst sich da uad 
vereinigt sich in der Seele, denn es ist ein Kåmpfen und Versobnen 
der Lebensprincipien, der offenbaren wie geheimen, denen auch wk 
unterworfen sind, was da in den tiefen Bildersymbolen hin und her 
flutet. Dieses reiche Geben und Empfangen, dieser stumme Dialog der 
sich gegenuberstehenden Wesenheiten, dieses lebhafte Ergånzen des 
einen durch das andere, das Einander-Durchdringen und -Durchbiitzen* 
ein Kåmpfen und Ringen mit dem Schicksal oder dem Unerforschlichen, 
ein Funkenspruhen hin und wieder halt unsere Aufmerksamkeit ge- 
fangen, wie ein unerhortes kosmisches Drama. Wir haben in Fidus 
eins von den Instrumenten, von der Natur auserlesen, dass sie ih*e 
gewaltigen Weisen darauf spiele ; da såuselt lind ihr Odem hinein und 
wirbek sich vom Lyrisch-Lieblichen empor bis zum Erhaben-Erschut- 
ternden. Und aUes weist auf den Menschen, es ist unser Kampf, 
von dem er redet, und wir horenen ihm mit Entzucken und sehnen- 
dem Schmerze zu. Nur eines gibt Fidus die Kraft und erlaubt ihm 
die Sammhing, so von unserem Kampfe berichten zu kunnen : er steht 
im Schaffen schon auf einem Punkt, der uber Freud, und Leid, gut 
und bOse gelegen ist, so dass sich ihm die Antagonismen als vom 
Schopfer ausgesandte Engel darstellen, die mit ihrem ewigen Schuren 
und Hineinlocken, und indem sie uns von erworbener Glåubigkeit und 



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578 



SPOHR. 



Gewissheit in immer neue Zweifel sturzen, dem Menschen sein hei- 
ligstes Gesetz erfOllen helfen, sich zu låutern und dem Antlitz seines 
Gottes immer åhnlicher zu werden. So kann er Kunstwerke schaflfen, 
die mit ihren tiefen Fragen und Antworten zu aller Menschen Seelen 
sprechen und auch den packen, der das private Seelenbekenntnis des 
Kunstlers nicht theilt. Denn es geht uns an, was er sagt. 

Zu jenen gehOrt Fidus, die zu sich sprechen : Nichts Mensch- 
liches soli mir fremd sein! Mit ihnen geråth er auch auf Gebiete, 
auf denen sich nie vorher ein Pionnier zu schaflfen machte. Ihn, der 
es liebt, uns seine Menschen in der Begegnung mit dem Wunder- 
baren zu zeigen, musste die kunstlerische Erfassung der Mysterien des 
Geschlechtslebens locken. Was das Leben, die Welt erhålt, sollte es 
so heilig oder so unheilig sein, dass man nicht in tiefer Begeisterung 
von ihm reden durfe? Er durchbrach die Convention und machte 
sich an die ersten Versuche. Aber er begnugte sich nicht mit der 
Gewissheit, dass eine reine Kunst wie die seine sich an dieses Problem 
wagen durfe. Die Anwendung einer genetischen Darstellung des 
Zeugungslebens dachte er sich erst im Dienste eines bestimmten 
heiligen Zweckes, am letzten Ende eines Cults der zeugenden Gottheit. 
Hier traf er wieder zusammen mit den Neigungen, die sich schon in 
fruhester Jugend bei ihm regten: seinen Neigungen fur die Baukunst 
grossen Stils, die er als das geeignete Mittel gewaltigster Contemplation 
angewendet wissen wollte. Wohl fångt hier das Gebiet des grossen 
Kunstlertraums an. Doch dieser ist wichtig fur die Beurtheilung seiner 
ganzen Kunst wie uberhaupt unserer Zeit, die sich erkiihnt, in bewusster 
Weise dem Leben Richtungslinien zu geben. Dieser Kiinstlertraum 
ist eins mit dem Traum von einem idealen Menschenleben : freies 
Wollen in Wissenheit, ein Ausleben der Persønlichkeit, ein briider- 
liches Schreiten mit dem Schicksal, ein freier hoher Bund des Mannes 
mit dem Weibe, geschlossen in Besinnung auf die Verbindung mit 
den Kraften und in Verantwortlichkeit g egen die Kråfte, die in aller 
Welt Weiten lebendig sind. Er dient einer Idealcultur und ist ein 
Kåmpfer. Deshalb sehe ich in seiner Kunst Thaten. 

Der alte Jammer liess auch ihn nicht genugend frei sein. Er 
hatte nicht oft Gelegenheit, seinen kuhnen Ideen, sei es auch nur auf 
der grOsseren Ebene des Decorativen, eine ihnen gemåsse Anwendung 
zu geben. Doch nun fuhlt er sich den schwersten Fesseln entrungen 
und ist daran, sich den wuchtigeren Aufgaben mit ganzem Eifer 
zuzuwenden, die in ihm nach Løsung drången. Mit einer gleichsam 
capitalistischen Ausbeutung seines Genies, soweit es den Leuten genehm 
geworden ist, kOnnte er sich nun gutlich thun. Aber er gehOrt zu den 
Strebenden, denen gefålliges Verweilen nicht frommen will, die es 
treibt, »von einem Licht fort in das andere zu gehen«. Er ist jung 
und hat noch viel Fonds, und wird also freudig wie bisher sich zu 
denen halten, die uns des Lebens Grenzen zu erweitern wissen. 



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SCENE AUS »FANTASIO«. 

Von ALFRED DE MUSSET. 

Deutsch von PAUL WERTHEIMER. 

Eine Strasse in Munchen. 

Spark, Hartman und Facio, junge Leute aus der Stadt, zechend um 

einen Tisch. 

Hartman. Heute, am Hochzeitstage der Prinzessin, lasst uns 
trinken, rauchen und larmen. 

Facio. Sturzen wir uns in die bunte Menge, welche die Strassen 
durchlåuft! VerlOschen wir ein paar Lampions auf den Kopfen der 
guten Burger! 

Spark. Nicht doch! Rauchen wir ruhig. 

Hartman. Ruhe? Nichts da! Musst' ich mich in einen Glocken- 
schwengel verwandeln und in die grosse Kirchenglocke hangen, zu 
einem Fest muss ich låuten. Wo zum Teufel steckt Fantasio. 

Spark. Warten wir auf ihn; unternehmen wir nichts ohne 
Fantasio. 

Facio. Bah ! Er wird uns immer zu finden wissen. Er betrinkt 
sich eben in irgend einer Spelunke der Basse-Strasse. Holla ! Ein 
letzter Zug! (Er hebt sein Glas.) 

Spark. Seht, dort kommt Fantasio. 

Hartman. Was gibt es denn? Er wiegt sich wie ein Justizrath. 
Welch nårrischer Einfall mag wieder in seinem Schådel reifen! 

Facio. Wohlan, Freunde, wie verbringen wir diesen schOnen 
Abend ? 

Fantasio (dazutretend). Alles, was Ihr wollt, nur kein neues 
Abenteuer. 

Facio. Ich schlug vor, uns mal zur Abwechslung unter das 
Gesindel zu mengen. 

Fantasio. Dazu gehørten Nasen aus Pappe und Knallerbsen. 

Hartman. Mådel um die Huften fassen, brave Burger bei den 
RockschØssen zieh'n, Laternen zerbrechen ! Auf den Weg, Kameraden ! 

Fantasio. Es war einmal ein Kønig in Persien . . . 

Hartman. Komm' doch, Fantasio. 

Fantasio. Ich halte nicht mit, ich halte nicht mit. 

Hartman. Weshalb? 

Fantasio. Gebt mir ein Glas von dem. (Er trinkt) 

Hartman. Dir bluht der Mai auf den Wangen. 

44* 



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580 MUSSET. 

Fantas i o. Und der Januar im Herzen. Mein Schådel gleicht 
einem alten Kamin ohne Glut : nur Wind und Asche. Hu ! (Er setzt sien.) 

Wie mich dieser allgemeine Freudentaumel langweilt ! Ich wollte, 
der weite, schwule Himmel wåV eine riesige Wollmutze, um diese 
dumme Stadt und ihre dummen Bewohner bis uber die Ohren darein 
zu wickeln. Na, erzåhlt mir, ich bitt* Euch, irgend einen abgebrauchten 
Witz, etwas recht Abgedroschenes. 

Hartman. Weshalb? 

Fantasio. Damit ich lache. Ich lache nicht mehr uber das, 
was man erfmdet; vielleicht vermag ich uber Altes, Bekanntes zu 
lachen. 

Hartman. Du scheinst ein wenig Misanthrop und zur Melan- 
cholie geneigt. 

Fantasio. Keineswegs, ich komme von meiner Liebsten. 

Facio. Ja oder nein, håltst Du mit uns? 

Fantasio. Ich halte mit Euch, wenn Ihr mit mir haltet. 
Bleiben wir noch eine Weile hier, plaudern wir von dem und jenem, 
unsere neuen Kleider betrachtend. 

Facio. Meiner Treu, nein. Du bist mude zu steh'n, ich zu 
sitzen. Ich muss mich im Freien ermannen. 

Fantasio. Ermannen? ich kønnt' es nicht. Ich will lieber mit 
unserem alten Spark unter diesen Kastanien eine Pfeife rauchen. Du 
leistest mir doch Gesellschaft, nicht wahr, Spark? 

Spark. Wie Du willst. 

Hartman. Adieu also. Wir geh'n uns das Fest betrachten. 
(Hartman und Facio geh'n, Fantasio und Spark setzen sich). 

Fantasio. Wie dieser Sonnenuntergang verfehlt ist. Die Natur 
ist heut' abend erbårmlich. Sien' Dir mal das Thai dort an, diese vier 
oder funf klåglichen Wolken, welche den Berg hinankletterm Sokhe 
Landschaften entwarf ich auf dem Umschlag meiner Schulbucher, als 
ich zwolf Jahre alt war. 

Spark. Famoser Tabak! Famoses Bier! 

Fantasio. Ich langweile Dich wohl sehr, Spark? 

Spark. Nein, warum das? 

Fantasio. Du langweilst mich furchtbar. Bist Du's nicht satt, 
alle Tage dasselbe Gesicht zu seh'n? Was Teufel zieht Hartman und 
Facio zu diesem Fest? 

Spark. Zwei muntere, fidele Jungen, die kein Sitzfleisch haben. 

Fantasio. Welch wunderbares Buch ist doch dies Tausend und 
eine Nacht! O Spark! lieber Spark, konntest Du mich nach China 
zaubern ! Kønnt' ich fur ein oder zwei Stunden aus meiner Haut ! Kotmt' 
ich jener Herr sein, der eben vorbeikommt. 

Spark. Das scheint mir allerdings schwierig. 

Fantasio. Dieser Herr ist entzuckend. Sien' mal, die pråchtigen 
Seidenhosen! Die pråchtigen rothen Bl urnen auf seiner Weste! Die 
Breloques trommeln auf seinem Bauch, seine Rockschosse fiattern ihm 
um die Beine. Gewiss leben in seinem Kopf tausend mir fremde Ge- 



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SCENE AUS »FANTASIO«. 581 

danken; sein Wesen gen ørt ihm allein. Ach! die yenschen sagen 
einander alle das Gleiche ; in ihren Gespråchen kehren dieselben Gedanken 
fast immer wieder. Aber im Innern dieser einsamen Gedankenfabriken, 
wie viel Windungen, wie viel geheimnisvolle Winkel ! Eine Welt birgt 
jeder in sich, eine heimliche Welt, die lautlos wird und verschwindet ! 
Wie vereinsamt sind all diese menschlichen Kørper! 

Spark. Trink\ Traumer, statt Dir den Kopf zu zerbrechen. 

Fantasi o. Nur eins hat mich seit drei Tagen belustigt: meine 
Glåubiger haben einen Haftbefehl gegen mieh erwirkt; wie ich den 
Fuss in mein Haus setze, werden vier Lømmel mich beim Kragen fassen. 

Spark. Sehr unterhahend in der That. Wo wirst Du heute 
nachts schlafen? 

Fantas i o. Bei der erstbesten. Morgen friih werden meine Møbel 
versteigert; wir kaufen doch welche, nicht? 

Spark. Brauchst Du Geld, Heinrich? Willst Du meine Børse? 

Fantasio. Kind! hått' ich kein Geld, ich hatte keine Schulden. 
Ich will ein Mådel vom Ballet zur Liebsten nehmen. 

Spark. Das wird Dich tødilich langweilen. 

Fantasio. Durchaus nicht; meine Phantasie wird von Pirouetten 
und kleinen weissen Atlasschuhen erfullt sein; mein Handschuh wird 
vom ersten Januar bis zur Sylvesternacht auf einer Logenbrustung liegen 
und in meinen Traumen werd 1 ich Clarinettensoli trillem, bis ich an 
meiner Erdbeerleidenschaft in den Armen der Liebsten sterbe. Ist es 
Dir noch nie eingefallen, Spark? Wir haben keinen Stand, wir uben 
keinen Beruf aus. 

Spark. Ist das der Grund Deines Trubsinns? 

Fantasio. Bist Du j em als einem melancholischen Fechtmeister 
begegnet? 

Spark. Du machst mir den Eindruck, als wårest Du uber alles hinaus. 

Fantasio. Ach Freund, dazu møsste man viel herumge- 
kommen sein! 

Spark. Nun ateo? 

Fantasio. Nun also! Wohin sott ich geh'n? Betrachte diese alte 
raucbgeschwårzte Stadt ! Gibt es einen Platz, eine Gasse, ein Gåsschen, 
worin ich nicht hundertmal geschlendert wåre? Kern Pflasterstein, iiber 
welchen nicht diese abgenutztsen Sohlen schleiften; kein Haus, wo ich 
nicht wusste, wer das Mådchen oder die alte Frau, deren bløder Kopf 
sich ewig am Fenster zeichnet; bei jedem Schritt tret' ich in meine 
Stapfen von gestern. Nun, lieber Freund, weit schlimmer sieht es in 
meinem Gehirn aus. Alle Winkel darin kenn' ich noch hundertmal besser : 
alle Strassen, alle Hohlen meiner Phantasie sind noch weit Ofter durch- 
wandert ; hundertmal Ofter bin ich in diesem zerrutteten Gehirn gewandelt, 
ich, sein einziger Bewohner! In allen Schenken darin hab* ich mich 
bezecht ; bin uppig darin gelagert wie ein Despot in goldner Carosse ; 
bin darin als braver Burger auf friedsamem Esel getrabt, und ich wag' 
es bloss jetzt nicht, mich als Dieb einzuschleichen, eine Blendlaterne 
in der Hånd. 



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582 MUSSET. 

Spark. Wozu dies ewige Wuhlen in Dir? Wenn ich zum 
Beispiel rauche, schwebt meine Seele auf leichten Wolken des Rauches; 
wenn ich trinke, taucht sie in spanischen Wein oder flandrisches Bier ; 
kuss' ich die Hånd meiner Liebsten, dann schleicht sie durch ihre 
schlanken Finger und verbreitet sich auf elektrischen Stromen uber 
ihr ganzes Wesen; mich kann der Duft einer Blume zerstreu'n, und 
das Kleinste im All geniigt, mich in eine Biene zu verwandeln, die 
nach allen Seiten mit immer neuer Freude schwårmt. 

Fantasio. Mit einem Wort: Du verstehst zu angeln. 

Spark. Ich versten' mich zu allem, was mich belustigt. 

Fantasio. Auch den Mond mit den Zåhnen zu packen? 

Spark. Das unterhielte mich nicht. 

Fantasio. Ach was weisst Du davon? 's ist so ubel nicht, 
den Mond mit den Zåhnen zu packen. Komm, spielen wir »trente et 
quarante«. 

Spark. Fållt mir nicht ein. 

Fantasio. Weshalb? 

Spark. Wir wurden unser Geld verlieren. 

Fantasio. Ach mein Gott! Was denkst Du da wieder! Du 
weisst nicht, was ersinnen, um Deinen Geist zu martern. Du siehst 
wohl alles schwarz, Du Armster? Unser Geld verlieren! In Deinem 
Herzen wohnt also kein Glaube mehr und keine Hoffnung? Du bist 
also ein arger • Gottesleugner, fåhig, mein Herz gefuhllos zu machen 
und mir alles zu rauben, mir, der ich voll Jugend und Kraft bin. 
(Er beginnt zu tanzen.) 

Spark. Ich zweifle zuweilen wirklich an Deinem Verstand. 

Fantasio (weiter tanzend). Gib mir eine Glocke, eine glåserne 
Glocke ! 

Spark. Wozu eine Glocke? 

Fantasio. Sagt nicht Jean Paul: Ein Mann, in einen grossen 
Gedanken vertieft, gleicht einem Taucher unter der Glocke im 
unendlichen Ocean? Mir fehlt eine Glocke, Spark, eine Glocke, und 
wie Jesus tanz' ich auf dem unendlichen Ocean. 

Spark. Werde Literat oder Poet, Heinrich. Das leichteste Mittel, 
die Misanthropie zu zerstreu'n und die Phantasie zu dåmpfen. 

Fantasio. Oh! ich wurde mich flir einen Hummer mit Senf 
begeistern, fur eine Grisette, flir eine Classe von Mineralien, Spark! 
Wir woll'n ein Haus flir uns beide bau'n. 

Spark. Warum schreibst Du Deine Traume nicht nieder? Es 
gab' eine hubsche Sammlung. 

Fantasio. Ein Sonett wiegt mehr als ein langes Gedicht, und 
ein Glas Wein mehr als ein Sonett. (Er trinkt.) 

Spark. Warum reist Du nicht? Gen* nach Italien. 

Fantasio. Ich war in Italien. 

Spark. Nun! Findest Du dies Land nicht gottlich? 

Fantasio. Es treiben sich dort eine Unzahl Fliegen herum, 
gross wie Maikåfer, die einen die ganze Nacht stechen. 



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SCENE AUS »FANTASIO«. 583 

Spark. Gen' nach Frankreich. 

Fanta si o. Es gibt keinen guten Rheinwein in Paris. 

Spark. Geh' nach England. 

Fantasio. Ich bin in England. Haben die Englånder ein 
Vaterland? Ich sen' sie hier so gern wie in ihrer Heimat. 

Spark. Geh 1 also zum Teufel. 

Fantasio. Oh! wenn es einen Teufel im Himmel gabe! Wenn 
es eine Holle gabe ! Ich wtirde mir eine Kugel vor den Kopf schiessen, 
all das zu schau'n. Welch erbårmliches Ding ist doch der Mensch! 
Man kann nicht aus dem Fenster springen, ohne sich die Beine zu 
zerbrechen ! Man muss zehn Jahre die Geige spielen, um ein ertråglicher 
Musiker zu werden! Lernen, um Maler, lernen, um Stallknecht zu 
sein! Lernen, um eine Omelette zu bereiten! Weisst Du, Spark, ich 
håbe Lust, mich auf ein Gelånder zu setzen, den m'essenden Strom 
zu betrachten und zu zåhlen : eins, zwei, drei, vier, funf, sechs, sieben, 
und so weiter bis zu meiner Sterbestunde. 

Spark. Was Du da sagst, wtirde viele zum Lachen reizen; 
mich macht es erbeben: das ist die Geschichte uns'res ganzen Jahr- 
hundertes. Die Ewigkeit ist ein gewaltiger Horst, aus dem alle Jahr- 
hunderte wie junge Adler nacheinander entfliegen, um den Himmel 
zu durchkreuzen und zu verschwinden. Auch unser Jahrhundert ist an 
den Rand des Horstes gelangt; aber man hat ihm die FlGgel beschnitten, 
und es erwartet den Tod, die Weite betrachtend, in die es sich nicht 
zu schwingen vermag. 

Fantasio (singend). 

Du nennst mich Dein Leben, nenn* mich Deine Seele; 
Denn die Seele bliiht ewig, das Leben verweht. 

Kennst Du eine gOttlichere Romanze als diese, Spark? Es ist eine 
portugiesische Romanze. Immer wenn sie mir in den Sinn kam, fasste 
mich heisse Sehnsucht zu lieben. 

Spark. Wen zum Beispiel? 

Fantasio. Wen? Ich weiss es nicht; irgend ein Mådchen, rund 
wie die Frauen des Mieris, suss wie der West, bleich wie die Gefilde 
des Mondes, nachdenklich wie die kleinen Mågde auf flåmischen Bildern, 
welche einem Reisenden den Abschiedstrunk credenzen, der mit seinen 
weiten Stiefeln kerzengerade auf hohem Schimmel sitzt. Solch ein 
Abschiedstrunk muss herrlich sein. Ein junges Weib auf der Thurschwelle, 
im Hintergrund des Zimmers flackerndes Feuer, das Nachtmahl bereitet, 
die Kinder eingeschlafen. Die ganze Ruhe des friedlich beschaulichen 
Lebens in einer Ecke des Bildes. Und vorn der Mann, welcher noch 
keuchend, aber fest im Sattel sitzt ; er hat zwanzig Meilen zurtickgelegt 
und noch dreissig vor sich. Einen Schluck Brantwein und fort. Die 
Nacht ist tief, das Wetter drohend, der Wald gefåhrlich. Die Blicke 
der Frau folgen ihm einen Augenblick, dann entsinkt ihren Lippen, 
indem sie zum Feuer zuriickkehrt, das erhabene Opfer der Armen, das 
Gebet: »Gott mOge ihn beschirmen«. 



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584 MUSSET. 

Spark. Du solltest Dich verlieben, Heinrich, Du wårst der 
Gliicklichste unter der Sonne. 

Fantasi o. Es gibt keine Liebe mehr, mein guter Freund. Die 
Bruste der Religion, ihrer Amme, sind schlaff wie eine alte BOrse, auf 
deren Grund ein grosses Kupferstuck liegt. Die Liebe ist eine Hostie, 
welche man vor einem Altar entzweibrechen und in einem Kuss zusammen 
verschlucken muss. Es gibt keinen Altar mehr und keine Liebe. Hoch 
die Natur ! Noch gibt es Wein. (Er trinkt.) 

Spark. Du wirst Dich betrinken. 

Fantas i o, Ich werde mich betrinken, wie Du sagst. 

Spark. Dazu ist es ein wenig zu spat. 

Fantas i o. Was nennst Du spat? Ist Mittag spat, Mitternacht 
fruh ? Woher nimmst Du Deine Berechnung der Zeit ? Bleiben wir hier, 
Spark, ich bitte Dich. Wir wollen trinken, plaudern, phflosophieren, 
Unsinn schwatzen und politisieren ; combinieren wir die Regierung, 
fangen wir alle Maikåfer, welche diese Kerze umschwiiren und stecken 
wir sie in die Tasche. Weisst Du, dass die Kanonen eine schOne 
Erfindung fur Philanthropen sind? 

Spark. In wiefern ? 

Fantasio. Es war einmal ein Konig; der war sehr weise, sehr 
weise, sehr glucklich, sehr glucklich . . . 

Spark. Weiter. 

Fantasio. Ihm fehlte nur eines zu semem Gluck — Kinder. 
Er Hess in allen Moscheen Offentliche Gebete abhalten. 

Spark. Wo willst Du hinaus? 

Fantasio. Ich denk' an mein geliebtes Tausend und eine Nacht. 
So beginnen die Marchen alle. Siehst Du, Spark, nun bin ich betrunken. 
Ich muss mir Luft machen. Tra la, tra la! Auf, erheben wir uns! 
(Ein Leichenzug zieht vorbei.) 

Ha ! Gute Leute, wen begrabt Ihr da ? Jetzt ist nicht die Stunde 
fur ein Begråbnis. 

Die Tr åger. Wir begraben Saint- Jean. 

Fantasio. Saint-Jean ist todt? Der Narr des Kønigs ist todt? 
Wer hat seine Stelle eingenommen — der Justizminister ? 

Die Tråger. Sein Platz ist frei. Dir konnt ihn einnehmen, wenn 
Ihr wollt. (Sie gehen weiter.) 



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WARUM SIE DIESES DICHTERS WERKE SO SEHR LIEBT. 

PETER ALTENBERG gewidmet 

Von MOOSMEE (Wien). 

»Du, wir werden Dir Deine Seele aus dem Leibe reissen 
Tniissen, Kind. Denn das ist einmal nichts fiir dieses Leben, ver- 
stehst Du?! Und ein anderes steht uns nicht zu Gebote. Weine 
nicht« 

So sprachen die Menschen, welche es ihr gut meinten und 
begannen an dieser Seele zu zerren und zu verschieben, obzwar 
es ihnen eigentlich leid that, denn es war eine wunderscfaone 
zarte Seele, wenn auch nicht hierherpassend in dieses Thai der 
Arbeit . 

»Ich darf keine Seele haben?! Warum aber einen Magen, 
eine Leber, andere Organe?!« 

»Wir wollen nicht philosophieren, Kind. Das sind Ver- 
strickungen. Eine Seele?! Das gehort fur Kaiserinnen oder 
Bettlerinnen. Ist es fiir Durchschnitts-Menschen ? ! Nun also. Bitte, 
bist Du vielleicht die Georges Sand oder die Staél?!« 

Da loste das junge Mådchen die Seele aus sich heraus und 
gab dieselbe freiwillig dahin, denn sie spurte, dass sie nicht die 
Georges Sand sei oder die Staél, und es auch nimmer werden 
wiirde. In ihrer Nichtigkeit gab sie die Seele hin 1 

Dann stand sie da, arm, arm, arm, frierend, hungernd, 
bebend, verkommend. 

»Ich war nichts und ich bin nichts,« ffihlte sie. 

Und dennoch empfand sie zugleich, dass sie nicht leben 
korme ohne ihre Seele und sie gieng, dieselbe zu suchen. 

Sie kam zum Walde und sagte: »Wald, hast Du tneine 
Seele?!« 

»Nein « rauschte der Wald, »ich håbe nur meiae 

eigene, die Waldes-Seele!« 

Zu vielen Dingen und Menschen kam sie fragencL Doch 
alle besassen nur ihre eigene Seele — . 



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g86 MOOSMEE. 

Sie kam zu einem Dichter, welcher abseits wohnte. 

»Dichter, hast Du vielleicht meine Seele, welche ich weg- 
gegeben håbe?!« 

Der Dichter erwiderte sanft: »Ich besitze in mir alle Seelen, 
die im Sein des schweren Alitages so oder so verloren gehen, 
sich nicht ausleben, vor der Zeit ersterben. Siehe! Denn ich bin 
nichts anderes als Gottes Aufbewahrungsort fur alle verkiimmerten 
und zerstorten Frauenseelen. In mir leben sie alle weiter, das 
tråumende Biirgermådchen, die traurige Gefallene, die Verstossene, 
jdie Verkaufte, die Alternde, die Bucklige, die Verrathene, die 
-Hysterische, die Allzuschone und die Allzuhåssliche ! Kein 
Atom einer Frauenseele geht verloren im Welten- 
Raume!! Denn was das Leben welken macht, legt Gott sogleich 
in eines Dichters Herz, dass es erbliihe zu seiner letzten Pracht! 
Zu seiner Endentfaltung ! So geht nichts verloren. Hier ist Deine 
eigene Seele, Mådchen! Erkenne sie! Hier ruht sie in Frieden, 
in mir erwåchst und bluht sie in Pracht ! Wie die Seele der 
Georges Sand und der Staél ist sie schon fast .« 

Aber das junge Mådchen erkannte ihre eigene Seele kaum 
wieder, so schon und reich war sie. Wirklich wie die Seele der 
-Georges Sand und der Staél ! 

»Nimm sie Dir,« sagte der Dichter sanft, »ich schenke Dir 
Deine Seele.« 

»Nein,« sagte das junge Mådchen, »ich lasse sie bei Dir. 
Jlier bluht sie besser. In Deiner Welten-Seele ruhe die meine! 
Du tråumst und leidest und weinst statt meiner und fur mich! 
Ich kann dann so ergeben dem harten Tage dienen, den Noth- 
wendigkeiten ! Und in den Ferial-Stunden dieser Schule »Leben« 
komm' ich zu Deiner, nein, zu meiner Seele und werde wieder, 
was ich war ich selbst!« 

»So komme in den Ferial-Stunden des Lebens!« sagte der 
Dichter sanft. 

Und sie kam zu ihm und seinen Werken, in den Ferial- 
Stunden des Lebens. Zu ihrer eigenen Seele kam sie da, die sie 
im Leben weggegeben hatte, zu ihren Tråumen kam sie, zu 
ihren Leiden, zu ihren Thrånen, zu sich selbst! 

Und sie fuhlte : »Ihr th6richten Verwandten, falsche Freund- 
liche! Ich gab meine Seele weg, die kleine schwåchliche, Euch 
zu Liebe. Doch riesengross und stark erwåchst sie, Euch 



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WARUM SIE DIESES DICHTERS WERKE SO SEHR LIEBT. 587 

bedråuend, in dem Dichter! Und was Ihr mir genommen und 
geraubt, bewahrt er mir nun in erhohten Pråchten! 

Ihr Dummen, Falschen, Boswilligen ! Wie ein abgeschlagener 
Kopf der Hydra hundert wachsen machte, so erbluhen unsere 
zerstorten Herzen hundertfach wieder in den Dichter-Herzen! So 
hiitet Gott die Seelen-Welt-Atome durch den Dichter. So råcht 
der Dichter seine ihm verwandten Seelen an Mordern und Ver- 
rathern . 

Råcher! Hiiter! Wir ehren Dich!!« 



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DIE MUSCHELN. 

Von PAUL VERLAINE. 

In jener Grotte, wo wir einst uns liebten, 

Weist jede Muschel eine eig'ne Form. 

Die eine hat die Farbe uns'rer Seelen, 

Die purpurroth wie unser Herzblut floss, 

Als ich und Du in Liebesglut entflammten. 

Die and're ist so bleich wie einst Dein Antlitz, 

Nachdem Du miid' und schlaff dich mir entzogest. 

Ein Widerspiel der Anmuth Deines Ohres 

Ist diese da; die and're, liebliche, 

Ist wie Dein Nacken, rosigroth und schwellend — 

Doch dort, dort eine! Sussester Anblick, 

Der mir das Blut jah in die Schlåfen goss! 

(Obereetzt von MAX MESSER.) 



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DIE VERBOTENE »WARE«. 
Sehr geehrter Hen* Statthalter Erich Graf Kielmarisegg, 

Wien. 

Unlångst las ieh irgendwo Ihre Meimmg uber die Théatereensur. 
Die betreffenden Gedariken standen ubrigens an dem riehtigen Platze, 
d. h. in der passendsten Umgebung. Da las man unter vielen 
bemerkenswerten Sachen, dass die Hauptmann'schen »Weber c, ebenso 
wie Halbe's »Jugend« reine Tendenzstiicke seien. Gleichzeitig erfuhr 
die erstaunte Mitwelt, dass »es auch vorkommt, dass man etwas aus 
åsthetischen Grunden streicht. So ein junger unerfahrener Dichter 
solhe dies doch eihsehen« .... Es karm fnir nun naturlich nicht 
éirif allen, einefn ålteren Manne von Ihrer »Erfahrung« ifgendwelche 
Hterarische HiHsmittel, die zuf Erreichung des primitivsten Distanzgefuhles 
ftOthig sind, empfehlen zu wollen. Aber ein taktisches Bedenken mOchte 
ich mir gestatten auszusprechen . . . Nåmlich, Sie ahneri gar nicht, 
welche urigewollte Folgen so ein Censurverbot hat, welche Beruhmt- 
heit die Wiener Censurverbote geriiessen! Ein Stuck, das m Wien 
verboten ist, interessiert glekh in ganz Deutschland. Man vermuthet, vef- 
trauehd auf Ihre beriihmten, åsthetischen Grunde, dass ein von Ihnen ver- 
botenes Drama auch ein »Tendenzdrama« vom Werté der »Jugend« 
oder der »Weber« sein musse. In den Zeitungen werden die gewissen 
Notizchen lancirt, die Autoren entrusten sich in langen Artikelft, 
befreundete Zeitungsschreiber melden, dass das Stuck da und dort in 
Deutschland aufgefuhrt werde. Schliesslich erscheint das Drama im 
Buch han del, naturlich mit der besten schreienden Reclameschleife, die 
es gibt: »Von der Wiener Censurbehørde verboten«. Sie verhelfen 
durch Ihr Verbot den Autoren zu einer aufregenden Reclame, das 
Buch wird viel gekauft und also die p. t. BevOlkerung noch årger 
demoralisiert, als wenn Sie dem betreffenden Stuek gestattet hatten 
durchzuf allen. Es gibt Dramen, welche es nøthig haben, von Ihnen 
verboten zu werden. 

Dinge gibt es, welche nur leben kønnen, wenn sie unterdriickt 
werden, und sterben mussen, wenn sie in Freiheit leben sollen. 

Das karm mart eben an dem Schauspiel »Ware« von Robert 
Sdheti und Otto StOssl constatieren, welches Vor eiriigen Tagen im Buch- 
h&ttdel erschienen ist. Dieses Schauspiel ist ein »Wienef Stuck« (sagen 
die Autor eri). Es stellt im wichtigsten den Seelenkatmpf einer jungen 
Dame der Demimonde dat, welche eines Tages entdeckt, dass sie atictt 
f&f den etwfthlten tf ében-Geliebten nuf eine »Ware« ist ... . Auf den ersfefc 



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59<> 



GROSSMANN. 



Blick fållt die Åhnlichkeit des Conflictes mit dem der »Liebelei« auf, worin 
die weibliche Hauptgestalt auch eines Tages bewusst wird, dass sie 
nicht das Object einer grossen Liebe, sondern nur einer Liebelei 
gewesen ist. Beide Stucke sind dreiactig, und Beide sparen sich ihre 
hochste dramatische Spannkraf t fQr die vorletzte Scene auf, worin der 
Heldin, plotzlich, wie vom Blitze einer Erkenntnis getroffen, das 
Bewusstsein ihrer Situation aufdåmmert. In der »Ware« ruft die 
Heldin »Hansi« aus: 

»Ausgeraubt haben sie mich. Ich hab' gegeben und gegeben 
und gegeben, und wie ich einmal denk', ich kttnnt' auch einmal 
etwas verlangen, kennen sie mich nicht. Eine schøne Rolle hab* ich 
gespielt. Und hab* mir eingebildet, weiss Gott, was ich 
denen bin .... Jetzt bin ich eine Bettlerin . . Was soli 
denn aus mir werden ! Ich hab' mich ja verloren ! Ich hab' 
keinen Halt mehr und keine Heimat, u. s. w. u. s. w.« 

In der »Liebelei« ruft in der entsprechenden Scene die 
»Christine« aus: 

»Auch von mir hat er gesprochen ! Auch von mirl Und von 
was denn noch ? Von wie viel andern Leuten, von wie viel andern 

Sachen, die ihm g'rad so viel gewesen sind wie ich! 

Ich bin ihm nichts gewesen als ein Zeitvertreib — und 
fur eine andere ist er gestorben.« 

Man sieht vielleicht schon aus diesen Citaten, um wie viel discreter, 
indirecter, gegenståndlicher dieser Conflict in der »Liebelei« dargestellt 
ist, wie viel mehr Worte, Deutlichkeit, programmatische Rede in der 
»Ware« vorherrschen. Es ist schon charakteristisch, dass die Heldin 
der »Liebelei« Christine, die Hauptfigur der »Ware«, damit man nur 
das Wienerische immer vor Augen hat, Hansi heisst. Die »Liebelei« 
versuchte das Schicksal eines Wiener Mådels darzustellen, aber deshalb 
sagt keine Figur im Stiick: »Liebe Christine, Du bist ein Wiener 
Mådel.« Die Autoren der »Ware« wollen uns zweifelloser, directer 
beibringen, was Hansi ist. In einem Gespråch der beiden Månner, der 
Zerstorer (auch in der »Liebelei« treten die Verfiihrer paarweise auf), 
sagt der eine, Friedland : 

» . . . Das Kind ist exquisit. Das ist eine kleine Con- 

fectioneuse mit dem Wuchs einer griechischen Gottin.« 
Der andere antwortet : 

»Das Wiener Mådel.« 

Nun durfen wir an ihrem Wienerthum naturlich nicht mehr 
zweifeln. Obzwar es uns nicht ganz glaubwurdig erscheint, dass das 
Wiener Mådel eine ernsthafte Liebschaft mit einem rothlockigen Herrn 
Rabinowicz aus Lemberg eingeht. Obzwar wir meinen, dass dieser 
Rabinowicz ein naturlicheres Localcolorit tragt, und die Autoren dieses 
vielleicht besser kennen .... Ja, aber da es uns ausdrucklich gesagt 
wird, dass die »Ware« ein Wiener Stuck, die Hansi ein »Wiener 



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DIE VERBOTENE »WARE« 



59* 



Mådel« ist, durfen wir noch daran zweifeln? Oder soli te sich hinter 
dieser ostentativen Betonung des Wienerischen geråde der gånzliche 
Mangel an Wienerthum verbergen? Ah, dieses falsche Wienerische! 
Dieses muhsam gebraute Parfum von Erdgeruch ! 

Der Wahrheit die Ehre : Der Hintergrund der »Ware« ist ein 
anderer als der der »Liebelei*. Diese Kupplermutter und -Gesellschaft 
ist auch nicht den DOrmann'schen »Ledigen Leuten« entnommen. Die 
Autoren versichern es, glauben wir ihnen ! Aber trotzdem, wie wohl 
bekannt ist uns dieses verlotterte Hinterhausmilieu. Vom »Vierten 
Gebot« her, von tausend Berliner Naturalistenstucken ! . . . . Eine 
Menge dieser Hintergrunddetails møgen ja sogar eigener Anschauung, 
eigener Erfindung entspringen. Aber sind es nur diese paar richtigen 
Reporterbeobachtungen, welche uns die Autoren mitzutheilen haben ? 
Das ist alles? .... »Dichter und Trachter!« schrieb einmal Beethoven 
an einen Schriftsteller zur Adresse ! . . . Wonach haben diese Dichter 
getrachtet? Tausend gleichgiltige Details hOren wir geduldig an, um 
schliesslich dazustehen, nicht um einen Gedanken reicher, ohne vom 
Feuer einer inneren Absicht erwårmt zu werden, hier sogar — ohne 
irgend einen neuen Menschenconflict kennen zu lernen. Nichts als eine 
zweite verånderte Auflage der »Liebelei« ? Der verdunnte Aufguss eines 
schon seinerzeit nicht allzustarken Schauspiels? 

Das alles wåre gewiss øffentlich constatiert worden, am Tage nach 
der Auffuhrung. Denn es handelt sich ja hier nicht um ein Fabrikat 
irgend eines bewåhrten dramatischen Kunstgewerbetreibenden. Dieses 
Stuck soli eine erste Visitkarte der jiingsten Generation sein. Aber wie 
alt ist dieses Drama! Wie wenig Zukunft liegt in diesem Stuck und 
wie viel Mathematik des Alters! . . . Dichter und Trachter? Nein! 
Sagen wir: Dichter und Streber! 

Sie, Herr Statthalter, hatten diese Auffuhrung nicht verbieten 
sollen, denn Sie haben dadurch eine sehr falsche Legende um dieses 
Drama bilden lassen. Es wird nicht so leicht sein, diese Legende zu 
zerstOren. Was mich betrifft, so hatten Sie eine unerquickliche Arbeit 
an einem hellen Sonntagnachmittag ersparen kOnnen 

Ihrem ergebenen 

Stefan Grossmann. 



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DIE PROBEZEIT DES BURGTHEATER-DIRECTORS. 

Von F. SCHIK (Wien). 

Seit vielen Jahren haben die Besucher des Burgtheaters keine 
Voratettung mehr verlassen, ohne das unbehagliche Gefuhl mit 
nachhause zu nehmen, dass etwas faul sei in diesem einst bluhenden 
Thcaterstaate. Und so rapid offenbarte sich dessen Niedergang, dass 
es keinem Zweifel unterliegen konnte, dass die Månner, die man zar 
Sanierung berufen, geråde das Gegentheil bewirkten. 

Nun steht das Burgtheater, welches weit uber unser Vaterland 
feinaus so lange tonangebend gewesen, hart an der Grenze, wo ein 
Kunstinstitut aufhort, ersten Ranges zu sein und in die Reihe derjenigen 
zweiter Gute zu sinken beginnt. Man ist knapp vor die Frage gestelb:, 
ob die massgebenden Factoren noch den Wunsch hegen, das her- 
gebrachte Ansehen des Burgtheaters aufrechtzuerhalten oder ob sie 
es auf ein Hoftheater schlechtweg, mit Verzieht auf kunstlerischen 
Ehrgek, einschrånken wotten. Es drångt zur Entscheidung, zumal die 
Probezeit des provisorischen neuen Directors bald um ist. 

Die Novitåten, die Director Schlentber zur Auffuhrung brachte, 
zeugten von schlechtem oder veraltetem Kunstgeschmacke, die neuen 
Schauspieler, die er gastieren Hess, erwiesen sich als gånzlich untaugHch 
oder nicht preiswurdig, und stellten seinem Tfeeaterblick ein ubles 
Zeugnis aus. Die Neuinscenierungen betrafen Stucke, die tbeils im 
Laufe der Zeit jede Lebensfahigkeit verforen hatten, theils solche, die 
darch Unkenntnis in der Regiefuhrung und fedsche Rollenbesetzung 
noch schlechter herauskamen, als dies bisher der Fall war. 

Wåhrend der ersten Wochen sass Herr Schlenther thatenlos in 
seiner Loge, um die Mangel der Auffuhrungen zu studieren, die das 
hiesige Publicum schon seit Jahren kannte. Dann wollte er mit einem 
Ruck Vertrauen in seine Leitung einflOssen und' sich als Kenner des 
Wiener Lebens ausspielen — er brachte das angebliche Wiener- 
Milieu-Stuck »Neigung« von David zur Auffuhrung, mit Lewinsky als 
Urwiener. Eine einmuthige Ablehnung erfolgte; das Sttick war schon 
von der Direction des Deutschen Volkstheaters nicht angenommen 
worden und passte noch viel weniger flir das Burgtheater. Ein anti- 
quiertes Erstlingswerk BjOrnson's wurde als Novitåt aufgetischt, nur ge- 
«ignet eine falsche Vorstellung von der jetzigen Entwicklungsstufe des 
gereiften Dichters zu geben. Noch dazu war die Besetzung der Liebhaber- 
rolle durch Herrn Devrient ein das Stiick gånzlich in den Grund bohrender 
Fehler. Das seichte Machwerk Bernstein' s »Mådchentraum«, das bereits 
in Deutschland Durchfålle erlitten, wurde ohne Noth auf die Buhne 



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DIE PROBEZEIT DES BURGTHEATER-DIRECTORS. 



593 



gezerrt und wiederum einmuthig abgelehnt. Auch das eigenthumliche 
Bearbeitertalent des neuen Directors, funf Shakespeare- Acte in einen 
Aet zusammenzuziehen, fand wenig Gefallen; »Die Komødie der Irrungen« 
musste bald wieder vom Spielplan abgesetzt werden, umso eher, als auch 
der Shakespeare'sche Lustspielton in der Gesammtdarstellung fehlte. »Der 
letzte Brief« und åhnliche verstaubte ehemalige Repertoirestucke wurden 
neu insceniert und theilweise neubesetzt. Nach keiner Richtung hin zeigte 
sich eine gliickliche Hånd. Ebenso wenig in der Heranziehung neuer Dar- 
steller. Fråulein Haeberle, eine noch gånzlich individualitåtslose Anfångerin, 
Herr Frank, ein dilettantischer Liebhaber, ein Herr Muratori, von dem man 
nicht weiss, was man sich von ihm merken kønnte, sollen das Ensemble 
ergånzen! Ein alternder Komiker, Herr Engels, von unaustilgbarer 
Berliner Localfarbe, hatte um eine Riesengage die paar norddeutschen 
Fremden, die etwa hieher kommen, ins Burgtheater locken sollen. 
Nach all dem musste es als Zufall gelten, wenn es Herrn Schlenther 
in den letzten vierzehn Tagen der Saison noch gelingen sollte, einen 
acceptablen Gast zu acquirieren. Auguste Baudius, die wieder gewonnen 
wurde, ist bisher in keiner ihrer Individualitåt entsprechenden Rolle 
hinausgestellt worden, obwohl hiefur hinlånglich Gelegenheit gewesen 
wåre. Von einer richtigeren Verwendung der heimischen Kråfte, als 
bisher, war ebenfalls keine Spur. Selbst der gute Ruf, den Herr 
Schlenther in Berlin als theoretischer Sachverståndiger der modemen 
Literatur besass, gieng hier in der Praxis in Tnimmer. Niemals noch 
wurde in Wien ein Ibsen -Stiick so gånzlich unverståndlich dargestellt, 
wie »Baumeister Solness«. 

Die Monotonie des Repertoires blieb stationår. 

Anstatt dass, wie es natiirlich gewesen wåre, die Neugierde des 
Publicums, die Leistungen einer neuen Direction zu verfolgen, das Theater 
gefullt hatte, stellte sich eine immer grøssere Theilnahmslosigkeit ein. 
Das Deficit wuchs. 

Flir die nåchste Saison ist nicht im geringsten vorgearbeitet. 
Die Stiicke, die Herr Schlenther erworben haben soli, »Agnes Jordan« 
von Georg Hirschfeld und »Cyrano de Bergerac« von Rostand, sind 
schon seit geraumer Zeit in Berlin und Paris aufgefiihrt worden. Bei 
uns mangelten die geeigneten Schauspieler. Nach den bisherigen Gåsten 
zu schliessen, durfte die richtige Besetzung auch im Herbste nicht zu 
erwarten sein. 

Herrn Schlenther wird die Åusserung zugeschrieben, er werde 
das Burgtheater im Geiste seines Amtsvorgångers leiten. Man hielt 
dies nur fur eine Høflichkeitsphrase. Nun zeigt es sich, dass er es 
ernst gemeint; es blieb alles beim Alten, nur die Personen wechselten. 
In seiner Antrittsrede theilte sich der neue Director die Rolle des 
Horatio zu, der er dem Burgtheater sein wolle. Es war insofern ein 
gliicklich gewåhltes Bild, als das publicumverlassene Burgtheater da- 
mals in der That »Sein oder Nichtsein« monologisiert haben mochte. 
Nun erscheint das Bild doppelt zutreflfend, da das Burgtheater dem 

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594 



SCHIK. 



Director Schlenther mit Hamlet zurufen kann: »Wirtschaft, Horatio, 
Wirtschaft!« 

Gewiss wåre niemand imstande gewesen, eine vollendete Reor- 
ganisation in funf Monaten zu bewerkstelligen. Es war von vorneherein 
klar, dass man aus den ersten Schritten des neuen Directors nur die. 
Richtung, die er einzuschlagen, und die Mittel, die er zu wåhlen 
gedenke, wurde constatieren kOnnen. Es handelte sich vorlåufig nur um die 
Anbahriung, nicht um die Durchfuhrung von Reformen. Wer schon 
in dieser kurzen Zeit systemlos vorgegangen ist, dem durfte es schwer 
werden, in der Folge zu genugen. 

Fur eine achtjåhrige Probezeit aber, wie sie Herr Burckhard 
ablegte, hat das Burgtheater in dem Zustande, wie dieser es zurtlck- 
gelassen, keine Tragkraft mehr. 

Die provisorische Berufung des Herrn Schlenther mag den 10b- 
lichsten Intentionen entsprochen haben; nun wir ihn durch mehr 
als vier Monate am Werke gesehen, wurde ein Definitivwerden seiner 
Directionsfuhrung darauf schliessen lassen, man håbe sich mit der Idee, 
dass ein Hoftheater zweiter Gute fur Wien gentige, abgefunden. 



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N O T I Z E N. 



THEATER. 

Burgtheater. Im Nachlasse 
des Herm Burckhard befand sich 
auch ein Vertrag mit Fråulein 
Witt vom Hamburger Thalia- 
Tbeater, der vor drei Jabren ab- 
geschlossen worden war. Er lautet 
auf zwei Jahre, nach dieser Zeit 
ist Fråulein Witt bereits nach 
Berlin verpflichtet. Welche Dienste 
kann also diese Schauspielerin dem 
Burgtheater leisten ? Wåre sie auch 
noch so brauchbar, man musste 
sich huten, sie allzusehr im Reper- 
toire sich festsetzen zu lassen, da 
ihr seinerzeitiger Austritt dann nur 
Størungen hervorrufen wtirde. Weit 
entfernt, eine erste Kraft zu sein, 
die, wenn sie auch irgendwo nur kurz 
sich bethåtigt, dennoch vorbildlich 
wirkt, hat Fråulein Witt in ihren An- 
trittsrollen als »Dka« im »Krieg im 
Frieden« und als »Rautendelein« 
nicht einmal ihre Vorgångerinnen 
erreicht. Insbesondere in der letz- 
teren Partie, die doch gewiss ge- 
eignet ist, alle Register einer 
Schauspielerin buhnendeutlich zu 
machen, hat sich Mangel an Ur- 
sprunglichkeit und innerlichem 
Wesen geoffenbart, der durch ein 
unsympathisches, fettiges Organ 
erhoht wird. Wenn ihr ein Zug 
halbwegs gelang, so wusste jeder, 
der die ausgezeichnete Leistung 
der Sorma im deutschen Theater 
in Berlin gesehen, dass Fråulein 
Witt ihn entlehnt hat; was sie 
aber aus Eigenem dazu gab, war 
åuaserliche Theatermache. Hamburg 
ist schon seit langem nicht mqhr 
dieStadt, in die Laube seine Talente 



zur Erziehung schickte, oder von 
wo er sie holte. Damals wåre esdort 
nicht møglich gewesen, was jetzt 
der Fall war, dass die auch 
in Wien bekannte Frau EUmen- 
reich bis in die letzten Wochen 
hinein noch die Johanna in der 
»Jungfrau von Orleans« gespielt 
hatte. Bei den Hamburgern war 
Fråulein Witt sehr beliebt, in Wien 
aber wird ihr zuliebe niemand ins 
Theater gehen. Es wåre fur sie 
und das Burgtheater am besten, 
wenn sich beide so bald als mOg- 
lich wieder Adieu sagen wurden. 

Carltheater. »Gastspiel des 
Ibsen-Theaters aus Leipzig 
unter Leitung des Herrn Dr. Carl 
Heine.« Wir haben schon vor 
langem dafur plaidiert, dass — wir 
nannten es damals »fliegende En- 
sembles« — reisende Schauspieler- 
truppen die Mangel, welche bei 
den ståndigen Buhnen immer mehr 
zutage treten, paralysieren soliten. 
Das wttste AJlerlei, womit die 
ståndigen Buhnen ihre Spielzeit, 
wie man zu behaupten beliebt, aus 
finanziellen Grunden, ausfullen, 
schwåcht die Schauspieler; sie 
mussen allzuoft von der seichtgn 
Posse bis zum schweren Drama 
eine zu grosse dramatische Ent- 
fernung zurucklegen, so dass sie 
zu den urspriinglichen Quellen der 
Schauspielkunst nicht mehr zu ge- 
langen Zeit und Kraft haben und 
eine Regeneration der Spielweise 
in modernem Sinne von ihnen nur 
bei ganz exceptionellen Talenten 
zu erwarten ist. Truppien, die nur 
Ibsen spielen >und Haupt- und 

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596 



NOTIZEN. 



Provinzstådte bereisen, haben daher 
nicht nur eine Berechtigung, 
sondern sind ein Bedurfnis. Was 
uns jetzt im Carltheater diesbeztig- 
lich geboten wurde, hat die Frage 
wohl praktisch noch nicht getøst, 
aber wenigstens ins Rollen gebracht. 
Wer einer »Solness«-Vorstellung im 
Burgtheater beigewohnt hat, bei 
der dieses Meisterwerk zu einem 
unverstandlichen Brei verruhrt 
wird, der vermag mit dem in be- 
scheidenen Verhåltnissen lebenden 
Leipziger Ibsen-Theater nicht zu 
streng ins Gericht zu gehen. 
Dass es uns »Die Frau vom Meer« 
gebracht, deren Existenz die Wiener 
Theaterdirectoren bisher gånzlich 
ignoriert hatten, war ein besonders 
dankenswertes Beginnen. Bei den 
Auffuhrungen von »Rosmersholm«, 
» Nora « , » Gespenster « , » Wildente « , 
» Hedda Gabler « , » Volksfeind « 
hatte die Structur der Dichtungen 
manche Kraftprobe auszuhalten, 
aber man kann erfreulicherweise 
berichten, Ibsen bestand. So muss 
denn dem Leipziger Ensemble das 
Aufklårungs - Verdienst zuerkannt 
werden: Es hat gezeigt, dass 
minderwertige Leistungen selbst 
von Anfångern, wenn sie nur 
Ibsen und nichts als Ibsen spielen, 
dem Sinne einer modemen Dich- 
tung beiweitem weniger gefåhr- 
lich werden, als die veralteten 
Routinekunste gewiegter, alles- 
spielender Mimen. — i — > 



BOCHER. 

Ellen Key: Missbrauchte 
Frauenkraft. Autorisierte Ober- 
setzung von Therese Krøger. Paris, 
Leipzig, Munchen. Verlag von 
Albert Langen. 1898. 



Die stårksten Talente einer 
Partei werden dieser gewOhnlich 
untreu. Das grOsste literarische 
Talent, welches die Frauen in 
Deutschland als Beweis der geisti- 
gen Gleichheit der Geschlechter 
ftir sich in Anspruch nehmen 
kOnnen, Laura Marholm, predigt 
ihnen geråde das Gegentheil. In 
Schweden hat neuerdings eine 
sehr hervorragende Kraft der 
Frauenbewegung ihren Mitkåmpfe- 
rinnen den Text gelesen. Ellen 
Key ist nun weitaus nicht so con- 
sequent und muthig als Laura 
Marholm ; sie hat sich von vielem, 
wofur sie seit Jahrzehnten kåmpft, 
noch nicht frei gemacht. Aber den 
Unsinn vieler Argumente der 
Gleichheit hat sie doch richtig 
eingesehen. Sie sagt sehr treflfend: 
wåre es nur die Unterdriickung 
gewesen, die den Frauen die volle 
Entfaltung ihrer geistigen Kråfte 
verwehrt hatte, so hatten sich ja 
die Månner, die unterdruckt waren, 
z. B. die Bauern und Arbeiter 
(sie hatte hinzufugen kønnen: die 
Sclaven im Alterthum und die 
Juden im Mittelalter), auch niemals 
geistig entfalten kOnnen. Diesen 
Armen und Geknechteten gegen- 
iiber haben sich vielmehr zahllose 
Frauen zu allen Zeiten in bevor- 
zugter und beneidenswerter Stel- 
lung befunden. Auch sind die 
Universitåten und Akademien nicht 
die hauptsåchlichsten Bildungs- 
quellen, sondern die Cultur- 
schOpfungen der Volker. Wohl- 
habenden Frauen z. B. hat es zu 
allen Zeiten freigestanden, Meister 
zu finden, falls sie zur Kunst 
Talent hatten. Wenn also die 
Frauen im Laufe der Geschichte 
geistig trotzdem nichts oder so 
verschwindend wenig geleistet 



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NOTIZEN. 



597 



haben, so muss es doch wohl 
andere Grunde fur diese auffallende 
Erscheinung geben, und diese 
Grunde mussen in der Natur der 
Frau liegen. Vielmehr haben, nach 
Ellen Key, die Frauen sehr viel, 
sehr Wertvolles, sehr Wichtiges fur 
die Cultur geleistet, aber auf 
anderem, nåmlich seelischem Ge- 
biete. Dasselbe, und vielleicht noch 
mehr als die Månner fur die Ent- 
wicklung des Geistes und im 
Kampfe fur die Erweiterung der 
Lebensgebiete geschaffen haben, 
that die Frau fur die Ausbildung 
des Gemuths. Die Frauen sind 
gleichsam die geheimen Mit- 
arbeiterinnen der Kunstler, die 
jenen ihre vertiefte Empfindung 
und Verinnerlichung zu danken 
hatten. AufanderemGebietekonnten 
sie einfach deshalb nichts leisten, 
weil ihre ganze innerliche Kraft 
absorbiert war von dem Gefuhle 
der Mutterlichkeit, das mit gleicher 
Stårke wirkt bei denen, die Mutter 
wurden und wåhrend sie es wurden, 
als bei denen, die es nie wurden. 
Da nun aber dieselbe Kraft nicht 
zweimal verbraucht werden kann, 
so musste sich die Thåtigkeit der 
Frau ihrer Natur gemåss auf die 
Familie beschrånken, auf die Aus- 
bildung des Heimatgefuhls, auf 
die Verfeinerung der menschlichen 
Beziehungen; und wenn ihre Kraft 
in Zukunft von dieser ihrer eigen- 
thumlichen Wirkungssphåre abge- 
lenkt wird, so wird das keine 
Bereicherung des Lebens, sondern 
eine Verarmung sein. Die Frau 
im allgemeinen gewinnt nichts, 
sondern verliert, wenn man sie 
unter Vorspiegelung von Freiheit 
und Emancipation auf die Ge- 
biete des Mannes dressiert. Der 
Wert unserer Cultur wird nicht 



erhoht, wenn ein paar hundert Måd- 
chen studieren und einige tausend 
Frauen in allerhand Kunsten dilet- 
tieren, sondern nur, wenn im ganzen 
Umfangsgebiete der Cultur gleich- 
måssig gearbeitet wird. Die Vor- 
kåmpferinnen wollen diese vielleicht 
wichtigste Hålfte verktimmern las- 
sen, und das muss sich eines Tages 
furchtbar råenen. Sie befinden sich 
in einer vølligen Verkennung der 
Natur ihres eigenen Geschlechts. 
Sie missbrauchen die Kraft der 
Frau in schlimmerer Weise, als 
dies fruher im Zeitalter der Knech- 
tung geschah. Und gegen diesen 
Missbrauch anzukåmpfen hat sich 
die Verfasserin zur Aufgabe gesetzt, 
oder, wie sie in komischem Pathos 
sagt, »den Eid Hannibals geschwo- 
ren«. In der Hauptsache sagt sie 
freilich nichts Neues. Denn, wenn 
die kleineren Unterschiede der Ras- 
sen und Stande schon zu so weit- 
gehenden und unversOhnlichen Un- 
gleichheiten gefuhrt haben, so wer- 
den sich wohl die Ungleichheiten 
der Geschlechter den Zeitphrasen 
und der Galanterie zuliebe auch 
nicht plotzlich aus der Welt schaffen 
lassen. Und die Verfasserin ist 
ehrlich genug einzugestehen, dass 
sie diese Erkenntnis der månnlichen 
Intelligenz verdankt, wie ja das 
Wertvollste, was bislang uber die 
Frau geschrieben ist, von Månnern 
stammt. So ist der ganze Inhalt 
dieser etwas weitschweifigen Bro- 
schure in die Worte zusammenzu- 
fassen, die Arne Garborg in »Bei 
Mama« dem cynischen Gabriel Gram 
in den Mund legt : »Es soli Euch zum 
Teufel gestattet sein, ganze Heere 
zu commandieren ; aber wenn Ihr 
es eine Weile probiert habt, so 
werft Ihr Euch wohl auf Eure Knie 
und faltet Eure Hånde und weint, 



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598 



NOTIZEN. 



als ob man Euch geprugelt hatte : 
Lieber Gott, gib uns ein Kind 
und eine Ammenstube ! « Aber ihre 
Grundidee hat Ellen Key sehr 
hubsch ausgefuhrt, sie macht vor- 
treffliche Bemerkungen ; aber sie 
balanciert immer an der Klippe der 
politischen Gleichheitsbestrebungen 
vorbei und bewegt sich bei alle- 
dem in grossen Unconsequenzen. 
Sie mu8ste weiter gehen, oder sie 
dorfte so weit nicht gehen. Rein 
theoretisdh sagt sie etwas gar zu 
Selbstverståndliches, praktisch fuhrt 
die Schrift zu keinem greifbaren 
Resultat. Sie sagt nicht, oder 
macht doch nicht klar, was die 
Prauen nun eigentlich thun sollen. 
Es ist gar kein Wunder, dass die 
Schrift vielen Missdeutungen aus- 
gesetzt war. Das Verdienstliche 
an ihr ist, dass einmal von emer 
Frau ans den Kreisen der Frauen- 
bewegung Dinge gesagt wurden, 
die von Seite der Månner als 
Tyrannei, Selbstsucht, Ignoranz, 
PhilistrOsitåt und Borniertheit aus- 
geschrien werden. Die Natur låset 
sich nicht spotten, auch nicht, 
und am ivenigsten von der Frau. 
Die bereite eum GespOtt gewordene 
moderne Bildungsphilisterei zeigt 
sioh vielleicht nirgends drolliger 
als im Emancipationskampfe der 
Frauen um Freigabe der Uni- 
vereitåten und Akademien. Nach- 
dfem die Månner angefangen haben, 
den Wert dieser Institute etwas 
skeptiech zu betrachten, glauben 
éit Frauen geistig und menschlich 
besondere zu gewinnen, wenn sie 
in die •HOisåle liinein durfen. Sie 
wollén «inen Olymp ersturmen 
und imKen nicht, dass dieser 
långst gesturzt .ist. J*eo (Berg. 

fDfer Werdegang des deut- 
sohen Volkea. Historische Richt- 



linien fur gebildete Leser von 
Otto Kåmmel. Zwei Bånde. 

Es ist ein die Verlagsanstalt 
von F. W. Grunow in Leipzig 
ehrendes Unternehmen, welches 
sæben dem gebildeten Leserkreise 
des deutachen Volkes vorgelegt 
wird. In handUchem Format, klar 
gedruckt, wtirdig ausgestattet und 
dabei spottbillig, ist der >Werde- 
gang des deutschen Volkes« ge- 
eignet, ein rechtes Volksbuch zu 
werden. Es ist nicht eine der 
Dutzendgeschichten, wie wir schon 
so viele haben, sondern ein neuer 
Geist weht in ihm. Eine geschichts- 
philosophische Auffassung durch- 
dringt das Ganze, die es ermOglicht, 
die zahllosen Einzelheiten von einem 
hOheren Gesichtspunkte aus zu 
verstehen. 

Wir mOchten wunschen, dass 
es ein Lesebuch werde fur das 
deutsche Volk. Denn in einer Zeit, 
wo sich jeder mit Politik befasst, 
kann man nicht genug darauf 
dringen, dass das Verståndnis der 
Tagesereignisse bedingt werde 
durch ein Durchdenken der Ver- 
gangenheit. Wir mOchten aber 
auch den ferneren Wunsch åussern, 
dass -das Werkin fremde Sprachen 
ubersetzt werde, damit man auch 
in der Fremde eine bessere Be- 
kanntschaft mit dem Volke macht, 
das von allen Volkern Europas 
trotz seiner historischen Bedeutung 
immer noch das unbekannteste 
genannt werden kann. »Unbekannt 
macht unbeliebt«, sagt ein nieder- 
låndisches Sprichwort. In den 
Niederlanden speciell wåre eine 
Ausgabe in der Volkssprache ge- 
wiss von grossem Outzen fur die 
Annåherung beider Volker. Denn 
wenn Kåmmel am Schlusse sagt: 
»Die Aufgabe der deutschen Poli- 



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NOTIZEN. 



599 



tik sei fur die nåhere Zukunft nach 
aussen die Stårkung des nationalen 
Bandes mit den Deutschen Oster- 
reichs«, so mochten wir noch hin- 
zufugen : Auch das ist eine Haupt- 
aufgabe der nåchsten Zukunft, die 
Wiederannåherung der Niederlande 
vorzubereiten, die zum Schaden 
des deutschen Volkes so lange 
ihre eigenen Wege gegangen 
sind, obgleich ihre wahren Inter- 
essen mit denen des Reiches 
identisch sind. 

Was die Hauptaufgabe der Zu- 
kunft sein muss, ist die Herstellung 
einer volksthumlichen germanischen 
Cultur. Denn schliesslich dient die 
ganze politische Entwicklung nur 
dem Zweck, eine nationale Ge- 
sittung hervorzurufen. Nicht der 
Staat, die organisierte Gesellschaft 
ist die hOchste Leistung des irdi- 
schen Menschen, wie der Verfasser 
fålschlich in seinerEinleitung meint, 
sondern der Staat ist nur Mittel 
zum Zweck. Die Bewegung 
der Volkerwanderung schuf die 
Nibelungen, die Frucht der Ritter- 
zeit ist der Parzival, die Renaissance 
findet ihren geistigen Ausdruck im 
Faust. Diese drei hochsten Spitzen 
des deutschen Volksgedankens sind 
gewiss høhere Leistungen, als die 
ihnen nothwendig vorausgegan- 
genen poltischen Kåmpfe. Man 
kann sich eine politisch tief stehende 
Bevølkerung denken, die ein herr- 
liches Kunstwerk hervorbringt 
und ein staatlich hochstehendes 
Volk, welches dies nicht vermag. 
Man mochte sogar glauben, dass 
ein von politischen Idealen ab- 
sorbiertes Volk nicht die Fåhigkeit 
besitzt, Kunstwerkehervorzubringen 
in dem Masse, wie ein anderes, 
das politisch noch unreif ist. Man 
vergleiche nur die Zeit Schillers 



und Goethes mit unserer eigenen 
oder die Franzosen, welche die 
Chansons de Roland schufen, mk 
den Zeitgenossen des Zolaprocesses, 
Wir leben in einer Periode der 
Staatsuberschåtzung, wåhrend un- 
sere grossen Geister vor 100 Jahren 
die Politik untersch&tzten. 

Ør. Grdvell. 
Adolf Rosée. Der sterbende 
Ahasver. Ein Stuck Gegenwart 
in vier Acten und einer Vorrede. 
Berlin, E. Ebering. Abgesehen 
davon, dass die durchaus nicht zur 
Sache gehorige »Vorrede c der 
breiten Erwåhnung nicht wert ge- 
wesen, ist sie auch in jenem 
eigenthumlich brutalisiertenDeutsch 
geschrieben, das in gewissen 
Berliner Kreisen so beliebt ist. 
Aber um zur Sache zu kommen, 
verbirgt sich unter dem pråtentiOsen 
Titel dieses Buches eine viel 
anspruchslosere Sache. Es ist ein 
Theaterstuck, dessen Dialog mit 
Begabung geschrieben ist, mit 
einem gewissen Buhnen- Verstand, 
mit dem Geruch dessen, was wirkt. 
Das ist aber auch so ziemiich 
Alles. Die Handlung zerflattert in 
Episoden, d. h., nie wird eine 
einheitliche Linie in ihren dramati- 
schen Consequenzen ausgefQhrt und 
grosse Zuge werden unmøglich 
durch eine falsche und missver- 
standene Individualisierungs-Sucht. 
Unwesentliches wird zu breit, 
Gleichgiltiges zu tragisch ge- 
nommen. Das ganze Stiick macht 
den Eindruck, als ob ein Mann, 
um aus seinem Erlebnis geistig 
Capital zu schlagen, es nach allen 
Seiten breit gehåmmert hatte. Der 
sterbende Ahasver ist naturlich 
das moderne Judenthum. Aber 
niemand ist weniger berufen, den 
modemen Juden auf die Scene zu 



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NOTIZEN. 



bringen, als geråde Herr Rosée. 
Er zeichnet einen oder zwei 
wirkliche Charaktere. Aber solche 
Juden hat man im Jahre 1750 
auch schon gezeichnet. Und sein 
modemer Jude ist ein biasses, 
schemenhafte8 Herrchen. Es ist 
klar, dass das Ganze auf eine 
Heiratsfrage hinauslåuft, auf eine 
leblose Liebesintrigue, und Ahasver 
stirbt gewiss durch die Hochzeit 
des getauften Juden in einer christ- 
lichen Kirche. Welch ein schåbiges 
HorizOntchen fiir vier Acte und 
eine Vorrede ! Dieses Sttick Gegen- 
wart hat keine Zukunft. 

J, Wa—n. 

Ludwig Wolff: Dunkle 
Sehnsucht. Wiener Intérieurs. 
Leipzig. F. E. Neupert's Nach- 
folger 1898. 

Dieses Buch ist stillschweigend 
Guy de Maupassant gewidmet. Die 
Maupassant' sche Wollust am Miss- 
verståndnis, am Contraste mensch- 
licher Subjectivitåten lebt in ein- 
zelnen Conflicten dieser Novellen . . 
Freilich, nach Maupassant ist es 
nicht mehr schwer, solche Conflicte 
niederzuschreiben. Maupassant hat 
seine Philosophie an so vielen Er- 
eignissen demonstriert, dass man 
sehr verklebte Augen haben musste, 



um nicht von nun ab in jeder 
Stunde des Lebens einen neuen 
Maupassant-Conflict zu sehen . . . 
Leider wollen sich die meisten 
Autoren nicht damit zufrieden 
geben, diese Maupassant-Conflicte 
einfach darzustellen. Sie fuhlen sich 
verpflichtet, aus Eigenem noch 
etwas hinzuzuthun. In diesem 
Falle ist es wieder einmal das 
»Wienerische«, diese fade Sauce 
von Sentimentalitåt und Geziert- 
heit. Naturlich werden Maupassant- 
Conflicte dadurch um ihren ersten 
Vorzug gebracht. Der Autor ist 
nicht mehr der uber den Contrasten 
stehende, in seiner Objectivitåt 
unerbittliche Zuschauer und Dar- 
steller unter ihm liegender Lebens- 
kåmpfe, vielmehr sinkt er herab, 
wird schwåchlich, subjectiv, beginnt 
von sich zu reden. Ist ein solcher 
Autor nicht selbst eine Maupassant- 
Figur? . . . Der Verfasser dieses 
Intérieurs ist ein junger Mann. 
In einzelnen Skizzen schwingt er 
sich zu Maupassant' scher Harte 
auf. Man darf hoffen, dass sich 
das »Wienerische« an ihm, will 
sagen : das Unmånnliche, mit jedem 
Tage des Erwachsenerwerdens ver* 
lieren wird. 

si. gr. 



Herausgeber: Gustav Schoenaich, Felix Rappaport. 
Verantwortlicher Redacteur: Gustav Schoenaich. 

K. k. Hoftheater-Druckerei, Wien, I., Wolkeile 17. (Vcrantwortlich A. Rimricb.) 



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Prånumerations-Einladung. 

Die „Wiener Rundschau 44 begann mit Nummer 13 
vom 15. Mai 1898 das dpitte Quartal ihres ZWOiteil 
Jahrganges. 

t&* Abonnementspreis ~^S 

vierteljåhrlich: 

2 Gulden fur Oesterreich-Ungarn, 4 Mark fur Deutschland, 6 Francs 
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liche Buchhandlungen, Zeitungsverschleisser und Postanstalten des 
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vom 1. Juli 1. J. begonnen werden und endet dann mit 
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Die Administration der „Wiener Rundschau" 

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^^iener {Rundschau. 



1. JULI 1898. 



DIE MAIWIESE. 
Von RICARDA HUCH (Wien). 

Da ich jetzt, nach zehn Jahreti der Verbannung, beim Begtåbnis 
des Prinzen Asche das alte Schloss wieder betrete> kommt mir die 
vergangene Zeit ins Gedåchtnis, und ich finde kerne Ruhe vor den 
-Phantomen, die aus allen Winkeln zusammenfliessen und mir nach- 
schleichen. Die letzte Nacht, die ich in dem groasen Spiegeisaale zu* 
brachte, wo die Leiche des Prinzen aufgebahrt stand, lag mir eine 
liebliche, oder soli ich sagen traurige oder låcherliche Scene im Sinne, 
ich spreche nåmlich von der Maiwiese« Aus den Fenstern, die det 
sommerlichen Wåime wegen offen standen, konnte ich sie zu einerri 
grossen Theile uberblicken, ich sah die Trauerbirke, unter der die kleind 
Ulla lag und heimlich weinte, die Spitzen der sChwarzen Cypressen* 
da wo Prinz Asche und Reine zusammen philosophierten, und die 
Kastanienallee, wo der arme Graf Leo steif in seinem Blute gefunden 
wurde. Die griine Welt lag todtenstill eingehullt in die reine Blåue der 
Mondnacht und mahnte mich an den Garten des Paradicses, nachdem 
das erste Menschenpaar daraus vertrieben war. Anders sah der Park aus 
an jenem Maitage, im Geflimmer der Seide, unter Friichten und Blumeh* 
iiberwogt von einem Åthermeere scligen Gelåchters, und fast mOchte 
ich es alles fur einen Traum haken, wenn nicht durch das Blafrer* 
dickicht der genannten Allee die weisse Mauer des Findelhauses durch- 
schiene, das jenen Aberwitz verewigt, zu dem ich selber Anlass ge* 
geben håbe. Folgendermassen. 

Dass Prinz Asche — - for mich nåmlich blieb er immer, wie ais' 
Kind, Prinz Asche — die Wcåtverbesserungssticht an sich hatte, war 
mir von jeher zuwider gewesen. Denn ich bin def Meinung, dass man 
die Leute in ihrem Schlamme soli sitzen lassen, nicht geråde damit 
sie darin ersticken, sondern damit sie sich selber herausarbeiten* wemt 
es ihnen endlich tibel geworden ist. Wem wurde es einfallen, Krølen 

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602 HUCH. 

in die gute reine Luft zwischen die Vogel zu werfen, da sie ja doch 
nur in ihren Dreck wieder herunterplumpen wiirden. Dagegen betrachtete 
Prinz Asche die Welt als eine grosse Zwangs- und Besserungsanstalt, 
in welcher er der Oberaufseher wåre, und modelte in seinem Geiste 
bestandig Mustereinrich tungen, eine Mustergesellschaft voll Muster- 
menschen, die er vermOge seiner einflussreichen Stellung nun auch 
in Scene zu setzen dachte. Man hatte ihn flir einen Menschenfreund 
hal ten kønnen, als was er selbst sich auch ansah, aber im Grunde 
konnte er die Menschen sammt und sonders nicht leiden, sie waren 
ihm nur wert wie dem Schuster das Leder, woraus er die Stiefel 
anfertigen soli. Mich tåuschte die junge Gestalt, die sich biegen konnte 
wie eine Cypresse im Winde, und das bescheidene Låcheln in seinem 
Herrengesichte nicht. Ja, ein Herrengesicht hatte er ! Der ganze Hoch- 
muth eines seit Menschengedenken regierenden Geschlechtes war auf 
der unduldsamen Stime und der vollen, weichlich und veråchtlich ge- 
senkten Unterlippe abgebildet, und war auch in seiner Seele, wenn 
er sich auch ånders åusserte, als bei seinen Ahnen. Denn seiner Ge- 
burt und seiner bevorzugten Stellung schåmte er sich von Natur, und 
erst meine håufigen Vortråge iiber den Nutzen der Ansammlung gewisser 
Geschlechts - Eigenschaften und -Sitten in einer kastenartigen Classe 
hatten einen theoretischen Aristokratismus in ihm geweckt, so dass er 
sich iiber die unabsehbare Reihe seiner Vorfahren sogar auf drollige 
Weise freuen konnte. Und doch besass er einen Stolz und eine 
Menschenverachtung ! Es nahm mich oft wunder, dass seine Umgebung 
unter diesem eiskalten Hauche nicht zusammenschrumpfte und in un- 
auffålliges Nichts zerbrOckelte ; aber es that den Feiglingen sogar wohl, 
sich unter seiner Veredlungsruthe zu winden. Vielleicht zauberte ihn 
das geråde so fest an Reine, meine Nichte, dass er ihres Geistes auf 
diese Weise nicht habhaft werden konnte. Denn einmal lag es in ihrer 
friedfertigen Natur, die Dinge, deren Mangel sie, unkritisch wie sie 
war, nicht betrachtete, zu nehmen wie sie sind ; sie war immer mehr 
geneigt, ja als nein zu sagen. Dazu kam es, dass sie durch eine Ver- 
kettung von Umstånden, die ich hier nicht zu beruhren gedenke, jahre- 
lang in Amerika gelebt hatte, wo man mit dem Fortschritte weniger 
Federlesen macht als bei uns, so dass ihr vieles, was hier fur um- 
sturzlerisch gilt, abgetragen und selbstverståndlich vorkam. Dass er 
im Angesichte des Hofes Thee, Wasser oder Limonade statt Wein 
trank, in breiten, platten Reformschuhen einhergieng, vor Tage mit 
seinem Zweirade die entsetzten Burgersleute vor sich her fegte, war 
ihr kaum der Bemerkung wert ; eher noch erschien ihr die Neuigkeits- 
sucht als etwas låcherliches, wenn nicht plebejisches. Dadurch wurde 
Prinz Asche aufs åusserste gereizt, sich selber mit staunenerregenden 
Verbesserungsplånen zu ubertrumpfen, um sie von der Richtigkeit und 
Wichtigkeit seiner Ideale zu uberzeugen, indessen soviel er sich mit 
grossen Reden aufregte, kam es nie zu einer ernstlichen Disputation, 
da Reine sich begnugte, gutmiithig zu låcheln oder etwa einmal ein 
scherzendes Gegenwort einzuwerfen. Ein wenig Koketterie mag dabei 



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DIE MAIWIESE. 603 

im Spiele gewesen sein, aber die Bequemlichkeit war doch die Haupt- 
sache. Man musste sie nur sehen, wenn sie wie eine Kørper gewordene 
Wasserwelle in meinem grossen violetten Sammetsessel geschmiegt lag. 
Wenn sie sprach, und das liebte ich am meisten an ihr, war es, als 
ob einem schwere, goldene Honigtropfen tiber die Seele glitten. Ober- 
haupt, welchen Zauber barg sie nicht in ihrem unergriindlichen Ge- 
mtithe? Sie wusste alles und schien nichts zu wissen, und wiederum 
schien sie allwissend, wo sie unwissend war. 

Erst als er eines Tages durchsetzte, dass sie sich an den modemen 
Bewegungsspielen betheiligte, die er im Parke veranstaltete, bemerkte 
ich eine ptøtzliche Verånderung ihrer Stimmung gegen ihn. Es war 
aber auch eine Augenweide, Prinz Asche zuzusehen, wenn er lief, 
sprang, flog, und seinen tannenschlanken Kørper heriiber oder hintiber 
beugte, um den fliegenden Bållen auszuweichen. Alle anderen erschienen 
plump neben ihm oder allzu zierlich. Einer oder der andere hatte einen 
vielleicht an Siegfried, das ungeschlachte Germanenkind, erinnern 
kønnen, da er mit den Burgunderkønigen wettete und sie alle sammt 
Hagen besiegte. Aber keinen ausser Prinz Asche hatte man sich bei 
den olympischen Spielen denken mOgen. Achilles den hurtigen Renner 
oder mehr noch Hermes mit den gefltigelten Fussen, den geschmeidigen, 
beredten, listvollen, den schien er mir in seiner gebildeten SchOnheit 
darzustellen. 

Die Frauen sahen jetzt nicht mehr bewundernd zu wie damals 
Kriemhild aus dem Fenster ihrer Kemmenate, sondern tummelten 
sich munter mit den Månnern, und es gefiel mir wohl, die feinen 
Gestalten in ihren losen Spielgewåndern uber das kurzgeschnittene 
grune Grås eilen zu sehen. Meine arme Reine war gegen die ubrigen 
im Nachtheil; denn sie war wohl hoch und schlank gewachsen, aber 
ohne grosse KOrperkraft und vor allen Dingen ohne Kenntnis der 
Spiele und gånzlich ungetibt, so dass sie nicht aus noch ein wusste 
unter den andern. Zwar war ihr Prinz Asche ritterlich zur Seite, aber 
seine feinen grauen Augen bemerkten gleich was in ihr vorgieng, und 
er war klug genug, das Wachsthum ihrer keimenden Liebe mit einem 
Dorn der Eifersucht anzustacheln. Deswegen beschåftigte er sich an- 
gelegentlicher, als er sonst zu thun pflegte, mit den anderen Damen, 
vorzugsweise mit der kleinen Ulla, die er uberhaupt als geschickte 
Partnerin bei den Spielen bevorzugte. Sie war nåmlich nicht eben 
besonders graziOs, aber so leicht und beweglich mit ihrem hageren 
Figurenen, dass sie wie ein Federbållchen in die Luft stieg und man 
meinen musste, die Wolken tibten mehr anziehende Kraft auf sie aus 
als die Erde. Manchmal, wenn ich sie so sah, dachte ich : die gefltigelten 
Phantasien, die sie in ihrem Kopfe hat, streben gegen den Himmel 
und tragen den gewichtlosen KOrper mit. Ihre braunen Augen nåmlich 
sahen aus als ob sie bestandig nach innen auf schOne, fremdartige 
Dinge schauten, wovon sie aber nichts åusserte ; trat einmal einer mit 
Fragen an sie heran, so begegneten ihm ihre schnellen Augen mit 
dem Blick eines scheuen Waldthieres und sie fertigte ihn mit einer 

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6ø4 HUCH. 

troUigen Antwort ab. Im Grunde war das nichts als eine versteckte 
Bitte, man mOchte sie fangen und zåhmen, aber die Månner in ihrer 
Umgebung waren keine grunen Jågersleute mit Hifthorn ond Fangseil, 
oder wenigstens, wenn sie jagen wolhen, giengen sie hinaus in Wald 
und Heide, stellten den Damen der Hatbwelt nach und hetzten sich 
jtt Tode um eine grausame Sangerin; im Salon wollten sie keine 
Leidensch aften, sondern graziOses Aneinanderklingen glåserner Herzen, 
ohne dass ein Tropfen verschtittet wurde. Das war das kleine Trauer- 
spiel ihres Lebens, was aber eigentlioh nicht zur Sache gehOrt, da ich 
nur von dem Prinzen und Keine sprechen wollte, die doch die hold- 
aeligste von allen war* Sie trug ihren Kopf, als umspannte ihn das 
Diadem einer Prinzessin und gieng, als trugen Pagen ihre Schleppe. 
Wenn das zum Spiel auch eben nicht geeignet war, so war doch 
diese stolze Urtbeholfenheit ruhrend, zumal sie sich ihrer innigst zu 
sehåmen sohien. 

Seit diesem Tage war es offenbar, dass Prinz Asche sterblich in 
meine NiChte verliebt war. Wåhrend sie in ihrer heiteren Kuhle ver- 
harrte, hatte er zwar seinen stillen Eigensinn darauf gesetzt, sie sich 
suzuwenden und sich dabei auch genug erregt, war aber doch Meister 
seiner selbst gebiieben. Nun er ihre Zuneigung empfand, verlor er die 
Besinnung, das heisst auf seine Weise, so dass die Gedankenmuhle m 
seinem Kopfe sich noch reissender drehte als gewOhnlich, und durch das 
Geschwirr der Råder nicht ohne Lebensgefahr hindurchzukommen war. 
Zu verwundern war es freilich nicht, dass ihre Nåhe ihn rasend machte. 
Ihre ganze Gestalt, von Kopf bis zu Fussen, schien in Zårtlichkeit 
gelOst zu sein, eine schmelzende Mudigkek dåmmerte in ihren Augen, 
auf ihren Lippen, in allen ihren Bewegungen, und sie mochte gehen 
oder stehen, thun oder sprechen was sie wollte, es war immer, ais 
neige sich ihr KOrper ein wenig dabin wo er war, unwillkurlich, wie 
gewisse Blumen es nach der Sonne zu thun pflegen. In dieser Z&fc 
begab sioh nun das, was eigentlich die Veranlassung zur Maiwiese war, 
nåmlich dass ein junger Officier, der bed Hofe wohlbeliebt gewesen war, 
sich mit einem Mådchen aus niedrigem Stande das Leben nahm, indem 
er erst sie und dann sich durch einen Revolverschuss todtete. Er hatte 
ihr wohl anfånglich in unreiner Absicht nachgestellt, sich dann ernstHch 
in sie verliebt und an der MOglichkeit verzweifelt, sie in Ehren zu der 
Seinigen zu machen. Hieruber wurde hin- und hergesprochen, die 
Månner hielten ihn im Grunde fur einen dummen Teufel, sprachen 
aber nur von der UnmOglichkeit glucklicher Ehen zwischen hOheren 
und niedrigeren Standen ; von den Frauen beklagten einige das Liebes- 
paar, andere sahen das Ganze nur fur verdammenswerte Hhze der 
Sinne an, und alle waren unsicher, weil sie gewohnt waren, das 
Loeungswort von Prins Asche zu empfangen, der aber dieamal vermied, 
skh zu åussern. Da mir nun des Geredes zuviel wurde und ich ohnehin 
anfieng, mir Sorgen zu machen, was aus dem Prinzen und Retne 
mit ihrer unuberlegten Verliebtheit werden solhe, nahm ich schliesshch 
das Wort und sagte ein langes und breites uber die Liebe, was alles 



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DIE MAIWIESE. 60$ 

in allem etwa auf følgendes mag herausgekommen sein: Es ist mit 
der Liebe ungefahr wie mit mit den Nesseln, welche nur brennen, 
wenn man sie behutsam anfasst. Diese zahllosen Ungliicksfaile, die die 
Liebe anstiftet, kOnnten ganz wohl vennieden werden, wenn man erst 
eine vernunftige Ansicht von ihrem Wesen hatte, und dann fest an- 
packte, ohne sich durch uberspannte Empfindeleien stoxen au lassen. 
Es gibt hysterische Frauen, die glauben, sie mussen sterben, wenn 
sie nicht augenblicklich Erdbeeren, Krebse oder Strausseneier zu essen 
bekommen, manche haben vollends wahnsinnige Geliiste auf Papier, 
alte Nagel oder gluhende Kohlen. Da ist kein anderer Rath, als sie 
mit den gewunschten Raritåten vollzus topfen, bis sie genug haben, und 
ebenso ist es mit der Liebe. Wieviele Herzen und KOpfe sind gebrochen 
worden, weil der Peter durchaus die Hanne haben wollte und nicht 
bekommen konnte. Hundert andere hatte er ohne Beschwerliohkeit 
haben konnen, aber er wollte die Hanne oder den Tod. Hatte man 
ihm die Hanne gegeben, wurde er zweifellos bald eingesehen 
haben, dass es sich mit einer anderen ebenso wohl oder besser leben 
Uesse, ja vielleicht hatte er nach drei Tagen keinen Menschen so ge- 
hasst wie sie; denn es ist die Art der Liebe, geråde diejenigen auf- 
einander zu reizen, die geboren sind, einander das Leben zu vergållen. 
Was fur ein Satan treibt die Menschen, sich aus den angenehmsten 
Lockungen der Natur eine HOlle zu machen? Anstatt dass die Liebe 
ein balsamisches Marmorbad ware, in dem der staubige Leib sich 
kuhlte, ist sie ein Kessel voll siedenden Oles, in dem er gesotten wird. 
Warum ist denn keine Wahl zwischen Unehrbarkeit oder Heirat? 
Ist es ein Verdienst, sich fur sein ganzes Leben mit einer fremden 
Pereon zu behaften, um sie vielleicht zu martern oder sich von ihr 
martern zu lassen bis zum Grabe? Diejenigen, die sich einbilden, nicht 
ohne einander leben zu konnen, sollte man es doch gleich versuchen 
lassen. Man sollte wenigstens einmal im Jahre, im Mai etwa, wo das 
Bluhen in der Ordnung ist, der Natur ihren Lauf lassen. Eine 
grosse Wiese wåre wåhrend einiger Tage allen Menschen zugånglich, 
wo sie sich unbekummert ihrem Herzen hingeben und derselbea 
Freiheit ganiessen diirften wie Schmetterlinge, Mucken und Kåfer, die 
sich im Kelche einer Blume paaren. Hernach wiirde jeder wieder 
leichten Sinnes an seine Arbeit gehen und sein Liedchen pfeifen. Man 
soli doch davon ausgehen, dass die Liebe eine grosse Schelmin ist, 
die den Menschen ein schones, buntes Bildchen hinhålt, damit sie 
danach schauen und greifen, und sie unterdessen aus ihren Taschen 
holen kann was ihr beliebt. Deswegen man auf der Hut sein und sie 
wiederum hintergehen sollte, anstatt sich von ihrem Eigennutz aus* 
plundern zu lassen. 

Von zwei Frauen erntete ich fur diesen Mundvoll Dummheiten 
sogleich einen lebhaften Beifall, nåmlich von der kleinen Ulla und von 
der Baronin Stephanie. Ja, eben diese war die erste, die das Wort 
Maiwiese aussprach und Entwiirfe machte, wie es denn dabei gehalten 
werden kOnnte. Ein feines GeschOpf war sie; wenn sie in den Saal 



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606 HUCH. 

trat, war es, als ob alle elektrischen Lampen sich von selbst er- 
leuchteten, so heil wurde es mit einemmale. Wo ihr stattlicher KOrper 
gewandelt war, stand das Grås nicht wieder auf; aber es war so viel 
Wohlwollen und Mutterlichkeit in dem Schritt, mit dem sie die kleinen 
Krauter gleich vøllig zu Tode trat! Sie war eine rechte Majeståt, und 
wenn man sie als solche gelten Hess, immer bei guter Laune. Ihr 
Geist war wie ein kleiner Hercules, dessen Arme bestandig darauf 
gespannt sind, einige Schlangen zu erwtirgen. Sie hatte ein Volk 
tråger Barbaren zu civilisieren haben sollen wie Katharina die Grosse. 
Der arme Baron Leo, der nichts war als hubsch, tapfer, leichtsinnig 
und gutartig, gab ihr nichts zu thun ; er war wie eine einzige Bohne 
in die Kaffeemuhle einer Riesenkuche geworfen. Aber lieb hatte sie ihn ; 
und wenn sie, was sie Ofters that, leichtfertige oder kaltherzige Reden 
fuhrte, that sie es eigentlich nur, um ihn zu bestrafen, dass er diesen 
åusserlichen Geberden glaubte und ihr Herz nicht besser kannte, das 
ihm in unweigerlicher Treue ergeben war. Was nun die Maiwiese 
betrifft, so traf dieser Anreiz damit zusammen, dass es eine kuhne, 
abenteuerliche Unternehmung war, und sie konnte mich nicht genug 
wegen des staatsmånnischen Einfalls loben. Die Liebe, sagte sie, spiele 
eine viel zu grosse Rolle im modemen Leben. Die Alten hatten einen 
viel freieren Geist gehabt, weil sie ihn nicht damit belastet hatten. 
Man miisse die Liebe auf eine gewisse Zeit beschrånken, sich aus- 
rasen, um hernach wieder unbehelligt zu sein. Dadurch wurde viel 
Kraft fur die Culturarbeit gewonnen werden. Die Ehe miisse ja aus 
diesen und jenen Grunden bestehen bleiben, aber wenn man dem Geist- 
gotte diente, sollte man nicht vergessen, bisweilen auch den alten Natur- 
gottern zu opfern, damit sie nicht furchtbare Rache nåhmen. Die 
kleine Ulla sagte nichts, aber in der Tiefe ihrer Augen konnte man 
die ganze Maiwiese bluhen sehen, wo sanfte Gestalten mit feurigem 
Antlitz Arm in Arm geschlungen wandelten. Die Månner, denen nichts 
abgieng, da sie stets eine ehrbare Ehewelt und eine andere voll dreister 
Freuden nebeneinander gehabt hatten, machten saure Mienen oder 
låchelten mitleidig und wurdevoll. Womit sich das Gespråch im Sande 
verlaufen haben wurde, wenn Prinz Asche nicht davon besessen worden 
wåre. Besessen war er in der That, und ich mOchte den Heiligen 
sehen, der dieses Teufelaustreiben bewåltigt hatte. Bis dahin hatte 
er sich uber Frauen und Liebe wenig geåussert, oder denn mit einer 
anmuthigen Pedanterie, denn er war reinlich von Gesinnung, ja beinahe 
zimperlich zu nennen. Da er nun doch seine Unterthanen und nåchste 
Umgebung in einem so wichtigen Punkte nicht unbelehrt lassen konnte, 
empfahl er kurzweg Heiratslust und Gattenliebe, brandmarkte jede Ver- 
letzung der Ehe als Blasphemie und bereitete sich selbst auf eine 
Musterehe vor, die er dem Volke vorbildlich darzustellen im Sinne 
hatte. Man hatte also fuglich erwartcn diirfen, dass er das Geschwåtz 
von der Maiwiese gleich im Keime erstickte, wohingegen er still und 
in einiger Unruhe zuhOrte, da augenscheinlich die Idee anfieng, sich 
seines Geistes zu bemåchtigen. Mehrere Tage lang durchkaute er sie 



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DIE MAIWIESE. 607 

ununterbrochen, bis sie ihm in Fleisch und Blut ubergegangen und 
seinem Kopfe angepasst war. Er hatte sie gewissermassen zwischen 
das Råderwerk seines Gehirns geworfen, sie darin zermahlen und dann 
in einen Teig geknetet, den er fur seine eigene Ausgeburt ansehen 
konnte. Keine Kunst, Uberredung oder Gewalt hatte ihn mehr davon 
abbringen konnen, dass auf der Maiwiese ein Lebensbaum wachse 
voll mit Åpfeln, die den Schaden jenes ersten, als eine Art Gegengift, 
wieder gutmachen wurden. Gemåss seiner Griindlichkeit studierte er 
alles, was tiber Fragen dieser Art jemals geschrieben worden war, und 
trat dann, mit umfassender Sachkenntnis geriistet, predigend unter der 
Hofgesellschaft auf. Die meisten, da sie auf altromische Strenge und 
Heilighaltung der Ehe eingeschult waren, hatten anfånglich Muhe, sich 
in den frohlichen Naturdienst zu schicken, der ihnen plotzlich zu- 
gemuthet wurde, und die Månner fiihlten sich in ihrem frivolen 
Schlendrian viel zu behaglich, als dass sie sich zu der stolzen und 
kindlichen Unbefangenheit, die dem Prinzen vorschwebte, gleich ein 
Herz hatten fassen konnen. Indessen, weil sie gewohnt waren, sich 
ihr inneres Leben von ihm vorschreiben zu lassen, bildeten sie sich 
bald ein, flir die Maiwiese zu schwårmen und sammelten allmåhlich 
auch einen Sentenzenschatz, um die Nothwendigkeit und den Nutzen 
dieser Einrichtung zu beweisen. 

Eines Tages erschien denn wirklich, wie sich noch jedermann 
errinnern wird, in den Offentlichen Blåttern eine furstliche Verordnung, 
die Prinz Asche selbst verfasst hatte, und worin er nach langen und 
breiten Erorterungen anzeigte, dass wie im Spåtherbst ein Tag den 
Todten geweiht sei, so im Mai drei Tage und drei Nach te den 
Liebenden frei sein soliten. Alt und jung, arm und reich, ledig, 
vermåhlt und verwitwet wurde ermuntert, sich zu dieser Zeit in dem 
grossen koniglichen Parke einzufinden, der als Maiwiese instand gesetzt 
werden wiirde. Damit niemand Bedenken triige, der Aufforderung Folge 
zu leisten, verkiindete Prinz Asche am Schlusse, dass er selbst und sein 
Hof an dem allgemeinen Fruhlings- und Liebesfeste theilnehmen wolle. 

Diese wohlmeinende Anordnung brachte anfangs nicht die er- 
wartete Erschiitterung hervor, denn unsere Burger lasen sie wie eine 
besonders frech aufgeblasene Reclame oder anderen Zeitungs-Humbug, 
etwa mit den Neben gedanken, dass die Narrheit der hohen Herrschaften 
nun einmal etwas Hergebrachtes und mit in den Kauf zu nehmen sei. 
Erst als allmåhlich durch Gespråche und Weitersagen die Wahrheit 
in ihrem vollem Umfange an den Tag kam, verbreitete sich ein panischer 
Schrecken, nicht ånders als hatte es geheissen, das Theater stehe in 
Flammen, oder die Juden hatten die Brunnen vergiftet. Man hielt es 
fur eine ausgemachte Sache, dass man einen tollgewordenen Prinzen 
auf dem Throne sitzen hatte, der jeden Augenblick mit einem neuen, 
mørderischen Aberwitz hervorbrechen konnte; was ja auch nicht 
unmoglich gewesen wåre. Einige wenige meinten, dass er nur 
ein schwacher Verfuhrter sei, dem ein teuflischer Rathgeber, was denn 
auf mich gieng, in die Ohren bliese. Es bildeten sich nun schleunigst 



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6o8 HUCH. 

mehrere Vereine zur Hebung der Sittlichkeit und Bekampfung dør 
Maiwiesen-Grundsåtze, und man konnte zu jeder Zek feste Mannar 
mit Ernst und Wichtigkeit in die Wirtahåuser etlen aehen, wo dia 
Vereammlungen abgehalten wurden. Sie hialten Roden, welche 
von Gemeinplåtzen strotzten, und beackmierten und begoasen jeden 
Fetaen Papier mit ihrer faden, dunnmeaænden, fettaugigen Moral, 
ao dass ich mich nicht genug verwundern konnte, mit wieviel Dumm- 
heiten und Gemeinheiten sich eine vemunftige Sache vertheidigen låast. 
Das Ergebnis dieær Revolution war, daas eine Abordnung an Prinz 
Aache beschlQssen wurde, um gegen die Maiwiese zu petitionieren. 
An der Spitze deraelben stand ein gewiaaer Commerzienrath oder, wie 
ich ihn fur mieh nannte, Ober-Makkabåer, dessen naturlicher Beruf es 
war, das Staatawesen zu ratten. Bei dieaer Beschåftigung hatte er 
aich ein heroisches Auftreten erworben, daa ihm, der sonst ein runder, 
freundlicher Mann war, gewissermaaaen auf einen Sockel hob. Er trat 
auch ganz unerachrocken in das Audienzzimmer, warf ein Auge voll 
ehrerbietigen Mitleidena auf den wahnainnigen Fursten, mit dem anderen 
vereuchte er mich, als dessen bosen Dåmon und Umgarner, niederzu- 
blitøen. Ich hatte mir nåmlich vom Prinzen erbeten, bei der Unter- 
redung anweaend sein zu durfen, und wirklich war es kein kleines 
Vergnugen, die beiden Widersacher einander gegenuber zu senen, 
meinen schlanken Prinzen und den appetitlich bluhenden Makkabåer. 
Prinz Asche mit dem kinderhaft unsicheren Låcheln, womit er unwili- 
kurlich aeine Majeståt zu verhullen und den zttternden Unterthan 
akher zu machen suchte, der andere breit und feat auf den Boden 
gegrundet, die Brust bis oben voll von Gerechtigkeit und den edelsten 
©esinnungen. Ohne Zaudern feuerte er seine Sache gelåufig in 
atolzierenden Ausdrucken, wie eine Salve von Bomben und Granaten 
auf den Prinzen ab, der aber aufrecht vor seinen Gegnern stehen blieb, 
ejn feiner, atolzer Sonnenstrahl, den solche plumpe Geschosse nicht 
treffen kOnnen. Als er nun seinerseita anfieng zu sprechen und die 
scharfen, schneidenden Worte wie lauter Pfeile von aeinen hochmuthigen 
Lippen schnellte, Offnete der Volksmann seine Augen weit und suchte 
die Worte, wie wenn ihm mit einemmale das ganze ABC aus dem 
Kopfe gefallen wåre. Oberhaupt konnte man bald bemerken, dass uriter 
aeiner strahlenden Oberflåche eine unbewuaste Unruhe bebte, es kOnne 
ihm etwa so gehen wie Alladins Schwiegervater, der eines Morgens, 
als er ans Fenster trat, wahrnehmen musste, dass das ganze Pracht- 
achloss und Giiicksgebåude, das er gegenuber zu sehen gewohnt war, 
tlber Nacht verschwunden war; Wenn ihn ein Einwurf aus dem Zu- 
sammenhang seines Redens brachte, sah er aus, als ob er soeben ent- 
iarvt und uberwiesen wåre, alle seine Orden, Titel und Amter erschwindelt 
zu haben, doch gab er sich naoh kurzer Pause jedesmal wieder einen Schwung 
und wiederholte dasselbe, was er vorher gesagt hatte, was die hinter 
ihm aufgestellten Månner, als ihnen vertraut und verståndlich, mit 
beifålligem Murmeln zu begleiten pflegten. In dieser Weise steigerte 
sich der Zweikampf, bis Prinz Asche einen Haupttrumpf auszuspielen 



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DIE MAIWIESE. 609 

dachte, indem er sagte* er hoffe, dass? die gewahrte Freiheit dem 
eehtødlicben Handel mit Liebe, der unsere Cultur befledrte, ein Ende 
machen werde, Ob sie nicht lieber wollton, fragte er, dass ibre Sohne 
ibre jungen, brausenden- Gefilhla mit einem guten liebenden Madehen 
tibcilten, als dues sie sie eraticktan und vergifteten in den Hauærn 
des Lasters. Dieser Angriff auf die Heiligkeit deø Beatehenden wirkte 
aber geråde umgekehrt als der Prins erwartefc hatte« indem er den 
Makkahåern ibre ganze. Cberzeugung und Zuveraicbt zunickgab: der 
Gommerzienrath nahm eine Haltung an, als stande er vor dem Herde 
aemea Hauses voll HausgOtter, Laren und Manen und erwartete den 
ruchiosen Feind. Prinz Asche aber, der bis dahin im Grunde mir mit 
sich und den andern etwaa Theater gespielt hatte, gerieth nun in echten 
Zorn und wurde dadurch erst recht gewaltig und furchtbar, sowie 
Dietrich von Bern seiner Gegner unweigerlioh Herr wurde, wenn ihm 
der Athem in Flammen aus dem Munde zu achlagen anfieng. Je 
wenigar er gewohnt war, stark und hinreissend zu empfinden, desto 
lieber wårmte er sioh an dem gQttlidben Wuthfeuer in seinen Innern 
und stand seinen Widersachern so gesund, stolz, gliicklich, ernsthaft 
und herrlioh gegeniiber, dass ar mich an die Davide und St. George 
erinnerte, wie sie die Kunstler der Renaissance bildeten, fromme Heilige 
mit antiken Leibern, jungen und schOnen. 

Entschieden wurde der Streit zwar dadurch nicht, aber die Folge 
war, dass die beiden Feinde einander liebgewannen, in der Weise, dass 
der Gommerzienrath sich mit der Anhånglichkeit eines geprtigelten 
Hundes an den Prinzen klammerte, und dieser nicht lassen konnte, an 
deasen formlosen und weichlichen Seelenteige zu kneten und zu modeln. 
Dass alles beim alten und jeder bei seinen Ansichten verblieb, machte 
den Prinzen nicht irre, vielmehr fuhlte er sich durch die Bearbeitung 
dieaes feuchtelastischen Lehmes so angenehm beschåftigt, dass er die 
ganze Maiwiese ais eine beilåufig zu behandelnde Nebensache anzusehcn 
anfieng. Auf Anfrage der Burgerschaft, ob der Besuch der Maiwiese 
nur solchen gestattet sei, die sich ausdriicklich zu freier Liebe ver- 
pfiichteten, erklårte der Prinz, auch die Gegner seien willkommen, 
sofern sie nur nicht die Anhånger in ihrer Festfreude størten, ja um 
jedos Årgernis zu vermeiden, sollte einer jeden Partei die Hålfte des 
Parkes eingeraumt werden. Durch diese Theilung gewann es den 
Anachein als handle es sich eigentlich nur noch dårum, wdches Ver- 
gnugungscomité das stattlichste Fest zuwege bringen wurde, und die 
beiden Håupter suchten sich durch die unerhOrtesten Veranstaltungen 
auszustechen, wobei sie sich so geberdeten und auch ersichtlich so 
vorkamen wie bedåchtige Personen, die eine sehr vernunftige und 
wiehtige Sache zum besten des Volkes ausfuhren. 

Seinen Grundsåtzen gemåss traf nun der Prinz die Verordnung, 
dass auf der Maiwiese weder Wein noch Bier noch andere Spirituosen 
soliten getrunken werden durfen, da die Tage zwar der Liebe, keines- 
wegs aber der Genusssucht gewidmet seien. Diese Anordnung erneuerte 
den Aufruhr in verdoppeltem Grade und Hess die freie Liebe vollends 



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6lO HUCH. 

in den Hintergrund treten. In zahllosen Audienzen beschwor der Com- 
merzienrath den Prinzen, dem Volke nicht die Såulen unter dem Leibe 
wegzuziehen, auf denen sein Gluck ruhe, ihm nicht die Quellen zu 
verstopfen, woraus es sich Labung schOpfe ; worauf der Prinz empfahl, 
man solle sich an edlen Gespråchen erquicken und mit Betrachtung 
von Kunstwerken entzunden; worauf der Commerzienrath wiederum 
den Prinzen anflehte, kein Antiochus oder Kambyses zu sein, der das 
Volk seiner heiligsten Guter beraubt, um sich an seinem Jammer zu 
weiden. (Seit welcher Zeit ich den Commerzienrath fur mich den Ober- 
Makkabåer benannt håbe.) Das Ende war, dass der Prinz diesem 
bewilligte, sich mit den seinigen auf ihrer Maiwiese in Gottes Namen zu 
Tode zu trinken, welche Botschaft, als ein Funken unter die Menge ge- 
worfen, sich in wenigen Minuten zu einem unermesslichen Freudenfeuer 
ausdehnte. Wie ein beliebter Schauspieler nach einer Erstauffiihrung den 
frenetischen Beifall des Publicums mit feinem Låcheln und einer låssigen 
Handbewegung auf den im Hintergrunde sich kriimmenden Dichter 
ablenkt, wies der Commerzienrath, als ihn die Huldigungen der Menge 
umbrausten, auf die Gnade des Prinzen hin, welcher eigentlich alles zu 
verdanken sei. Dies bewirkte einiges Hochrufen auf den Prinzen, und 
man kann wohl sagen, dass nunmehr alle, abgesehen von wenigen 
Weisen, die als Duckmåuser und Feiglinge verlacht wurden, sich auf 
die Maiwiese wie auf einen noch nie dagewesenen Gluckszauber 
freuten. 

Wahr ist, dass es eine rechte Maiwonne war, als ich an jenem 
Morgen mit dem Prinzen und Reine durch den Park gieng, um alles 
in Augenschein zu nehmen. Auf dem glatten, goldgrunen Rasen waren 
seidene Zelte aufgespannt, die aussahen wie ganz aufgebluhte Rosen 
oder Påonien; weisse, erdbeerfarbene, burgunderrothe und andere mit 
grossen springenden Mustern, auch golddurchwirkte, die sich in dem 
durchdringenden Sonnenschein aufzulosen schienen. Da es in dem nach 
englischer Art angelegten Garten keine Blumen gab, stand dieser 
ktinstliche Flor ihm wohl an, und wenn das Auge sich so recht davon 
vollgetrunken hatte, wanderte es gern viber den gleichførmigen Rasen, 
der von braunen Wegen durchschlångelt sich unabsehbar verbreitete. 
Hie und da verdunkelten ihn dickes Gebusch und einzeln stehende 
Pappeln, Eichen und Linden, deren umfangreiche Zweige dicht uber 
dem Grase schwebten und einen kreisfOrmigen Schatten darauf warfen. 
Aber man muss denken, dass viele Båume bluhten; denn es war der 
erste Mai. Ich besinne mich auf ein Haselnussbåumchen, das ganz 
voller Bluten hieng, gelbwollige, die man Schåfchen heisst. Und da 
Reine, wåhrend wir stehen blieben, um es zu betrachten, einen Zweig 
davon brechen wollte, staubte von dem erschutterten Stamme eine 
Wolke leichten Goldes in die Luft und uber sie hin. Ich sagte: 
Båumchen riittel dich, Båumchen schuttel dich, wirf Gold und Silber 
uber mich ! da ich mich des altbekannten Marchens erinnerte und sie 
in ihrer Schlankheit und tråumerischen Gliickseligkeit so lieblich unter 
dem Friihlingsbaume stand, dass der Prinz in diesem Augenblick sein 



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DIE MAIWIESE. 6ll 

ganzes Furstenthum wie einen Pfifferling unter die Fiisse getreten 
hatte, wenn sie dafur die seine geworden wåre. Wenigstens ich sah, 
dass er es sich einbildete. 

Um die Mittagszeit fieng eine unermessliche Menge Volkes an 
hinauszustrømen. Etwas spåter, als es kuhler wurde, kam ein Håuflein 
Gesinnungstuchtiger, die durch entrustetes Davonrauschen beim Einbruch 
der Dåmmerung ihre Missbilligung bekanntmachen wollten. Geråde 
um die Zeit traf der Hof ein. 

Die Abtheilung der Makkabåer hatte etwas von Schiitzenfesten 
und Vogelwiesen : Glåsergeklirr, GedrØhn von Månnerstimmen und 
Weibergekicher durchdrangen sich mit Bierdunst und Fettgeriichen zu 
einem ubien Gemenge. Nicht unmalerisch waren die lustig ziingelnden 
Feuerstellen zu sehen, an denen rothbestrahlte, festliche Mådchen geschåftig' 
waren mit Røsten und Braten. Diese Plåtze waren ganz umlagert von 
jungen Månnern, die ihre Bierfåsser dahin gewålzt hatten und verliebte 
Scherze mach ten ; in einem Huhnerhof oder Gånsekåfig hatte das Schnattern 
und Gackern nicht årger sein kønnen. Es gab auch einige bretterne 
Tanzplåtze, wo Musikbanden gefuhlvolle Walzer und wilde Gallopaden 
spielten. An einem mit dicken Guirlanden bekrånzten Tische sass der 
Commerzienrath, fest und gluhend wie ein Leuchtthurm, und flocht 
eine Rede an die andere mit SchlagwØrtern von Biirgertugend, wahrer 
Liebe und Sittlichkeit, die sich wie platzende Feuerraketen in maje- 
ståtischem Bogen weit iiber den Festplatz schwangen. Ich glaubte so 
deutlich ein Krånzlein kichernder Amoretten iiber seinem Haupte tanzen 
zu sehen, irrlichteråhnlich das Auge tåuschend, dass es mir schien, 
als ob auch die jungen Leute, wenn sie kamen, um mit dem Redner 
die Glaser anzuklingen, dorthin blickten und verstohlen låchelten. 

Als ich von meinem Besuche bei den Makkabåern nach der 
eigentlichen Maiwiese zuriickkehrte, da es gegen Mitternacht sein mochte, 
war es dort ganz still. Ich konnte deutlich das Rascheln der seidenen 
Frauenkleider høren, die langsam iiber das kurze Grås schleppten, 
denn einige miide Paare giengen noch schweigend auf und ab. Aus 
den Zelten, die in der anhauchenden Nachtluft zu athmen schienen, 
hørte ich im Voriibergehen ein unbeschreibliches Rauschen und Knistern 
tønen, ein unkørperliches Geråusch møchte ich sagen, wie von Kussen 
und Champagnerschåumen ; die Herren hatten nåmlich einige Sect- 
flaschen eingeschmuggelt, die in verstohlenem Obermuth getrunken 
wurden. Sie konnten sicher sein, von dem Prinzen nicht ertappt zu 
werden. Unter den Cypressen, wo eine hohe Pyramide von Orangen 
aufgeschichtet war, wie denn uberall Haufen der køstlichsten Friichte* 
mit Blumen bedeckt sich befanden, die jetzt zum Theil umgeworfen 
und iiber den Rasen zerstreut waren, sass er neben Reine, der man 
es eben nicht ansah, dass ihr die ganze Maiwiesen-Theorie ein Greuel 
war. In dem Augenblick, als ich auf die Lichtung trat, die von einer 
elektrischen Lampe heil gemacht wurde, sah ich, wie sie dem Prinzen in 
der geøffneten Hånd eine Orange hinhielt, deren Schale in Form eines 
Sternes geschnitten war, und ihn dabei mit Augen und Lippen låchelnd 



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612 HUCH. 

und lockend ansah. Wie ihr Gesicht in der elektrischen Beleuchtung 
sehr weiss arachien, wirkten ihre Lippen dagegen mit unnatiirlicher 
Rothe; der ganze zarte Leib mahnte mich an einen hoben vene- 
tianischen Glaatelch, in dem eine Flamme brennt, die ihn im nåchsten 
Augenhlicke zerspringen machen kann. Ja, als ob er sohon anfienge, 
in der Glut zu schmelzen, neigte er sich zitternd zu dem Prinzen 
hinuber. Sie sehienen mir in dieser Stellung ein eigenartigea, moderne* 
Bild von Adam und Eva darzustellen. Wie ich mich nun langsam 
nåherte, um ihnen diesen Einfall mitzutheilen, konnte ich den Inhalt 
ihres Gespråches vernehmen; denn der Prinz war geråde bei Wieder- 
holung einer seiner Reden uber die freie Liebe, die mir von mehr* 
maiigem ZuhOren schon ganz gelåufig war. Die Stelle lautete ungefahr 
ao : es ist in der Natur des Menschen, dass der Anblick eines jeden 
Exemplares des entgegengesetzten Geschlechtes zur Liebe reizen kann. 
Jeder kann jede lieben, wenn die Umstånde gunstig sind. Die Natur 
konnte sich nicht deutlicher gegen das monogamische Princip aus- 
aprechen. Es ist das Gesetz der Tragheit, das die Ehe hat entstehen 
lassen. Man gewOhnt sich an die Person, die einem taglich dieselben 
Sinneseindrucke erneuert. Gibt es aber etwas niedrigeres als die Ge* 
wohnheit? Worauf ich Reine antworten hOrte: »Es ist auch Gewohnheit, 
dass die Erde sich um die Sonne dreht und der Mond um die Erde«, 
bei welchen Worten sie sich unterbrach, da sie meiner gewahr ge- 
worden war, um mir zu winken. Ich hielt es aber fur besser, weiter* 
zugehen, denn ich sah dem Prinzen von weitem an, wie uberreizt er 
war, wenn er auch dasass wie aus Eisen gemacht, und wusste, ee 
wurde ihm unlieb sein, sich beobachtet zu fuhlen. Seit seiner Kindheit 
war es sein Leiden gewesen, dass er sich nicht åusaern konnte, wie 
ihm denn auch das Weinen versagt zu sein schien. Dabei hatte er 
nichts von einem Stoiker an sich, vielmehr hatte seine Seele beim 
kleinsten Schmerøensreize Lust zu weinen, und seinen Augen war ein 
gewisser, thrånengieriger Ausdruck eigen, der einem bis ins Eingeweide 
gieng. Mit ebensolchen verschmachteten, frierenden Augen hatte er 
Reine angesehen, wåhrend er wie ein Schulmeister vor ihr sass und 
streng wachte, dass keiner ihrer aehnsuchtigen Gedanken aus dem 
Sqhulkåfig ins Freie flog, 

Nachher håbe ich noch folgendes gesehen : die Baronin Stephanie, 
die noch fortglånzte, als Mond und Sterne schon untergegangen waren, 
stolz und lustverbreitend auf einer Moosbank sass wie auf einem 
damastenen Sessel, und den Herren, die um sie herumstanden, eine 
mit Humor und Schårfe gewurzte Rede hielt, warum aus der Maiwiese 
nichts rechtes hatte werden kOnnen. Denn, wie es schien, hatte sie es 
sich doch ånders vorgestellt. Ihr habt zulange mit der Natur gebuhlt, 
sagte sie, als dass ihr sie noch lieben kOnntet. Wenn der liebe Gott 
plOtzlich an vier goldenen Fåden das Paradies in unsere Cultur hinab* 
liesse, es wurde keiner hineingehen als ein paar kleine Kinder, ein 
paar vertråumte Mådchen und iiberzåhlige Greise. Dann fand ich die 
kleine Ulla. Sie lag unter einer Trauerbirke, die ganz vereinzelt, wie 



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DIE MAIWIESE. 6*3 

ein sentimentales Bilddhen au« alter Zeit, auf einer Rasenflåche stand, 
recht gemacht, dass zårtliche Kinder ein todtea Vogelchen darunter 
begrttbcn. Niclht viel ånders lag sie autih da, aueser dass «ie an den 
lang herabhångenden Zweigen zupfte, so dass der klagende Baum 
wirklich seine grtknen Arme uber ihr zu neigen schien. Wie ein Kind 
kam sie mir vor, das sich beim Spiel alteugut versteckt hat, so das* 
die anderen mude wurden, es *u suchen und es nun allein bleibt, 
wåhrend die Kameraden draussen sich tummeln und lachen. 

Nicht weit von dieser Birke ist die Kastanienallee, von der ioh 
gesprochen håbe. Sie grenzte an den Festplatz der Makkabåer nnd 
dehnte sich, still, dunkel und vef lassen wie ein Nirwana zwischen 
Himmel und Erde. Als ich den Baron Leo dort begegnete, schien er 
mir auch gar nicht ein Mensch mit Blut und Leben zu sein, sonderfl 
ein armer, zu ewiger Unruhe verdammter Geist. Ich schob meinen 
Arm unter seinen, suchte seinen Schritt zu ztigeln und erzåhlte ihm, 
dass ich soeben seine Frau gesehen hatte, wobei ich so von ihr 
sprach, wie es mir geeignet scliien, um seine EiferBucht vor ihm 
selber låcherlich zu machen. Obrigens glaube ich, dass er weniger 
selbst Zweifel in ihre Treue setzte, ak unter dem Bewusstsein litt» 
dass m anderen ein solcher Zwerfel sein kOnne, der auf keine Weise 
øu widerlegen war, da sie nun einrrtal die Maiwiese besucht hatte* 
Diese Schwåche und Eitelkeit an ihm wahrzunehmen machte mich 
ungeduldig und ich Hess ihn in seiner hilflosen Verzweiflung allein, 
wo er sich bald hernach erschossen haben mag; derm fruh am 
Morgen, als die Gartner in den Park kamen, fanden sie seinen Leichnam 
schon ganz erstarrt. Nun war die Maiwiese voll von dunkefin, håss- 
lichen Blutflecken, und niemand bei Hofe sprach mehr davon, ge- 
schweige demi dass jemand sich hingetraut hatte. Besonders als die 
Dunkelheit kam, schien ein ubelmachender Mordgeruch davon in die 
Hohe zu steigen und durch alle Ritzen und Fugen in das Schloss 
einaudringen. Es war infolge dessen das seltsarriste Schauspiel, das 
ich mich erinnere gesehen zu haben, wie das tolle Fest nun weiter* 
gieng, weil der Prinz den Muth nicht hatte oder nicht daran dachte, 
den Besuch des Parkes fur die folgenden zwei Tage und Nfichte, dia 
einmal anberaumt waren, zu verbieten. Es mag sein, dass sich die 
Burgerschaft im ganzen ébenso fernhielt wie der Hof und dass ea 
allerhand verzweifeltes Gesindel und kecke Abenteurer waren, die, die 
Umstånde benutzend, den verOdeten Park uberschwemmten. Denn am 
Tage blieb ee todtenstill, bei Nacht hingegen raste die tolle Atis- 
gélassenheit uber den ganzen Platz ohne Unterschied, wie es nicht 
wilder und phantastischer sein kOnnte, wenn die Todten aos den 
Grfibern kftmen, um sich in einer Mitternacht fer die Bfttøriceit de« 
Todtseins zu entschådigen. Prinz Asche sass bei geschlossenen Fensterrt, 
ohne em Wort Ckber das, was er empfand, zu åussern, wie er denn 
uberhaupt seit der Maiwiese gegen keinen Menachen mehr aus éeffl 
Innern herausgéBprochen hat. Dies darf ich wohl glauben, da idh von 
jeher der einzige gewesen waf, vor dem er sich ganz genen ltes*« 



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614 HUCH. 

soweit er es nåmlich konnte. Er fuhr åusserlich fort so zu leben, wie 
er gewohnt war, spielte sogar seine Ball- und Laufspiele im Parke, 
aber er schien mir kein lebendiger Organismus mehr zu sein, sondern 
eine kunstliche Figur, und eine solche, in der die Federn schlaff ge- 
worden sind. Es war mir deshalb erwiinscht, dass der Prinz mich 
bat, die Residenz zu verlassen, was wohl weniger geschah, um das 
Volk in seiner Meinung zu bestårken, als ob ich der Anstifter der 
Maiwiese gewesen wåre, als weil er nicht durch mich an Reine, meine 
Nichte, erinnert sein wollte. Bei dieser Gelegenheit, da er wie in 
fruheren Zeiten spat abends in mein Zimmer kam, um mir seinen 
Willen mitzutheilen, schien es mir einen Augenblick, als wolle sich 
mir sein Herz aufthun. Aber es schloss sich wieder zu, ohne dass ich 
einen Versuch machte, ihm zu Hilfe zu kommen, ich weiss nicht warum. 

Als er klein war, pflegte er seinen gemessenen Ftirstenschritt, 
den er schon friih angenommen hatte, wenn er ihm nicht von Natur 
eigen war, zu beschleunigen, wenn er den langen Gang hinunter in 
mein Studierzimmer kam, so dass er im vollen Laufe bei der Thur 
anlangte. Von dieser Gewohnheit war ihm soviel geblieben, dass ich 
den charakteristischen Rhythmus selbst in den letzten Tagen, wo er 
miide und verwischt herauskam, doch noch erkannt hatte. Damals 
klang er mir die ganze Nacht in den Ohren; denn ich hatte 
lange gehorcht, ob der Prinz nicht wiederkåme, wie er so vielemale 
gethan hatte, um mir einen letzten und allerletzten Einfall mitzutheilen. 
Aber ich håbe ihn lebend nicht wieder gesehen. 

Kurz ehe ich die Residenz verliess, hat sich das ereignet, was 
mich eigentlich bewog, diese Erinnerung niederzuschreiben. Es wurde 
nåmlich, bei grauendem Morgen, in warme Tiicher eingewickelt ein 
kleines, augenscheinlich neugeborenes Kind im Parke gefunden, und 
da man nåher zusah, zeigte es sich, dass eine ganze Anzahl iiber 
der grossen Flåche verstreut war, geråde als ob iiber Nacht ein 
Schnee von kleinen Menschenseelen gefallen wåre. Es war Februar, 
ein Tag, wie es solche im Vorfruhling gibt, ebenso wonnig wie 
traurig; iiber den unabsehbaren Wiesen schwebte eine dunstige 
Feuchtigkeit und umschleierte die braunen Gerippe der Båume. Die 
Lauheit der thauigen Luft schien zum Bluhen locken zu wollen, aber 
die Erde Hess sich die Liebkosung wehmiithig gefallen, ohne ihr 
glauben zu kOnnen. Es bluhte noch nichts ringsumher als diese 
winzigen Wesen, die wie verfruhte, zitternde Anemonen oder Schnee- 
glOckchen unter den Båumen lagen, einige ganz still, andere wimmernd 
wie junge Kåtzchen. Da naturlich keine Møglichkeit war, der leicht- 
fertigen und listigen Eltern habhaft zu werden, und Prinz Asche sich 
fur die SprOsslinge der Mainacht verantwortlich fiihlen mochte, stiftete 
er den Theil des Parkes, wo die Makkabåer ihr Fest gefeiert hatten, 
zu einem Findelhause, das sich jetzt inmitten eines weiten Gartens 
stattlich erhebt. Durch das eiserne Gitter hindurch håbe ich die 
kleinen Namenlosen gesehen, wie sie lustig iiber ihren griinen Rasen 
flatterten und mit silbernen Kinderstimmen jauchzten und schrien. 



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DIE MAIWIESE. 615 

Ich verfehle niemals die Jahresberichte der Findelhausverwaltung 
zu lesen, in welcher der Commerzienrath, seiner Bedeutung gemåss, 
eine Hauptrolle spielt: erstlich wegen der historischen Einleitung, die, 
in einem gelbspiegelnden Fettglanz an Selbstzufriedenheit und Tugend- 
lust schimmernd, die vorgefallenen Irrthumer und Irrungen berichtigt; 
und zweitens, weil am Schlusse die neuhinzugekommenen Findlinge 
aufgezåhlt werden, welche die in Betracht kommende BevOlkerung 
sich gewøhnt hat, auf der einstmaligen Maiwiese niederzulegen : kleine 
Opfer unschuldigen Blutes, die die Menschheit der furchtbar geheimnis- 
vollen Gottheit darbringt, die sie Liebe nennt. 



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BURNE-JONES. 
Von WILHELM SOHOLBRMANN (Wien). 

Burne-Jones ist gestorben. Die Tagetblåtter brachten vor einigen 
Tagen eine kurze Notiz uber seinen Tod unter der Rubrik »Kunst und 
Wissenschaft«. Das war alles. Wer nåheres erfahren wollte, musste 
englische Zeitungen lesen. 

Wer war eigentlicb dieser Kunstler, von dem man so viel gehOrt 
und so wenig geseben hat? Die grøsseren illustrierten Zeitscbriften 
brachten von Zeit zu Zeit Reproductionen nach seinen Werken; ein 
Original kam åusserst selten uber den Canal heriiber. Burne-Jones 
hatte es nicht nOthig, zu uns zu kommen. In England ehrte man ihn 
lange vorher, ehe sein Ruf Uber die Grenzen seines meerumspulten 
Vaterlandes hinausdrang. 

Wer war also Sir Edward Burne-Jones? »Ein englischer Prå- 
rafaelit ! « tOnt es im Chor der allwissenden Kunstbanausen Deutschlands 
und Osterreichs. Naturlich, damit ist ja auch alles gesagt. Was ein 
Prårafaelit ist, braucht man doch nicht erst zu erklåren. Das weiss 
doch jeder »Gebildete«, der die Zeitungen liest. 

Die noch mehr wussten als dies, konnten auch wohl erzåhlen, 
dass Burne-Jones der intime Freund seines Meisters Dante Gabriel 
Rossetti gewesen. Das war er auch, solange bis das Morphium die 
heisse Seele des painter-poet mit seinem schleichenden Gift umhiillte. 
Bis zum letzten schweren Todesseufzer blieb Burne-Jones an seines 
Freundes Bette. Dann arbeitete er allein weiter. Denn Burne-Jones 
gehOrte zu den Kunstlern, die in der Einsamkeit lebten und schafften. 

Einer wohlhabenden Classe angehOrend, die wie der altenglische 
Adel den traditionellen Besitz irdischer Guter als etwas selbstver- 
ståndliches zu betrachten gewohnt ist, hatte das Leben fur ihn nicht 
die Bedeutung eines ewigen Kampfes gegen die Aussenwelt. Dieser 
irdische Oberfluss, dieses Zuriickweichen aller kleinlichen Sorgen in 
weiteste Fernen ist es ja, was die vornehme Lebensfuhrung und An- 
schauung allmåhlich zu einer angeborenen macht. Die letzte Blute 
solcher Lebensfulle åussert sich aber in seltsamer Umkehrung håufig 
in der unendlich zarten und verschleierten Melancholie, die sich selbst 
geniesst in der vollen Hingebung an die eigene Seelenstimmung. Aus 
dem Geist dieser Schwermuth ist Burne-Jones* Kunst geboren. 

Selten mag die åussere Erscheinung eines Kunstlers so mit dem 
Wesen seiner Kunst zu einer Einheit verschmolzen gewesen sein, wie 
bei ihm. Eine feine, schlanke Gestalt, die Haltung etwas vorgebeugt, 
das bleiche Gesicht von einem weichen Vollbart mild umrahmt, die 



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BURNE-JONES. 617 

sanften ruhigen Augen halbverschleiert ins Wesenlose blickend, so 
war Burne-Jones der stille Priester der SchOnheit. Ein Christuskopf, 
aber ohne den ekstatischen, funkelnden Blick des religiOsen Schwårmers, 
der eine Sendung zu erfullen hat. Auf der vorletzten Ausstellung des 
Aquarellistenclubs im KGnstlerhaus war den Wienern die seltene 
Gelegenheit geboten, ein Originalbild von Burne-Jones zu sehen. Es 
war aus Privatbesitz geliehen und stellte dar eine »Scene aus dem 
altfranzOsischen Roman de la Rose«. Der Pilger, der auszog, die Liebe 
zu suchen, gelangt in den von einer rothen Mauer umgebenen Garten 
des Lebens und erblickt paarweise tanzend : Freundlichkeit und Heiter- 
keit, SchOnheit und Liebe, Reichthum und Freigiebigkeit, Aufrichtigkeit 
und Hoflichkeit. Die Liebe ist als befltigelter Gott dargestellt und nach 
der Oberlieferung alterer keltischer Sagen von VOgeln umschwårmt, 
die dieser Gottheit heilig waren. Soweit berichtete die kleine Notiz im 
Katalog. Wem das Bild aber weiter nichts zu sagen vermochte, der 
hatte auch von dieser Inhaltsangabe nicht viel. Dass die englischen 
Prårafaeliten im wesentlichen Botticellisten sind, hat man vielfach 
behauptet. Der Ausdruck hat seine Bedenken. Vielleicht wåre »im 
un wesentlichen« das bessere Wort. Burne-Jones wenigstens scheint 
mir nur in einigen Åusserlichkeiten ein Botticelli redivivus. Das hier 
ausgestellt gewesene Bild erinnerte wohl in seinem langgestreckten 
Format und der reichverzierten Umrahmung an den »Friihling« des 
Quattrocentisten: Die stilistische Anordnung und Eintheilung in Gruppen, 
die bewegte rhythmische Liniensprache, deren Wesen aus musikalischen 
ener wie aus rein malerischen Empfindungen entspringt. Das ganze 
durchzittert leise ein Klang von jenem geheimnisvollen Gesetz des 
Tactes, der im All fuhlbar ist. Und als das am stårksten in die Augen 
springende Merkmal Botticelli' scherWesenheit: Das schwebende Fliessen 
und Wehen der Gewånder. 

Aber durch diese åusseren Beriihrungspunkte hindurch låsst sich 
nun der ganz verschiedene Wesenskern der beiden Kunstler deutlich 
genug herausschålen. Botticellis Draperien sind von dem belebenden 
Hauch des ersten Friihlingssturms durchweht, der den gewaltigen 
Hochsommer der Renaissance zeitigte; seine lebhaft bewegten Figuren 
athmen erquickenden Lebensodem, zu dem sie selig erwacht. Burne- 
Jones* tiberschlanke Gestalten wandeln nur noch wie im Traum daher 
und ihre Gewånder sind kaum noch getragen vom scheidenden Herbst- 
winde. Spåtgeborene einer uberfeinerten Cultur, losgelOst von der 
Gegenwart, scheinen sie wie långst Verstorbene und verdichten sich nur 
noch zu Wesen der Erinnerung, getragen von tiefer, wortloser Sehnsucht. 
Es låsst sich ein Ausdruck auf sie anwenden, mit dem die Spiri- 
tualisten unseren Sprachsatz bereichert haben: Dematerialisation. 

Beide, Botticelli wie Burne-Jones, sind im Grunde ihrer Seelen 
Mystiker; beide stehen im innersten Widerspruch mit ihrer eigenen 
Zeit. Aber was bei dem Italiener innige Zuversicht und glåubiges Froh- 
locken ist, das tOnt bei Burne-Jones in einer grossen, stillen Traurigkeit 
aus. Botticelli, dessen Glaubenstiefe sich an Dante'schen Visionen und 

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618 SCHOLERMANN. 

Savonarola's Busspredigten stårkte und in einer rings von heidnischen 
Genussfreudigkeit strotzenden Zeit sich ångstlich und wie Rettung 
auchend an die letzten Helden mittelalterlicher Kirchenglåubigkeit 
klammerte, verkOrpert in seiner Kunst den letzten Weckruf christlicher 
Andacht, von Hoffnung halb und halb von banger Ahnung durch- 
zittert. Er steht auf der Scheide zwischen Klostermakrei und weltlicher 
Kunst. Es ist als schaute er durchs enge Fensterlein einer MOnchs- 
zelle hinaus ins Freie, wo die bluhende Natur schon den Geist des 
Cinquecento laut verkundet. Ganz ånders Burne-Jones. Von religiOser 
Glaubenskraft losgeløst, ist er nur der stille Priester der SchOnheh, 
dessen Blick in die Vergangenheit taucht. Seine Kunst, der Wehmuth 
zarte, spåtreife Frucht, die åusserste Lyrik. Des Florentiners Naivitåt 
der Formengebung, welche selbst im Fehlerhaften das Zuktinftige ver- 
spricht, die Eingebung, die nur intuitiv schaffen kann, bei Burne-Jones 
wird sie zum rammerten Wissen. Alles ist gewollt, gekonnt, (iberlegt. 
Damit soli nicht gesagt sein, dass diese Reflexion ohne inneres Fiihlen 
ist. Aber sie beruht auf einer Empfindung des Gehirnes mehr als auf 
Blut und Temperament. 

Hinsichtlich der Kraft und Reinheit der Farbe kann sich der 
Brite mit dem Italiener nicht messen. Bei dem Ahnen klare Tiefe, 
feingestimmte aber volle Streichmusik der Geigen und Violen; bei 
dem Epigonen gedåmpfte mude Harmonien, wie vom Zephyr beriihrte 
ferne Åolsharfen. Die differencirten Nerven vermOgen die Reinheit 
der Farben nicht mehr zu ertragen und vermeiden unwillkurlich die 
leuchtende Klarheit. 

Das ist es, was die Mystik des Neuidealismus im Ausgange des 
19. Jahrhunderts von der des Quattrocento unterscheidet. Sie beruht 
auf einer unendlich verfeinerten Åsthetik der Sinne und Nerven, 
welche an Stelle der frommen Gottinnigkeit und Himmelssehnsucht 
getreten ist, deren letzter Vertreter Botticelli war. 

Noch einen andern Mystiker der neuen Kunst lernten wir kiirzlich 
hier kennen: Fernand Khnopff. Am Schlusstage der Secessions-Aus- 
stellung stand ich vor seinem herrlichen Bilde »La Caresse«, das mit 
dem »Pantherweib« die VerkOrperung des hOchsten, wolliistigen 
Triumphes in nie ubertroffener Vollendung darstellt. Mein Freund 
Rudolf Klein, der von Diisseldorf nach Wien gekommen war, um die 
Ausstellung zu sehen, begleitete mich. »Das ist keine englische, keine 
prårafaelitische Mystik mehr,« sagte er, »Khnopff ist flei se li- 
ge word ene Mystik«. Um dieses Wort håbe ich ihn beneidet, denn 
es driickt den Unterschied zwischen dem Belgier und dem Englånder 
am treffendsten aus. Auch bei Rossetti zeigt sich noch die sudliche 
Abstammung in der »fleischgewordenen Mystik« seines Frauentypus. 
Solche Frauen treten dem Kunstler wie ein Fatum in den Weg, 
indem sie sein ganzes Schaffen monopolisieren, im Guten und Bøsen 
den Inhalt seines Denkens bilden ; es sind die, welche unter Tausenden 
das getråumte Ideal verkOrpern, fleischgewordene Heilige. Und wie 
unter Tausenden nur ein Ideal, so ist fur den Kunstler das eine Ideal 



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BURNE-JONES. 619 

vielgestaltig und unausschopflich. So erscheint es in allen Meta- 
morphosen, als Weib, Engel, Sphinx — wie bei Khnopff und Rossetti. 
Nicht so bei Burne-Jones. Auch bei ihm tritt ein Grundtypus auf, der 
immer wiederkehrt. Aber er ist doch nicht derselbe individuelle Råthsel- 
kopf, der in seiner unergrundlich erotischen Tiefe den magischen 
Reiz eines Idols in sich tragt. Burne-Jones schlanke Mådchen wandeln 
in 8omnambulem Schlaf dahin, jeder irdischen Schwere enthoben, und 
die Liebe spielt nur mit leiser, sehnsuchtiger Klage in ihren Tråumen. 

Die einzelnen Werke des Meisters aufzuzåhlen, ist nicht der 
Zweck dieser Zeilen. Dass er ausser seinen Olgemålden unzåhlige Ent- 
wurfe fur Kirchenfenster gemacht hat, die William Morris und seine 
Schuler ausfuhrten, gehOrt in das Capitel seiner Biographie. Dies 
8ollte nur ein Versuch sein, den Dahingeschiedenen, der in England 
ein ganzes kunstlerisches Glaubensbekenntnis repråsentirte, dem Ver^ 
ståndnis unserer kunstliebenden Kreise einen Schritt nåher zu bringen. 

Ueber den Rang und die Bedeutung seiner Kunst wird die 
Kunstgeschichte wohl ihr endgiltiges Urtheil finden — falls ein solches 
»endgiltiges Urtheil« uberhaupt dauernd festgestellt werden kann; wir 
aber durfen heute dem Heimgegangenen fiber seinem eben geschlossenen 
Grabe dankbar bezeugen: Er war ein echter, vornehmer Kunstler, der 
seine selbsterschaute Welt in stiller Zuruckgezogenheit schuf und 
der sich selbst erløste in dem Ringen nach dem Ideal seiner Schonheit. 
Wohl ihm, der in solcher Schonheit gelebt hat. Denn nur solchen 
Menschen ist es vergonnt, in SchOnheit zu sterben. 



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DIESE IST SEIN. 
Von PETER ALTENBERG (Wien). 

Sechs Uhr. 

»Du musst essen, Risa, eine Wagner-Oper dauert bis eilf. 
Deshalb brachte ich ja die grosse Sardines de Nantes-Buchse. So, 
da hast Du drei vollkommen geschålte.« 

»Wie nach einer Bergpartie isst Du! Sechs Sardinen .€ 

»Ich håbe viel gearbeitet. Was glaubst Du ? ! Ich freue mich 
riesig auf die Oper. Erstens Deinetwegen . Iss, Risa .« 

»Ich kann nichts essen. Iss Du fur mich.« 

»Wie vor einem Balle bist Du. Wie ein Måderl .c 

»Ist es schon Zeit, zu gehen?!« 

»Nein. Noch zwanzig Minuten. Sie, Marie, wenn wir weg 
sind, offnen Sie alle Fenster.« 

»Warum?!« fragte Risa. 

»Ich mochte nicht, dass Du in das Dumpfe zuriickkamest 
Am liebsten mochte ich Dich in einen schonen, unerhort erleuch- 
teten Hotel-Saal fiihren, wo alle Leute an den Tischen Dich an* 

sahen und flusterten: »Du, die kommt aus »Tristan« .« 

»Wieso weisst Du es?!« »Ich sehe es ihr an«. Risa, warum 
låchelst Du?! Ich mochte jeden Augenblick die Welt aufbieten, 
Dir das zu spenden, wessen Du bediirftest. Der Impresario Deiner 
Seele sein, das ware es. Aber ich treffe nur das Åusserliche. 
Nun, håbe ich Dir schlecht gerathen zu dieser weissgriinen Seide?! 
Mein Kunstwerk !« 

»Ich bin wirklich Dein Kunstwerk. Ich selbst hatte es nie 
gewagt: weissgrune Seide, von oben bis unten in Plissés- Du 
nimmst es mir ab, hast meine eigenen Kiihnheiten. So erlost 
Du mich von mir, von meinen Uberschussigkeiten.« 

»Bleibt mir etwas anderes ubrig, als Dir zuvorzukommea 
in Dir selbst?!« 

»Das verstehe ich gar nicht.« 



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DIESE IST SEIN. 621 

»Es wird ein Augenblick kommen, da ich zuriickbleibe. Dann 
wirst Du mich verstanden haben. Vorlåufig gebe ich Dir Richard 
Wagner, weissgriine Seide zu Deinem wunderbaren braunen Haar 
und meine Freundschaft. Kann man aber concurrieren mit den 
Tråumen?! Auf rascheren Rossen reiten sie .« 

»Wie Du Dich in mich hineingråbst ! Da brauchen 

wir nicht herauszugraben . Wie wenn Du zu dem 

Herde von Krankheitskeimen vordrångest, zu Gefahren ausgesetzten 
Punkten. € 

»Risa, hat die Pastille Tamar Grillon, die ich Dir heute 
morgens gab, gewirktPU 

»Ja . Ich bin wie erlost.« 

»Es ist ein konigliches Mittel. Milde wie die Natur selbst 
und gleichsam voll innerlicher fursorglicher Weisheit. Unsere 
eigene Kraft, nur quasi in die Frucht des Tamarindenbaums 
verzaubert.€ 

»Ich bin wie erlost .« 

»Nun siehst Du !?« 

»Du hattest Kindsfrau werden sollen € sagte sie 

sanft. Er aber spurte gleichsam ihren Leib und ihre Seele, welche 
er in gleichem Masse behiitete und frei bewahrte vor jedem Drucke, 
auf dass sie seien in Frieden! 

»Granz glucklich bist Du iiber Tamar « sagte sie 

låchelnd. 

Stille. 

Dann sagte sie sanft: »Du schreibe Herrn von 

Artin ab fiir Samstag, Ausstellungs-Avenue, Restaurant Sacher. 
Ich hasse ihn.« 

»Artin?! Welchen Du auffordertest?!« 

»Ja, Artin . Gehen wir. Es ist dreiviertel sieben.« 

»Marie, ofihen Sie alle Fenster, wåhrend wir weg sind.c 
Auf dem Wege zur Oper sagte sie: »Du, wenn Tante Ida wiisste, 
dass wir iiber »Tamar« uns besprachen?! Kannst Du Dir vor- 
stellen, dass iiberhaupt jemand aus unseren Familien iiber Tamar 
sich bespråche?! Ich selbst wusste es nicht von mir, dass man 
es konne.« 

»Gute, Susse € sagte er milde. 



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622 ALTENBERG. 

»Gott, wie oft mussten diese jungen Frauen iibel gelaunt 
sein und verdrossen. Aber man fuhrte es auf das »Seelische« 
zuruck.« 

»Jawohl, auf das »Seelische« — — — . Du, ubiigens, 
konntest Du mit Herrn von Artin dariiber sprechen?!« 

»Nein. Unter keiner Bedingung. Wie kommst Du darauf?!« 

»So .« 

»Es ist merkwiirdig. Ich empfand geråde vorhin zum ersten- 
male, als ob er sich die billige Komodie vorspielte, dass ich ein 
»ausserirdisches Geschopf« sei. Weil er nicht genug Freundschaft 
hat, mich als ein »schwaches irdisches Geschopf« z\i nehmen! 
So verstrickt er sich und mich in Verlogenheiten. Ich fiihle, dass 
er nie mit mir iiber Tamar sprechen konnte .« 

»Und dårum hassest Du ihn?I« 

»Ja, dårum*« 

»Dennoch wiisste ich Einen, mit dem Du nicht dariiber 
språchest! Und es wåre dennoch keine Verlogenheit darin.c 

»?!« 

»Mit Lord Byron.« 

Sie schwieg. 

Dann sagte sie verlegen : »Aber der lebt ja gar nicht mehr.« 

»Glaubst Du?U 

Er schwieg, gieng schweigend. 

Sie kamen zum Opernhause, traten ein in das goldene 
Vestibule durch die hellgninen Tuch-Thiiren, portes battantes. 

Er dachte: »Meine Forelle gelangt in ihren Gebirgsbach. 
Was verlangt iibrigens die Frauenseele von uns ? ! In den Gebirgs- 
bach zu gelangen?! Keineswegs. Sie wiinscht nur, dass wir 
es wissen, dass sie hingehort!!« 

»Du kommst in Dein Gebirgswasser« sagte er. 

Sie dachte: »Artin wird in der Loge sein bei dem Grafen. 
Und ich trage heute ein weissgriines Seidenkleid, in Plissés von 
oben bis unten. Wie wurde Artin es benennen ? ! Eine romantische 
"Bezeichnung I ?« 

Der Gatte sagte bewundernd: »Wie Schaum von Gebirgs- 
wasser ist Dein Kleid. Wenn Artin Dich såhe!?€ 

»Warum sagst Du dasPIc 

»Sage ich das?!« 



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DffiSE IST SEIN. 623 

»Du er wird in einer Loge sein bei dem Grafen« 

sagte sie errothend. 

»Naturlich.« 

»Ich hasse ihn.« 

»Naturlich. Er betrugt Dich. Er nimmt Dich in.Deinen er- 
hohtesten Momenten, den Sonntagen Deines Seins. Wenn Du bei 
Richard Wagner sitzest in einem weissgriinen Seidenkleide. 
Rubinstein am Claviere. Die Wolter in »Sappho«. Auf einem 
Schiffe musste er Dich erbrechen sehen!« 

»Ja. Das ist es. Er musste mich erbrechen sehen auf einer 
Meerfahrt.€ 

Der Gratte dachte: »Wiistlinge der Ideale .« 

Dann sassen sie dicht nebeneinander bei »Tristan« und 
wussten gar nicht, in welcher Loge Artin sich befånde, den ganzen 
Abend lang 1 



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DER BOTANISCHE POET, 

(ANTON KERNER v. MARILAUN f.) 

Von M. KRONFELD (Wien). 

Ich meine nicht den krankhaften Rousseau, nicht seine be- 
rechnete Sentimentalitåt, sein Seufzen beim Anblick des blauen Sinn- 
grun und seinen auf den Effect berechneten Schmerz um die Blume. 
Ich denke- eines Geraden und Biederen, eines ehrlich Empfindenden 
und fur das NaturschOne naiv Entzuckten: ich betrauere Anton Kerner. 
Stark und ståmmig stand er da wie die Eiche der niederOsterreichischen 
Wachau, der er entsprossen. Und wie die Eiche wurde er vom Sturme 
ins Lebensmark getroffen und starb dahin. Kleinliche Gebreste, wie 
sie andere quålen, konnten ihm nichts anhaben. Er war zu gesund 
in seinem In nern, um krånkeln zu kOnnen. Ein Schlaganfall machte 
seinem inhaltsreichen Dasein jah ein Ende. 

Warum ich das ihm von der Leitung dieser Blåtter zuge- 
sprochene Attribut als Titel gewåhlt? Weil ich ihm durch lange Jahre 
als Schiller nahe war und merkte, wie ihm das Botanisieren, das Mikrosko- 
pieren, das Staubgefåsszåhlen und die Pflanzenpresse nicht Selbstzwecke 
waren. Siebenundsechzig Jahre ist er alt geworden und war Botaniker 
eigentlich schon von Knabenbeinen an. Er hat uber 120 wissen- 
schaftlich wertvolle, zum Theile grundlegende und richtunggebende 
Arbeiten zuruckgelassen. Ein grosses Zimmer fasst kaum die von ihm 
entworfenen botanischen Zeichnungen und Notizen. Er ist Heros 
der Pflanzengeographie, der Pflanzenbeschreibung und der Biologie. 
Gleichwohl war er nicht Naturforscher allein, und niemand darf ihm 
vorwerfen, dass er »nur Botaniker« gewesen. Was er sich als Forscher 
geholt, das verwendete er, um als edler, theilnehmender Mensch zu 
Mitmenschen, die nicht am Borne der Erkenntnis schopfen kOnnen, 
in Verståndlichkeit zu sprechen. Er war nicht wie jene frosch- 
kalten, verzopften Hochschulegoisten, die sich vermessen, geizig die 
Perlen des Wissens anderen vorzuenhalten. Er war volksthumlich, 
nachdem er gelehrt gewesen. Ein Sohn des Volkes, hat er den Weg 
zu ihm glucklich zuruckgefunden. Vom Gejauchze der frohen Winzer 
ertOnt das Thai, in dem er das Licht dieser von ihm selbst so freundlich 
erhellten Welt erblickte. Und froh und heiter war er seinem Grund- 
zuge nach. Da er am Schlusse des erst vor wenigen Wochen in zweiter 
Auf lage beendigten Monumentalwerkes »Pflanzenleben« von den Be- 
ziehungen der Blumen zur Poesie spricht, da ist es ihm Herzens- 



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DER BOTANISCHE POET. 



625 



bedurfnis, ein »Schnadahupfl« hinzusetzen, so kernig und urspriinglich, 
wie er es in der Jugendzeit, in der Wachau gehOrt: 

Zwa Vcigerl san d'Åugerl, 
Zwa Roserl san d'Wang, 
Und die mocht i halt brockcn 
Was laugn' i f s dcnn lang? 

Dass Kerner in dem Buche seiner funfzigjåhrigen Arbeit, in 
seinem Hauptwerke, das nicht nur die Errungenschaften der gesammten 
Botanik so gut und schOn dem Publicum vorfuhrt, wie keines vor 
ihm, das eine Schatzkammer ist des von ihm mit klarem Auge und 
lduger Logik Entdeckten und Gefundenen, auch der Blumensprache 
des Herzens und Gemuthes sinnig gedenkt, das allein macht ihn zum 
poetischen Botaniker. Derselbe Mann, der Kants Speculation von der 
Inferioritåt und Unfruchtbarkeit der schon im Namen gebrandmarkten 
Bastarde aus der Welt geschafft und die Schwåche derDarwin'schen 
Hypothese von der Entstehung neuer Arten durch Anpassung muthig 
verkundet hat, weiss, dass die Natur nicht nur fur Privatdocenten und 
Professoren der Naturgeschichte ihre SchOpfungen und Regungen dar- 
bietet. Er schreibt: »Bei dem in jeder Menschenbrust liegenden Drange, 
das Empfundene wieder nach aussen darzustellen, ist es naturlich, 
dass sich das Gepråge der heimischen Natur in die Lieder und Poesien 
alier Volker, aller Zonen und aller Zeiten bewusst oder unbewusst 
hineindrångte. Das Volkslied des Gebirgsbewohners, das sich in 
rhythmischen heiteren Klangen in Dur bewegt, harmonirt geråde so 
mit dem Rauschen in den Kronen der heimischen Wålder, dem Ge- 
plauder der Bache und den Tonen der lustigen, befiederten Waldsånger, 
wie die nationalen Weisen der SteppensOhne mit der schwermuthigen 
Musik in Moll im Einklang stehen, welche die Natur auf der weiten 
Ebene aufspielt. Bald klagt in der ungarischen Nationalmusik die 
Fiedel gleich dem Liede eines im Schilfe hausenden Rohrsångers, 
wåhrend das Cymbal gleichzeitig das Flustern und Lispeln des im 
Winde bewegten ROhrichts nachahmt, dann wieder glauben wir den 
Sturmwind zu hOren, wie er in langgezogenen Tonen bald schwellend, 
bald fallend uber die Steppe dahinbraust. Und so malen die nationalen 
Weisen hier wie dort die Scenen der heimischen Welt. Aber bei 
weitem schårfer als in aller Musik spiegelt sich die umgebende Natur 
in den Texten ab, welche den Volksliedern zugrunde liegen. Mit 
Vorliebe malt und preist das Volkslied die SchOnheiten der heimischen 
Welt. In unzåhligen dieser Lieder spricht sich eine kindliche Pietåt 
fur die heimische Scholle und eine heisse Liebe zur vaterlåndischen 
Natur aus. So wie der Sohn der Alpen seine Bergwelt im Lied verklårt, 
ebenso weiss der Sohn der Steppe seiner meeresebenen Niederung 
unzåhlige SchOnheiten abzugewinnen und diese im begeisterten Liede 
zu verherrlichen. Und nicht nur der allgemeine Eindruck der heimischen 
Natur vermochte dem Gedankenflug der begeisterten Sanger in allen 
Zonen eine locale Fårbung zu ertheilen, sondern auch concrete Er- 
scheinungen, und unter diesen insbesondere die Pflanzenwelt, mussten 



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6 2 6 KRONFELD. 

die Einbildungskraft anregen und auf die poetischen Erzeugnisse der 
verschiedenen VOlker Einfluss nehmen.« 

Adalbert Stifter, den Kerner persOnlich kannte, ist auf ihn 
sichtlich von Eindruck geblieben. Dann waren es Goethe und Her- 
mann Gilm, die er verehrte. Goethe, der das bedeutsame Geståndnis 
ablegt, dass, nach Shakespeare und Spinoza, Linné auf ihn »die 
grOsste Wirkung« geiibt, hat der Botanik den poetischen Adelsbrief 
verliehen. Er singt: 

Ein Blumenglockchen 
Vom Boden hervor 
War friih gesprosset 
In lieblichem Flor; 
Da kam ein Bienchen 
Und naschte fein: — 
Die mussen wohl beide 
Flir einander sein. 

Was Goethe andeutet, hat Kerner ausgefuhrt. Man versteht vollends, 
seit er das beruhmte Buch von den »Schutzmitteln der Bluten gegen 
unberufene Gåste« geschrieben, was Blumen und Insecten einander 
sind, wie der Besuch des »losen Falters«, der summsenden Biene ein 
»interessierter« ist, wie jede Blumenart ihren eigenen Postillon d'amour 
hat und wie sie fur diesen den vor den råuberischen Ameisen geschiitzten 
Honig und Pollen als Entlohnung aufspart. Die Inzucht muss um jeden 
Preis vermieden, die Kreuzung gefOrdert werden. Das ist der tiefe Ernst 
der poesieumwobenenen Blumen; sie sind Hilfen der Weltordnung. 

Als Botaniker von innerem Beruf stand er natiirlich mit der 
Poesie in innigem Contact. Da er in Innsbruck schon ein beruhmter 
Botaniker und unermudlich in der Erforschung der Alpenpflanzen war, 
kam Longfellow zu ihm. Von dieser Begegnung erzåhlt Kerner im 
Texte zu dem den vollen Reiz des heimatlichen Waldes athmenden 
Bilde »Waldmeister« : »Im Jahre 1869 besuchte mich Longfellow in 
Innsbruck. Bei einer Wanderung durch den botanischen Garten bat 
er mich, ihm die Asperula odorata zu zeigen und erzåhlte mir von 
seinem Aufenthalte in Heidelberg und der Bereitung des Maiweines 
mit Hilfe dieses Krautes. Im botanischen Garten war Asperula odorata 
bereits verbliiht, aber in einem Buchenwalde in der Nåhe von Inns- 
bruck hatte ich dieselbe kurzlich noch in Knospen gesehen. Ich holte 
die Pflanze von dort und lud Longfellow zu einem Glase Maiwein fur 
den 8. Juni ein. Es versammelten sich auch noch mehrere Verehrer 
Longfellows in meiner Wohnung. Meine Frau und eine ihrer Freundinnen 
brachten »Das Veilchen« von Goethe, in Musik gesetzt von Mozart, 
zum Vortrag, und einer meiner Freunde sprach mit Begeisterung das 
Gedicht von dem Tiroler Lyriker Hermann v. Gilm »Auf unseren 
ewigen Bergen €, welches auf Longfellow einen tiefen Eindruck machte. 
Ich fuhrte auch mein damals funfjåhriges TOchterchen zu dem greisen 
Dichter und empfahl ihr, sich die Zttge des beriihmten Mannes in das 
Gedåchtnis einzuprågen. Er setzte sie auf seinen Schoss und gab ihr 
mit freundlichen Worten die Lehre, in spåteren Jahren neben dert 



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DER BOTANISCHE POET, 627 

praktischen Geschåften auch die Kunst niemals zu vergessen. Dass 
diese Rede nicht ohne Wirkung war, zeigt das beigeheftete, von meiner 
Tochter herstammende, nach der Natur entworfene Bild.« — Hier in 
Wien schaffte Kerner durch zwanzig Jahre in demselben Zimmer des 
åusserlich so unansehnlichen Hauses am Rennweg, in dem Mozart der 
begabten Francisca Jacquin Clavierunterricht ertheilt hatte. 

Kerner, der durch die erste Sammlung der niederOsterreichischen 
Pflanzennamen (im Jahre 1855) die Erinnerung an die altgermanischen 
Beziehungen der conservativen Volkssprache geweckt hat, ist am 
Johannistage dieses Jahres zu Grabe getragen worden. Die zauber« 
beruhmten Johanniskråuter alle bluhten im Sonnenstrahle, da die harten 
Schollen den Mann verschutteten, der solches Empfinden fur die Volks- 
seele und die Pflanzenwelt hatte. »Blumen reicht die Natur, es windet 
die Kunst sie zum Kranze.« Das gesammte Wirken des grossen und 
bescheidenen Anton Kerner hat sich nach diesem letzten Wort in 
seinem »Pflanzenleben« gerichtet. 



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RIESENQEBIRGE. 

L 

Du tratest oft im Traum zu mir, 
Viel Leid und Nåchte trennten mich 
Von Deinem Frieden, 
O wenn es hienieden 
Sehnsucht gibt, 
So war sie bei Dir. 

Und Mick' ich heute 

Hinaus auf der Berge 

Måchtige Ruhe, 

In der Thaier 

Bluhendes Gliick, 

So wendet der Blick 

Sich dennoch in mich selbst zuriick. 

Wenn alle sich einen 

Dir Liebe zu bringen, 

Das ruh'los sturmende Herz 

In Schlaf zu singen — 

Wie kannst Du noch weinen? 



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RIESENGEBIRGE. 629 



n. 

Alles ist Dir treu geblieben, 
Treu die Giite der Natur, 
Und dieselben Gotter lieben 
Noch die alte junge Flur. 

Meine Blicke suchen schweigend 
Deine grosse Weltenruh', 
Wenden sich in Demuth neigend 
Deinen milden Fussen zu. 

Hab* Geduld mit Deinem Kinde, 
Kehr* ich reuig bei Dir ein — 
Wenn ich Dich noch ganz empfinde, 
Werd* ich Deiner wiirdig sein. 

Berlin. 1892. GEORG HIRSCHFELD, 



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DICHTER. 



Mern Weg geht iiber die Erde zur Winternacht. Die Welt 
ist weiss, der Himmel schwarz, icb finde keine Sterae. Aber auf 
meinem Wege blitzen Millionen Silberfunken im Schnee und zaubern 
mir ein Bild von Schonheit auf, die mein ist. Denn ich schreite 
allein zur Winternacht. Der Ostwind frisst in meine Wangen, 
meine Hånde sind blau und faul. Aber der ungeheure Diamanten- 
schatz, der meinem Auge unberiihrt sich bietet, lockt weiter. Wo 
zwei verglimmen, zucken hundert neue auf. Endloser Weg. 

n. 

Ich mochte der Maler sein. Es soli mein Ruf zu Gottes 
Frauen kommen wie Liebessturm, dass sie sich enthiillen heilig 
und weinen vor dem Bilde, das sie sind, dass sie es sind. Dann 
hinschauen auf mich, den Schopfer, leise fragend: Wie moglich? 
Ich aber will flieh'n. In einen Sommerwald, der meine Thrånen 
kiihlt und meine Rothe fortkiisst. 

Berlin. 1896. GEORG HIRSCHFELD. 



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DIE ENGLÅNDER UND DIE FRANZOSEN IN DER 
JUBILAUMS-AUSSTELLUNG. 

Von PAUL RITTER V. RITTINGER (Wien). 

Die Englånder und Franzosen, warum denn nicht die Wiener, 
oder wenigstens die Munchener, Berliner oder Dusseldorfer ? Das ist 
sehr einfach, und ich antworte auf die Gefahr hin, fur einen schlechten 
Localpatrioten gehalten zu werden : » Weil eben in den wenigen englischen 
und franzosischen Sålen mehr zu sehen ist, als in allen ubrigen zu- 
sammen«. Fiir den Wiener, der seine kunstlerische Bildung lediglich 
den Jahresausstellungen im Kiinstlerhause verdankt, gilt das freilich 
nicht. Der findet unter den Osterreichern Temple, Hessel, Merode, 
Ritzberger, Zetsche, lauter gute, alte Bekannte aus friiheren Ausstellungen, 
und unter den deutschen Auslåndern Delug, Bocklin, Palmié, die er 
auch schon alle einmal gesehen hat, und selbst Max Klinger kennt 
man wenigstens vom HOrensagen. Aber bei den Franzosen und Eng- 
låndern ist das ånders, kein einziger bekannter Name, alles neu, funkel- 
nagelneu fur uns. Der betreffende Wiener geht dann befriedigt und 
stolz aus der Ausstellung, denn er hat wenigstens den loyalen Trost 
mitgenommen, dass die meisten benihmten Maler doch in der oster- 
reichischen Abtheilung hangen. Beruhmt? Ja fiir den, der bis zum 
Oberdruss mit ihnen gefiittert worden ist, und der um keinen Preis 
einen Blick ins siindhafte Ausland thun durfte. Aber wirklich beruhmt, 
beruhmt in der ganzen kiinstlerischen Welt, wo man kaum einen von 
unseren »bekannten« Malern kennt, aber dafur alle die unbekannten 
Franzosen und Englånder desto besser, was dieses beruhmt bedeutet, 
das muss der zufriedene Wiener erst lernen. 

Die Secession hat ihm dazu die erste Gelegenheit gegeben. Da 
hat schon allein die Anzahl der auslåndischen Bilder fiir die Bedeutung 
ihrer Kunst gesprochen, und wenn auch keine beruhmtesten da waren, 
so gab es doch wenigstens sehr viel beriihmte. England speciell war 
freilich unverhåltnismåssig schwach vertreten, aber das mag wohl da- 
her kommen, dass ein englischer Kunstler seine Bilder nicht erst nach 
Wien zu schicken braucht, um sie zu verkaufen, oder gar »beruhmt« 
zu werden. Dagegen waren viele Franzosen und Belgier zu sehen, vor 
allem die Belgier, und (iber Khnopff konnte man sich aus den ausge- 
stellten Bildern sogar schon eine eigene Meinung bilden. 

Im Kiinstlerhause liegen die Dinge freilich nicht so gunstig, aber 
es ist ja auch eine Jubilåums-Ausstellung, wo die Kunst zum Zwecke 
einer allerhochsten Anerkennung um jeden Preis »Fortschritte« gemacht 



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632 RITTINGER. 

haben muss, und da kann man doch selbstverståndlich den unange- 
nehmen Auslåndern und besonders den gefåhrlichsten unter ihnen nicht 
so galant den Vortritt lassen, wie in einer Secession. Indessen einige 
Sale haben sie sich doch erobert, diese Auslånder, und wenn ich 
bedenke, wie es noch vor etlichen Jahren einem Bilde von Bume-Jones, 
einem echten, unverfålschten Bume-Jones und einem der geschåtzteren 
obendrein, im KQnstlerhause ergangen ist, so bin ich schon mit diesen 
wenigen Sålen mehr als zuf rieden. Wenig ist doch besser, als gar nichts. 
Was zunåchst die Englånder betrim:, so haben sie freilich nur 
einen Saal, und dass sie den so halbwegs ausfullen, haben sie auch 
nur dem Umstande zu verdanken, dass man aus purem Wohlwollen 
die zwei bis drei ausstellenden Amerikaner zu ihnen gehångt hat. 
Aber sie wirken doch ganz gut, und selbst der, dem die englische 
Kunst ganz gleichgiltig ist, geht unwillkurlich auf den grellen, farbigen 
Fleck an der Ruckwand zu, und blåttert neugierig im Katalog, was 
dieses uberverruckte Bild wohl bedeuten wird. Wenn er dann einfach 
»Hamlet« liest, ist er naturlich sehr enttåuscht, denn er hat sich doch 
so sicher einen recht »verruckten« Titel erwartet, und mit einem ge- 
wissen Grade von innerem Schmerz Qber das entgangene Gaudium 
verlåsst er dann auch gleich den ganzen Saal. Und das ist doch schade. 
Nicht speciell wegen des einen Bildes, aus dem er wenig uber englische 
Kunst lernen wird, da es uberhaupt von keinem Englånder gemalt, und 
auch nicht englisch empfunden ist, aber da nebenan hangen ja noch 
etliche andere Bilder, die sind alle echt englisch, und noch dazu einige 
recht »zahme« darunter. Zum Beispiel gleich das von Davis »Ein 
Obstgarten in Wales«. Wenn man es nur so fluchtig ansieht, benihrt 
es einen ganz gleichgiltig. Aber gehen Sie einmal nåher hin, englische 
Bilder muss man immer von ganz weit ansehen, oder man muss mit 
der Nase hineinrennen, um sie zu goutieren, und das hier ist eins 
fur die Nåhe. Das Bild stellt einige weidende Lammer vor, die von 
der Entfernung eben nichts weiter sind als Lammer, ganz gleich- 
giltige, gemalte Lammer, wie man sie so oft in unseren Ausstellungen 
sehen kann. Aber in der Nåhe werden diese Lammer auf einmal 
ganz ånders. Sie bekommen Leben, jenes frische, naturliche Leben, 
das einen in einer Wiener Kunstausstellung immer so angenehm 
benihrt, weil es eben so selten ist. Da ist ganz besonders eines von 
den Låmmern, auf das die Sonne so schon und warm scheint, 
und das sich so unbåndig wohl fuhlen muss in dieser ausnahmsweise 
echten Sonne. Und hinter dem Lamm kommt ein Stuck sonnige 
Wiese, dann ein Stuck Sch atten, und dann wieder Sonne. Das ist 
ja gewiss etwas ganz gewohnliches auf Bil dem, aber es kommt 
eben nur darauf an, wie es gemacht ist. Hier spurt man die tausend- 
fache Frische der freien Natur aus diesem Schatten, ihre geheimsten, 
intimsten Tone sind ihr abgelauscht, von den bei Davis so håufigen 
Apfelbluten bis herunter zu ganz prosaischen Details, alles Leben, 
liebtvoll beachtetes Leben. Davis hat in solchen Dingen eine grosse 
Virtuositåt und kann seine Lammer auch oft fur grossartige schottische 



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ENGLÅNDER U. FRANZOSEN IN DER JUBILAUMS-AUSSTELLUNG 633 

Berglandschaften zurechtstimmen. Aber in solchen intimen Bildern, 
mit der køstlichen Naturfrische ist er mir doch immer am liebsten. 
Man sieht die Dinge bloss an, um des Vergnugens willen, sie anzusehen, 
so wie man gerne ins Freie und aufs Land geht, bloss weil es einen 
so freut. Es ist seit jeher ein Vergniigen der Menschen gewesen, diese 
heimlichen Stimmen der Natur zu belauschen, und die Landschafts- 
maler in London (ich meine hier nicht die Schotten) und auch Davis 
ganz speciell sind nichts weiter, als solche liebevolle Naturbeobachter, 
unter deren Hånd jedes Thier, jeder Baum, jeder Halm seine eigene 
intime Sprache bekommt. 

Da hångt gléich neben dem Bilde von Davis eines von John 
Robertson Reid, der auch einer von diesen englischen Naturmalern ist, 
die alles gern in Details auftøsen und selbst das Kleinste nicht iiber- 
gehen wollen. Reid hat schon vor einigen Jahren in Wien ausgestellt 
und damals waren die Ansichten iiber ihn sehr getheilt. Wåhrend 
die fåhigeren Elemente in Wiener Kiinstlerkreisen, der allzufruh ver- 
storbene Schindler an der Spitze, die Meisterschaft des englischen 
Gastes sofort richtig erkannten, fehlte es auch an solchen nicht, die 
fur gewisse Extravaganzen — besonders die durchaus unakademisch 
gemalten Augen in Reids Bild — jenen wohlwollenden Tadel zur 
Hånd hatten, der sich in solchen Fallen immer am besten macht. 
Flir das grosse Publicum mag dann noch als ausschlaggebender Factor 
dazugekommen sein, dass das Bild bei den Aquarellisten aufgehångt 
war, wo man erst iiber die Stiege hinauf muss und oben nichts als 
unbequeme Divans ohne Lehnen findet. In diesen Fallen lautet das 
allgemeine Urtheil meist kurz aber vernichtend: »Ja so, da oben, da 
bin ich nur so durchgegangen«. 

Jetzt werden sich die Wiener aber wahrscheinlich mit John Reid 
aussøhnen. Auf eine Stiege mehr oder weniger kommt's ja bei dem 
gegenwårtigen, praktischen Arrangement im Kunstlerhause nicht an, und 
dann hångt er dermalen ganz nah beim Buffet. Oberdies gebe ich 
zu bedenken, dass John Reid ein englischer Naturalist ist, ein wirldicher, 
ordentlicher Naturalist, und trotzdem ist er doch gewiss nicht das Årgste, 
das wir in dieser Sorte bisher gesehen haben. Die Englånder haben 
eben uberhaupt nicht das Zeug zu diesem Hypernaturalismus und das 
ist doch gewiss sehr schøn von ihnen, nicht wahr? Das erwåhnte 
Bild zum Beispiel ist sogar recht ruhrend. Zwei Waisenmådchen, die 
abseits von den ubrigen Personen stehen, ein sentimentales Kalb, das 
einzige Wesen, das ihnen Gesellschaft leistet, und das ganze in traurigen, 
grauen Tonen gehalten. Was will man mehr? Die Englånder sind 
also im Grunde gar nicht so schlimm, als man sich's vorstellt. 

Das zweite Bild von Reid ist freilich etwas ånders. Man 
hat es hier wieder mit jenem unharmonischen Wirrwar zu thun, 
das schon vor einigen Jahren an ihm befremdet hat. Aber man sehe 
nur genauer zu, man beobach te die einzelnen Details, folge dem 
Kunstler, wohin er uns fuhren will, und das Wirrwarr wird allmåhlich 
ganz amiisant und interessant werden, man wird sich sogar daruber 

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634 RITTINGER. 

freuen. Die Englånder wenigstens freuen sich daruber und seit der 
Grundung des Prårafaelitenbundes im Jahre 1849 hat dieses unhar- 
monische Detailmalen die englische Kunst ganz ausschliesslich beherrscht, 
bis dann Whistler und die Schotten aufgetreten sind; und jetzt noch 
ist es fur einen grossen Theil der englischen Kunst Princip geblieben. 
Ruskins Ideen, die den Malergeist in England geweckt haben, sind 
eben nicht so leicht umzubringen. 

Eine scheinbar ganz andere Kunst ist die Solomons, der durch 
eine Venus vertreten ist, die er voriges Jahr in der New Gallery aus- 
gestellt hat. Solomon ist aus der Schule Leightons hervorgegangen, 
der so lange englischer Kunstkønig von akademischen Gnaden war 
und die streng dassicistische Richtung in London personificierte. Aber 
Solomon ist seiner Schule nicht treu geblieben. Die Einflusse der 
neuenglischen Kunst, besonders die der symbolistischen Neoprårafaeliten 
haben umgestaltend auf seinen Stil gewirkt. Seine Venus ist von 
durchans neuenglischer Empfindung. Der ubersinnlich feine Zug der 
Linien, die aufknospende Zartheit des nackten Frauenleibes, die ganze 
Stellung der Figur verrathen jenen neuen subtilen Geist, der bei 
Burne-Jones alle Gestalten der antiken Mythe in Traumgeister aus 
Dante verwandelt. Es ist etwas Melodiøses, eine Musik der Linien, in 
die sich diese neuenglische Kunst auflOst, und Solomon hat theil an 
ihr. Auch den Tonen Whistlers, der diese Musik der Malerei von den 
Linien auf die Farben ubertragen hat, hat er gelauscht. Wie wunderbar 
8timmt der lichte, rosige Fleischton der Venus zu dem zarten Blau 
des Himmels. Eine Harmonie in rosa und lichtblau kOnnte man das 
Bild in Whistlers Sprache nennen. Ja, eine Harmonie ist es, in die 
die englische Kunst von selbst ausgewachsen ist, aus dem Samen jener 
unharmonischen Detailmalerei å la Ruskin. Aber diese Harmonie ist 
viel melodioser, vibriert in viel verklårteren, durchsichtigeren Tonen 
als die irgend eines Malers am Continent, wo es nie einen Ruskin 
und nie einen Detailnaturalismus im grossen Stil gegeben hat. Die 
wahre Harmonie wåchst eben nicht aus classischem Formenzwang 
empor, sondern ist das åusserste Verklingen eines freien, tausendfåltigen 
Chores, der aus der grossen, bunten Natur kommt und dann von 
selbst und ungezwungen die ubersinnlichsten TOne trifft. 

Genau dasselbe gilt auch von der reizenden Plastik von Onslow 
Ford »das Echo«. Wo ist je mehr Harmonie, mehr Musik in der 
Bildhauerei dargestellt worden als hier? Dieses nackte Mådchen, 
dessen ganzer KOrper nichts weiter zu sein scheint als eine leise 
zitternde Tonwelle, die durch kuhle Schatten spielt, in deren Linien 
eine so ungemachte, echt englische Poesie klingt — kann man sich 
etwas reizenderes denken als dieses Mådchen. Und dabei ist sie nicht 
einmal schøn, nåmlich schOn in der Art, dass sie ein akademisch ge- 
schulter Bildhauer als Modeli benutzen wtirde. Ihre SchOnheit ist etwas 
ganz anderes, sie liegt in der wunderbaren Seele, die der Kunstler in 
ihre gleichgiltige Form gegossen hat, diese Seele, die tausend kleine 
Ausdrucksmittel am menschlichen KOrper findet, die Stellung dieser 



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ENGLÅNDER U. FRANZOSEN IN DER JUBILÅUMS-AUSSTELLUNG 635 

Hånd, die Neigung des Kopfes, die Form dieses Muskels, und die die 
conventionelle SchOnheit nicht braucht, um schOn zu sein. 

Wenn das aber noch lauter Kunstler geringeren Calibers waren, 
die — bis auf Onslow Ford, der zu den Koryphåen der englischen 
Plastik gehOrt — in der britischen Kunst nur untergeordnete Rollen 
spielen, so tritt uns in Walter Crane endlich ein klingender Name 
entgegen, der auch weit uber die Grenzen seines Vaterlandes hinaus 
Wirkung hat, und der nicht erst ins bequeme Wiener Kunstlerhaus 
zu kommen braucht, um andere zu uberragen. Walter Crane ist einer 
der vielseitigsten unter den modemen Kunstlern. Er malt Staffeleibilder, 
entwirft Cartons fur Glasgemålde, Muster far Tapeten, arbeitet in 
Bronze, kleine Reliefs, Luster, Zimmerschmuck jeder Art, und ist vor 
allem der fruchtbarste Meister der graphischen Kunste. Der colorierte 
Holzschnitt nach dem Muster der Japaner ist eigentlich seine Erfindung 
und im einfarbigen Holzschnitt steht er in alleiniger Meisterschaft da. 
Aber nicht bloss hat er fast alle Zweige der Kunst und Decoration 
befruchtet, er kennt auch alle Stile, alle Geschmacksrichtungen, die 
die Kunst bis zum heutigen Tage durchlaufen hat, und handhabt sie 
alle mit gleicher, souveråner Sicherheit. Das will aber keineswegs 
besagen, dass Walter Crane ein Kunstler ohne Individualitet ist, einer 
jener geistreichen Anempfinder, die nur von fremden Delicatessen 
leben. Dass er alles malen muss, was ihm eigenartig erscheint, ist 
vielmehr geråde seine eigenste Individualitåt. Er ist eben duren und 
durch das, was man einen romantischen Menschen nennt und genau 
so, wie in die Zeit der romantischen Dichter die Entstehung einer 
Weltliteratur fållt, die nach allen den fernsten, exotischesten Perlen fremder 
Literatur suchte, um sie dem Schatze des nationalen Schriftthums ein- 
zuverleiben, und das alles aus dem naiven Forschungsdrang des Kindes 
heraus, das alles anzieht, was seltsam ist und das sich aus allem 
Fremden gleich ein farbenpråchtiges Wunderland auf baut, ebenso sucht 
in Walter Crane die Mårchenseele der englischen Kunst nach selten 
exotischen Friichten, um aus ihnen einen glånzenden Feenpalast ferner 
Wunderlande zu bilden. Die grossen klaren Formen des classischen 
Alterthums, der Farbenimpressionismus der Japaner, die bunte leben- 
sprQhende Pracht persischer Teppichweberei sind nichts anderes als 
schOne Spielballen fur seine verwegen kuhne Phantasie. Wie ein 
glånzendes, blendendes Feuerwerk låsst er sie vor uns aufsteigen und 
sie zerpuffen in tausend leuchtende Feuerstrahlen, wenn sie geråde am 
hochsten gestiegen sind, ohne dass man Zeit hat, uber sie nach- 
zudenken, von wannen sie gekommen und was sie eigentlich bedeuten. 
Sie waren da, und die Berechtigung ihres Daseins liegt einfach darin, 
dass sie schon waren, magisch schOn. 

Dass Walter Crane den Gipfel seiner Kunst erreicht, wenn er 
einmal in unserem nationalen, altgermanischen Mårchenstil phantasiert, 
ist selbstverståndlich, und das thut er geråde in seinen einfarbigen 
Holzsch nitten, von denen sich eine kleine Serie »The shepherd's caiender« 
im Kunstlerhause und die glånzendste, die er uberhaupt geschaffen 

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636 RITTINGER. 

»The fairy queen« in der Secession befindet. Und da kennt Crane 
aber auch alle die geheimsten Zauber dieses Wunderlandes, und es 
ist das alte deutsche Marchen selbst, wie es leibt und lebt, das da 
an uns voriiberzieht. WunderschOne KOniginnen in lichtdurch fluteten 
Rittersålen wechseln mit den im Marchen so heimischen Gånsemådchen 
im weissen Hemdchen mit flatternden Haaren, stolze Ritter, vom Kopf 
bis zum Fuss in Harnisch, besiegen grauenhaft phantastische Unge- 
heuer, Feen schweben durch den Wald, deren leichte, rauschende 
Schleier aus den wirren Åsten der Båume zu wachsen scheinen, und 
drollige Figuren, sehr dick und sehr klein, stolpern mit teutonischem 
Gelåchter durchs Marchen. Und das alles ist in echtem alten Holz- 
schnittstil gehalten, in jenem eigenen Stil, den das Marchen unbedingt 
braucht, wenn es sich vollkommen zuhause fuhlen soli. Es ist etwas 
vom phantastischen Linienzug Durers darin und noch mehr von der 
hofischen Romantik der åltesten franzOsischen Holzschnitte. Wenn 
man genauer zusieht, \vird man vielleicht noch anderes entdecken, 
und die Anzahl der Vorbilder wird sich in die ganze Kunstgeschichte 
verzweigen. Ich aber frage nicht danach, was alles schon dagewesen 
ist von dieser magischen Kunst, mir gentigt es, dass sie nie zuvor 
voller und unbåndiger geherrscht hat, alle Schranken der Vernunft und 
Einheit zertrummernd, als hier bei Walter Crane, dem grossen Phan- 
tasten, dem bezaubernden Erzåhler. 

Diese drei Kunstwerke — die »Venus« von Solomon, das »Echo« 
von Onslow Ford und endlich »The shepherd's caiender« von Walter 
Crane — gewåhren schon einen Einblick in die hOheren Sphåren der 
englischen Kunst. Ihr wundersames Wesen gnisst einen in diesen 
Sendlingen und låsst einen ahnen, wie gross erst ihre allergrOssten 
sein mussen. Aber diese drei Sendlinge sind auch die einzigen in der 
ganzen Ausstellung. Ausser den fruher erwåhnten Stucken von Davis 
und Reid, die uns mehr in die breiteren Schichten der englischen 
Kunst einfuhren, ist eigentlich so gut als nichts da. Was fiir einen 
Begriff kann man sich von Stott of Oldham's farbenpråchtiger Decorativ- 
kunst aus dem Gemålde bilden, das er ausgestellt hat? Arthur Hacker 
ist von einer seiner ungunstigsten Seiten vertreten, dort nåmlich, wo 
er am stårksten franzøselt und das unreinste Englisch spricht. Diese 
eigene harte Kålte und finstere Pose in seinem Symbolismus ist nichts 
weniger als national, wåhrend er doch im Portråt, sowie in seinen 
reizenden halbrealistischen Bildern, z. B. »The sea-maiden«, echt 
englische TOne anzuschlagen versteht. Nur Albert Stott ist durch 
sein »Altes Thor« noch gunstig repråsentiert und der eigenartige Stil 
dieses Meisters, der mehr als irgend ein anderer alle deutlichen 
Linien der KOrper vermeidet, und seine Figuren in ein magisches Meer 
von Dåmmerung zu tauchen liebt, hat hier eine treffliche Ver- 
bindung mit Farbeneffecten eingegangen, deren bunte Leuchtkraft 
bisher ganz ausserhalb seines KOnnens zu liegen schien. 

(Ein zweiter Artikel folgt.) 



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N O T I Z E N. 



THEATER. 

Burgtheater. Die Ernennung 
des Herrn Schlenther zum defini- 
tiven Director des Burgtheaters 
wurde durch folgende, in ominOs 
gewundenem Entlassungsstil abge- 
fasste Verlautbarung der halbamt- 
lichen »Wiener Abendpost« vom 
23. Juni d. J. bekanntgegeben : »Die 
k. und k. General - Intentanz der 
k. k. Hoftheater hat dem artisti- 
schen Director des Hofburgtheaters 
Herrn Dr. Paul Schlenther nun- 
mehr, nachdem beide Theile erklårt 
haben, von dem bis 30. Juni d. J. 
vorbehaltenen Kundigungsrechte 
keinen Gebrauch machen zu wollen, 
die den Wirkungskreis des artisti- 
schen Directors regelnde Dienstes- 
Instruction ertheilt.« — Das Pub- 
licum feierte dieses Ereignis ausser- 
halb des Theaters. Bei der ersten 
definitiven Vorstellung — man gab 
»Weh* dem, der lugt!« in einer 
Jahrzehnte alten Besetzung und 
mit einem Trauergast, Herrn Pitt- 
schau, als »Kattwald« — war das 
Haus symptomatisch leer. 

Die Neugestaltung der 
Schauspielschule am Conser- 
vatorium. Seit Jahr und Tag 
haben wir an dieser Stelle und in 
anderen Blåttern die veraltete 
Lehrmethode an diesem Institute 
einer abfålligen Kritik unterzogen 
und es sohin mit Genugthuung 
begrusst, als im vorigen Sommer 
von der Gesellschaft der Musik- 
freunde die von uns geforderte 
Reorganisation der Schauspielschule 
in baldige Aussicht gesteilt wurde. 



Nun liegt uns ein diesbezugliches 
Exposé vor. Leider enthålt es 
eigentlich gar nichts neues: Alles 
was bisher geschehen ist, soli von 
nun an mit mehr Nachdruck ge- 
schehen. Das ist der Tenor der 
» Reform vorschlåge«. Die Schuler- 
aufnahme, heisst es darin, wird 
in Hinkunft nach eingehenderen 
Vorprufungen seitens der be- 
treffenden Fachlehrer erfolgen. 
Dieser »neue« Modus fuhrt aber 
wieder auf den Sitz des Obels, 
auf die Unfåhigkeit des »Fach«- 
Lehrers zuriick, schauspielerische 
Veranlagung, die nicht in der Rich- 
tung der alten Schablone liegt, in 
einem jungen GeschOpfe zu ent- 
decken. Was wird gemåss dem 
Exposé im Lehrplane weiters mo- 
dificiert? Wir lesen: »Bezuglich 
des Lehrplanes, welcher in seinen 
bisherigen Grundziigen anerkannt 
werden muss, ist nur zu bemerken, 
dass der Unterricht fortan ziel- 
bewusst, das heisst stets in Hin- 
blick auf den kunftigen Schau- 
spielerberuf des Schillers erfolgen 
wird; das Hauptfach »miindlicher 
Vortrag« muss eingehender als 
bisher behandelt werden.« Ein 
schlåfriger Feuergeist spricht aus 
diesen Worten. Wer soli daraus 
kltiger werden, als er es bisher 
gewesen? Grausam wird dasj enige 
verschwiegen, worauf es allein an- 
kommt, wieso es nåmlich geschah, 
dass das unnaturliche Sprechen 
der ZOglinge bisher solche Ver- 
wiistungen anrichten konnte. Nicht 
»eingehender« muss der mundliche 
Vortrag behandelt werden, sondern 
die Lehrmethode muss geåndert 



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638 



NOTIZEN. 



werden. Daruber jedoch enthålt das 
Exposé keinerlei Aufklårungen. Nur 
ein Satz desselben råumt radical 
auf: »An Stelle der Costumkunde 
wird in Hinkunft das wichtigere 
Fach: italienische Sprache treten«. 
Es wåre interessant zu erfahren, 
warum sich die Costumkunde bei 
den Reorganisatoren der Schau- 
spielschule so missliebig gemacht 
hat. Ohne Zweifel kommt ein 
deutscher Schauspieler weit Ofter 
in die Lage, die Costumkunde 
verwerten zu kOnnen, als die 
italienische Sprache. Jedenfalls ist 
es eine unfassbare Geschmack- 
losigkeit, diese beiden Disciplinen 
gegen einander auszuspielen. Was 
die Lehrkråfte betrifft, so wurden 
wohl die ungeeigneten Herren 
Altmann und Kracher ausgeschie- 
den, aber man kann es als keine 
gluckliche Wahl bezeichnen, wenn 
nun Herr ROmpler vom Burg- 
theater und Herr Meixner vom 
Deutschen Volkstheater an ihre 
Stelle treten. Der erstere ein 
Komiker mit wenig, der zweite 
ein gewandter Episodist mit ver- 
bissenem Humor sind wohl gewiss 
nicht die Individualitåten, Be- 
geisterung fur die Kunst bei einer 
jugendfrischen Schulerschar her- 
vorzurufen. So sind denn die 
Bedingungen fur die WiedererOff- 
nung der Schauspielschule am 
Conservatorium auf modemer Basis 
noch keineswegs geschaffen, und 
man wird sich wohl bequemen 
mussen, einen weniger naiven Re- 
organisations- Vereuch neuerlich zu 
— planen. 

F. Schik. 



BOCHER. 

Arthur Schnitzlers neue 
Novellettensammlung — nach dem 
wenig nachahmenswerten Vorgang 
der Franzosen mit dem Titel einer 
der untereinander in gar keinem 
Zusammenhange stehenden Skizzen 
(»Die Frau des Weisen«) versenen 
— kann als eine erwiinschte Be- 
reicherung der neuen Wiener Lite- 
ratur gelten. Schnitzler unternimmt 
keine Weltreisen, um sich Gegen- 
stånde fur seinepsychologisch feinen 
und kunstlerisch polierten Darstel- 
lungen zu suchen. Er findet sie 
in nåchster Nåhe, eng mit unserem 
socialen und moralischen Zustande 
verbunden, gewiss von sehr vielen 
schon empfunden und durchlebt, 
aber noch von keinem dargestellt 
und dichterisch gestaltet. Die No- 
velletten dieser Sammlung sind nicht 
gleichwertig. Doch tragt jede den 
Stempel des Verfassers. Schnitzler 
sucht nicht lange nach psycholo- 
gischen Problemen. Er sucht aber 
auch nicht lange nach Menschen, 
die darin verwickelt werden. Nicht 
Prachtexem piare, in denen sich ein 
derartiger Process mit typischer 
Reinheit vollzieht, bietet er uns. 
Er gråbt nicht nach Gold, um uns 
endlich einen grossen Wurfel zu 
zeigen. Seine Arbeit ist die des 
Goldwåschers, der aus sehr viel 
Wasser Sandkorner des Edelmetalls 
gewinnt. Wie der moderne Maler 
dem Pittoresken, Mach tigen in der 
Natur gerne ausweicht, um dem un- 
scheinbaren Objecte seine Poesie 
abzulauschen, so trachtet Schnitzler 
in jene Tiefen des Alltagsmenschen 
hinabzuleuchten, aus denen auch 
von ihm ein, wenigstens ephemerer, 
dichterischer Glanz ausstrahlt. Als 
die vollendetste unter diesen Er- 



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NOTIZEN. 



639 



zåhlungen erschien uns die letzte: 
»Die Todten schweigen«. Hier ist 
ein åusserlich sehr wahrscheinliches 
Ereignis und wie es mit zwingender 
Kraft umbildend auf eine Frauen- 
seele wirkt, mit ungewøhnlicher 
dichterischer Feinheit und Kraft 
uberzeugend und eindrucksvoll dar- 
gestellt. Im »Ehrentag« wird eine 
tragikomische Episode aus dem 
Milieu des Buhnenvolkchens in sehr 
charakteristischer Art erzåhlt. »Ab- 
schied« bedeutet die sinnreiche 
Aufstellung einer psychologischen 
Zwickmiihle. In der »Frau des 
Weisen« steht die Ausgestaltung 
des Frauencharakter8 nicht im rich- 
tigen Verhåltnis zur gliicklichen 
Erfindung und mit bildhafter Deut- 
lichkeit vermittelten, die Voraus- 
setzung der Erzåhlung bildenden 
Situation. Arthur Schnitzler ist 
kein Revolutionår, wie Peter Alten- 
berg. Er wirft unserer in falschen 
Moralbegriffen und deren heuch- 
lerischer Bewåhrung befangenen 
Gesellschaft keinen Fehdehand- 
schuh hin. Dazu fehlt ihm das 
starke Temperament und stets ge- 
reizte Nervensystem des Dichters 
von »Wie ich es sehe«. Aber er be- 
sitzt einen klaren Blick fiir Seelen- 
vorgånge, die aus den gegebenen 
Zustånden sich entwickeln und ist 
soweit empfindlich fur die Anti- 
nomien der letztejen, um von ihnen 
die Anregung zu dichterischen Ge- 
stalten zu empfangen. Als berufener 
Dichter hat er auch seine eigene 
Sprache, deren Besonderheit sich 
freilich nicht aufdringlich geberdet. 
Sie fliesst mit anmuthiger Leichtig- 
keit und rhythmisch discret dahin, 
ohne diese Eigenschaften einem 
sprachwidrigen Feuilletonisieren zu 
verdanken. Schnitzler pragt nicht 
Worte, aber das luftige Gefiige 



seiner Satzbildung erinnert an die 
Meister der modemen Medaille, die 
einer leichten Reliefierung echte 
Wirkungen abzugewinnen ver- 
stehen. G. S. 

Deutsche Musik im neun- 
zehnten Jahrhundert v. Dr.Max 
Graf ist ein Theil einer sehr um- 
fangreich angelegten Encyklopådie, 
die von S. Cronbach in Berlin 
herausgegeben und von Dr. Paul 
Bornstein redigiert, den Stand aller 
intellectuellen Bestrebungen am 
Ende des ausgehenden Jahrhun- 
derts charakterisieren soli. Das 
Buch Grafs ist eines der anregend- 
sten und erfreulichsten, weil die 
Anschauungen des Verfassers aus 
echter Liebe zur Sache entsprin- 
gen und von einem selbståndigen, 
mit den Erscheinungen direct, 
ohne Vermittlung von Commentar- 
knicken verkehrenden Geiste Zeug- 
nis ablegen. Graf steht auf einem 
Standpunkt, der ihm die Objecte, 
deren Beziehungen und GrOssen- 
verhåltnisse, uberzeugend, wahr und 
richtig zu sehen gestattet. Was 
er bietet, ist nicht derivative, von 
anderen bezogene, sondern erlebte 
Kritik. Auf keinerSeite begegnen wir 
jenerruchlosenFertigkeitzusprechen, 
wenn man nichts zu sagen hat. Graf 
besitzt eine lebhafte Empfindung 
und dazu jenes Mass zugelnden 
Verstandes, das einem Urtheil 
Charakter aufprågt. Der land- 
låufige Recensentenjargon ist vOllig 
vermieden und alle Theile spiegeln 
die, wenn auch noch nicht voll- 
ståndig formierte, PersOnlichkeit 
des Verfassers wieder. Das Buch 
ist gar nicht geistre ichelnd und 
doch grundgescheit geschrieben. 
Weil es ganz augenscheinlich nicht 
im Dienste einer Partei verfasst 
ist, aber dennoch auf den Anschein 



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640 



NOTIZEN. 



jener geist- und salzlosen »Ob- 
jectivitåt« verzichtet, die von jeher 
nur das Signal der Mittelmåssig- 
keit gewesen, wirkt es uberzeugend 
und erlOsend. Einfacher und gluck- 
licher sind PersOnlichkeit und 
Bedeutung Franz Schuberts selten 
gezeichnet worden. Alle Entwick- 
lungsstadien der Musik ruckt der 
Verfasser in eine richtige, durch 
eine Modification der gewohnten 
neu erscheinende Beleuchtung. 
Wagner als den alles andere in 
Dunkel stellenden Brennpunkt der 
musikalischen Kunst der zweiten 
Hålfte des Jahrhunderts hinzu- 
stellen, ist jetzt wohl allgemein 
ublich. Aber die Art, w i e Graf 



diese grosse Erscheinung auffasst 
und darstellt, hebt sich aufs 
glucklichste von der uberkommenen 
Phraseologie der Zeitungskritiken 
ab. Allzuviel Kritik der Kritik ist 
von Obel. Wir sprechen also nur 
noch unsere Befriedigung daruber 
aus, dass Grafs Schrift zu den- 
jenigen gehOrt, die, im besten 
Sinne modern gedacht und ge- 
schrieben, zur Wegråumung des 
von der verflossenen Musiksåsthetik 
aufgeworfenen Schuttes das ihrige 
beitragen. Die Anschauungen der 
letzteren theilen ja doch nur mehr 
pensionierte Hofråthe — active 
schon lange nicht mehr. 

G. S. 



Herausgeber: Gustav Schoenaich, Felix Rappaport. 
Verantwortlicher Redacteur: Gustav Schoenaich. 

K. k. Hoftheater-Druckerei, Wien, I., Wollreile 17. (Verantwortlich A. Rimrich.) 



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Die „Wiener Rundschau 44 begann mit Nummer 13 
vom 15. Mai 1898 das dPitte Quartal ihres ZWeiten 
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^iener f^undsehau. 



15. JULI 1898. 



WIENER FREIE BOHNE*) 

Eine in anderen Grossstådten glånzend erprobte Institution 
darf in Wien nicht långer fehlen. 

In Berlin hat die langjåhrige Thåtigkeit der »Freien Biihne« 
niveauhebend gewirkt. Nicht zum mindesten ist es auf diese 
zuruckzufuhren, dass dort ein Vorsprung auf dramatischem Ge- 
biete erreicht wurde, wåhrend bei uns noch immer instinctive 
Angst vor Werken herrscht, die eme andere als die hergebrachte 
Verkorperungsweise verlangen. 

Kein Concurrenz-Unternehmen soli den Wiener Theatern 
erstehen, sondern eine kunstlerische Hilfsaction fiir sie alle ein- 
geleitet werden. Die Berliner Theater-Directoren haben den 
Wert eines solchen Unternehmens sofort erfasst und unter- 
stiitzen es wohlwollend. Es ist ihnen eine erwunschte Versuchs- 
buhne. Das Publicum stromt den Auffiihrungen, welche dort 
die »Freie Biihne« von Zeit zu Zeit veranstaltet, reichlich zu und 
wirkt mit, wenn es gilt, neuen Talenten den Weg zu ebnen. 

Eine »Wiener Freie Biihnec hat naturgemåss eine noch 
grossere Aufgabe vor sich, als sie die Berliner zu erfullen hatte, 
weil unsere Buhnenzustande kunstlerisch hart an die Grenze des 
Verfalles gerathen sind. 

Zum Wesen der »Freien Biihne« gehort, dass sie Werke 
von noch unbekannten Talenten vorfuhre, fur welche den Biihnen- 



*) Anmcrkung der Redaction: Wir sind in der Lage mitruthcilcn, 
dass die Vorarbeiten fiir die Schaffung einer »Freien Biihne« in Wien im Zuge 
aind und hoftentlich bald zu dem gewiinschten Resultate fuhren werden. 



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642 SCHIK. 

leitern Erkenntnis oder Wagemuth mangelt, dann solche Biihnen- 
werke, deren Auffiihrung anderen Theatern verwehrt ist Ferner 
gibt es heute moderne Stimmungsstiicke, die in den Zuschauer- 
råumen unserer Theater wirkungslos verhallen, wåhrend sie in 
einem intimen Kreise all ihre stille Kunst ausstrahlen konnten. 
So sehnen sich denn seit Jahren kiinstlerisch fein organisierte 
Menschen nach einem intimen Theater. 

Die Production in dieser Richtung soli nicht lahmgelegt 
werden, sondern einstweilen eine Zufluchtsstatte finden, bis durch 
die gereifte Darstellung modemer Schauspieler allmåhlich auch 
intime Wirkungen auf ein grosseres Publicum ausgeiibt werden 
konnen. 

Speciell fur Wien hat eine »Freie Buhne« noch die Auf- 
gabe, dem neuen Spielstil fiir classische wie fur moderne Stucke 
Bahn zu brechen. 

Die »Wiener Freie Buhne« wird also die Ziele einer freien, 
einer intimen und einer modemen Musterbiihne verfolgen. 

F. Schik. 



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ZUR KRITIK DES MARXISMUS. 
Von Dr. EUGEN HEINRICH SCHMITT (Budapest). 

Der Marxismus ist eine Theorie, die unmittelbar tief in die 
praktischen Lebensverhåltnisse des Zeitalters eingreift, und obwohl 
seine ursprfinglicfi, sozusagen streng orthodoxe Form kaum von irgend 
einem der hervorragenderen Repråsentanten dieser Theorie in der 
Gegenwart mehr aufrechterhalten wird, so ist doch sein Grund- 
gedanke zum Lebenselemente breiter Schichten der BevOlkerung 
geworden und formiert ihre Lebens- und Weltanschauung. Es ist 
daher von hohem Interesse, sich Klarheit zu verschaffen fiber die 
eigenthfimliche Bedeutung und die voraussichtlichen geschichtlichen 
Consequenzen dieser Bewegung. 

Auf die måchtige idealistische Welle am Anfang des Jahr- 
hundertes folgte eine nicht minder måchtige sensualistisch-materialistische. 
Nachdem man fruher im Åther des rein Allgemeinen schwebte, 
suchte man die sinnliche und die individuelle Seite des Menschen- 
wesens in ihrer vollen Berechtigung zur Geltung zu bringen. Verlor 
man fruher die materielle Seite des Menschen aus dem Auge, so ver- 
fiel man jetzt in die entgegengesetzte Einseitigkeit, es erschien die 
universale, die ideale Seite, das Geistige als Illusion, als Schemen, als 
ideologischer Schatten. Schon Ludwig Feuerbach, der Schfiler Hegels, 
betonte das sinnliche, das materielle Leben des Menschen als die 
einzige reale Seite seines Wesens, aber er betonte das Sinnlich- 
Materielle doch nur im allgemeinen, doch nur abstract. Marx macht 
den in seinen Okonomisch-materiellen Verhåltnissen geschichtlich concret 
bestimmten Menschen zum Gegenstand seiner Forschung. 

Im Sinne von Marx sind die materiellen Existenzbedingungen, die 
dieselben bedingenden Productivkråfte, die Productionsform das 
allein entscheidende Moment, welches die Gestaltung aller Formationen 
dermenschlichenCulturbestimmtund zugleich als zureichender Erklårungs- 
grund erscheint aller Umwålzungen dieser Cultur. Marx und Engels dringen 
darauf, dass diese naturwissenschaftlich streng gesondert "zu fassenden 
Productivkråfte nicht mit ihren Folgen, mit ihrem »Oberbau«, mit der poli- 
tischen, religiOsen, sittlichen, kfinstlerischen, wissenschaftlichen Gestaltung 
der menschlichen Gesellschaft verwirrt werde. Engels motiviert diese 
Theorie damit, dass die Menschen zuerst essen, trinken, wohnen und 
sich kleiden mussen, ehe sie Politik, Wissenschaft, Kunst, Religion etc. 
treiben kOnnen, und Marx dadurch, »dass nicht das Bewusstsein 
der Menschen ihr Sein, sondern umgekehrt, ihr gesellschaftliches Sein 
ihr Bewusstsein bestimme«. (In seiner Krtik zur politischen Okonomie.) 

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644 



SCHMITT. 



Es springt jedoch hier sogleich in die Augen, dass diese angeblich 
concrete Theorie nur eine einseitig abstracte ist. Es lassen sich vor- 
erst die juridischen, die politischen, die realen Machtverhåltnisse nicht 
von den Okonomischen Verhåltnissen, von den Productivformen trennen, 
sondern jede Production der bisherigen culturellen Entwicklung war 
eine durch die concreten Machtverhåltnisse rechtlich geregelte Pro- 
duction, nicht aber eine abstract-technische Production. Die Technik 
selbst, die jene Productivkråfte entwickelt, schwebt mit jenen »Productiv- 
kråften »nicht in der Luft, diese »Productivkråfte c entwickeln und veråndem 
sich nicht wie die Hegel'schen Kategorien aus sich selbst, nach einer 
immanenten Dialectik, sondern sie sind ein Product menschlicher Denkfåhig- 
keit, menschlicher Geistesanlagen, die sich auf einer bestirnmten Hohe der 
Cultur zu bestimmter Hohe und in eigenthumlicher Weise entfalten* 
Es ist also die reale Basis, auf der sich technische Productivkråfte ent- 
wickeln, die reale Geistesanlage des Menschen, die sich unter bestirnmten 
Verhåltnissen in einem hOchst langwierigem Processe geschichtlich 
entwickelt hat, die kein einfacher constanter Factor ist, sondern ein nach 
den eigenen inneren Gesetzen organisch sich Entfaltendes. Die moderne 
Technik z. B. hat keinen Sinn ohne den vorhergehenden grossen 
Aufschwung der Naturwissenschaften, ohne die Entwicklung von 
Theorien, die lange vorher auflceimten, ohne praktischen Nutzen zu 
bringen. Diese Naturwissenschaft, deren letzte praktische Anwendung 
die moderne Technik, hat aber keinen Sinn ohne das Erwachen der 
modemen Philosophie, der ganzen Weltanschauung des Westens, die 
allerdings im Gegensatz gegen die Theologie, doch auf dem Grunde 
der christlichen Weltanschauung sich organisch entwickelte, und ferner 
auf der Basis der hellenisch-antiken Cultur der Vergangenheit. In jedem 
Stadium der Cultur ist die Culturentwicklung der Jahrtausende der 
Vergangenheit, das geistige Erbe zahlloser Generationen, und nicht 
etwa bios die økonomisene Constellation der Gegenwart der bestimmende, 
schopferische Factor, der s eine immanenten Consequenzen, seine neuen 
Formationen des Erkennens und Lebens entfaltet. Nach Marx und 
Engels ist auch die Wissenschaft nur ein Reflex, ein passives Spiegel- 
bild bestehender Okonomischer Zustånde. 

So wenig sich aber die Wissenschaft der Mathematik und Logik, 
oder die Astronomie sachlich und inhaltlich aus der Okonomie ableiten 
låsst, so wenig die Grundgesetze, nach denen sich Kunst und Wissen« 
schaft uberhaupt entfalten. Aber allerdings bilden gunstige Okonomische 
Verhåltnisse den entsprechenden Boden, auf welchen die Blume 
der Kunst und die Frucht des Erkennens gedeihen kann. Es ist ein 
thOrichtes Beginnen, aus dem gunstigen Okonomischen Verhåltnisse der 
italienischen Handelsstådte der Renaissancezeit den kunstlerischen Inhalt, 
die urejgene Form der Kunst dieses Zeitalters ableiten zu wollen. Die 
Madonnen Raphaels konnten auf einem solchen gunstigen Boden ge- 
deihen, und die SchOpfungen Michel Angelos, aber ohne die Gemuths- 
vertiefung der christlichen Weltanschauung, die sich der antiken Form- 
schOnheit verwob, haben diese SchOpfungen keinen Sinn. Es sind solche 



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ZUR KRITIK DES MARXISMUS. 645 

Versuche eincr einseitig materialistisch-Okonomischen Ablextung daher 
cbenso roh und dflrftig und ungenugend und in den meisten Fallen 
hOchst augenscheinlich gemacht, wie jener belustigende Versuch, aus 
dem Munz-System derjudischen Handelsleute die Theorien der Kabbala 
und Genesis abzuleiten. Es gleicht diese einseitig materialistische Ab- 
leitung dem Versuche, den Bau und das Wesen einer Pflanze aus den 
Okonomischen Bedingungen ihrer Existenz, aus Bodenbeschaffenheit, 
Wasser, Sonne, Luft abzuleiten, ohne die die Pflanze allerdings nicht 
»existieren« kann, wobei aber diese Marx-Engels'sche Logik nur 
eines vergessen hat, die Pflanze selbst und das immanente 
organische Gesetz ihrer Entwicklung. 

Alle menschliche Cultur entfaltet also in ihren Phasen, in deø 
Wellen ihres Entwicklungsganges nur die eigene ursprungliche Uni- 
versalitåt der Grundanlage des Menschwesens ; sie ist ein Fort- 
gehen vom Bewusstsein der AUheit, der Unendlichkeit, zu ihrem 
Selbstbewusstsein, das heisst zu dem Bewusstsein, dass der 
Mensch Himmel und Erde und Sternenmeer nicht ausser sich, sondern 
nur in sich, im eigenen Alleben, in dereigenen Allfunction lebendig 
erfassen und begreifen kOnne, dass er somit, eben weil er Function 
der Allheit, des Kosmos ist, die Gesetze des AUs nothwendig als 
Gesetze des eigenen Denkens und Lebens begreifen musse. Der 
Mangel irgend einer Erkenntnistheorie kennzeichnet daher die vOllig 
unkritische Denkweise des Materialismus uberhaupt, so auch dieses 
Okonomischen Materialismus. Menschliche Bedurfnisse, selbst die 
materiellen, lassen sich daher nicht nach irgend einem festen 
Masse bestimmen. Wenn der Mensch den Genuss des Sinnlichen, 
seine ursprungliche Bestimmung vergessend, zu seinem Hauptziele 
macht, so zeigt sich auch hier, dass das Mass des Menschen seine 
Masslosigkeit ist, dass er in allen HOhen und Tiefen nur seine 
eigene Unendlichkeit sucht Auch sind, wie die Praktiker der socia- 
listischen Agitation wissen, nicht die im årgsten Elend versunkenen, 
sondern die im gewissen Masse materiell relativ bessergestellten und 
gesicherten Arbeiter das entsprechende Material fur die sociale Bewegung, 
der daher nicht eine Frage der Existenz zugrunde liegt, wie Marx 
meint, sondern eine Frage der Steigerung cultureller Bedurf- 
nisse: etwas der Zeit und den Verhåltnissen nach ganz Relatives, 
Verånderliches. Ohne Umwålzung in der Weltanschauung und der auf 
derselben basierenden sittlich-rechtlichen Anschauungen tritt auch bei 
der grossten materiellen Noth, dort wo wirklich die Existenz 
von Millionen dahingerafft wird, wie dies periodisch in China und 
Indien noch heute geschieht, im Mittelalter wiederholt in Europa ge« 
schah, keinerlei sociale Umwålzung ein. Eine Umwålzung in der allge« 
meinen Weltanschauung jedoch kann allerdings begunstigt, ja unter 
Umstånden bedingt werden durch einen Wechsel der Productionsweise, 
muss aber vor allem und wesentlich sich als das gereifte Resultat der 
Geistesentwicklung der Jahrtausende der Vergangenheit ergeben, als reife 
Frucht am Baume der allgemeinen Geistescultur, die der Okonomische 



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646 



SCHMITT. 



Regen und Sonnenschein, oder sein Mangel zwar in ihrer Entwicklung 
fOrdern und hemmen, doch nie schaffen kann. 

Es ist heute auch in ernsteren wissenschaftlichen Kreisen der 
Theoretiker des Marxismus die hochst naive Art und Weise, in welcher 
Marx am Schlusse des ersten Bandes seines »Capital« die Nothwendig- 
keit des Øberganges von der burgerlichen zur socialistischen Gesellschaft 
zu demonstrieren unternommen hat, als tiberwundener Standpunkt 
achtungsvoll beiseite gestellt worden. Und doch grundet sich der An- 
spruch, den Engels in seinem »Antiduhring« fur den Marxismus erhebt, 
dass er nåmlich als Zukunftsconstruction nicht Utopie, sondern Wissen- 
schaft sei (auch im Sonderabdruck unter dem Titel: »Von der Utopie 
zur Wissenschaft« erschienen) auf diese, zwar in geistreicher Anti- 
these, aber nåher besehen eigentlich doch beinahe kindlich primitiv 
gedachte bekannte dialectische Wendung am Schlusse des »Capital«. 
Mit der fortschreitenden Expropriation des Mittel- und Kleinbesitzes, 
der schliesslich im Proletariat versinkt und dem Schwinden der Zahl 
der Capitalisten soli man endlich dahin gelangen, dass wenige ver- 
einzelte Grosscapitalisten der Masse der expropriirten Millionen gegen- 
uberstehen, denen es dann naturlich nicht viel Muhe kosten wird, diese 
wenigen isolierten Menschen zu expropriieren ! Die Statistik hat nun er- 
wiesen, dass sich zwar die Masse der Proletarier mehre, dass aber der mittlere 
und selbst der Kleinbesitz nicht nur nicht schwinde, wie in jener 
apriori8tischen Construction von Marx vorausgesetzt wird, sondern sich 
noch mehre. Nåhere Daten fuhrt der Mitarbeiter Kautskys, der be- 
kannte wissenschaftliche Vertreter des Socialismus Bernstein in der 
»Neuen Zeit« an, im wissenschaftlichen Hauptorgane der Marxisten. 
Aber auch wenn wir einen solchen Process der Expropriation voraus- 
setzen, so wåre es hochst naiv, sich die fernere Entwicklung in der 
Weise, wie sie Marx fasst, vorzustellen. Es entscheidet bekanntlich 
die Zahl der Repråsentanten einer Classe in keiner Weise uber deren 
Macht. Der Umstand, dass das Papstthum im Mittelalter nur durch 
je eine Person repråsentiert war, hinderte dasselbe nicht im mindesten, 
sozusagen allmåchtig zu sein. Die Geldoligarchen Amerikas, sowie jede 
åhnliche Macht schaffen sich durch ihre Mittel eine måchtige Schichte 
von Anhångern, haben Parlament und Beamtenschaft in ihren Hånden 
und nehmen ganze Soldnerheere, Pinkertoner, in ihren Dienst, die mit 
allen Mitteln unserer furchtbaren modemen Technik ausgerustet, jeden 
Moment auf einen Druck des Telegraphenknopfes bereit stehen, un- 
botmåssige Arbeitermassen in blutiger Weise zu Paaren zu treiben. 
Unter der Herrschaft des niedergehenden Rom hatte Italien keine 
oberen Zehntausend, sondern nur mehr obere Zweitausend, und die 
Provinz Afrika war in den Hånden von einem Dutzend Latifundien- 
besitzern. Und doch schlugen die Soldnerheere der Besitzenden alle 
Revolutionsverauche der massenhaft »Expropriierten« nieder. Dagegen 
erschutterte die gewaltlose Revolution des Urchristenthums das Riesen- 
reich trotz der verzweifelten grausamen Verfolgungen der Machthaber 
bis ins Mark und hatte es auch der AuflOsung unaufhaltsam entgegen- 



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ZUR KRITIK DES MARXISMUS. 647 

gefuhrt, wenn nicht die kindliche Unreifheit der Weltanschauung der 
Massen den grossen Verrath der Priester ermOglicht hatte, unter Con- 
stantin. Und zu jener Zeit, bei den primitiven Waffen jener Cultur, 
waren die Massen leicht und schnell zu bewaffnen und bei den pri- 
mitiven Communicationen konnten Aufstånde riesige Dimensionen an- 
nehmen, bevor man in den Mittelpunkten uberhaupt Kenntnis nehmen 
und Massregeln treffen konnte, die auch ungleich schwerfålliger vor 
sich giengen. Heute konnen ein paar Dutzend Bewaffnete leicht Tausende 
von Unbewaffneten im Zaume halten. Doch das Beispiel des Urchristen- 
thums zeigt, dass es noch einen anderen, sichereren Weg der Befreiung 
gebe fur die Massen, der eigentlich der einzige Weg zur Freiheit 
ist, der einzige Weg zugleich, um wirklich eine neue Cultur zu schaffen 
und nicht im Falle des Erfolges nur die Herren und die Ketten zu 
tauschen. Nachdem sich solcher angeblich wissenschaftlich erwiesener 
Obergang als utopistische Tråumerei erwiesen, kommen wir schliesslich 
auf den Nachweis der fundamental utopistischen Natur des Zu- 
kunftsprojectes von Marx, welcher Nachweis wieder eine Probe 
ist fur die Einseitigkeit der Fassung des Culturproblemes in der Weise, 
wie Marx in seiner materialistischen Geschichtsmethode die Okonomie 
zur einzigen Grundlage alles culturellen und Geistesleben machen will. 
Es entscheidet sich nåmlich die Frage nach der MOglichkeit 
irgend einer beliebigen Form der menschlichen Gesellschaft durchaus 
nicht durch eine solche dialectische Ableitung, sondern eben aus dem 
Grundwesen der menschlichen Natur, welches wir seiner geistigen 
Seite nach als lebendige Universalitåt, als Function des Alis erfasst 
haben, deren differenziale, hOchst feine Schwingung in der bildsamsten 
und feinsten chemischen Verbindung im Protoplasma des Gehirnes 
sich seinen Resonanzboden zubereitet und seine Formen ausgeprågt 
hat. Die Anschauung lebendiger Allheit, das Wesen menschlicher Sitt- 
lichkeit, erscheint im religiOsen Bewusstsein, und dieses hildet zugleich 
die geistige Nahrung und Lebensluft, ohne die der Einzelne nicht wirklich 
harmonisch leben und ohne deren alles verbindendes Band keine mensch- 
liche Gesellschaft existieren kann. Ohne religiøse Weltanschauung 
keine menschliche Cultur, so lautet der positive Satz. Der 
Materialismus als Au fløsung irgend einer beliebigen 
religiOsen Welt anschauung ist biosses O bergangsst ad ium, 
und kann einen relativen Fortschritt bedeuten, sofern 
er in negativer Weise der neuen, høheren, reli- 
giøsen Weltanschauung den Boden zubereitet, aber er 
ist fur sich allein vollkommen culturunfåhig. Das ist 
der zweite negative Satz, der daruber entscheidet, ob ein beliebiges 
Project von Zukunftsgestaltung der Gesellschaft wesentlich utopistisch 
ist oder nicht. Freilich ist hiemit noch nichts uber die Wirklichkeit 
solcher Zukunftsbildungen entschieden, die eine Frage realer, cultureller 
Machtfactoren ist. Diese beiden Såtze werden von den positiven 
Thatsachen der Geschichte und der sogenannten uto- 
pistischen Experimente in vOllig zweifelloser Weise beståtigt. 



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648 



SCHMITT. 



Die ganze Menge dieser Experimente, dieser GrGndungen com- 
munistisch-socialistischer oder auch anarchistischer 
Colanien, die wir hier natOrlich in den Einzelheiten nicht verfolgen 
konnen, liefert den Nachweis, dass solche Versuche, sofern sie 
auf blosser okonomischer Grundlage, auf wescntlich 
wirtschaftlicher, materialist ischerBasis untcrn ommen 
und auch durchgefOhrt worden sind, selbst unter den 
gunstigsten åusse re nB ed ingungcn schliesslich schmåh- 
lich gescheitert sind und infolge von Arbeitsunlust und 
innerenZwistigkeiten auch zu materiellem Ruin fuhrteiv. 
Beispiele hiefQr sind: Die Colonien der Owenisten, Ikarien, Cåcilia 
in Parana, die australischen Colonien und Neuaustralien in Paraguay 
u, s. w. Der enthusiastische Anfang und die anfangs in die Welt 
poBaunten Erfolge, die gOnstigsten Umstånde (bei Cåcilia besonders 
lehrreich: die ausserordentlich gunstige Lage der Colonie, die Unter- 
stOtzung der Regierung und der Nachbarn) retteten diese materialistisch 
geplanten Colonien nicht von der traurigsten Selbstauf losung. In sich 
selbst ganz sinnlos und daher auch durch keinerlei positive Thatsache 
zu beståtigen ist nun die schlechte Ausfluchte der Socialdemokraten und 
der materialistischen Anarchisten, dass solche Experimente im Kleinen 
zwar misslingen, jedoch im Grossen und international geplant, ge- 
lingen mussten, da sich im engeren Kreise viel leichter gemflthlicher 
Zusammenhalt und Bruderlichkeit schaffen låsst, als dort, wo die in 
ihrem Interessenkampf sich gegenOberstehenden Gruppen durch riesige 
Ferne getrennt sind. 

Dagegen zeigt eine andere Reihe von Versuchen, dass alle auf 
religioser Basis unternommenen GrOndungen solcher 
Colonien gelingen in dem Masse, als der religiøse Geist 
kraftig ist und auch unter den ungunstigsten Verhålt- 
nissen zu materieller Bl Ote fuhrten. Beispiele hiefQr sind die 
Mormonen, die von der Regierung und den Nachbarn, wilden 
Indianerstammen, verfolgt, in einer steinigen Wuste am Salzsee ein 
Paradies schufen und eine Stadt mit pråchtigen Bauten. Ferner die 
sonstigen religiosen, communistischen Gemeinden in Nordamerika, die 
Shakers, die Harmonisten, Zoar, die Aurora und Bethel-Gemeinde, 
Amana, die Bishop Hill-Gemeinde. Sehr lehrreich ist bei der letzteren 
Gemeinde der Umstand, dass eine Gruppe jungerer Elemente, die sich 
von der religiosen Basis der Colonie lossagte und eine gesonderte 
Gemeinde grunden wollte, in kurzer Zeit materiell elend niedergieng. 
Ein Beispiel ist hier schliesslich die gleichfalls communistisch orga- 
nisierte Jesuitenrepublik in Paraguay, die inmitten des Urwaldes eine 
blOhende Cultur schuf, deren Ruinen den Wanderer noch heute mit 
Bewunderung erfQllen. 

So wie die Erklårung des Menschenwesens und der Menschen- 
cultur auf einseitig materiell-Okonomischer Basis eben das Wesentlichste 
vergisst: das Brot des Geistes (denn nicht bloss vom Brote lebt der 
Mensch, sondern auch vom kulturschOpferischen »Worte« des Geistes), 



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ZUR KRITIK DES MARXISMUS. 649 

indem sie das Untergeordnete, wenn auch nothwendig Vorauszusetzende, 
den Kai i ban zum Herrn machen will und so das wahre Ver- 
båltnis grumdlich umkehrt, so bleibt auch nothwendig jeder Versuch, 
auf die niederen Instincte die materiellen Okonomischen als in letzter 
Instans herrschenden zu bauen, ein kalibanischer Versuch, der 
nur mit vollståndiger SelbstzerstØrung endigen kann. 

Auf der Basis irgend einer beliebigen theo- 
logischen Weltanschauung ist eine Cultur denkbar« 
aber eine solche Cultur ist unfrei, weil fur die theologische 
Weltanschauung der Mensch ein bloss endliches Ding, das universale 
Band also ein åusserliches ist in der Gestalt des Himmelsherrschers, 
des Fursten fiber der Welt, dem sich die Creatur knechtisch beugen 
soli, åusseren Geboten und nicht dem eigenen gOttlichen 
Wesen gcmåss handelnd. Weltanschauung und Lebensgestaltung des 
Menschen lassen sich nicht trennen und im Grossen und culturell 
aieht die herrschende Weltanschauung stets ihre Consequenzen im 
Leben. Die Weltanschauung ist nicht, wie der Marxismus meint, eine 
passive Abspiegelung, sondern die Art und Weise, in welcher der 
Mensch Himmel und Erde, sich selbst und seine Beziehungen zu den 
Mitmenschen betrachtet und zur Einheit und zum lebendigen Urgrund 
alier dieser Beziehungen, eine Anschauung, die dem Menschen vom 
fruhen Morgen bis in die Nacht vorschwebt und ihn selbst bis in 
seine Traume hinein verfolgt. Es ist ganz unmOglich, dass eine solche 
Anschauung nicht die tiefsten Spuren im Gemuthe des Menschen 
zurucklasse und so den Willen und das Leben beeinflusse. Die falsche 
Behauptung, dass die Weltanschauung biosses passives Spiegelbild 
Okonomischer Lebensverhåltnisse ist, wird schon durch die Thatsache 
widerlegt, dass Menschen, die sich, wie bei gewissen Secten geschieht, 
einer wesentlich anderen Weltanschauung anschliessen, ihr ganzes 
Leben åndern, ohne dass sich in ihrer allgemeinen Okonomischen Lage 
etwas geåndert hatte. Dieselben Bauern oder Arbeiter sind Social- 
demokraten, Anarchisten, Christlich-Sociale oder Nazarener, orthodoxe 
Bauern oder Duhoborzen. 

Welche ungeheure Wichtigkeit die Erhaltung und Verbreitung 
der Weltanschauung hat, wissen die Vertreter der heutigen kirchlichen 
Reaction sehr wohl, wie denn uberhaupt die Kirche durch den 
Zauberschlussel der Weltanschauung ihre Macht Ober die Massen aus- 
ubte und ausubt. 

Der Kampf um die neue, edlere Cultur ist daher 
ein Kampf um die Weltanschauung. Die Cultur der Welt- 
anschauung der Theologie, welche das allumfassende, gOttliche Leben 
des Menschen unkritisch ausser dem Geistesleben, ausser der 
Geistesfunction des Menschen suchte, konnte, da das innere 
Band in der Anschauung fehlte, nur durch die Mittel åusserer Gewalt 
und Autoritåt, vermittelst einer geheiligten Organisation des Ver- 
brechens durch Blut und Eisen verwirklicht werden. Es ist das eine 
barbarische, unmenschliche Cultur, die man freilich nicht utopistisch 



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650 SCHMITT. 

praktisch von heute auf morgen, sondern nur durch eine vorher? 
gehende Revolution in der Weltanschauung, die grOsste, die die Mensch- 
heit vollendet hat, umsturzen kann. Die neue, ungleich hohere religiøse 
Weltanschauung wird dann ebenso unfehlbar ihre Consequenzen im 
Leben und in der Gesellschaft ziehen, wie die eretere kindlich- 
barbarische^ 

Bleibt nun auch der Gedanke eines Aufbaues der Cultur auf 
materialistischer Grundlage utopistisch, so bleibt doch das grosse 
Verdienst der Vertreter dieses Gedankens ungeschmålert, nicht bloss 
verdienstvolle wissenschaftliche Forschungen uber die materiellen 
Grundbedingungen menschlicher Cultur angebahnt zu haben, sondern 
auch breite Schichten der BevOlkerung von der alten theologischen 
Weltanschauung grttndlich abgelOst und aus der Knechtschaft jenseitiger 
Herrschaftsphantome befreit zu haben. Fur sich allein ist und bleibt 
der Materialismus culturunfåhig, und ist im besten Falle als Dunger 
der Cultur zu betrachten, sofern diese Elemente schliesslich von dem 
Keime der neuen religiosen Idee aufgesogen, sich zu organischen 
Formelementen einer neuen hoheren Cultur zu erheben fåhig sind. 
Zwischen den Jesuiten und dieser Weltanschauung des dritten Welt- 
alters, die ich eine Religion des Geistes, das heisst der selbst- 
bewussten Universalitåt des Menschen nenne, werden die marxistischen 
Socialdemokraten schliesslich zu wåhlen haben. 



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JAKOB BOHME. 
Von Ch. v. THOMASSIN (Munchen). 

Nachdem bereits mehrere unserer grossen Denker — Schelling, 
Hegel — dem »Philosophus Teutoniusc ein geistiges Denkmal gesetzt 
haben, soli demselben nunmehr am Ende des 19. Jahrhundertes noch 
eine åussere Ehrung zutheil werden, indem die Bewohner von GOrlitz 
das Andenken des Theosophen durch die Errichtung eines Standbilde* 
in ihrer Stadt wahren wollen. 

Fruher hat man dem verachteten, philosophierenden Schuster nicht 
einmal die Achtung gezollt, die er wenigstens als edler Mensch und 
Burger verdient hatte. Der GOrlitzer Pobel bewarf schon kurze Zeit 
nach seinem Tode das auf seinem Grabe errichtete Kreuz mit Koth 
und riss es aus. Als sodann spåter ein Todtengråber ein gezimmertes 
Kreuz mit der Inschrift: »Jakob Bohme der Quaker c auf das Grab- 
setzte, wurde es auf Befehl des Rathes wieder entfernt und der duld- 
same Mann ins Gefångnis gesetzt, wo er in pessimistischer Stimmung 
zu einem Besucher sagte: »Was weiss ich, ob er ein Quacker oder 
ein Frosch gewesen.« 

Erst anfangs dieses Jahrhunderts bemuhte man sich wieder um 
ein ehrendes Grabdenkmal flir den »Ketzer,c aber vorerst ohne beson- 
derem Erfolg, bis anlåsslich der 300-jåhrigen Gedåchtnisfeier im Jahre 
1875 endlich den långst geåusserten Wunschen entsprochen wurde. 

Die Ehrung Bohmes, die dieser Gedåchtnisfeier folgen soli, stellt 
seine Gestalt wieder in den Vordergrund des Interesses und es ist 
deshalb naheliegend, auf Grund neuer Forschungen den Lebensgang 
dieses merkwQrdigen Mannes, seine Lehre und ihre Fortentwicklung 
zu betrachten. 

Jakob Bohme wurde im Jahre 1575 zu Altseidenberg, einem 
Dorfe bei dem Stådtchen Seidenberg in der Oberlausitz, unmittelbar 
an der bOhmischen Grenze geboren. Sein Geburts- und Tauftag kann 
nicht mehr bestimmt werden, da die Kirchenbucher von Seidenberg erst 
mit dem Jahre 1630 beginnen. 

Er stammte aus einem Geschlechte, das nach dem Namen, der 
auch Behme, Behem, Bheme, Bohm, Behmer und Bohem geschrieben 
wird und der Nåhe der bOhmischen Grenze zu schliessen, seinen 
Ursprung in Bohmen hatte. Seine Eltern waren wohlhabende Land- 
leute, die ihm in der Stadtschule zu Seidenberg einen verhåltnismåssig 
guten Schulunterricht geben liessen. Cber seine Knaben- und Jung- 
lingszeit ist sehr wenig bekannt, abgesehen von sagenhaften Erzåhlungen 
seines Biographen Frankenberg uber Erlebnisse, die auf seine spåtere 



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652 THOMASSIN. 

seelische Entwicklung Bezug haben. Dazu gehOrt z. B. der Bericht, 
dass der kleine Jakob den Schatz in der Landskrone, einem mehr als 
vier Stunden von Altseidenberg entfernten Berge, als er des Vaters 
Herde dorthin trieb, gesehen håbe, nachdem dieser sich seinem 
geistigen, stofTdurchdringenden Hellblick geOffnet. Obgleich Bohme als 
jungster Sohn der rechtmåssige Erbe der våterlichen Guter war, 
bestimmten ihn seine Eltern wegen seiner Schwåchlichkeit, die ihn 
zum Betriebe der Landwirthschaft untauglich erscheinen liess, zum 
Handwcrkerstande. Er trat mit 14 Jahren seine Lehrzeit bei einem 
Schuster in Seidenberg an (1589) und erwarb sich mit 24 Jahren (1599, 
nicht 1594, wie Fechner in seinem Werke uber Bohme gegen Franken- 
berg nachgewiesen hat) das Meisterrecht in GOrlitz. Schon wåhrend 
*einer Knabenzeit zeigte sich bei dem Theosophen ein naturlicher Hang 
au religiOser Verinnerlichung. Vielleicht ist derselbe mit gewissen 
Familientraditioncn in Zusammenhang zu bringen, da auch Bohmet 
Vater mystischen Lehren angehangen haben soli und uberdies in 
seinem Heimatsorte das Ehrenamt des Kirchvaters inne hatte. 

Frankenberg behauptet aus dem Munde des Theosophen folgende 
Erzåhlung eines mystischen Erlebnisses desselben vernommen zu haben, 
das angeblich einen dauernden Eindruck in ihm hinterliess. Wåhrend er als 
Lehrling irgendwo bei einem Schuhmacher beschåftigt war, soli ein 
geheimnisvoller Fremdling ihn zu sich gerufen, ihn bei seinem Tauf- 
namen genannt und zu ihm gesagt haben: »Jakob, Du bist klein, 
aber Du wirst gross und gar ein anderer Mensch und Mann werden, 
dass sich die Welt uber Dir verwundern wird. Darum sei fromm, 
furchte Gott und ehre sein Wort. Insonderheit lies gerne die heilige 
Schrift, darinnen Du Trost und Unterweisung hast. Denn Du wirst 
viel Noth und Armut und Verfolgung leiden mussen. Aber sei getrost 
und bleibe bestandig. Denn Du bist Gott lieb und er ist Dir gnådig.« 
Diese Begebenheit wurde von einigen neueren Biographen, wie Fechner 
und Harlep (Bohme und die Alchymisten. Berlin. Schlawitz. 1870) als 
eine naturliche Mahnung des frommen Knaben von Seite eines Fremden, 
<ler viel Gutes von ihm gehOrt hatte, aufgefasst, wåhrend Martensen 
<lieselbe in seinem Werke als eine Begegnung mit einem andern 
Mystiker zu erklåren sucht. Die Seelenstimmung des Knaben, welche 
die Folge derselben war, wollte seinem Lehrmeister gar nicht gefallen 
und er jagte ihn deshalb fort, weil er einen solchen Hauspropheten 
nicht leiden konnte. 

Der Theosoph betrieb sein Gewerbe nur wenige Jahre und hatte 
•sich bald infolge seines Fieisses so viel VermOgen erspart, dass er 
sich ein Haus kaufen konnte. Er entsagte demselben im Jahre 1613, 
veranlasst durch seine GOnner, die ihm Oftere Unterstutzungen zu- 
kommen liessen, damit er sich ganz der Vollendung seiner Werke 
widmen konnte. Er nahm långeren Aufenthalt auf den Gutern der- 
selben, wie in Weicha bei Rudolf von Gersdorff, in Lazan bei 
Christian Bernhard, u. a. Aber trotzdem stellte sich manchmal 
-die Noth bei ihm ein, so dass er im Jahre 1619 einem Freunde 



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JAKOB BOHME. 653 

im vierten seiner Sendbriefe klagte, er wisse keinen Rath, den 
irdischen Leib mit Weib und Kind zu ernåhren, wolle aber das 
Himmlische vor alles setzen, so vie! ihm mCglich wåre. Zur Ver- 
besserung seiner Lage trieb er einige Jahre lang einen Handel mit 
wollenen Handschuhen, die er jåhrlich einmal im Herbst nach Prag 
zumMarkt brachte; mituntér ergriff er auch wieder sein Handwerkzeug. 

Er lebte 25 Jahre lang in glucklicher Ehe mit seiner Frau, die 
mit sechs Kindern gesegnet wurde. 

Die Anlage zu ekstatischen Umstånden scheint sich bei Bohme 
schon firuher gezeigt zu haben. Wenigstens behauptet er, bereits einmal 
wåhrend seiner Wanderjahre mitten unter seiner Arbeit in einen 
Zustand seliger Ruhe versetzt worden zu sein, in einen »Sabbath der 
Seele«, der sieben Tage wåhrte und in dem er sein Inneres wie um- 
flossen vom gOttlichen Lichte sah, wåhrend åusserlich nichts an ihm 
zu bemerken war. »Welch ein Triumphieren damals in meinem Geiste 
war«, so schreibt er hieruber, »kann ich nicht sagen noch beschreiben. 
Ich kann es nur vergleichen mit der Auferstehung von den Todten.« 

Bekanntlich soli ein åusserer Unfall auf die Entwicklung des 
»Somnambulismus« bei Bohme eingewirkt haben. Er soli ^einmal in 
Verztickung gerathen sein, als er auf ein blankgeputztes Zinngeschirr 
blickte. Man braucht wohl nicht darauf hinzuweisen, dass diese Be- 
hauptung an die Berichte Qber die Wirkung der alten »Zauberspiegel« 
zur Hervorbringung des somnambulen Schauens und Qber die modemen, 
hypnotischen Experimente, welche mit Starrenlassen auf Krystall und 
funkelnde Gegenstånde angestellt werden, erinnert. 

Obrigens hat Bohme seine angeborne Fåhigkeit zur Ekstase auch 
duren eine fortwåhrende Concentration und Verinnerlichung seines 
Seelenlebens entwickelt, und zwar ganz nach Art anderer Mystiker. 
»Ich nahm mir auch vor«, so schreibt er hieruber, »mich in meiner 
angeborenen Gestalt fur todt zu halten, bis dass Gottes Geist in mir 
eine Gestalt kriegte, und ich ihn ergriffe, auf dass ich durch ihn und 
in ihm mein Leben fuhren mOchte. Auch nahm ich mir fur, nichts 
zu wollen, was ich nicht in seinem Licht und Willen erkannt. Er 
sollte mein Willen und Thun sein, welches zwar mir nicht mOglich 
war und dennoch in einem ernsten Fursatze stund und in gar ernstem 
Streit und Kampf wider mich selber. Und was allda geschehen sei, 
soli wohl niemand als Gott und meine Seele wissen, denn ich wollte 
mich eher des Lebens erwegen als davon ablassen. Rang also in 
Gottes Beistand eine ziemliche Weile und Zeit ums Ritterkrånzlein, 
welches ich hernach mit Zersprengung der Thoren der Tiefe im Centro 
der Natur mit grossen Freuden erlangte, da meiner Seele ein »wunderlich« 
Licht aufgieng, was der wilden Natur fremd war.« (Apologie gegen 
Tflke. 20, 26). 

In diesem Lichte sah nun »sein Geist«, wie er an anderer Stelle 
sagte (Aurora 19, 5 u. ff.) »alsbald durch alles«, er »erkannte an 
allen Creaturen, sowohl an Kraut und Grås« Gott, wer der sei und 
wie der sei, und was sein Wille sei« und so wuchs alsbald in diesem 



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654 THOMASSIN. 

Lichte sein Wille, »mit grossem Trieb, das Wesen Gottes zu be- 
schreiben«. 

In den ersten Ekstasen scheint aber der Theosoph, nach seinen 
sonstigen Åusserungen zu schliessen, doch nur einzelne, kurzere Licht- 
blicke gebabt zu baben. 

Erst im Jahre 1610 vervollkommte sich seiner Aussage zufolge 
seine innere Erleucbtung derart, dass er den Zusammenhang von 
allem sah. Er fuhlte dann einen inneren Antrieb, einen Drang wie 
Feuer, das Geschaute niederzuschreiben. So entstand seine »Aurora 
oder MorgenrOthe im Aufgang«, anfangs nur als »Memorial« fur den 
eigenen Gebrauch verfasst, da ihm seine Gesichte manchmal wieder 
entschwanden ; wåhrend er sie schrieb, war er seiner selbst nicht 
måchtig; es war wie ein »Platzregen«, der voruberfåhrt, »was er trifft, 
das trifft er«. 

Carl von Ender, einer der eifrigsten Anhånger BOhmes, liess 
mehrere Abschriften des genannten Werkes herstellen und eine der- 
selben kam in die Hånde des fanatischen Pastors, Primarius von GOrlitz 
Gregorius Richter, der sofort gegen den falschen Propheten auftrat und 
die Obrigkeit aufforderte, gegen ihn einzuschreiten, da sonst Gott der 
Hen* ein Strafgericht fiber GOrlitz ergehen lassen wurde. Bohme sollte 
infolge dessen aus GOrlitz verbannt werden; einige duldsamere Raths- 
herren nahmen sich aber seiner an, so dass er zwar (am 26. Juli) 
gefangen genommen, aber nach einem VerhOre wieder freigelassen 
wurde, nachdem er gelobt, seiner Schwårmerei zu entsagen, da er als 
Schuster bei seinem Leisten zu bleiben håbe. Sieben Jahre lang kam 
Bohme diesem Befehl nach und unterliess seine Aufzeichnungen, ob- 
schon er furchtete, dass ihm die innere Erleuchtung wieder 
genommen werden wurde. Jedoch hatten verschiedene gelehrte und 
vermOgende Månner, die Herren vom Adel, Årzte und Chemiker Ab- 
schriften seiner Werke erhalten und mit Bewunderung gelesen, so dass 
sie die Bekanntschaft des Verfassers suchten. Diesen gelang es, 
Bohme wieder zur Niederschrift seiner theosophischen Ideen zu be- 
stimmen. Es entstanden die Werke: »Von den drei Principien« 
(Amsterdam 1660), »Von dem dreifåltigen Leben des Menschen« 
{1660), »Von der Geburt und Bezeichnung alier Wesen« (Signaturo 
Rerum) (Amsterdam 1635), »Von der Gnadenwahl« (Amsterdam 1665), 
»Mysterium Magnum« (ibid. 1678), »40 Fragen uber die Seele« (ibid. 1648), 
»Psychologie Vera« (ibid. 1663), »Von der Menschwerdurig Christi« (ibid. 
1660), »Der Weg zu Christo« (ibid. 1635).*) Als sein Buch »Der Weg zu 
Christo« durch seine Freunde in GOrlitz (1624 bei Rhambaw) heraus- 
gegeben wurde, verOflentlichte sein Widersacher Richter eine wuthende 
Schrift gegen ihn und veranlasste seine abermalige Verfolgung, die 
seine voriibergehende Ausweisung aus GOrlitz zur Folge hatte. Der 

*) Bohmea zahlreiche sonstige Schriften, darunter auch seine theo- 
sophischen Sendbriefe, die iiber seine Lebensverhaltnisse und Lehren viele 
interessante Aufklarungen bietcn, sind in der Gesammtausgabe seiner Werke 
von K. W. Schiebler (Leipzig. Ambrosius Barth. 1831—1847) gesammelt 



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JAKOB BOHME. 655 

Magistrat weigerte sich, soine Apologie entgegenzunehmen und crklårte 
ihm, dass er sich der Gefahr aussetze, von dem Kaiser als Ketzer 
behandelt zu werden. 

Jedoch hatte geråde das angegriffene Werk dem Theosophen 
neue Freunde am kurfurstlichen Hofe in Dresden zugefuhrt, die er 
besuchte und von denen er sehr geehrt wurde. Er wurde zu einem 
Collegium mit einigen angesehenen Theologen zugelassen, von denen 
einer, der Gelehrte Johann Gerhard von Jena, gesagt haben soli: »Ich 
wurde nicht um die ganze Welt dazu helfen, diesen Mann zu verdammen.« 
Man ersuchte deshalb den Kurfursten um Geduld und Nachsicht, bis 
der Geist dieses Mannes sich etwas deutlicher ausgesprochen haben 
wurde. Andereeits verdammte man die Unduldsamkeit Richters und 
manche meinten sogar, »der leidige bOse Geist håbe dem Primarius das 
Pasquill dictiert«. Leider konnte sich Bohme nicht mehr lange seines 
Triumphes freuen. Nachdem sein Feind im August des Jahres 1624 
gestorben war — einer von dessen SOhnen wurde noch kurz zuvor 
ein Anhånger des Theosophen — nahte auch ihm der Tod. Er war 
auf dem Gute einer seiner Freunde in Schlesien erkrankt und verlangte 
nach GOrlitz zuruckgebracht zu werden, wo er am 21. November, 
morgens 6 Uhr, verschied, nachdem er das Sacrament begehrt und 
nach Ablegung des lutherischen Glaubensbekenntnisses erhalten hatte. 
Seine letzten Worte waren: »Nun fahre ich ins Paradies.c*) 

Betrachten wir nach diesem ftberblick aber die Lebensschicksale 
des Martyrers innerer Erleuchtung das theosophische Lehrsystem, 
welches er in seinen Werken entwickelte, so muss zunåchst die Cber- 
einstimmung mit den Ideen anderer Mystiker, ja selbst des Orients, wie 
der Yogaphilosophie auf fallen. Dabei ist aber seine Beeinflussung 
durch die alchymistische und kabbalistische Literatur seiner Zeit nicht 
zu verkennen. 

Bohme suchte wie die ubrigen Alchymisten die Principien der grossen 
Kunst als einen Theil der mystischen Naturphilosophie zur Erklårung 
christlicher Glaubenssåtze anzuwenden. So erlåutert er, wie zu dem 
Processe der rechten Wiedergeburt in Christo, eigentlich, nach 
Bohmes Auffassung, zur Entfaltung des Geistes in uns die Digestion 
(Aussonderung), die Fermentation (Gåhrung), Putrefaction (Verwesung 
des alten sundigen Wesens), die Transmutation (Verwandlung) und 
Sublimation (ErhOhung des in der materiellen Hulle verborgenen geistigen 



*) Prankenberg schreibt uber Bohmes aussere Gestalt und Charakter: 
»Seine leibliche Gestalt hatte nur geringes Ansehen. Er war klein von Wuchs, 
hatte eine niedrige Stim, aber hocnhervortretende Schlafe, eine etwas krumme 
Nase, einen dunnen Bart, graue, ins himmelblaue spielende Augen, eine 
schwachtonende, aber liebliche Stimme.* Er war in Geberden ziichtig, in seiner 
Rede bescheiden, demiitbig in seinem Wandel, geduldig im Leiden, vom Herzen 
sanftmuthig. Seinen Freunden pflegte er ins Stammbuch zu schreiben: 

»Wem Zeit wie Ewigkeit 

Und Ewigkeit wie Zeit, 

Der ist befreit 

Von allem Streitc 



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656 THOMASSIN. 

Keimcs) nothwendig ist. Der Theosoph hat selbst angegeben, dass er 
viel hoher Meister Schriften gelesen (Aurora 10, 27), er bemerkte auch, 
dass er ihre »Formula« beibehalten (12, 12, 13) und die Kenner 
alchymistischer Literatur haben gefunden, welche Meister auf ihn ein- 
gewirkt haben. 

Oberdies gebraucht er mit Vorliebe zu seinen Erklårungen die 
alchymistischen Bezeichnungen »Mercurius« und »Sal nitric — aus 
welchem sein »gOttlicher Salliter« wird. Der »dunne Schwefelgeist« 
als »alchymistische, geistige Quintessenz« ist ihm der Quell aller 
»Beweglichkeit und Begreiflichkeit«. »Er ist ein giftig, feindig Wesen 
und also muss es sein, sonst wåre keine Beweglichkeit, sondern alles 
ein Nichts und es ist der Zornquell die erste Urkund der Natur«. 
Aber »Mercurius, Sulphur und Sal« sind nach Bohme im himmlischen 
Wasser, in der »himmlischen, goltlichen Wesenheit, geråde so wie 
nach alchymistischen Principien die »Feuermatrix« eine »Wasser- 
matrix» gebåren muss, damit der Process vollendet wird und wie 
auch Paracelsus schon von der »matrix aquæ«, dem lebendigen »Ele- 
mentum aquæ«, in welchem das Verbum Domini fiat ist, oder dem 
»Aquastur« spricht. Nach Art des alchymistischen Processes erklårt 
Bohme den Process des Werdens und der Entwicklung mit folgenden 
Worten : »Alle Wesen urstånden vom Feuer. — Wiederum wisset ihr, 
dass im Feuer und Wasser alles Leben stenet. — So ist nun das 
Feuer die erste Ursache des Lebens und das Licht die andere Ursache 
und der Geist (Wasser) die dritte Ursache und ist doch ein Wesen, 
welches sich in einen Leib schliesset und offenbaret und also mit dem 
Suchen findet. Aus dem Lichte entstehet die rechte Wesenheit, denn 
es ist eine Erfullung des Willens, das Wasser entsteht aus der Sanft- 
muth des Lichtes; die Sanftmuth ist ein Wesen des Feuers, eine 
LOschung des Grimmes und eine Leiblichkeit des Feuers, — und 
dieses (geistige) Wasser ist des Lichtes Erfullung in seinen Begehren.« 
(40 Fragen von der Seele. Fr. I. 209 fgg.) 

So finden wir schon bei Bohme das feurige Begehren als Ur- 
sache aller Dinge, aller Unterscheidung. Aber dem Begehren geht die 
Idee vorher; indem sich Gott in der ewigen Idee beschaut, wird sein 
Wille nach der Realisation des Moglichen begehrend und dadurch 
erwacht die ewige Natur, die bisher in Gott verborgen war. Der 
schaffenden Kraft des Begehrens entspricht im Physischen das Feuer. 
So ist auch das erste Princip aller Schopfung fur Bohme das Feuer, 
das »Naturcentrum«, das »Feuercentrum«. Dem Drang zur Ver- 
åusserlichung steht aber ein Drang zur Verinnerlichung entgegen und 
so tritt der Kampf in den Lebensprocess der Gottheit, der im Auf- 
blitzen des Lichtes oder Geistes beendigt wird, worauf die Ordnung 
in der Realisation des Idealen erfolgen kann. Wir finden diesen Process 
noch genauer in Bohmes Lehre von den »sieben Quellgeistern« aller 
Naturgestalten dargestellt, durch die wir an die kabbalistischen Saphirots 
und an die indische Siebentheilung des Universums erinnert werden. 
Der erste dieser »Quellgeister« ist das nach innen gerichtete Begehren« 



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JAKOB BOHME. 657 

kalt, hart, scharf, streng, in sich selbst verschlossen, will ausser sich 
nichts dulden, sondern alles in sich hineinziehen (Contraction). Der 
zweite ist das nach aussen gerichtete, die in die Mannigfaltigkeit 
hinauswollende Bewegung (Expansion). Diese gegensåtzlichen, herein- 
und hinausziehenden Kråfte sind unzertrennlich und mussen mit 
einander streiten. Aus ihrem Ringen entsteht schliesslich eine Schwin- 
gung, eine Bewegung, die kein Ende finden kann, so dass schreckliche 
Unruhe und Angst entsteht — die dritte Naturgestalt (Rotation). Aber 
durch das ångstliche Verlangen nach Freiheit wird endlich die ErlOsung 
erreicht und es entsteht der »Schrack« — es geht durch die ganze 
Natur eine Erschutterung, indem der Blitz aufleuchtet (vierte Natur- 
gestalt). Das ist die erste Beriihrung der Geister mit der Natur und 
nun wird »alles ganz sanftmuthig«. Die vierte Naturgestalt hat 
bekanntlich in der Theosophie im Kreuze, unserem Symbol der 
ErlOsung, ihre symbolische Bezeichnung. »Per ignem ad lucerne — 
i Per crucem ad lucem« — der Weg der Natur zum Lichte geht 
durch das angezundete Feuer, der ErlOsung folgt das Licht. — Im 
weiteren Verlauf des Processes wird das Strenge und Scharfe um- 
gebildet durch das Licht, den »Wassergeist« (funfte Naturgestalt) und 
durch die Weisheit geordnet. (Wiedergeburt aus Wasser und Geist.) 
Dann werden die gesammelten Kråfte hinausgefuhrt in verståndlicher 
Sonderung, sie tOnen hervor und werden deutlich; es erfolgt im sym- 
phonischen Zusammenwirken der verståndliche Laut und Klang, 
»Schall und Hall« (sechste Naturgestalt), worauf in der siebenten die 
Weisheit im Leben und der Leibhaftigkeit ausgestaltet ist, — »Gottes 
Leiblichkeit«, »das Reich«, Malkuth der kabbalistische Saphirot, 
vollendet ist. — Dieser Process ist, wie Bohme wiederholt erklårt, 
ein ewiger, nichts ist in ihm das erste und letzte, alles ist in ewiger 
Kreisbewegung und Wechselwirkung. 

Bohmes Auffassung des Christenthums entsprach am vollkommensten 
den klargelegten Anschauungen. Fur ihn kam nur der innere Kern der 
<:hristlichen Lehre in Betracht, dass der Lichtgeist, der Christus in 
uns oder Gottgeist in uns aus dem durch das Feuer der Begierde 
veranlassten Kampfe erstehe. Speciell den Protestanten seinerzeit 
sagte er : »Du wirst nicht selig durch einen bloss historischen Glauben, 
bei welchem Du Dir einbildest, den Gnadenmantel von aussen um 
Dich werfen zu kOnnen, wåhrend Du innerlich fortfåhrst, ein wildes 
Thier zu sein. — Worauf es ankommt, ist dies, dass das Licht und 
die Lichtwelt in Dir angezundet werde.« 



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DER PETSCHENJEG.*) 

Von ANTON TSCHECHOW. 
Obersetzung von CLARA BRAUNER. 

Iwan Abramitsch Schmuchin, Kosakenofficier a. D., der einst 
auf dem Kaukasus gedient hatte und jetzt auf seinem Gute lebte, der 
einst Jung, gesund, stark, jetzt aber alt, durr und gebuckt war, buschige 
Augenbrauen und einen grauen, grunlichen Schnurrbart besass, kehrte 
an einem heissen Sommertage aus der Stadt auf seine Besitzung 
zuriick. In der Stadt war er bei der Communion gewesen und hatte 
beim Notar sein Testament geschrieben (vor zwei Wochen hatte er 
einen leichten Schlaganfall gehabt), und jetzt wåhrend der ganzen 
Fahrt im Waggon verliessen ihn nicht die traurigen, ernsten Gedanken 
an den nahen Tod, an das Eitle des Daseins, an die Vergånglichkeit 
alles Irdischen . . . Auf der Station Prowalje — es gibt eine solene 
auf der Donlinie — stieg in seinen Waggon ein blonder, wohl- 
genåhrter Herr von mittlerem Alter, mit einem abgeschabten Porte- 
feuille und setzte sich ihm gegenuber. Sie kamen ins Gespråch. 

— Ja, ja — sagte Iwan Abramitsch, indem er nachdenklich 
durchs Fenster schaute. — Es ist nie zu spat zum Heiraten. Ich 
selbst håbe mit 48 Jahren geheiratet, man sagte, es sei zu spat, es 
war aber weder zu spat noch zu fruh, es wåre am besten, gar nicht 
zu heiraten. Ein jeder wird seiner Frau bald uberdrussig, aber nicht 
ein jeder sagt die Wahrheit, denn, wissen sie, man schåmt sich 
eines unglucklichen Familienlebens und verheimlicht es. Gar mancher 
geht um seine Frau herum — »Manja, Manjac, und wenn es nach 
ihm gienge, hatte er diese Manja in einen Sack und in die Scheune 
gesteckt. Mit der Frau langweilt man sich, da gibt's nichts als 
Dummheit. Auch mit den Kindern ist's nicht besser, ich kann Sie 
versichern. Ich håbe, wissen Sie, zwei davon. Hier, in der Steppe, 
hat man nicht Gelegenheit sie etwas lernen zu lassen; um sie nach 
Tscherkassk zu geben, hab' ich kein Geld, sie leben also hier wie die 
jungen Wolfe. Man kann's jeden Tag erwarten, dass sie auf der 
Landstrasse jemand umbringen .... 

Der blonde Herr hOrte aufmerksam zu, beantwortete die an ihn 
gerichteten Fragen leise und kurz, und schien ruhig und bescheiden 
zu sein. Er stellte sich als einen Advocaten vor und sagte, er fahre 
geschåftlich in das Dorf Djujewka. 

*) Petschenjegen — wildea Nomadenvolk, das im IX. Jahrhundcrt im 
Siidcn Russiands lebte und die russischen Gebiete verheerte. 



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DER PETSCHENJEG. 659 

— Aber das ist ja neun Weret von mir, Du mein Herrgott! — 
sagte Schmuchin in so einem Ton, als streite jemand mit ihm. 

— Aber, erlauben Sie, auf der Station werden Sie jetzt keine Pferde 
finden. Meiner Meinung nach, wissen Sie, ist es fur Sie am besten, 
gleich zu mir zu fahren, Sie werden bei mir ubernachten und des 
Morgens mit Gott auf meinen Pferden weiterfahren. 

Der Advocat uberlegte es sich und willigte ein. 

Als sie auf die Station kamen, stand die Sonne schon tief uber 
der Steppe. Den ganzen Weg von der Station bis zum Gut schwiegen 
sie: das Schutteln des Wagens stOrte beim Sprechen. Der Wagen 
sprang, winselte und schien zu schluchzen, als verursachten ihm seine 
SprQnge heftige Schmerzen, und der Advocat, welcher sehr unbequem 
sass, schaute voller Sehnsucht in die Ferne: ob das Gut noch nicht 
zu sehen sei. Nachdem sie acht Werst gefahren waren, erschien in 
der Ferne ein niederes Haus und ein Hof, der von einem Zaun aus 
dunklem Sandstein eingeschlossen war; das Dach des Hauses war 
griin, die Stuccatur war abgesprungen, die Fenster waren klein und 
schmal, gleich zusammengekniffenen Augen. Das Haus stand in der 
rechten Sonne und nirgends in der Runde waren Wasser oder Båume 
zu sehen. Bei den benachbarten Gutsbesitzern und den Bauern hiess 
es »das Petschenjegengut«. Vor vielen Jahren hatte ein voruber- 
fahrender Geometer auf dem Gut ubernachtet und die ganze Nacht 
mit Iwan Abramitsch gesprochen, er war unzufrieden und sagte ihm 
des Morgens beim Verreisen strenge : »Sie sind ein Petschenjeg, mein 
Herr!« Von ihm stammte das »Petschenjegengut«, dieser Spitzname 
befestigte sich noch mehr, als Schmuchins Kinder herangewachsen 
waren und Attaquen auf die benachbarten Gårten und Gemusebeete 
unternahmen. Und den Iwan Abramitsch selbst nannte man »Wissen 
Sie«, da er gewOhnlich sehr viel sprach und dieses »Wissen Sie« oft 
gebrauchte. 

Im Hof beim Stalle standen Schmuchins Sohne: der eine war 
neunzehnjåhrig, der zweite noch ein Knabe, sie waren beide barfuss, 
ohne Hut; geråde als der Wagen in den Hof einfuhr, warf der 
jungere eine Henne hoch in die Luft, sie gackerte und flog auf, indem 
sie einen Bogen machte; der åltere schoss aus einer Flinte und die 
Henne fiel todt auf die Erde. 

— Das sind die Meinigen, die auf dem Flug schiessen lernen, 

— sagte Schmuchin. 

Im Vorzimmer empfieng die Angekommenen eine kleine, schmåch- 
tige Frau mit blassem Gesicht, sie war noch jung und hubsch; der. 
Kleidung nach konnte man sie fur einen Dienstboten halten. 

— Und das ist, erlauben Sie Ihnen vorzustellen — sagte 
Schmuchin — die Mutter meiner Jungen. Nun, Ljubow Ossipowna — 
wandte er sich an sie — tummle Dich, Mutter, bewirte den Gast. 
Gib das Nachtmahl! Flink! 

Das Haus bestand aus zwei Hålften; m der einen war der 
»Salon« und daneben das Schlafzimmer des alten Schmuchin — 

5Q* 



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660 TSCHECHOW. 

schwule Zimmer mit niederen Decken und einer Menge Fliegen und 
Wcspen — in der zweiten befand sich die Kuche, in der man kochte, 
die Wåsche wusch und den Arbeitern zu essen gab ; daselbst bruteten 
unter den Banken Gånse und Truthennen ihre Eier und ebenda befanden 
sich die Betten der Ljubow Ossipowna und ihrer beiden Sohne. Die 
Møbel im Salon waren ungestrichen, offenbar von einem Schreiner 
zurechtgezimmert ; an den Wånden hiengen Flinten, Jagdtaschen, 
Peitschen; dieser ganze alte Plunder war schon långst verrostet und 
schien vor Staub grau zu sein. Kein einziges Bild, in der Ecke ein 
dunkles Brett, das einst ein Heiligenbild gewesen war. 

Eine junge Frau, eine Kleinrussin, deckte den Tisch und trug 
Schinken auf, dann einen Borschtsch. Der Gast dankte fur den Schnaps 
und begann nur Brod und Gurken zu essen. 

— Und wie wår's mit dem Schinken? — fragte Schmuchin. 

— Danke, das esse ich nicht — erwiderte der Gast. — Ich 
esse tiberhaupt kein Fleisch. 

— Warum denn? 

— Ich bin Vegetarianer. Thiere zu schlachten ist gegen meine 
Oberzeugung. 

Schmuchin dachte einen Augenblick nach und sagte dann lang- 
sam, mit einem Seufzer: 

— Ja ... So ist's ... In der Stadt hab* ich auch einen ge- 
sehen, der kein Fleisch isst. Das ist jetzt so eine neue Religion. Nun, 
das ist gut. Man kann auch nicht immer schlachten und schiessen, 
wissen Sie, man muss einmal zur Ruhe kommen und die Thiere in 
Frieden lassen. Es ist eine Sunde zu tOdten, eine Sunde — da låsst 
sich nichts dagegen sagen. Manchmal, wenn man nach einem Hasen 
schiesst und ihn am Fuss verwundet, schreit er wie so ein Kind. 
Es thut also weh! 

— Naturlich thut's weh. Die Thiere leiden ebenso wie Menschen. 

— Das ist richtig, gab Schmuchin zu — ich verstene das 
Alles sehr gut, setzte er fort und dachte nach — aber ich muss 
eingestehen, dass ich nur das eine nicht begreifen kann : angenommen, 
dass alle Menschen aufhOren Fleisch zu essen, wo werden dann die 
Hausthiere hinkommen, zum Beispiel die Huhner und Gånse? 

— Die Huhner und Gånse werden in der Freiheit leben, wie die 
wilden VOgel. 

— Jetzt verstehe ich. In der That, die Kråhen und Dohlen 
leben ja und kommen ohne uns aus. Ja . . . die Huhner und Gånse, 
die Håschen und Schåfchen werden alle in der Freiheit leben, sich 
freuen, wissen Sie, und Gott lobsingen und werden sich nicht vor uns 
furchten. Es wird Frieden und Ruhe eintreten. Aber wissen Sie, ich 
kann das eine nicht begreifen, sprach Schmuchin weiter und 
blickte auf den Schinken. — Wie soli es mit den Schweinen sein? 
Wo soli man sie hingeben? 

— Sie werden ebenso wie die anderen sein, das heisst auch 
sie werden in der Freiheit sein. 



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DER PETSCHENJEG. 66l 

— So . . . Ja . . . Aber erlauben Sie, wenn man 6ie nicht 
schlachtet, werden sie sich vermehren. Dann kann man von den 
Wiesen und Gemusegårten Abschied nehmen. Denn wenn man so 
ein Schwein in die Freiheit låsst und es nicht beaufsichtigt, wird es 
Ihnen an einem Tage alles zugrunde richten. Ein Schwein bleibt 
ein Schwein und man hat es nicht ohne Grund Schwein benannt. 

Man hatte zu Ende gegessen. Schmuchin stand auf und gieng 
lange im Zimmer herum, wobei er immer sprach und sprach . . . 

Er liebte es von etwas Wichtigem und Ernstem zu sprechen und 
liebte es zu grubeln ; auch wollte er auf seine alten Tage bei irgend etwas 
stehen bleiben, sich beruhigen, damit es nicht so schrecklich sei zu sterben. 
Er trug nach Sanftmuth, nach Seelenruhe und Selbstzufriedenheit Ver- 
langen, wie bei diesem Gast, der Gurken und Brot gegessen hat und 
denkt, er sei dadurch noch vollkommener geworden ; gesund und wohl- 
genåhrt sitzt er auf dem Koffer, schweigt und ertrågt geduldig die Lang- 
weile und wenn man ihn in der Dåmmerung vom Vorzimmer aus 
anschaut, åhnelt er einem grossen Kieselstein, der nicht vom Platze zu 
schieben ist. Der Mensch hat einen festen Punkt im Leben und ihm ist wohl. 

Schmuchin trat aus dem Vorzimmer auf die Stiege hinaus und 
dann hørte man ihn seufzen und in Gedanken zu sich selbst sprechen : 
>Ja ... so ist's«. Es dunkelte schon und am Himmel erschienen 
hie und da Sterne. In den Zimmern zundete man noch kein Licht an. 
Jemand trat lautlos wie ein Schatten in den Salon und blieb an der 
Thur stehen. Das war Ljubow Ossipowna, Schmuchins Frau. 

— Sind Sie aus der Stadt? — fragte sie schuchtern, ohne den 
Gast anzublicken. 

— Ja, ich lebe in der Stadt. 

— Vielleicht sind Sie ein Studierter und kOnnen sagen, wie 
man's macht. Wir hatten eine Bittschrift einzureichen. 

— Wohin? — fragte der Gast. 

— Wir haben zwei Sohne und es ist långst Zeit, sie etwas lernen zu 
lassen, zu uns kommt aber niemand und man hat niemanden, den man um 
Rath fragen kann, und ich weiss nicht Bescheid. Denn, wenn sie nicht 
lernen, nimmt man sie wie einfache Kosaken zum Militår. Es ist 
nicht recht, sie kOnnen nicht lesen, schlimmer wie die Bauern, und 
Iwan Abramitsch nimmt selbst Anstoss daran und låsst sie nicht 
in die Zimmer hinein. Sind sie aber schuld daran? Wenn man auch 
nur den Jungeren lernen lassen kOnnte, wirklich, sonst ist es so 
schade ! — sagte sie gedehnt und ihre Stimme zitterte ; und es schien 
unglaublich, dass eine so kleine und junge Frau schon erwachsene 
Kinder hatte. — Ach es ist so schade! 

— Du verstehst nichts davon, Mutter, und das geht Dich nichts 
an, sagte Schmuchin, der in der Thur erschien. — Lass* den 
Gast mit Deinem dummen Reden in Ruh ! Geh fort, Mutter ! 

Ljubow Ossipowna gieng hinaus und wiederholte nochmals im 
Vorzimmer mit ihrer dtinnen Stimme: 

— Ach, so schade! 



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662 TSCHECHOW. 

Man machte fQr den Gast im Salon auf dem Divan ein Bett 
zurecht und damit er nicht im Dunklen sei, zundete man ein Oel- 
låmpchen an. Schmuchin legte sich in seinem Schlafzimmer hin. Und 
indem er dalag, dachte er an seine Seelc^an das Alter, an den letzten 
Schlaganfall, der ihn so erschreckt uncf -ihn lebhaft an den Tod 
erinnert hatte ... Er liebte zu philosophieren,^wenn er in der Stille 
mit sich allein blieb, und ihm schien dann, er sei^ein sehr eraster, 
tiefangelegter Mensch, und beschåftige sich auf dieser Wfilt nur mit 
wichtigen Fragen. Und jetzt dachte er immer nach und wolfte bei 
irgend einem Gedanken stehen bleiben, der nicht so wåre wie die andeTn, 
8ondern bedeutsamer, der ihm als Leitfaden im Leben dienen kOnnté} 
und er wollte irgend welche Regeln fur sich zurechtdenken, um auch 
sein Leben ebenso ernst und tief zu machen, wie er selbst es war. 
Es wåre zum Beispiel gut, wenn er, alter Mann, sich ganz vom 
Fleisch und allem Uberflussigen entsagen wurde. Die Zeit, in der die 
Menschen weder ihresgleichen noch Thiere tOdten werden, wird frfiher 
oder spåter kommen, es ist ånders ja gar nicht mOglich, und er stellte 
sich diese Zeit vor und sah deutlich sich selbst, wie er mit allen 
Thieren in Frieden lebte ; plOtzlich erinnerte er sich an die Schweine und 
in seinem Kopf gieng alles durcheinander. 

— Das ist eine Sache, dass sich Gott erhar^tn' ... — murmelte 
er und seufzte schwer. — Sie schlafen? — fragte er. 

— Nein. 

Schmuchin erhob sich vom Bett und blieb auf der Thurschwelle 
stehen, er war im Hemd und zeigte dem Gaste seine sehnigen und 
wie StOcke dun-en Beine. 

— Da hat man jetzt, wissen Sie — begann er — mit allerlei 
Telegraphen und Telephonen, mit einem Wort mit allerhand Wunder- 
dingen angefangen, aber die Menschen sind nicht besser geworden. 
Man sagt, dass zu unserer Zeit, vor 30 — 40 Jahren, die Menschen 
grob und grausam gewesen sind; ist es aber jetzt nicht ebenso? In 
der That, zu meiner Zeit lebte man ohne Ceremonien. Ich erinnere 
mich, als wir volle vier Monate ohne jede Arbeit an einem Fluss im 
Kaukasus standen — ich war damals noch Wachtmeister — trug 
sich eine Begebenheit zu, in der Art eines Romans. Geråde am Ufer 
dieses Flusses, wissen Sie, wo unsere hundert Mann standen, war ein 
Furet begraben, den wir vor Kurzem getOdtet hatten. Und des Nachts, 
wissen Sie, kam die Witwe des Fursten auf das Grab und weinte. Und sie 
weint und stOhnt fortwåhrend, uns wurde davon so zu Muthe, dass 
wir nicht schlafen konnten. So haben wir eine Nacht nicht geschlafen, dann 
eine zweite; nun hatten wir genug davon. Und wenn man es sich 
vernunftig uberlegt, kann man ja nicht ohne Schlaf sein. Da packten 
wir diese Furetin, prugelten sie durch — und sie kam nicht mehr. 
Da haben Sie's. Jetzt gibt es naturlich diese Menschenkategorie nicht 
mehr, man prugelt nicht, lebt reiner, es gibt mehr Wissenschaften, 
aber, wissen Sie, die Seele ist dieselbe, da hat sich nichts geåndert. 
Sehen Sie, da lebt hier bei uns ein Gutsbesitzer. Er hat ein Bergwerk. 



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DER PETSCHENJEG. 663 

Bei ihm arbeiten Solche, die keinen Pass haben, allerlei Landstreicher, 
die nicht wissen, wo sie hin sollen. Am Samstag muss mit den 
Arbeitern abgerechnet werden, er hat aber keine Lust zu zahlen, 
wissen Sie, es ist schade ums Geld. Da hat er sich einen Verwalter 
herausgesucht, auch einen Landstreicher, wenn er auch einen Hut 
tragt. »Zahle ihnen nichts« — sagt er ihm — »keine Kopeke; sie 
werden Dich schlagen, sagte er — lass sie schlagen, ertrag' es, ich 
werde Dir dafOr jeden Samstag zehn Rubel zahlen.« Samstag abends 
kommen die Arbeiter, wie es sich gehOrt, nach dem Geld; der Ver- 
walter sagt ihnen: »Es gibt nichts!« Nun, ein Wort gibt das andere, 
bald ist man beim Schimpfen und bei der Keilerei angelangt . . . 
Man schlågt und schlågt ihn, mit Hånden und Fussen — das Volk 
ist, wissen Sie, vor Hunger verthiert — man schlågt ihn, bis er ohn- 
måchtig wird, dann geht man aber auseinander, nach allen Seiten hin. 
Jetzt låsst der Herr den Verwalter mit Wasser begiessen, dann wirft 
er ihm die zehn Rubel ins Gesicht, dieser nimmt sie und freut sich 
noch dabei, denn eigentlich wåre er einverstanden nicht nur fur zehn, 
8ondern auch fur drei Rubel selbst auf den Galgen zu steigen. Ja . . . 
Und am Montag kommt eine neue Arbeiterpartie ; sie kommen, sie 
wissen nicht, wo sie hin sollen. Am Samstag geht von neuem dieselbe 
Geschichte los . . . 

Der Gast drehte sich auf die andere Seite um, kehrte das 
Gesicht der Sofalehne zu und brummte etwas durch die Zåhne. 

— Und hier ist ein anderes Beispiel, sprach Schmuchin weiter. 
— Vor einiger Zeit war hier die sibirische Seuche. Das Vieh crepierte, 
sag' ich Ihnen, wie Fliegen; es kamen Veterinåre her und es wurde 
streng verordnet, das Aas weit fort tief in die Erde zu vergraben, 
mit Kalk zu begiessen u. s. w., wissen Sie. Auch bei mir crepierte 
ein Pferd. Ich vergrub es mit allen Vorsichtsmassregeln und goss vom 
Kalk allein gegen zehn Pud darauf. Und was glauben Sie? Meine 
Kerle, meine lieben Sohnchen, gruben des Nachts das Pferd heraus, 
zogen ihm das Fell ab und verkauften es fur drei Rubel. Da haben 
Sie' s. Die Menschen sind also nicht besser geworden, denn man kann 
den Wolf futtern so viel man will, er schaut immer in den Wald 
zuriick. Da gibt's Stoff zum Denken! Was? Wie meinen Sie? — 
An einer Seite der Fenster, in den Lådenritzen, flackerte der Blitz auf. 
Es war schwul vor dem Gewitter, die Miicken stachen, und Schmuchin, 
der in seinem Zimmer lag und sich seinen Betrachtungen ergab, åchzte, 
stOhnte und sagte in sich selbst : »Ja . . , so ist's« — es war unmOglich 
einzuschlafen. Irgendwo, sehr, sehr weit groilte der Donner. 

— Schlafen Sie? 

— Nein, antwortete der Gast. 

Schmuchin stand auf und gieng durch den Saal und das Vor- 
zimmer, wobei er mit den Fersen laut auftrat, in die Kuche, um 
Wasser zu trinken. 

— Am schlimmsten auf der Weit ist, wissen Sie, die Dumm- 
heit — sagte er, als er bald darauf mit dem Krug zuruckkam. 



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664 TSCHECHOW. 

— Meine Ljubow Ossipowna steht auf den Knien und betet zu Gott. 
Sie betet jede Nacht und neigt sich zur Erde, erstens damit die 
Kinder zum Lernen fortgeschickt werden; sie furchtet, die Kinder 
werden als einfache Kosaken dienen und man wird sie dann quer 
uber den Rucken mit Såbeln hauen. Aber um sie lernen zu lassen 
braucht man Geld, und wo soli man es hernehmen? Da kann man 
mit dem Kopf die Wånde einrennen, wenn es keins giebt, giebts halt 
keins. Zweitens betet sie, weil, wissen Sie, eine jede Frau glaubt, 
niemand auf der Welt sei unglucklicher als sie. Ich bin ein aufrichtiger 
Mensch und es gibt hier, naturlich, nichts zu verheimlichen. Sie ist 
aus einer armen Familie, eine Popentochter, sozusagen vom Pfaffen- 
stande; ich hab' sie geheiratet, als sie 17 Jahre alt war, und man 
verheiratete sie an mich hauptsåchlich deshalb, weil sie nichts zu 
essen hatten, es gab dort nur Armut und Zank, und ich, sehen Sie, 
håbe doch immerhin Erde, eine Wirtschaft, nun und dann bin ich ja t 
wie man's auch nimmt, doch ein Officier; es schmeichelte ihr, mich 
zu heiraten. Am ersten Tag nach der Hochzeit weinte sie und dann 
weinte sie die ganzen zwanzig Jahre — sie hat die Augen auf dem 
nassen Fleck. Und sie sitzt immer und denkt, und denkt. Und es 
fragt sich, woran sie denkt? Woran kann eine Frau denken? An 
nichts. Ich muss gestehen, ich zåhle die Frau nicht zu den 
Menschen. 

Der Advocat erhob sich mit einem Ruck und setzte sich. 

— Entschuldigen Sie, mir ist heiss geworden — sagte en 

— Ich werde hinausgehn. 

Schmuchin schob im Vorzimmer den Riegel zuruck, indem er 
von den Frauen weitersprach, und beide giengen hinaus. Genau uber 
dem Hof glitt der Vollmond am Himmel hin, und im Mondenscheine 
erschienen das Haus und die Stalle weisser als bei Tag; durch das 
Grås zogen sich zwischen den schwarzen Schatten grelle Lichtstreifen 
hin, die auch weiss waren. Rechts in der Ferne ist die Steppe zu 
sehn, daruber leuchten still die Sterne — und alles ist geheimnisvoll 
und unendlich weit, als blickte man in einen tiefen Abgrund; und 
links uber der Steppe thurmen sich eine auf die andere schwere 
Gewitterwolken, schwarz wie Russ; ihre Rander sind vom Mond 
beleuchtet und es scheint, es sind dort Berge mit weissem Schnee 
auf den Gipfeln, dunkle Wålder, ein Meer; der Blitz flackert auf, 
man hørt einen leisen Donner und es scheint, dass in den Bergen 
ein Kampf gekåmpft wird . • . 

Ganz am Hause ruft eine kleine Nachteule: »Splju, Splju!« 

— Wie spat ist's jetzt? — fragte der Gast. 

— Nach ein Uhr. 

— Wie weit es aber noch bis zum Sonnenaufgang ist! 

Sie kehrten ins Haus zuruck und legten sich wieder hin. Man 
musste schlafen und gewohnlich schlåft es sich so gut vor dem Regen, 
aber dem Alten bedruckte etwas die Brust, es war ihm unangenehm 
und er schamte sich ein wenig, er hatte dem Gast nicht von der 



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DER PETSCHENJEG. 665 

Frau und den Kindern erzåhlen sollen. Wozu seine schmutzige Wåsche 
vor anderen waschen? Er hatte sich beklagt, ist er aber im Recht? 
Die Frau ist kein Mensch, das ist schon einmal so, aber um die 
Kinder miisste man sich wirklich mehr sorgen. Es ist kein Geld da, 
um sie etwas lernen zu lassen, das ist wahr, warum ist aber keins da? 
Darum, wei er, der Vater, rein nichts thut, sich um nichts kummert 
und seit er vom Dienst zuruckgekehrt ist, kein einzigesmal auch nur 
daran gedacht hat, dass man arbeiten muss, und sich die ganze Zeit 
mit den lumpigen paar Groschen begniigt, die ihm die Bauern als 
Pachtgeld fur seine Erde zahlen. 

Es verlangte ihn wieder nach wichtigen, ernsten Gedanken, er 
wollte nicht denken, sondern griibeln. Und er vertiefte sich in den 
Gedanken, dass es gut wåre im Angesicht des nahen Todes, um des 
Seelenheils willen diesen Mtissiggang aufzugeben, der unmerklich und 
unwiederbringlich die Tage und die Jahre verschlingt; man miisste 
sich irgend eine Heldenthat ausdenken, zum Beispiel irgend wohin 
weit, weit zu Fuss hingehen, sich vom Fleisch entsagen, wie dieser 
junge Mann. Und er dachte wieder an die Zeit, wo man keine Thiere 
tOdten wird, stellte sie sich klar und deutlich vor, als lebte er selbst 
zu dieser Zeit; aber mit einemmal gieng im Kopf wieder alles durch- 
einander und alles wurde unklar. 

Das Gewitter hatte sich verzogen, aber ein Rand der Wolken 
war geblieben, es regnete und die Tropfen trommelten leise iiber das 
Dach. Schmuchin stand auf, åchzte vor Altersschwåche, streckte sich 
und schaute in den Saal hine in. Als er merkte, dass der Gast nicht 
schlief, sagte er: 

— Wissen sie, bei uns auf dem Kaukasus war ein Hauptmann 
auch Vegetarianer. Er ass kein Fleisch, ging nie auf die Jagd und 
erlaubte seinen Leuten nicht zu fischen. Natiirlich, ich veretehe das. 
Ein jedes Thier muss in der Freiheit leben und das Leben geniessen ; 
ich verstene bloss nicht, wie ein Schwein, wo es ihm gefållt, ohne 
Aufsicht herumgehen kann? 

Der Gast erhob sich und setzte sich. Sein bleiches, verschlafenes 
Gesicht druckte Årger und Mudigkeit aus; man sah, dass er ganz 
abgequålt war und nur seine Sanftmuth und Feinfuhligkeit hinderten 
ihn, seinem Årger in Worten Luft zn machen. 

— Es tagt schon — sagte er sanft. — Lassen Sie mir, bitte, 
ein Pferd geben. 

— Aber warum ? Warten Sie bis der Regen aufhOrt. 

— Nein, ich bitte Sie — sagte der Gast flehend und erschreckt 
— ich muss durchaus sogleich fort. 

Und er begann sich eilig anzukleiden. 

Als man das Pferd anspannte, gieng schon die Sonne auf. 
Unten, in den PfQtzen spiegelten sich schuchtern die ersten Strahlen 
ab. DerAdvocat gieng mit seinem Portefeuille durch das Vorzimmer, 
um in den Wagen zu steigen, und wåhrenddessen sah ihn Schmuchins. 
Frau, die bleich, wie es schien noch bleicher als gestern, und ver- 



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666 TSCHECHOW. 

weint war, aufmerksam, ohne zu blinzeln, an, mit dem naiven Aus- 
druck eines kleinen Mådchens und man merkte ihrem traurigen Gesicht 
an, dass sie ihn um seine Freiheit beneidete — ach, mit welcher 
Wonne wåre sie selbst von hier fortgefahren ! — und dass sie ihm 
etwas zu sagen hatte, wahrscheinlich wollte sie ihn um einen Rath 
fur ihre Kinder fragen. Und wie armselig sie aussah! Das war 
keine Gattin, keine Hausfrau und sogar kein Dienstbote, sondern eher 
eine Geduldete, ein Nichts, eine arme Verwandte, die niemand nOthig 
hatte. IhrMann begleitete den Gast, indem er geschåftig hin und her 
lief, ohne im Sprechen innezuhalten und immer vorauseilte, und sie 
schmiegte sich ångstlich mit schuldiger Miene an die Wand und wartete 
immer auf einen passenden Moment, um zu sprechen anzufangen. 

— Wir bitten Sie schon, wiederzukommen ! — wiederholte 
der Alte ohne Aufhor. — Sie mussen bei uns damit vorlieb nehmen, 
was wir haben! 

Der Gast stieg rasch und offenbar mit grossem VergnQgen in den 
Wagen, als furchtete er, man wiirde ihn auf halten. Er blickte sich mit 
einem besonderen Ausdruck nach Schmuchin um ; es sah aus, als wollte 
er ihm, wie einst der Geometer, Petschenjeg oder irgendwas anderes 
zurufen, doch die Sanftmuth gewann die Oberhand, er uberwand sich 
und sagte nichts. Aber im Thorweg konnte er plotzlich nicht långer 
an sich halten, er erhob sich und rief laut und zornig: 

— Ich håbe Sie grundlich satt! 
Und verschwand hinter dem Thor. 

Am Stalle standen Schmuchins Sohne: der åltere hielt eine 
Flinte, der jungere hatte einen grauen Hahn mit einem hubschen, 
grellen Kamm in der Hånd. Der jungere warf den Hahn mit aller 
Kraft in die Hohe, er flog uber das Haus hinaus und drehte sich wie 
eine Taube in der Luft um ; der åltere schoss und der Hahn fiel wie 
ein Stein zu Boden. 

Der Alte war verblufft, da er nicht wusste wie und wodurch er 
sich diesen son de rb ar en, plotzlichen Zuruf des Gastes erklåren sollte 
und gieng langsam ins Haus. Er setzte sich hier an den Tisch und 
dachte lange uber die jetzige Geistesrichtung nach, uber die allgemeine 
Demoralisiertheit, uber diese unbegreifliche, wie besessene Jugend . . . 
Er dachte an den Telegraph, das Telephon, die Velocipeds, daran, 
wie unnothig das alles ist; allmåhlich beruhigte er sich, dann ass er 
langsam, trank fiinf Glas Thee und legte sich schlafen. 



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ZUR PSYCHOLOGIE ACTIVER NATUREN. 

Von GUSTAV LANDAUER (Friedrichshagen). 

I. 

Ich bin nicht der erste, der die Bemerkung macht, dass zwischen 
Psychologie und Schwåche, Décadence, Weichseligkeit, oder wie man 
das Ding nennen will, eine verhångnisvolle Verwandtschaft zu bestehen 
scheint. Ich meine: die modemen Dichter, die sich daran machten, 
psychologische Confficte, Seelenvorgånge uberhaupt darzustellen, sind, 
ob sie es wollten oder nicht, fast allesammt dazu gelangt, dass die Per- 
sonen, die sie uns vorfuhrten, Empfindliche, Obersensitive, Neurasthenische, 
Krankhafte, Epileptische oder Melancholiker waren. Selbst Ibsen ist 
davon nicht auszunehmen. Wo er frische, aggressive, tapfere That- 
menschen uns vorfuhrt, wie im Volksfeind und Nora, da ist er noch 
kein Psychologe, sowie er sich aber in die Seelen seiner Menschen 
zu vertiefen anfångt, wie im Baumeister Solness, Hedda Gabler, John 
Gabriel Borkmann, da haben sie alle einen Stich weg. Man denke 
an Dostojewskij, an Knut Hamsun, man wird dieselbe Beobachtung 
machen. Man kann auch die Gegenprobe anstellen: wir finden 
active Naturen bei Tschernischewskij, sogar bei Tolstoj, besonders 
auch bei Bjørnson (Ober unsere Kraft, zweiter Theil), aber diese be- 
gnugen sich mit der Schilderung åusserer Vorgånge, ihre Charaktere 
entwickeln sie nicht innerlich, sie stellen sie fertig vor uns hin. So 
ziemlich das einzigemal, wo Tolstoj psychologisiert, in der »Kreutzer- 
sonate«, ist der Client, mit dem er sich abgibt, ein Patient, der aus 
dem Mitleid mit sich selbst gar nicht herauskommt. Auf ein Beispiel, 
von dem man nicht recht weiss, ob man es grotesk oder tragisch 
nennen soli, brauche ich nur hinzuweisen: Strindberg. 

Woher kommt's? Man hatte genug von den unpsychologischen 
Haupt- und Staatsactionen, von den rhetorischen Tiraden, von den 
Posa-Posen. Man begab sich zunåchst zur Wirklichkeit, zum Milien, 
zum Naturalismus. Als man dann die breite Alltåglichkeit uber hatte, 
kam der Ruckschlag, der aber keine vOllige Ruckkehr war. Der Wider- 
wille vor alier Darstellung des Historischen, Heroischen, Freskohaften 
war geblieben, wenn nicht gesteigert: wenn aber das Cbermass von 
Kraft, die gesunde Ausnahmsnatur als theatralisch verpOnt und das 
GewOhnliche verekelt war, blieb nur noch das Schwåche, Matte, 
Weiche der Dekadenten ubrig. Das ist der eine Grund. Der andere 
ist der, dass die Psychologen es am bequemsten hatten, ihre Seelen- 
studien an ihrer eigenen Person vorzunehmen; und dass sie da nicht 



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668 LANDAUER. 

zur Darstellung activer Naturen kamen, wird nicht schwer zu begreifen 
scin. Wo sie sich doch einmal daran machten, einen Ausnahmskerl 
uns vorzufuhren, da machte es ihnen unsågliche Freude, ihn zu ver- 
kleinern und seine menschlichen Schwåchen aufzudecken, als ob sie 
tins zurufen wollten : Seht einmal diesen Napoleon, das war eigentlich 
ein Mensch, wie er ebensogut in Linz geboren sein konnte, nichts 
besonderes! Er war ein Traumer, ein Poet, ein Troubadour. Ein 
Held? Unsinn, Helden gibt's nicht. Allenfalls wird man ein Held, 
aber man ist nie einer! — 

Man erinnere sich aber noch einmal an den Naturalismus. Was 
wird von ihm ubrig bleiben? Und was ist heute schon, wenn nicht 
vergessen, so doch kaum mehr zu geniessen? Werden die Strichelei- 
kunste eines Arno Holz, wo aus Princip irgend eine beliebige Wirk- 
lichkeit nachgepinselt wurde, Gbrigbleiben, oder Zola's Germinal? 
Es ist heute schon nicht mehr die Frage. Germinal aber hat seine 
Bedeutung nicht wegen der Kunstform, auch nicht weil Wirkliches 
darin ist, sondern weil eine Massenbewegung vorgefuhrt wird, in der 
Grosse, Leidenschaft, Heroismus steckt, weil es keine kalt-objective 
Darstellung ist, sondern eine zornige und temperamentvolle. 

Und nun wende man sich einmal zu den Seelendichtern, den 
Schilderern innerlicher Vorgånge und Erlebnisse. Nehmen wir einen 
der allerbedeutendsten, Dostojewskij. Ich glaube, ich werde nicht der 
einzige sein, der ihm einwendet, dass er seinem Raskolnikow nicht 
ganz gerecht geworden, dass er sogar parteiisch gegen ihn gewesen 
ist. Ein Raskolnikow ist ein Altglåubiger ; nun, wåre Dostojewskij nicht 
altglåubig gewesen, so hatte sein Raskolnikow nicht unterliegen brauchen. 
Raskolnikow, ein junger, ungewohnlich begabter Student, bringt nahe 
am Verhungern, in der Gewissheit, er trage eine Seele und einen 
Geist in sich, den die Menschheit nicht entbehren kønne, ein altes, 
gemeines, wucherisches Weib um, ein Ungeziefer, wie sie wiederholt 
im Laufe des Romans genannt wird. Was uns so ungemein gepackt 
und interessiert hatte, das wåre die Vorfuhrung eines Menschen, der 
das thut und weiterlebt, ohne Reue, ohne sich in Verzweiflung um- 
stricken, ohne sich von einem guten, frommen Mådchen zum Christen- 
thum zuruckfuhren zu lassen, eines Mannes, der sich durchsetzt, dem es 
gelingt, der in die Hohe kommt. Oder der, falls die Gesellschaft stårker 
ist als er, doch seinen ganzen Stolz, seine Kraft, sein Wesen bewahrt. 
Einen Mann, der, falls er vor Gericht gestellt werden sollte, seine That 
auf sich nimmt, der da etwa sagt: 

»Ich håbe gearbeitet, um zu leben und um den Meinigen zum 
Leben zu geben, und so lange, wie ich und die Meinigen nicht uber 
das Mass gelitten haben, bin ich geblieben, was sie ehrlich nennen. 
Dann gieng die Arbeit aus und mit der Arbeitslosigkeit kam der Hunger. 
Da erst hat sich das Naturgesetz geltend gemacht, diese gebietende 
Stimme, die sich nicht beschwichtigen låsst; der Instinct der Selbst- 
erhaltung trieb mich dazu, etliche Thaten zu begehen, deren sie mich 
anklagen und deren ich mich schuldig bekenne. 



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ZUR PSYCHOLOGIE ACTIVER NATUREN. 669 

Richten Sie mich, meine Herren Geschwornen; wenn Sie mich 
aber verstanden haben, dann richten Sie, indem Sie mich verurtheilen, 
alle Unglucklichen, die das Elend, verbundet mit dem natOrlichen Stolze, 
zu Verbrechern machte und die mit einem guten Auskommen ehrliche 
Leute geblieben wåren! Ich wtinsche, dass Sie, die Sie mich zum 
Tode verurtheilen werden, das Andenken an diesen Spruch so leicht 
tragen møgen, wie ich meinen Kopf unter das Messer der Guillotine 
legen werde.« 

Ich meine, die Psychologie einer solchen ungewOhnlichen, alles 
Mass uberschreitenden Ausnahmsnatur, eines solchen gewaltthåtigen 
Angreifers, eines solchen Brechers aller Moral und alles Herkommens, 
wåre dankbarer, wåre vor allem bedeutungsvoller gewesen, als die 
Schilderung eines nervOsen Knaben, der alsbald bereut und Busse thut. 
Die Dutzendmenschen und die Dutzendmoral ist uns bekannt genug, 
und dass es Schwache gibt, die beim ersten Schritt uber die verbotene 
Schwelle ohnmåchtig zusammenbrechen, das vorzufuhren kann nicht 
eine der wichtigsten Aufgaben der Dichter und Propheten sein. 

Wir guten, braven Burger sind ja gegen Ansteckung von Seite 
der AussergewOhnlichen und Heroischen, die meistens bøse Menschen 
waren, geniigend gefeit, wir bleiben brav, habt keine Sorge. Wagt 
es getrost, uns zu zeigen, wie es in den Seelen der Besonderen, 
der Activen, der Masslosen aussieht; und wenn ihr einen mehr oder 
minder berechtigten Horror vor den Staatsactionen habt, so bleiben 
euch ja immer noch die Antistaatsactionen ubrig. 

Man kann mir einwenden, in der Aachen Hånd wachse kein 
Kornfeld, und ohne Modelle, oder wenigstens Studienobjecte lasse sich 
keine Psychologie solcher heroischer Naturen geben. Ohne die belgischen 
und nordfranzOsischen Bergarbeiter hatte Zola seinen »Germinal« auch 
nicht schreiben kOnnen. 

Nun, meinetwegen, zugegeben. Ich weiss zwar nicht, was flir 
Modelle Schiller fur seine »Rauber« beniitzt hat, vielleicht haben ihm 
die Triebe in seiner eigenen Brust dafQr geniigt. Aber ganz gewiss 
haben Kleist bei seiner Vorstellung des Michael Kohlhaas, dieses 
grandiosen Verbrechere, alte Chroniken gute Dienste gethan. 

Her damit! sagt Ihr mir vielleicht. Wo gibt es Menschen, die 
nicht nur ihren devastierten Trieben nachgehen, wenn sie in schauriger 
Weise von der Norm abweichen, sondern die sich bewussterweise 
Rechenschaft ablegen uber ihr Thun, die ein ungewOhnliches Mass 
und Måssigkeit Gberschreitendes Gewissen haben ? Wo gibt es Menschen, 
die auch nur imstande wåren, sich, nachdem sie an allem Heiligen 
und HerkOmmlichen gefrevelt haben, so zu vertheidigen, wie Du oben 
beim Beispiel des Raskolnikow als mOglich voraussetztest ? 

Genug gefragt. Es gibt solche Menschen. Und so sehr sie Ver- 
brecher sind, so sehr gegen die Norm und dårum interessant ist ihre 
Psyche. Sie verdienten es, unseren Gesetzen gemåss, hingerichtet zu 
werden ; sie verdienen es, den Gesetzen der Åsthetik gemåss, studiert und 
analysiert zu werden. Ihr habt dann fur eure modemen TragOdien 



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670 LANDAUER. — VERLAINE. 

wenigstens die BOsewichte, å la Richard der Dritte etc. Wo ihr die Guten 
hernehmt, ist eure Sache. Vielleicht denkt ihr an das Recept, das 
Heine erwåhnt, wie er einem Maler nachsagt, er schøpfe die Kameele, 
die er male, aus der Tiefe seines Gemuths. Das nåchstemal mehr 
von der Psychologie solcher Gbergenug activer Naturen. Fur heute 
sei nur noch eingeråumt, dass das Citat aus einer Rede vor Gericht, 
das ich gegen Dostojewskij anfuhre, nicht von mir erfunden, sondern 
historisch ist. Auch davon werde ich im weiteren noch zu reden haben. 

(Ein zwciter Artikel folgt) 



AUFZUG. 

(Cortége.) 



Ein Åffchen im Brocatgewand 
springt vor ihr her von Baum zu Baume, — 
sie ballt in handschuhschmaler Hånd 
ein Tuch mit feinem Spitzensaume. 
Ihr schwarzer Groom, roth costiimiert, 
kann kaum die Last der Schleppe halten, 
doch spåht er scharf nach allen Falten, 
wie das Gewand sich regt and ruhrt. 

Der Afife blinzelt unverwandt 

auf seiner Dame weisse Biiste, 

(die bei den Gottern ruhen musste 

im Taxusgriin am Gartenrand !) ; 

der Negerbursch hebt dann und wann 

die Last noch hoher auf — man hore! — : 

ob er es nicht erspåhen kann, 

was nåchtens seinen Schlummer store. 

Sie aber schreitet stolz und still 
hinan die breite Marmortreppe, 
und achtet nicht auf Hals und Schleppe 
und ihrer Thierchen freches Spiel. 

PAUL VERLAINE. 

Obersetzt von Max Bruns. 



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DIE ENGLANDER UND DIE FRANZOSEN IN DER 
JUBILAUMS-KUNSTAUSSTELLUNG. 

Von PAUL RITTER V. RITTINGER (Wien). 

II. 

Die Franzosen sind auf continentalen Ausstellungen in der Regel 
besser vertreten als die Englånder. Fur uns ist eben Munchen, fur 
die Munchner Paris das Centrum aller Kunst und in Paris beginnt 
erst jetzt die englische Kunst, als grosse und fertige durchzudringen. 
Es ist daher selbstverståndlich, dass bei uns, die wir alles Fremde via 
Munchen beziehen, und auch da nur sehr langsam, die Franzosen 
eine grOssere Rolle spielen als die Englånder. Sie fullen denn auch 
einen der geråumigsten Sale der Austellung zum guten Theile aus 
und sind vereinzelt auch an anderen Stellen zu treffen. Ihr Beitrag 
zur Jubilåumsausstellung bietet iibrigens gleichzeitig ein belehrendes 
Bild der franzOsischen Kunstbewegung iiberhaupt. Mit dem Naturalis- 
mus geht es augenscheinlich bergab. Der Einfluss Moreaus hat uber den 
Courbets triumphiert und die interessantesten Maler unter den Fran- 
zosen sind nicht mehr Millet, Lepage, Roll, Ribot, sondern Puvis de 
Chavannes, Besnard, Martin und alle die anderen, die Muther unter 
dem Schlagworte des »neuen Idealismus« zusammenfasst. Freilich geht 
dieser Process in Frankreich langsamer vor sich als in anderen Låndern, 
z. B. Belgien, das mit Riesenschritten der absoluten Herrschaft des 
Symbolismus zueilt, aber man darf auch nicht vergessen, dass Frank- 
reich das Land ist, wo Barbizon und Fontainebleau liegen, die beiden 
Punkte, von denen der gesammte continentale Naturalismus seinen 
Ausgang genommen hat. Millets Geist ist in Frankreich ebenso 
schwer auszurotten als der Ruskins in England, und es wird jedenfalls 
noch lange dauern, bis die »Maler des Lebens«, nach der Methode 
Zolas, vollståndig aus den Pariser Salons verschwunden sind. Bei 
uns in Wien sind sie naturlich auch vertreten, wenngleich in einer 
geringen Minoritåt gegenuber den »Neuidealisten«. Da ist zunåchst 
ein Bild von Julien Dupré zu nennen, der noch zu der ålteren Garde 
dieser Richtung gehOrt und von den barbarischen Triumphen der 
Spåteren noch nichts in sich hat. Er malt ganz einfach eine Scene 
aus der Erntezeit, wie man das in Wien genau so thun kOnnte, 
ohne uber das unschuldige Niveau unseres allgemeinen KOnnens 
hinauszuragen. Das einzige unterscheidende Merkmal an der Kunst 
Duprés — obwohl das geråde an diesem auffallend kalt gemalten Bilde 



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672 RITTINGER. 

weniger hervortritt — istder ausgesprochene Erdgeruch, der schliesslich 
das eigentliche Ziel der franzOsischen Realisten geworden ist und 
Wiener Bildern desselben Gegenstandes vollståndig abgeht. Fur den 
Franzosen ist die Natur eben etwas ganz anderes als fur uns oder 
gar fiir den Englånder, den Schwårmer fur country houses, der das 
rauchige und larmende London flieht, um draussen etwas zu finden, 
was erfreut und des Genusses wert ist. In Frankreich ist die ganze 
grosse Natur einfach >la terre« und damit ist alles gesagt. Sie hat 
die materielle, zeugende Kraft des Dungers, denn der Dunger ist das 
Leben der Erde, und was daruber hinausliegt, ist Unsinn und alter 
Schwindel. Ein Vergleich von Duprés Bild mit dem von Davis in 
der englischen Abtheilung wird das Gesagte erlåutern. Das heitere, 
intime Leben in dem Bilde des Englånders und die starke, derbe 
Naturkraft in dem des Franzosen. Man sehe sien nur das Paar Ochsen 
auf Duprés Bild an, wie famos die gemalt sind. Alles, was sich fur 
uns mit dem Begriffe des Rindes, des stumpfen Wiederkåuers ver- 
bindet, ist da wiedergegeben mit derselben bewunderungswurdigen 
Schilderungskraft, in der Zolas Romane geschrieben sind, aber von 
<ten kleinen, erfreuenden Stimmen der Natur ist nichts darin zu finden. 
Gross, breit und schwer ist der Naturalismus der Franzosen, klein, intim 
und freudig der der Englånder. 

Binet, der in demselben Saale ausgestellt hat, gehOrt eigentlich 
schon nicht mehr zu diesen echten Naturalisten von Barbizon, wie 
denn uberhaupt fur die tausend Richtungen der franzOsischen Kunst 
viel schwerer der einheitliche Grundaccord sich finden låsst, als fur 
die grosse, nationale der Englånder. Binet bildet schon den Ober- 
gang zu jener eigenartigen nordfranzOsischen Gruppe der Bretons, 
er sucht in seinen Bildern die »Stimmung«. Dabei steht er aber durch- 
aus auf naturalistischer Grundlage, sogar viel ausgesprochener als 
Dupré, und arbeitet seine Stimmungen lediglich in den cruden Farben 
und dem breiten Impressionismus der Roll, Manet etc. Seine Stimmungen 
bleiben uns Wienern dårum auch meistens unverståndlich. Die Mache 
ist zu roh, zu derb und hindert uns, das zu sehen, was hinter der 
Mache ist. Wer von uns empfindet vor Binets rOthlich ubertunchtem 
Bilde die Poesie des hereinbrechenden Abends? Und doch ist Binet 
Unter den franzOsischen Naturalisten Stimmungsmaler par excellence, 
der Maler des Herbstes, der fallenden Blåtter, der wogenden Korn- 
felder und der unklaren Dåmmerungen an der Neige des Tages. Diese 
Stimmungsmalerei werden wir Wiener aber solange nicht verstehen, 
als bei uns alle Stimmung ausnahmslos das Monopol der Glatte und 
Gefålligkeit ist. 

Ein anderer Maler, der eine Richtung gegrundet hat, die parallel 
mit dem Naturalismus von Barbizon låuft und eigentlich die Kunst 
im zweiten Kaiserreich ausmacht, ist der Elsasser Henner, der gleich- 
falls im Kunstlerhaus ausgestellt hat. Er ist es, der als erster — die 
verkannten Vereuche Prudhons abgerechnet — die in der franzOsischen 
Kunst so tief eingewurzelte Nacktmalerei wieder ins Leben gerufen 



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ENGLÅNDER u. FRANZOSEN i. D. JUBILÅUMS-KUNSTAUSSTELLUNG 673 

hat, nachdem sie unter dem strengen Regime Davids fur alle Zeiten 
verbannt zu se in schien. Die warmen> Reize des nackten Frauenfeibes 
sind seit der Zeit der alten Venezianer vietfeicht nie mit sokiem 
Raffinement in Farbenglut und Lichtwirkung dargestellt worden als 
bei Henner. Er kennt alle die heimlichen Tone, die sich aus dem 
Dunkel des Hintergrundes loslOsen bis in die wårmsten fteflexe der nackten 
flaut und in. ihrem lippigen Farbenzauber die beredteste Sprache des 
Fleisches sprechen. Die Dåmmerung und »Le Nu«, das ist die Devise 
von Henners Kunst, und sie ist ebenso eine Tochter der grossen 
„terre 4 *, wie der riicksicbtslose Naturafismus MilTets. 

Werchen riesigen Umfang diese Richtung nach Henner ge* 
nommen hat, ist bekannt, und alle die zahllosen Maler, die lediglich zum 
Zwecke der Pikanterie alljåhrlich die Wånde der Salons mit weib- 
lichen Acten von sehr verschiedenem kiinstlerischen Wert ubersåen, 
stehen ausnahmslos auf seinen Schultern. Einer von ihnen, Collin, der 
hauptsåchlich durch den weichen Schmelz der Farbengebung und 
seine fehlerhafte Zeichnung hervorragt, hat auch bei uns ausgestelft. 
Sein kleines Bild hångt in. dem Saale der Englånder und ist? von 
untergeordneter kunstlerischer Bedeutung. 

Wenn man von diesen ålteren Richtungen den Schritt zu den 
modernsten im Kiinstlerhause vertretenen Franzosen thut, den so* 
genannten »Neuidealisten«, wird man zuerst ganz rathlos dastehen. 
Wie hangen diese Neuen- mit den Ålteren zusammen? Ist das iiber- 
haupt noch dieselbe Kunst, dasselbe Vblk, das wir da vor uns haben? 
Puvis de Chavannes, Jean- Aman, was haben die mit jenen anderen 
zu thun? Nichts, einfach nichts. Und das ist auch- wahr und erklart 
sich wieder daraus, dass die franzOsische Kunst eben ilberhaupt kein 
organisches Ganzes ist wie die englische. Puvis de Chavannes, der 
abstracte Hellenist, hat mit den ubrigen gar nichts gemeiu, er ist 
eine Erscheinung fur sich allein. Und Jean Aman, dér dieses mystische, 
fleischlose Mådchen im weissen Kleide ausgestellt hat, ist von< den 
englischen Pråraphaeliten und dem discreten Farbensymphonisten 
Whistler weit mehr abhångig, als von seinen eigenen Landsleuten. 
Das sind eben Ausnahmen,. wie es solche ja auch in England- gjfet, 
und der tJhtersctiied ist nur der, dass die englischen Ausnalimen eben 
wirklich nur ausnahmsweise vorkommen, wåhrend sie in* der fran- 
zOsischen Kunst zu- Richtungen ausgewachsen sind, die sich an Be- 
deutung ebenbiirtig neben die echt franzOsische stellen kOnnen. 

Wie diese echt franzOsische Richtung aussielit, das kOnnen wir 
im Kiinstlerhause. ganz gut verfolgen, und zwar zunåchst an dem 
grossen Bilde von Rbchegrosse. Rochegrosse gehOrt mit dem ålteren 
Tbudouze, dem Maler vort »Sodoms Ende« und- dem heissblutigen 
Colbristen Regnault in eine Kategohe. Die Einflusse, die auf diese 
Gruppe von Ktinstlérn gewirkt haben, gehen einerseits auf Délaoroix 
zuruck, andererseits auf die spåtere Generation* der Naclctmalér, von 
denen sie besondérs* die virtuose Behandlung des Fleisctitones jplernt 
Haben, die- ja eine von Rochegroases stårksten Séiten bildet k Delacroix' 



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674 RITTINGER. 

Erbtheil ist bei Rochegrosse nach den grossen Triumphen, die er mit 
seinen Bildern »la mort de Cesare« und »la chute de Babylone« 
gefeiert hat, zu theatralischer Pose erstarrt, und jeder unparteiische 
Besucher der Ausstellung wird sich sagen mussen, dass in dem kleinen, 
gleichnamigen Bilde von Leempoels, wo man von den Menschen 
nichts als die Hånde sieht, viel mehr und viel Stårkeres gesagt ist 
als in dem von Rochegrosse, wo riesige Flåchen und eine Menge 
ganzer Menschenleiber uber die Mattigkeit des Temperaments vergeblich 
hinwegzutåuschen suchen. Aber eines bleibt doch uber, wenn auch 
das KOnnen fehlt, das grosse Wollen nåmlich, und die ausgesprochene 
Richtung, nach der dieses Wollen liegt, låsst uns auch den richtigen 
Weg in das grosse Labyrinth der modernsten franzOsischen Kunst 
finden. Das Leben der grossen »terre« ist zum wilden Leben der 
Sinne, der entfesselten thierischen Leidenschaften geworden. Baudelaires 
gluhende Phantasien kommen aus diesen Sinnen, sie sind nichts als 
ein Rausch, und dieser Rausch bleibt in den Nerven, ohne je den Weg 
zur grossen, verklårten Ekstase eines Burne-Jones zu finden. 

Die Maler der franzOsischen Moderne stehen diesem Sinnen- 
rausch verschieden gegeniiber. Entweder sie leben ihn selbst durch 
in unbewusstem Naturdrange, wie der grosse Farbenorgiast Besnard, 
oder sie treten speculativ an ihn heran, studieren ihn, lernen seine 
Geheimnisse wie Årzte, und was sie dann schaffen, ist gemalte Philo- 
sophie. Ein Kunstler dieser Art ist Henri Martin. Sowohl Besnard als 
Martin sind im Kiinstlerhaus vertreten, aber durch Bilder, die uns von 
ihrer Kunst so gut wie gar nichts sagen. Martin hat einen Frauenkopf 
»Studie« ausgestellt, aus dem man geråde nur entnehmen kann, dass 
er in der Technik der Pointillisten arbeitet, und von Besnard haben 
wir in der Secession mehr und Bedeutenderes gesehen und kOnnen 
also fuglich auf das kleine Bild im Kiinstlerhaus verzichten. 

Dagegen mOchte ich auf ein Bild von Jean Veber aufmerksam 
machen, das im Saale der Englånder nahe bei dem Collins hångt. 
Veber gehOrt mit Martin zu den speculativen Kunstlern, den Maler- 
philosophen, und zwar ist er von allen vielleicht der riicksichtsloseste. 
Das kleine Bild im Kunstlerhause sagt aus sich selbst heraus allerdings 
ebenso wenig als das Martins, aber man wird es an der Hånd eines 
anderen Bildes verstehen lernen, das der Kunstler vor zwei oder drei 
Jahren in Paris ausgestellt hat. Dieses andere Bild tragt den Titel 
»rhomme aux poupées« und stellt einen biassen, modem gekleideten 
Mann vor, der in sich zusammengesunken auf einem Divan sitzt und 
in seinen zitternden Hånden eine staubige Puppe halt, die ihn mit 
einem Faden erwurgt. An der Wand hangen andere Puppen, Todten- 
kopfe darunter, und am Boden liegt eine zerbrochene, die eine betende 
Frau mit Heiligenschein voretellt. Und der Mann starrt mit fiebrig- 
gltihenden Augen auf die Puppe, die ihn erwurgt, die Puppe ist ja 
seine Passion, seine Illusion, wie's auch die andere war, die jetzt zer- 
brochen am Boden liegt. Wird die Puppe den Mann erwurgen, oder 
wird der Mann die Puppe zerdriicken in der heissen Glut seines 



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ENGLÅNDER u. FRANZOSEN i. d. JUBILÅUMS-KUNSTAUSSTELLUNG 675 

Fiebertraumes ? Aber wir sind bald daruber belehrt. Da neben ihm am 
Divan liegt ein dickes, nacktes Weib. Das Weib ist håsslich, von 
einer roben Håsslichkeit, es debnt sicb faul und gåbnt. Und das Weib 
ist die Natur, »la Nature seule, cette femme bestiale qui dort étendue, 
la Nature est sereine et immortelle«. 

Das kleine Bild im Kunstlerhaus bedeutet etwas Åbnlicbes. Da 
ist wieder das dicke, nackte Weib > cette femme bestiale« und spielt 
mit abgescblagenen Månnerkopfen ein grauenbaftes Spiel. Aber das 
Weib lacht rob und stemmt den Arm in die Hufte, sie ist ja »la 
Nature, la Nature, qui est seule, sereine et immortelle«, was haben 
da Månnerkopfe und zerknickte Illusionen zu bedeuten. Es ist etwas 
von dem Geiste Félicien Rops\ das einem in diesen Bildern von 
Veber begegnet, und das Lacben vergeht einem vor ihnen ebenso 
grundlich, wie in Ibsens »Gespenstern«. Mich wenigstens hat kaum 
irgend ein anderes Bild so dåmoniscb berubrt wie dieser »bomme aux 
poupées«, dieser bleiche, nervOse Moderne mit der grossen bestialiscben 
Natur neben sicb, die das Weib ist, dem er sicb verschworen hat. 

Mit der Erwåhnung dieser Bilder glaube ich das Interessante 
in der franzosischen Abtheilung der Jubilåums-Ausstellung so ziemlich 
erschopft zu haben und verweise nur noch auf die Bilder von Jacques 
Emile Blanches und Fritz Thaulow, dem hochbegabten in Dieppe 
lebenden Norweger, der wie wenig andere in die malerischen Geheim- 
nisse des fliessenden Wassers eingedrungen ist. 



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NOTIZÉN. 



fetfcHKRITIK. 

Feine, edle, zarte Damen, leset 
»AllerhOchst Plaieir«, die Ge- 
schichte der Si arie- Anne' Re- 
ve ntlov, von Éirger MOrner, 
Verfag S. Éischer. Ehre den 
Dichtern, den Kunstlern, die mit- 
ihren zarten Mittelh fur die »In- 
thronisation« der Frauenseele ein- 
treten. Indém sie die »urierhOrtén« 
und »ubertriebenen« Anspruche 
dieser »Seele gewordenen« Organi- 
sationen festzustellen suchen, 
zwingen sie den Mann, dieses 
»conservativére Element«, seirie 
eigenen hochsten und letzten Ent- 
wicklungsstufen zu erklimmen, um 
jenen »hysterischen Anspriichen« 
der Frauenseele genugen zu kørinen ! 
Je grOsser, je romantischer, je 
hysterisch-idealer die Anspruche 
der Dame an den Herren sind, 
desto eindringlicher wird dieser 
gezwungen werden, seine conser- 
vative Organisation in neue hohere 
Entwicklungen zu treiben! Das 
»Sein« dem »Werden« zu opfern! 
Die Anspruche der »Normal- 
Frau« erheben die Unzulång- 



lichkeiten zu Endgiltigkeiten I 
. Éine Éame, welcne bereits durch 
I eine unvornehme Halturig. schwer- 
fålligen Gong, unedle Geberden- 
spracrie desillusioniért wufde, wåre 
allein fur sich im Stande, eine 
ganze Reine von Verehrern zu 
einer Weiter-Éntwicklung ihrea 
etWas vernachlåssigten Organismue 
. anzuregen, sie zu »Griechen« zu 
machen. Ehre jenen, welche dii 
\ wirklichen Anspruche der Frauen- 
seele und ihre namenlosen Ént* 
tåuschungen zum Thema ihrer 
kunst machen. Was erwartet BO 
ein sanfte6tes, mildestes Frauen- 
jAntlitz des Burne -Jones vom 
Dianne ? ! Was h jngegen wunscht 
[ die frische Kuh-Dirne des 
' Éefregger ? ! Ehre dem Dichter 
der Marie Anne Reventlov, Birger 
MOrner! Einen »inneren Konig« 
suchte sie, einen »åusseren KOnig« 
fand sie, schlåferte in Demuth 
ihfe kindlichen Ideale ein. Marie 
Anne Reventlovs, die Ihr »innere 
Kttnige« sucht, leset die Geschichte 
der Marie Anne Reventlov, von 
Birger MOrner, S. Fischer Verlag I 
Teter Altenberg. 



Herausgeber: Gustav Schoenaich, Felix Rappaport 
Verantwortlicher Redacteur: Gustav Schoenaich. 

K. k. Hoftheater-Druckeret, Wien, I., Wollzeile 17 (Veraotwortlich A. Rimrich.) 



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^/iener J^undsehau. 



1. AUGUST 1898. 



MAX STIRNERS LEBEN UND WERK. 
Von MAX MESSER (Wien.) 

Unter grossen MUhseligkeiten ist es John Henry Mackay gelungen, 
die Biographie Stimers fertig zu stellen.*) Vor zehn Jahren hatte er 
begonnen, nach den Lebensumstånden des verschollenen Denkers zu 
forschen, in der Øberzeugung, dass irgend etwas Ausserordentliches in 
ihnen zu finden sein werde. Aber was sich aus den spårlichen Ober- 
resten sammeln liess, bewies nur, dass das Leben Max Stimers 
ereignislos, einfach, leer von åusseren Erlebnissen gewesen war. 
Schliesslich erkannte er, dass es eine Thorheit war, sich Stimers 
Leben gleichsam in rauschender, heftiger Bewegung vorzustellen und 
dass dieses, weit entfernt im Gegensatz zu seiner grossen That zu 
stehen, vielmehr der klare und schlichte Ausdruck ihrer letzten Lehre 
war: das Leben eines Egoisten, der wusste, dass er es war! 

In Bayreuth, am 25. October 1806, wurde Johann Caspar Schmidt 
als Sohn eines »biasenden Instrumentenmachers« geboren und genoss 
hier als ein »guterund fleissiger« Schiller die Erziehung des stådtischen 
Gymnasiums. Von dem inneren Leben, das der Knabe und Jfingling 
bis zu seiner Reise an die Berliner UniVersitåt fuhrte, ist keinerlei Kunde 
erhalten. An der Hochschule immatriculierte er sich als HOrer der philo- 
sophischen Facultåt, die damals eine Reihe glånzender Namen aufwies. 
Nach zwei Jahren verlåsst er Berlin und studiert bis zum Jahre 1832 in 
Erlangen und KOnigsberg, um dann, wieder in Berlin angelangt, sich dem 
Lehrerexamen zu unterziehen. I 1 /« Jahre verbrachte er als Schulamts- 
candidat an der kOniglichen Realschule. Am 12. Dezember 1837 
heirathete er die Tochter seiner Wohnungsgeberin, Agnes Burtz. Die, 
wie es scheint, stille, friedvolle, leidenschaftslose Ehe wird durch den 
Tod der Frau schon im nåchsten Jahre gelOst. Nun nahm Stimer eine 

*) Berlin 1898. Verlag von Schuster & Loeffler. 

5« 



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678 



MESSER. 



Stelle als Lehrer bei einer privaten Mådchenschule an. Am 1. October 
1844 gab er dieses Amt auf, um von nun an nie wieder in seinem 
Leben eine Offentliche, wie immer auch geartete Stellung zu bekleiden. 
In diese Zeit fållt der håufige Verkehr Stimers mit den »Freient, 
einer Gesellschaft radicaler Menschen, die in ungezwungener, bohemischer 
Art den Genuss der Zerstreuung und gleichzeitig Anregung zur geistigen 
Arbeit und Entwicklung bei einander suchten und fanden. Der damals 
beriihmte Freigeist Bruno Bauer bildete gleichsam das Centrum dieses 
Kreises, der nie geschlossen war, sondern allen zugånglich, in steter 
Verånderung blieb. Stimer wurde eines der beliebtesten Mitglieder, da 
er einerseits zu liebenswurdig, andererseits zu reserviert und von 
unerschutterlich gleichmåssiger Ruhe des Charakters war, um sich je 
Feinde zu schaffen. Man nannte ihn scherzweise, wegen seiner auf- 
fallend hohen Stime, Stimer. Johann Caspar Schmidt nahm diesen 
Namen an und setzte ihn unter sein unsterbliches Werk, »Der Einzige 
und sein Eigenthumc. 

Am 21. October 1843 verheirathete sich Stimer zum zweiten- 
male: mit Marie Dåhnhardt, der er die erste Ausgabe seines 
Werkes widmete. Nach einigen glucklichen Jahren ihrer in Freiheit 
gefuhrten Ehe, trat eine Entfremdung zwischen den Gatten ein, die 
endlich zur Scheidung fuhrte. Stimer starb 1856, Marie Dåhnhardt 
lebt noch; nach vielen Sturmen und abenteuerlichen Erlebnissen zog 
sie sich nach London zuruck, wo sie einsam, ungekannt, jede intimere 
Nachricht fiber den fruheren Gatten beharrlich verweigemd, wie es 
scheint, in religiOsen Wahnsinn verfallen ist. 

»Der Einzige und sein Eigenthum« und sein Autor erlebten einen 
intensiven, aber nach einigen Jahren gånzlich verløschenden Ruhm. 
Das Jahr 1848 hatte mit seiner Sturmfluth alles vorher Geschaffene 
uberstromt und verdeckt. Als dann die Ebbe der Reaction eintrat, 
blieb das Werk Stimers unter dem ungeheuren Schutt, den die Revo- 
lution hinter sich liess, verborgen. Ja auch das Leben Stimers ist seit 
dieser Zeit fast unbekannt. Man weiss nur, dass Stimer, als das letzte 
Mittel, mit dem er sich Okonomisch sichern wollte, eine im Grossen 
betriebene Milchwirtschaft, schnell verkrachte, ins Elend gerieth, 
und dass der Philosoph, nachdem er sich 1847 von seiner Frau trennen 
liess und 1852 den ersten Band einer »Geschichte der Reaction« 
herausgegeben hatte, in grOsster Einsamkeit, fem von den fruheren 
Genossen, von seinen Glåubigem bis zur Schuldhaft bedrångt, den 
Schluss seines Lebens verbrachte. Er starb am 25. Juni 1856. 
Ungefåhr nach dreissig Jahren begann seine Wiedergeburt. John 
Henry Mackays unermudiich liebevoller Arbeit und geistiger Agitation 
verdankt man es, dass aus dem Schutt der Vergessenheit gezogen 
wurde, was es noch an spårlichen Nachrichten fiber den Verfasser 
jenes Werkes gab, welches nach dem Ausspruch eines franzøsischen 
Kritikers »un livre qu'on quitte monarque« ist. 

Aber auch diejenigen, welchen an den Biographien, den Lebens- 
ereignissen grosser Månner weniger daran liegt, als an deren Werken, 



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MAX STIRNERS LEBEN UND WERK. 679 

hat Mackay zu Dank verpflichtet. Denn er gab gleichzeitig mit seiner 
Biographie eine Sammlung von Stimers noch erhaltenen kleinen Schriften 
heraus.*) Die Aufsåtze uber das »Princip der Erziehung« und uber 
»Kunst und Religion« verdienen heute noch die vollste Beachtung. 

Ober den »Einzigen und sein Eigenthum« ist es in unseren 
Tagen nicht mehr nothwendig, erklårend oder berichtend zu schreiben. 
Jedem ist das Buch zugånglich, åusserlich und innerlich. Seine Worte 
und Gedanken sind so lutherisch klar und eindringlich, sein Thema von 
der Souverånitåt des Individuums, seine Unvergleichlichkeit und 
E i n z i g k e i t ist auf so festen Grunden gebaut , dass eine 1 o g i s c h e Weiter- 
erklårung oder logische Bekåmpfung von vornherein unmøglich scheint. 

Diesem Buche sollten die beiden Essays uber das Princip der 
Erziehung und uber Kunst und Religion als Ebenburtig-Unvergångliches 
angefugt werden. Der erste Essay behandelt die Frage: »bildet man 
unsere Anlage, Schøpfer zu werden gewissenhaft aus oder behandelt 
man uns nur als GeschOpfe, deren Natur bloss eine Dressur zulåsst?« 
eine noch immer leider actuelle Frage. Das Vergangene zu fassen, 
lehrte der Humanismus, das Gegenwårtige zu ergreifen, lehrte der 
Realismus. Beides fuhrt nur zur Macht Uber das Zeitliche. Ewig 
ist nur der Geist, der sich erfasst. Die Humanisten haben darin Recht, 
dass es vornehmlich auf die formelle Bildung ankommt — darin 
Unrecht, dass sie diese nicht in der Bewåltigung jedes Stoffes finden; 
die Realisten verlangen das Richtige darin, dass jeder Stoff auf der 
Schule angefangen werden miisse, dass Unrichtige darin, wenn sie 
nicht die formelle Bildung als Hauptzweck ansehen wollen. Die 
Pådagogik werde denjenigen anvertraut, die mehr sind als Philosophen, 
dårum aber auch unendlich mehr als Humanisten oder Realisten. Die 
letzteren haben den richtigen Geruch, dass auch die Philosophen 
untergehen mussen, aber keine Abnung davon, dass ihrem Untergange 
eine Auferstehung folgt: sie abstrahieren von der Philosophie, um 
ohne sie in den Himmel ihrer Zwecke zu gelangen, sie iiberspringen 
sie und — fallen in den Abgrund eigéner Leerheit, sie sind, gleich dem 
ewigen Juden, unsterblich, nicht ewig. Nur die Philosophen kønnen 
sterben und finden im Tode ihr eigentliches Selbst; mit ihnen stirbt 
die Reformations-Periode, das Zeitalter des Wissens. »Ja, so ist es, 
das Wissen selbst muss sterben, um im Tode wieder aufzubluhen als 
Wil le«. . . . Man bemerkt, dass in diesen Såtzen Stimers der Kern- 
punkt der Schopenhauer -Wagnerischen Weltanschauung schon enthalten 
ist. Hier ist die Idee der BriinhildentragOdie in Wagners Werk, der 
kiinstlerischen Symbolik entkleidet. Die weltbewegende, sich und die 
Welt erlOsende That ist der Allwisserin nur mOglich, gegen das 
Wissen entstehend, aus seinem Tode erbluhend als Wille. . . . Man 
sehe weiter, wie einzelne Grundgedanken Nietzsches und der modemsten 
Geistesentwicklung hier klar auftauchen ! »Das Wissen und seine Freiheit 

*) Max Stimers kleinere Schriften und seine Entgegnungen auf die 
Kritik seines Werkes »Der Einzige und sein Eigenthum«, aus den Jahren 
1842-47. Berlin 1898. Schuster & Loeffler. 



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680 MESSER. 

war das Ideal jener Zeit, das auf der Hohe der Philosophie endlich 
erreicht wordtn ist. Mit der Philosophie schliesst unsere Vergangenheit 
ab und die Philosophen sind die Raphaele der Denkperiode, an welchen 
das alte Princip in leuchtender Farbenpracht sich vollendet und durch 
Verjungung aus einem zeitlichen ein ewiges wird. Wer hin fort das 
Wissen bewahren will, der wird es verlieren; wer es aber 
aufgibt, der wird es gewinnen. . . . Alles Grosse muss zu 
sterben wissen und durch seinen Hintritt sich verklåren. . . . (Noch 
einmal die Wagnerische Idee). Das rechte Wissen vollendet sich, 
indem es aufhort Wissen zu sein und wieder ein einfacher, mensch- 
licher Trieb wird — der Wille. . . .« — Mit diesen Gedanken ist der 
Entwicklungsdrang unserer Zeit zum Primitiven, zur Einfachheit, des 
naturlich bestimmten Wesens vorausgeahnt und zugleich die Ober- 
nahme der geistig-seelischen Schicksale der Menschheit aus den Hånden 
der »Philosophen«, der abstracten Forschung in die Hånde der 
Kiinstlerdenker, dieser neuen, hOchsten Geschopfe der Menschheit, 
welche berufen sind, sie durch lebendige Kunstthaten zugleich als 
Denker, Kunstler und religiøse Apostel, eine neue Einheit und Zusammen- 
fassung und Auflosung des bisherigen Complexes von Geist, Seele und 
Herz repråsentierend, den Zukunftsweg zu fuhren. Horen wir weiter 
die Såtze Stimers aus dem Jahre 1842, die so klingen, als wåren sie 
von heute oder von morgen: »Etwas ganz anderes aber sind Menschen, 
in denen die Totalitåt ihres Denkens und Handelns in steter Bewegung 
und Verjungung wogt und etwas anderes solche, die ihren Ober- 
zeugungen treu sind: die Oberzeugungen selbst bleiben unerschiittert, 
pulsieren nicht als stets erneutes Arterienblut durch das Herz, erstarren 
gleichsam als feste Karper und gelten obendrein als etwas Heiliges. 
So mag die realistische Erziehung wohl feste, tuchtige, gesunde 
Charaktere erzielen, unerschutterliche Menschen, treue Herzen und das 
ist fur unser schleppentrågerisches Geschlecht ein unschåtzbarer Gewinn ; 
allein die ewigen Charaktere, in welchen die Festigkeit nur in 
dem unablåssigen Fluthen ihrer stundlichen SelbstschOpfung 
besteht, und die dårum ewig sind, weil sie sich in jedem Augenblicke 
selbst machen, weil sie die Zeitlichkeit ihrer jedesmaligen Erscheinung 
aus der nie welkenden und alternden Frische und Schopfungsthåtigkeit 
ihres ewigen Geistes setzen — die gehen nicht aus jener Erziehung 
hervor. Der sogenannte gesunde Charakter ist auch im besten Falle 
ein starrer; soli er ein vollendeter sein, so muss er zugleich ein 
leidender werden, zuckend und schaudernd in der seeligen Passion 
einer Verjungung und Neugeburt. So laufen denn die Radien alier 
Erziehungen in dem einen Mittelpunkt zusammen, welcher PersOn- 
lichkeit heisst. Das Wissen, so gelehrt und tief, oder so breit und 
fasslich es auch sei, bleibt so lange doch nur ein Besitz und Eigenthum, 
als es nicht in dem unsichtbaren Punkt des Ichs zusammengeschwunden 
ist, um von da an als Wille, als ubersinnlicher und unfasslicher 
Geist allgewaltig hervorzubrechen. Das Wissen erfåhrt diese Umwandlung 
dann, wenn es aufhørt, nur an Objecten zu haften, wenn es ein 



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MAX STIRNERS LEBEN UND WERK. 68l 

Wissen von sich selbst oder falls dieses deutlicher scheint, ein Wissen 
der Idee, ein Selbstbewusstsein des Geistes geworden ist. Dann ver- 
kehrt es sich, sozusagen in den Trieb, den Instinct des Geistes, in ein 
bewusstloses Wissen, von dem sich jeder wenigstens eine Vor- 
stellung zu machen vermag, wenn er es damit vergleicht, wie so 
viele und umfassende Erfahrungen bei ihm selbst in das einfache 
GefQhl sublimiert werden, das man Takt nennt: alles aus jener 
Erfahrung gezogene, weitlåufige Wissen ist in ein augenblickliches 
Wissen concentriert, wodurch er im Nu sein Handeln bestimmt. Dahin 
aber, zu dieser Immaterialitåt muss das Wissen durchdringen, indem 
es seine sterblichen Theile opfert und als Unsterbliches — Wille 
wird. . . . Soli daher am Schluss noch einmal ausgedriickt werden, 
nach welchem Ziele unsere Zeit zu steuern hat, so liesse sich der 
nothwendige Untergang der willenlosen Wissenschaft und der Aufgang 
des selbstbewussten Willens, welcher sich im Sonnenglanz der freien 
Person vollendet, etwa folgendermassen fassen: das Wissen muss 
sterben, um als Wille wieder aufzuerstehen, und als freie Person 
sich tåglich neu zu schaffen«. . . . Man sieht, dass Stimer in diesen 
letzten Såtzen eigentlich das Wesen des Genies und der Intuition 
bezeichnet und kann daraus ermessen, an welche Hohen der Menschheits- 
entwicklung er gedacht haben musste, um diese Grundsåtze der 
allgemeinen Erziehung anzuempfehlen. . . . Von gleicher Tiefe und 
Klarheit ist der Essay »Kunst und Religion«, ebenfalls im Jahre 1842 
verOffentlicht. Ergeht davon aus, dass der Mensch in sich selbst ein 
Jenseits håbe; d. h. dass er im thierischen und nattirlichen Zustande 
sich nicht geniige, sondern ein anderer werden mtisse, fur den gegen- 
w år ti gen Menschen sei aber wohi der andere, der er werden soli, ein 
Zukunftiger, ein J en se i tiger. Diese Entzweiung des Menschen in einen 
Se i en den und in einen Jenseitigen ist der Beginn seiner Entwicklung. 
Die Kunst schafft Entzweiung, indem sie dem Menschen das 
Ideal entgegenstellt, der Anblick des Ideales aber, der so lange dauert, 
bis vom unverwandten, gierigen Auge das Ideal wieder eingesogen 
und verschlungen worden, heisst Religion. Darum weil sie ein Anblicken 
ist, bedarf sie des O bj eet es, das ihm die Kunst schaffen muss. Hier 
liegen alle Qualen, alle Kåmpfe von Jahrtausenden; <Jenn furchterlich ist 
es, ausser sich zu sein und ausser sich ist jeder, der sich selbst 
zum Objecte hat, ohne dies Object ganz mit sich vereinigen zu kOnnen; 
(wie es der Kunstler vermag). Die religiOse Welt lebt in der Ent- 
zweiung ihrer selbst. Zur Religion hat jeder gleiche Fåhigkeit wie zum 
Verståndnis des Dreieckes und des pythagorelschen Lehrsatzes. Nur 
der Religionsstifter ist genial, er ist aber auch der SchOpfer des Ideals, 
mit dessen SchOpfung jede weitere Genialitåt unmøglich wird. Wo 
aber der Geist an ein Object gebunden ist und alles Mass seiner Be- 
wegung ihm von eben diesem Objecte bestimmt wird, wo der Geist 
von ein em Objecte abhångig ist, das er zu erklåren, zu erforschen, 
zu fuhlen, zu lieben u. s. w. sucht, da ist er nicht frei, und, weil 
Freiheit die Bedingung der Genialitåt, auch nicht genial. Eine geniale 



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682 MESSER. 

FrOmmigkeit ist ein ebensogrosser Unsinn als eine geniale Leine- 
weberei. »Ist denn nicht aber die Liebe das eigenste Wesen der 
Religion, sie, die doch ganz eine Sache des GefQhls und nicht des 
Verstandes ist?« Wenn sie eine Herzenssache ist, muss sie dårum weniger 
eine Verstandessache sein? Eine Herzenssache ist sie, wenn sie mein 
ganzes Herz einnimmt; das schliesst nicht aus, dass sie auch meinen 
ganzen Verstand einnehme und macht sie iiberhaupt zu nichts be- 
sonderes Gutem: denn der Hass und Neid kann auch Herzenssache 
sein. Die Liebe ist in der That nur eine Verstandessache, wobei sie 
ubrigens in ihrem Titel als Herzenssache unbeschådigt bleibt: eine 
Sache der Vernunft ist sie nicht, denn im Reiche der Vernunft gibt 
es ebenso wenig eine Liebe, als im Himmel, nach Christi bekanntem 
Wort, gefreit wird . . . Bevor das Kind verståndig ist, liebt es nicht und 
seine hingebendste Liebe ist nichts als — das innigste Verståndnis. 
(Man vergleiche diese Stelle mit einigen Såtzen aus Maeterlincks »Trésor 
des hum bles« uber die Erkenntnisfåhigkeit der Kinderseele, die inhaltlich 
fast identisch mit ihr sind.) . . . Die Liebe ist unhaltbar und unwieder- 
bringlich verloren, wenn man sien in einem Menschen vollståndig ge» 
tåuscht hat: das Missverståndnis ist dann vollkommen und die 
Liebe erloschen... Der Liebe ist ein Object nothwendig, ebenso dem 
Verstande. Darum hOrt seine Wirksamkeit immer da auf, wo er 
ein Object so ausgenossen hat, dass er nichts mehr daran zu thun 
findet und mit ihm fertig ist. Mit seiner Thåtigkeit erlischt sein Antheil 
an der Sache, weil, soli er sich liebend hingeben und ihr alle Kråfte 
widmen, sie ihm ein — Mysterium sein muss. . . Die Kunst, die das Ideal 
erschaffen und den Menschen damit das Object ihrer Anbetung gegeben 
hat, ist die SchOpferin der Religion. Immer, wenn die Kunst in ihrer 
ganzen Energie auftritt, so erschafft sie eine Religion und 
steht am Anfange derselben. Macht die Kunst das Object, und 
lebt die Religion nur in der Ankettung an das Object, so beschåftigt 
sich die Vernunft, der Geist der Philosophie, nur mit sich selbst . . . .« 
Von den nachgelassenen Schriften Stimers wåre schliesslich die 
Entgegnung an seine Recensenten: Feuerbach, Szeliga und Hess zu 
erwåhnen. Er resumiert im kurzen noch einmal seine ganze Lehre 
vom Einzigen und treibt in der Polemik seinen dolchscharfen Ver- 
stand zu den geschicktesten und tOdtlichsten StOssen gegen die philistrOsen 
und bornierten Widersacher. Wie unterscheidet sich das Geftihl 
des Lesers nach diesen Seiten, die gleichsam im hOchsten Stolze 
der inneren Oberlegenheit jubeln und vom geistigen Reichthume 
prangen, von dem melancholischen Empfinden, das er nach der Lecture 
des trostlosen Bildes dieses freudelosen Lebens empfangen, wie es ihm 
Mackay gezeigt hat. Aber geråde durch diesen Vergleich, durch den 
raschen Cbergang aus Lebensnoth und Årmlichkeit zu diesen klaren, 
leuchtenden Gebilden des Geistes, die die Stirnerschen Schriften sind, 
wird wieder der Massstab in uns hergestellt flir das wahrhaft Seiende 
im Leben und fur die uberragende Bedeutung geistiger Ziele. 



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MITTAG - NACHMITTAG - ABEND. 
Von MOOSMEE (Wien). 

Es war Mittag. Sie sah aus ihrem Fenster auf das Feld. 
Die Erde war brockelig, fast grau und Kohlweisslinge sassen auf 
zerfressenen und zerfransten Kohlpflanzen und sperrten manches- 
mal plotzlich die weissen Flttgel auf 

Links von dem Kohlfelde war eine Reihe Rosenbiische, 
Rosa canina, ziemlich zerzaust, unordentlich, wie mausernde 
Vogel. Ein Hofmeister wurde sagen : »Siehst Du, was die Cultur 
vermag!? Das ist der Ursprung unserer Centifolie.c Nun wirklich, 
in diesem Falle vermochte die Cultur ziemlich viel. Ganz blass 
waren diese Rosen und platt, meistens fehlten einige Blumenblåtter, 
welche der Sturm entfuhrte, der Regen niederwusch oder die von 
selbst abfielen wegen Unhaltbarkeit. 

Die junge Dame blickte hinaus. Es war unmittelbar vor 
dem Mittagessen. Hungrig war sie und doch eigentlich nicht. 
»Wieder Suppe, Fleisch und Mehlspeise?! Und der Geruch des 
Speisesaales : Rindsbraten, Gurkensalat, Erdbeeren und Cigaretten- 
rauch. Ich danke.« 

Sie starrte hinaus, merkte die Erschopfung der Natur. »Eine 
Giesskanne nehmen und ausstreuen! Jawohl; iiberall! Ubrigens 
warum?! Die Natur halt Mittagruhe. Alles ist tråge, warm, 
schlaflf. Warum auffrischen ? ! In der Erschopfung liegt Poesie, 

im Warten auf Kråfte! Nach dem Essen lege ich mich 

aufs Bett, ungeschniirt und bin dann wie die brockelige Erde, 
welche auf Regen wartet, wie die Kohlweisslinge und die Dornen- 
biische. So schlafe ich wachend. Fruher schlief ich schlafend. 
Das ist m eine Cultur. Ist das der Mittag unseres Lebens, bitte?! 
Ungeschniirt liegen, sich spuren wie etwas, das befreit ist und 
dennoch nicht befreit ist ! Etwas Schlafendes, das wachen mochte, 
etwas Wachendes, das schlafen mochte. O Feld, o Schmetterlinge, 
o Dornenbiische! Wie ein Dichter mochte ich Euch spuren konnen, 
als etwas Gleiches, Identisches, Congeniales. So aber sptire ich 



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684 MOOSMEE. 

nur Gegensatze. Seid Ihr verzauberte Menschenseele ? ! Sind wir 
entzauberte Natur?!« 

Da lag die Prinzessin nachmittags ohne Mieder, schwer- 
fållig von Suppe, Fleisch und Mehlspeise in Sommers Hitze, auf 
dem kiihlen angenehmen Bette, klappte die Flugel hie und da 
auf und zu, tråumte, tråumte, tråumte ohne zu tråumen. 

»Mildred, es ist funf Uhr. Was glaubst Du eigentlich?!« 

Sie erhob sich, trat ans Fenster, sah die abgekiihlte Natur, 
die Reihe von Hundsrosenbiischen und den Himmel, welcher 
nichtssagend sich ausbreitete nach allen Richtungen. 

»Mildred . Glaubst Du, man werde diesen wunder- 

baren Sommer-Nachmittag vertåndeln, vertrodeln?! Eine schone 
Naturfreundin bist Du! Wir fahren an einen Jausenplatz. Ziehe 
das Mousseline - Kleid an mit den durchsichtigen Armeln. 
Horst Du?!« 

»Ich gehe schon,« sagte sie und blickte auf ihr Kohlfeld 
"hinaus und die Reihe von Dornenbiischen, welche sanft und 
ergeben den Abend erwarteten und den Nachtthau und den Wind 
von den Bergen, welcher sich um acht einzustellen pflegte. 

»Mildred, horst Du nicht, was ich sage?!« 

*Ich gehe ja schon.« 

Sie zog das Kleid an mit den durchsichtigen Armeln und 
fuhr zu dem Jausenplatze mit Mama. 

Dort sagte niemand zu ihr: »Wunderbare Arme haben Sie, 
Fråulein.« 

Da sass sie, sass, sass und dachte an ihre kleine Landschaft 
vor ihrem Fenster, welche ganz gelassen den Abend erwartete 
und den Bergeswind . 



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DER STERN. 

Von MAURICE MAETERLINCK. 

Vom Verfasser autorisierte Obersetzung von Clara Theumann. 

Man kOnnte sagen, dass von Jahrhundert zu Jahrhundert ein 
tragischer Dichter »mit der Fackel der Dichtkunst in der Hånd die 
Labyrinthe des Schicksals durchschritten hat« . Sie haben so, ein jeder 
nach den Kraften seiner Zeit, die Seele der menschlichen Annalen 
festgehalten und dabei die Geschichte Gottes geschrieben. In ihnen 
allein kann man die zahllosen Variationen der grossen unabwendbaren 
Macht verfolgen, und es ist interessant, sie zu verfolgen, denn das 
Reinste aus der Seele der Valker liegt vielleicht in der Vorstellung, 
die sie sich von dieser Macht gebildet haben. 

Nur ein einzigesmal ist sie ausschliesslich angebetet worden. 
SJe war damals selbst fur die Gotter ein furchtbares Mysterium. Es 
ist seltsam zu constatieren, dass die Zeit, in der die Gottheit ohne 
Antlitz am schrecklichsten und unverståndlichsten schien, die schOnste 
Zeit der Menschheit war, und dass es das gliicklichste alier VOlker 
war, welches sich das Schicksal in der furchtbarsten Gestalt vorstellte. 

Es scheint, dass in dieser Vorstellung eine geheime Kraft liegt, 
oder dass diese Vorstellung das Zeichen einer Kraft ist. Wåchst der 
Mensch in dem Masse, in dem er die GrOsse des Unbewussten, das 
ihn beherrscht, erkannt, oder wåchst das Unbewusste im Verhåltnis 
zum Menschen? Man mochte behaupten, dass heute die Vorstellung 
vom Schicksal erwacht. Vielleicht ist es nicht unniitz, es zu suchen. 
Aber wo findet man es? Das Schicksal suchen — heisst das nicht: 
die menschlichen Leiden suchen? Es gibt kein Schicksal der Freude; 
es gibt keinen glucklichen Stem. Jener, den man so nennt, ist ein 
Schicksal, das sich geduldet. Es ist ubrigens wichtig, dass wir manchmal 
auf die Suche nach unseren Kummernissen gehen, um sie zu kennen 
und zu bewundern, selbst wenn wir an ihrem Ende nicht die grosse 
unfOrmige Masse unseres Schicksals finden. 

Es ist dies die wirksamste Art, auf die Suche nach seinem 
eigenen Ich zu gehen; denn man kann sagen, dass wir nur das sind, 
was unsere Unruhen und unsere Schwermuthsstimmungen sind. Je mehr 
wir vorschreiten, desto tiefer, edler und schøner werden sie, und 
Marc Aurel ist der bewunderungswurdigste der Menschen, weil er 
besser als irgend jemand begriffen hat, was unsere Seele in das klåg- 
liche resignierte Låcheln gelegt hat, das wohl auf ihrem Grunde ruht. 
Dasselbe gilt von den Kummernissen der Menscheit. Sie gehen einen 



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686 MAETERLINCK. 

Weg, der dem unserer Kummernisse åhnlich ist; aber er ist långer 
und sicherer und fuhrt wohl in Lander, welche nur die zuletzt Ge- 
kommenen kennen werden. Er geht auch vom kolperlichen Schmerz 
aus, hat die Furcht vor den Gøttern durchkreuzt und verliert sich 
heute vor einem neuen Abgrund, dessen Tiefen die Besten unter uns 
noch nicht ergrundet haben. 

Jedes Jahrhundert liebt einen anderen Schmerz, weil jedes Jahr- 
hundert ein anderes Schicksal sieht. Es ist gewiss, dass wir nicht 
mehr wie einstens an den Katastrophen der Leidenschaften Antheil 
nehmen, und die tragischesten Meisterwerke der Vergangenheit haben 
eine Trauer, die neben unserer heutigen untergeordnet erscheint. Sie 
heruhren uns nur mehr indirect und durch das, was unsere Be- 
trachtungen und der neue Edelmuth, den der Lebensschmerz in uns 
gezeugt hat, zu den einfachen Ereignissen des Hasses und der Liebe, 
die sie uns vorfuhren, hinzugefugt hat. 

Es scheint zu Zeiten, dass wir an der Schwelle eines neuea 
geheimnisvollen und vielleicht sehr reinen Pessimismus stehen. Die 
furchtbarsten Weisen, Schopenhauer, Carlyle, die Russen, die Scandi- 
navier und der gute Optimist Emerson (auch er, denn nichts ist 
entmuthigender als ein freiwilliger Optimist) sind vorQbergeschritten, 
ohne unsere Melancholie zu erklåren. Wir fuhlen, dass hinter 
all den Grunden, die sie uns zu geben versuchten, ganz andere, 
viel tiefere Grunde liegen, die sie nicht entdecken konnten. Die 
Trauer des Menschen, die schon bei ihrem Kommen schOn erschien, 
kann sich noch unendlich veredeln, bis ein Genie endlich das 
letzte Wort des Schmerzes spricht, das uns vielleicht vollkommen 
låutern wird . 

Indess sind wir in den Hånden der seltsamen Måchte und im Begriffe, 
ihre Absichten zu ahnen. Zur Zeit der grossen Tragiker der neuen Ara, 
zur Zeit Shakespeares, Racines und ihrer Nachfolger glaubt man, dass alles 
Ungluck von den verschiedenen Leidenschaften unseres Herzens kommt. 
Die Katastrophe schwebt nicht zwischen zwei Welten : sie kommt von 
hier, um dorthin zu gehen; und man weiss, wo sie entspringt. Der 
Mensch ist immer der Herr. Zur Zeit der Griechen war er es weit 
weniger, und das Verhångnis herrschte auf den Hohen. Aber es war 
unnahbar und niemand wagte, es zu befragen. Heute aber befragt 
man es, und dies ist vielleicht das grosse Zeichen, welches das neue 
Theater bestimmt. Man bleibt nicht mehr bei den Folgen des Unglticks 
stehen, sondern beim UnglQck selber, und man will sein Wesen und 
seine Gesetze kennen. Was der unbewusste Gedanken der ersten 
TragOdiendichter war und den feierlichen Schatten bildete, welcher ohne 
ihr Wissen die rauhen, heftigen Geberden des åusseren Todes umgab : 
das Wesen des UnglQcks selbst, das ist der Kernpunkt der jungsten 
Dramen und der Herd mit dem flackernden Scheine geworden, um 
den die Seelen der Månner und Frauen umhergehen; und man hat 
einen Schritt zum Mysterium gethan, um die Schrecken des Lebens 
von Angesicht zu Angesicht zu schauen. 



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DER STERN. 687 

Es wåre interessant zu untersuchen, unter welchem Gesichts- 
winkel unsere letzten Tragiker das Ungliick betrachten, welches den 
Grund aller dramatischen Dichtung bildet. Sie sehen es nåher als 
die Griechen und dringen mehr in das fruchtbare Dunkel seines 
inneren Kreises vor. Es ist vielleicht eine identische Gottheit. Aber 
sie kennen es noch weit weniger. Von wo kommt es, wohin geht 
es, und warum kommt es herab? Das fragten die Griechen kaum. 
Ist es in uns gezeichnet oder entsteht es zugleich mit uns? Schreitet 
es uns entgegen oder ist es durch Stimmen gerufen, die wir am 
Grande unseres Wesens nåhren, und die mit ihm im Einverståndnis 
sind? Man musste von den Gipfeln einer anderen Welt die Bewegungen 
sines Menschen beobachten kønnen, dem ein grosser Schmerz zustossen 
soli ; und welcher Mensch arbeitet nicht unbewusst daran, den Schmerz 
zu schmieden, der der Angelpunkt seines Lebens sein soli? 

Die schottischen Bauern haben ein Wort, das auf alle Existenzen 
Anwendung finden kOnnte. In ihren Legenden nennen sie Fey den 
Zustand eines Menschen, den eine Art unwiderstehlichen inneren 
Impulses trotz all seiner Bemuhungen, trotz aller Rathschlåge und 
allen Beistandes zu einer unabwendbaren Katastrophe treibt. So war 
Jakob I., der Jakob der Katharina Douglas, Fey, als er trotz der 
fQrchterlichen Voraussagungen der Erde, der Holle und des Himmels 
das Weihnachtsfest im dusteren Schlosse Perth verbrachte, wo ihn 
sein Morder, der Verråther Robert Graeme, erwartete. Wer von uns 
hat sich nicht, wenn er sich an die Umstande des entscheidendsten 
UnglQckes seines Lebens erinnert, unter einem åhnlichen Zwange 
befunden? Ich spreche hier naturlich nur von activem Ungliick, von 
jenem, das zu verhuten møglich gewesen wåre; denn es gibt ein 
passives Ungliick, wie der Tod eines angebeteten GeschOpfes, welches 
uns einfach begegnet, und auf das unsere Bewegungen keinerlei Ein- 
fluss zu nehmen imstande sind. Erinnert euch an den verhångnis- 
vollen Tag eures Lebens. Wer von uns war nicht gewarnt; und 
wer von uns hat nicht, obgleich es uns heute scheint, dass das 
ganze Schicksal durch einen Schritt, den man nicht gemacht, eine 
Thure, die man nicht geøffnet, eine Hånd, die man nicht erhoben 
hatte, geåndert hatte werden kOnnen, wer von uns hat nicht 
vergebens kraft- und hoffnungslos auf den zackigen Wånden des 
Abgrundes gegen eine unsichtbare und scheinbar unbedeutende Macht 
gekåmpft ? 

Das Wehen jener Thure, die ich eines Abends geOffnet, sollte 
auf immer mein Gluck verlOschen, wie es eine triibe Lampe verløscht 
hatte; und jetzt wenn ich daran denke, kann ich mir nicht sagen, 

dass ich es nicht wusste Und dennoch hatte mich nichts 

Wichtiges auf jene Schwelle gefQhrt. Ich hatte achselzuckend weg- 
gehen kOnnen, kein menschlicher Grund konnte mich zwingen, an den 

Thurflugel zu rilhren kein menschlicher Grund; nichts als das 

Schicksal 



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688 MAETERLINCK. 

Es gleicht noch jenem Verhångnis des Odipus, und doch ist es 
schon etwas anderes. Man kønnte sagen, es ist ein ab intra geschautes 
Verhångnis. Es gibt geheime Måchte, die in uns herrschen und mit 
den Abenteuern im Einverståndnis zu sein scheinen. Wir tragen alle 
Feindinnen in unserer Seele. Sie wissen, was sie thun, und was sie 
uns thun lassen, und wenn sie uns zum Ereignis geleiten, warnen sie 
sie uns leise, zu leise, um uns auf dem Wege aufzuhalten, aber immer- 
hin geniigend, um uns dann, wenn es zu spat ist, bedauern zu lassen, 
dass wir ihren unentschiedenen und spøttischen Rathschlågen nicht 
aufmerksamer gelauscht haben. Wohin wollen sie es bringen, jene 
Måchte, die unseren Untergang herbeiwunschen, als ob sie unabhångig 
wåren und nicht mit uns sturben, obgleich sie nur in uns leben ? Was 
setzt alle Complicen des Weltalls, die sich mit unserem Blute nåhren, 
in Bewegung? Der Mensch, fur den die ungluckliche Stunde geschlagen 
hat, ist von einem Wirbel erfasst, den man nicht bemerkt, und seit 
Jahren erdenken jene Måchte die zahllosen Zwischenfålle, die ihn zum 
nothwendigen Augenblick, zu dem Punkte fuhren sollen, wo die Thrånen 
seiner harren. Gedenket all eurer Bemuhungen und Vorahnungen. 
Gedenket all des unnutzen Beistandes. Gedenket auch der von Mitleid 
^rfassten, guten Gelegenheiten, die es versuchten, euch den Weg zu 
verlegen, und die ihr wie låstige Bettlerinnen zuriickgewiesen habt. Es 
waren ja doch schuchterne Sch western, die euch retten wollten und 
die sich dann lautlos entfernt haben, weil sie zu schwach und zu klein 
waren, um gegen Dinge zu kåmpfen, die in unbekannten Regionen 
entschieden wurden 

Kaum hat sich das Ungliick vollzogen, so haben wir die seltsame 
Empfindung, einem ewigen Gesetze gehorcht zu haben, und eine unbe- 
stimmte geheimnisvolle Erleichterung belohnt uns inmitten der grossen 
Schmerzen fur unseren Gehorsam. Wir gehøren uns nie wirklicher 
an als nach einem unabånderlichen Schicksalsschlag. Es scheint dann 
als ob wir uns wiedergefunden und einen unbekannten und nothwendigen 
Theil unseres Wesens wiedererobert hatten. Es findet eine seltsame 
Linderung statt. Seit vielen Tagen kåmpften fast ohne unser Mitwissen 
die aufståndischen Måchte unserer Seele am Rande des Abgrundes, 
wåhrend wir dem Menschenantlitz und den Blumen zulåcheln konnten 
und jetzt, wo wir am Grunde liegen, athmet alles frei. 

So kåmpfen sie alle ohne Rast in jeder unserer Seelen; und 
wir sehen manchmal, ohne darauf zu achten, — denn wir øffnen die 
Augen nur fur die bedeutungslosen Dinge — den Schatten dieser 
Kåmpfe, bei denen unser Wille nicht mitthun kann. Wenn ich mit 
Freunden beisammen bin, ist es møglich, dass inmitten der Worte 
und des Lachens etwas, was nicht dieser irdischen Welt angehørt, 
pløtzlich viber das Antlitz des einen gleitet. Ein unbegriindetes Schweigen 
wird pløtzlich herrschen : und alle werden unbewusst die Spanne eines 
Augenblicks mit den Augen der Seele geschaut haben, worauf das 
Låcheln und die Worte, welche wie die erschreckten FrØsche in einem 
grossen Teiche verschwunden waren, heftiger an die Oberflåche steigen 



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DER STERN. 689. 

werden. Aber das Unsichtbare hat hier wie uberall seinen Tribut ein- 
gestrichen. Etwas hat verstanden, dass ein Kampf voruber war, dass 
ein Stem aufgieng oder sank und ein Schicksal sich besiegelt hat . . . 

Es war vielleicht schon besiegelt ; wer weiss ob der Kampf nicht 
ein Scheingefecht war? Wenn ich heute die Thure des Hauses øffne, 
in dem ich dem ersten Låcheln einer Trauer begegnen soli, die nie mehr 
enden wird, so thue ich das seit viel långerer Zeit, als man glaubt. Was 
niitzt es, ein Ich zu pflegen, auf das wir fast gar keinen Einfluss 
haben ? Unseren Stem mussen wir beobachten. Er ist gut oder schlecht, 
bleich oder måchtig, und alle Kråfte des Meeres konnten nichts daran 
åndern. Manche, die Vertrauen auf ihn haben kOnnen, spielen mit ihm 
wie mit einer Glaskugel. Sie werfen ihn in die HOhe und setzen ihn, 
wo sie wollen, aufs Spiel ; er wird immer treu in ihre Hånde zuruck- 
kehren. Sie wissen wohl, dass er nicht zerbrechen kann. Aber es gibt 
andere, die keinen Blick zu dem ihren erheben kOnnen, ohne dass er 
sich vom Firmament ablOst und als Staub ihnen zu Fussen fållt .... 

Aber es ist gefåhrlich, vom Steme zu sprechen. Es ist sogar 
gefåhrlich, an ihn zu denken ; denn oft ist dies das Zeichen, dass er 
im Begriffe ist zu erlOschen 

Wir befinden uns hier in den Abgrunden der Nacht und warten 
auf das, was kommen soli. Hier han delt es sich nicht mehr um 
Willen, wir sind tausend Meilen uber ihm und in einer Region, wo 
selbst der Wille die reifste Frucht des Schicksals ist. Man darf sich 
darob nicht beklagen; wir wissen schon etwas und haben einige Ge- 
wohnheiten des Zufalls entdeckt. Wir warten wie der Vogelsteller, der 
die Gewohnheiten der ZugvØgel beobachtet, und wenn ein Ereignis am Hori- 
zonte gezeichnet ist, wissen wir gar wohl, dass es nicht vereinzelt 
bleiben wird, und dass seine Bruder sich schaarenweise am selben 
Orte niederlassen werden. Wir haben unklar gelernt, dass sie von 
gewissen Gedanken und gewissen Seelen angezogen scheinen, und dass 
es Wesen gibt, die ihren Flug abwenden sowie andere, die sie aus 
den vier Windrichtungen herbeilocken. 

Wir wissen namentlich, dass gewisse Gedanken ausserordentlich 
gefåhrlich sind, dass es genugt, sich einen Augenblick geschutzt zu 
glauben, um den Blitz hervorzurufen, und dass das Gluck eine Leere 
bildet, in welche sich ohne Verzug die Thrånen ergiessen. Nach einiger 
Zeit unterscheiden wir auch ihre verschiedenen Eingenommenheiten* 
Wir bemerken bald, dass, wenn wir einige Schritte auf dem Lebens- 
wege neben einem unserer Bruder machen, die Gewohnheiten des Zu- 
falles nicht mehr dieselben sein werden, wåhrend bei jenem anderen, 
Ereignisse unverånderlicher Art regelmåssig unserer Existenz entgegen- 
kommen werden. Wir empfinden, dass es Wesen gibt, die im Un- 
bekannten Schutz bieten, und andere, die einen dort in Gefahr bringen, 
dass es solche gibt, die die Zukunft einschlåfern und andere, die sie 
wecken. Wir ahnen auch noch, dass die Dinge zuerst schwach ent- 
stehen, in uns ihre Kraft schøpfen, und dass es bei jedem Geschehnis 
einen kurzen Augenblick gibt, in dem unser Instinct uns sagt, dass 



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MAETERLINCK. 



wir noch die Herren unseres Schicksals sind. Endlich wagen es einige 
zu behaupten, dass man lernen kann, glucklich zu sein, dass wir, je 
besser wir werden, desto mehr Menschen begegnen, die sich bessern, 
dass ein Wesen, das gut ist, unwiderstehlich ebenso gute Ereignisse 
anzieht, und dass in einer schOnen Seele der traurigste Zufall sich in 
SchOnheit wandelt. . . . 

Wer hat denn nicht ernpfunden, dass die Giite der Giite winkt, 
und das es immer dieselben sind, denen man sich treu ergibt und 
dieselben, die man verråth? Wird der Schmerz, wenn er an zwei an- 
einanderstossende Thiiren klopft, gleicherweise im Hause des Gerechten 
und im Hause des BOsen handeln? Und werden, wenn ihr rein seid, 
eure Leiden nicht auch rein sein? Heisst es nicht die Zukunft be- 
herrschen, wenn man die Vergangenheit in ein stilles, ein wenig 
trauriges Låcheln zu verwandeln wusste? Und scheint es nicht, dass 
wir sogar im Unvermeidlichen etwas zuriickhalten kønnen? Schlafen 
nicht grosse Zufålle, die eine zu rasche Bewegung am Horizonte er- 
weckt, und wåre dieses Ungluck heute geschehen, wenn nicht Fest- 
gedanken heute morgens in eurer Seele zu viel Larm geschlagen hatten? 
Ist das alles, was unsere Weisheit in dieser Finsternis auflesen konnte? 
Wer wagt es zu sagen, dass es in diesen Regionen sicherere Wahr- 
heiten gibt? Indes muss man låcheln kOnnen, man muss weinen kOnnen 
in der Stille einer sehr demiithigen Gute. Ober diesen Dingen erhebt 
sich nach und nach das unvollkommene Antlitz des heutigen Geschickes. 
Ein kleiner Theil des Schleiers, der es einst bedeckte, ist beiseite 
geschoben worden, und in dem blosgelegten Theil haben wir nicht 
ohne Unruhe einerseits die Macht jener, die noch nicht leben, und 
andererseits die Macht der Todten erkannt. Im Grunde genommen ist 
es nur ein neuerliches Sichentfernen vom Mysterium. Wir haben die 
eisige Hånd des Schicksals vergrOssert, und da reichen in seinem 
Schatten unsere SOhne, die noch nicht geboren, unseren Ahnen die 
Hånde. Es gab eine That, welche wir fur das Obdach alier unserer 
Freiheiten hielten, und die Liebe blieb die letzte Zufluchtsståtte aller 
jener, die die Ketten des Lebens zu hart empfanden. Hierher, sagten 
wir uns, in die Einsamkeit dieses geheimen Tempels tritt wenigstens 
niemand mit uns ein. Hier kOnnen wir einen Moment athmen; hier 
herrscht unsere Seele endlich und hat frei gewåhlt, in dem, was das 
eigentliche Centrum der Freiheit ist. Aber jetzt ist man gekommen 
und hat uns gesagt, dass wir nicht fur uns selber lieben. Man hat uns 
gesagt, dass wir selbst im Tempel der Liebe den unverånderlichen 
Befehlen einer unsichtbaren Menge gehorchen. Man hat uns gesagt, 
dass wir tausend Jahrhunderte von uns selbst entfernt sind, wenn wir 
unsere Geliebte wåhlen, und dass der erste Kuss des Bråutigams nur 
das Siegel ist, welches tausende von Hånden, die entstehen wollen, 
auf den Mund der Mutter drucken, die sie sich wunschen. Und anderer- 
seits wissen wir, dass die Todten nicht sterben. Wir wissen jetzt, dass 
sie sich nicht mehr in unserer Kirchen Nåhe befinden, sondern in 
allen unseren Håusern, in allen unseren Gewohnheiten ; dass es nicht 



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DER STERN. 691 

eine Geberde, einen Gedanken, eine Stinde, eine Thrane oder ein Atom 
des erworbenen Bewusstseins gibt, das in den Tiefen der Erde ver- 
loren gienge ; und dass bei der unbedeutendsten unserer Thaten unsere 
Vorfahren sich erheben, nicht vielleicht in ihren Gråbern, in denen 
sie sich nicht mehr riihren, sondern am Grunde unseres Ichs, wo sie 
immer noch leben. . . . 

So sind wir von der Vergangenheit und der Zukunft geleitet. 
Und die Gegenwart, die unsere Substanz ist, fållt auf den Meeres- 
grund wie eine kleine Insel, an der rastlos zwei unversOhnliche Meere 
nagen. Vererbung, Willen, Schicksal — alles vermengt sich geråusch- 
voll m unserer Seele, aber trotz allem und iiber allem herrscht der 
lautlose Stern. Man klebt provisorische Etiquetten auf die ungeheuerlichen 
Gefåsse, die das Unsichtbare enthalten, und die Worte sagen fast 
nichts von dem, was man sagen mflsste. Die Vererbung oder selbst 
das Schicksal ist nur ein Strahl von diesem Stern, der sich in der 
geheimnisvollen Nacht verliert; und alles hat wohl das Recht, noch 
geheimnisvoller zu sein. »Wir nennen Schicksal alles, was uns begrenzt«, 
hat einer der grossen zeitgenOssischen Weisen gesagt, und deshalb 
mussen wir all jenen danken, welche zitternd an den Grenzen tasten. 
»Wenn wir brutal und barbarisch sind,« fQgt er hinzu, »nimmt das 
Verhångni8 eine brutale und barbarische Form an. Wenn wir uns 
verfeinern, werden unsere Niederlagen auch feiner. Wenn wir uns zu 
einer geistigen Cultur erheben, nimmt der Antagonismus auch eine 
geistige Form an.« Es ist vielleicht wahr, dass unsere Seele, je mehr 
sie sich erhebt, das Schicksal låutert, obgleich es auch wahr ist, dass 
uns dieselben Ktimmernisse bedrohen, die die Wilden bedrohen. Aber 
wir haben andere, die sie nicht ahnen, und der Geist erhebt sich nur, 
um an allen Horizonten noch neue zu entdecken. »Wir nennen 
Schicksal alles, was uns begrenzt.« Sehen wir, dass das Schicksal 
nicht zu enge sei. Es ist schon, seine Betrubnisse zu vermehren, 
weil es sein Bewusstsein erweitern heisst, welches die einzige Stelle 
ist, an der man sich leben filhit. Und es ist auch das einzige Mittel, 
seine høchste Pflicht gegen die anderen Welten zu erfullen, denn es 
kommt wahrscheinlich uns allein zu, das Bewusstsein der Erde zu 
bereichern. 



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EIN NEUES BUCH VON KARL JENTSCH.*) 

Von Dr. LADISLAUS GUMPLOWICZ (London). 

Das Buch eines friiheren katholischen Priesters und jetzigen 
Protestanten, der sich mit Hånden und Fussen gegen den Darwinismus 
stråubt, um die in seiner PersØnlichkeit tiefeingewurzelte Vorstellung 
eines »Kosmos«, einer von einem weisen und gutigen Schopfer plan- 
voll erbauten und schOn geordneten »Schmuckwelt« nicht preisgeben 
zu mussen. Armer alter Herr, der noch nicht weiss, wie unsåglich 
naiv er ist, dem Weltall »Zwecke« und »Absichten« unterzuschieben, 
wåhrend es doch nur eine komische Unart der Menschen und einiger 
anderer wichtigthuerischer Krabbelthierchen ist, mit einer »Buckel- 
kraxen« voll »Zwecken« und »Absichten« beladen herumzulaufen auf 
dieser so reizend zwecklosen Welt ! Ernster gesprochen : wie belåchelns- 
wert muss uns sein hilfloses Grauen vor dem »Chaos« erscheinen, 
uns, die wir långst unsere stolzeste Lebensfreude darin finden, dem 
Leben unsere Zwecke zu dictieren, mitten ins Chaos hinein unsere 
planvollen Bauten zu schaffen! Die eigentliche geistige Grossthat 
Darwins: zweckmåssige, organische Structuren erklårt zu haben, ohne 
Dazwischentreten eines zwecksetzenden SchOpfers, existiert fur Jentsch 
thatsåchlich nicht; seine diesbeziiglichen Åusserungen sind von 
belustigender Verståndnislosigkeit. So oft Darwin und seine Schiller, 
anstatt die lange Leier von Anpassung und Zuchtwahl jedesmal von neuem 
abzuleiern, kurzweg von »Zweckmåssigkeit« in ihrem Sinne, nåmlich 
von organisch gewordener, nicht von geschaffener Zweckmåssigkeit 
reden, fåhrt Herr Expfarrer Jentsch gleichsam mit der Fliegenklappe 
auf sie los und ruft: »Hat ihn schon! auch die Darwinianer kOnnen 
nicht leugnen, dass — sagen wir — die Reisszåhne des Wolfes eine 
åusserst zweckmåssige Einrichtung sind!« Dass die Structuren und 
Fåhigkeit einer Thierart bestenfalls nur zweckmåssig sind vom Stand- 
punkt des Sonderinteresses dieser einzelnen Thierart aus, dagegen 
høchst unzweckmåssig vom Standpunkt der mit ihr ums Dasein 
kåmpfenden Arten; dass z. B. die Reisszåhne des Wolfes sich als 
hochst unzweckmåssig erweisen fur das unschuldige Menschenkind, das 
von diesen schønen spitzen Zåhnen zerfleischt wird; dass die ver- 
bluffende Gewandtheit der Katzenpfoten, vom Standpunkt der Maus 
betrachtet, ein abscheulich unzweckmåssiger Missstand ist, indem diese 
Gewandtheit der Katze nicht nur erlaubt, die Maus zu tOdten, sondern 
auch, sie vorher mit der teuflischer Grausamkeit eines Narcisso Portas 

*) Socialauslese. Kritische Glossen. Leipzig, Fr. Wilh. Grunow. 1898. 
236 Seiten. 



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EIN NEUES BUCH VON KARL JENTSCH. 693 

zu foltern ; dass vom Standpunkt des Raupeninteresses nichts unzweck- 
måssiger sein kann, als der kluge Instinct der Schlupfwespenmutter, 
ihre Eier in den Leib der jungen Raupe abzulegen und so ein schuld- 
loses Wesen zur Hollenqual des langsamen Aufgefressenwerdens von 
innen heraus zu verdammen ; — das alles geniert Herrn Jentsch nicht. 
Die Organismen sind in sich zweckmåssig, folglich sind sie erschaffen, 
Punctum. Er leistet sich nicht einmal das bisschen Consequenz, eben- 
soviel tausende rivalisierender Gøtter anzunehmen, als es einander 
feindliche Thierarten gibt. Darwins Theorie der geschlechtlichen Zucht- 
wahl, diese so trefTlich begrundete und dabei fur kunstlerisch fuhlende 
Denker so erquickend trostreiche Lehre, versucht Jentsch gar nicht 
erst zu widerlegeri, sondern wirft sie å priori als abgeschmackten 
Unsinn bei Seite. Wie aber stellt sich Jentsch zu einer Thatsachen- 
gruppe, welche nach der Theorie der geschlechtlichen Zuchtwahl 
geradezu schreit: zu den pråchtigen Flugelfårbungen der Lepidopteren 
in der kurzen Schlussperiode ihres Daseins, der Periode der Braut- 
werbung, vulgo Schmetterlingsstadium ? Nichts einfacher als das. Man 
høre. »Die Natur hat den Zweck, den Menschenseelen die Entstehung 
zu ermøglichen und gleichzeitig sie mit einem Inhalt zu erfullen (die 
Ansammlung dieses Inhalts ist eben die Entstehung der Menschenseele). 
Zum Seeleninhalt gehøren einerseits die åsthetischen Empfindungen, 
weshalb die Naturgestalten mannigfaltig und vorwiegend schøn sein 
mussen, andererseits die Erforschung und Erkenntnis des ursåchlichen 
Zusammenhanges der Erscheinungen. Beiden Zwecken dienen die 
Schmetterlinge in hohem Grade, indem sie einerseits eine Fulle von 
SchOnheit darbieten und dem Menschen vielleicht die erste Anregung 
zum Ornamentenzeichnen gegeben haben, andererseits eben durch ihre 
wunderbare Gestalt und SchOnheit und den noch wunderbareren Ablauf 
ihres Lebens in drei, eigentlich vier von einander so grundverschiedenen 
Entwicklungsstufen, den Menschen zum Nachdenken und Forschen 
anregen«. Gut gepredigt, Pfarrer! Ich møchte nur wissen, wozu dann 
eigentlich die FlOhe und Wanzen erschaffen sind? Wohl, um Herrn 
Zacherl zur Erfindung seines Insectenpulvers anzuregen? 

Somit wåre also das Buch von Karl Jentsch wertlos, resp. nur 
zu Erheiterungszwecken zu lesen? Halt, nicht so geschwind. 

Zunåchst beschåftigt sich Jentsch mit Vorliebe mit einer speciellen 
Abart des Darwinismus, die ihm in der That sehr gunstige Angriffs- 
punkte bietet : mit dem »Neo-Darwinismus«, rich tiger Auchdarwinismus 
des Herrn Professor Weismann. Weismann ist nåmlich der Typus 
eines unbewusst kryptotheologischen Denkers; es ist somit leicht 
zu begreifen, dass und warum der bewusste Theolog Jentsch ihm 
gegeniiber im Vortheil ist. Den Laien kønnen die einschlågigen Aus- 
fuhrungen von Jentsch, infolge der håufigen Verwechslung von 
Weismannismus und Darwinismus, leicht irrefuhren; fur den Kenner 
der einschlågigen Streitfragen bietet die Polemik Jentsch contra 
Weismann ein nicht unbetråchtliches psychologisches und erkenntnis- 
theoretisches Interesse. 

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694 GUMPLOWICZ. 

Hat aber Jentsch schon gegen Weismann — immerhin einem 
achtung8werten Forecher von nicht alltåglicher Begabung und 
eretaunlicher Arbeitskraft — in manchen Punkten recht, so hat er 
noch hundertmal mehr recht gegen jene pseudodarwinistischen, national- 
liberalen Parteipamphletisten, die Otto Ammon und Alexander Tille, 
welche die schwankenden Hypothesen Weismanns zum Range von 
Glauben8såtzen erhoben haben, um sie in alberner Dreistigkeit fur 
ihre schmutzigen Tendenzzwecke auszuschlachten. Bei Herrn Ammon, 
diesem Schådelstatistiker pour rire, hatte sich Jentsch eigentlich gar 
nicht so lange aufzuhalten brauchen. Der Mann hat seinen Beruf ver- 
fehlt, er sollte naturwissenschaftlicher Mitarbeiter des Simplicissimus 
werden. Ein viel gemeingefåhrlicheres Thier ist Herr Tille, der 
Tausendsassa, der es fertig gebracht hat, (seinem in fruheren Schriften 
dargethanen besseren Wissen zum Trotz) die greuliche Verfelschung 
der Zuchtwahl durch Capitalismus und Lohnsclaverei »darwinistisch« 
zu rechtfertigen. Es ist herzerquickend zu lesen, wie Jentsch mit 
seinem gesunden Mutterwitz (fiber den er uberall verfugt, wo nichts 
Theologisches in Frage kommt) und mit seinen soliden socialpolitischen 
Kenntnissen die frechen Verdrehungen dieses wissenschaftlichen Hoch- 
staplers ihrer ganzen Hohlheit entblOsst. »Welcher Unsinn und welcher 
Frevel«, donnert Jentsch, »jeden Menschen fur minderwertig zu 
erklåren und zum Untergange zu verurtheilen, der sich fur die Hatz 
des modemen Erwerbslebens nicht eignet und z. B. mit seinem 
Gehirn, seinen Augen und seinen Finger n das Tempo der mit Dampf 
getriebenen Spindeln, die er bedienen soli, nicht innezuhalten vermag! 
Die dazu erforderliche einseitige Virtuositåt ist vom Standpunkte ver- 
nunftiger Menschenabschåtzung beinahe wertlos. Ein Bauer, der sich 
nur langsam zu bewegen und langsam zu denken vermag, der aber 
eine vielseitige Thåtigkeit ubt, Gemuth und Charakter hat, ist zehnmal 
mehr wert als so ein lebendiger Maschinentheil. Der kuhne Mann, 
der sich unwurdigen Lebensbedingungen nicht fugen mag und Wild- 
dieb wird, ist mehr wert als ein zweibeiniges Arbeitsthier. « 

Herr Jentsch ist Theologe, Gott sei's geklagt. Aber er ist ein 
redlicher Mann und ein tapferer Socialist und als solcher unendlich 
achtungswerter, als irgend ein Tille. 



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PANISCUS. 

Hune lucum tibi dedico, consecroque Priapel 

Von OSCAR A. H. SCHMITZ (Lugano). 

»Zu lang bin ich geirrt in der Oliven 

sparlichem Schatten; endlich find ich Dich, 

der Daphne schwarzen Baum, die dichten Locken 

iiber der Grotte Eingang neigend! . . . Aglaé, 

kann die PlaAtane, kann die Cyparisse 

in tieferes Dunkel unseren Kuss vergraben? 

Entflieh dem heissen Mittag, Aglaé, 

komm, hier ist alles feucht und kuhl, es glanzt 

in blauem Leuchten das Gestein! .... So muss ich hier 

der matten Glieder Durst und tråge Brunst 

noch heisser fuhlen? . . . Aglaé! Den Namen, 

den sussen, ruft ein freundlich Echo mit. 

Auf meiner Brust der Haare rauh Gewåchs 
ist wirr und matt, und harrt, dass es der Thau 
von Deinen Kussen frische, dass Dein Leib, 
wie weisse Rosen zwischen dunkeles Moos 
in meine Arme sinke . . . Aglaé. 

Sieh, eine kuhle Welle rauscht herein 
leuchtend und båumt sich auf im Doppelstrom; 
schlank wachsen weisse Glieder vor mir auf 
und tragen einen glatten Leib, die Bruste 
seh' ich aus Wasserwirbeln werden und ein Hals 
reckt sich empor und tragt ein lachend Antlitz, 

Dein Antlitz, Aglaé Ist dies Dein Haar, 

das dunkel sich des Lorbeers Krone mengt, 
der nachtig in die kuhle Grotte bricht? 
Ist dies Dein Arm, der strahlend ob dem Haupt 
sich ins Geåste schlingt, den leichten Leib 
vom Boden hebt und wiegt, so dass der Fuss 
die Erde kaum, die schwere, riihren mag, 

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696 SCHMITZ. 

an der ich wie ein Sclave vor Dir liege, 
gefesselt, plump und schwer, der braune Sohn 
der Erde. Oder sah ich falsch, entstiegest 
des Baumes Dunkel Du, ist Daphne, 
der Lorbeer wieder Weib geworden, beut 
mir eine Lust, die sie Apoll versagte? 

Horch, wie der Schlummer der Hamadryaden 
uns rings umathmet, wie im stillen Mittag 
ein jeder Tropfen, der des Brunnens Mund 
entfållt und in die Muschel trieft, ein Wort 
geheimnisvoll und licht zu flustern scheint. 
O moge jeder ein Geschwister sein 
von unseren Kussen, lass der Lippe Brand 
mich loschen an der Schale Deiner Reize; 
und was der heisse Morgen in mir reifte 
dem Schweifenden, dem Diirstenden, sei Dir, 
sei Deinem Schoss vertraut. 

Schon kannt ich Dich 
und Deine Stimme. Hast Du nicht am Fest 
des Gartengottes, als dem Bett des Gratten 
Eos noch nicht entfloh'n, am Bache friih 
das Syrinxrohr geblasen? War an jenem 
begliickten Tage nicht der Hi^ndin Brunst, 
der Taube Rufen und der Kåfer Leuchten 
von Deinem Lied ein schwaches Widerspiel? 
Bist Du es nicht, die mich erbeben låsst, 
wenn in dem Lorbeerhain ich friih erwache, 
-verwirrend Seufzen in den Blåttern lockt 
und sanfte Lufte mir wie Nymphenlippen 
den Leib umkosen? Wenn die Sternenblumen, 
die weissen, um mein Lager starren, sind es 
die kiihlen Bruste Deiner Jungfrau'nschaft, 
die bebend sich zu meinem Antlitz recken, 
£>is sie mein Bart gestreift; auch heute suchte 
ich Dich, auch gestern, werde morgen Dich, 
in jeder Welle Deiner Hiifte Schwung 
zu sehen wåhnen, jedes Mooses Flaum 
lockt mich zum Kusse, mahnt an Deinen Schoss 
ynd an die Rose, die er tief verbirgt. 



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PANISCUS. 

Du bist des jungen Windes, bist der Wasser 
Rauschen und Rieseln, bist duftiger Wiesen, 
lichter Birken Hauch, des Laubes Fliistern. 
Du liebst der Wogen keuschen Schwesterkuss ; 
bist Du allein mit ihnen, trågst Du wohl 
ein Silberschuppenkleid, dass enger sich 
an ihre Bruste schmiegt und glatter 
von einer zu der anderen gleiten låsst. 
Wie siiss muss Eure Wollust sein und doch 
niemals gesåttigt wogt sie fort und fort 
von Kuss zu Kuss in unerfulltem Hoffen; 
bis ihr vielleicht im Rosenlicht des Abends 
die Kniee eines Tritons sanft bespult, 
der auf dem Felsen an der Pforte wacht 
des hellen Meeres, das den Strom empfångt. 
Vielleicht, dass er die Muschel sinken låsst 
und eine aus der Wogenschar erkiest, 
an seine Seite zieht und auf der Klippe 
sich ihr vermåhlt; der Sterne Hochzeitsfackeln 
leuchten dem rauhen Bett aus nassem Schilf 
und ihrer kaiten Kusse matter Lust. 

Ich aber bin der Erde tiefe Glut, 

der Stamme Wucht, des trockenen Laubes Rascheln, 

der rauhen Graser und gezweigten Farren 

iippige Finsternis, wo rother Schwåmme 

und dunkeler Kåfer griine Brut gedeiht. 

Ich bin das Auge stehender Gewåsser, 

ich berge in dem warmen, dunkeln Schoss 

seltsam verschlungene Pflanzen, seltsam 

verchlungenes Gethier; ein schwarzes Wasser 

deckt meine Tiefen, doch der Morgenwind 

vermag auf meiner Flåche sanfte Ringe 

zu regen, leichter Wellen zartes Zittern . . . 

dies ist mein Låcheln. . . . Weck es, Aglaé ! 

Sieh, wie die Blumen sich zum Lager breiten, 
die purpurnen, die dicht behaart zu mir 
sich wenden, aber die zu Dir sich neigen, 



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698 SCHMITZ. 

sind weiss und nackte, rothe Herzen gliihen 

in ihrem Kelch. . . . Ist Dir die Anemone, 

ist das Cyperon Dir nicht weich genug? 

Bin ich Dir selbst zu rauh, soli ich vielleicht 

mehr Hyacinthus gleichen, liebst Du mehr 

ein glattes Kinn, dann soli noch heute 

Priap das Opfer meines Barts empfangen; 

und gråmen Dich die Horner meines Hauptes, 

dann hulle sie mit Ros' und Myrthe ein, 

dass ich Dir siiss genug als Buhle sei. 

Du låchelst, Aglaé? Ist Dir vielleicht 

der Leib des Jiinglings noch nicht rauh genug, 

diinkt Dir zu weibisch noch mein Kuss, die Glieder 

von eigenem Begehren unerprobt, 

bårtigen Kuss zu dulden noch gewohnt, 

dann will ich gehen, Schilf am Ufer holen 

und hartes Grås, die Eucalyptusrinde 

soli mich in einen Pinienzapfen wandeln, 

wie eine Frau aus Thasos mich gelehrt, 

und Deiner Bruste jungfraulichen Schlaf 

weckt rauhes Kosen. Soli mein Haar nach Rosen, 

soli es dem Fell des Bockes åhnlich duften? 

denn ich bin zarter, als Eudymion 

und rauher als der Gott der Wålder selbst, 

wie Du mich wiinschest; Lieder weiss ich siisser 

als Lydien sie erfand, gemengt mit Kosen, 

als wåren meine Lippen Rosenblåtter 

und alier Blumengårten Siissigkeit 

wirst Du in Deinen Adern gleiten fiihlen 

in langen, weichen Kussen; in eine Nacht 

der leisen Schauer wirst Du stumm versinken, 

sanft wie der Mond solist ^uf Wolken gleiten 

und Deine unergriindliche Entziickung 

wird mich mit siisser Trauer uberschwemmen, 

Du lauschst, Du schaust, Du athmest, alle Sinne 

trinken die Lust, sind Lust, der Schale Rand 

wird selbst zu Wein — in unfassbarem Strom. 

Du rufst den Tod, Dich von dem Leib zu trennen, 

der Deiner Seele tiefste Wollust hemmt. . . . 



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PANISCUS. 

Doch willst Du der Gewitter Schauer fuhlen, 

das Tannenkrachen wilder Felsennacht, 

tobendes Ziirnen berstender Gebirge, 

dann soli Dich meine Liebe mit sich reissen 

von Fels zu Fels und ihre wilde Fackel 

soli in der Berge schwarze Grunde leuchten 

und in des Meeres Schoss, den Donner solist Du 

in Deinem jungen Blute toben fuhlen 

und alier Winde Wucht in Deinem Haar. 

Von Fels zu Wolken tragt mein Nacken Dich, 

in Flammen unter uns zerbirst die Welt, 

in Flammen um uns kreisen die Gewitter, 

ich trag Dich hoher, immer hoher, bis 

Du matt in meinen Armen hångst und lallend 

nach einer weichen Rasenbank begehrst 

zu schlummern; und ich fliistVe Deinem Traum 

noch Worte ein, die mehr erzittern machen, 

als alier Gotter allertiefster Kuss! 

Komm Aglaé, kennst Du den Blumenschurz, 
den hochgefullt Priapus Bildnis tragt? 
So ist mein Busen voll von jungen Lusten 
der Mittagsglut; nun soli das sQsse Opfer 
von Deiner Mådchenschaft in einem Kuss, 
in Einem brennen, der gen Himmel flammt, 
so hoch, so heiss, so laut, dass Zeus, gedenkend 
der Nacht am Ida selbst, vor Neid erbleicht.c 

Und Aglaé erfullt mit hellem Lachen 
den kiihlen Raum — so rauschen weisse Quellen 
von hoch hernieder — und das junge Jauchzen 
der Flutgeborenen heisst die Seufzer schweigen 
des Harrenden! Schon streifen ihn die Haare, 
die aus des Baumes Krone sich gelost, 
schon neben ihm die Wellen ihres Odems, 
schon sinkt sie zu ihm auf das Blumenlager, 
und seine Lust zischt auf, als sei ein Strudel 
von Wasser in ein Feuermeer gefahren. 



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DER ENGLISCHE EINFLUSS IM KUNSTGEWERBE, 
Von AUGUST ENDELL (Munchen). 

Als Kunstler, der die moderne Bewegung des Kunstgewerbes 
und der Architektur in Munchen unrnittelbar miterlebt hat, nicht als 
Kenner oder Kunsthistoriker will ich iiber den Einfluss der englischen 
Kunst sprechen, ihre Bedeutung und ihre Grenzen zu charakterisieren 
versuchen. Der Historiker kommt leicht in Gefahr, fremde Einflusse 
ihrem Umfang nach zu Qherschåtzen. Er studiert die betreffende 
Entwicklung an Ort und Stelle, oder doch an der Hånd umfangreicher 
Publicationen und glaubt verzeihlicherweise nur allzu leicht, dass es 
wirklich die Gesammtheit all dieser Kunstschopfungen gewesen, die 
in anderen Låndern Anstoss zur Nachahmung und Verarbeitung gegeben. 
Das ist aber nicht der Fall. In Wirklichkeit geschieht die Obertragung 
durch eine unendlich kleine Zahl von Kunstwerken, die zudem in 
den seltensten Fallen zu den besseren gerechnet werden durfen. So ist 
es auch mit dem englischen Einfluss in Munchen gegangen. Man hatte 
das »Studio«, sah hie und da Kinderbiicher von W. Crane, vielleicht 
auch einmal ein kostbarer ausgestattetes Buch, die grossgemusterten 
billigen Stoffe fanden in kurzer Zeit riesigen Absatz, dazu kamen noch 
die spinnebeinigen Stiihle und Tische und die Compositionsmobel, die 
man gelegen tlich in grossen Magazinen ausgestellt sah. Das war aber 
auch so ziemlich alles. In England selbst sind wohl nur verschwindend 
wenig unserer Kunstler gewesen. Was man hier zu Gesicht bekam, 
war doch nur Massenware oder Imitation. Von dem eigentlichen 
englischen Kunstgewerbe sahen wir so gut wie nichts. Man erzåhlte 
sich wohl hie und da von sagenhaft herrlichen Dingen, die dort 
druben real existieren sollten, aber das alles war und blieb fur uns 
wie ein geheimnisvolles Mårchenland, von dem man wohl tråumen 
konnte, aber von dem man nichts Bestimmtes wusste. Vielleicht, dass 
geråde deshalb der Eindruck nachhaltiger und tiefer wurde. Jedenfalls 
war er ausserordentlich stark, sowohl in principieller, wie in sachlicher 
Hinsicht. 

Zunåchst, wir wurden erløst von der Renaissance: die schreck- 
lichen Såulenordnungen verloren ihre Machtstellung. Die abscheulichen 
Gesimse mit ihren sinnlos gehåuften Linien, die langweilige Anordnung 
der Fenster in Reih und Glied und die kleinliche wirkungslose 
Ornamentierung war beseitigt. Freilich nur in uns, es war nur eine 
innerliche Befreiung. Noch immer herrscht das Dogma von der 
einzigartigen SchOnheit der Renaissance, noch immer vertrodeln junge 
Architekten und Kunstgewerbler kostbare lange Jahre mit dem unfrucht- 



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DER ENGLISCHE EINFLUSS IM KUNSTGEWERBE. 701 

baren Studium dieser Kunstweise. Noch immer entstehen neue 
Renaissancepalåste und noch immer trifft Acht und Bann den Frevler, 
der sie zu bespOtteln wagt. Es wird noch lange dauern, bis man 
allgemein einsieht, welche Unmasse von kunstlerischer Kraft seit dem 
Ausgang des funfzehnten Jahrhunderts vergeudet ist, indem man die 
eigene Phantasie unterdriickte zu Gunsten einer fremden Formenwelt, 
die man aus intellectuellen Oberlegungen heraus, nicht aus åsthetischer 
Oberzeugung fur die einzig schøne und nachahmenswerte erklårt hatte. 
Von diesem Renaissancealp erløste uns die englische Kunst. 

Sie erløste uns von dem Historismus iiberhaupt. Als etwas 
Eigenes, neu Entstandenes erschien sie uns und machte uns frei von 
der fixen Idee: nur die Anlehnung an alte Stile fiihre zur Kunst, 
die Zahl der Møglichkeiten sei erschøpft. Die Historiker mOgen 
immerhin herausfinden, dass auch die Englånder an alte Formen 
anknupfen, an die Fruhrenaissance, an japanische Sachen und an 
Formen ihrer eigenen Vergangenheit. Darauf kommt es hier aber 
nicht an. Auf uns wirkte das alles als neu, als frei erfunden. Und 
damit war fur uns der Aberglaube widerlegt, dass man nichts 
Neues schaffen kønne. Das gab uns Freiheit und Lust am Schaffen. 
Und heute haben wir soviel Selbstvertrauen und Zuversicht, dass 
alle Geschichtsforschung unsern Glauben nicht mehr wankend 
machen kann. 

War der principielle Einfluss der englischen Kunst schon ein 
enormer, so gieng nebenher noch eine weitgehende sachliche Beein- 
flussung. Hatten unsere Architekten sich Miihe gegeben, ihre Kenntnisse 
zu zeigen, und war ihre Kunst im wesentlichen ein Zusammensetzspiel 
gewesen, so trat uns in den englischen Arbeiten das Streben nach 
Wirkung als dominierend entgegen. Immer nur ein paar Linien, aber 
die sicher und bestimmt gegeben, an Stelle des Liniengewirrs unserer 
Architektur, wo keine Linie die andere zur Geltung kommen låsst, 
wo alles schematisch intellectuell zusammengetragen ist, nicht aber 
bis ins Einzelne fur den speciellen Fall auf Wirkung hin erfunden ist. 
Einfachheit und doch stårkere Wirkung, Ruhe, grosse Flåchen, 
Abwechslung und Bedeutung in den Hauptumrissen, an Stelle der 
langweiligen Rechtecke, die unzåhlige Kleinigkeiten umschliessen. 

Man darf aber nicht vergessen, dass wir in Munchen schon 
lange, ehe der englische Einfluss sich geltend machte und nur wenig 
nach dem Beginn der Bewegung in England eine Architektur haben, 
die von ganz anderen Gesichtspunkten ausgehend, uns genau dasselbe 
lehren konnte. Vor mehr als 20 Jahren begann hier Gabriel Seidl 
seine Bauthåtigkeit und hat allmåhlig eine eigenartige, specifisch 
Munchner Baukunst geschaffen. Einfache, dem Material angepasste 
Bauweise ; weisse Putzflåchen, rothe Ziegeldåcher, die Fenster hellgriin 
gestrichen, ruhige, aber wirksame Formen, gliickliche Verhåltnisse, alle 
Oberladung vermieden. Allerdings gieng er vom bayerischen Barock 
aus, aber diese Anlehnung ist nahezu unmerklich, nur im Ornament 
macht sie sich deutlicher geltend. Und dårum musste in Munchen die 



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702 



ENDELL. 



englische Kunst noch mehr durch ihr Ornament als durch ihren 
allgemeinen Charakter wirken. 

Man hatte sich ja bei uns schon lange abgemuht die Fulle der 
Pflanzenwelt der Decoration dienstbar zu machen, aber ohne rechten 
Erfolg. Meurers mathematische Vergewaltigung der Natur konnte 
Kunstler nicht begeistern, und Seders Vorlagenwerke waren trotz 
vieler hubscher Einzelnheiten doch zu kleinlich. Mit schrecklicher 
Ångstlichkeit sind bei ihm immer auf ein Blatt Dutzende von Motiven 
vereinigt, um nur ja alle starke Wirkung auszuschiiessen, Um so ver- 
bluffender und fortreissender wirkten die englischen Muster. Riesig 
grosse Blumen mit wenigen Strichen gegeben, ohne Rucksicht auf 
Naturwahrheit, nur in drei oder vier feingestimmten Farben, weithin 
zu sehen, von starker Wirkung und endloser Mannigfaltigkeit. Das 
packte, stachelte an, revolutionierte. Die Nachahmung blieb nicht aus, 
theils sclavisch, theils frei. Das Blumchenwesen gedieh vortrefflich und 
jetzt gibts hier kaum einen Stubenmaler, der nicht in englischer Manier 
die Zimmer ausmalte. 

Es wåre aber thøricht in der Nachahmung der englischen Ar- 
beiten das letzte Ziel zu sehen, wir haben andere und neue Aufgaben, 
zu denen uns die englische Kunst nie fQhren kønnte. So viele Anregung 
wir ihr auch verd anken, sie ist begrenzt und zwar geråde an Stellen, 
wo unser deutsches Begehren dber das englische hinausgeht. Die 
englischen Pflanzen sind durchwegs nach einem Schema stilisiert. 
Immer und uberall kehren die weichen und schwåchlichen Linien 
wieder, gleichgiltig ob das Naturvorbild hart, wuchtig oder zierlich 
war. Ein Oberaus charakteristisches Beispiel findet sich im Voysey-Heft 
der »Decorativen Kunst«, Seite 278/79. Eine Originalzeichnung Voyseys 
nach der Natur und die Stilisierung des Motivs. Dort alles charakte- 
ristisch, spitz, lebendig bewegt, hier weichlich, todt und schal. Dieser 
Fehler geht durch die ganze englische Kunst. Oberall Weichlichkeit 
und Schwåche. Mein Vorwurf richtet sich aber nicht gegen das Un- 
realistische des Verfahrens, sondern nur gegen den Mangel an Nuancen. 
Ein Formkunstler muss eben imstande sein, je nach dem Zweck bald 
diesen, bald jenen Charakter zu geben. 

Ausserdem bleibt das englische Ornament fast immer in der 
Ebene, dårum fehlt es an einem eigentlichen Møbel- oder Architectur- 
ornament. Denn bei einem Møbel oder Gebåude kommt es ja fortwåhrend 
darauf an, die im Winkel aufeinanderstossenden Flåchen und Linien 
durch Ornamente ineinander uberzufuhren. Der Engiånder aber lasst 
alles rechteckig gegeneinanderstossen, vermeidet womøglich jede ge- 
bogene Flåche, sodass alles eine gewisse vornehme aber kuhle Nuchtern- 
heit bekommt. Das Ornament wåchst nicht aus dem Møbel heraus, 
ist nicht ein nothwendiger Bestandtheil desselben, sondern wird darauf 
gelegt und kann entfernt werden, ohne das Møbel wesentlich zu 
veråndern. 

All diese Einseitigkeiten liegen uns nicht, wir lieben kraftige, 
plastische Formen und reicheren Schmuck. Mag sich der englische 



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DER ENGLISCHE EINFLUSS IM KUNSTGEWERBE. 



703 



Stil durch die Importfirmen und sonstigen Einfliisse noch so sehr ein- 
burgern, im letzten Grunde ist er uns Deutschen unsympathisch. Mit 
der Nachahmung und Verarbeitung englischer Muster ist uns also in 
keiner Weise gedient. Und wir haben das umsoweniger nøthig, als 
sich unter uns eine ganz neue Kunstweise zu entwickeln begonnen 
hat, die uns zu ganz anderen und grosseren Zielen fuhren kann, als 
es die englische jemals vermOchte. Ich denke dabei an die Arbeiten 
von Hermann Obrist. 

Obrist hat fast nur Stickereien geschaffen, etwa 20 — 30. Aber diese 
wenigen Kunstwerke bilden den Ausganspunkt einer ganz neuen Epoche. 
Obrist stilisiert nicht, quetscht nicht Naturformen in willkurlichen Linien, 
er beginnt uberhaupt nicht bei der Pflanze oder sonst einem Natur- 
object. Was ihm zuerst vorschwebt, ist die Gesammtwirkung, charakte- 
ristische Hauptlinien, an diese krystallisiert sich alles weitere an. 
Allerdings halt er im wesentlichen an dem pflanzlichen Schema fest, 
auch greift er oft ganz naturalistisch Blumen auf. Aber sein Aus- 
gangspunkt ist allemal ein Formgedanke, der spontan entsteht — man 
kann das in seinen Skizzenbuchern Schritt flir Schritt verfolgen — , 
sein Ziel ist lediglich die starke, unmittelbare Wirkung, die Formen und 
Farben zukommt so gut wie Tonen und Accorden. Naturgeschichte 
kann man an seinen Werken nicht studieren, aber wohl kOstliche, 
ubermåchtige Eindrucke erfahren. Denn eben weil es ihm nicht darauf 
ankommt die Natur wiederzugeben, entnimmt er ihr nur das Wirkende 
und fugt es willkurlich zusammen, wie es fur seine kunstlerische Ab- 
sicht passt. So bleibt kein Fleck, kein Punkt ohne Wirkung und da- 
durch gewinnt das Ganze eine Gewalt, die viel grOsser ist als Natur- 
gebilde sie haben kOnnen. Wer uberall wissen will, was er sieht, 
der wird bei Obrist allerdings schwer auf seine Rechnung kommen. 
Aber der Geniessende will nichts wissen, sondern empfinden, und 
nichts mehr. 

Obrist ist nun noch weiter gegangen. Er hat eigene Blumen und 
Blåtter erfunden, ja er hat sogar in einigen Stucken direct freie Ge- 
bilde geschaffen, die mit Natur uberhaupt nichts zu thun haben. Damit 
aber ist der Ausgangspunkt gegeben zu einer ganz neuen Kunstart, die 
ich Formkunst nennen mochte, eine Kunst, die durch freigeschaffene 
Formen, die nichts sind und nichts bedeuten, unser Gemuth erregen 
wie die Musik durch freigeschaffene Tøne. Man setzt Formen, Linien, 
Flåchen, Kørper aneinander ohne jede andere RQcksicht, als die Rucksicht 
auf die Wirkung. Formen wirken genau so absolut wie Tøne, dårum 
kann man Formen wie Tøne combinieren. Man muss aber nicht an 
mathematische Formen denken, wie Kreis, Elipse etc. Geråde das sind 
infolge ihrer Regelmåssigkeit recht langweilige Formen. Aber die Zahl 
der Curven und gekrummten Flåchen ist unendlich gross und die Zahl 
ihrer Contraste unerschøpflich. Darum ist das Gebiet des Formkunstlers 
unbegrenzt. Nie werden sich die Møglichkeiten der Formen erschøpfen 
lassen, alle Nuancen, alle Char aktere, alle Zeiten, alle Racen konnen 
sich in Formen aussprechen. 



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704 



SCHMITZ. 



Damit ist nun auch die MOglichkeit gegeben, Aufgaben zu lOsen, 
die die Englånder mit ihrem naiven Naturalismus nicht tøsen konnten. 
Ganz freigefundene Formen kOnnen Capitåle, Knåufe, Ornamente jeder 
Art und jeden Zweckes sein, eine Blume aber wird nie ein Capital, 
ausser man missbraucht ihre Form in kindischer Weise : es ist låcherlich, 
aus einem Bliitenkelch einen schweren Stein emporsteigen zu lassen, 
der Gebålk und Sims tragt. Nur freie Formkunst bietet die MOglichkeit 
schOner Løsungen. In ihr kOnnte sich in Wahrheit neues Ornament 
und neue Architektur entwickeln. 

Den Weg gezeigt zu haben, ist Obrists Verdienst. Sein Name 
kann nicht mehr vergessen werden. Ob die weitere Entwicklung dem 
Beginn entsprechen werde, ist leider nicht ohneweiteres zu bejahen. 
Obrists principielle Bedeutung ist noch fast gar nicht anerkannt, nur 
verschwindend wenig Kunstler treten in seine Fussstapfen, die grosse 
Masse ahmt nach und hOrt gelehrig die tiefsinnigen Spriiche gewisser 
gelehrter Herren an, die da verkunden: schOn ist alles, was bequem, 
praktisch und constructiv richtig gearbeitet ist. Dass das aber selbst- 
verståndliche Dinge sind, fållt niemand ein. Naturlich darf ein Haus 
nicht einfallen, ein Schrank soli standfest und haltbar sein. Aber das 
ist Sache der Technik und noch lange keine Kunst. Erst wenn es 
gelingt, ein Mobel wirkungsvoll zu gestalten, wenn alle constructiv 
nothwendigen Theile auch ktinstlerisch nothwendig geworden sind, 
wenn sie hinreissen, begeister n, packen, erst dann kann man von 
Kunst reden. 

Mag es nun kommen, wie es will. Jedenfalls muss man heute 
constatieren : die englische Kunst hat bei uns das Interesse fur 
decorative Arbeiten måchtig geweckt. Wir haben allen Grund dafur 
dankbar zu sein, wir brauchen aber nicht Nachtreter der Englånder 
zu bleiben. Wir kOnnen eine eigene Kunst haben wenn wir wollen, 
ja noch mehr, bei uns kOnnte eine ganz neue Kunstart entstehen, die 
von uns aus spåter sich tiber die ganze Welt verbreiten wurde. Ob 
es geschieht, das hångt davon ab, ob Obrists That genugend bekannt 
wird und in ihrer Bedeutung verstanden wird. Nur dann kann er 
Nachfolger finden, die das Begonnene fortsetzen, erweitern und allgemein 
zur Anerkennung bringen. Aber es wåre ja nicht das erstemal, dass 
Keime kråftiger, seltener Bliiten elend verkummern. Das Genie ringt 
sich immer durch, sagt der Philister in solch einem Fall. 



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MASKEN UND GOTZENBILDER. 

Von ELIE RECLUS*) (Briissel). 

Cbersetzt von Marie Lang. 

I. 

Ein Zauberer vom Orinoko sagte einst: »Alle Magie besteht aus 
Hass und Liebe, sie verwundet und tOdtet nicht nur, sondern sie 
heilt auch.« 

Gewiss ahnte der wackere Zauberer die ungeheure Tragweite 
seines Lehrsatzes nicht. Niemals ist ein tieferes Wort gesprochen 
worden. Wie es uns das Wirken der Magie erklårt, offenbart es uns 
auch das Geheimnis der Weltgeschichte. Grosses ist nie ånders als in 
Begeisterung vollbracht worden, und unter dem Antrieb einer tiefen 
Leidenschaft. Und ein Aufleuchten des Genies war auch jener Ausruf 
einer Freundin der Encyclopådisten : »Die Tugenden sind menschliche 
Einrichtungen, die Leidenschaften aber gOttliche.« 

Doch unter dem Einfluss der Benthamisten, der Liberalismus 
genannten Reaction der National-Okonomen und Utilitaristen entwertete 
man das Gefuhl und verurtheilte die Leidenschaften insgesammt. Diese 
ehrenwerten Leute, die nicht wussten was sie sagten, verlangten, dass 
man sie unterdriicke, diese Leidenschaften, die doch nur Ursachen von 
Ungemach, Verbrechen und Unheil seien. Ihre ideale Gesellschaft war 
eine Wiederbelebung klOsterlicher Zucht und erweckte die Vorstellung 
einer Musterstrafanstalt ; die von ihnen ertråumte Welt wimmelt von 
geschlechtslosen Arbeiterbienen. 

Sie ahnten nicht, dass die Leidenschaften die Pulsschlåge des 
Lebens sind, das Brausen der Seele, die heraustritt aus kaiter Regungs- 
losigkeit, die aufhOrt zwischen zwei entgegengesetzten elektrischen 
Polen ein Neutrum zu sein, und in heisser Glut sprtihend emporsteigt 
in Flammenpracht und Licht. 

»Anstatt die Leidenschaften niederzuhalten — und mit welchem 
Ungeschick! — anstatt danach zu trachten sie zu ersticken, — was 
ebensowenig erreichbar ist — « erklårte der grosse Fourier, »erhOht 
lieber ihre Energie, auf dass sie ihr Gleichgewicht und Gegengewicht 



*) Anmerkung der Redaction: Herr Professor Elie Reclus von der 
Brusseler Université Nouvelle hatte die Giite uns dieses Manuscript einer seiner 
Vorlesungen iiber »Damonologie« zur Verfugung zu stellen. 



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706 RECLUS. 

finden kOnnen, lernt sie in Harmonie setzen, die eine durch die andere zur 
Geltung zu bringen! Leidenschaften sind die Springfedern der Gesell- 
schaft, die Leidenschaft oder das starke Gefuhl sind der Motor der 
Menschheit.« 

Solche Theorien waren den Mittelmåssigen, die nur von niederen 
und frivolen Leidenschaften bewegt werden, unverståndlich. Ihre Herzen 
sind ein immerwåhrend feuchter Zunder, — sie verfaulen im Mode- 
rantismus, der ihrem Seelenstande angemessen ist, ausser wenn sie 
manchmal unbewusst das Opfer einer blinden Wuth werden. Raserei 
gibts Qberhaupt nur bei Gemåssigten. 

Oberein8timmend mit den Poeten des Phalanstére befinden sich 
die Zauberer der Galibi und der Caraiben auch in Einklang mit den 
Brahmanen des Bhagawas und des Puranas, welche behaupten, dasa 
das hOchste Wesen in Wahrheit keine Eigenschaften an sich håbe, 
sie aber gewinne durch die Macht der Maja, durch die es die GeschOpfe 
erzeugt, erhålt und zerstOrt. 

Die ersten Interpreten iibersetzen den Namen Maja ohneweiters 
mit Magia und erklårten ihn, ubrigens ganz richtig, als die Leiden- 
schaft und gleichzeitig die Illusion; die Leidenschaft, das heisst der 
Conflict von Anziehung und Abstossung, von Liebe und Hass. Durch 
die logische Fortentwicklung dieser Theorie gelangte Buddha zu seinem 
System: Nirwana zu gewinnen, oder die UnpersOnlichkeit des Seins 
im unbestimmten Genusse des Absoluten. 

Ebenso nannte sich Odin, die grosse scandinavische Gottheit, 
Oskr, das heisst : der Wunsch ; und die Walkuren, seine Gefolgschaft, 
waren Oskr Mayjar, » Wunsch tøch ter«. 

Die lebendigsten und fesselndsten Berichte der Geschichte und 
Legende geben uns Kunde von Ungeheuerem, das der Hass erzeugte 
und von Wundern, welche die Liebe vollbrachte. Eine Heldin der 
neu-griechischen Sagen sollte von einem fOrchterlichen Ungethum 
zerrissen werden. Ein Held kommt, sieht und liebt sie. Und fuhlt 
seinen Arm von unbezwinglicher Kraft durchzittert, nachdem er um 
den Griff seines Degens ein Haar gewickelt hatte, das sie ihm aus 
ihren langen goldenen Locken geschenkt. 

Dieses Haar war ein Tråger von Magie, denn alle Heilmittel, 
Gift und Zaubertrånke sind nur die Obermittler von Hass und Liebe. 

II. 

Gewiss meinte unser Zauberer keineswegs, dass sich Hass und 
Liebe in seiner galibischen Horde gegenseitig aufhoben. Er war nicht 
bis zum System des Dualismus gelangt, nach welchem sich gut und 
bOse das Gleichgewicht halten, noch weniger nahm er an, dass ein 
grosser Armuzd damit enden werde, einen grossen Ahriman aufzusaugen. 
Er stellte sich alles um sich her als das Ergebnis guter oder bOser 
Leidenschaften vor, in deren Grunde gute oder bøse Dåmonen wirken. 
Aber er dachte, dass die Teufelchen des Zornes zahlreicher und måchtiger 
seien als die Geister der Gute und des Erbarmens. 



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MASKEN UND GOTZENBILDER. 



707 



Håufig Hest man in den Berichten von Reisenden und Missionåren 
Såtze wie die folgenden : »Die Wilden nehmen die Existenz von zwei 
Principien an, Mologou, den Urheber des Guten und Cienga, den 
Urheber des BOsen. Aber Cienga begegnet man uberall. Cienga ist 
auf allen Wegen und Stegen, Cienga mischt sich stets in alles, was 
ihn nichts angeht, wåhrend Mologou unsichtbar bleibt. Obrigens 
sagt man, Mologou sei todt, sei infolge seines hohen Alters 
gestorben ! — « So erzåhlt Rudesindo Salvado, Missionår in Australien. 

Diese Angaben sind vielleicht ein wenig zu kategorisch. Die 
Wilden durften keine klare metaphysische Vorstellung von gut und 
bOse haben, von dem ewigen Gegensatz dieser beiden Principien; 
sie unterscheiden eher, was ihnen nutzlich oder schådlich ist. So ver- 
fåhrt die unentwickelte Intelligenz. Der Bauer theilt die Vøgel und 
Insecten in zwei scharf gesonderte Classen: die Verwendbaren, eine 
kleine Schar, und das unzåhlbare Heer der Schådlichen und BOsartigen. 
Was sagt man von den Champignons? Die einen sind gut, das heisst 
essbar ; sie haben eine frische, rosige Farbe, ihr Fleisch ist dick und 
fest, veråndern nicht die Farbe an der Luft und strOmen einen feinen 
Duft von Rosen und Mandeln aus. Die giftige Art, die schlechten — 
sind gekennzeichnet duren ein schmutziges, klebriges Aussehen, weiches, 
schwammiges Gewebe und meistens durch einen unangenehmen, 
håufig sogar faulen Geruch. 

Der Dualismus, welcher zusammengefasst ist in »Weweh« und 
»Gutiguti«, dieser Dualismus der Kinder und Wilden, hat nur einen 
geringen objectiven Wert. Was liegt dem Universum daran, ob eine 
Sache dem Individuum angenehm oder unangenehm, nutzlich oder 
schådlich sei, welches den Namen Mensch tragt? 

Wir sehen nichts Auffålliges an der Gesundheit — ist sie doch 
der Normalzustand. Nichtsdestoweniger setzt sie die Mithilfe zahlreicher 
Organe voraus, die in unendlichen Complicationen zusammenwirken. 
Die mindeste Unbequemlichkeit, der Schatten einer StOrung wird 
hingegen sofort bemerkbar, schon ein leiser Schmerz beunruhigt den 
Organismus. Durch seinen aussergewOhnlichen Charakter macht das 
Leiden einen tieferen Eindruck als die Freude, das Widerwårtigef einen 
grOsserea als das Befriedigende. Unser Nebenmensch macht sich uns 
Ofter durch seine schlechten als durch seine guten Dienste bemerkbar. 
So geht es in der unsichtbaren Welt. Die bOsen Teufel offenbaren 
sich eher als die schiitzenden Geister. Gegenuber einigen gutigen 
GOttern vermutheten die Singhalesen zahllose Mengen bOsartiger 
Dåmonen. Ihre Zauberer behaupteten 240000 BeschwØrungsformem 
zu kennen um Krankheiten herbeizurufen und nur eine, um sie zu 
bannen. 

Nach zahlreichen Visitationen auf der Insel St. Domingo gewann 
Monsignore Hillion, Bischof auf Cap Haiti, die traurige Oberzeugung, 
dass der grøsste Theil seiner schwarzen Beichtkinder die Messe 
besuch t, um sich ganz besonders fiir die BeschwØrung der »Zombie 
vorzubereiten. »Zombi« oder Ombres — Schatten — ein Wort aus 



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708 



RECLUS. 



dem zwitschernden Dialect der Creolen, welches manchmal anzuwenden 
wir um Erlaubnis bitten. Wozu sollen die Zombi gewonnen werden? 
Auf dass sie den Nebenbuhlern und Neidern schaden, die Feinde 
wurgen oder ihnen doch wenigstens ubel mitspielen. Also nicht um 
ihr Heil zu finden besuchten sie die Kirche, sondern um ihren 
Nåchsten Schaden zuzufugen .... Ein sonderbares Beispiel, wie die 
Barbaren die Religion auffassen ! Wie viel Licht wirft diese Beobachtung 
auf die ursprunglichen Culte! Deshalb wurden die Dienste der 
Zauberer, GeisterbeschwOrer, Kartenaufechlågerinnen und Bårentreiber, 
wie sie unsere Bauern noch heute nennen, begehrt. Der erste scharf 
gekennzeichnete und deutlich empfundene Gegensatz war der von 
Freude und Leid und nicht jener von gut und bOse, mit dem man 
ihn allzu leicht verwechselt. Lange Zeit trachtete man nur darnach, 
angenehme Sensationen aufzufinden und unangenehme Sensationen 
zu vermeiden. Es bedurfte einer gewissen Entwicklung, um zur 
Erkenntnis intellectueller Perception und noch spåter zu moralischen 
Gefuhlen zu gelangen. 

Ohne uns jetzt mit den zahllosen Freveln zu befassen, deren 
sich der Magier, seine Macht so viel er konnte missbrauchend, 
schuldig machte, wollen wir die unvergesslichen Dienste anerkennen, 
welche jene Leute unserer Gattung erwiesen haben, die man bei 
manchen Stammen immer noch Dickschådel, QuerkOpfe, Gewitzte, 
Schlaumeier, Kreuzkøpfeln, »Leute, die noch was anderes kOnnen als 
Eicheln fressen«, nennt. Der Magier war es, der mit seinen verworrenen 
Hirngespinsten und langwierigen Proceduren unseren Vorfahren aus 
brutaler Wildheit zu einer bereits intelligenten Barbarei heruberhalf. 

Leidenschaft war die erste Veranlassung zu magischen Werken. 
Aber ausser Liebe oder Hass bedurfte es hiebei auch einer gewissen 
Einsicht, jener ersten Wahrnehmungen, die sich spåter in Wissenschaft 
umwandelten; die blinden Kråfte der Anziehung und Abstossung 
mussten in dem Masse bewusst werden, als sie sich bethåtigten. 
Sympathie und Antipathie setzt eine intime Kenntnis der PersOnlichkeit 
voraus, welche sie hervorgerufen hat. Das kommt in einer seltsamen 
Redensart zum Ausdruck, nach welcher die Plane des Zauberers 
misslingen mussen, wenn er nicht weiss, wie der Vater des Mannes 
hiess, dessen Untergang er beschlossen. 

ni. 

Sich eines Menschen erinnern, heisst ihn beschwøren und erscheinen 
lassen ; seine Gestalt projiciert sich auf das Gehirn wie auf eine Wand, 
verkleinert und winzig, wie jemand, der durch ein verkehrtes Opera- 
glas betrachtet wird. Bis in die Neuzeit zweifelte man nicht daran, 
dass diese Erscheinungen, Erscheinungen der Seelen oder zum mindesten 
ihrer Ausstrahlungen seien. Man stellt sich den Schatten als Gestalt 
vor, welche die Griechen Eidolon nannten, das Idol oder Ideechen. 
Ideen sind und bedéuten Visionen. Es tauchen zuerst concrete Ideen 
scharf umrissen auf. Um sie in abstracte Ideen hinuberzuleiten bedarf 



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MASKEN UND GOTZENBILDER. 709 

es der Zeit, die ihre Umrisse vertøscht, ihre Zuge verwischt. Die 
Fåhigkeit der Abstraction, welche Algebraikern und Mathematikern 
eigen ist, entwickelt sich nur allmåhlig in unserer Gattung. Weder 
Kinder noch Wilde mOgen da gerne anbeissen. 

Ebenso wie sich auf der glatten Flåche eines Teiches die Land- 
schaft spiegelt, fållt der Schatten der Personen und der Abglanz der 
Dinge auf die Retina unseres inneren Auges. Indem sie ins Bewusstsein 
treten, werden die Bilder zu Ideen, dann zu Reflexionen. 

»Die AbgOtterei«, erklårten Araber dem General Daumas, »ist 
dem Schmerze der Lebenden um die Todten entsprossen«. 

Bald vergessen, wurden die Verstorbenen in den dunklen Ab- 
griinden des Nichtseins verechwinden, wenn nicht irgend ein materielles 
Bild, das unmaterielle Bild, welches noch in einigen Erinnerungen fort- 
besteht, fortwåhrend erhalten wurde. Das gemeisselte, spåterhin ge- 
zeichnete Bildnis setzte die materielle Vision im Intellect fort. 

Mit Recht oder Unrecht halten wir die, wie wir meinen ersten, 
allen anderen vorangegangenen Darstellungen der menschlichen Gestalt 
von hochster Bedeutung. Wie alle Welt sieht auch der Wilde erst 
bloss die Form der Dinge, begreift nur durch die Zuhilfenahme eines 
Bildes. 

(Schluss folgt) 



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NOTIZEN. 



BOCHBR. 

»Die graue Frau«. Ein 
hellenisches Drama von Con- 
stantin Christomanos. Wien, 
C. Konegen. 

Dieses esoterische Drama, wie 
es der Verfasser selbst nennt, 
unterscheidet sich von Stucken 
modemen Stils, die eine innere 
Handlung bieten, darin, dass es 
nur noch Seelen, fast ohne 
jede kOrperliche Beziehung vor- 
fuhrt. Die vorhandene åussere 
Handlung entbehrt demnach fQr 
jenen, der nicht diese inneren Vor- 
gånge erfasst, der dramatischen 
Durchleuchtung. Sie erscheint 
schemenhaft, weil sie nur die Vor- 
aussetzung bildet fur seelische 
Evolutionen, die uber die Erfah- 
rungsgrenzen hinausfuhren. So 
wird bei der Lecture des Werkes 
jeder einzelne in ganz individuelle 
Stimmungen versetzt werden. Es 
mag nicht ohne Wert sein, die 
Freiheit der Kritik dem Leser 
ganz intact zu erhalten und ihn 
nur zu dem Standpunkt hinzu- 
leiten, von dem aus er auf das 
dichterisch Vorgefuhrte zu blicken 
hat. — In einer Villa am Meere woh- 
nen Lysander und Aglaia in junger, 
glucklicher Ehe, der ein Kind 
entsprossen ist. Trotzdem leben 
die Gatten in einer unvollkommenen 
Beziehung zu einander. Lysander 
liebt seine Frau, aber diese Neigung 
fullt ihn nicht aus, weil er 
unbewusst auf etwas Gewaltigeres 
harrt, das den Schlussstein seines 
Lebens bilden soli. Aglaia wittert 
in ihrer blumenhaften FeinfQhlig- 



keit die Wolke uber ihrem Gluck. 
So liegen die Dinge, als die 
»graue Frau« in den Lebenskreis 
der Beiden tritt. Dir Erscheinen 
wirkt auf Lysander, dem in ihrer 
Person die Erfullung seines Ver- 
hångnisses naht, uberwåltigend. 
Im Contrast zu seinem Gluck ist 
sie das personificierte Leid. Sie 
hat das Unglfick erlebt, infolge 
einer Willenslåhmung ihr Kind 
aus ihren Armen zu Tode fallen 
zu lassen. Seitdem hat sie kein 
Wort mehr gesprochen als: »Hått' 
ich ein Kind — hått* ich ein 
Kind.« Und sie låchelt immer 
still vor sich hin, als ob sie eines 
zu ihr kommen såhe. Sie tragt 
nur graue Kleider, keine schwarzen, 
weil ihr Kleiner sich vor der 
schwarzen Farbe gefiirchtet hat. 
Ihr ist die graue Farbe ein 
Schimmer des Trostes, wåhrend 
sie bei Lysander das Begrabensein 
alier Farben des Gliickes bedeutet 
und ebendadurch dieConcentrierung 
alles Gliickes symbolisiert. Des- 
wegen durchschauert ihn schon 
bei der biossen Erwåhnung der 
grauen Farbe ein GefQhl von 
Schmerz und Wonne zugleich. 
Er selbst erklårt sich dies durch 
eine einst erhaltene Prophezeihung: 
»Von der grauen Gestalt kommt 
Dir einst all das Licht entgegen 
und Du wirst darin untergehen.« 
Die »graue Frau« ist ganz erfullt 
von ihrem Leid. Ihr ganzes Wesen 
ist von dieser Empfindung durch - 
setzt, alle anderen Gefuhle sind 
ausgeschieden. Sie hat sozusagen 
alles KOrperliche abgestreift. Sie 
ist einzig und allein die Hypostase 



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NOTIZEN. 



711 



des Schmerzes. Sie wird dadurch 
zur unbewussten Nothwendigkeit 
fur die beiden GlGcklichen. Nach- 
dem sie aber auch deren Kind, 
wie durch einen unwiderstehlichen 
Zwang getrieben, jenem selben 
Schicksal zufuhren musste, welches 
ihr eigenes Kind ereilt hatte, weil sie 
ihr Wesen als personificiertes Leid 
nicht verneinen durfte, so zerfliesst 
ihre Gestalt am Schlusse des Stuckes 
und bleibt im Inneren der beiden 
anderen zuriick. Bei dem Einen voll- 
zieht sich durch Erschauung seines 
Ich-Kernes jene Ergånzung seines 
Wesens, der er bedurfte, wahrend 
Aglaia, bisher ein Vollgeschøpf, 
um ebensoviel beraubt wird. Die 
Philosophie des Schmerzes, die 
Åsthetik des Leidens, die uns 
das Werk vor Augen fQhrt, 
gemahnt in seiner Anlehnung 
an das griechische Drama an 
die althellenische Adonisfeier. — 
Wenn so die åussere Fabel, 
die der »grauen Frau« zu Grunde 
liegt, herausgeschålt und der Mass- 
stab zur philosophischen Kritik 
zur Hånd ist, wird sich der Leser 
ohne Ablenkung an die kunst- 
lerische Ausfuhrung halten kOnnen. 
»Es gibt ein unbegrenztes, aber 
auch unzugångliches Feld fur unser 
gesammtes Erkenntnisvermøgen « , 
sagt Kant in seiner Kritik der 
Urtheilskraft, »nåmlich das Feld 
des Cbersinnlichen, worin wir 
keinen Boden fur uns finden, also 
auf demselben weder fur die Ver- 
standes- noch Vernunftbegriffe ein 
Gebiet zum theoretischen Erkennt- 
nisse haben kOnnen; ein Feld, 
welches wir zum Behufe des Ge- 



brauchs der Vernunft mit Ideen 
besetzen mussen . . . .€ . 

Von Anton Tschechow ist 
sæben ein neues Båndenen unter 
dem Titel: »Starker Tobak« bei 
Albert Langen erschienen. Bis auf 
den geachmacklosen, irrefQhrenden 
Titel — ein Verlegertitel ! — ist jede 
Zeile dieses Båndenens bewunde- 
rungswurdig. — Man hat Tschechow 
den russischen Maupassant genannt, 
aber das scheint uns noch zu 
wenig gesagt uber diesen grossen 
Dichter. Maupassants Skizzen sind 
alle spitz zulaufend, mit einer Ent- 
schleierung, einer Oberraschung, 
einer Pointe endigend. Alle Mau- 
passant-Skizzen sind fur den Leser 
im Hinblick auf die Schlusswendung 
spannend, Tschechow aber ist ein 
fortwåhrender Oberrascher. Seine 
Skizzen haben selteneine einzelne 
Pointe, sondern sie sind Bilder 
des Lebens, wie es sich fort- 
wåhrend in unerwarteten Cber- 
raschungen documentirt. Jedes 
Wort in diesen Skizzen ist pointirt, 
aber dieser Complex selbst ist oft 
durchaus ohne Pointe. (Man denke 
an das wunderbare Idyll: »Lotto«.) 
Vielmehr steht Tschechow selbst, 
wie einmal einer seiner ersten 
deutschen Apostel sagte, mit einem 
merkwurdigen Gleichmuth vor 
seinen Conflicten, mit der kaiten 
Heiterkeit eines allerfassenden homo 
sapiens . . . Dieses Båndenen enthålt 
iibrigens neben dem bei Reclam er- 
schienenen die besten Dichtungen 
Tschechows. Es gehørt zu den drei 
oder vier bedeutsamsten Erschei- 
nungen dieses Literaturjahres. 



Herausgeber: Gustav Schoenaich, Felix Rappaport. 
Verantwortlicher Redacteur: Gustav Schoenaich. 

K. k. Hoftheater-Druckerei, Wico, I., Wollxeilc 17 (Vcrtntwortlich A. Rimrich.) 



54* 



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»WIENER FREIE BttHNE.« 

Wir constatieren mit Befriedigung, dass der Gedanke der Errichtung 
einer »Freien Btihne« in Wien auch ausserhalb der Grenzen Osterreichs 
wann^n Anklang gefunden hat. 

So schreibt u. A. das Berliner Tageblatt vom 21. Juli d. J. : 
»Eine »Freie Btihne« in Wien. (Von unserem Correspondenten.) Wien, 
19. Juli. In einer der Revuen des frisch-frøhlich agitierenden litera- 
rischen »Jung -Wien«, der »Wiener Rundschau« wird angekundigt, 
dass die Vorarbeiten fur die Schammg einer »Freien Btihne« in 
Wien im Zuge sind und hoffentlich bald zu dem gewtinschten 
Resultate ftihren werden. F. Schik, einer der wirklich Begabten 
aus der Gilde der Wiener Modemen, macht zu obiger Mit- 
theilung nachstehende Bemerkungen, in denen Berlin viel Lob 
gespendet wird. Er sagt:« (Hier folgt der wørtliche Abdruck 
unserer Ausftihrungen. Schliesslich bemerkt das »Berliner Tageblatt« :) 
»Kein Zweifel : eine »intime Btihne« wåre gar sehr nach dem Geschmacke 
eines grossen Theiles unserer sich fur Theater interessierenden Gesell- 
schaft. Auch sind die Vortheile, die sie bråchte, gar nicht zu verkennen. 
Aber vorlåufig dtirfte die Sache noch ihre guten Wege haben. So 
lange nicht hinreichende Mittel vorhanden sind, um die »Freie Btihne« 
mit dem in Wien allein wirkenden lårmenden Bum-bum zu installieren, 
so lange wird die an sich sehr gltickliche Idee eben bloss Idee bleiben. 
Alles, was bei uns gemacht wird, muss mit einem gewissen Geschick 
gemacht werden und namentlich mit Geld. Wir haben es nur zu oft erlebt, 
dass hier die besten Intentionen zu Boden fielen und Staub wurden, 
weil die betreffenden Unternehmer es å tout prix wollten, dass die 
guten Ideen »aus sich heraus wirken« sollen. Wo ånders ist das immer 
gegangen, in Wien nicht. In Wien gelten die Åusserlichkeiten schrecklich 
viel, wenn nicht alles. Kann man bei uns einen schOnen Plan nicht 
mit entsprechenden Applomb in die Welt setzen, dann lasse man ihn 
ruhig liegen. Ftir Kenner ist es kein Geheimnis, dass die erste Wiener 
Ausstellung der Secessionisten ihren grossen Erfolg vor allem dem 
Umstande zu danken hat, dass man sie mit jenem Spektakel »gemacht« 
hat, der in Wien sein muss. Es ist hier einmal so: ohne Spektakel 
kein Leben!« 

Es ist nicht nOthig zu sagen, dass diese Befurchtungen doch 
nur ein wohlwollendes Interesse ftir die Sache bezeugen. Thatsachlich 
sind sie aber nicht begrundet. Das ganze Unternehmen ist derart in 
Angriff genommen worden, dass von kleinlichen Mitteln und halben 
Massregeln nicht die Rede sein kann. Auch ftir das »nOthige Bum- 
bum« werden Freunde der Idee zu sorgen wissen. 



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Prånumerations-Einladung. 



Die „Wiener Rundschau 66 beginnt mit No. 19 vom 
15. August 1898 das ViOPte Quartal ihres ZWOlteil 
Jahrganges. 

99" Abonnementspreis *^NI 

vierteljåhrlich: 

2 Guiden fur Osterreich-Ungarn, 4 Mark flir Deutschland, 6 Francs 
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Bestel I ungen und Abonnements-Auftråge ubernehmen såmmt- 
liche Buchhandlungen, Zeitungsverschleisser und Postanstalten des 
In- und Auslandes, sowie die Administration. 

Das Quartals- Abonnement kann auch mit Nummer 16 
vom 1. Juli 1. J. begonnen werden und endet dann mit 
Nummer 21 vom 15. September 1. J. 

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Wir ersnchen unsere P. T. Abonnenten, irelche die Naehsendung 
anserer Zeltschrift in die Sommerfrisehe wtinschen, um gef. reehtzeitige 
Bekanntgabe der Adresse, unter welcher das Blatt wtfhrend der Sommer- 

monate Terschiekt werden soli. 

Hochachtungsvoll 

Die Administration der „Wiener Rundschau" 

Wien, I/l, Spiegelgasse 11« 



ist das best© 

Mittel zur 
Erhaltung der 



»1 Preis fl. 1.— . 

||[ Balsamlnea-Selle 



hiezu SO kr. 



Czerny's KoJVumUd) 

ANTON J. CZERNY, WIEN, S^/ÆSL.. 

Zusendung auch p. Postnachnahme. Pr08pecte gratis U. franCO. Depots in Apotheken u. Parfumeri en. 



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^J^iener Rundschau. 



15. AUGUST 1898. 



BISMARCK. 
Von F. SCHIK (Wien). 

Die politischen Weltangelegenheiten sind nun ohne die lang- 
gewohnte, verlåssliche Controle. 

Nicht wie damals, als deutscher Reichskanzler, in berechtigtem 
Grimme den Formalismus des Riicktrittes mit åtzendem Sarkasmus 
erfullend, sondern ergeben ist Bismarck abgetreten. Er hat in die 
Freundeshand eingeschlagen, die ihn aus dem Wirrsal der Er- 
eignisse hinausfiihrte, in das er bis zum letzten Augenblicke seine 
klarende Stimme erschallen liess. Jetzt mag erst recht der Genius 
mit der gesenkten Fackel um seine Macht, Bismarcks Mund fur 
ewig z'u schliessen, beneidet worden sein, jetzt mogen wieder 
die irdischen Gewalten, denen es nicht gelang, den Zweck der 
herostratischen Entlassung zu erreichen, an die Grenzen ihres 
Konnens gemahnt worden sein. 

War auch seit acht Jahren Bismarck jener Weg ver- 
sagt, alle offentlichen Autoritåten Deutschlands zu unmittelbaren 
Organen seiner wuchtigen Willensbestimmung, alle Bewegungen 
der Staatsmaschine zu Åusserungen seiner politischen Einsicht 
zu machen, so vermochte doch das ganze kaiserliche Aufgebot 
nicht zu bewirken, Bismarcks ferneren Einfluss auf die Welt- 
geschichte mit einem Ruck auszuschalten. Noch war sein Geist 
in den Pramissen des deutschen Reiches, in den Einrichtungen 
des politischen Lebens zu innerlich fixiert, das diplomatische 

ss 



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714 



SCHIK. 



Wesen nach der Spitze seiner Person hin aufgebaut, immer noch 
blieb der Einsiedler von Friedrichsruh mit den Insignien sou- 
veråner Macht bekleidet. Auf Bismarcks Wink wurden ganze 
Armeen von Gedanken mobilisiert, und ein Appell von ihm 
fand bei allen Volkern einen solcben Wiederhall, dass er die 
Furstenhofe beschåmte. Gleichgiltig iiber die officiellen Statten 
der Autoritat hinweg richteten sich die Blicke suchend nach 
dem Sachsenwalde. Kein Ereignis in Europa vermochte einen 
abschliessenden Eindruck hervorzumfen, bis es nicht von 
Bismarck unter die Gesichtspunkte seiner grossen Seele geriickt 
war. Gegen menschliche Willkiir war er gefeit und nur den 
Naturgesetzen unterthan. 

Der Tod allein hatte die Macht, Bismarck verstummen zu 
machen. Und auch jetzt noch wird sich seine Individualitåt durch- 
setzen bei Publication bisher geheim gehaltener Denkwiirdigkeiten, 
und noch einmal wird die abstracte Person Bismarcks das Thaten- 
feld seines Lebens durchwandeln. Die letzten Blitze seines Geistes 
werden neues Licht iiber die kolossalen Umwålzungen verbreiten, 
die sich unter seinem Regime vollzogen, fiber die vollendete 
Losung von Aufgaben, deren jede einzelne einen grossen Staats- 
mann hatte niederringen konnen. Er siegte durch das Riesen- 
hafte seiner Ziele. Er begnugte sich nicht mit den Erfolgen der 
Werkeltagspolitik. Aus seinen weittragenden Initiativen nahm er 
den Schwung, das Staatsschiff immer flott zu erhalten. Was zu 
andera Zeiten die Zuversicht des deutschen Volkes zermalmt 
hatte, verlor an Grosse neben den Perspectiven seines Wesens 
und angesichts der anscheinenden Leichtigkeit in der Ausfiihrung. 
Bis sich die Archive offnen, werden die Strahlen seiner iiber- 
ragenden Staatskunst in die Einzelnheiten der Schwierigkeiten 
hineinleuchten, die er zu iiberwinden hatte. 

Die Krafte, welche von Bismarck ausgegangen, sind in die 
Weltstromungen hiniibergeflossen und liessen sich nicht in Einem 
Lande festhalten. Nach seinem Ausscheiden aus dem Amte 
begann uberall die Macht der Kleinen. Tausend erbannliche 
Schwierigkeiten stellten sich ein, in tausend lappische Verwick- 
lungen drohten sich die Fåden der Politik zu verschlingen. An 
den unbedeutendsten Vorkommnissen scheiterten die Augenblicks- 
Autoritaten. Mit der scheinbaren Losung einer Frage rollte man 
drei andere auf. Der grosse Gesichtspunkt schwand. Der Klein- 



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BISMARCK. 



715 



kram des Tages dunkte bedenklicher, als die Felsstiirze von 
friiher. Die trachtige Maus geberdete sich nun als kreissender 
Berg. Die larmende Geschåftigkeit iibertonte das Grolien im 
Innern der Geschichte; erst in der Stille der Nacht vom 30. auf 
den 31. Juli schreckte ein furchtbarer Krach die Menschheit 
auf. Die alte Gesellschaftsordnung, die Bismarck beherrschte, 
geht zu Ende. 



53* 



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GEDICHTE VON RICHARD DEHMEL. 

(Pankow bci Berlin.) 

TRENNUNG. 

Ich wollt Dir die Stim kussen 

und Dir sagen »hab DankU 

Aber da war ein Licht in Deinen Augen 

wie Morgenglut auf unerklommenen Bergwåldern, 

und da haben wir gehn miissen, 

schweigend. 



DER BRAUTIGAM. 

Mein tolles Herz, 

ich nehm dich in die Hånde; 

nun dehn dich an ein sonnig fem Gelande, 

da deckt man dich mit stillen Blumen zu. 

Da lauscht eine Mutter 

dem Ruf der Morgenglocken, 

und glattet einer Braut die wilden Locken, 

und bittet dich: gieb Ruh, gieb Ruh. 



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INS WEITE. 

Die Du mich seliger machst, als Sinne ahnen konnen, 

meine Erfiillerin, 

Schlummerade : 

o traume dich her in meine schmachtenden Adern, 

und fuhle mein Herz aus meinen Augen brennen, 

und sieh die Sterae sich uber mir verdoppeln, 

und schmecke das Mannah dieser grenzenlosen Nacht, 

die Dufte der Sehnsucht von Wiese zu Wald zu Wolke, 

und hore den Weltwind mein heiliges Lied mitathmen, 

mein Echo Dul 



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AUS WALT WHITMANS AUFZEICHNUNGEN 
UBER DEN AMERIKANISCHEN BORGERKRIEG (1861—64). 

Obersetzt von Karl Federn. 

Im Jahre 1862 erhielt ich die erschreckende Nachricht, dass 
mein Bruder Georg, Officier im 51. (New-Yorker) Freiwilligen-Regiment, 
ernstlich verwundet worden war (in der ersten Schlacht bei Frederiks- 
burg am 13. December). Ich reiste sogleich nach dem Kriegsschauplatz 
in Virginia. Ich muss aber ein wenig zurQckgehen. 

ErOffnung des Secessionskrieges. 

Die Nachricht vom Angriff auf Fort Sumter und auf die Flagge 
im Hafen von Charleston (Sud-Carolina) traf in New-York spat nachts 
(am 13. April 1861) ein und wurde augenblicklich durch Extra-Aus- 
gaben der Zeitungen verbreitet. Ich war in jener Nacht in der Oper in der 
Vierzehnten-Strasse gewesen und gieng gegen Mitteraacht auf meinem 
Wege nach Brooklyn den Broadway hinunter, als ich in der Ferne 
das laute Schreien der Zeitungsjungen hOrte, die im nåchsten Augen- 
blick jagend und johlend die Strasse herauf kamen und noch wuthender 
als sonst von einer Seite zur andern sturmten. Ich kaufte ein Extra- 
blatt und gieng hinQber zum Metropolitan-Hotel (Niblo), wo die grossen 
Lampen noch heil leuchteten und las nebst einer Menge von andern, 
die sich sofort angesammelt hatten, die offenbar authentischen Nach- 
richten. Zum Nutzen einiger, die keine Blåtter hatten, las einer von 
uns das Telegramm laut vor, wåhrend alle schweigend und aufmerksam 
zuhOrten. Keiner in der Menge, die auf dreissig oder vierzig angewachsen 
war, machte eine Bemerkung, sondern alle standen, wie ich mich 
erinnere, eine Minute oder zwei, bevor sie sich zerstreuten. Mir ist, als 
såhe ich sie jetzt noch dort, unter den mitternåchtigen Lampen stehen. 

Nationale Erhebung und Freiwilligenthum. 

Ich håbe irgendwo gesagt, dass die drei Pråsidentiaden vor 1861 
gezeigt haben, dass Schwåche und Niedertråchtigkeit der Regierungen 
geråde so mOglich sind hier in Amerika unter republikanischen, wie 
in Europa unter dynastischen Einflussen. Aber was soli ich von jenem 
schnellen und glånzenden Ringen mit der Secessionssclaverei, dem 
pereonificierten Erzfeind, sagen, in dem Augenblick, wo er unver- 
kennbar sein Gesicht zeigte? Das vulcanische Aufsturmen der Nation 
nach jenem Feuern auf die Flagge bei Charleston bewies etwas als 
sicher, was vorher schon zweifelhaft gewesen war und erledigte die 
Trennungsfirage im wesentlichen sofort. Nach meinem Urtheil bleibt 
es das grOsste und ermuthigendste Schauspiel, das in irgend einem 



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AUFZEICHNUNGEN OBER DEN AMERIKANISCHEN BORGERKR1EG 



719 



Zeitalter, alt oder neu, dem politischen Fortschritt und der Demokratie 
gewåhrt wurde. Es war nicht nur um das, was zur Oberflåche kam, 
— obwohl auch das bedeutungsvoll war — sondern um das, was es 
in den Tiefen andeutete — und was von ewiger Bedeutung war. 
Tief in den Abgrunden der Menschheit in unserer Neuen Welt hatte 
sich ein primårer Hartboden von nationalem Willen zur Einheit 
geformt und gefestigt, ein sehr bestimmter Wille, der die Majoritåt 
hatte, der sich nicht reizen, noch sich etwas abstreiten Hess, der allen 
Ereignissen trotzte und zu jeder Zeit die oberflåchlichen Bande zu 
sprengen und wie ein Erdbeben auszubrechen fåhig war. Es ist in 
der That die beste Lehre des Jahrhunderts, und ein grosses Gluck, 
daran theilgenommen zu haben. (Zwei grosse Schauspiele, unsterbliche 
Proben demokratischen Wesens, unerreicht in der ganzen Geschichte 
der Vergangenheit hat uns der Secessionskrieg geboten — eines am 
Anfang, das andre bei seinem Ende. Das ist der allgemeine, freiwillige, 
bewaffnete Aufsturm und das friedliche und harmonische Auseinander- 
gehen der Armeen im Sommer 1865.) 

Veråchtliche Empfindungen. 
Selbst nach dem Bombardement von Sumter wurde indessen der 
Ernst des Aufstandes, die Macht und der Wille der Sclavenstaaten zu 
kråftigem und fortgesetztem kriegerischen Widerstand gegen die 
nationale Autoritåt im Norden, mit wenigen Ausnahmen keineswegs 
begriffen. Neun Zehntel der BevOlkerung der freien Staaten sah auf 
die Rebellion, sowie sie in Sud-Carolina ausbrach, mit einem Gefuhl 
halb von Verachtung und halb von Årger und Unglauben herab. 
Man glaubte nicht, dass Virginia, Nord-Carolina oder Georgia sich 
ihr anschliessen wurden. Ein bedeutender und vorsichtiger nationaler 
Beamter prophezeite, dass sie »in sechzig Tagen« ausgepustet haben 
wurde; und die meisten Leute glaubten dieser Prophezeiung. Ich 
erinnere mich, dass ich in einem Fulton-Oberfuhrboot mit dem Biirger- 
meister von Brooklyn daruber sprach, der mir sagte, »er hoffe nur, 
die Feuerfresser im Siiden wurden irgend einen Aet offener Wider- 
setzlichkeit begehen, denn dann wurden sie mit einemmal ordentlich 
niedergebflgelt werden, und wir von der Secession nie wieder was 
hOren — aber er fiirchtete, sie wurden nie die Schneidigkeit haben, 
wirklich was zu thun«. Ich erinnere mich auch, dass ein paar Compagnien 
vom 13. (Brooklyner) Regiment, die sich im stådtischen Arsenal 
formierten und von dort auszogen, wie Leute, die fur dreissig Tage 
zur Waffenubung einriicken, alle mit Seilen versehen waren, die sie 
auffållig an ihre Gewehrlåufe gebunden hatten, und an welchen jeder 
Mann einen Gefangenen aus dem »frechen Sflden« mitbringen wollte, 
die sie bei der erwarteten raschen und triumphierenden Heimkehr in 
der Schlinge aufzufuhren gedachten! 

Schlacht von Bull Run. Juli 1861. 
All diese Empfindungen sollten durch einen schrecklichen Schlag 
abgebrochen und in ihr Gegentheil verkehrt werden; die erste Schlacht 



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720 



WHITMAN. 



von Bull Run, sicherlich, wie wir sie jetzt kennen, eines der eigen- 
thumlichsten Treffen, die sich je ereignet haben. Alle Schlachten und 
ihre Resultate sind weit mehr Sache des Zufalls, als man gewOhnlich 
annimmt, aber diese war durchaus eine Zufålligkeit, ein Gluckswurf. 
Jeder Theil glaubte, er hatte gesiegt, bis zum letzten Augenblick. Und 
den Thatsachen nach hatte einer genau so viel Recht, geschlagen zu 
sein, wie der andere. Infolge einer Einbildung oder vielmehr einer 
ganzen Reihe von Einbildungen brach unter den nationalen Streit- 
kråften im letzten Augenblick eine Panik aus und sie flohen vom 
Schlachtfeld. Bei Tagesanbruch am Montag d. 22. begannen die 
geschlagenen Truppen uber die Lange Brucke in Washington einzu- 
stromen, einem Tag, an dem von fruh bis abend der Regen herab- 
rieselte. Der Samstag und Sonntag der Schlacht (20. U. 21.) waren 
ungewOhnlich heiss und trocken gewesen — der Staub, der Schmutz und 
Rauch hatte ihre Kleider ganz iiberståubt mit dem die Luft erfullenden 
Lehmstaub, der uberall auf den trockenen Strassen und niedergetretenen 
Feldern von den Regimentern, dem Fuhrwerk und der Artillerie auf- 
gewirbelt wurde — all die Mannschaften mit dieser Kleiderkruste von 
Schmier und Schweiss und Regen, alle zuruckweichend und uber die 
Lange Brucke hereinstrOmend — nach einem schaudervollen Marsch 
von 20 Meilen nach Washington zuriick, enttåuscht, gedemuthigt, 
schreckengeschlagen. Wo sind die Prahlereien, das stolze Ruhmen, mit 
dem ihr auszogt? Wo sind eure Banner, eure Musikbanden, eure Seile, mit 
denen ihr die Gefangenen bringen wolltet ? Keine einzige Bande spielt und 
keine Flagge, die nicht beschåmt und matt am Schaft kleben wurde. 
Die Sonne geht auf, aber sie scheint nicht. Die Leute zeigen 
sich, zuerst einzeln und mit schamvollen Gesichtern, dann dichter in 
den Strassen von Washington — erscheinen in der Pennsylvania-Avenue, 
auf den Stufen, in den Thorwegen. Sie kommen in unordentlichen 
Massen, einige in Rotten, andere vereinzelt, andere in Compagnien. 
Hie und da ein einzelnes Regiment in vollkommener Ordnung mit 
seinen Officieren (einige Lucken von Todten, wirklichen Tapfern) in 
schweigendem Marschtempo, mit dustern Gesichtern, ernst, mude zum 
Um fallen, alle schwarz und schmutzig, aber jeder Mann mit seinem 
Gewehr und elastisch schreitend; aber das sind Ausnahmen. Die 
Seitenstrassen der Pennsylvania-Avenue, die 14-Strasse, etc. gedrångt, 
gepresst voll mit Burgersleuten, Negerlein, Beamten, aller Welt als 
Zuschauern; Weiber in den Fenstern; seltsamer Ausdruck der Gesichter, 
wåhrend diese Schwårme von Schmutz bedeckten zuruckgekommenen 
Soldaten (werden sie denn nie ein Ende nehmen?) vorbeiziehen; 
aber nichts wird gesprochen, keine Commentare (die Hålfte der 
Zuschauer, Secessionisten der giftigsten Art, sagen kein Wort, 
aber der Teufel kichert in ihren Gesichtern). Wåhrend des Vormittags 
wird ganz Washington buntgescheckt von diesen besiegten Soldaten, 
— seltsam anzuschauen, sonderbare Augen und Gesichter, triefend 
(den ganzen Tag rieselt der Regen fort), furchtbar ermadet, hungrig, 
hager, mit wunden Fussen. Gute Menschen (es sind ihrer aber 



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AUFZEICHNUNGEN OBER DEN AMERIKANISCHEN BCRGERKRIEG. 721 

nicht zu viele) schaffen eilig etwas zu ihrer Stårkung her. Sie setzen 
Waschkessel mit Suppe und Kaffee ans Feuer. Sie stellen Tische in 
den Seitenstrassen auf. Wagenladungen von Brot werden gekauft, 
schnell in tuchtige Stucke gesch nitten. Hier zwei alte Damen, wunder- 
schOn, die ersten der Stadt an Bildung und Anmuth — sie stehen 
mit Vorråthen von Speisen und Getrånken an einem improvisierten 
Tisch von rauhen Brettern und vertheilen Nahrung, alle halbe Stunde 
lassen sie ihren Vorrath von ihrem Haus nachffillen, stehen im Regen 
den ganzen Tag, thåtig, schweigend, weisshaarig, und vertheilen Nahrung, 
wåhrend ihnen die Thrånen fast unaufhOrlich fiber die Wangen rinnen. 
Limitten der tiefen Erregung der Menge, der Bewegung, dem verzweifelten 
Eifer, ist es seltsam zu sehen, wie viele, sehr viele der Soldaten schlafen, 
inmitten des ganzen Wirrwarrs gesund schlafen. Oberall fallen sie hin, 
an den Thorstufen, an den Håusermauern und Gittern, in den Seiten- 
gassen, an irgend einer freien Stelle und sinken in tiefen Schlaf. Ein 
armer Junge von sechzehn oder achtzehn Jahren liegt da im Thorweg 
eines eleganten Hauses, schlåft so ruhig und so tief. Einige halten 
ihre Gewehre fest, selbst im Schlaf. Einige liegen in Rotten, Kameraden, 
Bruder, dicht beisammen, und auf sie, wåhrend sie daliegen, tråufelt 
murrisch der Regen herab. 

Da der Nachmittag vergeht und der Abend kommt, sind die 
Strassen, die Gassenschånken uberall voll, fiberali Gruppen, ZuhOrer, 
Pragesteller, Schaudermåren, Durcheinanderreden, »gedeckte Batterien«, 
»unser Regiment ganz vernichtet« etc. — Geschichten und Geschichten- 
erzåhler, windig, prahlerisch, eitle Mittelpunkte von Strassengruppen. 
Entschlossenheit und Månnlichkeit scheinen aus Washington gewichen 
zu sein. Das erste Hotel, Willard, ist voll von Epauletten-Trågern ! 
(Ich sehe sie und hab ein Wort mit ihnen zu reden. »Da seid ihr 
ja, Epauletten-Tråger! — aber wo sind eure Compagnien? wo sind 
eure Mannschaften? Unfåhiges Volk! Redet mir nicht von Zufållen, vom 
Abgeschnittenwerden und dergleichen ! Ich meine, es ist am Ende doch 
euer Werk, dieser Ruckzug, durchaus das Eure ! Dir mOgt euch beiseite 
schleichen oder euch aufspielen, und euch ein Air geben hier in 
Willards pråchtigen Salons und Speisezimmern, oder wo ihr wollt — 
keine Erklårung wird euch rechtfertigen, Bull Run ist éuer Werk; 
wåret ihr nur zur Hålfte und ein Zehntel eure Mannschaften wert 
gewesen, das Wåre nie geschehenN). 

Unterdessen in Washington, unter den hochgestellten Personen 
und in ihrer Umgebung, ein Gemisch von schrecklicher Consternation, 
Ungewissheit, Wuth, Scham, Hilflosigkeit und betåubender Enttåuschung. 
Das Schlimmste ist nicht nur bevorstehend, es ist schon da. In wenigen 
Stunden, vielleicht noch vor der nåchsten Mahlzeit, sind die secessionisti- 
schen Generale mit ihren siegreichen Horden fiber uns. Der Traum 
der Menschheit, die gepriesene Union, die wir ffir so stark, so un- 
bezwinglich hielten — seht! — sie scheint bereits zerdrttckt wie eine 
Blechschfissel. Eine bittere, bittere Stunde — vielleicht wird das stolze 
Amerika nie wieder eine solche Stunde durchmachen. Einpacken und 



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WHITMAN. 



fliehen — es ist keine Zeit zu verlieren! Diese weissen Palåste, das 
kuppelgekrOnte Capitol auf dem Hugel, das so stattlich uber die Båume 
herabschaut — sollen sie zuruckgelassen oder sollen sie zuerst zerstOrt 
werden? Denn das ist gewiss, dass unter gewissen Magnaten und 
Officieren, Beamten und Schreibern allenthalben in und um Washington 
durch die ersten 24 Stunden nach Bull Run laut und unverhuUt die 
Rede gieng, dass man gånzlich nachgeben und das sudliche Regime 
einfQhren, Lincoln aber augenblicklich abdanken und abreisen mQsse. 
Wenn die secessionistischen Officiere und Truppen augenblicklich gefolgt 
wåren, und mit einem ktlhnen Napoleonischen Zug am ersten Tag 
(oder selbst noch am zweiten) in Washington eingeruckt wåren, sie 
hatten das Heft in die Hånd bekommen und eine måchtige Partei im 
Norden hatte sie noch unterstutzt. Einer unserer heimgekehrten Obersten 
sprach in dieser Nacht Offentlich inmitten einer Schar von Officieren 
und Herren in einem dichtgefullten Raume die Meinung aus, dass es 
nutzlos sei, weiterzukåmpfen, dass die Sudlånder ihr Recht deutlich 
erwiesen hatten, und dass der beste Weg, den die nationale Regierung 
einschlagen kOnnte, der wåre, von jedem weitern Versuch, sie aufzu- 
halten, abzulassen und ihnen unter so gunstigen Bedingungen, als von 
ihnen eben zu erreichen wåren, wieder die Fuhrung zu (iberlassen. 
Nicht eine Stimme in dieser grossen Zahl von Officieren und Herren 
erhob sich gegen dieses Urtheil. (Thatsache ist, die Stunde war 
eine von den drei oder vier Krisen, die wir damals und nachher 
wåhrend der Fluctuationen dieser vier Jahre durchzumachen hatten, 
in denen Menschenaugen mit ebensoviel Wahrscheinlichkeit den letzten 
Athemzug der Union wie ihren Fortbestand zu sehen, erwarten konnten.) 

Die Betåubung geht voruber — etwas anderes beginnt. 

Aber die Stunde, der Tag, die Nacht giengen voruber, und was 
auch wiederkehren mag, eine Stunde, ein Tag, eine Nacht wie diese 
kann nie wieder kommen. Der Pråsident gewinnt seine Fassung wieder 
und ernst und rasch geht er an die Arbeit, seine Streitkråfte zu 
reorganisieren, und sich in die geeignete Position fQr ktinftiges und 
sichereres Vorgehen zu setzen. Wenn die Geschichte nichts anderes 
von Abraham Lincoln wusste, um sein Bild der Nachwelt einzuprågen, 
es wåre genug, ihn mit diesem einen Kranze ins Gedåchtnis alier 
kunftigen Tage zu bringen, dass er diese Stunde und diesen Tag 
ertrug, die bitterer waren als Galle, diesen wahren Kreuzigungs-Tag, 
— dass dieser Tag ihn nicht bezwang, dass er ihm ohne zu zucken 
die Stim bot und entschlossen daran gieng, sich und die Union 
daruber zu erheben. 

Dann erschienen sogleich die grossen New-Yorker Blåtter (schon 
vom ersten Abend an, am nåchsten Morgen und ohne abzulassen 
durch so manche Tage) mit Leitartikeln, die fiber das Land klangen, 
mit lauten, wiederhallenden, klaren HifthorntOnen, voll Ermuthigung, 
Hoffhung, Begeisterung, furchtlosem Trotz. Sie waren wirklich gross- 
artig, diese Redactionen, nicht fur eine Woche verloren sie den Muth. 



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AUFZEICHNUNGEN OBER DEN AMERIKANISCHEN BORGERKRIEG. 



723 



Der »Herald« begann, ich erinnere mich noch gut an seine Artikel. 
Die »Tribune« war geråde so treibend und inspirierend und die »Times« 
und die »Abendpost« blieben nicht um einen Schritt zurQck. Sie 
kamen zur rechten Zeit, denn man brauchte sie. Denn nach der 
Demtithigung von Bull Run schrak die allgemeine Volksstimmung im 
Norden vom Extrem der Verachtung zu den Tiefen der Furcht und 
Hoffnungslosigkeit zuruck. 

(Von allen Tagen des Kriegs werde ich zwei niemals vergessen. 
Dies waren: die Tage in New-York und Brooklyn, der eine, der auf 
die Nachricht jener ersten Niederlage bei Bull Run folgte und der Tag 
nach Abraham Lincolns Tod. Beidemal war ich zu Hause in Brooklyn. 
Am Tage der Ermordung horten wir die Nachricht ganz fruh am 
Tag. Die Mutter bereitete eben das FrOhstuck — und nachher auch 
die andern Mahlzeiten — wie gewOhnlich, aber keinen Bissen hat 
einer von uns an diesem Tag gegessen. Jeder trank vielleicht eine 
halbe Tasse Kaffee, das war alles. Wenig ward gesagt. Wir verschafften 
uns alle Morgen- und Abendblåtter und die vielen Extrablåtter jener 
Zeit, und reichten sie einer dem andern in Schweigen.) 

(Forteetzung folgt) 



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EINIGE ERINNERUNGEN AN KARL A. TAVASTSTJERNA. 

Von LAURA MARHOLM (Schliersee). 

I. 

Ich glaube, dieser Name wird vielen Lesern unbekannt sein. 
Sie werden kaum einen anderen Eindruck damit verbinden, als den 
Klang von ein paar fremdartigen und herausfordernden Lauten, wie so 
manche Namen des Nordens klingen — so manche nordische Dichter- 
namen. Und der und jener wird sagen : viel zu viele dergleichen Namen 
haben wir schon hOren mussen. Und immer unter demselben Reclame- 
trommel-Accompagnement. Verschont uns mit neuen! 

Nun, dieser berechtigte Wunsch wird diesmal erfullt werden, 
verehrter Leser. Der Mann mit dem Namen Karl Tavaststjerna kommt 
nicht — er ist bereits gegangen. Er ist todt. 

Er ist auch kein Todter, dem rasch ein Nachruhm gemacht 
werden soli. Es gieng recht still um ihn zu, als er gestorben war. 
Man begrub ihn mit den Ehren, die man seiner Familie schuldig war 
und widmete ihm die nOthigen Nachrufe. Aber nichts druber. 

Er ist auch noch gar nicht lange gestorben, so dass er jetzt 
etwa wieder damit drohen kOnnte, aufzuerstehen. Es ist keine Gefahr, 
dass er ausgegraben wird. Er starb erst vor einigen Monaten. Und 
damit wir gleich mit seinen Personalien fertig werden : er war 38 Jahre 
alt, als er starb, und zwar an einer hastigen Lungenentzundung ; und 
er starb dem alten achtzigjåhrigen Dichter Topelius, seinem von allen 
hochgeliebten und gefeierten Landsmann, so auf dem Fusse nach, als 
ob er sagen wollte: aus! Schluss! 

Denn er war Finnlands bedeutendster Dichter der jungeren 
Generation, der einzige, der Topelius' Mantel aufheben und seinen 
Lorbeer tragen konnte. Und das kOnnte ein harter Schlag fur ein 
Land scheinen, dem es noth thåte, sich geistig aufrecht zu erhalten. 

Und damit wir in seinen Personalien fortfahren, so starb er in 
einem kleinen abgelegenen Winkel Finnlands, der BjOrneborg heisst. 
Der Name des Stådtchens ist bekannt geworden durch den »BjOrne- 
borger Marsch«, zu dem der erwåhnte beriihmte Topelius die Worte 
dichtete ; und auf allen schwedisch-finnlåndischen Studenten- und anderen 
Festen wird seitdem bei allen Gelegenheiten gesungen: 

»Sohne eines Volkes, dess' Blut 
Bei Narva flosa, auf Lutzens Feld.c 

Derselbe Topelius, wenn ich nicht irre, dichtete auch zur zweiten 
beruhmten finnlåndischen Kriegsmelodie, dem »Marsch der finnlåndischen 



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EINIGE ERINNERUNGEN AN KARL A. TAVASTSTJERNA. 725 

Reiterei« — jenem ausgelassenen Tanz voller Wehmuth und Cbermuth 
aus dem dreissigjåhrigen Krieg — den stolzen Refrain: 

»Wir tranken uns're Rosse im kaiserlichen Fluss . . . .< 

Nun, in jenem erwåhnten BjOrneborg, als Redacteur eines zweimal 
wOchentlich erscheinenden Provinzblåttchens, starb also der Erbe von 
Topelius' Dichterlorbeer, erst 38 Jahre alt. Eigentlich war das keine 
imposante Lebensstellung fur die grOsste dicbteriscbe Begabung eines 
auf seine geistigen Ressourcen so stark angewiesenen Landes gewesen 
— insbesondere, wenn man dazu erwågt, dass besagter Tavaststjerna 
als Sohn eines Generals und grossen Gutsbesitzers geboren worden. 

Und in seiner Jugend schien es ihm auch gehen zu sollen, wie 
es dem Sohn eines Generals und grossen Gutsbesitzers in einem 
patriotischgesinnten Lande zukommt. Ursprunglich Architekt, wurde er 
so fruh beruhmt, so stark gefeiert, so gut honoriert und mit Geld 
versenen, dass er seinen Beruf aufgab und sich ganz als schwedisch- 
finnlåndischer Dichter etablierte. Ich meine damit eigentlich nicht, dass 
er »patriotisch« dichtete. Er dichtete wie der Vogel singt, der auch 
nicht weiss, was und warum er singt: Lyrik voll jener Schwermuth, 
Wårme und Innigkeit, wie die finnisene Landschaft mehr als jede 
andere — ausser den unendlichen russischen Ebenen — sie eingibt, 
Theaterstucke mit modemen Geldconflicten, Novellen und Erzåhlungen 
mit mondainen und emancipierten finnlåndischen Damen, darunter 
jene melancholische Geschichte *Kindheitsgespielen€ 1 wo der Mann 
so wild und weich, das Weib so streng und bewusst ist. 

Da er es haben konnte, so reiste er viel, wurde heimisch in 
reicheren und sudlicheren Låndern, sein Blick wurde weiter, seine 
Begabung tiefer und vielseitiger und sein Gefuhl schwoll, je mehr die 
Jahre giengen, in immer volieren, beseelteren Rhythmen. . . . Aber je 
tiefer sein Blick schaute und je wårmer sein Herz schlug, desto kuhler 
wurde es um ihn in seiner Heimat, desto strenger wurde das 
schwedisch-finnlåndische Kunsturtheil, und der »Vor der Morgen- 
brise« hinausgesegelt war auf leichtem Vergnugungskutter, um unter 
dem Beifalle seiner Landsleute in den stillen Buchten ungefåhrliche, 
applaudierte Seglerstuckchen auszufuhren, er kreuzte im Mannesalter 
allein in schlechtem Boot bei Sturm und Wetter zwischen gefåhrlichen 
Scheeren, wo kein gutgekleideter Mensch vor einem anderen gut- 
gekleideten Menschen sich sehen låsst; und eins der Resultate dieses 
Kreuzens zwischen Blindscheeren war sein Buch: »Das Geheimnis 
der finnischen Bucht«. 

Aber er reiste auch herum auf dem weiten armen finnischen 
Bauernland, wo unter strengen Wintern, nach verregneten Sommern, 
HungersnOthe wtlthen, wo verlassene Bauernweiber, deren Månner 
weit weg auf Arbeit ausgezogen, nicht einmal mehr das Rindenbrot 
und den Tropfen Milch fur ihre verhungernden Kinder hatten und 
bettelnd um die GutshOfe strichen, in denen die schwedischen Herr- 
schaften ihre eigenen Sorgen und Kummernisse in den »Har ten 



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726 MARHOLM. 

Zeitent erorterten. Und er schilderte im »Weiberregiment« dies alte 
finni8che Bauernvolk, wie es in den letzten Jahren reich und selbst- 
bewusst geworden, die schwedischen Herrschaften und an der 
Universitåt creierten »geistigen Leuchtenc, die sich nun finnoman 
machten, belachte und bei der Nase zog. 

Melancholisch und ernst fieng er an, aber ein immer grosserer 
und editerer Humorist wurde er mit den Jahren, und das stille Låcheln 
wurde in seinem Gesicht in dem Masse constanter, wie die Gesichter 
seiner schwedisch-finnlåndischen Landsleute immer långer wurden. 

Und er that's keinem zu lieb, wie andere schwedisch geborene 
Dichter und Volkserzieher, die ihre schwedischen Namen abzulegen und 
mit finnischen zu vertauschen pflegen, um beim Volk ein grosseres 
Vertrauen und auf die Leitung seiner »Entwicklung« — oder seiner 
Geschicke — einen grOsseren Einfluss zu gewinnen. Er glaubte nicht, 
dass es dazu noch Zeit war ; und wåre es auch Zeit gewesen, er hatte 
es doch nicht gethan. 

Dazu kannte er dies eingeborene finnisene Volk, das die Kraft 
des Landes war und dem die Zukunft gehOrte, zu gut. Ihm war es 
leicht einzusehen, welchen Gang die »Entwicklung« nehmen musste, 
und dass alle Anstrengungen eines Standes- und Oberclassenpatriotismus, 
mit denen eine eingewanderte Colonistenschicht sich am Steuer zu 
erhalten strebte, vergebens waren. 

Und damit setzte er sich bewusst und guten Muthes zwischen 
zwei Stuhle. 

Aha! sagt der denkende Leser, es dåmmert mir, weswegen mir 
sein Name gar nicht zu Ohren gekommen zu sein scheint. 

Verehrter Leser, ich glaube mich zu Deiner Meinung bekennen 
zu mussen. Unter den vielen alten Erfahrungssåtzen, die sich zu Sprich- 
wOrtern verdichteten, bedurfen die meisten einer grOndlichen Moderni- 
sierung, darunter auch das veraltete Wort: »Kein Prophet ist angesehen 
in seinem Vaterlandet, das dahin zu veråndern wåre: »Wer es 
nicht dahin gebracht, in seinem Vaterlande ein angesehener Prophet 
zu werden, fur den gibt es gar keine Aussichten in andern Landern«. 

Man denke nur, um der Kurze wegen bei dem vorliegenden 
Beispiele zu bleiben, was før skandinavische Namen es einfach in 
Deutschland allein zu begeisterten Besprechungen und in allen Buch- 
handlungen sichtbaren Ausgaben gebracht haben: da ist Adolf Paul 
und Juhani Aho, Heidenstam und Hedenstjerna, Geijerstam und Birger 
MOrner, Peter Nansen, nicht zu verwechseln mit Frithiof Nansen, Sven 
Lange und Ellen Key und viele andere, die alle in ihrer Heimat wohl- 
bestallte Propheten sind, von den ålteren Jahrgången ganz zu schweigen, 
da wir damit nicht an die harten Worte von David Friedrich Strauss 
erinnern mOchten, der in einer schwarzen Stunde behauptete: 

Nicht jeder Wein wird mit den Jahren 
Gedieg'ner als er anfangs war, 
Nicht viele sind in grauen Haaren 
Mehr wert als einst im braunen Haar. 



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EINIGE ERINNERUNGEN AN KARL A. TAVASTSTJERNA. 727 

Nun, der und jener von den oben genannten grossen Dichtern 
und Landsleuten nahm sich ja auch Tavaststjernas an. So erschien z. B. 
erst im vorigen Jahre seine kleine Kindergeschichte : »Der kleine Karl« 
in der Collection Geijerstam — die sich vielleicht noch einmal zu einer 
Collection Tauchnitz auswachsen durfte — in deutscher Sprache. Und 
hier und dort, in Zeitschriften u. dergl. wurden ja auch sonst Sachen 
von ihm sichtbar. Merkwurdigerweise schrieb er mir, als er zur Collec- 
tion Geijerstam avanciert war, die triiben Worte: 

»Ich bin miide, gen' zur Run* 
Schliesse meine Åuglein zu.c 

Was er denn auch wirklich einige Monate spåter ganz geråuschlos 
und nach menschlich-kurzsichtigem Ermessen fur immer that. 

n. 

Tavaststjerna war uberhaupt — ganz im Gegensatz zu den 
fuhrenden Geistern unserer Zeit — ein Mann, der sich viel mit dem 
Gedanken beschåftigte, wann er einmal nicht mehr sichtbar unter den 
Sichtbaren wandeln wurde. Seine besten, tiefsten und wårmsten Dich- 
tungen: »Im Bund mit dem Todet, »Ein Patriot ohne Vater- 
land« (mit dem seltsamen Soustitel: »Aus dem Finnland, das 
gewesen«), »Laureatus« u. a., hatten alle sein baldiges Abscheiden 
und Nichtmehrsein zum leitenden Faden. War es, weil er in sich 
Finnland abscheiden fuhlte, das Finnland, das auf einer culturellen 
Oberlegenheit der herrschenden Classen und auf deren Ehrfurcht 
vor ihren besten Geistern beruhte? Jeder Mensch, dem die Gotter 
nicht den Verstand geraubt, kennt innerst inne in seinem Herzen 
seinen eigensten Wert oder Unwert, und seine ganze Lebensfuhrung 
formt sich im letzten Grunde aus dieser Erkenntnis. Tavaststjerna 
wusste so gut wie einer, welches Pfund ihm verliehen war, um damit 
zu wuchern zu Nutz und Frommen seiner Heimat — der schwedischen 
Oberclassen-, der finnischen Bauern- und der russischen Reichsheimat. 
Er wusste, dass er Rechenschaft abgeben musse — und wåre es vor 
keinem anderen Richter als vor sich selbst — wie er mit diesem 
schOnen, reichen und edlen Pfund, das nach dem alten Topelius ihm 
allein in seiner Heimat in solcher Fulle verliehen war, gewuchert 
hatte . . . und er wusste, dass es ihm verwehrt war, damit zu 
wuchern im Sinne des Gebers. Aus diesem Conflict, den er erst nicht 
ahnte, spåter nicht begriff, endlich verstand, formte sich der Mann 
Kari Tavaststjerna, wie ich ihm einigemale begegnete und wie er in 
seinen Buchern unter uns wandelt — in diesen Buchern, wo so vielea 
dunkel und hineingeheimnist scheint, was im raschen Laufe der Jahre 
immer klarer und offenbarer und auch der årmsten Einsicht verstånd- 
lich werden wird. 

Tavaststjerna war ein Dichtertypus, wie man ihn in unserem 
grossen Jahrhundert kaum fur moglich halten sollte. Er hatte keinen 
Erwerbsinn und keine Eitelkeit. Oder er hatte beide unter den Er- 
fahrungen des Lebens verloren — wåhrend doch eine geniale Begabung 



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728 MARHOLM. 

sich nicht zum kleinsten Theil darin zeigt, beide Eigenschaften gleich 
mitzubringen oder doch mit mOglichst wenig Zeitverlust zu erwerben. 
Denn woran soli denn die gute Absicht der Welt uns anfassen, wenn 
wir keine Henkel haben? 

Als junger Mann von angenehmem Åussern, guter Familie und 
lebhaftem Temperament hatte er das Leben und die Liebe genossen 
mit vollen Zugen, ohne Furcht und Tadel, ein reicher Jtingling an 
Leib und Seele und Beutel. Er kannte den Neid nicht, diese origo 
pudenda so mancher grossen Dichter- und Denkerbegabung. Auch diesen 
Henkel bot er den guten Absichten modernen Måcenatenthums nicht dar. 

Ich weiss nicht, ob sein Ehrgeiz ins Grosse gegangen wåre, ins 
Kleine gieng er nicht. Er war in das hineingeboren, wonach sich 
manche andere verzehren und woran sie sich spåter nicht ersåttigen 
kOnnen — die ublichen, erreichbaren und erdenkbaren Gentisse des 
Lebens hatten fur ihn, nachdem der Hunger der jungen Sinne gestillt 
war, nur einen måssigen Reiz. Nachdem er zum Abschluss seine 
Heimat und Verwandtschaft damit stimuliert, dass der Generalssohn eine 
kleine Schauspielerin aus einer herumziehenden Provinztruppe heiratete 
und in die Gesellschaft einzufuhren Miene machte, zog er sich ganz 
von vanity fair zuruck, Hess seine Gemahlin in Berlin Theaterstudien 
machen und verlebte den endlosen finnischen Winter manches Jahr 
in BjOrneborg. 

»Ich bin ganz vergnugt hier unter Holzhåndlern und Zollbeamten 
bei Karten und Toddy«, schrieb er uns. »Ich fand hier auch endlich 
die Gelegenheit, eine ganz neue Bekanntschaft zu machen — nåmlich 
die mit mir selbst. Von diesem Umgang bin ich jetzt in Anspruch 
genommen und komme dabei hinter allerlei uberraschende und un- 
erwartete Dinge.« 

Er war kein sorgfåltiger Dichter, Tavaststjerna, er konnte recht 
nachlåssig sein. Was geschrieben war, das war geschrieben, was stand, 
das stand, er machte nichts um. Konnte ihn der Leser nicht verstehen, 
— um so schlimmer fur ihn; stand neben einer herrlichen organischen 
Gedichtblute eine handvoll hOlzerner, holperiger Reimereien — was 
macht's? Das hochgeehrte Publicum konnte ganz nach VermOgen 
daraus ermessen, wie viel es bei ihm galt. Seine Bucher waren Nadel- 
stiche fur vaterlåndische Aufgeblasenheiten — so ein einziger kleiner 
Stich und die Blase hieng schlaff. Sie waren auch DolchstOsse fur 
patriotische Heuchler. Vor allem aber waren sie seine eigenen Aus- 
einandersetzungen mit sich selbst — seine Auseinandersetzungen mit 
sich selbst viber die wirkliche BeschafFenheit der Menschen, Classen, 
Zustånde, die ihn umgaben und ihn sich unterwerfen wollten. Sie 
unterwarfen ihn sich nicht. Aber eine unsågliche Mattheit der Des- 
illusionierung schlich sich uber ihn — und eine Sehnsucht, so zehrend 
und verlangend, wie sie nur die erste Jugend kennt. Aber wacher, 
viel wacher. 

Dieser Schmerz des Lebens und diese Sehnsucht nach dem 
anderen geben sich Ausdruck in dem kleinen, seltsamen und tiefen 



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EINIGE PRINNERUNGEN AN KARL A. TAVASTSTJERNA 729 

Buche: »Im Bund mit dem Tode«. Tavaststjerna ist immer Er- 
zåhler und alles formt sich ihm concret. Ein kranker Mann — krank 
an Seele, krank an KOrper, reist von Frau und Kindern nach Italien, 
um im Silden die Wiederherstellung seiner Gesundheit zu suchen, der 
er weniger fur sich bedarf, als zur standesgemåssen Ernåhrung von 
Frau und Kindern. Ruhelos reist er hin und her unter dem mildesten 
Himmel, aber der Tod reist mit. Oberall ist er, wo er ist, er ist 
besessen von ihm und kann nicht gesunden. Da wåchst ihm aus der 
8chiummerlosen Angst ein unsåglicher, lachender Muth und er fasst 
den Tod mit beiden Hånden und sieht ihm mit beiden Augen in die 
AugenhOhlen und lehnt sich an seine durren Knochenglieder wie das 
Kind in die Arme der Mutter. Und da ist der Spuk verschwunden 
und das Grauen — von Leben uberkleidet, herrlich und bltihend ist 
der Tod und kahl und durr steht vor ihm die Blute seines verflossenen 
Lebens. Und er geht einen Bund ein mit dem guten Freund, seiner 
gewårtig zu sein zu jeder Stunde. 

Da kehrt der Tod sein Stundenglas um. 

»Jedes Sandkorn aus Deinem vergangenen Leben soli wieder 
rinnen zu låuterndem Gedåchtnis und mit sich fuhren alte Gedanken 
in neuer Richtung.« 

Froh und jung geworden saugt er alles ein, was er bisher nicht 
sehen konnte: die Herrlichkeit des Sudens, fur die der Nordlånder 
blind war. Und die Religion und Mystik des Sudens nimmt fur ihn 
Gestalt in einem Weibe und er weiss, aus ihr stromt ihm hinfort 
das Leben. Es ist keine Vereinigung im Fleisch und kein Bund der 
Geister. Er kehrte heim und geht treu seinen Pflichten nach, aber 
die murrische sittliche Gattin entdeckt den Verkehr mit der Geheimnis- 
vollen, fångt die Briefe auf und verwehrt ihm, unterstutzt von Familie 
und Vorgesetzten, die weitere Correspondenz mit der Fremden. Da 
weiss er, dass er sterben muss. Zuruckgestossen in die Kålte und 
Herzenshårtigkeit, aus der der Siiden und dessen Leben gewordene, blut- 
warme Mystik ihn gerissen, der Nahrung der Seele beraubt, die nicht 
bei Weib und Kind, Freunden und Vorgesetzten zu finden ist, ergibt 
er sich in das, was sein Vaterland von seinem Patriotismus fordert, 
und verschmachtet. 

Und dann ist da jenes andere Buch, das letzte fast, womit er 
Abschied nahm: »Ein Patriot ohne Vaterlandt. SchOnere Seiten 
uber einen Spaziergang von Porta del Carmine nach Castellamare sind 
vielleicht nicht geschrieben worden. Denn es ist einer Seele Seligkeit 
und zugleich eine so unendlich genussvolle kOrperliche Befreiung darin. 
Auch hier handelt es sich dårum, ob einer im geliebten Finnland zu- 
grunde gehen, oder im glucklichen Suden leben und altern soli. Ihm 
wird das letztere zutheil; aber es ist ein nutzloses Privatalter, wenn 
ich so sagen darf. Und dies benutzt er nun dazu, sich uber sich selbst, 
seinen Lebensgang, sein Verhåltnis zu seiner Heimat und dem Ver- 
håltnis seiner Heimat zu sich klar zu werden. Sohn eines russischen 
Beamten, aus guter Familie, ist ihm die meiste Forderung, das grOsste 

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730 



MARHOLM. 



Wohlwollen, die beste Kameradschaft von russischer Seite zutheil 
geworden und durch seine thOrichte patriotisch-finnlåndische Tendenz- 
macherei und das Misstrauen seiner finnlåndischen Landsleute hat er 
Carriére, VermOgen, Zukunft verscherzt und wurde zu einem 
Declassierten herabgedruckt. Seine Sympathien waren auf russischer 
Seite, sein Geist wurde, durch den constanten Druck, der auf sein 
EhrgefQhl, seinen esprit de corps ausgeiibt ward, auf finnlåndischer 
festgehalten. Wo gehOrte er hin? 

Tavaststjerna låsst eine erdichtete Gestalt, die viele seiner Zuge 
tragt, diese Frage stellen, und die Umstånde beantworten sie damit: 
Nirgend! Du alterst hier zwecklos im Suden. Zwecklos im Suden 
hatte auch Tavaststjerna schon in jungen Jahren altern kOnnen, wenn 
er gewollt hatte, und wåre auch von seinen rigorosesten Landsleuten 
dafQr nicht gescholten worden. Er hat sich auch diese Alternative gesteilt. 
Und er hat sie sich auch beantwortet. Er hat sie in einer anderen 
Erzåhlung beantwortet, worin er fragt: warum soli ein Finnlånder 
nicht russischer Censor werden, wenn er dadurch seinen Kindern 
kunftige Versorgung und gute Erziehung, seiner Frau Befreiung von 
den tåglichen Nahrungssorgen, sich selbst einen långstersehnten Pelz 
und eine gute Nachmittags- und Abendcigarre verschaffen kann ? Warum 
wird ein solch bescheidener und guter Familienvater deswegen von 
seinen Landsleuten verachtet und gemieden? 

Ja — warum soli solch ein Mann weder russicher Censor, noch 
der grosse finnlåndische Dichter werden, zu dem er das Zeug hatte? 

HI. 

Wåhrend ich dies frage, steht er wieder vor mir, wie er im 
Leben war: eine mittelgrosse, breitschulterige, corpulente Gestalt mit 
weichen Bewegungen und leiser, weicher Sprache, mit kleinen runden 
Hånden und einem kleinen Kopf auf fleischigem Hals, aschblond und 
kurzgeschoren, mit grauem, schlåfrig-munterem Blick, wohlgeformter, 
etwas aufwårts strebender Nase, die Hautfarbe gelblich und undurch- 
sichtig — der Typus des Russen. Grazie, Melancholie, Humor, ein 
Durchgånger und Quietist, ein zårtliches Kind und ein bOser Bube; 
aber alles in ihm dominiert von dem Lyriker, der sein innerstes Wesen 
und die Grundnote seines Temperamentes war. 

Zu durchschauen war Tavaststjerna nicht, und das war auch das 
Russische an ihm. Man wusste nie, wo man ihn hatte. Er war der 
geseHschaftlichste Mensch, umgånglich, interessant; aber mir schien, 
dass er sich am festesten zuknOpfte, wenn er und alles um ihn herum 
in Mittheilsamkeit schwamm. Mitten in der Entfaltung seiner gesell- 
schaftlichen Talente, als charmanter maitre de plaisir, konnte ein 
Moment kommen, wo es verzweifelt danach aussah, als ob er seinen 
bewundernden Kreis nicht so wohl unterhielt als zum besten hielt. 

Ich sah ihn einmal in einem Kreise sudschwediscner Honoratioren 
auf dem Lande. Er war da unerwartet und — wenn man von einem 
Manne von so guter Herkunft das sagen kann — auch ziemlich 



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EIN1GE ERINNERUNGEN AN KARL A. TAVASTSTJERNA. 731 

ungebeten hineingefallen und die Temperatur zeigte sich alsbald recht 
geladen. In dem einen Zimmer dassen die Damen, nach Rang und 
Alter und dem Ansehen ihrer Månner, sowie nach der eigenen Abkunft 
kunstvoll aufgereiht ; und da sich doch nur gleich und gleich miteinander 
unterhalten konnte und das nicht so leicht festzustelten war, so herrschte 
ein meist nur von Lauten gemildertes schwttles Schweigeti. Nebenan, 
wo die Honoratioren selbst sich um den Punsch versammelt hatten, 
gieng es lauter, aber auch nicht ganz in unschuldiger PrOhlichkeit zu. 
Tavaststjerna sass neben einem der strebsamsten jttngeren Herren 
auf dem Canapé und legte eine auffallende Åhnlichkeit mit ihm in 
Mienen, Haltung, Gesten und Wesen an den Tag. Dann erbarmte er 
sich der Damen und erschien unter ihnen. In so ehrfurchtsvoll leisen 
Worten, dass man nur den Sinn, aber nicht das Detail der hoflichen 
Wendungen fassen konnte, erkundigte er sich, ob etwas Musik gefållig 
sei. Eine Guitarre kam zum Vorschein und Tavaststjerna vertiefte sich 
darin, sie zu stimmen, wobei sie die seltsamsten Misslaute von sich 
gab. Nachdem er vergebens versucht hatte, zu diesen Lauten ih 
deutscher, schwedischer und finnischer Sprache zu singen, wobei die 
Damen immer abwechselnd erwartungsvoll låchelten und enttåuscht 
aussahen, legte er die Guitarre bei Seite und setzte sich ans Clavier. 
Einige nette kleine franzOsische ChansOnchen, von tiefen Meditations- 
pausen unterbrochen, kamen zum Vorschein — aber mein Mann theilte 
mir spåter mit, sie seien zwar weder unbekannt, noch unbeliebt, doch 
von der Beschaffenheit ge wesen, wie sie in streng-sittlichen Damen- 
kreisen nicht laut werden dQrfen. Die Herren, die bei Tavaststjernas 
Verschwinden sich erleichtert in eifrig und leise discutierende Gruppen 
gesondert hatten, erschienen bei dem Klange dieser Lieder nach und 
nach mit mehr oder weniger bedenklichen Mienen in der SalonthOr. 
Da wachte Tavaststjerna aus einem neuerlichen Nachdenken auf, griff 
hier und da einige Accorde und intonierte einen feierlichen russischen 
Kirchengesang. Dazu erzåhlte er, soviel unter den starken Klangen 
zu verstehen war, dass irgendwo und irgendwann und von irgend einer 
Gesanggruppe bei dem Begråbnis irgend eines grossen russischen 
Wurdentrågers folgende schwedische und russische Strophen durch- 
einander gesungen worden seien: 

Fahr* zur Holle, du Russ', 

Fahr' zur Holle du Russ', 

Gospody, Gospody pomilui. 

(Herr, Herr, erbarme Dich uftser.) 

Dieser Vortrag schien zu interessieren ; aber die hOhere, dadurch 
erzeugte Stimmung schien nach und nach in Håndelsucht ausarten tu 
wollen. Als dann die Gesellschaft gegen Mitternacht sich auflOste, 
schritt Tavaststjerna auf die einzige im Kreise anwesende Bauersfrau, 
die Mutter eines Collegen von ihm zu, und ktlsste ihr allein im Kreise 
der versammelten Honoratiorinnen die Hånd. Der weitere Abschied 
wurde fast tumultuarisch. 

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732 



MARHOLM. 



In seinen letzten Lebensjahren war Tavaststjerna sehr taub und 
als ich ihn zum letztenmal sah, erschien er mit einem Metallplåttchen 
zwischen den Zåhnen, um durch diese Leitung auf eine mir unerklårt 
gebliebene Weise høren zu kOnnen. Gleichzeitig aber wurde erzåhlt, 
dass er in einem Kreise von Trinkgenossen, als einer derselben im Ver- 
trauen auf Tavaststjernas Taubheit eine unanståndige Bemerkung fiber 
eine Tavaststjerna nahestehende Dame machte, diesem prompt eine nach- 
drfickliche Ohrfeige versetzte, die schweigend acceptiert worden sein soli. 

Ich møchte diese paar Anekdoten mit einer dritten schliessen, 
in der mir der Grundzug in Tavaststjernas zusammengesetztem Wesen 
enthalten zu sein scheint, so klein und unbedeutend der Vorgang war. 
Wåhrend eines Aufenthalts von uns in Schonen erschien Tavaststjerna 
zum Besuch, gleichzeitig wåhrend andere Personen auf der Durchreise 
sich am Ort aufhielten. Die anderen kamen, giengen, machten Besuche 
und kamen wieder, aber Tavaststjerna ruhrte sich nicht vom Fleck. 
Er hatte sich gleich beim Eintritt in einen Gartenklappstuhl nieder- 
gelassen, der aus Mangel an anderen Mobeln in unserer einfachen 
Wohnung als Lehnstuhl fungierte. Dort sass er, las, rauchte, plauderte, 
vor allem aber — er sass. Der Klappstuhl, der weder auf ein solenes 
Gewicht, noch auf eine solche Beharrlichkeit eingerichtet war, gieng 
aus den Fugen und Tavaststjerna sass auf der Diele. Unverdrossen 
stand er auf, untersuchte den Stuhl, brachte ihn zurecht und liess sich 
wieder in ihm nieder. Nach einer Weile klappte der Stuhl wieder 
auseinander, Tavaststjerna richtete ihn wieder und setzte sich wieder 
hinein. Ich bot ihm nun jeden andern Stuhl, das Sofa, den einzigen 
vorhandenen Lehnsessel an. Tavaststjerna wies eigensinnig jede Ver- 
ånderung ab und blieb in seinem Klappstuhl, der immer wieder von 
Zeit zu Zeit den Dienst verweigerte und immer wieder mit unerschutter- 
licher Geduld dazu angehalten wurde. Tavaststjerna fuhrte den Kampf 
mit dem Stuhl weiter, bis die anderen Besuche abgereist waren. Dann 
— sehr zOgernd, mit vielen Kunstpausen — begab auch er sich zur Bahn. 



* 

* * 



Und so sagte er in einem seiner schOnsten Bucher — »Laureatus« — 
in kOstlichen, tiefen, geheimnisvollen Gedichten der Welt Lebewohl 
und schied von hinnen — ein Patriot ohne Vaterland. Und wenn ich 
an ihn zurfickdenkend sein Leben fiberschaue, der mein Landsmann 
war — denn wir sind beide in Russiand geboren — dann muss ich 
sagen : er war kein Finnlånder, so wenig wie ich eine Baltin bin oder 
war. Ffir Menschen, die sich nicht aufs engste und bios nutzliche, 
auf Standesgefuhl und Classeninteresse zu beschrånken vermOgen, 
kann ein Colonistenland kein Vaterland sein. Das Vaterland ist nur 
da, wo der Bauer vom selben Stamm, von derselben Sprache und 
derselben Art ist wie der HOchstgeborene, wo alle aus Bauern hervor- 
gegangen sind und ihre Wurzeln bis zurfick in den Bauernstand 
ffihren wie der Baum in die Erde. 



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KARL WILHELM DIEFENBACH. 
Von FIDUS (Berlin). 

In Nr. 14 der »Wiener Rundschau« hob Wilhelm Spohr in einem 
Aufsatze uber mich die Zeichnung »Tånzer« aus meinen Erstlings- 
arbeiten besonders lobend hervor. Er vergass dabei zu erklåren, dass 
dies Blatt, wie er auch wusste, zwar ganz von mir erfunden und aus- 
gefuhrt, aber doch dem Geiste Karl Wilhelm Diefenbachs sein Entstehen 
verdankte. Spohr wies zwar unmittelbar danach darauf hin, wie meine 
Schulerschaft zu Diefenbach von Segen fur meine kunstlerische Ent- 
wicklung gewesen ist; aber ich mOchte doch die Gelegenheit dieser 
»Berichtigung« benøtzen, um mich iiber Diefenbach und mein Ver- 
håltnis zu ihm zu åussern. 

Die »Tånzer« bilden einen HOhepunkt in dem Weiss-Silhouetten- 
Cyklus »Kindermusik«, einem Zeichenwerke, an dem Diefenbach 
schon seit seinen Jugendjahren entwickelnd gearbeitet hatte. Als ich 
im Sommer 1887 zu ihm gieng, fand ich die »Kindermusik«, eine 
wunderbare Reihe musicierender und tanzender Kindergestalten, schon 
fast fertig, aber sozusagen der Reinschrift harrend, vor. Was ich da 
sah, war mir etwas UnerhOrtes und doch so ganz Selbstverståndliches, 
aus der Seele Gesprochenes. Diese Gestalten waren poetische Gebilde, 
in denen die musikalische Urkraft Bøcklins, die keusche Lieblichkeit 
Schwinds und die stilistische Einfachheit und Eleganz der Prårafaéliten 
sich naturlich vereinigten. So musste ich als Kritiker sprechen ; als neuer 
Mensch finde ich uberhaupt keinen Vergleich zu diesem Werke, das 
der neuen Seele zum erstenmale einen bewusst-formenschOnen Ausdruck 
gab — in einem zukunftsheiteren Stile, gegen den selbst die Weisen 
der Genannten mir noch mittelalterlich engbriistig erscheinen. Und 
das zu einer Zeit, wo Deutschland Akademie wie »Moderne«, jede in 
ihrer Weise, die Kunstler mit Odester Pedanterie terrorisierte, in der 
es nicht erlaubt schien, als Maler ein Dichter zu sein — und von 
einem Deutschen, der seine unerhOrt moderne Kunst nicht, wie seine 
Landsleute zumeist jetzt noch, an seiner internationalen, fachsimpelnden 
Kunstabspickerei destillierte, sondern der, verstrickt in allen mOglichen 
Reformbestrebungen des geistigen und praktischen Lebens, kaum 
Ruhe fand, der Kunst als uberzeugendstem Ausdrucksmittel seiner 
Lebensanschauung sich hinzugeben. — Das zwischen ihm und der 
gesammten Kunstlerschaft beider Lager kein Zusammenhang war, ist 
naturlich — ich fand es damals empOrend und unbegreiflich, dass 
sich um diesen Mann kein Munchener Kunstler kiimmerte, nicht ein- 
mal als um ein Studienobject. Und meine Verachtung gegen ein Kiinst- 



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734 



FIDUS. 



lerthum, das an »Diefenbach« als Gesammterscheinung vornehm vor- 
ubergeht, ist mir geblieben, obgleich ich einsehe, dass selbst seine 
Verehrerund Hilfsbeflissenen wohl Recht behalten werden, wenn sie sagten, 
dass mit Diefenbach »nichts zu machen«, d. h. nichts Positives zu 
gutem Ende zu fuhren sei. 

Diese Tragik in Diefenbacbs Persflnlichkeit ist eine richtige antike 
Schicksalstragik — auch hier ist er wieder nicht »modern«. Ist schon 
jedes bedeutende Kunstlerschicksal ein Va banque-Spiel hOherer Måchte 
mit einer grossen Menschenseele — bei Diefenbach ist es ein ent- 
schieden ungluckliches. Von Jugend an infolge seines selbståndigen 
Geistes mit seiner nåchsten Umgebung im Zwiespalt, wurde er in der 
Folge durch schwere Krankheiten und daraus entstammendem Siech- 
tbum von dieser Umgebung kOrperlich immer abhångiger. Eine Ver- 
kruppelung seines rechten Armes machte ihm geråde seine kunstlerische 
Arbeit schwer. Seine Pflegebedurftigkeit verwickelte ihn in eine un- 
gluckliche Ehe, die ihm auch noch den Rest von Seelenmusse raubte. 
Seine reformatorischen und fur ihn hygienisch wichtigen Lebens- 
gestaltungen bei gånzlicher Mittellosigkeit zwangen ihn in peinliche 
Lagen und polizeiliche Conflicte, aus denen er sich nur durch Offentliche 
Kundgebungen und Reden, sich rechtfertigend, retten zu kOnnen glaubte. 
Alles untergrub naturlich seine kunstlerische Arbeitskraft und -Fåhigkeit 
immer mehr. Aus diesem Grunde konnte er auch seine unzåhligcn 
Entwiirfe nicht ausfuhren, und selbst die »Kindermusik« war techniscb 
noch mangelhaft. Die diesem Werke harrende »Reinschrift« und VolK 
endung geschah, so gut es damals eben gehen wollte, durch meine 
Hånd, sozusagen unter dem Dictat Diefenbachs. Vom Lager aus, sei 
es im Hause oder auf der Gartenterrasse der EinOde Hollriegels- 
Gereute bei Muncben, leitete er die Entwicklung des Werkes, zu 
dem mir die im Freien nackt spielenden Kinder herrliche Modelle 
abgaben. Aus demselben Grundgedanken erwuchs unter gleicher 
Arbeitstheilung der 70 Meter lange Schwarzsilhouettenfries »Per aspera 
sid astra«, ein visionårer Jugend-Festzug, bei dessen Einordnvng 
Diefenbach nacb Kraften selber Hånd anlegte. Derselbe erschjen 
spåter bei V. A. Heck in Wien in Albumform, mit Text von Diefen- 
bach; einen Auszug davon malte ich elfenbeinfarben auf schwarz an 
die Wand eines Munchener Bierlocais in der Jågerstrasse, wobia 
Diefenbach u. a. seine Kunst deplacieren musste. 

Dass Diefenbach allmåhlich durch åussere und kOrperliche 
Behiaderung in kunstlerischer Arbeit auch technisch zuriickkam und 
in sekiøm abenteuerlicben Schicksal keine Ruhe und Kraft zum stillea 
Studium zuruckerobern konnte, ist seine Tragik. Andere werden wotø 
das verwirklichen, was er zu fruh fur seine Zeit, zu viel fur seine 
Kraft gewollt hat: eiue neue Cultur im Zeichen der Schonheit. 

Es is& nicbt wahr, dass dieses Wollen schon långst eine allgemeine 
Sasbe sei. Ich finde in der ganzen j ungsten Kunst der Erde erst ganz 
schucbterne AusbUcke auf die sieghafte SchOnheit, wie sie Diefenbach 
wollte und zum Theil in Kunst oder Leben schon andeuten konuteu 



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CARL WILHELM DIEFENBACH. 



735 



Unsere grossten revolutionåren Kunstler, die schon durchgedrungen 
sind, redend oder bildend, sind mehr culturkritisch als culturschøpferisch ; 
ich nenne nur Ibsen als Dramatiker, Nietzsche als Lyriker in weiterm 
Sinne und Klinger als Bildner. Vielleicht ist es der Kunst des Wortes 
uberhaupt nicht so mOglich, positive SchØnheitscultur und -Cultus 2u 
bringen ; denn geråde der Durst nach SchOnheit, die Sehnsucht unserer 
erkenntnisstrotzenden und machtprotzenden Zeit verlangt nach sicht- 
baren Gaben. Es ist, als ob man der schOnsten Worte genug hatte 
und nun endlich Beweise, Thaten sehen wollte. Klinger gibt nun, 
dank seiner greifbaren Kunst, noch am meisten von positiver SchOn- 
heit zu erkennen. 

Ungeduldig wird der moderne Pflicht-Skeptiker nun f rågen: 
»was ist denn positive SchOnheit?« und ich mOchte darauf antworten 
kOnnen: »kommt und seht!« Einstweilen muss ich sagen: SchOnheit 
ist sichtbare Seligkeit, von einer Kraft, die auch andere 
besetigen muss. Die Norm dieser SchOnheit hat sich freilich im 
Laufe der Zeiten in steigender Entwicklung geåndert. Deshalb konnen 
uns, wenn wir ehrlich sind, auch die Gipfelpunkte der vergangenen 
SchOnheitsentwicklung in der Kunst nicht mehr von ganzem Herzen 
genugen, die fruhesten sogar abstossen. Und doch hat die grosse 
Kunst, die das religiøse Bedurfhis stiEt, jedesmal die Cultur der Zeit 
gestempelt und die Volkskraft fur ih re SchOnheit begeistert; davon 
erzåhlen uns die Ruinen. 

Auch wir genen einer neuen SchOnheitscultur entgegen, nicht 
bloss einer Renaissance-Periode, die sich, statt au» griechiach-rOmiaehem, 
nunmehr aus asiatisch-buddhistischem Geiste befruchtete. Diese 
Befruchtung zeigt sich allerdings bis in den Japanismus der bildende* 
Kunst hinein. Es drångt uns aber nach mehr: die fremden Erdtheile 
und Religionen sind uns kaum etwas Fremdes mehr; wir sind der 
Jules Verneschen und schopenhauerlichen Sensationen satt; wif 
brauchen etwas Greifbareres als den Begriff der modemen Herrschaft 
des Menschen uber die Erde; wir brauchen einen Glauben, der 
altgemeiner WilTe ist, eine besefigende Religion, welche die neue Erd- 
und Weltanschauung bekråftigt, helligt und trotzdem — nein deshalh 
— von Erden- und Weltenschwere erleichtert und erlOst — wir 
wollen wieder einmal glaubhafte, greifbare, sichtbare Seligkeit 1 

Diefenbach ist ein Prophet dieser neuen Seligkeit, das zu bekennea 
ist mir ein Bedurfnis, zum wenigsten war er ea. 



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DIE UNTERRICHTSSTUNDE. 
Von GEORGES EEKHOUD (Briissel) .*) 

Die junge Lehrerin, deren bleiches Antlitz eine uberlichte Seele 
widerstrahlt, hat eine Pause im Unterricht eintreten lassen. Es ist 
ein druckender italienischer Nachmittag in der kleinen Classe der ganz 
jungen Kinder von Motta-Visconti. 

Duren die offenen Fenster mit den halb herabgelassenen Stores, die 
ein spOttisches Luftenen von Zeit zu Zeit sich blåhen macht, wie die 
Brust einer girrenden Taube, sieht man das grune und fruchtbare 
Land zu Fussen des Apennins. Zuerst die kreideweisse Dorfstrasse, 
ubergehend in eine Allee von Pappeln. Im Schatten der Maulbeer- 
båume liegen dicht aneinander die Erntebundel, dQnne Weinranken 
streben aufwårts. Getreide, Wein, Seide. Die Luxusware neben dem 
Brote, das allen gehOren musste, dem Wein, der gleichfalls allen 
Menschen Kraft geben und ihnen gestatten musste, das heilige Abend- 
mahl in beiden Gestalten zu nehmen. Die Seide, wer in Motta-Visconti 
sieht sie im Leben anderswo als in den Maulbeer-Zuchtereien ? 

Den Kopf auf ihren A-B-C-Buchern, schlafen die Kleinen, in 
hubschen, mannigfaltigen Posen, die Gesichter in Grimassen verzogen 
oder mit einem Låcheln auf den dicken Lippen, das schon zårtliche 
Traume dorthin gezaubert. Ganz zerlumpt sitzen sie da, ihr Kleid ist 
ein schmutzigbraunes Hemd, eine von Unrath starrende, von ungleichen 
Hosentrågern kaum gehaltene Hose, ihre Fusse sind nackt. Lockige 
und struppige KOpfe, fleischige, runde Wangen sttitzen sich auf die 
steifen dicken Armenen — Wangen, die der Staub bråunt und das 
junge Blut rOthet. Ein zischendes, unregelmåssiges Geråusch von starken 
Athemzugen fiillt das Zimmer und mengt sich mit den SummtOnen 
der fetten Blaufliegen. 

Die Lehrerin, die arme Lehrerin mit der guten und leidenschaft- 
lichen Seele, nutzt diese Pause, um sanfte Lieder zu reimen, Lieder des 
Jammers und Elends. Diese Atmosphåre der heranbluhenden Ungluck- 
lichen, der Pariaskinder, gibt ihr mitleidsvolle und herzzerreissende 
Dinge ein, und dieses fruheste Alter der båuerlichen Leibeigenen, diese 
Keime einer steuer- und frohnpflichtigen Menschheit fiihren sie zu 
8chmerzhaft-traurigen Empfindungen ; sie denkt, wie es werden sollte 
mit diesen so unbenutzten und reinen Wesen, und wie es noch nicht 
werden kann. 



*) Deutschen Lesern sei bemerkt, dass Ada Negri Lehrerin in Motta- 
Visconti war. Einer ihrer Schiiler hiess Santo Caserio .... Die Red. 



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DIE UNTERRICHTSSTUNDE. 



737 



Ganz voll von Mitleid, tråumt sie in mQtterlicher Zuneigung 
Traume von Ruhe und Sonne fur die Kleinen. 

Dass sie nicht die Fee ist mit den magischen Geschenken, die das 
Ungluck beschwOren und uber diese Håupter einen Regen von Freude, 
Heiterkeit, Licht und Zårtlichkeit senden kOnnte ! Dass sie nicht ihnen, 
wie den einfachen Wiesenblumen, die lebengebenden Safte sichern kann, 
um die Sammtfrische ihrer lieblichen Antlitze zu erhalten. Sie weiss, 
was ihnen schon jetzt, an der Schwelle des Lebens mangelt, sie kennt 
die noch viel hårteren Entbehrungen, die folgen werden, die Unge- 
rechtigkeit, das Missgeschick, das auf sie lauert. 

Ach! So gar nicht das heranrtickende Elend entwaffnen, diese 
junge, schOne Menschenblute gegen die Holzknechte und gewerbs- 
måssigen Heumacher sch iltzen kOnnen! Nur die arme Dichterin zu 
sein, voll Schmerz und Mitleid, die sie alle so sehr liebt, aber 
ihnen nichts geben kann als ihre Thrånen und ihre Verse des Er- 
barmens . . . 

Ihre Verse feuchten das weisse Papier wie ihre Thrånen das 
Taschentuch. Sie forscht in die Zukunft ihrer Schuler. >Arme Hecken- 
blumen, Wald-Nachtigallen — was werden sie sein in zehn Jahren? 
Feil oder verkommen, Lugenerzåhler, geduldige Handwerker oder 
Taschendiebe, Sclaven der Werkståtte oder knirschende Arbeiter im 
Gefångnis. Wo wird sie sie wiedersehen, in der Kaserne, im Spital, 
in der Morgue, auf dem Bagno, auf dem Schaffot ....?« 

Pfui, welche finsteren Ausblicke in die Zukunft rief sie da wach ! 
Sehnsuchten und Wunsche sind sonst der Inhalt ihrer Dichtungen; 
sie trocknet die Thrånen, ohne daran zu denken, jene zu beschmutzen, 
die sie fliessen machten; sie verbindet die Wunden der Opfer, ohne 
sich zornerfullt gegen die Henker zu wenden! 

Heute ist ihre Einbildungskraft viel grausamer, und ihre Verse 
athmen Zorn. Ungeduld mengt sich in ihre Evangeliums-Milde, eine 
ausserordentliche Unruhe uberfållt sie. 

»Italien, Italien, wirst Du nie etwas anderes sein als eine Mutter 
mit verdorrten Brusten fur die Tausende Deiner Kinder, welche Deine 
gotterfullten Dichter und schOpferischen Kunstler begeistert hatten? 
Was wird aus diesen werden, aus diesen Kleinen, welche ich lesen 
lehre, die ich, so lange es angeht, mit meinen Fittigen schutze. 
Werden sie auch spåter noch lesen? Und welche Blicher? Zu welchen 
Erziehern werden sie kommen als Jiinglinge, als junge Månner? 
Werden sie immer nur Leuten begegnen, die gewaltthåtig und 
råuberisch sind, um die ganzen Kråfte und Safte jener, ihre Energie 
und herrliche Entwicklungsfåhigkeit Geldgewinnungs-Maschinen dienst- 
bar zu machen. Wie! Die edle italienische Erde soli nichts anderes 
hervorbringen als stumpfe Heloten? Wie! Nicht einen freien Mann, 
nicht einen Aufgeruttelten, nicht einen Oberlåufer aus den Armeen 
der Frohnarbeiter ! Nicht ein ErlOser voll gOttlichen Opferwahns, der 
eine Geste der Befreiung wagte, wåhrend alle andern festgeschmiedet 
sind an die Galeeren der Sclavenarbeit ? Nicht Einen, der mude, sein 



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738 EEKHOUD. 

Ruckgrat zu krummen, sich aufncbtet, se in Recht verkundet, ja selbst 
so weit geht, zu tOdten .... 

Himmel, welche Flammenworte wagt sie hinzuschreiben. Sie 
erhebt die Augen von der sengenden Heftigkeit ihrer Worte und wendet 
sie zu diesem lieblichen Parterre von Kinder-Bluten. Welche Milde, 
welche vollkommene Sorglosigkeit ! Wie konnte sie solche schauerliche 
Bilder wachrufen angesichts dieser Menschheits-MorgenrOthe. 

Ist es schlecht, was sie da thun wollte? Trauerndes Mådchen, 
allzulebhaft an Einbildungskraft, warum bringt nicht auch sie Kinder 
zur Welt? Solche Bilder und Gesichte wurden dann nicht in ihr auf- 
tauchen. Wenigstens wurde sie durch diesen gebieterischen Instinct 
sinnlicher Gluten lernen, was die Natur, das elementåre Leben will, 
sie wurde beruhigt sein, ohne Phrasen und ohne Grubeleien, uber das 
einfache Warum unseres Hierseins, unserer Erdenwege. Warum wendet 
sie ihre Gedanken nicht an anderes? Was nutzt es in der Zukunft 
leben? Nur die seiende Stunde und den unmittelbaren Moment umfasst 
die Pflicht! Wozu tråumen, trauriges, allzunachdenkliches , armes 
Mådchen! Es ist so einfach zu leben ... als Kind, Geliebte, Mutter, 
und zu sterben, ohne geforscht zu haben nach anderen Schicksalen und 
Gesetzen, als denjenigen, welche die Mehrzahl, die Gesellschaft fest- 
gesteilt hat. 

Ruhe, allzugrosses Herz, ruhe! Es ist schåndlich, so ins Blaue 
hinein hartnåckig zu Gedanken an das-Elend und den Tod anzureizen* 
vor diesen Kindern, vor diesem wårmlichen Nest mit Jungen. — 
Bedenke, dass Du durch diese lyrischen Schilderungen ein Schicksal 
heraufbeschwOrst iiber diese lieblichen KOpfchen, welchen Du diese 
Gaben der Vorsehung lieber ersparen wolltest. 

Sieh, diesen hier, gute Tråumerin, hafte Deine visiooåren Augen 
auf einen dieser Gassenjungen, den schOnsten der Classe. Er ruht ein 
wenig aus, sein pausbackiges Gesicht låchelt unter den langen blonden 
Wimpern. Seine Håndenen halten mit einem energischen Griff ein 
schartiges Taschenmesser, womit er seinen Bleistift spitzt, und seine 
etwas dicken, aber blutrothen Lippen spitzen sich zu der hubschen 
Grimasse eines Gassenjungen, dem man ein Spielzeug wegnehmen will. 

Sicher ist er der hubscheste von allen, so mollig, so rosig, aber 
auch der årmste von allen«. Ein nachdenkliches und schweigsamea 
Kind mit ptøtzlichen Anfallen von Geschwåtzigkeit und Fahrigkeit, 
ein phantastisches, eigensinniges Kerlchen. Trotz der Milde und Zårt- 
lichkeit der Lehrerin meidet er oft die Schule, um fortzugehen, weit, 
sehr weit. Ohne Zweifel, or tråumt jetzt von kleinen Raubzugen auf 
Maulbeerbåunae und einer hubschen Ernte auf Pfirsiche und Pflaumen. 
Die LehrexioL hatte sich an diesen Wildfang gewOhnt, der wie aua 
rosa Marmor zu sein schien, wenn ibn nicht Ofters eine Schichte voa 
Schmutz uberzogen hatte wie eine Bronze von Donatello. Oft denkt 
8iQ v nicht ohne Melancholie, dass der Kleine im nåchsten Sommer 
zehn Jahre wird. Seine Elterru unterste. TaglOhner, werden ihn 
nach Mailand schicken wollen, als Lehrjunge zu einem Backer. Leise 



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DIE UNTERRICHTSSTUNDE. 



739 



sagt sie den Naxnen des Heblichen Scblåfers vor sich hin und dieser 
Name schon : Santo, ist fur sie ein Gebet. Ein Gebet, welcbes imstande 
ist, sie von den furchterUchen Tråumereien, denen sie sich eben hin* 
gibt, gu erlOsen. 

»O, mein Gott,« betet die gute Seele, »wenn er doch die Niedex* 
tråchtigkeiten, die Schmutzereien, die Vergiftungen der håsslichejn 
Geschåfte des Lebens oie kemien lcroeu wurde! Schutze diese edle 
Pflanze, o Natur, vor dem Hauch der Werkståtten* Møge niemala 
das Fieber der Stadt seine Wangen welken macben und den Pfirsich- 
hauch seiner Sammthaut verwischen.« 

Und sie denkt: »Gestern noch, beim Frohnletchnamsfest, sah 
Santo, als kleiner Johannes der Tåufer, zum Anbeissen hubsch aua: 
Das Schafsfell uber die Schulter geworfen, mit seinem Mauen, gold- 
berånderten Processionshemd, seinen nackten, rundlichen Beinen, seinen 
lockigen Haaren, ein Kreuz aus Gold an Stelle eines Hirtenstabes, ein 
ganz weisses Låmmchen an der Leine fuhrend. Santo gieng in der 
Procession, lieblich, fast eucharastisch. Wie der Weihraucb ihn umhullte 
und wie heil die Kerzen brannten. Einige von ihnen waren mit rothen 
Båndern umwunden, KOrbe von Rosen bluteten unter den Pfeilen der 
Sonne. Hymnen, milde wie Honig, erfiillten diesen frommen Morgen. 
Diese Musik, suss und doch entnervend! Und die Bauernjungen, dde 
Knechte jubelten Dir von Herzea zu, kleiner Santo* Dir, als einera 
Theil ibres eigenen verklårten Blutes und ihrer in das Brot des Herra 
verwandelten rauhen Bauernhaut, Die glucklichen Mutter, ein bisschcn 
eifersuchtig, eilten zu Dir, fast weinend. Und als sie Dich vorbeigeheo 
sahen, knieten sie nieder, mjt ihren Kindchen am Ann, umarmten sie 
demuthig und tråumten sie in glucklichen Stunden, etwa ak kleine 
Tagesheilige, Santo, wie Du! Agnus Dei qui tollis peccata mundi ! 
Lamm des Herrn, welches diø Sonden der Welt auf sich nimmt* 
Armer Kleiner, wo wirst Du in zebu Jahren sein? In der Kaserne« 
im Spital ? In welcher Procession wirst Du noch mitgehea ! Zu welchem 
traurigeren Weg als diese Procession wirst Du noch gehen? Neio» 
halt' ein!« 

Was fOr håssliche Sorgen? Hier doch wåre der letzte Ort, wo 
sie solche Beunruhigungen befalleo sollten? Ist es die erstickende HiUe, 
welche diese finsteren Voraussagen gebiert? . . • . Welche ungewohnt» 
Angst ergreift sie bei dem Gedanken an den schlafenden Knaben? 
»Santo* was hast Du gethan? Sprjch, was hast Du Lust zu thua? 
Sag' es mir» rasch!« 

Vergeblich ruft sie die Erinnerung wacb an die friedevolle Procession 
des Vortages, um das ZustrOmea dieser scbrecklichen, finsteren Bilder 
von sich abzuwehren. Ihre Ahnungen åhnelten dem dichterischen Schauer 
der Sibylle auf dem Dreiruss. Was sie da wiederschauen, woran sie 
sich wieder erinneru wilU daa entgleitet ihr, bildet sick in Visionen um« 
die nicto gemein babeo mit ihren Erinnerungen. Dieser fromme Auf* 
zug verwandelt sidb in eiaen dusteren, unruhigen Aufmarsch einer 
Menge, die einherstampft oder einberjagt wie der Sturm. 



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740 



EEKHOUD. 



Vor der erstaunten Lehrerin erhebt sich ein grosser Junge von 
zwanzig Jahren, mit breiten Schultern, mit starken Hånden, festem Rucken, 
bartlos, blond, ambrafarbigem Teint, mit ekstatischen, fast erschreckten 
Augen, angenehmen Zugen, feierlich wie in einer fortwåhrenden TragØdie, 
ein kaum wahrnehmbarer Flaum liegt uber seiner Oberlippe. Sein 
Wesen — sagt sich die Seherin — ist das eines heimatlosen Verbannten, 
besturzt, als kårne er eben von der Scheere des Haarschneiders oder 
besser, nein, schlimmer noch, eines Gefangenen, dem man die Haare 
schneidet und den man im Vorraum der Gefångnisse abmisst und der, 
mit dem irren Blick eines Nachtwandlers, nur Roth und wieder Roth 
sieht. Eine Mutze aus weissem Tuch mit einem geraden Schirm, wie 
sie Seeleute tragen, umschliesst die tippigen Locken seines Kopfes und 
eine blaue Cravatte passt zu seiner weitausgeschnittenen Weste. Eine 
Pause, ein Athemanhalten der tobenden, erregten Menge, deren Mittel- 
punkt er bildet, bringt ihn — dauert es eine Secunde oder noch kurzer 
— vor die entruckte Seherin. Erfasst von ihren Hånden, spricht er 
mit leiser Stimme, fast flusternd, fur sie allein: »Erkennst Du mich? 
Nein? Ich bin doch einer der Deinen. Ich bin der Aufgeruttelte, der 
Erløser, den Du ersehntest. . . . Sieh mich doch recht an.« 

Sie will widersprechen , aber wie wåhrend eines Alpdruckens 
schliesst ihr eine Faust die Kehle und sie sieht ihn geråde an, erstarrt 
vor seinem uberzeugenden Sanftmuth, vor dem melancholischen Låcheln, 
welches auf seinen Lippen erbluht, diesen etwas zu grossen, aber so 
rothen Lippen, diesen appetitlichen, starken, italienischen Lippen, vor 
der zauberischen Zårtlichkeit seiner blauen Augen — dieses Blau-Violett 
von Parma — dieser Augen, welche die åusserste Gute dieser Lippen 
noch liebreicher macht. 

»Du håltst mich fur einen friedfertigen Burschen« — tOnt die 
Stimme — »ziemlich weich, ein bisschen schlåfrig, ein ZeitvertrOdler, 
von jeder Kleinigkeit ergOtzt, fur einen, der junge Mådchen pfluckt 
wie ehedem Aprikosen und Maulbeeren von den Gelåndern des Pråfecten, 
<ien Werkståtten ausweichend, so wie ich ehedem Deine Lectionen 
schwånzte, o, meine grosse Schwester. Du håltst mich fur einen von 
jenen, die zuruckbleiben und sich vergessen, Ohnmåchtige, zur Beute 
irgendeiner geschickten Dirne, welche bartlose Jungen iibertOlpelt. 
O, theure Denkerin, wie Du Dich verrechnest!« 

Und sein Låcheln belebt sich fieberhaft, so sehr, dass es scheint, 
als ob sein Mund blute in seinem erblassenden Antlitz, und er schuttelt 
ern8t den Kopf. Das ist — scheint es der Lehrerin — als wenn der 
Hals nervOs, aber mit einer spOttischen Feinheit uber die måchtige 
Brust herabfiele, bereit zu brechen, wie ein Stengel unter einer allzu- 
schweren Bltite. 

»Hore, es hat mich in einen Widerwillen gegen die Ver- 
gniigungen meines Alters und die Beschåftigungen meiner Zeit getrieben. 
Ich liebe nicht die Sitten anderer Menschenkinder. Ich håbe von 
Aufopferungen und Gemeinsamkeiten ohne Ende getråumt, ohne 
„Niitzlichkeit, ohne naturliche Rechtfertigung durch die einzige Tugend 



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DIE UNTERRICHTSSTUNDE. 



741 



der Zuneigung und das Vergnugen, sich zu geben, sich selbst zu 
opfern in unendlicher Zårtlichkeit. ... O, diese lachenden und frivolen 
Genossinnen, die cin weinerliches Gesicht machen, wenn ein VOgelchen 
aus dem Nest fållt und welche die stete menschliche TragOdie gleich- 
giltig låsst, deren VollfQhrer sie oft sind, VollfQhrer, nicht immer 
ohne es zu wissen. ... Ah, diese Liebhaberinnen, welche sich die 
Natur, die die Ewigkeit der Sterblichen will, abrichtet und bethOrt 
durch einen Blitzstrahl der Unendlichkeit. Ich håbe fur sie eine 
biblische Abneigung. Sie sind die StOrerinnen und Ablenkerinnen, 
welche alle menschenfreundlichen Gedanken und alle månnlichen 
Wunsche umwerfen. Sie ergeben sich nur um einzuschlåfern, um 
die Stårksten und Heftigsten zu verkleinern und zu erniedrigen. 
Sie untergraben diese Riesen, zu deren Fussen sie sich heuchlerisch 
hinstrecken. Sie sind die Mahnungen des Egoismus zu der ver- 
dammenden Gleichgiltigkeit, der Lossagung von unserer Pflicht. Fur 
die Tausende von rohen Thieren, welche sie der irdischen Ent- 
wicklung liefern, haben sie die Begnadeten, die Genies, die uber- 
menschlichen Seelen scheitern lassen ! Wenn sie in Schmerzen gebåren, 
råchen sie sich fur ihre Leiden, indem sie diesem verdammten 
Planeten neue Beute ausliefern und mit einer entarteten Freude, mit 
entzuckten Augen auf den Einzug der Traurigkeiten, Schrecken und 
Enttåuschungen lauern! 

Nein, ich werde nie auf ihre listigen Stimmen hOren. . . . Ich 
werde den galanten Lehren widerstreben, und was auch spåter der 
Richter sagen mOge, gierig danach, mich zu beschmutzen und hassens- 
wert zu machen den Månaden und brunstigen WOlfen, ich bin rein und 
werde jungfråulich sterben, da ich mich fur die Liebe al ler bewahrt 
håbe! Du, die einfache, die Jungfrau, Du darfst diese Dinge hOren, 
denn, ohne dass Du es weisst, bist Du tausendmal mehr meine Mutter, 
als irgend eine, die mich naturlich zeugte. . . . Wenn ich jemals 
einer Liebenden schmeichelte, so war es der rothen LOwin mit den 
gluhenden Zitzen, mit der Milch von geschmolzenem Blei, der LOwin, 
deren Måhne die Fackeln der neuen Eiferer entflammte und an deren 
Klauen die Dolche jener sich schårfen werden, welche die Pflichten 
und Gesetze der Menge abgeschworen haben! . . .« 

»Genug, genug!« fleht die Arme, welche sich die Augen ver- 
hullt, um nicht mehr zu sehen. »Du hast gelogen. Zuruck mit dieser 
LOwin der HOlle und ihrem finsteren Fuhrer. Weg von mir und Santo. 

O nein, diese Hånde, welche ich liebe, diese kleinen Håndchen 
werden ihre Finger nur gebrauchen, um das weisse Mehl zu unserem 
tåglichen Brot zu kneten! Nicht wahr, Santo? 

Kleiner Backer, sie sagen, dass Du eines Tages kein Brot mehr 
wirst kneten wollen, weil nicht alle Armen davon essen .... O, bleib 
in Mailand, bleibe bei Deinem Berufe, bleibe!« 

Aber da ist sie plotzlich entruckt, getrennt von ihm, jåh in eine 
grosse, Feste feiernde Stadt versetzt, wo ein ruheloses wirres Treiben 
lårmt, in einen Wirbel von Trommeln und Pfeifen, Trompeten und 



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74* 



EÉKHOUD. 



Zinken, von flatternden Bannern und brennenden Lichtern, in einen 
immerwåhrendcn Hosanna- und Vivat-Jubel. Eine Apotheose am Abend. 

Plotzlich steht der bleiche junge Mann mit der weissen Mutze 
vor ihr. Er zieht aus seiner grauen Weste einen Dolch, er schwingt 
ihn, seine rothen Lippen werden bleich, seine Augen sind wie 
magnetisch angezogen, man weiss nicht von welcher Spur; seine 
Pose ist gekrummt wie die eines Menschen, der auf etwas lossturzen 
will, das eine Bein vorgestreckt, angestemmt das andre; und mit 
emer heftigen Bewegung stOsst er ins Herz der Apotheose. Man hOrt 
ein Geråusch wie von einem jåhlings freigewordenen Wasserfall. Dann 
Larm, Jammer, Schreien und Verwunschungen. Der Aufiruhr tragt den 
Zeugen des Opfers mit sich fort . . . »Wo bist Du, Santo. Der Weih- 
rauch durchduftet nicht mehr Deinen kindlichen Weg. Was liessest 
Du Dein Goldkreuz fallen ! Und das Lamm ! Ah, es handelt sich wohl 
um eine andere Hostie! . . . Das ist die LOwin, die gelblich-rothe, 
die Du am Seile fuhrst!« 

Bald nachher, ein truber Morgen mit schmutzig grau-blauem 
Himmel, in derselben grossen Stadt, die nicht Mailand ist, geråde zu 
der Stunde, da die Backer wie Du ihr Brot backen, mein Santo. 
Klirrende Sabel in der Faust, sprengen grosse Månner zu Pferde durch 
die blutgierige Menge. Ein håsslicher Morgen. Es ist auch die Stunde, 
wo die Arbeit beginnt in den Schlachthåusern. Zuriick! Vade retro! 
Noch einmal, mit convulsivischem Zittern, legt die Dichterin die Feder 
nieder und betrachtet den Schlaf des kleinen Santo, um die furchtbaren 
Bilder von sich zu weisen. Caro e dolce poverino! 

O, wie sie ihre Gedanken ruckwårts zu wenden wunschte, die 
Seherin, zu den Blumen, zum Weihrauch, zu allen diesen milden, 
seligen Reinheiten! Aber unerbittlich wandelt sich der friedliche Zug, 
man weiss nicht warum, in eine larmende Cavalcade, in welcher sie 
vergeblich das Bild des kleinen Saint Jean festzuhalten sucht. Sie 
sieht den Kleinen sich ihrem Rufen entziehen, sich wanddn in den 
grossen, blonden und rosigen Knaben, sanft und milde, der feierlichen 
und dichtgedrångten Schrittes in den håsslichen Morgen voll Schmutz 
und Nebel wandelt, gefuhrt von bewaffneten Leuten. Der Geist der 
hysterischen Dichterin unterscheidet nicht mehr zwischen dem Kinde 
und dem jungen Manne, dem Kindchen, das am Seile das gekåmmte 
Låmmchen fuhrte und dem Jungling mit der rothen LOwin, den 
grinsende Opferdiener gefesselt dahinfQhren. Lange schon haben die 
Fleischer das Lamm Baptiste's getOdtet. Und der kleine Hirte wird 
mit seinem Låmmchen wieder vereint werden. War er nicht der 
Vorlåufer? Nun muss er seine Rolle bis zu Ende spielen. Und am 
Ende solcher Lebensbahn steht oft die Enthauptung . . . 

Wie, der kleine Saint Jean, der ausgelassene Schafjunge und 
dieser grosse und starke Jungling, mit einem Antlitz zu sanft fur 
seinen Beruf, mit Blicken zu poetisch fur all das, was unsere Aachen 
Zeiten an Poesie kennen, wie, der kleine Båckerjunge von Mailand 
und dieser Ausgestossene, dieser Opferer mit den gutigen Augen, in 



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DIE UNTERRICHTSSTUNDE. 

743 

deren Azurblau aller Schrecken sich birgt, wie die Wolken unter dem 
schnee- und sternenbedeckten Gipfel der Jungfrau — diese zwei wåren 
nur einer! .... 

»Es i8t so. Es lebe die rothe LOwin! Und was Du auch seist, 
kh, ich segne Dich, tapferer Bursche der »Canaillet, jetzt die leidens- 
volle, dann die streitbare, morgen die triumphierende Kirche! Denn 
diese Race der Reichen muss wohl hassenswert und verbrecherisch 
sein, da so schone, begabte, mit allen Reizen geschmuckte Junglinge 
wie Du, mein Santo, glauben, dass es blutiger Repressalien gegen sie 
bedurfe! O Santo! Wie verbrecherisch ist diese Brat, dass sie Deine 
sternenklaren Augen, die nicht lugen kOnnen, die das Låcheln und 
das Entzucken eines ewigen Fruhlings spiegeln sollten, nun das 
Roth des Sonnenunterganges, das noch brennende Roth des anbrechenden 
Morgens widerstrahlen ! Ich segne Dich, gegen alle; und ich wollte 
Magdalena sein auf Deinem Kreuzeswege! Wie priese ich Dich, voll 
Verachtung fur die heulende Meute auf Deinem Weg. Einst, kleiner 
Santo, hob Dich eine andere Menge bis in die Wolken, und doch 
bist du heute tausendmal besser und anbetenswerter denn damals, als 

Kindenen in der Frohnleichnams-Procession ! Deine himmlische 

Schonheit reizt die Meute gegen Dich, aber Du missachtest ihre Lieb- 
kosungen ... Ah ! die thonchten Mutter, die Dich umarmten und ver- 
gøtterten seinerzeit auf den Lippen ihrer Kinderchen, und die heute, 
schåumend vor Wuth, mit Kieselsteinen die Håndchen ihrer Kleinen 
bewaffnet haben, dass sie sie auf Dich schleudern. Und die Unnutzen, 
die Feigen, die Kniebeuger, die Niedrigen — sie werden sich weiden 
an Deinen letzten Zuckungen und auf Deinen halbgeOffneten Lippen den 
Kuss suchen, den Deine Seele der fernen Bruderlichkeit sendet ! . . . 

O Santo, welche Herodiade hat Dein Haupt verlangt! Sie hat 
getanzt, die scheussliche Courtisane, das schreckliche Schicksal! Wer 
wird Dir Gnade spenden, wenn kreischend, brullend, klaffend der Schrei 
des bedrohten Goldes sich erhebt? Die Båuche und die Goldsåcke — 
sie konnen Dich dem tanzenden Thier nicht verweigern. Und all die 
Deinigen, welche die Tånzerin zu den stolzen Thronen der Freiheit, 
des Oberflusses hatte fiihren kOnnen, die lieben Zungen, die sie hatten 
preisen kOnnen in einer Apotheose hochster GlQckseligkeit, sie låsst 
sie lieber Hungers sterben, altern, welken vor der Zeit. Zum Orchester 
wunscht die schreckliche Tånzerin das ROcheln der Hungers Sterbenden, 
das Geschrei der Industrien-Opfer, der Militårbagnos, die Detonationen 
brudermOrderischer Salven, die Kesselexplosionen und schlagenden 
Wetter! Sie tanzt, sie tanzt vor den gierigen Alten mit den 
råuberisch gekriimmten Fingern, die Gold begehren, immer Gold... 
Zitternd und feige, entnervt durch die Sprunge der Tanzenden, haben 
sie der Eklen nichts zu verweigern! Ja, nimm sein Haupt, modemde 
Gesellschaft, Schånderin der Gute, maste Dich an dieser Jugend, stopfe 
Dir den Hals mit ihr, o Polyp, der nur Schonheiten fur Leugner der 
Gerechtigkeit und des Lichtes hat! Auf zur Mahlzeit! Da ist die 
Guillotine. Eilen wir uns!« 



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744 



EEKHOUD. 



Ein schreckliches Tosen hat die Lehrerin aufgeschuttelt. Sie ist 
geblendet von einem flflssigen Lichte, das aufzuckte wie die Klinge 
eines ungeheuren Messers. . . . Aber nein, es ist nur der erste Blitz 
des Unwetters, der naturlichen Folge des schwulen Tages. . . . Die 
Kinder um sie verlångern noch ihre Siesta. Und Santo, ihr Liebling? 
Sie hat diesen Lockenkopf, diese hohe Stirne, diese rosigen Lippen, 
selbst diese geballte Faust schon anderswo gesehen. Erkennst Du mich ? 
Ah! der Jungling, der KønigsmOrder, der Hingerichtete ! Er ist es. . . • 
Sie wird fast ohnmåchtig und sinkt zurQck, lOst sich von ihren Lippen 
ein Gebet oder ein Schrei des Entsetzens? 

In diesem Moment hebt sich der susse Blondkopf, Øffhet grosse 
saphirblaue Augen und begegnet dem angsterfullten Blick der gutigen 
Lehrerin. Ah, der Kleine, der Geliebte, Geliebteste. . . . Mit einer 
jubelnden und doch von Jammer vollen Bewegung, wie die Jungfrau, 
die nach der Verkundigung in ihrem erleuchteten Geiste auch die 
Schrecken des Calvarienberges sieht, stiirzt sie sich auf den Kleinen, 
umarmt ihn, erstickt ihn fast mit Kussen. Immer låchelnd, sieht er sie 
staunend an, versteht noch nichts, weiss nicht, warum dieser plOtzliche 
Herzenserguss und was dieses Messer soli in seiner Hånd. 



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SECESSICm ©ER BLUMEN, 
Von M. KRGNPELD (Wi*i), 

Von der Secession in den Blumensåtai gicng ich dxm Tågas 
zur Secession am Lugede, der Tepjrichstfcessrøn. Malt des w&e*rt*«rt- 
"baren Durcheinanders von Thier-, Blumtn-, Phatftasfefftottven und grellen 
Arabesken sah ich hier den einfafbigen Pond dos T«ppiote von dman 
Rahmen umgeben, in dem eine Blume, stflfetert und dech batankoh 
erkennbar, das Um tmd Anf bildele. VtmttiflgeMtst, åtm nidbt dbsr 
die gamt FMche diesétbe Bhmre gestffcut tror, wto twi dem Teppioh 
mit leuchtetiden Mdhnbtamen. 8dhlarike Lilien, -toerne Sterosed* die 
gélben Schwertnnen des heimtffHchen r W<Jiher§, -frtngwjlkpderte Fatn- 
mtiter und fCastaniertbttfter, die «ch in ihfør Stilittierung zUtti wirklichtn 
Ffngerblatt -vertiielten, wie die *U\ie der Boufbontn«*) gw *L&ie 
des Feldesc, das waren die fcittfigsten LdtmøCfcto. Selbtt das anqpe- 
zackte Blatt und die ^hirnmernde FradhtoigÉl etats mk Fossen ge- 
tretenen Unkrautes, wie es der LOwenzahn der Praterwiesen ist, waren 
auf einem der Teppiche artig verwendet. Und einer der Teppiche in 
der Teppichsecession fuhrte das auf Jahrtausende zuruckgehende Lotos- 
motiv vor. Lotos stilisiert, aber nicht ånders, wie ihn antike Kunst 
stilisierte. Alles schon dagewesen . . . 

Die wahren Secessionsblumen haben sich die Kunstler bisher 
entgehen lassen: die Orch ideen. Goethe hat sie »monstrose Lilien« 
genannt und damit wohl gemeint, dass sie sich mit bizarrer Form aus 
dem regelmåssigen Stem der Liliaceen herausgebildet haben. Die 
Orchideen hat die Natur in ihrer glucklichsten Stunde geboren. Sie 
sind so 8eltsam-8ch0n, so wundersam-vielformig, dass man mit vielen, 
vielen Worten ihre Eigenart nicht zu schildern vermOchte. Mit gleichem 
Entzucken wird man immer wieder diese zauberhaftesten der an Farbe 
und Gestalt so unerschOpflichen Blumen bewundern. Mit scharfem Contur 
sind sie wie aus Porzelfan geschnitten und haben, von den dustersten 
bis zu den himmelhellen Tonen, alle Abstufungen. Raketen von Bluten, 
deren jede dem Schmuckkåstchen einer Fee entnommen zu sein scheint, 
steigen von diesen Cattleyen und Oncidien auf. Der Vanda-Stock weist 
nur wenige, aber unsagbar herrliche Blumenaugen auf. Und diese Cypri- 
pedien, wurdig den Fuss der Venus oder eines ihrer holdesten 
Genien zu schmucken, brauchen nicht erst stilisiert zu werden; sie 
sind es schon von der Schopfung her. Hier glaubt man in einer mit 
schmelzendem Email uberzogenen Blute einen schillernden Colibri, 



*) Eigentlich eine Iris! 

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746 KRONFELD. 

dort wieder einen prachtvollen Falter zu erkennen, der, noch trunken 
vom Nektarmahle, die metallischglånzenden Flugel Øffnet, um sich 
aufzusch wingen. 

Sie passen zum modemen Milieu, diese Orchideen. Marcel Prévost 
låsst sie in das Gemach der Verfuhrung bringen. VerfQhrerisch wie 
sie sind, sollen sie auch andere beriicken. Und kostbar sind sie als 
Modelle. Nur ein KOnig im Reiche der Kunst wird das Odontoglossum 
Luciani mit 12.000 Francs bezahlen kOnnen und das Cypripedium hybridum 
mit 4000. Um diesen Preis waren die Blumen vor einigen Jahren zu 
haben und man hat die stolze Schonheit nach Gebur bezahlt. 

Wem sie aber zu freudig in den Farben sein soliten, wer im 
modemen Empfinden dem Schauer sich hingibt, dem sei berichtet, 
dass eine neue Orchidee mit einzigem Farbenreichthum in einem Todten- 
schådel nach England gebracht wurde. Die Bewohner von Timor setzen 
die wertvollsten, vom Vater auf den Sohn vererbten, mit Lanze und 
Pfeil im blutigen Kampfe vertheidigten Orchideen dorthin, wo ihre 
theuern Todten liegen. Die lachende, verschwenderisch ausgestattete 
Blume nickt Ober den grinsenden Zåhnen, blickt aus den glotzenden 
Augenhohlen hervor — ein Gegensatz von Sein und Vergehen, wie er 
packender und ergreifender nicht gedacht werden kann. 

Die Modemen sollten der Orchideen achten! 



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N O T I Z E N. 



BOCHER. 

»Todtentanz.« Eine Ascher- 
mittwochsdichtung von Max 
Moller. 

Seit einigen Jahren ist es unter 
den Dilettanten der Lyrik, des 
Dramas und des Romans Qblich 
geworden, das Thema vom Tode 
und vom Sterben auszuschroten. 
Unfåhig, das wirkliche Leben in 
sich einstrOmen zu lassen, es mit 
menschlichen und kunstlerischen 
Organen zu erfassen, versperrt 
gegen die tausendfachen Anregun- 
gen der Natur und der mensch- 
lichen Verhåltnisse, nehmen sie 
das Thema Tod quasi als Selbst- 
zweck, als Hauptmelodie, wåhrend 
es von den wahren Kunstlern nur 
als endliche AualOsung, als noth- 
wendiger Schlussaccord, mit der 
gleichen Bedeutung, die es im 
Leben hat, gebraucht wird. Der 
physische Tod ist aber das Ende 
einer Kette, der Abschluss eines 
unendlichen Complexes, selbst 
nichts Compliciertes, sich Ent- 
wickelndes und dårum kein Thema 
fur ein Kunstwerk. Dies wåre 
nur das absteigende, dem Tode in 
die Arme laufende Leben. Aber 
die Dilettanten nehmen den Tod, 
der selbst nichts ist, als etwas fur 
sich Seiendes, sie wollen aus einem 
mathematischen Endpunkt eine 
Linie, ein Gebilde machen. 

Dieses Drama »Todtentanz« ist ein 
eclatantes Beispiel einer am Thema 
Tod sich beweisenden, geistigen 
Impotenz: Ein Ball in einem 
mittelalterlichen Konigsschloss. Im 
Lande wuthet die Pest. Der KOnig 



ist entflohen. Nur die junge 
KOnigin feiert mit ihrem Hofstaat 
lustige Feste. Der Tod kommt 
als grosser, schwarzer Domino in 
den Saal. »Sein Haar ist fahl-asch- 
blond, mehrstråhnig als gelockt«, 
er macht der KOnigin eine Liebes- 
erklårung, schwefelt banales Zeug 
zusammen, kOsst sie endlich auf 
die Stirne. Daraufhin sinkt die 
KOnigin natUrlich ganz entseelt 
zusammen. Das ubrige Gesindel 
ist dem Tod nur einen einzigen 
Schwertstreich wert. Nach ver- 
richteter Arbeit entfernt sich Herr 
Tod . . . 

Man kann es Fidus nicht ver- 
zeihen, dass er sich dazu hergab, 
dieses Machwerk zu illustrieren. 
Oberhaupt scheint bei den neuen 
BGchern die Pracht der Ausstattung 
im umgekehrten Verhåltnisse zu 
ihrem Werte zu stehen. 

M. M. 

Ernst Hårdt: »Priester des 
To des«. Dreizehn Novellen. Berlin, 
S. Fischer, 1898. 

» Simplicissimus « -Literatur ! Da- 
mit sind diese Novellen eigentlich 
voll8tåndig charakterisiert. Sie be- 
reiten geschickt eine scharfe Pointe 
vor, sind tendenziOs, wenn es sein 
muss, und gehen keinem Effect aus 
dem Wege, sei er noch so unkunst- 
lerisch. Um »Spannung« in seine 
Geschichten zu bringen, hat Herr 
Hårdt vorlåufig erst zwei Recepte. 
Er erzåhlt entweder etwas recht 
Grauenhaftes nach dem offenbaren 
Vorbilde des Maupassant, gruseliges 
und spukhaftes Zeug, das, nach 
Mitternacht gelesen, die tiefste 



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748 



NOTIZEN. 



Wirkung hervorzubringen geeignet 
ist, oder er kleidet ein erklugeltes 
Missverståndnis in eine pråtentiøs 
vorgetragene Novelle. Wenn er 
-will, kann er eine enrfache Be- 
gebenheit auch einfach ond oohlkht 
<eraahten, wie die <Geschichte 
»Gmrdinenwåecbe* bewekt, -die 
erst auf die vedctttistelte 



Form der anderen Novellen so 
recht aufmerksam macht. Dass 
Hen* Hårdt noch sehr jung ist, 
bemerkt man daran, dass er sich 
stellenweise von den Ereigmsseti, 
die er zu berichten hat, ungemein 
rtthren l&sst. Aber eben weil der 
Acrtor so geriihrt ist, kajm es der 
I*eser nicht werden. m ~$* 



Heramgeher: Ghistav Schaenadch, Felix Rappaport 
Verftnt^Oftlicher Redactear: Gastar S^Kcnubcb. 

*. k. IftfUtollu D iiUnf, Wi«, I. f WMMIftl 17. (Ve 



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^(/iener J^undsehau. 



1. SEPTEMBER. 1898. 



BISMARCK-SOCIALDEMOKRATEN. 
Von F. SCHK (Wien). 

Schwere Gåhrungsstoffe sind unserer Zeit beigemengt 
worden. Eine Ordnung, welche es zuliess, einen Bismarck zu 
entlassen und offen zu misshandeln, ist des Unterganges wert und 
sicher. Da man das feststehendste, wurzeltiefste Individuum 
schwanken sah, hat auch das Vertrauen auf die Stabilitet jed- 
weder burgerlichen Existenz einen heftigen Stoss erhalten. Es 
wird nun darauf ankommen, die Meinung aus der Welt zu 
schaffen, dass ein solcher Rechtsbruch ungeråcht veriibt werden 
diirfe. Der Glaube an die historische Gerechtigkeit ist ein uner- 
låsslicher Fortschrittsfactor. 

Die ins Princip unserer Gesellschaftsordnung eingebornen 
Fehler haben die socialdemokratische Idee erzeugt, und parallel 
mit der Entwicklung der Schaden jener, vollzieht sich der 
Låuterungsprocess der neuen Weltanschauung. Die grundsatz- 
lichen Irrthiimer der Gegenwartsmenschheit haben sich in Einer 
Person verkorpert und diese hat willkurlich denjenigen realen 
Machtfactor ausgeschaltet, der die grossen Eigenschaften seiner 
Zeit in monumentalen Formen vereinigte. Eine antisociale Ver- 
messenheit hat den Repræsentanten des Gegenwartsstaates zu 
Falle gebracht. Bismarck fiel durch einen Brutalitatsact der Auto- 
kratie, gegen die als solche sich die socialdemokratische Idee 
aufbåumt, und selbst gegen den Willen ihrer Vertreter — unter 
einem historischen Zwange — werden diese Bismarcks Råcher 



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750 



SCHIK. 



werden. Von unumstosslicher Ge wissheit ist der Satz : Das Siihn- 
feld fiir die in unserem Zeitalter begangene Hauptunthat, wo- 
durch das erhaltende Genie im Vollbesitze seiner Fåhigkeiten 
gelåhmt wurde, liegt auf dem Wege der Socialdemokratie. 

Die alten, bewussten Anhånger Bismarcks haben mehr 
Pflichten gegen den Todten, als gegen derart Oberlebende. Unbe- 
kiimmert um Kråmermaximen, wonach Bismarck seit dem Jahre 1890 
in der Pose antiker Ruhe hatte verharren sollen, werden seine 
Getreuen im Kampf fiir die historische Gerechtigkeit sich an die 
Socialdemokraten, als die dermalen einzig fåhigen Genossen, 
anzuschliessen haben. 

Das Vorgehen Bismarcks in seinen letzten acht Jahren und 
die Directiven, die er seinen Anhångern iiber seinen Tod hinaus 
gegeben, tragen nur das åussere Kleid der Rache. Die Strahlen 
der Realpolitik Bismarcks unterlagen stets einem Brechungsgesetze, 
welches sie ins Ideale hinuberleitet. Dort liegt der eigentliche 
Kern seiner welthistorischen Bedeutung. Alle seine Thaten, die 
die Welt blendeten, hat er im Glauben an seine historische 
Wiedervergeltungsmission vollbracht. Darnach hielt er auch sein 
Vorgehen seit 1890 vorgezeichnet. Er musste auf der Wieder- 
vergeltungslinie bleiben, unbekiimmert dårum, welches Object 
sich geråde in der Schussrichtung befand. Das war seine staats- 
månnische Religion. Uber allem irdischen Kleinkram der Er- 
scheinungen stand ihm die metaphysische Abstraction, der zu 
trotzen, wie es Napoleon I. gethan, er sich niemals unterfangen. 
Mit so kleinmenschlichen Anschauungen, die man jetzt von ihm, 
als »Patrioten«, forderte, hatte er nie dasjenige ausfuhren konnen, 
was ihm nun zu schonen zugemuthet wurde, aber auch durch 
keine Schonung erhalten bleiben konnte. Das deutsche Reich 
wurde alt geboren und vertrågt keine sogenannte jugendfrische 
Regierung. Es war das letzte Kind der letzten Epoche am Ende 
eines geschichtlichen Zeitabschnittes. Es hatte alte Eltern. Sein 
angeborner Charakter ist Bedåchtigkeit und nie iiberstand ein 
Staat, wie Macchiavelli an vielen Beispielen nachweist, eine 
Ånderung seiner urspriinglichen Natur. 

Nur solange die Bismarck'schen Directiven nicht ausge- 
schaltet waren, hatte sein Zeitalter Berechtigung. Fiir selbstver- 
standlich hielt man, dass einem in dieser Mischung noch zu 
keiner Zeit auf Erden gewesenen Genie das Bethåtigungsgebiet, 



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BISMARCK-SOCIALDEMOKRATEN. 



751 



wie er es wiinschte, erhalten bleiben miisse — umsomehr wenn 
die aus der Zukunft hereinleuchtende socialdemokratische Idee 
soviel Verlockendes hatte. Solange die Bismarckschen Gedanken 
die bestehenden Institutionen stiitzten und ihnen Glanz verliehen, 
konnten nur dieser politischen Sonne gånzlich abgewandte, niichterne 
Naturen Socialdemokraten sein und werden. Das Dasein Bismarcks 
war fiir Zahllose der Grenzstein fur ihre Anschauungen ; nach 
seiner Entlassung aus dem Amte und nun gar nach seinem Tode 
ist er zum Wegweiser fiir die Flucht aus dem rapiden Verfalle 
geworden. 

Die Socialdemokratie ist nicht so engherzig, Genossen, die 
in ihre Reihen treten wollen, auf welchem politischen Wege sie 
auch immer zu ihnen kommen, abzuweisen. Von Seite der 
Bismarck-Getreuen schickt sich ein gewaltiger Trupp geschulter 
Leute an, zu ihnen zu stossen. Diese neuen Genossen werden 
in den socialdemokratischen Haushalt die iiberkommenen Behelfe 
und Mittel einbringen, mit denen Bismarck seine Zeitgenossen 
uberwunden und in Schach gehalten hat. Dieselben burgerlichen 
Parteien, die wåhrend der Jahrzehnte ohne Ausnahme wechselnde 
Gegner Bismarcks waren, sind aber seit jeher die bestandigen 
Feinde der Socialdemokratie gewesen. Das Kampfobject fiir die 
Anhanger Bismarcks wird sich also nur um die neuen Genossen 
reducieren. Nach den Lehren Bismarcks haben Bundnisse nur 
Interessengarantien. Die neuen Bismarck-Socialdemokraten bieten 
der Natur der Dinge nach eine sichere Gewåhr ihrer Verlasslich- 
keit in den socialdemokratischen Reihen. 

Bismarck war ein guter Mauerbrecher, und wer ihn als 
solchen fur sich reclamiert, dem gehort eine nahe Zukunft. Er 
wollte, wie seine selbstverfasste Grabschrift offenbart, seinen Namen 
nicht mit niedergehenden Elementen verkniipft wissen. Nun 
werden sich die emporschiessenden Massen seiner erprobten 
Kampfesmethode bedienen und damit den Aufstieg beschleunigen. 
Wie oft hat sich Bismarck aus dem Feind in den Freund 
verwandelt; nach seinem Tode wird sich diese Metamorphose 
riicksichtlich der Socialdemokratie vollziehen. Auch der todte 
Bismarck ist ein realer Machtfactor, mit dem man Allianzen 
schliesst. 



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EIN VORTRAG VON R. W. EMERSON.*) 

OBER LITERARISCHE ETHIK. 

Obersetzt von Wilhelm Scholermann. 

Die Hilfsquellen des Forschers stehen in genauem Verhåltnis zu 
seiner Zuversicht in die Kraft der intellectuellen Fåhigkeiten. Diese 
Hilfsquellen sind so umfassend, wie Natur und Wahrheit, konnen aber 
nur dann gefunden werden, wenn wir bei dem Forscher eine ebenso 
erhabene Grosse der Gesinnung voraussetzen durfen. Er erkennt sie 
nicht, bis ihm die Unendlichkeit und Unpersonlichkeit der intellectuellen 
Kraft zum Bewusstsein gekommen ist. Wenn er erkannt hat, dass sie 
weder ihm allein, noch uberhaupt einem Einzelnen gehort, sondern 
dass es die Seele ist, aus der die Welt entstand, dass ihm aber alles 
zugånglich ist, erst dann wird er begreifen, dass er, als ihr Werkzeug, 
berufen und berechtigt ist, alle Dinge in Unterordnung und Beziehung 
zu ihr zu bringen. Ein gottgeweihter Pilgrim der Natur, begleitet ihn 
das Weltall bei jedem seiner Schritte. Cber ihm kreisen die Sonnen- 
systeme, uber ihm die Zeit, kaum wahrnehmbar duren ihre Eintheilung 
in Monde und Jahre. Ihm ist das Jahr wie ein Athem: sein bluten- 
duftender Sommertag, sein funkeinder Winterhimmel. So ziehen die 
grossen Ereignisse der Weltgeschichte in steter Verwandlung an seinem 
Geiste voruber, um ihre neue Ordnung und ihren neuen Massstab 
von ihm zu empfangen. Er ist die Welt und die grossen Zeitabschnitte 
und Helden werden zu Vorstellungen, in denen seine Gedanken ihren 
Ausdruck finden. Es gibt kein Ereignis, das nicht in der menschlichen 
Seele geboren wåre und eben dårum gibt es auch nichts, was die 
Menschenseele nicht zu ergrunden und zu interpretieren vermOchte. 
Jedes Vorgefuhl des Geistes wird in irgend einer That seinen gewaltigen 
Ausdruck finden. Was ånders sind Griechenland, Rom, England, Frank- 
reich, Sanct Helena ? Was ånders sind Kirchen, Literaturen, Kaiserreiche ? 
Der neue Mensch muss fQhlen, dass er neu ist und nicht zur Welt 
kam belastet mit den Vorurtheilen und Gebråuchen von Europa, 



*) Aus einem Vortrag, den Emerson an die Studenten der Literary 
Societies von Dartmouth College schon im Jahre 1838 (also mit 35 Jahren) 
gehalten hat. Da derselbe meines Wissens bisher nicht ins Deutsche iibersetzt 
w orden ist und uns heute noch so neu und zeitgemass erscheint, wie er 
damals ohne Zweifel »unerhort neue in seiner Auffassung gegeniiber dem 
herrschenden Zeitgeist erscheinen musste, so håbe ich den Versuch gewagt, 
die Hauptgedankenziige in freie Obertragung zu bringen. Den ganz eigenartigen 
personlichen Reiz des Originals in dieser auszugsweisen Form wiederzugeben, 
beansprucht meine Obersetzung nicht. D. C. 



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OBER LITERARISCHE ETHIK. 753 

Asien, Agypten. Der Sinn fur geistige Unabhångigkeit gleicht dem 
Thau, in dessen feuchtem Glanz die alte trockene, magere Erdkruste 
jeden Morgen verjtingt erscheint, wie von einer letzten Beruhrung 
durch Kunstlers Hånd. Eine falsche Unterwtirfigkeit, eine Abhångigkeit 
von herr8chenden Schulen oder von der Weisheit des Alterthums soli 
mich nicht um den Triumph des Besitzes der gegenwårtigen Stunde 
betrugen. Wer weniger Liebe zur Freiheit fuhlt und seine Eigenart 
weniger sorgsam hQtet, hat dårum kein Recht, dir und mir Vor- 
schriften zu machen. Solchen Gelehrten wollen wir sagen : Wir danken 
euch, wie wir auch der Geschichte dankbar sind, den Pyramiden und 
den Schriftstellern ; aber jetzt ist unser Tag gekommen; aus 
dem ewigen Schweigen sind wir geboren; nun wollen wir leben 
— fur uns leben — nicht das Leichentuch der Vergangenheit nach- 
schleppend, sondern als Verkunder und SchOpfer unseres Zeitalters. 
Und weder Griechenland, noch Rom, noch die Drei Einheiten des 
Aristoteles, noch die Heiligen Drei KOnige von KOln, noch die Sorbonne, 
noch die Edinburgh Revue haben långer zu befehlen. Nun wir einmal 
da sind, wollen wir unsere eigene Auffassung und unseren eigenen 
Massstab haben und unsere eigenen Sachen sollen erklårt und gedeutet 
werden. Mag sich unterwerfen wer will: fur mich mussen die Dinge 
mein Mass annehmen, nicht ich das ihre. Ich will gleich dem 
kriegerischen KOnige ausrufen: Gott gab mir diese Krone und die 
ganze Welt soli sie mir nicht rauben! 

Die ganze Bedeutung der Welt- und Lebensgeschichte besteht 
darin, mein Selbstvertrauen zu stårken, durch den Beweis, was der 
Mensch zu leisten vermag. Dies ist die Moral der Plutarch, der 
Cudworth, der Tennemanns, welche uns die Geschichte von Menschen 
und Meinungen geben. Jede Geschichte der Philosophie stårkt meinen 
GI au ben, indem sie mir zeigt, dass die erhabenen Lehren, die ich fur 
die seltene und spåte Frucht einer aufgehåuften Cultur hielt, nur fur 
einen Kant oder Fichte erreichbar, die spontanen Improvisationen der 
fruhesten Forecher waren : eines Parmenides, Heraclitus und Xenophanes. 
Im Anblick dieser Månner scheint es, als flustere die Seele uns zu: 
»Es gibt einen Jjesseren Weg, als dieses gedankenarme Auswendig- 
lernen der Arbeit eines anderen. Lasst mich in Ruh; zwingt mich 
nicht aus Leibnitz oder Schelling zu lernen; ich will das alles schon 
selber herausfinden. « 

Weit mehr noch schOpfen wir Kraft und Hoffnung aus der 
Biographie. Willst du die Macht des Charakters erkennen, so stelle 
dir einmal vor, wie du die Welt berauben wurdest, wenn du das 
Leben eines Milton, Shakespeare oder Plato aus der Welt schaffen 
kOnntest — nur diese drei. Siehst du nicht, wie viel geringer die 
Macht des Menschen ohne sie sein wurde? Ich trOste mich in der 
Armut meiner eigenen Gedanken, in den Gebrechen grosser Månner, 
in der Bosheit und dem Stumpfsinn der Volker, mit diesen erhabenen 
Erinnerungen, die mir zeigen, was die fruchtbare Seele zu zeugen 
vermag in Beruhrung mit der Natur, ich sehe, dass es einen 



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754 



EMERSON. 



Plato, einen Milton, einen Shakespeare gegeben hat: drei unum- 
stOssliche Thatsachen. Dann fasse ich Muth. Dann will auch ich 
versuchen zu leben und zu arbeiten. Der Bescheidenste, der Hoffnungs- 
loseste darf im Angesichte dieser strahlenden Thatsachen hoffen und 
glauben. Trotz all der traurigen Verirrungen, die unsere Strassen mit 
ihren schreienden Misstonen erfullen, trotz Armut und Schuld, trotz 
der Armee, trotz Spelunken und Gefångnissen, sind doch diese herr- 
lichen Geistesoffenbarungen zutage getreten, und ich will meinen grossen 
Mitmenschen fur diesen aufmunternden Beweis ihres Daseins meine 
Dankesschuld dadurch ab t rågen, dass ich mich bemtihe, gerecht und 
tapfer zu sein, zu streben und meinen Gedanken Worte zu geben. 
Auch Plotinus und Spinoza und alle die unsterblichen Philosophen : was 
die niedergeschrieben haben mit geduldigem Muth, macht mich kuhn. 
Nun will ich hinfort nicht mehr die Einfålle und Bilder, die in mir 
aufleuchten, hastig beiseite schieben ; sondern sie aufmerksam betrachten, 
ihnen nåher treten, mich mit ihnen vertraut machen, sie ausreifen 
lassen, und aus der Vergangenheit neues echtes Leben fur die Gegen- 
wart schOpfen! 

Um den vollen Wert dieser grossen Erscheinungen als Anregung 
und Neubelebung unserer Hoffnungen zu erfassen, muss man zu der 
Erkenntnis gelangen, dass jedes dieser ausgezeichneten Genies nur ein 
gliicklicher und geschickter Taucher in das grosse Meer gewesen ist, 
dessen Perlengrund uns allen gehOrt. Der Jiingling, der von der Be- 
geisterung fur seinen Helden berauscht ist, vergisst, dass es nur eine 
Projection seiner eigenen Seele ist, die er bewundert. Seine Gedanken 
beschåftigen sich in stillen, einsamen Stunden mit dem Leben des 
Helden und mit dem, womit es ausgefullt gewesen sein mag. Womit 
denn? Die Seele antwortet darauf: Siehe, hier ist sein Tag! Im 
Såuseln dieser Wålder, in der Stille dieser kahlen grauen Stoppelfelder, 
in der kuhlen Brise, die aus jenen nOrdlichen Hohenzugen heruberweht ; 
in den Arbeitern, den Burschen und Mådchen, die dir entgegenkommen ; 
in der Hoffnung dieses Morgens, in der Langeweile des Mittags, in 
der Erholung des Nachmittags; in den beunruhigenden Vergleichen, 
in dem kleinmuthigen Gefiihl eigener Ohnmacht, in der gewaltigen 
Idee und der armseligen Ausfuhrung: siehe des Helden Tag. Ein 
anderer und doch derselbe. Siehe Chathams, Bayards, Alfreds des 
Grossen, Scipios, Pericles' Tag — Tag eines jeden, der vom Weibe 
geboren. Der Unterschied in Zeit und Umstånden ist nur Costum. Ich 
koste jetzt dieses selbe Leben, seine Susse und seine GrOsse und 
seine Pein. Frage nicht die undurchdringlichen Geheimnisse der Ver- 
gangenheit, die unwiederbringlich entflohen ist, was sie dir nicht sagen 
kann — die Einzelheiten jenes Daseins, jenes Tages, genannt Byron 
oder Burke — sondern frage das dich umfassende Jetzt. Je sorgsamer 
du seine fluchtige SchOnheit, seine erstaunlichen Einzelzuge, seine 
geistigen Triebfedern, sein wunderbares Ganzes untersuchst, um so 
eher wirst du die Lebensgeschichte deiner Helden und uberhaupt jedes 
Helden verstehen konnen. Sei selbst nur der Meister eines einzigen 



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OBER LITERARISCHE ETHIK. 



755 



Tages, durch Weisheit und Gerechtigkeit, und du kannst deine 
Geschichtsbucher getrost beiseite legen. 

Ein sich Bewusstwerden dieses angeborenen Rechtes der Selbst- 
bestimmung spuren wir in dem Gefuhle des Schadens, den wir zu 
erleiden glauben bei einem etwaigen Versuche anderer, seine mOgliche 
Entwicklung einzugrenzen oder in Frage zu ziehen. Wir sind sehr 
empfindlich gegen eine Kritik, die uns etwas abspricht, das in der directen 
Linie unseres zuldinftigen Fortschritts liegt. Sage eiriem Schriftsteller, 
dass er keine Verklårung Christi malen, kein Dampfschiff bauen oder 
kein Feldmarschall werden kønne, er wird sich dadurch nicht in seinen 
eigenen Augen herabgesetzt fuhlen; aber zweifle an seinen literarischen 
oder metaphysischen Anlagen und er ist sofort verletzt. Gebe zu, dass 
er Genie hat — eine Art von »plenum im stoischen Sinne« das jeden 
Comparativ ausschliesst — und er ist beruhigt; aber råume ihm noch 
so seltene Talente ein, wåhrend du ihm die geniale Anlage absprichst, 
so wird er tiefinnerlich gekrånkt sein. Warum? Einfach deshalb, 
weil die Seele durch Instinct und Ahnung sich aller Kråfte versichert 
fuhlt, die in der Richtung ihres Strebens liegen, sowie der besonderen 
Fertigkeiten, die sie bereits erworben hat. 

Das intellectuelle Wachsthum ist streng analog in allen Einzel- 
wesen. Es ist erweiterte Aufnahmsfåhigkeit. Begabte Menschen 
sind im grossen Ganzen wohlwollend und gerecht, weil ein fåhiger 
Mann nichts anderes ist, als ein guter, freiwirkender, gefåssreicher 
Organismus, in den der Universalgeist ungehindert flutet, so dass 
sein gerechter Untergrund nicht nur breit, sondern unbegrenzt ist. 
Alle Menschen sind gerecht und gut in abstracto; was sie im besonderen 
Falle hindert, ist das Vordrången der Neigung, der begrenzten und 
persOnlichen Wahrheit zu folgen, statt der grossen, allgemeinen 
Wahrheit GehOr zu geben. Das ist das Merkmal unseres Incarnations- 
zustandes. Der Held ist gross durch das starke Hervortreten der 
Universalnatur in ihm; er braucht nur die Lippen zu Offhen und sie 
spricht aus ihm; er braucht nur zum Handeln getrieben zu werden 
und sie handelt durch ihn. Alle Menschen hOren das Wort und 
bewundern die That im Herzen, denn sie ist ihre so gut wie die 
seine; aber in ihnen bringt die Krankheit ihrer individuellen 
Beschrånktheit sie um die gleichen Resultate. Nichts ist im Grunde 
einfacher als GrOsse, denn einfach sein, heisst gross sein. Der 
schOpferische Gedanke kommt am ehesten zum Durchbruch, wenn 
wir auf das zu geschåftige Treiben des alltåglichen Verstandes ver- 
zichten und dem spontanen Gefuhlseindruck den allerweitesten Spiel- 
raum gewåhren. Hieraus muss alles, was lebendig und genial ist, 
entstehen. Die Menschen mahlen und mahlen in der Muhle der 
Gemeinplåtze und dabei kommt nichts anderes heraus, als was hinein- 
gethan ward. Im selben Augenblick aber, wo sie die Tradition ver- 
lassen, um einer urspriinglichen Idee zu folgen, eilen auch schon 
Poe6ie, Witz, Hoffhung, Tugend, Kenntnisse und anschauliches Beispiel 
zur Hilfe. Beobachtet einmal das Phånomen einer Rede aus dem 



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756 EMERSON. 

Stegreif. Ein Mann von gebildetcm Geist aber zurttckhaltendem Wesen 
bewundert schweigend die Gewalt der freien, leidenschaftHchen, bilder- 
reichen Worte des Redners, der zu einer Versammlung spricht. Welche 
Wirkung geht da von einer Kraft aus, so verschieden von der 
seinigen. PlOtzlich steigt sein eigenes Gefuhl empor und das Wort 
drångt sich ihm auf die Zunge, so dass er sich erheben muss und 
es aussprechen. Einmal angefangen, braucht er nur die Befangenheit 
der ungewohnten Situation zu uberwinden und er findet es ebenso 
einfach und naturlich zu sprechen (in Ged anken folgen, Gleichnissen 
und rhythmischem Satzbau zu sprechen) ais ruhig zu bleiben. Denn 
es bedarf nicht des Handelns, sondern nur des Duldens. Er gibt nur 
dem freien Geiste willig nach, der durch ihn sich åussern will, und 
dann ist ihm die Bewegung ebenso naturlich und selbstverståndlich, 
wie die Ruhe. 

Wir haben uns daran gewohnt, im allgemeinen anzunehmen, 
dass alle Gedanken bereits hinreichend in Buchern niedergelegt sind, 
alle Phantasien in Gedichten; was wir sagen und schreiben, sei nur 
eine immer neue Beståtigung dieses GesammtkOrpers unserer Literatur. 
Eine sehr flache Auffassung! Sagen wir lieber: die ganze Literatur 
soli noch geschrieben werden. Die Poesie hat kaum ihr erstes Lied 
gesungen. Die unausgesetzte Mahnung der Natur lautet: Die Welt ist 
neu, unaufgedeckt; glaubt der Vergangenheit nicht. Ich gebe euch 
die Welt heute als eme Jungfrau! 

Aus den Hilfsquellen der Forscher ergibt sich auch das Gesetz 
und die Richtschmir fur sein Leben und seinen Ehrgeiz. Er soli 
wissen, dass die Welt sein ist, aber er kann sie nur besitzen, indem 
er sich mit dem innern Wesen der Dinge in Einklang setzt. Er muss 
eine stille, bescheidene, arbeitsame und liebereiche Seele haben. 

Er muss die Einsamkeit wie eine Braut umfangen. Sein Gluck 
und seme Traurigkeit muss er alleine tragen. Sein eigener Masstab 
muss ihm genOgen, seine eigene Befriedigung der einzige Lohn sein. 
Und warum muss der Forscher sich zuruckziehen? Um sich selbst 
und seine Gedanken zu entdecken. Wenn er in der Einsamkeit sich 
nach der Menge sehnt, nach Auszeichnung, so ist er nicht in der 
Einsamkeit; sein Herz ist auf dem Jahrmarkt; er sieht nicht, hørt 
nicht, denkt nicht. Aber gehe hin und behute und pflege dein Inneres, 
meide die Gefåhrten; gewohne dich an die Einsamkeit. Dann werden 
die A^lagen in dir treiben und wachsen wie die Båume im dunklen 
Wald und die wilden Wiesenblumen ; du wirst Dinge erleben, die du 
demen Mitmenschen sagen kannst, wenn du ihnen wieder begegnest 
und die sie mit freudigem Staunen vernehmen werden. 

Gehe aber nicht nur deswegen in die Einsamkeit, um gleich 
darauf wieder in die Offentlichkeit herauszutreten. Solene Einsamkeit 
betrugt sich selbst, sie ist schal und unehrlich. Die »Offentlichkeit« 
kann ihre Erfahrung und ihre Erlebnisse in der Offentlichkeit haben; 



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OBER LITERARISCHE ETHIK. 



757 



aber sie erwartet vom Denker, dass er ihr dafur die intimen, reinen, 
erhabenen Erlebnisse ersetzt, um die sie tåglich betrogen wird, weil 
sie verurtheilt ist, ihr Leben auf der Gasse zuzubringen. Der grosse, 
gerechte, månnliche Gedanke ist es, den man von dir, als dem 
Bevorzugten, verlangt; und nicht das Gedrånge, sondern die Einkehr 
gewåhrt diesen Vorzug. 

Nicht die Ortliche Absonderung allein ist das Entscheidende, 
sondern die Unabhångigkeit des Geistes von der stOrenden Umgebung, 
und nur insofern als der Garten, das Håuschen, der Wald und die 
Felsen eine Art råumlicher Hilfsmittel sind, gewinnen sie ihre 
Bedeutung. Sei mit deinen Gedanken allein und alle Gegenstånde 
rings umher werden dir freundlich und heilig erscheinen. Poeten, die 
in grossen Stådten gelebt haben, sind dennoch Einsiedler gewesen. 
Die Inspiration erzeugt uberall Einsamkeit. Pindar, Raphael, Michel 
Angelo, Dryden lebten wohl unter der Menge; aber im Augenblick 
der Eingebung umflorte sich ihr Blick. Die Aussenwelt schwindet, ihr 
Auge sucht den Horizont, den ewigen Raum; die Umgebung ist ver- 
gessen; sie verkehren mit Abstractionen, mit Wahrheiten, mit Ideen. 
Sie sind allein mit ihrer Seele. 

Naturlich durfen wir der Einsamkeit nicht etwa eine ubertriebene, 
aberglåubische Bedeutung beimessen. Studieren wir den Nutzen, den die 
Gesellschaft und auch den, den die Einsamkeit bieten kann. Verwerten 
wir beide, ohne uns ihnen zu unterwerfen. Der wahre Beweggrund, 
weshalb ein tieferer Geist die Gesellschaft flieht, ist in der Absicht, sie 
zu finden. Er reisst sich von der falschen los, aus Liebe zur wahren. 
Was das geseilschaftliche Leben zu bieten vermag, ist bald gelernt. 
Seine nårrische Wiederholung von Bållen, Concerten, Spazierritten, 
Theatervorstellungen sagt uns nicht mehr, als ein paar davon es konnen. 
HOren wir auf die Stimme der Scham, auf den Wink der echten Natur, 
und verstecken wir uns ; schliessen wir die Thure hinter uns ab ; sammeln 
wir uns zum stillen Dankgebet. Wir wollen vergangene Erfahrungen 
noch einmal durchdenken und corrigieren und mit neuem und gOttlichem 
Leben durchdringen. 

Verhångnisvoll fur den Schriftsteller ist die Sucht zu glånzen: 
der Schein, der unser Wesen untergråbt und zersetzt. Ein Missverstehen 
des Hauptzieles nach dem sie streben, ist das Merkmal unserer Literaten, 
welche, indem sie die Sprache gebrauchen — das tiefste, zarteste und 
zugleich unzerstOrbarste Werk menschlicher Schopfung, und nur als 
Waffe gerechten und aufrichtigen Denkens richtig angewandt — den 
Genuss kennen lernen, mit diesem Werkzeug zu s pielen. Indem sie 
vergessen, damit in Wahrheit zu arbeiten, berauben sie es seiner 
Allmacht. Der Denker soli die Vielseitigkeit seiner Anlagen nur dårum 
8chåtzen, um sie, im rechten Sinne gepflegt, zur Weisheit und Harmonie 
auszubilden. 

Der Genius sollte den ganzen Raum zwischen Gott (oder dem 
reinen Geist) und der uneingeweihten Menge ausfQllen und verbinden. 
Er muss aus der unendlichen Vernunft schOpfen auf der einen Seite, 



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75 8 EMERSON. 

und in das Herz und das Fassungsvermogen der Menge eindringen auf 
der andern. Aus dem einen muss er seine Kraft ziehen, in dem andern 
sein Ziel suchen. Der eine Pol heisst: Gottliche Vernunft, der andere: 
Gesunder Menschenverstand. Fehlt es ihm an einem dieser Endpunkte, 
so wird seine Philosophie entweder niedrig und utilitarisch erscheinen, 
oder zu abstract und unanwendbar fur das Leben. 

Der Forscher ist nur gross, wenn er dem ihn erfullenden und 
drångenden Geist freien Spielraum låsst. Diese Oberzeugung bestimme 
allein seine Thaten. Schlingen und Fallen umlauern ihn uberall. Auch 
der Erfolg birgt Gefahren in sich, manches Unbequeme, manches 
Nachtheilige. Der erfolgreiche Gelehrte wird aufgesucht von Denen, 
die durch seine Gedanken angeregt und begeistert wurden, ehe sie noch 
selbst die strengen Bedingungen der Gedankenarbeit kennen gelernt 
haben. Sie kommen zu ihm, auf dass er mit seinem Licht alle die 
Råthsel durchleuchten mOge, die sie auf dem Boden ihrer Seele ein- 
geschrieben wåhnen. Sie sind uberrascht, einen armen, unwissenden 
Mann zu finden, in einem einfachen, abgetragenen Rock, wie sie; 
dessen Geist durchaus keinen unaufhorlichen Lichtstrom aus- 
strahlt, nur dann und wann einen Gedankenblitz, von langer Dunkelheit 
gefolgt ; dass dieser Mann aus seinen vereinzelten Erleuchtungen keinen 
Handleuchter zu beliebigem Gebrauch machen kann, um ihn hierhin und 
dorthin zu geben und damit dieses und jenes dunkle Råthsel aufzuhellen. 
Enttåuschung ist die Folge dieser Entdeckung. Den Gelehrten schmerzt 
es, die hochfliegenden Hoffnungen der Schuler zu dåmpfen, und aus 
des Junglings strahlendem Firmament ist ein Stem herabgefallen. 
Hieraus erklårt sich die Neigung des Gelehrten, in Råthseln zu sprechen, 
die Frage schweigend anzuhOren und dann in geheimnisvollen, aus- 
weichenden Worten eine Antwort zu ertheilen, statt ein Orakel uber 
die Dinge zu geben. Moge er nichtsdestoweniger gefasst und wahr- 
haftig bleiben und in treuer Geduld warten, in dem Bewusstsein, dass 
die Wahrhaftigkeit selbst im Schweigen beredt und achtenswert er- 
scheint. Er Offne seine Brust jeder aufirichtigen Nachfrage und sei als 
Kunstler erhaben uber niedere Kunststuckchen. Zeigt ohne Bedenken 
und ohne Riickhalt eure Methode, eure Werkzeuge, eure Mittel und 
eure Erfahrung. Heisst jeden willkommen. Aus dieser erhabenen Auf- 
richtigkeit und Freigiebigkeit werdet ihr hohere und immer hohere 
Geheimnisse der eigenen Natur kennen lernen, welche andern mitzu- 
theilen die GOtter euch helfen und treiben werden. 



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ROPS. 
Von WILHELM SCHOLERMANN (Wien). 

Aus Paris traf die Kunde ein, dass Félicien Rops am ver- 
gangenen Mittwoch gestorben ist. Den Nåherstehenden kam die Trauer- 
botschaft kaum unerwartet. Ein unheilbares Nervenleiden druckte den 
Unermudlichen schon lange schwer nieder. An der Riviera suchte er 
Linderung. Es war zu spat. — 

Ober Rops ist viel geschrieben worden, in Frankreich, in 
Belgien und zuletzt auch vereinzelt bei uns. Aber so recht kennen 
gelernt haben wir ihn eigentlich doch nicht. Es schwebte immer so 
ein merkwurdiges Geheimnis uber diesem Menschen, dessen biossen 
Namen man nur mit einer vorsichtigen Zuruckhaltung aussprechen 
hOrte. Als die graphische Ausstellung im Kunstlerhause vor drei Jahren 
einige seiner feinsten Blåtter ausstellte und die Kunstakademie sogar 
den Muth hatte, zwei davon anzukaufen, darunter das zart colorierte, 
den Klatsch zwischen funf flåmischen Kaffeeschwestern ironisierende 
Blatt »le Scandale«, wurde die Neugier wohl vorubergehend geweckt; 
aber das Interesse erstarb bald wieder. Diejenigen, die mehr sehen 
wollten, konnten das in Paris besser finden. Nur ein paar junger Damen 
aus der Wiener Pluto- und Aristokratie (wie mir ein hiesiger Kunsthandler 
selbst erzåhlte) fragten so unter der Hånd nach einzelnen Sachen. 
Aber das waren »so rare Blåtter«, dass die belgischen oder Pariser 
Kunsthandler und Liebhaber sie nicht hergeben wollten. Nicht fur 
Geld und nicht fur gute Worte. 

Félicien Rops ist ungarisch-flåmischer Abkunft. Als junger Aristo- 
krat lebte er eine Reihe von Jahren ohne ein anderes Ziel zu haben, 
als den ihm in den Schoss gefallenen Reichthum so schnell wie mOglich 
wieder loszuwerden. So stiirmte er von einem Abenteuer zum anderen. 
Zuletzt verfiel er auf die geniale Idee, mit seiner eigenen prachtvollen 
Dampfyacht das mittellåndische Meer zu durchkreuzen. Wenn die tief- 
blaue Woge am scharfen Bug des Schiffes in schneeigen Cascaden zu 
beiden Seiten hoch aufschåumte oder nachts vom Heck aus einen 
breiten Streifen im Kielwasser zog, quirlend und leuchtend vom Meeres- 
gefunkel, so jauchzte seine Kunstlerseele auf in unendlichem Jubel. 
Auch beim Gewitter, wenn der Orkan durch die Takelage heulte und 
die See in sturzenden Katarakten uber die Wanten spulte, blieb er an 
Deck. Mensch und Natur fanden sich im Tosen der Elemente. 

Aber das konnte nicht ewig so dauern. Da er seine lustigen 
Wikingerfahrten seiten allein unternahm, vielmehr oft einen ganzen 
Harem von Odalisken, im Occident und Orient geraubter »Halb- 



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760 SCHOLERMANN. 

gOttinnen« mit sich fQhrte, so wurde diese kostbare Ladung mit der 
Zeit etwas theuer. Dem Lustdampfer gieng eines schOnen Tages der 
Dampf aus und Rops das Geld. Eine »KOnigin von Cypern«, die man 
hatte anpumpen kOnnen (wie weiland »der Pfalzgraf vom Rheine«) 
gab es leider damals nicht mehr und so ging's den »zuruck nach 
Venedig«. 

Arm kam der Lebemann nach Paris. Was nun? Seine Feuer- 
seele war zu stark und zu edel, um einerseits im Sumpf des Ver- 
gnugens zu verflachen oder ganz in Verzweiflung unterzugehen. Er 
wurde ernst, uberlegend. Mit einigen Gleichgesinnten wollte er einen 
Verein der Aquafortisten grunden. Die Radierkunst sollte selbståndig 
werden, nicht nur reproducierend, wie sie die damaligen franzosischen 
Meister betrieben. Aber die Mittel reichten nicht hin und der Zu- 
sammenhang fehlte. So zerschlug sich die Sache nach zwei Jahren 
vergeblicher Mtihen. Jetzt stellte sich Rops ganz auf eigene Fusse. 
Bescheiden begann er, aber zåh und geduldig, obwohl nicht immer 
gleichmåssig arbeitend, sondern sprungweise VorstOsse machend, kam 
er in die HOhe. Seine Arbeiten hier im einzelnen zu verfolgen, wurde 
zu weit fuhren. 

Seine Lebens weise blieb originell und anregend. Als leiden- 
schaftlicher Blumenfreund liebte er die Haarlemer Zierzwiebelgewåchse 
fiber alles. Er pflegte die seltensten Sorten. Tagsuber unzåhlige 
Cigaretten rauchend, cultivierte er seine Haarlemer Blumenzwiebeln und 
machte einen gelegentlichen Boulevardbummel. In der Nacht erst 
wurde radiert und geåtzt. 

Die Franzosen haben eine hubsche und nachahmenswerte Sitte, 

die darin besteht, uber einen und denselben Kunstler oder Dichter 

von zeitgenossischen Schriftstellern Aufsåtze, Gedichte und Spruche zu 

sammeln und sie vereint herauszugeben. So haben verschiedene Pariser 

Zeitschriften (u. a. >La Plume«) das auch mit Rops und seinem Werk 

gemacht. Charles Baudelaire widmete ihm einen begeisterten Dithy- 

rambos. ~ . ., . 

Comme je 1 aime 

Ce tant bizarre Monsieur Rops, 

Qui sans étre un grand prix de Rome 

Done avait un talent haut comme 

La pyramide de Cheops. 

Dem inneren Wesen nach ihm vielleicht am wohiverwandesten 
ist Barbey d'Aurévilly. Mit ihm war Rops zeitlebens befreundet. Wfll 
man Vergleiche ziehen, so kOnnte man sagen, dass Félicien Rops 
Barbey, Baudelaire und Maupassant bis zu einem gewissen Grade in 
sich vereinigte, und dass von ålteren Meisterradierern am ehesten 
Francisco Goya an seiner Wiege Pathe gestanden haben konnte. 
Mit dem capriciosen Spanier berOhrt er sich in der sinnlichen Ghit 
und subtilen Eleganz der Form und in der furchtbaren Dåmonie seiner 
Einbildung8kraft. Doch alle derartigen Vergleiche hinken mehr oder 
weniger. Ohne Noth sollte man sie eigentlich nicht heranziehen. Einen 
bildenden Kunstler lernt man doch nur direct aus seinen Werken kennen. 



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ROPS. 761 

Aus seinen Werken? Aber Rops' Werk kennen zu lernen, ist 
ziemlich schwer. Es lebt im Verborgenen und die wenigen glucklichen 
Besitzer huten eifersuchtig ihre Schåtze. 

Man darf ihn ja kaum vor keuschen Ohren nennen, diesen 
Erotiker par excellence, der vor nichts zuruckschreckt und dessen 
gewaltige Phantasie von grandioser Bosheit und faunischem Hohn- 
lachen begleitet wird. Sein ganzes philosophischesMenschheitsproblem 
geht ohne Rest auf in den vier Buchstaben Epooo\ Seine Weiber sind 
keine Madonnen und keine Walkuren. Sie lassen sich anbeten, aber 
nicht von Heiligen; sie reiten wohl auch, aber nicht auf Schlacht- 
rossen, sondern auf einem Mutterschwein. Das Hohelied der Erotik 
bis zum Wahnwitz, das ist Rops* Lebenswerk, von dem der grOssere 
Theil apokryphisch ist und immer bleiben muss. Seine rucksichts- 
losen Darstellungen entspringen aber einem so markig-ernsten Boden, 
dass sie jede weichliche Lascivitåt als Selbstzweck ausschliessen. Darum 
durfte er es auch wagen, in die furchtbaren Abgrunde des Geschlechts 
hinabzutauchen, mit ihren seltsam schaurigen Verirrungen und mark- 
zerfressenden Lusten. Darum holte er leuchtende schwarze Perlen aus 
der Tiefe empor, wo andere nur Schlamm gefunden hatten. Uberall 
hin verfolgte er die wollustgebåndigte, fieberdurchschOttelte Creatur, 
von der wustesten Bestialitåt und Sodomie bis zum feierlichen Sata- 
nismus heiliger Nonnen. 

Es ist eine auffallende und uberall nachweisbare Erscheinung, 
dass bei im Niedergang befindlichen Volkern (wie gegenwårtig den 
romanischen Racen) die Månner den Frauen im kOrperlichen Verfall 
vorauszugehen scheinen. Das Weib wird mehr und mehr zum biossen 
Geschlechtsthier herabgedruckt, aber es erhebt sich grade dadurch 
zu einer dåmonischen Elementargewalt uber das Månnergeschlecht. 
Physisch fur den Sinnengenuss geschaffen, lebt und erhålt sich das 
Weib in der Sittenverderbnis långer als der Mann. Es strotzt in 
seinen unersåttlichen Lusten. So hat es auch Félicien Rops dar- 
gestellt. Strotzend von Animalitåt steht es da, »impérieuse«, wie aus 
Bronze gegossen; zuckend verrOchelt das ausgemergeite Castraten- 
geschlecht an diesen furchtbaren Huften. Das råthselhafte Sphinx- 
geschlecht peitscht die Månner zu immer verzehrenderen Sunden auf, 
trinkt ihnen lachend das Blut aus den Adern und såttigt sich mit der 
letzten Lebenskraft von Mark und Hirn. Ober die morschen Reste 
seiner Opfer schreitet es dann mit einer Mischung von tigerhafter 
Gier und grenzenloser Verachtung hinweg. So unterliegt alles dem 
einen bOsen Princip, das sich selbst dem langsamen Untergang weiht : 
der Courtisane. 

Drei dieser Radierungen haben wir hier sehen kOnnen. »Voluptét 
(ein decorativer Entwurf), »La foire aux Amours« (Liebesmarkt) 
und »Incantation«. Auf der letztgenannten sieht man einen Nekro- 
manten in seiner Klause an einem grossen Tisch sitzend, rings von 
kabbalistischen Werkzeugen und Emblemen umgeben ; er blåttert in 
einem alten Zauberbuche, indessen aus dem vor ihm stenenden Kreuz- 



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762 SCHOLERMANN. 

rahmen ein schwarzhaariges, nacktes Weib wie in einem feinen Nebel 
hervorquillt. Ein viertes Blatt hieng etwas abseits und ist vielfach ganz 
ubersehen worden. Es trug den Titel: L'amante du Chris t. Am 
Fusse eines mattbeleuchteten Kreuzes ist ein junges Weib in Ver- 
zuckung niedergesunken. Die Nacht hullt alles in ihren geheimnis- 
vollen Schatten. Aber nicht die heilige Scheu ist es, die dieses junge 
GeschOpf im Schutze der Dunkelheit zu Fussen des Gekreuzigten 
niedersinken lasst, sondern die verbotene Anbetung des nackten Månner- ' 
kOrpers, des ganz entbtøssten Fleisches. Eine unwiderstehliche hysterische 
Schwårmerei hat diesen keuschen Mådchenleib in Fieberschauern 
niedergeworfen. . . . 

Ein anderes Blatt: Paris schlåft. Ober der Stadt, die Nacht fur 
Nacht ihren wilden Cancan rasender Genussucht tanzt, schwebt vor 
Tagesausbruch ein riesenhafter Nachtschmetterling. Sein KOrper ist der 
eines halbangekleideten Weibes. Zwischen ihren grossen Flugeln hin- 
durch blickt man in das offenliegende Eingeweide. Grausige Verwesung 
ist darin ausgebrochen. Bei lebendigem Leibe vermodert dieses GeschOpf. 
Doch wie ein verheerender Racheengel schuttet es gleichsam aus seinem 
eigenen Gedårm unzåhlige weibliche Larven uber die Dåcher, Kuppeln und 
Thurme der dem Untergang geweihten Ståtte — uber das schlafende Paris. 

Die Versuchung des heiligen Antonius. Wie oft ist sie 
Gegenstand der Darstellung gewesen. Man sollte meinen, es gabe 
darin nichts neues. Rops schlågt einen uberraschend ergreifenden Ton 
an. Der Heilige ist vor dem ErlOser niedergekniet im Gebet. Da 
plotzlich schwindet das Bildnis des Gottessohns und eine Schreck- 
gestalt zerrt ihn vom Kreuze, indes die uppigen Glieder eines un- 
zuchtig lachenden Weibes an seine Stelle getreten sind. . . . 

Das ist Rops* Gebiet, auf dem er als unbestrittener Herrscher 
seine fruchtbare Einbildungskraft zu einer zwar einseitigen aber doch 
unerbittlichen Weltanschauung bis in alle Consequenzen hinein aus- 
reifen Hess. Naturlich meine ich damit nicht, dass ein so schOpferischer 
Kunstler gar nichts anderes gezeichnet hatte, als priapische oder aphro- 
disische Ungeheuerlichkeiten. Weit entfernt. Rops hat vieles gemacht, 
was diesem Gebiet ganz fern lag, namentlich wenn er die Sitten, 
Trachten und Typen seiner flåmischen Bauern und Seeleute schilderte. 
Doch das fuhrt zu weit hier. Auch auf die eigentlich fachtechnischen 
Qualitåten, seine wunderbare gemischte Technik, die subtilen Linien 
seiner Nadel, die energisene Behandlung des Grabstichels, und die 
vornehmen Tonwirkungen seiner Åtzmanier kOnnen wir an dieser 
Stelle nicht weiter eingehen. 

Wenn aber die fuhrenden und tragenden Geister unter den 
Kunstlern der zweiten Hålfte unseres Jahrhunderts, die die Zeichnung 
zum Ausdrucksmittel ihrer Gedanken und EmpHndungen gewåhlt haben, 
vor unseren geistigen Augen Revue passieren mussen, so wird neben 
den Gavarni, Degas oder Rafaélli auch Félicien Rops immer eine 
hervorragende und einzigartige Stellung als Sittenschilderer und Moral- 
philosoph seiner Zeitepoche behaupten kOnnen. 



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ORPHISCHES LIED. 

(Aus dem cyklus: >Von den tråumen der båume«.) 

Vvie eine fohre rauscht und tont 
meine seele — 
wie eine fbhre 

wann der heisse wind des mittags 
heimlich 

in ihren traumen 
sie uber- 

fallt/ 
fauchend sie in die arme nimmt 
mit sengendem begehren . . 
mit sehrenden begehrens rasendem schrei 
sie an sich zerrt 
so jah/ so wild/ so schreckens- 

gewaltig 
als wollt' er sie zer- 

knicken — 

(. . einen atemzug lang — ) 

. . dann losen sich weich 
die liebe- wiitenden krallen . . 
— denn sie erbebt 
und rauscht und raunt 
und såuselt und seufzt 
so abgrund- 

bang — 
so aller gliihenden qualen voll . . 

. . und der wind flieht von hinnen 
tief auf- 

stohnend . . 
lange und schrill entstohnend . . ► 



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764 CHRISTOMANOS. 

(Lange noch schauern die nadeln . . .) 

. . und wieder kehrt er zuriick 

und reisst sie an sich/ 

in seines leidens ungestum verwehend . . 

— doch sie schiittelt die locken 

åchzend 

und kriimmt sich vor wehe und sehnen - 

wehe- schwellendem sterbens- 

sehnen . . 

. . und wieder entschwebt er von hinnen/ 
wieder traurig entbebt er . . 
und wieder die fohre ver- 

stummt 

(Leise 

noch schauern die nadeln . . 

lange ent- zittert das weh 

den leise 

schauernden nadeln . . .) 



. . In blauem sehnen 

schauen die schimmernden berge heriiber . . 

fem- her fern- her . . 

und konnen nicht 

naher . . 

und konnen fur immer 

nicht 

nåher . . . 

Und des wallenden meeres wonnige wogen 
gliihen heriiber unter den jauchzenden kussen der soane 
o die dunkel- singenden wogen/ 
die alle weissen sonnen- 

kusse 
ge- 

trunken haben 



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ORPHISCHES LIED 765 



Dann 

schleicht die schwarze nacht heran 
und scheucht den leidenswind hin- weg 
und raubt die blauen berge des sehnens 
und trinkt die wogen der liebes- wonne/ 

die singenden/ 

die sonnegekussten . • • 



. . Leise stohnt 

die fohre im dunkel 

und klagt zu den sternen . . 

— Wie eine fbhre stohnt 
meine seele im dunkel 
und klagt zu den sternen . . 



(1891.) CONSTANTIN CHRISTOMANOS. 



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DIE NAZARENER. 
Von PAUL R. v. RITTINGER (Wien). 

Von allen den zahllosen Schulen der Kunstgeschichte haben sie 
jetzt wohl das klåglichste Los, die armen Nazarener. Einst Kunstler 
ersten Ranges, neuerstandene Raphaels und Michel Angelos, endliche 
ErlOser der deutschen Kunst, sind sie jetzt blasse, bedeutungslose 
Nachahmer geworc^n. Cornelius? Man zuckt die Achseln; das war ja 
der alte Akademieprofessor aus Dusseldorf, der weder malen noch 
zeichnen konnte und doch ein grosser Kunstler sein wollte. Nun, jetzt 
ist das ja Gott sei Dank vorbei, wir haben ja den »guten Naturalismus« 
hinter uns und da kann uns so wer selbstverståndlich nicht mehr 
imponieren. Aber vielleicht wird ihre Zeit doch noch einmal kommen, 
vielleicht wird man einmal ebenso uber uns lachen, wie wir uber die 
Åsthetiker des vorigen Jahrhunderts lachen, fur welche Michel Angelo 
und Durer ganz kleine Durchschnittskunstler und der langweilige 
Pous8in sowie ein gewisser Herr Diepenbeck grosse Meister waren. 
Michel Angelo — Diepenbeck, Cornelius — Menzel. Fur uns klingt die 
Parallele noch etwas paradox; aber spåter, wer weiss? 

Im Jahre 1811 thaten sich mehrere junge Maler, denen die 
Akademiekunst in Deutschland nicht mehr behagen wollte, zusammen 
und siedelten nach Rom uber. Ein gewisser Overbeck und ein gewisser 
Cornelius waren die ersten, spåter kamen dann Veit, Steinle, Schnorr 
und Fuhrich. In der Nåhe von Rom befindet sich das verlassene 
Kloster von San Isidoro. Dort siedelten sich die akademiescheuen 
Kunstler (spåter selbst meist Akademieprofessoren) an, fuhrten ein 
einsames Leben, wie man sich das recht idyllisch vorstellen kann, und 
grundeten da in aller Seelenruhe eine neue Kunst auf der Basis des 
Quattrocento und Trecento. Gelernt hatten sie zu Hause so gut wie 
nichts, und von den primitiven Italienern war — wenigstens in der 
Technik — naturlich auch nicht viel zu lernen. Es blieb ihnen daner 
leider nichts anderes ubrig, als sich lediglich mit dem Geiste dieser 
einmal gewåhlten Meister zu beschåftigen, sich in ihren stillfrommen 
Gedankenkreis zu versenken, die Poesie ihrer GefOhle zu bewundern 
und dann im besten Fall ebenso fromm und poesievoll zu malen wie 
diese. In der Technik der Malere i — ich meine damit eine gewisse 
Routine in Farben und Formengebung — waren sie begreiflicherweise 
noch weniger als schwach. Einige von ihnen suchten das Versåumte 
spåter in lOblichem Eifer nachzuholen, giengen bei Raphael und Michel 
Angelo in die Schule und eigneten sich so eine leidliche Fertigkeit 
in symmetrischen Compositionen, glatten Draperien, antikisierenden 



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DIE NAZARENER. 767 

Muskeln etc. an. Mit der Farbe aber blieb's bei ihnen ein wahres Elend. 
Das Resultat dieser Bestrebungen ist leicht zu berechnen: erkunstelte, 
primitive Empfindung, conventionelle Zeichnung und vollståndiger 
Mangel an Farbensinn. 

Das ist so in Kurzem der Sinn dessen, was heute noch uber 
die Nazarener geschrieben wird (wofern man es uberhaupt der Muhe 
wert findet, uber sie zu schreiben). Dass man auf diese Art keinen 
besonderen Respect vor ihnen bekommen kann, ist selbstverståndlich. 
Ich bin nun freilich anderer Ansicht, håbe ihre Bilder immer mit 
grossem Vergnugen betrachtet und bin sogar naiv genug, einige von 
ihnen fur ganz eminente Kunstler zu halten. Ich weiss, das ist 
eigentlich eine Impertinenz oder doch zum mindesten eine grobe 
Geschmacklosigkeit; denn solche Leute wie die Nazarener vegetieren 
in der modemen Kunstgeschichte uberhaupt nur zum Zwecke einer 
heilsamen Abschreckung weiter, aber ich glaube trotzdem, dass es fur ( . 
tins Deutsche keine so unglaubliche Erniedrigung ist, fur diese einzigen ^ f / / "*"^ — 
deutschen Kunstler, die es seit Diirer's Zeiten gegeben, ein Wort der 
Anerkennung oder doch wenigstens Entschuldigung zu finden. 

Sie gehOren ja gewiss nicht zu denen, die die Technik der Kunst 
vorwårts schieben, die die Maler »scharf schauen« lehren und alle diese 
wertvollen Dinge, durch die z. B. Menzel gross geworden ist. Ob man 
die Natur nach dem Recept Ruskins oder als Impressionist malen soli, 
ist ihnen sogar total gleichgiltig. Aber dafur haben sie etwas anderes, 
was wieder der grosse Menzel absolut nicht hat; ihre Bilder sagen 
einem doch wenigstens etwas. 

Ich finde, dass es fur den Nichtmaler nichts langweiligeres und 
gleichgiltigeres gibt, als Bilder von Menzel. Sie mOgen vortrefflich 
gemalt, und vor allem sehr »scharf geschaut« sein, aber was geht 
denn mich das alles an? Diese Arbeiter in der Schmiede, diese Pro- 
cession, dieses verzopfte Kircheninterieur sind ja gewiss viel lebendiger 
und wahrheitsgetreuer aufgefasst, als alle die nazarenischen Bilder, 
aber so etwas interessiert mich doch um Gotteswillen nicht. Wenn 
ich es durchaus sehen will, so schau ich mir' s einfach in natura an, 
da hab ich 's doch immer noch besser und brauche keinen Maler dazu. 
Wenn der die Sachen gut malen kann, dann ist er eben sehr geschickt 
in seinem Handwerk, aber was geht denn mich sein Handwerk an ? Die 
Kunst hOrt da auf das zu sein, was ihr bisher von allen Beschåfti- 
gungen der Menschheit das weitestgehende Interesse gesichert hat, 
nåmlich die Sprache einer Seele zur anderen, die Verdolmetschung 
von Anschauungen und vjEppfindungen, die man nicht so einfach mit 
Worten sagen kann und doch gesagt werden mussen, sie wird degra- 
diert zum zunftischen Handwerk, das niemanden etwas angeht als den 
Zunftgenossen ; denn obendrein ist dann dieses Handwerk ein furchtbar 
uberflussiges, das eine Concurrenz mit Schustern und Schneidern 
unmoglich aushalten kOnnte. In Cornelius und den Nazarenern aber 
ist die Kunst wirklich Kunst, diese Leute sind nicht nur Maler, sondern 
auch Menschen, die uns etwas zu sagen haben. Wer einmal in Munchen 

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768 RITTINGER. 

in der Ludwigskirche gestanden ist, wo alle die ernsten grossen 
Gestalten auf einen heruntersehen mit den tiefen seelenvollen Blicken, 
dieses poetisch grosse Himmelreich von Propheten und Patriarchen, wo 
alle Åusserlichkeit aufzuhOren scheint in der grossen Sprache der Seelen, 
die sich bloss ansehen und sich verstehen, wer da die Engel des jungsten 
Gerichtes gesehen hat mit ihrem wundersamen ernsten Låcheln, auf* 
und niederschwebend zwischen den Auferetandenen und Gott — und 
und es ist alles so ernst, so weihevoll, so wie qach dem Leben, hinter 
den Dingen, die da bestehen, so åhnlich wohl, wie die grosse Stille, 
zu der Almers aufblickt — wer das alles gesehen hat, mit ernstem, 
offenem Herzen, dem wird es ekeln vor der niedrigen Herabwurdigung, 
die dieser einsam grosse Nazarener von den heutigen Kunstverståndigen 
erfåhrt, er wird sich sagen mussen, das ist ein Prophet, und jene 
anderen sind malerisene Jongleurs, weiter nichts. 

Und der Mann wird auch keinen Augenblick an der Ursprung- 
lichkeit dieser grossen nazarenischen Kunst zweifeln. Sie haben ja 
gewis8 in der Art einer ålteren Kunst gemalt, aber doch nur deahalb, 
weil sie selbst Månner von dieser ålteren Art waren. Nachahmer, 
Anempfinder! Es gibt keine epochemachende Kunstschule, die nach- 
ahmt und anempfindet. 

Hat etwa Raphael in den Stanzen, Goethe in der Iphigenie die 
Antike bloss nachgeahmt und anempfunden? Gewiss nicht. Sie waren 
einfach antike Menschen und mussten deshalb antik malen und dichten. 
Ebenso waren die Nazarener romantische Menschen, durch und durch, 
und an Fuhrichs christlicher Kunst ist ebensowenig Erlogenes wie an 
den alten Kelner Malern. 

Es ist ein grosser Unterachied zwischen diesen Malerromantikem 
und den ersten romantischen Dichtern Tieck, Schlegel eta, der Unter- 
schied nåmlich, dass die Maler 13 Jahre spåter begonnen haben als 
die Dichter, und das macht viel aus. Sie stehen in dieser Hinsicht 
auf gleicher Stufe mit Uhland, dem kerngesunden, durch und durch 
nationalromantischen Menschen, der auf die geist/bfreichen Anstauner 
des alten Wunderlands gefolgt ist. Cornelius, Fuhrich, Steinle sind 
alle schon aufgewachsen in der Sphåre dieser Bewegung, haben sie 
von Jugend auf in sich aufgenommen und sind das, was Tieck sein 
wollte. 17p9! gaben die Gebruder Schlegel das Athenaeum heraus, 
das Manifest der romantischen Dichterschule, und 1811 grundeten 
Overbeck und Cornelius die Bruderschaft von San Isidoro. Ihre ersten 
kunatlerischen Versuche standen unter dem Einfluss romantischer 
Dichtung, »Sternbalds Wanderungen« hatten ihre Wege geebnet. 
Bevor Fuhrich nach Rom kam, hatte er Tiecks Genoveva illustriert. 
Cornelius' erste Arbeit sind die Gretchenscenen aus Faust. Steinle 
malt Bilder zu Brentanos Gedichten. Was Tieck vor sich gesehen 
hat, als Mensch von Geschmack und Witz, das ist in den Nazarenera 
Fleisch und Blut geworden, seine Traume sind ihre Natur. Einen so 
durchaus christlichen, positiv glåubigen Menschen wie Fuhrich hat es 
im strengsten Mittelalter nur selten gegeben. Und Fuhrich war nicht 



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DIE NAZARENER. 



769 



fromm aus Geist oder Geschmack, er war fromm aus Naturtrieb, einfach 
so, weil er sich's nicht ånders denken konnte. 

Es ist ja mit den englischen Pråraphaeliten, die doch gewiss 
jedem modemen Menschen imponieren, genau dasselbe wie mit den 
Nazarenern. Was fQr diese Fiésole, das ist fur jene Boticelli. Aber 
da heisst es dann immer »O ich bitte, das ist ganz etwas anderes, 
die Pråraphaeliten nehmen bloss die Formen von Boticelli, aber ihr 
Geist ist durchaus originell, weil modem. Boticelli ist ja sehr heiter, sehr 
naiv, Boticelli ist Qberhaupt ganz etwas anderes«. Ja um Gotteswillen, 
warum ist denn dann Boticelli so ursprunglich ein grosser Kunstler 
geworden und vor allem, warum hat denn fQr Herrn Muther, der 
in seiner Geschichte der modemen Malerei die obenerwåhnte ftine 
Unterecheidung zwischen Pråraphaeliten und Nazarenern macht, von 
allen den alten Kunstlern Boticelli das grosste Interesse ? Boticelli muss 
doch modem sein, wie kårne denn sonst geråde er dazu, durch die 
moderne Geschmacksumwertung so riesig zu profitieren, auf einmal 
ein Grøsster zu werden, er, der doch fruher kaum mehr war als die 
kleinen gleichgiltigen RaphaelschOler Giulio Romano, il Fattore etc. 
Gewiss, Boticelli ist genau so modem fur unsere Zeit, als es Fiésole 
fQr die Zeit der Romantik war, und die, hochmodernen Pråraphaeliten 
sind genau so von ihm abhångig wier Nazarener von Fiésole oder 
den Quinquecentisten, um kein Haar mehr und um kein Haar weniger. 
Das ist aber keine Schande fur die Pråraphaeliten und auch keine 
fur die Nazarener. Es kommt eben nur darauf an, wie man's nennt, 
Nachahmer oder Wiedererstandene. Muther verwendet in geschmack- 
voller Abwechslung beide Bezeichnungen, indem er in Burne-Jones 
einen neuerwachten Boticelli, Duccio, Bellini, Mantequa, Mosaikkunstler 
von Ravenna, Giorgione, Parmeggianino, Pallajuolo, Verrocchio, 
Perugino, Luini und etruskischen Vasenmaler bewundert, wåhrend er 
sich furchtbar erhaben fuhlt uber den farbiosen Imitator Cornelius, 
fur den er aber bisher leider nur ein Modell ausfindig machen konnte, 
nåmlich Michel Angelo. Er soli die Sache mal umdrehen, da klingt's 
noch viel besser: der Nachahmer mit den vielen Vorbildern. 

Aber das ist ja gleichgiltig. Ich glaube, Burne-Jones wurde sich 
fur die Mehrzahl dieser Vorbilder schOnstens bedanken. An dem einen 
Boticelli hat er schon mehr als genug, ebenso wie Cornelius an seinem 
Michel Angelo, mit dem er ubrigens viel weniger zu thun hat, als 
Herr Muther zu glauben scheint. Geråde an Cornelius konnte man 
sehr gut zeigen, dase, wenn zwei Kunstler genau dasselbe malen, es 
noch lange nicht dasselbe sein muss. Da ist in der Ludwigskirche 
ein Gottvater, in der Pose wie abgezeichnet von dem Michel Angelos 
in der Sixtina. Und doch gehOrt eine fabelhafte Verståndnislosigkeit 
dazu, den einen eine blosse Copie des andern zu nennen. Hier der 
ewig ruhige, weissbartige Weltenvater, mit dem tiefen durchdringenden 
Blick, so vielleicht wie ihn ein Giotto mit den technischen Errungen- 
schaften des Quinquecento gemalt hatte, und dort ein donnemder Titane, 
ein Weltenbildner und -Vernichter aus eigenem schrankenlosen Herren- 



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770 



RITTINGER. 



willen. Das sind zwei Wesen, die gar nichts miteinander zu thun haben, 
dieselbe Form, aber zweierlei Geist. 

Und da sind wir jetzt glucklich bei dem angelangt, was Muther 
von Burne-Jones sagt, nur gilt es jetzt leider von Cornelius. Man 
sieht, es fållt nicht so schwer, die Sache umzudrehen und kame man 
dann gar erst auf die Campo Santo-Fresken in Berlin zu sprechen, das 
himmlische Jerusalem, die klugen und thorichten Jungfrauen etc. etc, 
ich glaube, Herr Muther wurde sich allmåhlich selbst wundern, wie so 
durchaus unmichelangelosk dieser geistlose Cornelius sein kann, dessen 
ganze Kunst doch nur ein wesenloser Nachklang Michel Angelos sein 
soli. Mir hat einmal ein Kunstler, der die ganze nazarenische Bewegung 
mitgemacht und Fuhrich, Cornelius, Overbeck und alle die anderen 
persOnlich gekannt hat, gesagt, Cornelius håbe eigentlich von allen 
am weitesten zuruckgegriffen, auf Giotto nåmlich. Mir personlich 
kommt diese Anschauung viel plausibler vor als die Muthers, jeden* 
falls geht sie mehr von dem Wesentlichen in Cornelius' Kunst aus. 

Obrigens sind diese Dinge alle sehr compliciert, Michel Angelo 
hat ja jedenfaUs selbst eine gewisse Verwandtschaft mit Giotto, der 
neben ihm der månnlichste Meister der italienischen Kunst ist, und 
wåre selbst Giotto und nicht Michel Angelo Cornelius* alleiniges Vor- 
bild gewesen, so wåre damit fur die Wertschåtzung seiner Indivi- 
dualitåt noch nichts gewonnen. Einen gleichgestimmten Meister in der 
ålteren Kunstgeschichte hat er ja jedenfalls gehabt, und es liegt mir 
nichts ferner, als das zu bestreiten. Aber welcher Kunstler hatte denn 
das nicht, wer kann von sich selbst sagen: »Ich håbe etwas ganz 
neues in die Welt gesetzt, das durch keinen zeugenden Faden mit 
der ålteren Kunst zusammenhångt?« Giotto ist vielleicht der Einzige, 
aber Giotto ist auch der erste grosse Maler, den die christliche Cultur- 
welt der germanisch-romanischen Volker hervorgebracht hat. Und doch 
ist Giotto von Dante, Dante vom hl. Bernhard und Bernhard vom 
Chri8tenthum abhångig. Einen einzelnen originellen Maler gibt es eben 
uberhaupt nicht, es gibt nur originelle, nationale Culturen. Die alt- 
ågyptische, die indische, classische, mohamedanische und die christlich* 
germanische sind solche originelle Culturwelten und alle starken Indi- 
vidualisten, die es gegeben hat, sind von einer solchen abhångig, 
sind nichts als ein hundertfach concentriertes Extract derselben. 

Es wåre gewiss mehr als naiv anzunehmen, dass die Nazarener, 
wenn sie auf ihren Reisen durch Italien zufållig statt Fiésole Tizian 
angetroften hatten, Coloristen im Sinne der Venezianer geworden 
wåren. Im Gegentheil, hatten sie auch nie ein Bild von Fiésole 
gesehen, der Geist ihrer Kunst wåre ganz so geworden, wie wir ihn 
jetzt kennen. 

Das ergibt aber die unleugbare Erkenntnis, dass wir es hier mit 
Malern zu thun haben, die uber den Vorwurf einer biossen Nach- 
ahmung weit erhaben sind, weil eine solche Nachahmung im grossen 
Stil ohne elementaren Hintergrund in der Kunst einfach undenkbar ist. 



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LITERARISCHE ERWERBSVERHÅLTNISSE. 
Von STEFAN GROSSMANN (Wien). 

»Die Dichter sind ihrer Herkunft nach nicht vom sesshaften, 
8teuerzahlenden Stamme. Vagabundenseelen sind sie, verwandt mit 
den Leierkastenmånnern. Ach, sie sind ja nicht Hausbesitzer und 
Gewerbetreibende, sie halten kein Comptoir; sie arbeiten, wenn 
Gottes Gnade sie iiberkommt. Ein Dichter verbirgt niemals knauserig 
seine guten Einfålle bis zu seinem nachsten Buche; in einem Scherz 
beim Glase vergeudet er sein Gold oder in einem Liede unter dem 
Balkon der Damen. Das thut der Dichter. Er geht von Hof zu 
Hof, er bekommt in Gottes Namen einen Schilling, und er biickt 
dch und senkt den Hut. Das thut er. Und kommt die Nacht, so 
fallt er auf der Treppe in Schlaf, oder er geht in den Wald, oder 
er wandert hinein in die Berge. Und fur seinen Blick sind es keine 
Berge mehr, es sind Zelte fur Kbnige, Konigszelte. Und er schlågt 
den Mantel um sich und tritt in sein Zelt. Der Himmel ist hoch 
und ruhig, und die Sterne wohnen da droben, und er hat das 
Gefiihl, dass der grosse Weltengott wohl fur seine Nachtruhe sorgen 
werde, ob er auch nur ein Weiner Mensch ist, ein Dichter . . . 
Fur alle stimmberechtigten Burger des Landes aber ist es ein ewiges 
Wunder, wie dieser Mensch sein Leben erhålt. 

Das ist der Dichter. Es ist eine sociale Position, die wohl 
Keinen verlockt Denn er hat kein Geld durch sein Talent zu- 
sammengescharrt, und er ist ein wurzelloser Mensch, ein Vagabund 
ohne Pass . . .c Knut Hatnsun. 

Vor mir Hegt das neueste literarische Adressbuch von Kurschner. 
Ich schlage es nicht auf, sondern sehe nur hin, wie dick es geworden 
ist. Wie viel tausende, zehntausende Namen! Ober die Erwerbs- 
verhåltnisse dieser Leute — ein paar Worte. Also nicht etwa fiber die 
Erwerbsverhåltnisse der Dichter! . . . Dichter haben keine »Erwerbsver- 
håltnisse«. Ihre økonomisene Existenz ist gewOhnlich ein Wunder, oder sie 
beruhtauf einem nicht-literarischen Terrain. Knut Hamsun war Eisen- 
bahnconducteur, Strindberg war Photograph, Paul Verlaine lebte dann 
und wann von seinen Honoraren, Ofter von den communistischen Ansichten 
seiner Schiller. Nein, die Leistungen der genialen Naturen haben mit 
ihren Erwerbsverhåltnissen nichts zu schaffen. Schopenhauer hatte 
8chwerlich von den zwei Auflagen seines Werkes, die er erlebte, 
seinen Unterhalt fristen konnen. Vermuthlich lebte auch Emerson 
nicht vom Ertrag seiner Essays, Maeterlinck desgleichen. . . . Das 
Genie setzt neue Werte ins Leben, das kOnnen keine Markt- 
werte sein. 

Hingegen der Schriftsteller hat das Bestreben, den hOchsten 
bestehenden Marktwert zu erreichen. Schriftsteller sein, heisst ja aus 
dem Schreiben ein Gewerbe machen, heisst: schreiben mussen, um 



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772 



GROSSMANN. 



im økonomischen oder psychischen Gleichgewicht zu bleiben. Diese 
Thatsache bedingt vor allem den Zwang zu scbreiben. Aucb dann, 
wenn der Autor gar nichts zu sagen hat ; denn er kOnnte gar zu leicht 
vergessen werden, im Marktwert sinken. Auch der wohlbabende 
Schriftsteller unterliegt diesem Zwang. Es kommt in unserer Zeit so 
oft vor, dass ein Schriftsteller ein gutes Werk schreibt und dann 
keines mehr. Vielleicht in keiner Zeit hat es sich so oft ereignet, 
dass junge Månner, plotzlich, mitten in ihrer Entwicklung, einen 
seelischen Knacks erleiden, der sich bei irgend einem Ereignis 
manifestiert. Ich behaupte, dass mindestens drei Viertel alier Månner 
der Gegenwart diese Epoche der Desillusionierung uber sich selbst 
erleben. Das hindert nicht, dass die BetrefTenden fruher, in den Zeiten 
ihrer geistigen Pubertåt, vielleicht eine oder die andere ganz gelungene 
Arbeit zustande gebracht haben. Wieviel Literaten gehen aber mit der 
Literatur ein freies, løsbares Verhåltnis ein? und wie viele eine endlose, 
unlosbare Ehe? Wo gibt es in Deutschland — ånders vielleicht in 
Russiand oder Skandinavien — Schriftsteller, die es zustande brachten, 
sich, auch nach einem Erfolg, von der Literatur wieder loszusagen ? Obzwar 
vielleicht geråde diese Abstinenz ein Heilmittel sein kOnnte! In Wirk- 
lichkeit verhålt es sich so: je impotenter ein Schriftsteller 
wird, desto productiver wird er. Auf dem Umwege seiner Werke 
will er sich seine eigene innere Lebendigkeit und Existenz erweisen. 
Die Literatur als Lebensluge der innerlich Todten. 

Fur den unbemittelten Schriftsteller ist der Zwang ein grOberer. 
Er muss schreiben, um davon zu leben. Wie mancher dieser Schrift- 
steller hatte nach dem ersten Werk die Feder niederlegen wollen 
und hat weiterschreiben mussen! Die meisten haben ihr eigenes Werk 
copiert, einige åusserliche Verånderungen daran gemacht und es als 
Neuigkeit wieder in die Welt gesetzt. Es gibt Autoren, welche nur ein 
Werk dichteten und dieses eine Werk in hundert Vermummungen jedes 
Jahr frisch auf den Markt warfen. Das ist dann eine »ausgesprochene 
Eigenart«. Dieses Bestreben wird unterstutzt durch die retardierenden, 
conservativen Absichten der Gesellschaft. »Du hast einmal hubsche 
Gedichte zustande gebracht. Will ich wieder Lyrisches, so komm ich 
wieder zu Dir.« Ich bin aber morgen satirisch gestimmt. Was thut's?. . . 
Die Gesellschaft hat die Tendenz, Dich in Deinen Zustånden 
zu incarnieren! Dichter ist einer, der fortwåhrend uber sich selbst 
hinauswåchst und davon Kunde gibt, Schriftsteller — einer, der sich 
selbst ewig wiederholt. Wåre Max Halbe kein Dichter, sondern ein 
Schriftsteller, so hatte er nach der »Jugend« noch zehn andere Jugend - 
dramen, und nicht die Dramen seiner werdenden Månnlichkeit ge- 
schrieben. Er wåre dann als Specialist fur JugendtragOdien in die 
Lexika gekommen und hatte seine Tantiemen sicher in den Taschen 
gehabt. . . . Die Gesellschaft hat eben die Neigung, jede einmal ge- 
offenbarte Tendenz in einer Function zu organisieren. Jemand 
schreibt irgendwo einen satyrischen Artikel. Sofort wird er als 
Satyriker erkannt. Auf seiner ganzen Existenz ruht nunmehr der 



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LITERARISCHE ERWERBSVERHÅLTNISSE. 



773 



Bann des Satyrikerseins und begrenzt sein Wachsthum. Jedes Stuck 
Himmel, jeden Gedanken schaut er von seinem »Standpunkt des 
Satyrikers« an. Die Gesellschaft besitzt ihn ganz, er ist immer 
und nichts mehr als ein Satyriker. Daftlr hat er im literarischen 
BOrsenzettel einen bestimmten Curswert. 

Obrigens durfen wir jungen Leute jetzt wieder Hoffnung auf 
eine bessere, reinere und inhaltsreichere Prosa hegen. Die jungen 
Schriftsteller, also jene, weiche von ihrer Schreiberei leben wollen, 
wenden sich dem Drama zu. Nicht vielleicht, weil ihnen das Drama 
als reine Thatsachen-Dichtung zusagt(im Gegentheil, sie sind Stimmungs- 
dichter), sondern weil die Buhne mehr tragt als das Mitarbeiten bei 
Zeitungen und Revuen. . . . Man darf das den Autoren nicht ubel 
nehmen. Das deutsche Publicum vertrågt im Theater immerhin noch 
einige Portionen mehr Freiheit als zuhause. Was das deutsche Volk 
an håuslichen Literaturgenussen verlangt, das kann man so ziemlich 
voll8tåndig im folgenden Rathschlag lesen, den ein Berliner Manuscripten- 
bureau, welches Arbeiten von verhåltnismåssig bedeutenden Autoren 
vertreibt, seinen Mitarbeitern gibt. Es ist so ziemlich das flir die Ewig- 
keit geschriebene Kunstprogramm des deutschen Familiencretins : 

»Wie steht's z. B. mit Erqtischem ? Da die Romandichtung 
uberwiegend Liebesdichtung ist, so liegt bei ihr wie bei der Liebe 
der Widerstreit mit der Sittlichkeit sehr nahe, umsomehr als 
geråde dieser Widerstreit das Reizvollste fur die meisten Schaffenden 
und Geniessenden ist. Nun kann man die Liebe in zwei Arten 
sondern : bei der einen iiberwiegt das Gcistige oder Seelische, bei 
der anderen das Sinnliche oder sogenannte Leidenschaftliche. Die 
letztere Art bezeichnct man auch als erotische, und der erotische 
Lesestoff schlechthin erscheint fur den Haus- und Pamilienbedarf 
gewohnlich ungeeignet. Einmal deshalb, weil er sinnlich erregend 
wirkt, sodann weil er durch vorerwåhnten Widerstreit gegen die 
sittlichen Anschauungen der Familie verstosst, gleichviel ob diese 
wohlbegriindet sind oder nicht. Der Dichter also, der in die Familie 
will, muss genau die Artung des Familienleserkreises und besonders 
die in ihm geltenden Regeln der Schamhaftigkeit beriicksichtigen. 
Er darf tufregen, auch sehr stark aufregen, aber nicht erotisch; 
er darf die verworfensten, nichtswurdigsten Handlungen vorfuhren, 
aber er muss es mit sittlicher Entriistung thun ; er darf, wenn er 
sehr federeewandt ist, sogar etwas »Gewagtes«, das der Unerfahren- 
heit zur Wamung dienen kann, schildern, wenn man nur nicht 
sagen kann, er sei lustern, sinnlich, erotisch ; er darf in summa 
einen aufr egenden Liebesroman bieten, aber er muss sich so aus- 
nehmen, dass niemand »im Hausec auf den Gedanken kommen 
kann, derartiges konnte dem Eros oder der Venus »gewidmeU 
werden. Von dem, was beruhmte Dichter sich demgegeniiber in 
»Haus und Familie« erlauben durfen, ist hierbei nicht die Rede. 
Im allgemeinen sind Erotica beim Vertrieb angewiesen auf Zeitungen 
und Zeitschriften, weiche die Losung »Fiirs Haus und die Familie!« 
nicht beachten, und diese sind nicht geråde zahlreich und zahlungs- 
fahig, oder unmittelbar auf den erouschen Buchverlag. 

(Siehc: Internationale Literaturberichte Nr. 17. 
Organ de« deutschen Scbriftstellervereines.) 



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774 



GROSSMANN. 



Wo solche Leser bestehen, darf man es den Autoren nicht ver- 
denken, wenn sie jetzt alle dramatischen Talente in sich entdecken. . . . 
Dort liegt die geringere Prostituierung. 

Obrigens verubelt man es keinem socialistischen Arbeiter, wenn 
er in einer Gewehrfabrik arbeitet, man nimmt es keinem Schuster 
ubel, wenn er fur seine Fabrik Schleuderarbeit macht. . . . Nur der 
Schriftsteller muss alle seine Stiefel mit Oberzeugung oder gar 
Inspiration machen! . . Zum Teufel, die Schriftstellerei ist kein Beruf, 
sondern ein Erwerb. Warum soli es dem Literaten nicht gestattet sein, 
in Gottesnamen, Schund zu schreiben, wenn er verlangt wird? fMan 
gOnne dem Literaten, wie jedem andern Lohnarbeiter, eine eintrågliche 
Tagesarbeit, mit einem revolutionåren Ab end. An diesen Abenden 
wollen wir dann, meinetwegen, von den Werken der Dichter reden! 



WELTGEFOHL. 

Von FJODOR SSOLOGUB. 

Ich lieb* meine finstere Erde, 
Und im Ahnen des baldigen Scheidens 
Trink ich Freuden mit froher Geberde, 
Und — ergeben — die Schale des Leidens, 

Nichts verstoss' ich von Gaben des Lebens, 
In Allem wohnt Freude und Jubel — - 
Grosse Kålte im heiligen Streben, 
Kiihnes Traumen im Alltagsgetrubel. 

Ich beug* mich dem Geiste des Werdens, 
Mit ihm ist roein Dasein verschlungen ; 
Mir ist in der Pracht seiner Erden 
Die Einheit des Weltalls erklungen. 

Obersetzt von Alexander Brauner. 



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MASKEN UND GOTZENBILDER. 

Von ELIE RECLUS (Briisscl). 

Obersetzt von Marie Lang. 

(Schluss.) 

IV. 

Man erinnert sich, dass in dem Friedensvertrage, welcher durch 
Vermittlung eines Zauberers zwischen Abgeschiedenen und Lebenden 
geschlossen worden war, festgesetzt wurde, dass diese jene zu ernåhren, 
und der Reliquie und dem Geiste, welcher sie bewohnt, eine Ståtte 
zu sichern hatten. Sprechen wir nun von dieser Ruheståtte. 

Ohne die MOglichkeit sich zu åndern, behielten die Schatten die 
Gewohnheiten bei, welche sie in ihrem ersten Dasein angenommen hatten. 
Diejenigen, welche als Jager oder Fischer in Gemeinschaften gelebt 
hatten, hausten nach ihrem Tode in Buschen und Felsspalten oder im 
Gestråuch, gleich Kranen oder TTauben. Bei den Waldbewohnern nistete 
der Schwarm der Abgeschiedenen auf einem heiligen Baume. Der 
grosse Ahnherr hielt sich in der weiten Hohle des Stammes auf, 
die Helden, seine Sonne, auf den dicken Åsten, die Nachkommenschaft 
bevOlkerte die Zweige, jeder hatte ein Reislein. — Aber bei den acker- 
bautreibenden VOlkern wollte jeder einstige Familienvater einen Winkel 
Erde haben, der ihm und keinem anderen zugehOren sollte. 

Anfånglich kosteten diese Statten kaum etwas, es waren belaubte 
Zweige, das Linnen oder ein Stuck Stoff, das man dem Sterbenden 
uber das Gesicht gebreitet hatte, nachdem man es an dem geweihten 
Baume aufgehångt hatte. Wenn dieser Baum fehlte, hieng man den 
Lappen an einen Pfahl oder pnanzte Stangen auf mit einem Tuchlein 
an der Spitze. Frisch und im Winde flatternd, bequem als Beobachtungs- 
posten, behagten diese luftigen Behausungen den Schatten, welche sich 
auf den die Meere und Flusse entlangziehenden Schiffen in Tauen und 
Wimpeln schaukeln. 

Aber vor den Tuchern und Stoffen hatte man das Antlitz des 
Todten mit Baumrindenstucken, dann mit dunnen Holzplatten bedeckt. 
Als diese Holzplatten einen deutlicheren Charakter annahmen, gestalteten 
sie sich naturlicherweise nach der Grundform dessen, was sie ver- 
bergen sollten. Jeder wusste, dass der Todte dahinter war und mit 
gierigen, furchtbaren Augen dreinschaute. Da alle Welt an diese Augen 
dachte, zeichnete man sie rund, ubermassig gross, beunruhigend und 
unheimlich. Derart sieht man sie auf zahlreichen alten, etruskischen 
oder griechischen Vasen. Weil der Todte nach Beute schnob, zeichnete 
man auf das Brett weit geøfthete Nustern ein und einen aufgesperrten 



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77 6 RECLUS. 

Rachen mit sågeartigem Gebiss, scharfen Fangzåhnen und heraus- 
liångender Zunge. Die Kannibalen, welche diesen ersten Typus der 
Meduse angedeutet hatten, verzierten sie mit Fellen nnd Rossschweifen, 
um Bart und Haare nachzuahmen. 

Diese Larven wurden in TodtenhOhlen niedergelegt oder an den 
geheiligten Båumen des Stammes aufgehångt. Der Schatten heftete 
sich daran, verschlief dort seine Nåchte, dåmmerte dort lange Wochen 
hindurch. Aber am Jahrestag des Todes nahm man sie zum 
Erinnerungsfeste herab und hångte sie als Trophåe im Festsaale auf. 
Dann begann der Schmaus; die Theilnehmer glaubten verpflichtet zu 
sein zu fressen und zu schlemmen, um den Todten fur sein erzwungenes 
Fasten schadlos zu halten. Lange gab es da nichts als Milch und 
Wasser zu trinken, aber nachdem man jene gottlichen Safte entdeckt 
hatte, die der Vernunft berauben und des gesunden Menschenverstandes 
entledigen, berauschte man sich mit EntzQcken. Nach beendeter Gasterei 
begannen die Spiele, diese Spiele, bei denen man sich «todtlachtet 
wie das Sprichwort sagt, das vielleicht in jener Zeit seinen Ursprung 
hat. Man raste und erschOpfte sich in wflthenden Tånzen. Im letzten 
Aet langten die Wackeren nach den Schreckbildern, die ihrer Lust- 
barkeit von den Wånden herab pråsidiert hatten. Einer nahm die 
Maske seines Vaters, einer die Larve des Grossvaters, andere stellten 
Bruder und Vettern, Freunde und Genossen dar. Alle fuchtelten mit 
den Waffen herum und schonten sich nicht; jeder war entschlossen, 
<len Manen eine Schale seines Blutes, nicht weniger, aber vielleicht 
noch mehr, darzubringen. 

V. 

Bei den Papuas in Neuguinea wahrt man das Andenken der 
Todten durch 12 bis 15 Zoll lange, »Karuarc genannte, glatte Stabe, 
die dem Vater oder Grossvater heilig sind. Was die Urgrossvåter 
betrifft, die zåhlen nicht mehr ; man scheut sich nicht, die Stabe dann 
ohne Feierlichkeit wegzuwerfen. 

Mitten in einem Hain, der mit Zierpflanzen geschmuckt ist, 
haben die Insulaner auf Neu-Irland eine Art Tempel errichtet, »Toberran« 
oder das Haus des Geistes. Dort hat oder wird jeder Erwachsene des 
Stammes, ob Mann oder Weib, sein Standbild aus den Steinbruchen 
des Mont Rossel gemeisselt erhalten. Die Abgeschiedenen zeigen sich 
nicht kritisch in Betreff der Åhnlichkeit; aber wehe der Familie, die 
das Bildnis nicht zur bestimmten Zeit besorgt, den Gebeinen nicht 
eine ewige Behausung in Marmor gemeisselt gegeben hatte. 

Bei den Volkern des Altai haust die Seele mindestens drei 
Jahre lang in einer Puppe, die man dem Herde zunachst anbringt. 
An Gaiatagen låsst man diese sogenannten »Schetans« Toilette machen, 
man reibt ihnen nåmlich das Maul mit einer Speckschwarte ein. 

Bis zur spanischen Invasion verbrannten die Mayas so wie alle 
Eingeborenen in Yukatan, in Nicaragua und den Nachbarl&ndern ihre 
Todten in eigenen Ofen. Jeder Todte bekam sein Standbild, das zuweilen 



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MASKEN UND GOTZENBILDER. yy 7 

sogar åhnlich war. Als authentisches Zeugnis klebte man die Haut 
des Originales uber das Holz oder den Thon des Standbildes und die 
Asche bewahrte man in der SchådelhOhle auf. Personen von Rang 
und Ansehen erhielten ihre aus Thon gebrannten Statuen unter einem 
Dache aufgestellt. Fur gewOhnlich verblieben diese Gøtzenbilder aber 
in der Familie. 

Ohne Zweifel sind die ersten Nachbildungen menschlicher Formen 
von Leichnamen abgenommen worden. Keine Chronik erzåhlt uns die 
vielen Versuche, die an verechiedenen Orten angestellt worden sind. 
Durch Zufall oder anderswie verfiel man auf die Gefugigkeit des 
warmen oder geschmolzenen Wachses, dauernde Eindrucke festzuhalten. 
Man beobachtete das Anhaften von mit Ol oder Theer getrånktem 
Sande. Endlich verfiel man auf das vorzuglichste Mittel, das Modellieren 
in Gips. Man brauchte in die schlecht und recht gewonnene Form 
nur fein verdunnten Thon zu giessen und ihn wåhrend des Trocknens 
fest werden zu lassen. Als man darauf kam, diese Nachbildungen in 
einem Ofen zu brennen, gewannen sie eine ausserordentliche Dauer- 
haftigkeit. Aber die solchermassen erzeugten Portråts hatten die Starre^ 
des Leichnams ; man verdankte sie einem geschåftsmåssigen Verfahren, 
welches der Kunst fremd war und blieb. 

Bei lateinischen und rOmischen Bestattungen wurden die wåchsernen 
Bilder des Verstorbenen und seiner Vorfahren unter feierlichen Ver- 
anstaltungen umhergetragen. Man entnahm sie dem Heiligthum der 
Laren. Zuweilen ersetzte man sie durch Mimen, die damit betraut 
waren, die Personen naturlich darzustellen, ihr Angesicht, ihre Geberden, 
ihre Haltung und Sprechweise. 

Manchmal artete die tragische Feier in Possenreisserei aus. Die 
Masken und Bildnisse der Vorfahren, welche durch die Verbrennung 
unter die Gctter versetzt worden waren, trugen die Benennung »Busten« 
oder »Verbrannte«, ein Wort, dessen Ursprung betont zu werden verdient. 

VI. 

Von den grossen Todten wurden die einen Schutzgeister der 
Horden, Stamme, Sippen und Familien, der Volker, Nationen und 
Reiche. Die anderen, mit besonderen Verrichtungen betraut, wurden 
die GOtter der Jagd, der Fischerei, der Viehzucht und des Ackerbaues. 

Mit der Zeit verånderte sich diese Maske und brachte die con- 
ventionelle Grimasse besonders zum Ausdruck, nahm an Genauigkeit 
sowie an Phantasie zu und wurde charakteristisch. 

Man wagte lange nicht diesen Masken die Augen zu Ofihen. 
Den alten Oberlieferungen treu, fuhrten die Aléuten bei ihren heiligen 
Tånzen verwickelte Geberdenspiele aus. Das am Gesichte anhaftende 
Brettchen schien sie zu vOlliger Blindheit zu verdammen und hinderte 
die Athmung, obgleich es zu springen, zu laufen und ungestume, heftige 
Bewegungen zu machen galt — was lag daran! 

Aber anderwårts gieng man weiter. Man sann besondere Be- 
schwOrungen aus, um die Augen sowie den Mund zu Ofihen und bohrte 



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778 RECLUS 

fiir die Nustern Løcher. Aber diese Bretter, diese Rinden waren rauh 
Und schwer, nur aus einem StQck und unbeweglich, passten sie sich 
nicht dem Mienenspiele an ; in ihrer Starrheit unheimliche Huschkøpfe, 
konnten sie nur blødes Entsetzen erwecken. 

Man machte weniger steife und schwere Materien ausfindig, 
zum Beispiele die gegerbte, geschmeidige Haut. Als Ausnahmen wollen 
wir Masken aus Cedernholz, aus Glaswaren, sogar solche aus Bronze 
erwåhnen. Man nahm auch diinne Stoffe, Leinwand, die man mit 
.Wachs iiberzog; spåter entdeckte man Pappe und sogar Guttapercha, 
die zum Nachformen, Vergolden und Bemalen geeignet waren. Das 
Problem war geløst: Sammt- und Seidenmaske, ein Streifen schwarzen 
Crepe vor dem Gesicht, mit einer Barbe aus Spitzen. »Die Frauen 
scheinen viel weisser«, sagt eine Chronik aus der Zeit Heinrich IH., 
»sie kokettieren durch die Maske hindurch«. Mit ihrem sogenannten 
»Wolf«*) oder »Wolfsgesicht« suchten sie den Leuten Angst einzu- 
jagen. Um das Geheimnis beim Ausgehen zu wahren, oder um die 
Frische ihres Teints zu erhalten, verbargen die vornehmen Damen, 
die angesehenen Burgerinnen ihre Gesichtchen sogar im tåglichen Leben 
hinter Larven. Sie verfQgten damals nicht uber den Sonnenschirm, 
den man im XVII. Jahrhundert aus China brachte, und der nur lang- 
same Verbreitung fand. 

»Ein gemeinsames Merkmal in Griechenland und Japan,« erzåhlt 
Gonse, der Autor von L'art Japonais, »ist die Verwendung der Maske 
im Theater. Die ungeheuren Nasen, die schielenden Augen, die miss- 
gestalteten Måuler, die Furchen und trotzigen Fratzen drucken Wild- 
heit und Bestialitåt aus. Lachen und Zorn sind zuweilen mit ausser- 
ordentlicher Intensitåt wiedergegeben. Die Reihe der Laster ist ebenso 
amusant als vollzåhlig. . . Diese Masken reichen zuruck bis zum høchsten 
Alterthum. 

Die Japanesen trugen solche auf den Festen am Hof, bei theatra- 
lischen Vorstellungen, bei religiOsen Ceremonien. Man zeigt Masken im 
Alter von einem halben Dutzend Jahrhunderten und mehr. Die Copien 
der uråltesten Fratzen haben einen umso energischeren und umso fremd- 
artigeren Charakter, je weiter zuruck die Epoche liegt, aus der sie 
stammen!« 

Das wundert uns keineswegs, da alle Masken unserer Meinung 
nach dåmonischen Ursprunges sind. 

In gewissen Kløstern in Tibet gebraucht man bei den religiøsen 
Ceremonien Masken von verbluffender Sonderbarkeit und intensivster 
Lebendigkeit: Tiger, Elephanten, Krokodile und Schlangen, schwimmende, 
fliegende, laufende, kriechende Thiere, sie alle kommen Buddha zu 
huldigen. 

Man hat von den Masken im griechischen Theater håufig ge- 
sprochen: die tragischen oder komischen Masken, Masken von Satyren 



*) Im franzosischen heisst Maske auch loup. 



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MASKEN UND GOTZENBILDER. 



779 



oder von Tånzern. Die Gelehrten haben zu allgemeiner Zufriedenheit 
nachgewiesen, dass die tragische Kunst die Bacchischen Schauspiele als 
Ausgangspunkt hatte, welche von Winzern mit kothbeschmierten Ge- 
sichtern dargestellt wurden. 

Wir nehmen diese These als reichlich erwiesen an und schlagen 
vor, sie noch weiter auszudehnen. Wir vermuthen, dass diese bootischen 
Possen und Narrentånze die Nachkommen des Todtenritus waren. 
Wenn die TragOdie der KomOdie entstammte, so war diese Komodie 
der Abkommling einer fruheren TragOdie. Die Maske der Grabfeierlich- 
keiten rief bald Lachen, bald Weinen hervor ; die Zauberer vermummten 
sich mit ihr, tanzten, sprachen und handelten im Namen des Todten, 
organisierten den Angriff und die Vertheidigung, leiteten die Unter- 
nehmung der Jagd oder des Fischfangs, fiihrten und irrefuhrten die 
Horde. Die Abgeschiedenen hatten ihren Tod dazu benutzt, um sich 
grausamer, gefråssiger und blutdurstiger zu zeigen als sie zu Lebzeiten 
gewesen waren. Sie genelen sich in Schåndlichkeit und Prahlerei. Sie 
schadeten sich gegenseitig, verhOhnten und verspotteten sich, wett- 
eiferten in Luge und Beschimpfungen und ihrer Grausamkeit kam nur 
ihre Feigheit gleich. Die einst schrecklich gewesen waren, wurden 
jetzt låcherlich. All diese Masken schufen Grimassen die ihnen mit 
der Zeit zum ståndigen Attribut wurden und es gab keinen Taugenichts, 
der nicht seinen »Tic« entwickelt, keinen unflåthigen Gauner, der 
nicht sein Laster und seinen Spitznamen gehabt hatte. Da erstand die 
unsterbliche Schar der sieben Todsunden, deren Haltung, Geberden 
und Verzerrungen niemals die Zuschauer mit Freude zu erfQllen ver- 
fehlen. So entwickelten sich Typen, bildeten sich Charaktere von un- 
gemeiner Lebenskraft, vielleicht die ersten Schopfungen des menschlichen 
Geistes. 

Man ziehe den Schluss! Diese ostjåkischen Tafeln, dunn, flach, 
buntscheckig und bekleckst, mit HOrnern und Fangzåhnen, Krånzen 
Vind Båndern, Fahnen und Pelzwerk verziert — dieser unten gespaltene 
PfahJ, der Fusse und Beine darstellen soli, diese kleinen Scheusåler 
aus Klappern und Glockchen massen sich an, Ideen zu bedeuten. Diese 
Ståbchen, neben denen unsere Pfefferkuchen als Wunder der Modellierung 
erscheinen wurden, diese Pfennige aus Zink oder Messing, diese sonder- 
baren Pfåhle, diese Strunke mit bizarren Knorren, diese HolzklØtze, da 
und dort durchlOchert und geschnitzt, sind die ersten Anfånge der 
Bildhauerkunst. 

Gleichzeitig mit der Form entwickelt sich die Idee. Aus den 
Gotzenbildern, den conventionellen Darstellungen der Abgeschiedenen, 
den als Knirpse geschnitzelten Rosskastanien wurden National-Puppen, 
denen das Volk seine Schmerzen und Hoffhungen anvertraute, von 
denen es Hilfe und Beistand erbat, wie nach Art der Kinder, die von 
ihrer Puppe Zuneigung verlangen. Gleichzeitig wåhrend man von diesen 
Knirpsen zu wåchsernen Masken, zu Formen aus Wachs, zum Ton, 
dann zu Busten aus Bronze und Marmor ubergieng, hørte die Religion 
auf, Gotzendienst, nichts als Gotzendienst zu sein. 



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780 RECLUS 

Seinerzeit hatten die Proto-Hellenen auch solche wunderiiche 
Schnurrpfeifereien erzeugt, aber sie verharrten nicht, sie erstarrten nicht 
in den Anfången, wie die Mehrzahl der anderen. Ihre Xoanen fQhrten 
zu einem Apoll, einer Minerva oder Venus von Knidos und von Milo. 
— Aus welcher Larve entpuppte sich solch verklårter Schmetterling ? 

VII. 

Mit einem noch frischen, unverbrauchten VorstellungsvermOgen 
begabt, nehmen die Wilden in den Umrissen von Båumen und Felsen 
Gottheiten wahr. Steine, die sie aufklauben, Holzknorren, Hocker und 
Auswuchae der Rinde, in allem erkennen sie bedeutsame Linien. Ein 
Kiesel sagt ihnen: »Ich bin Dein Fetisch« und sie heben ihn auf. Sie 
staunen nicht daruber, dass ein Zombi sich in Busch und Felsen ein- 
quartiert und von da aus spricht, ermahnt, ermuthigt oder warnt. 
Wenn der Neger durch die blosse Form leicht zu erregen ist, wird 
er es nicht noch weit mehr sein durch eine kleine Kugel aus Thon 
oder durch einen Spån, aus dem man ein menschliches Gesicht 
gestaltet haben wird? 

Aber der durch sie hervorgerufene Eindruck und ihre Ahnlich- 
keit mit den Zweifusslern unserer Gattung stehen in keiner Beziehung 
untereinander. Das bizarre Ding reizt die Aufmerksamkeit; der fremd- 
artige Anblick ruft einen stårkeren Eindruck hervor, als man gerne 
eingesteht. Die Gris-Gris der Congoneger und der Akagins, die Gotzen- 
knirpse der Ostjåken und Tschuraleken reizen zum Hinschauen, ob man 
will oder nicht. Ihre Possierlichkeit ruft Gelåchter hervor, wenn man 
aber mit ihrem grotesken Åusseren vertraut ist, åndern sie ihren Charakter 
und wirken durch eine unheimliche und dustere Anziehung. Einige 
eifrige Christen schrieen, ein Dåmon hause in diesem Greuel und 
bringe Ungluck. 

Solche Neurotiker sind schwer unterzubringen. In allen Zimmern, 
die mit Blumen oder Zweigen tapeziert sind, sehen sie Gesichter grinsen, 
Ungeheuer wimmeln. Heute nennt man das Mudigkeit oder Ober- 
anstrengung des Geistes, einst galt es als dåmonische Vision oder 
himmlische Erleuchtung. 

Ein Phanta8ma beherrscht meine schlaflosen Nåchte, ein Phan- 
tasma, das aus der Mauer heraustritt — ich gebe zu, dass in geringer 
Entfernung ein Reflector seine Strahlen von unten nach oben durch 
den Musselin eines Fensters und die halbe Offnung einer ThQre herein- 
wirft, die auf einen japanischen Fåcher mit spiraligen Zeichnungen 
fallen. Ein phosphorescierendes Leuchten scheint aus der dunklen Wand 
hervorzugehen , es erhellt ein sich vorschiebendes Haupt, eine starke, 
breite Brust, eine Hånd, die einen schwarzen Stab halt, ein Gewand 
mit bebenden Falten. Das Antlitz bewegt sich mit schmerzlicher An- 
strengung vorwårt8, aber der Leib kann fiber wer weiss welche un- 
sichtbare Schranken nicht hinuber. Man halt es fur einen Genius des 
Lichtes in Gefangenschaft der Dunkelheit. Ich betrachte es mit ehr- 
furchtiger Neugierde. Und wenn ich in Fieber verfiele, wQrde es gewiss 



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MASKEN UND GflTZENBILDER. 781 

zu mir sprechen und mich vielleicht durch irgend eine Offenbarung 
auszeichnen. 

Um die Fascination, welche von den låcherlichen Masken und 
possierlichen Gotzen ausgeht, zu erklåren, haben wir den Fall der 
Détraqués und die eigenthumjiche Geistigkeit der Karaiben und Kanakei\ 
erwåhnt, — wir hatten aber ganz einfach nur die kleinen Mådchen 
unserer Umgebung anzusehen gebraucht. Wie oft sieht man sie leiden- 
schaftlich an einer Puppe hangen, die nicht einmal mensehliche 
Gestalt hat! Sie besteht vielleicht aua einem Wund Flanell oder einem 
zusammengerollten Lappen, der mit dem nåchstbesten Faden gebunden 
wird, um den Hals zu kennzeichnen und mit einem zweiten Faden 
fur die Taille. Wenn lieb Mutterlein oder die grosse §chwester drei 
Punkte auf den Theil gezeichnet hat, der dann Oesicht heisst, einen 
for den Mund, zwei fur die Augen, so gilt Marie, Martha oder Marianne 
schon fur ganz hubsch, ja man musa sie fur schCn, fur entzuckend 
erklåren. 

Und man hat oft beobachtet, dass diese merkwurdigen Puppen, 
die die »Dockenc heissen, die bevorzugten und zårtlich geliebten bleiben, 
den wunderschdnen, glånzend herausgeputsten Frftuleina zum Trots, 
die Papa und Mama sagen kCnnen, wenn man auf die Feder druekt, 
die ihnen im RQcken steckt. Man mochte glauben, die Einbildungg- 
kraft der Kleinen sei um so thåtiger und mftchtiger, je weniger man 
sie anregt, und dass sie durch zuviel Nachhilfe tråge und linkisch wird. 

Bei GOttergestahen, wie bei den Docken handelt ej sich nicht 
dårum, dass das Bildnis techniseh schOn sei, die Genauigkeit ist nicht 
von Belang, man braucht sich weder um die Verhåltnisse noch um 
die Åhnlichkelt zu kummern. Ah, was liegt an solchen Lappalien: 
man mues das Bild mit glåubigen Augen schauen, die sehen was pie 
wollen, mit Augen der Liebe, die die Illusion der SchOnheit erwecken ! 

Das Geheimnis dieser wunderbaren Magie, die nicht aufhOrt, 
die Kritiker zu verbluffen und die stumpfsinnigen, kurssichtigen, Brillen 
tragenden Menschen, dieses Geheimnis wurde eines Tags von einem 
hinreissenden, kleinen Madchen enthullt. Sein Onkel, ein langweiliger 
Mensch, hatte sie davon abbringen wollen, ihre Marie-Jeanne so 
inbrunstig zu kussen. »Dummes Ding,« sagte er, »Deine Puppe ist ja 
nicht lebendig!« »Meine Marie-Jeanne ist nicht lebendig? Weisst Du 
denn nicht, wie lieb ich sie håbe?« 



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POLITIK. 



NOTIZEN. 

THEATER, 



Der Czar und sein Minister 
Murawiew haben erkannt, dass die 
allgemeinen Consequenzen des Ab- 
ganges Bismarcks von umwålzen- 
der Natur sein mussen. Als der 
Versuch einer paralysierenden That 
erscheint die Proclamation des 
Weltfriedens. Der Umsturz von 
Oben soli also um die Wette laufen 
mit dem Umsturz von Unten. Von 
beiden feindlichen Seiten werden 
nun dieselben Ideen der Abriistung, 
der UnnOthigkeit der Kriege und 
ihrer socialen und wirtschaftlichen 
Gefahren ins Treffen gefiihrt. Die 
Streitfrage reduciert sich aber mehr 
und mehr, ob solche Ideen auf der 
bisherigen gesellscnaftlichen Basis 
gedeihen konnen oder ob auch diese 
geåndert werden musse. Nun haben 
wir einen nachgebornen Muster- 
regenten und einen posthumen 
Musterstaatsmann. Die skeptische 
Aufnahme, welche die seit Jahr- 
hunderten genåhrte Hoffnung auf 
ewigen Frieden heute allenthalben 
gefunden hat, trotzdem sie von der 
unvermuthetst hohen Stelle pro- 
clamiert wird, beweist, dass die 
heutige Zeit zu schwach geworden 
ist, um eine Ånderung der »Lebens- 
weise« noch zu vertragen. Innere 
Wirren haben wåhrend der letzten 
Jahre in den Staaten so zersetzend 
gehaust, dass die Allgemeinheit 
gegen die Schrecken auswårtiger 
Kåmpfe stumpf geworden ist. 

F. Schik. 



Die Censur. 

Die Direction des »Deutschen 
Volkstheaters« hatte unlångst zu 
einer Sonntag - Nachmittags - Vor- 
stellung von »Bartel Turaser« der 
Redaction der »Arbeiter-Zeitung« 
såmmtliche Karten zur VerfQgung 
gestellt; Socialdemokraten und Ge~ 
nossinen fullten das Haus. Das 
Sttick erzielte bei blutig ernst ge- 
meinten Stellen einen Lacherfolg; 
ein Umstand, der Anlass gibt, aber- 
mals die Gesichtspunkte, von denen 
unsere Osterreichische Censur aus- 
geht, zu kritisieren. 

Das Bourgeoispuplicum nahm in 
der vorigen Saison bei der Premiere 
und bei den Reprisen dasselbe 
Drama ernst und fuhlte dabei Mit- 
leid mit dem geschilderten Prole- 
tariat. Dass die Urtheile uber den 
literarischen und sachlichen Wert 
des StQckes getheilt sind, ist hier 
irrelevant, jedenfalis enthålt es 
Scenen und Tiraden, tiber die der 
Stift des Censors wiederholt gezuckt 
und denen er nur mit Bedenken 
freien Lauf tiber die Buhne ge- 
lassen hat. 

Dieser Thatbestand scheint viel- 
leicht doch geeignet, der Polizei- 
behOrde endlich den richtigen Auf- 
schluss zu liefern, wie sehr ihre 
gehegten Befurchtungen socialen 
Buhnenwerken gegenuber iiber- 
trieben sind. 

Bisher meinten unsere Behorden, 
dass das Proletariat bei Gegen- 
ståndlichmachung seines Elends in 
Ekstase gerathen und zu gefåhr- 
lichen Ausschreitungen verfuhrt 



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NOTIZEN. 



783 



wiirde. Geråde das Gegentheil ist 
der Fall. Nichts ist den Arbeitern 
abgedroschener als die Scenen, die 
sie tagtåglich bei sich zuhause und 
in den Stuben ihrer Genossen 
sehen, und sie låcheln fiber die 
Naivetat, die ihnen zumuthet, zu 
derlei noch ein Theater zu be- 
suchen. Der Censor musste das 
Elend im Leben, welches heute 
allein aufreizt, unter seinen Stift 
nehmen und streichen, den Besuch 
von Arbeiterwohnungen, als unbe- 
fugten Schaustellungen, untersagen 
und den Tratsch der Arbeiterweiber 
untereinander censurieren. Jedes 
Haus, wo Arbeiter wohnen, ist heute 
ein Vereinshaus des Elends. 

Ein Arbeiter, der fur sein Geld 
in ein Theater geht, sucht sich 
in den seltensten Fallen ein Stuck 
aus, das in seinem Milieu spielt. 
Das kennt er von vorneherein 
auswendig. Derlei Werke reizen 
hochstens das gewOhnliche Bour- 
geoispublicum zu Mitleid und 
Achtung rur die Enterbten auf; 
nur diese letztere Wirkung allein 
also schwåcht der Stift des 
Censors ab oder verhindert sie 
gånzlich. 

Conservativen Stucken gegen- 
uber, die im alten Gesellschafts- 
bett ruhig dahinfliessen und auf 
die durch keine Spalte das schiefe 
Licht der Zukunft fållt, ist der 
Censor sorglos. Geråde dies sind 
aber Darbietungen, bei denen der 
Socialdemokrat sich mit Ingrimm 
måstet, die in ihm die stårkste 
Gåhrung erzeugen. Die Leute 
laufen hier fein gekleidet herum, 
bewegen sich in furstlich einge- 
richteten Gemåchern; und selbst 
dann, wenn in modemen Stucken 
das innere Elend åusserlich wohl- 
situirter Culturmenschen aufscheint, 



kann darin nur der sich selbst 
zersetzende Wohlstand erblickt 
werden, der dem Arbeiter versagt 
ist, aber auch dem Beguterten 
nicht zum Heile gereicht. Alle die 
Stucke, die seit Jahrzehnten, von 
der Staatsbehorde unbeanståndet 
iiber die Bretter gehen, sind also 
geråde so beschaifen, dass sie dem 
Proletarier aufregende Aufschlusse 
vermitteln, wie es in den Kreisen 
derer zugeht, die er hasst. 

Die Censur musste, wenn sie 
an der vormårzlichen Vertuschungs- 
maxime bei den geånderten geisti- 
gen Communicationsverhåltnissen 
in der Welt consequent festhalten 
wollte, weit eher das Meiste von 
dem, was bisher auf der Bahne 
erlaubt war, verbieten, und das 
bisher Verbotene freigeben. 

F. Schik. 

Die Langeweile ist gekråftigt aus 
den Ferien wieder in die Wiener 
Theater eingertickt. Im Raimund- 
theater beeilte man sich, um 
der sommerlichen Insectenzeit ge- 
recht zu werden, einen Schwank 
» Wespen« von Oeribauer zur ersten 
Auffiinrung zu bringen. Die Be- 
sudler dieser Vorstellung hatten 
es sich selbst zuzuschreiben, wenn 
sie ubel zugerichtet nach Hause 
kamen. — Die Direction des 
Deutschen Volkstheaters 
glaubte, dass die tropische Hitze 
die Darsteller dem Verståndnisse 
eines italienischen Dichters nåher 
bringen wurde. So erlebte Goldonis 
»Mirandolina« eine Neuauffuhrung. 
Aber auch bei 25 Grad im Schatten 
ist die Retty noch immer keine 
Duse und Herr Giampietro bleibt 
nach wie vor ein Mitteleuropåer. 
Zudem war das Lustspiel von 
Emil Pohl »frei« bearbeitet. Das 



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784 



NOTIZEN. 



ist aber nicht die Freiheit, die 
wir meinen. Man hatte stellen* 
weise den Eindmck als ob Goldoni 
jetzt, aein Bearbeitcr aber vor 
200 Jahren gelebt hatte. 



LITERATUR. 

Literarische Notizen in der 
Tagespresse. In den letzten 
Wochen konnte man im litera- 
rischen Theil der meisten Wiener 
Zeitungen, eine Buchkritik lesen, 
die in allen Blåttern so ziemlich 
gleichlautend war. Das Kunst- 
werk, welches die Reporter 
so sehr begeistert, ruhrt her 
von . . . Herrn Leo Leipziger 
und fuhrt den Titel: »Die neue 
Moral« . . . Man braucht nur 
die dick aufgetragene Handlung 
dieser Sudlerarbeit kennen zu 
lernen, um zu wissen, dass es 
sich hier um eine Profanierung 
dieses nicht geråde anspruchlosen 
Titels handelt. Man mOchte 
wunschen, dass die Worte: »neu« 
und »Moral« lieber nicht tiber die 
unreinen Lippen des Herrn 



Leipziger geflossen wåren. Wie» 
so kommts aber, dass Herr 
Leipziger von allen Blåttern so 
ausfuhrlich und henlich besprochen 
wird? Herr Leipsiger ist Chef« 
redacteur des »Klsinen Journal« 
in Berlin, voila tout ... Ea 
wurde sich uberhaupt lohnen, ein- 
mal tu untersuchen, aus welchen 
Motiven die literarischen Reclame« 
notizen unserer Zeitungen ge« 
schrieben werden. Den Reportern, 
Welche diese Arbeit verrichten 
mussen, kann man nicht grolien. Sie 
haben in den meisten Fallen die be« 
treffenden Bucher gar nicht gelesen, 
bekommen bestimmte Auftråge 
und mussen sie vollfuhren. Seinen 
ganzen Ekel muss man sich fur 
jene Herren Autoren aufbewahren, 
welche Tag um Tag in einer 
Redaction nach der andern anti« 
chambrieren und ihre gesellschaft* 
lichen Verbindungen zur Fructi" 
ficierung ihrer literarischen Stre* 
bereien verwenden. Es wird sich 
vielleicht bei einer anderen Qe* 
legenheit verlohnen, dieses System 
des »Entdecktwerdens« eingehender 
zu beleuchten. 

Stefan Grossmann. 



Herausgeber: Gustav Schoenaich, Felix Rappaport. 
Verantwortlicher Redacteur: Gustav Schoenaich. 

K. \. Hoftheater-Druckerti, Wien, !., WoDrefle 17. (Ye n p t wor U fch A. Rimrich.) 



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15. August 1898 das ViePte Quartal ihres ZWeiten 
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^(/iener Rundschau. 



15, SEPTEMBER 1898. 



UM DIE TODTE. 

Es fauchte der Wind aus einer Hohle, und Sie 

erstarrte. Es fauchte der Moder aus einem finsteren 

Sterne, und Sie entblåtterte . . . »Sie!« — »Elisa- 
beth!« Gibt es heiligere Namen im Himmel oder auf 
Erden, als »Sie« und »Elisabeth«. War sie nicht ge- 
kommen von den entfernten Meeren, ein Wunder allen 

Rosen der Gårten ? O du, der heiligsten Blumenopfer 

lichter Altar ! (und alle Blumen, gehorten sie nicht mein ?) 

Ein Blitz fiel, und du versankest in den Abgrund 

Horet! — er versank in der Vergangenheit unvergång- 
lichen Abgrund — — Psyche, Psyche! Die Blumen, 
die deine Haare sind, deine Haare, die Veilchen und 
Hyakinthen sind, irren auf den nåchtlichen Wogen der 
Trauer . . . Psyche, Psyche ! Du bist selbst Welle geworden 
— wilde Woge nåchtlicher Verzweiflung, taub den eigenen 
Seufzern, die wie Lilien den Nåchten deiner Bruste ent- 

spriessen: Nie! nie! nie! Hort ihr, die gebrochenen 

Lilienseufzer aus den Nachtbriisten der Zukunft: Nie! 
nie! nie wieder! 

O Stem der Schonheit, erloschen wie ein Traum, der 
viel zu licht war . . . 



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786 CHRISTOMANOS. 

Psyche, Psyche ! Wo sind deine Augen — meine Sterne ? 

Wo ist der erloschene Stem deiner Schonheit, dessen ge- 
heiligter Name war: »Elisabeth« ? 

Verlassen lieg* ich auf dem dåmmerigen Strande der 
Klagen . . . Philoktetes! Philoktetes! 

Warum diese Schauer der Myrten und Rosen? Der Fliigel- 
schlag meines irrenden Geistes uber den Wellen ist es, der die 
einsamen Rosen und Myrten des Strandes erschauern macht . . . 
Aber Astarte hangt bleich und miide am Himmel. Wehe! Der 
Himmel ward zu Asche, und alle die Blåtter der Båume wurden 
zu Asche, und krummen sich wie im Schmerze, und nur die 
Cypressen wachsen und wachsen wie schwellende Seufzer . . 
immer wieder Seufzer, Seufzer . . . Und die langen Wogen rollen 
heran, anschreiend den Strand, und bringen weisse Schaumblumen 
ihrer Klagen, wie um mich zu trosten . . . Und die weichen Winde 
wehen wehklagend uber die klagenden Wogen . . . Und die 
Klagen der Wellen und der Winde singen nur das eine Wort: 
Nie! nie! nie! 

Warum nie? Warum nie? Ist es moglich, nie? 

Antworte du, mein Herz, das so einsam und so entfernt 
pocht in meiner Brust, wie in einem geschlossenen Grabe .... 

Ihr Blåtter, was kriimmt ihr euch wie im Schmerze, immer 
und immer ? Wogen der Trauer, ihr schwellet zu Bergen in euerer 
Klage und schlaget uber meinem Haupte zusammen und lechzet 
zum Himmel hinan, wo die bleiche Astarte (ach, noch immer!) 
weisse Arme ausbreitet und ihren Haarschleier tief hinab, in 
das Meer der Verzweiflung fallen låsst . . . Nein, es gibt keine 
Meeresstille des Vergessens mehr ! — Hore, meine Seele ! Hore, hore, 
meine Seele! Nein, es gibt keinen See der Lethe, auf diesem 

Planeten fiir mich mehr ! Ganz aufgetrunken haben ihn die 

Veilchen und die Hyakinthen deiner Haare, wie Thau, meine 
Seele! — Nur den Schlamm des namenlosen Wehes haben sie 
mir gelassen, damit ich mich darin vergrabe, meine Seele! 
Namenlose Angst, meine Seele, rollt wie ein schwerer, immer 
wiederkehrender Stein mir uber die Lider . . . Endlose Trauer, 
meine Seele, iiberfliesst aus meinem Herzen . . . 

Weh! weh! weh! — dass die goldene Schale zerbrochen, 
worin die Strahlen der Schonheit zusammenflossen . . . Nun 
tråufeln sie herab, die unsterblichen Thrånen der Sterne, herab 



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UM DIE TODTE. 787 

vom Himmel und schlagen auf den Grund meines Herzens, und 
jede f aliende Thrane klingt auf den Grund meines Herzens wie 
auf gebrochenes Glas: Todt — todt — todt — todt — todt — 
todt! — — Aber die Wellen und Winde klagen: Nie! nie! 
nie! nie! nie! nie! . . . Ah, Himmel und Erde, die ihr um mich 
trauert ! Mitleid der fernen, verzauberten Dinge. Heiligste Augen, 
die ihr mich beweinet! . . . Und j eder Thrånentropfen iiberfliesst 
auf dem Grunde meines Herzens zu einem See ohne Grenzen . . 
ein jeder Thrånentropfen, ein jeder, ein jeder . . . Aber diese 
Seen sind nicht Lethe; nicht Lethe konnen sie sein, weil Lethe 

fiir [mich nicht mehr ist Und in diesen uberfliessenden 

Seen, in den oberen und in den unteren, die alle Lethe nicht 
sind, bist du untergetaucht, du meine Psyche, fiir ewig, fiir 

ewig, fur ewig O grosse Astarte! Verschliesse du mit 

deinen grimen Fingern mir die Lider, auf dass die schwarze 
Sonne des Todes meine Traume nicht verschlinge — meine 
zitternden Traume, die sich alle in meine Augenhimmel gefluchtet, 
nicht versenge Astarte ! Astarte ! 

C. Christomanos. 



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GEDICHTE VON HUGO VON HOFMANNSTHAL. 

(Wien.) 

VOM SCHIFF AUS. 

Ihr Morgen, da an meines Bettes Rand 
das Licht aus hellen Muschelwolken flog 
und leuchtend, den ich spåter niemals fand, 
der Felsenpfad schon in die Weite bog, 

ihr Mittagstunden ! grosser dunkler Baum, 
wo seichtes Wachen und ein seichter Schlaf 
mich von mir selber stahl, dass an mein Ohr 
nie der versteckten Gotter Anhauch traf! 

ihr Abende, W6 ich geneigt vom Strand 
Gespråche suchte, und sich Schultern nicht 
aus Feuchten triefend hoben, und mein Hauch 
verklang im Streit der Schatten mit dem Licht: 

Der geht jetzt fort, der aus des Lebens Hånd 
hier keinen Schmerz empfangen und kein Gliick: 
und låsst auch hier, weil er nicht ånders kann, 
von seiner Seele einen Theil zuriick. 



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REISELIED. 

Wasser sturzt uns zu verschlingen, 
roilt der Fels uns zu erschlagen, 
kommen schoa auf starken Schwingea 
Vogel her uns fortzutragen l 

Aber unten liegt ein Land, 
spiegelnd Friichte ohne Ende 
in den alterslosen Seen, 

Marmorstirn und Brunnenrand 
steigt aus blumigem Gelånde, 
und die leichten Winde weh'n! 



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DER ENTWICKLUNGSGANG LEO TOLSTOIS. 
Von Dr. EUGEN HEINRICH SCHMITT (Budapest). 

In Leo Tolstoi steht eine der grossen Gestalten der Welt- 
geschichte vor uns, eine der Gestalten, die als Pfeiler dastehen an den 
Wendepunkten von Culturen, die einerseits in die Vergangenheit zuriick- 
weisen, anknupfend an uralte Traditionen, andererseits in die Zukunft 
weisen, auf neue Pfade, die das Geschlecht im Verlaufe seiner Ent- 
wicklung erst betreten soli. Das Leben solcher Menschen erscheint als 
kein zufålliges in der eigenthumlichen Verkettung seiner Momente. 
Eine tiefere Nothwendigkeit fugt die einzelnen Stadien eines solchen 
Lebenslaufes zu einem planvollen Ganzen, in welchem jedem dieser 
Momente eine tiefere, man konnte sagen providentielle Bedeutung zu- 
kommt. Nur solche Individualitåten, deren Lebenslauf sich in so eigen- 
thumlich bedeutungsvoller Weise zu einem Ganzen verkettet, wo alles 
auf ein Ziel concentriert erscheint, wo die Geschicke der Individualitåt 
mit den grossen Zielen der Menschheit verschmelzen, kGnnen zu so 
grossen culturellen Aufgaben befåhigt sein. 

Der Lebenslauf Leo Tolstois bewegt sich in den åussersten Gegen- 
såtzen. Der Sprossling einer der vornehmsten Aristokratenfamilien 
Russiands, der sich dem Militårstande widmet, als Artillerieofficier 
den Krimfeldzug mitmacht, dann als Grossgrundbesitzer einerseits den 
Interessen seiner Wirtschaft lebt, die ihn in engere Beruhrung mit dem 
Landvolke bringen, sich als Cavalier und Lebemann andererseits in 
den Strudel des Lebens wirft, um seine Revenuen im Inlande und 
im Auslande standesgemåss zu geniessen, der seine Erfahrungen und 
Studien in einer Reihe literarischer Productionen verkørpert, in denen 
er seine hervorragende Begabung in der Darstellung von Lebensver- 
håltnissen und Seelenzustånden bekundet und sich dadurch einen 
glånzenden Namen in der Romanliteratur der Gegenwart erwirbt, kehrt 
plotzlich auf dem Wendepunkte seines Lebens allen diesen Lebens- 
grundsåtzen und Schopfungen den Rucken, erklårt sein eigenes 
Leben nicht bloss, sondern auch das der ganzen »gebildeten« und 
herrschenden Gesellschaftsschichten fur ein verfehltes, tief elendes, ver- 
achtenswertes ; preist einem solchen Leben gegenuber das des armen 
unterdruckten , darbenden, geknechteten und unwissenden Volkes 
selbst als relativ glucklich. Er macht die Sache dieser Armen und 
Nothleidenden zu seiner Sache, er sucht seine Befriedigung, sein GlQck 
darin, dass er einen Theil ihres Elends auf sich nimmt, sich in der 
årmlichsten Weise, ohne Genuss von Fleisch und Wein nåhrt, seine 
Kleider und Schuhe selbst anfertigt, und den Grundsåtzen des Prunkes 



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DER ENTWICKLUNGSGANG LEO TOLSTOIS. 



791 



und der Herrschaft der ganzen in ihrem Marke siechen und elenden 
Herrlichkeit dieser Welt gegenuber die Grundsåtze des Bergpredigers 
verkiindet: die Grundsåtze des unendlichen Erbarmens und der 
Gewaltlosigkeit, der Verneinung des Fleisches und die Kunde 
von dem herannahenden Himmelreiche des Geistes, welches die 
allverbindende Liebe ist in allen und uber allen, die einzige lebendige 
Gottheit, die er den Dogmen und Phantomen theologischen Aber- 
glaubens entgegenhålt, jenen Kirchen, die Christus mit dem Munde 
bekennen und im Leben verleugnen; die die Stiitzen einer auf Blut 
und Eisen und Verbrechen jeder Art gebauten Gewaltherrschaft 
sind; die das Evangelium der Reichen verkiinden anstatt des Evange- 
liums der Armen. 

Schon einmal war es ein Officier gewesen, der nach einem be- 
wegten Leben, nach dem er viele Feldzuge in alier Herren Lander 
mitgemacht, sich in die Einsamkeit zuruckgezogen, um in den Tiefen 
der Gedankenwelt den Ausgangspunkt zu suchen fiir eine neue Cultur. 
Dieser Mann war Descartes. Es war ein grossartiges Schauspiel, 
als die dichtumwølkte Nacht des Mittelalters, die dem Geist nur 
gestattete, sich in den Tråumen der Theologie zu bewegen, sich auf- 
zuhellen begann ; als der Mensch aus den Tråumen der Jenseitigkeit 
zur Wirklichkeit seines Alilebens oder, was dasselbe heisst, seiner 
Geistigkeit erwachte. Die Sonne eines neuen Lebens war noch ferne, nur 
die dunklen Umrisse des Nachthimmels der Cultur, der in sich ver- 
schlossenen, vereinsamten Abstraction, boten sich den Blicken, eine 
Nacht, erhellt nur von den einzelnen Sternen der Philosophie, die am 
Himmel des Geistes leuchteten. Es war jedoch kein Zufall, dass der 
Mann, der diesen grossen Umschwung, diese selbstbewusste Enthullung 
des Geheimnisses des Christenthums vorbereiten sollte und in die ein- 
samen Tiefen der Individualitåt stieg, um hier den Schliissel aller 
Erkenntnis, den Schliissel einer neuen Cultur zu finden, nicht im vor- 
hinein ein einsamer Denker, sondern eine aus den wildesten Wogen 
des Lebens hervorgehende PersØnlichkeit war. Die Oberwindung dieses 
Verlorenseins des Bewusstseins in der Sinnenwelt, die Oberwindung 
der ganzen naiven Entåusserung konnte so allein plastischen, lebens- 
vollen, unmittelbar in das Leben greifenden Sinn gewinnen, er konnte 
den wesentlichen Mangel dieser in der Åusserlichkeit des Lebens ver- 
lorenen Cultur so allein in voller Schårfe erfassen und das Bediirfnis 
nach einer allgemeinen Vertiefung des Bewusstseins so allein epoche- 
machend vorbereiten. Es war das Problem des Denkers, der die 
leuch tenden Worte: »Ich denke, also bin ichc an den Eingang der 
modemen Philosophie schrieb, so ein unmittelbares Lebensproblem fQr 
den aus dem sturmischen Kriegerleben in die einsame Zelle des Philo- 
sophen sich zuriickziehenden Officier. Und so allein konnte diese 
Wendung des Denkers eingreifen in das Mark des Culturlebens und 
in den grossen Gang der Geschichte. 

Einstweilen hatte sich die Zersetzung der alten Religion und 
mit ihr der alten Sitte, des alten Rechtes in grossen Zugen vollendet. 



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792 



SCHMITT. 



Aber der Niedergang der bestehenden Cultur bedeutet zugleich den 
herannahenden Sonnenaufgang einer neuen Cultur. 

Das Problem der Cultur tritt aber nicht wie einst bei Descartes 
als Problem des Denkens, sondern unmittelbar als Problem des 
Lebens in den Vordergrund mit Leo Tolstoi. 

Dieser Bruch mit dem alten Leben der Cultur, mit dem alten 
Menschen, wie er sein Leben individuell und geællschaftlich gestaltet, 
kann nun in der schårfsten, in der unwiderniflichen Weise, wie es 
culturgestaltend, in das allgemeine Leben iibergreifend sich darstellt, 
wieder nicht ein Mensch zum Ausdruck bringen, der selbst urspriinglich 
in einsamem Denken oder in einsamer Selbstbetrachtung sich bewegt, 
sondern nur ein Mensch, der vielmehr in das Wogen der bisherigen 
Cultur, in den Taumel ihres engherzigen Sinnenlebens vollkommen 
versunken war, wåhrend ihn, seiner hohen Anlagen entsprechend, die 
Ahnung des ungleich Erhabeneren, HOheren, Vorgeschritteneren ergreifen 
musste. Einen solchen Menschen allein komxte der Ekel und Ober- 
druss, ja die ganze Qual der Enge und Niedrigkeit der bisherigen 
Gesinnung und Lebensweise mit voller Macht ergreifen und sich bis 
hart an den Rand des Selbstmordes steigern. Es war die intellectuelle 
und sittliche Enge der Weltanschauung und der mit ihr organisch 
verkniipften Lebensgestaltung, die diesem åusserlich in den glånzer.dsten 
Lebensverhåltnissen befindlichen Manne das Dasein unertråglich machte. 
In einer solchen Personlichkeit allein kann sich der Bruch des Zeit- 
alters mit sich selbst individuell lebendig ausprågen und wird das all- 
gemeine Leiden der Menschheit als persOnlichstes Leiden empfunden. 
Durch PersOnlichkeiten allein, die hiezu prådisponiert sind, vermittelt 
•ich so der Umschwung des Zeitalters selbst. Denn mOgen allgemeine 
Verhåltnisse noch so dringend einen Umschwung wiinschenswert er- 
scheinen machen, die Individualitåt allein, die diese Noth und Noth- 
wendigkeit des Zeitalters als persOnlichste Noth und Nothwendigkeit 
empfindet, ist die Achse der Weltgeschichte und nimmermehr wird 
die Sonne, die nicht zuerst die hOchsten Gipfel beschien, die breiten 
Massen der Berge und die Niederungen erleuchten. 

Åusserlich zeigt der Lebenslauf Leo Tolstois in wesentlichen 
Ztigen viel Ahnlichkeit mit dem Lebenslaufe Descartes'. Wir fligen 
hier eine flttchtige Skizze desselben an. Am 9. September 1828 auf 
dem Familiengute Jasnaja Poljana im Gouvernement Toula geboren, 
studierte er 1843 an der Universitåt Kasan erst orientalische Sprachen, 
bald Jurisprudenz. Nach zweijåhrigem Aufenthalte auf dem Familiengute 
gute widmet er sich 1851 der militårischen Laufbahn ; er wird Artillerie- 
fahnrich im Kaukasus, wo der Dienst damals meist ein permanenter 
gefahrvoller Kriegsdienst war. Schon hier beginnt er seine literarische 
Laufbahn. Er macht den Krimkrieg als Artillerieofficier mit und nimmt 
dann seinen Abschied vom Militår. Seine Kriegsjahre bieten ihm 
Gelegenheit zu einer Reihe literarischer Daretellungen, in welchen er 
das Sebastopol jener Zeiten schildert. 1856 schliesst er Freundschaft 
mit einer Reihe hervorragender Schriftsteller Russiands, unter welchen 



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DER ENTWICKLUNGSOANG LEO TOLSTOIS. 



793 



sich auch Turgenjeff befindet. Der nun folgende Lebenslauf ist der 
des Cavaliers, der theils der Bewirtschaftung seiner Guter und dann 
auch seinen Vergnugungen lebt, zweimal auf långere Zeit im Aus- 
lande verweilt, u. a. auch in Paris, dessen Gesellschaft mit ihrem 
Luxus und ihren Lustbarkeiten ihm Gelegenheit bietet, die moderne 
Décadence in ihrem culturellen Mittelpunkte grundlich kennen zu lernen. 
Andererseits ist seine Laufbahn die des Literaten und Romanschrift- 
8tellers, der mit den besten russischen Schriftstellern mit Erfolg wett- 
eifert und dessen Ruhm von Jahr zu Jahr steigt. Auch beschåftigt 
sich Tolstoi schon in dieser Periode seines Lebens eingehend mit den 
Fragen der Erziehung des Volkes. Um Wohlsein und Fortschritt des 
in Unwissenheit und roher Einfachheit versunkenen Volkes zu fordern, 
beschåftigt er sich Anfangs der Siebziger-Jahre mit volkserziehlichen und 
wirt8chaitlichen Fragen und verøffentlicht diesbeziigliche Schriften. Mit 
dem Ende der Siebziger-Jahre aber sieht er die Fruchtlosigkeit alier seiner 
bisherigen Bestrebungen ein, und es tritt die grosse Wendung ein, 
die zu seiner Laufbahn als religioser Erneuerer fuhrt. 

In seiner >Beichtec fQhrt Leo Tolstoi an, dass er sich eine Zeit- 
lang mit den einfåltigen religiOsen Anschauungen des Volkes zu 
identincieren suchte. Und hier war es merkwurdigerweiae ein båuer- 
licher Sectierer namens Sutajeff, der zu der eigentumlichen Wendung, 
die Leo Tolstoi spåter nahm, wesentlich beitrug. Diesem Sutajeff starb 
eine Tochter und der Pope wollte ohne Entrichtung der Gebiiren, 
deren voller Betrag dem armen Muschik nicht zu Gebote stand, die 
Verstorbene nicht beerdigen. Sutajeff begrub daher sein Kind mit 
eigenen Hånden. Er will aber die heiligen Schriften, die dem Priester 
eine solche Moral lehren, kennen und lernte mit vieler Muhe im vor- 
geschrittenen Alter lesen und findet nun im Evangelium ganz andere 
Sachen, als die Priester ihm verkunden. Es wurde ihm ein Kind 
geboren, das er zur Taufe zu tragen unterlåsst, da uber Kindertaufe 
im Evangelium nichts zu lesen ist. Da erscheint der Pope und zieht 
ihn deswegen zur Rechenschaft. Sutajeff halt ihm das Evangelium 
entgegen, welches der erztirnte Priester zur Erde schleudert. »Nun 
bin ich im Reinen mit eurer Religion« und verkundet dem Volke 
seine Lehre. Diebe tragen Sacke aus seinem Speicher, er findet noch 
einen zuriickgelassenen Sack, tragt ihn den Dieben nach und sagt: 
»Ihr mus8t schweren Hunger leiden, dass ihr zum Diebstahl greift; 
nehmt auch diesen Sack noch.« Die iiberraschten, tief ergriffenen 
Diebe bringen ihm alle Såcke zuriick, flehen um Verzeihung und 
werden seine Anhånger. Eine Bettlerin, die er im Kreise seiner Familie 
bewirtet hat und der er Nachtlager gab, bestiehit ihn; sie wird am 
Wege von den Landleuten ergriffen. Auf den Tumult erscheint Sutajeff. 
»Sie ist eine Diebin, ins Gefångnis mit ihr,« ruft die Menge. »Was 
wollt ihr mit diesem Weibe?« entgegnet Sutajeff. »Wenn sie ein- 
gekerkert wird, wird sie nicht besser, eher noch schlechter. Ich schenke 
ihr alles, was sie genommen hat und noch mehr, sofern sie mehr 
bedarf. Lasset sie frei!« Auf einen zufålligen Augenzeugen machte 



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794 



SCHMITT. 



diese Scene die tiefste Wirkung. Es war Graf Leo Tolstoi. >Was flir 
erbårmliche, bedauernswerte Menschen sind doch wir, die Hoch- 
gebildeten, Hochstehenden, Reichen, Måchtigen neben diesem einfachen 
Bauern,« sagte er sich und fuhlte sich in seinen Anschauungen, die 
eine Umgestaltung des ganzen Denkens und Lebens auf Grund der 
Lehren der Evangelien fordern, aufs måchtigste bestårkt. 

Diese Lebenslehren des Evangeliums treten jedoch Tolstoi nur 
noch als einfache Gebote entgegen, als Lebensregeln, die befolgt 
werden sollen, weil sie die allein wirklich praktischen, die allein zur 
Zufriedenheit und zum Wohlsein der Menschen fuhrenden Gebote sind, 
als jene Lebensregeln, die allein aus dem Sumpfe sittlichen und 
materiellen Elendes fuhren, in welchem die Menschheit versunken ist, 
— aus dem sittlichen Elend, welches nicht bloss die Herrschenden 
ergreift, sondern auch die unteren Schichten ansteckt; aus jenem 
materiellen Elend, welches nicht bloss auf den Enterbten lastet, sondern 
in der Gestalt conventioneller Gebundenheit und Entbehrung wirk- 
lichen Naturgenusses und des Genusses menschlich freier Gesellung, 
dann in den mit einer unnaturlichen und schwelgerischen Lebensweise 
verbundenen Krankheiten und allerlei Siechthum auch die herrschenden 
Classen ergreift. Aber keinerlei solche schøne Lebensregeln und praktisch 
noch so einleuch tenden Gebote kønnen die Lebensgestaltung der 
Menschheit åndern, so lange die allgemeine Weltanschauung sich nicht 
gnindlich umwålzt, so lange der Mensch sich nur als dieses in sich 
eingeengte thierisch-endliche Leben erscheint wie in der bisherigen 
Welt, wo die åussere Autoritåt der Gebote der Gottheit in der Aus- 
gestaltung der menschlichen Gesellschaft der Ergånzung durch die 
Schrauben und Klammern, durch die Fesseln åusserer thierischer 
Gewalt bedarf, weil im Selbstbewusstsein der einzelnen das innere 
Band fehlt. Nur eine Weltanschauung, in welcher jeder einzelne das 
Leben der Allheit in seine Ichheit und Innerlichkeit versenkt hat und 
dieses selbe gOttliche Leben, diese Paradiesesherrlichkeit in seinem 
Mitmenschen schlummern sieht, selbst im versunkensten, und sich 
selbst, sein eigenes gøttliches Leben verherrlicht sieht, wenn er dies 
gOttliche Selbstbewusstsein im andern erweckt, wird die Anwendung 
thierischer Gewalt, die Gesetz und Heiligthum sein mag, fur eine 
barbarische Stufe der Weltanschauung, als etwas erscheinen, was den- 
jenigen, der sie gebraucht, aus jenen HOhen einer milden Majeståt herab- 
stiirzt und zur Thierheit erniedrigt. Hier allein, im gøttlichen Allleben der 
Individualitåt erscheinen jene hohen Gebote gOttlicher Milde begrundet 
in dem ureigenen Leben jedes Ich, jeder menschlichen Individualitåt. 

In kunstlerischer, genialer Anschauung hatte schon piner diesen 
welterlosenden Gedanken erfasst, der Bergprediger, der da sagte : »Ich 
bin das Leben«, »Ich bin die Wahrheit«, Ich bin das Licht der Welt«, 
»Ich und der Vater« (dieser Urquell und diese Ureinheit der Wesen, 
die er die Liebe nennt) »sind Eins«. Doch geniale Anschauungen 
kOnnen nicht mitgetheilt werden : sie blieben Gegenstand der Bewun- 
derung und der åusseren aberglåubischen VergOtterung in der christ- 



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795 



lichen Welt. Es bedurfte einer Entwicklung von beinahe zwei Jahr- 
tausenden, um diese geniale Anticipation, nachdem sie philosophisch 
auseinandergelegt war, dem allgemeinen Bewusstsein zugånglich zu 
machen. Der Hauptgestalt der Evangelien war eine andere voran- 
gegangen, die die Abkehr von der alten Welt naiv roher Sinnlichkeit 
und Selbstheit darstellte : der Prediger in der Wuste, Johannes der Tåufer. 

Ein neuer Johannes der Tåufer des nun kommenden Weltalters, 
betritt Leo Tolstoi die Weltbuhne. Er kleidet sich aufs årmlichste in 
selbstverfertigte Kleider, zieht sich aus dem Gewiihle der Welt auf 
seinen Landsitz zuruck und predigt das Herannahen des neuen Heiles. 
Und doch, wie gewaltig hat sich seitdem die Lage geåndert! Nicht 
mehr die naive, in roher Urkraft mit gutem Gewissen masslos schwel- 
gende, mit der Unschuld des Tigers wurgende prachtvolle Thierheit, 
nicht der feuerspeiende Drache der alten Welt steht nun der neuen 
Weltidee gegenuber, sondern eine raffinierte, sieche, mit schlechtem 
Gewissen schleichende Schlange ist dies Princip der heute noch herr- 
schenden Thierheit geworden. Kein Herodes wird es mehr wagen, im 
wilden Herrschertrotze diesem neuen Johannes das Haupt abzuschlagen — 
diesem Johannes, der bei einer Gelegenheit (es war eine Publication 
uber den wegen Militårverweigerung zu Tode gemarterten Droschin) 
den allmåchtigen Selbstherrscher Russiands so anzureden wagte: »Du 
weisst, dass du von Verbrechen und Luge lebst! Wie kannst du dich 
ruhig zu Tische setzen, wie kannst du deine Kinder segnen, wo du 
weisst, dass ein so edler Mensch im Gefångnis auf hartem, kaiten 
Boden liegt und deinetwegen zu Tode gequålt wird! c Und der Sohn 
dieses selben Herrschers verkundet heute laut der Welt die Oberzeugung, 
dass Gewaltthat und Massenmord nicht glorreiche, rtihmenswerte That, 
sondern etwas ist, dessen sich der Mensch auf der heutigen Cultur- 
stufe zu schåmen hat. 

Klar aber ist fur Tolstoi nur die Nichtigkeit, die Elendigkeit der 
bloss leiblichen, bloss thierischen Existenz und Ichheit. Aber das Ich, 
die Individualitåt des Menschen erscheint Tolstoi noch immer als 
endliches, das gdttliche Leben als dies Gemeinsame, in welchem alle 
Individualitåt sich aufløst; die Gottheit als unerfassbare Allgegenwart, 
die dem Gefuhle nur dunkel, wenn auch unzweifelhaft einleuchtet. Aller- 
dings ist dieser Standpunkt nicht folgerichtig festgehalten in den 
Schriften Tolstoi's. Er fuhlt, dass das Ich, die Individualitåt in irgend 
einer Weise Antheil håbe am gOttlichen und ewigen Leben, ohne 
erklåren zu kOnnen, wie dies bei dem bios Endlichen møglich ist, das 
doch durch eine unendliche Kluft getrennt ist von dem GOttlichen, dem 
Unendlichen. Die Weltanschauung Tolstois ist daner unentfaltet, 
sie dåmmert im unbestimmten Morgenlichte. Tolstoi fuhlt, dass die 
Entfaltung des Allbewusstseins in der Individualitåt fehlt und dårum 
betont er eben die Seite der Gemeinschaft, des Communismus, die 
in seiner ganzen Lehre einseitig zur Geltung kommt, auf Kosten der 
Individualitåt, der Selbstheit. Er fuhlt auch sehr richtig, dass ein 
Hauptmangel der sogenannten christlichen Cultur darin bestehe, dass 



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79 6 SCHMITT. 

sie die borniert endliche, selbstische Individualitåt weder im Himmel, 
noch auf Erden iiberwunden, dass sie das Heidenthum nicht uber- 
wunden hatte in sich selbst, sondern seiner Reaction verfallen war im 
Byzantinismus, im Katholicismus, in der Renaissance und Reformation. 
Im Himmel blieb ein menschenåhnlich selbstischer und entsetzlich 
grausamer Hen* und Først dieser Welt thronen, der das Ideal und 
Musterbild blieb fur den borniert, endlich in seinem Selbst befangenen 
Menschen, der sich knechtisch seinen åusseren Geboten beugen sollte 
und doch nur eine eines solchen himmlischen Despoten ganz wurdige 
Welt der Tyrannei und Rechtss'eligkeit gestalten konnte und eine 
Geschichte verwirklichen, die die Grausamkeit selbst der Despoten 
von Assyrien und der Grosschane der Mongolen uberbot. Tolstois 
Denkweise steht in dem Masse auf dem Boden eben dieser 
christlichen Welt, ist in dem Masse urchristlich, dass er ubcreah, 
dass der Mangel dieser urchristlichen Anschauung eben darin bestand, 
dass sie die Individualitåt nicht zu voilem Selbstbewusstsein ihrer 
gøttlichen Herrlichkeit, ihres Allbewusstseins zu erwecken vermochte 
und dass sie die Sinnlichkeit nur abstract verneinte, auf Ertodtung 
des Fleisches hinstrebte, den Menschen zum abstract geistigen Wesen 
zu machen suchte, anstatt das himmlische Leben in seiner Allheit und 
GOttlichkeit zu schauen und auch in seinen endlichen Momenten als 
Darbildung und Spiegelbild dieser Allheit — im SchØnen. Diese Seite 
der Individualitåt und Sinnlichkeit kommt zur Geltung im Gegenpole 
Leo Tolstois, in Friedrich Nietzsche, der wieder ebenso einseitig die 
Seite der Gemeinschaft, der Unendlichkeit, des Communismus in den 
Hintergrund treten låsst, so dass auch hier das Endziel, die gøttliche 
Natur der Individualitåt, nicht zur vollen Geltung kommen kann und 
die Weltanschauung auf jenem Gegenpole gleichfalls schwankend bleibt 
Sie schwankt dort zwischen der prachtvollen Bestie und dem Ober- 
menschen mit seiner hingebenden grossen Liebe. Es ist dies ein 
Gegensatz, der verdiente, nåher ausgefuhrt zu werden. 

Tolstoi im Gegentheil legt ein Hauptgewicht auf die christliche 
Demuth, auf die Verneinung und Verleugnung der Individualitåt, auf 
die Verneinung des Sinnenlebens, auf die Kreuzigung des Fleisches. Er 
sieht in der Renaissance, die Nietzsche verherrlicht, einen tiefen Verfall, 
und seine Asthetik ist, wie seine Schrift iiber die Kunst zeigt, die 
Asthetik der Kirchenvåter. Und doch streben beide Heroen auf dasselbe 
Endziel los, eben weil sie sich in ihren Gegensåtzen ergånzen. 

Leo Tolstoi ist die Reaction des Urchristenthums, die sich aber 
heute auf einer ungleich geklårteren, vorgeschritteneren Stufe des Be- 
wusstseins vollzieht und deren eigentliche Bestimmung daher auch nicht 
sein kann, in die kindliche Einfalt jener Zeiten, wo die Wiege des 
Christenthums stand, zuruckzufuhren, sondern die erhabene Einfachheit 
jener ewigen Wahrheiten, die sich jenem kindlichen Bewusstsein noch 
im Bilderschleier verbargen, im Reichthum eines hCVheren Erkennens und 
untrennbar hievon endlich auch im Leben einer vom Gottbewusstsein 
des Menschen durchleuchteten Cultur zu entfalten. 



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DAS WIENER COUPLET. 
Von Dr. MAX GRAF (Wien). 

Von der åltesten Periode des Wiener Couplets diirfen wir Leute 
von heute gar nicht sprechen. Unsere Eltern und Grosseltern 
erzahlen mit Entziicken von der alten Komikergeneration und dem 
gesungenen Altwiener Witz, und wir miissen uns bescheiden, dies 
zu registrieren. 

Ein grosses Kunstwerk der åltesten Zeit konnen wir in das 
lebende Bewusstsein unserer Tage uberfiihren: wir konnen es 
lebendig machen, mit Blut fullen, und seine Eindriicke wiedergeben. 
Ein Couplet, das einer anderen Generation angehort, ist ein todtes 
Ding. Die Schopfung einer Laune des Tages, eine tonende Capriole 
des Geistes, aus uberfliissigen, iiberschussigen Kraften erzeugt, 
concentriert es all sein Leben in einem Augenblick, wirkt und 
verschwindet. So lange es lebt, ist es wohl die eindringlichste 
Kunst; ganz gesåttigt von allen Stimmungen des Tages, die 
schnellste Auslosung aller Spannungen des momentanen Geistes. 
Vergeht aber der Tag, der es lebendig gemacht hat, dann verraucht 
es wie ein Witz, dessen Pointe alle kennen. . . . Und noch eines : 
ohne Interpreten ist das Couplet ein Hauflein todter Buchstaben 
und Noten. Es bedarf — als einzige Form der modemen Kunst — 
des Rhapsoden, des Troubadours, des Skalden. Seine Melodie 
wird erst verstandlich, wenn sie von der Harmonie der Geste, 
der Augen, des Korpers begleitet wiid. Die Worte erhalten Sinn, 
Rhythmus. Der ganze Korper Blut, Athem und Sinnlichkeit. Selbst 
die Pausen erhalten Beredsamkeit und Stimme. . . . Ohne diesen 
hochsten Aet des Lebens, die Blut- und Fleischwerdung im Vor- 
trage eines Rhapsoden (oder einer Rhapsodin) ist ein Couplet 
so todt wie die grossen griechischen Couplets: die Homer'schen 
Epen 

Wir diirfen deshalb iiber das ålteste Wiener Couplet nicht 
voreilig sprechen. All das Zeug, das uns heute so armselig 
låppisch, so dumm-vergniigt, so paralytisch-witzig vorkommt, war 



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798 GRAF. 

einmal eine Reihe von heiteren Liedern, von hochstem, intensivsten 
Leben erfullt, voll von leichtem Blut und lebhaftem Athem und 
hat viel Heiterkeit und Lachen um sich her verbreitet. Månner 
von Geist und Witz, wie Nestroy, waren seine ersten classischen 
Interpreten ; das alte Wien mit seinen Glacis und Kaffeegartchen, 
und seiner engen begrenzten, vom Takte Lanner'scher und Strauss- 
scher Walzer bewegten Welt war sein Podium. Deshalb diirfen 
wir nur sagen, dass es einmal eine Periode des Wiener Couplets 
gegeben hat, von der ihre Zeitgenossen sagen, dass es Åhnliches an 
Witz, Heiterkeit und Vergniigen in unserer Zeit nicht mehr gabe. 
Die Verschiebung, welche von der Mitte der Sechziger-Jahre 
an im Besitzstand der Wiener Gesellschaft eingetreten ist, hat eine 
neue Form des Wiener Couplets zur Blute gebracht, welche eine 
sehr sonderbare und eigenthumliche Geschichte hat. An die Stelle 
der alten, beschrånkten und liebenswiirdigen biirgerlichen Gesell- 
schaft des alten Wien tritt in den Jahren 1860 — 1873 eine ganz 
neue Gesellschaft des Finanzadels, der industriell und geschåftlich 
Arrivierten und der mit diesen verbundenen alten Wiener Aristo- 
kratie Eine Gesellschaft von Reichthum, kosmopolitischer Haltung, 
Vergniigungssucht und wie jede Emporkommlingskaste mit Energie 
darauf bedacht, von dem neugewonnenen Boden Besitz zu nehmen. 
Je weniger sie durch Cultur und Tradition mit dem Wiener Boden 
zusammenhieng, desto grosser war die Sehnsucht, sich rasch alle 
Merkmale des Wienerthums anzueignen. Es war das die Zeit des 
Heurigenliberalismus. Aristokratie, Finanz- und Geschåftsadel zog 
hinaus zu den Heurigenschenken, verbniderte sich mit Kunst- 
pfeifern und Natursångern, zog Kleid und Stosser des Fiaker- 
kutschers an, und von den hochsten Kreisen an war alles stolz, mit 
diesen edelsten Vertretern des Naturwiener-Cavalierthums Freund- 
schaft zu schliessen. Da entstanden die wundervollen Verse, welche 
in alle Welt als Wiener Couplet hinausflogen, vom goldnen Wiener 
Herzen, von der goldnen Wienerin, vom goldnen Stefansdom, 
von der goldnen Gemuthlichkeit, und wenn in diesem goldenen 
Wiener Dusel vom Prinzen bis zum Fiaker alles betrunken war, 
dann ertonte der herrliche Rundgesang: 

»Menschen, Menschen san mir alle, 
Fehler hat ein jeder gnua, 
's konnen ja nicht alle gleich sein, 
Ist schon so von der Natua.« 



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DAS WIENER COUPLET. 



799 



Ein geschickter Rattenfånger hatte diese ganze Wiener Mas- 
kerade in Musik gesetzt. Das alte Wien hatte als seinen grossen 
musikalischen Regisseur: Lanner. Dieses neue Wien hatte eben- 
falls seinen Lanner. Bezeichnenderweise hiess er: Krakauer. 

Wie in den Schnitzler'schen Dramen die Sentimentalitat des 
Nichtwieners nach dem Wienerischen in ihrer vornehmsten Form 
zu Theaterstiicken geworden ist, ist bei dem Nichtwiener Krakauer 
die Sentimentalitat nach dem Wienerischen in ihrer ordinårsten 
Weise Couplet geworden. Seine Melodien mussten jene Gesellschaft, 
welche sie bei ihrer verwundbarsten Stelle: jener Sehnsucht nach 
dem Wienerischen, packten, im Nu gefangen nehmen. Und wenn 
Krakauer in jener Wiener Sentimentalitat hatte ein Geschåft machen 
wollen, so hatte er den wienerisch-sentimentalen Ton nicht mit 
mehr psychologischer Berechnung treffen konnen. Seine sogenannten 
»wienerischen« Melodien haben mit ein er solchen hochstaplerischen 
Sicherheit alle verlogenen Sehnsuchten jener Gesellschaft nach dem 
Wienerthum und seinen Decorationen: dem Steffel, der Wienerin, 
der Donau etc. in Musik gesetzt, dass sie in die ganze Welt 
hinausflogen als »Wiener Couplet«. Und es gab eine Zeit, da 
die ganzen Wiener Coupletfabrikanten ihre Melodien auf den Ton 
des Mannes aus Krakau stimmten. 

Wie gross die suggestive Kraft und die musikalische 
Begabung Krakauers waren, zeigte sich erst, als er, ein junger 
Mann, starb. Mit ihm fiel diese ganze Form des Wiener Couplets, 
welche ein Jahrzehnt lang alle Wiener und auslåndischen Biihnen 
beherrscht hatte: die unriihmlichste, unsauberste, verlogenste, 
psychologisch aber interessanteste Form des Wiener Couplets. 
Seitdem dieser grosse Musiker des hochstaplerischen Wiener- 
thums aufgehort hat, seine Lieder zu singen, hort man in Wien 
nur internationales Tingeltangel: die Barrison-Lieder, spanische 
Melodien, Funiculi - funicula — dem Geschmack jenes kosmo- 
politischen Wienerthums entsprechend, welches an Stelle der alten 
Wiener Glacis die stillose Ungeheuerlichkeit des romischen, 
griechischen, gothischen und Renaissance-Bauten-Kranzes der Ring- 
strasse gesetzt hat. 

Heute, da jene Gesellschaft der Siebziger-Jahre ihre politisehe 
Gewalt verloren hat, stehen wir in einem grossen socialen Um- 
wandlungsprocesse in der Wiener Gesellschaft. Neue grosse 
Schichten drången herauf, und was jetzt noch ungestaltet und 



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800 GRAF. 

formlos ist, kann in sich den Keim der Zukunft tragen. Wenn 
aus diesen Kreisen — freilich primitive — kunstlerische Ver- 
bindungen zu den Ideenkreisen jener ersten Epoche alter Wiener 
Kunst gesucht werden, deren Entwicklung in den Sechziger-Jahren 
abgeschnitten worden ist, so konnten diese Bestrebungen zu den 
Uranfangen der Wiener Musik und des Wiener Liedes, an welchem 
in den letzten Jahrzehnten so furchtbar gesiindigt worden ist, 
zuriick und weiter fuhren. 



Zur gleichen Zeit, da in Wien alles in Krakauer'schen 
Melodien schwelgte, begann in einem kleinen Beisel am Boulevard 
Rochechouart Aristide Bruant seine grossen Hymnen des Elends 
und jeder Noth der Menschheit zu singen, Marcel Legay com* 
ponierte seinen »Chanson du semeurc und das Moulinrouge-Lied, 

Poncin seine »Soulardec Wåhrend in Paris aus dem alten 

Chanson das neue Volkslied entstand und die Klange der Mar- 
seillaise einer neuen Zeit zum erstenmale ertonten, sassen in Wien 
beim Heurigen Prinz und Fiaker briiderlich trunken beisammen 
und sangen zum dttnnen Klang zweier Violinen und einer 
Harmonika: 

»Menschen, Menschen san mir alle, 

Fehler hat ein jeder gnua, 

's kdnnen ja nicht alle gleich sein, 

Liegt schon so in der Natua!« 



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»WENN ICH GOTT WÅRE.« 

Ein Gespråch 
von 

RICHARD LE GALLIENNE. 
Aus dem Englischen ubersetzt von Wilhelm SchOlermann. 

An einem hellen Augustnachmittag standen auf einem hohen, 
stillen Gipfel der Alpen ein Mann und ein junges Weib und sprachen 
uber Gott. Sonne, Schnee und Einsamkeit umgaben sie mit einem 
leuchtenden Schweigen in vielen Farben. Die starke Sonne, der reine 
Schnee, der weite, milde Friede. Wåhrend das Weib sprach, erfullten 
diese Herrlichkeiten ihre Seele wie sichtbare Offenbarungen des hOchsten 
Wesens, das zu vertreten und zu vertheidigen ihr Gefåhrte sie an 
dem Nachmittag herausgefordert hatte. 

Beide hatten in ihrem Leben die Hånd Gottes geftihlt, uner- 
klårlich, muthwillig behauptete der Mann, strafend; aber nur das 
Weib erkannte noch immer Sein Antlitz. Der Schlag, der den Mann 
von Gott hinweggetrieben, gebrochenen Herzens und låsternd, fuhrte 
das Weib wie mit unerklårlicher Anziehungskraft nåher zu Ihm hin. 

»Sollte der Schmerz dennoch låutern konnen?« dachte der Mann, 
als er in ihr klares und seltsam heiteres Gesicht blickte. 

In fruherer Zeit hatte er keinen Augenblick gezøgert mit der 
Antwort auf solche Frage. Der aus seinem personlichen Frieden 
geborene, oberflåchliche Optimismus, wie er jetzt zu sagen pflegte, 
erklårte fruher mit verdåch tiger Leichtigkeit die Reinigung durch 
Schmerz als eine AussØhnung der Liebe Gottes mit dem ewigen 
Leidensweg des Menschen. Er hatte so anmuthig und belehrend 
gesprochen vom Leiden wie von einer nothwendigen Bedingung des 
Wachsthums, dass er in seinem Eifer ganz danach zu fragen vergass 
— weshalb denn eine so grausame Bedingung an die unfreiwillige 
Existenz des Menschen geknupft sein miisse. Wåre es einer liebevollen 
Allmacht nicht ebenso leicht gewesen, das Wachsthum zu einem 
Kinde der Freude zu machen? 

Damals hatte ein mit dem Gram vertrauterer alterer Freund ihn ge- 
fragt : »Ist es denn wahr, dass das Leid stets oder wenigstens oft eine reini- 
gende Wirkung in uns hervorbringt anstatt vielmehr eine erniedrigende ?c 
Unser Theoretiker philosophierte aber uber den Schmerz unentwegt 
weiter, weil er ihn nur aus Biichern — oder aus den Erfahrungen 
seiner Freunde — kennen gelernt hatte. Noch war er nicht mit dem 
rauhen Griff der Wirklichkeit in Beruhrung getreten. 

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802 LE GALLIENNE. 

Als dann aber die Reihe an ihn kam, was fur ein armselig 
Ding da draussen im Sturm schien ihm seine zierliche Philosophie! 
Da war es schon eher die Philosophie, die bei ihrem Philosophen 
Zuflucht suchte, als dass sie ihm Zuflucht gewåhren konnte! Und 
doch: vielleicht ist diese Philosophie weniger im Unrecht gewesen, 
als vielmehr zu fruhzeitig gewachsen — vor, statt nach der Erfahrung? 
Die Zuversicht, die standhaft tragt, muss aus dem Augenblick sich 
emporringen, wo die Seele ihrer am meisten bedarf. Fur jede Qual 
ihren eigenen Frieden. Wir vermOgen dem plotzlichen Streich des 
Geschicks ebenso wenig vorzubeugen wie dem Oberfall eines Feindes, 
den wir nicht kennen. Vergebens uben wir uns in geistigen Schein- 
gefechten, vergebens verbessem wir alle bekannten Waffen der Ver- 
theidigung — der Schmerz kåmpft stets mit einer anderen Waffe 
und die Strategie seines Angriffs ist immer neu. 

Als die Tage vergiengen und seine Trauer immer neue Gestalt 
annahm — nichts ist so chamåleonartig wie der Schmerz — kamen 
wohl Augenblicke, wo ein kurzer Einblick in die Wahrheit seines 
Innern, die Ahnung eines hinter allem liegenden Zweckes, ein trøstender 
kleiner Strahl der ausgleichenden Gerechtigkeit seine vertriebene Philoso- 
phie wieder schuchtern an die Thtir seiner Seele klopfen Hess. Aber 
das waren Gefuhle, die er årgerlich zuriickwies — denn in jedem 
Gram ist noch ausser der wirklichen Trauer eine gewisse absicht- 
liche Traurigkeit verborgen — die Rahel-Hålfte der Traurigkeit, die 
nicht getrOstet sein will. Willkur allein ist das nicht, sondern auch 
jene Treue im Schmerz, die eine Rechtfertigung durchaus nicht zu- 
lassen will — furdieandern. Fiir uns selbst vielleicht — aber wie 
steht es dann um sie? Sollen wir ganz unbekummert ihren Verlust 
als unseren Vortheil hinnehmen? Sollten sie in Trauer gesået haben, 
auf dass wir in FrOhlichkeit ernten kOnnen? Und dann flustert die 
Stimme wiederum: »Ist es auch ihr Verlust?« KOnnte nicht wohl die 
geheimnisvolle Kraft duren den Verlust, den sie an uns erleiden, sie 
ebenso bilden und veredeln, wie etwa ihr Verlust fur uns eine Ver- 
edlung und VerschOnerung bedeutete ? Ach ! Wer wagt es zu sagen, was 
stårker ist in dieser flUsternden Stimme: unsere sehnsiichtige Hoffnung 
fur ihr Gliick oder fiir unseres? Ist es nicht bloss unsere Selbstsucht, 
die zu sich selber spricht : »Ich will nicht långer unglucklich sein?« 

So martert sich die Seele im eigenen Leide. Das schlichte Leid 
einer einfachen Natur, in das kein Sonnenstrahl dringt, mag dagegen 
eine Wohlthat erscheinen, so unerklårlich verwandelt Schmerz sich in 
Genuss; aber das verwickelte Leiden einer vielfåltigen Natur, ein 
Zustand des Leidens, der sozusagen seine eigene Genussfåhigkeit noch 
erhalten hat, wo Pein und Wonne beieinander wohnen, stets treu 
und dennoch scheinbar unaufrichtig gegen sich selbst — solen' ein 
Schmerz ist von beiden gewiss der qualvollere, tragischere. 

Als Mann und Weib an jenem Nachmittage zu einander redeten, 
kam des Mannes alte Philosophie sehr eindringlich zu ihm zuriick; 
desto mehr runzelte er die Stim, um sie zuruckzuweisen. 



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WENN ICH GOTT WÅRE. 803 

»Wenn wir wirklich die SchOnheit des Geschaffenen zugeben, 
so bleibt dennoch der Schaffensprocess nicht minder grausam,« rief 
er aus, »nicht minder unvereinbar mit Deinem liebenden und gerechten 
Gott! Ach! Ich wfinschte nur, ich kOnnte Gott vergeben . . .« 

Ein leises »Halt ein!« kam ihr unwillkfirlich auf die Lippen. 
An dem Tonfall seiner Worte merkte sie aber, dass er keine Låsterang 
beabsichtigte — es klang eher flehend als låsternd, eher hilflos fragend, 
als profanierend. Wenn sie ihn doch nur hatte sehend machen 
kOnnen! Es war ja alles so einfach, so klar. Eine impulsive Un- 
geduld kam fiber sie. »Da sieh!« hatte sie ihm zurufen mOgen, 
»in einer geraden Linie von hier aus — kannst Du die Sonne 
sehen ?» Ffir sie war ja alles so menschlich nah und doch so von Gott 
durchdrungen. 

Der Mann empfand ein seltsam neues Sehnen — so sehen 
zu kOnnen, wie sie ! Er sass an ihrer Seite wie ein Blinder, dem man 
erzåhlt von einem wunderbaren, allumfassenden Lichte. Es musste 
doch etwas sein, was der Mfihe lohnte zu sehen, wenn es ihr Antlitz 
so leuchten machen konnte. 

Fremd war ihm der Ausdruck nicht, obwohl er ihn selten so 
heil und heiter gesehen hatte. Auf den Gesichtern ihrer Freundinnen 
und Glaubensgenossen lag er fiberall mehr oder minder, in deren Ge- 
sellschaft er die letzten Tage zugebracht hatte. Er nannte ihn halb 
scherzend den »Blick der ersten Christen.« Es war wie das 
wahre Licht, »desgleichen nie auf Land und Meer gesehen ward.« 

In seinem Hospiz war er mit einer kleinen frOhlichen Schar 
von solchen Christen zusammengetroffen. Vielleicht war es Zufall, 
aber abgesehen davon, dass Christen dieser Art selten sind, selten, 
wie die echten Junger einer jeden mystischen Offenbarung in dieser 
grobsinnlichen Welt sein mussen, war dieses Zusammentreffen unserem 
jungen Philosophen doppelt auffallend, weil er seit Jahren unter einem 
ganz fremden Volke gelebt hatte ; so schienen ihm nun diese Christen, 
mit ihren seltsam erleuchteten Gesichtern, ihrer eigenartig weltent- 
ruckten Sprache, ihren vielfachen kleinen Zartheiten und Aufmerksam- 
keiten wohl ebenso merkwfirdig, wie die ersten kleinen Gemeinden 
ihrer geistigen Vorfahren den heidnischen Philosophen in Rom oder 
Athen erschienen sein mochten. Doch es war hier das frohe Staunen 
einer lange unterbrochenen Vertrautheit und dårum nur um so selt- 
samer. Denn seine Knabenzeit hatte er unter diesen merkwfirdigen 
Menschen zugebracht. 

Wie erstaunlich, dass sie noch in derselben Weise lebten wie 
damals, als er ein Kind war; dieselben Traume tråumend und sich 
einander erzåhlend in denselben lieben, ja lieben alten Worten. Beim 
Mahle hatten ihre Håupter sich fiber den Tisch gebeugt und eine 
leise Stimme redete wie mit einem Wesen, das man nur mit ge- 
schlossenen Augen sieht. 

»Denke Dir, sie beten noch immer!« Und ein Etwas, halb 
Låcheln, halb Thrane, fragte heimlich sein Herz, ob er doch viel- 

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804 LE GALLIENNE. 

leicht eines Tages wieder beten kOnnte — beten (die Thrånen traten 
ihm in die Augen, als er daran dachte), beten, wie er als kleiner 
Junge gebetet hatte, an seines Vaters grossem Lehnstuhl kniend, 
wåhrend der Vater sich zårtlich uber ihn beugte und geheimnisvoll zu 
Gott redete mit einer Stimme so echt, so fuhlbar Seiner Allgegenwart 
nahe, dass man glaubte, Gott kOnne nicht ferner sein als die Zimmer- 
decke — aber man war zu scheu und artig, um hinzuschauen. 

Ja! es gab noch Menschen auf der Welt, die konnten beten 
trotz einer philosophischen Kritik, die schon lange den lieben Gott 
und seine Heiligen in die mythologischen Todtenkammern relegiert 
hatte, trotz einer wissenschaftlichen Kritik, welche die Kosmogonie dieser 
Glåubigen als den Weltentraum eines Kindes bezeichnet hatte — 
unerschutterliche Idealisten, welche keine Theorie des Staubes ein- 
schuchtern konnte. 

So lange schon daran gewOhnt, alle Erfahrung in Beziehung zu 
den Sinnen und zum alltåglichen Verstand zu bringen, war es ihm 
wunderlich zu sehen, wie sie in ihrer Sprache, in ihren einfachsten 
Handlungen eine unsichtbare Wirklichkeit, eine transcendentale Ver- 
antwortlichkeit zum Ausdruck zu bringen schienen. War es denn 
wirklich denkbar, dass sie gar nichts gehOrt hatten — nicht gehort — , 
dass dieser ihr Glaube nur ein Traum sei, ein lieblicher Traum, ver- 
blasst und verdåmmert beim Tagesanbruch der Wissenschaft ? 

O ja! Wohl hatten sie alles vernommen. Und sie hatten still 
dazu gelåchelt, gutig, nachsichtig, ein klein wenig traurig, ein klein 
wenig schalkhaft. Denn — sie wussten. Wussten? Durch eine Gnade 
Gottes — oder der Natur, wenn ihr wollt, aber dennoch Gottes — 
waren sie sehend geworden. Es war ja ganz naturlich, dass die, welche 
nicht gesehen hatten, leugnen wtirden, aber die Offenbarung war nichts- 
destoweniger Wahrheit. Das Gebet nicht wahr — nicht erhOrt — 
nicht gewåhrt? Komm, wir wollen dir eine Geschichte erzåhlen. 
HOre! Dies ist mir widerfahren. Mir, thatsåchlich mir! Keine Ein- 
bildung — ich weiss es und diese Freundin hier kann dir dasselbe 
sagen, und jene dort ist wunderbar von Gott gesegnet und getrOstet 
worden im Gebet. Traute alte Marchen des Glaubens, wie zauberhaft 
sie uns anzogen, wie wahr sie klangen. Wie wenn wir den Gespenster- 
geschichten eines Freundes lauschten, dessen Wort nicht angezweifelt 
werden durfte — und wenn nun doch . . . angenommen sie wåren 
wirklich wahr? KOnnten sie wahr sein? 

Intellectuelle Kritik war hier nicht anwendbar, ungehorig und 
unanwendbar, wie auf die Offenbarungen "der Schonheit, die fur ihn 
seit langem die einzigen Zeugnisse des GOttlichen gewesen waren. 
War es schliesslich doch nur ein Unterschied des Auges, der An- 
schauung? Sollte er auf horen an das Mysterium der SchOnheit zu 
glauben, weil es vor andern Augen verborgen war? Vielleicht erfassten 
sie Gott in åhnlicher Weise, wie er die SchOnheit erfasste! 

Er, der Schonheit-Glåubige, sie die Gottes-Glåubige — so hatte 
er sich und seine Begleiterin genannt. 



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WENN ICH GOTT WÅRE. 805 

»Konnte er an die SchOnheit glauben und nicht an Gott?« fragte 
sie einfach, als die beiden iiber die HOhen der Erde ins Weite blickten. 

»Nehmen wir denn das als ein Fundamentalprincip in dieser Welt 
an?« erwiderte er, »dass der Glaube an die SchOnheit nothwendiger- 
weise den Glauben an unsere schOnen Freunde in sich schliesst? 
Gehen schOne Gesichtsziige immer mit schOnen Thaten Hånd in 
Hånd?« »Und dann,« fuhr er låchelnd fort, »ist das wohl auch nicht 
ganz die richtige Auffassung und Beweisfuhrung fur einen echten 
Christen, von der SchOnheit auf die Gute zu schliessen, von der SchOn- 
heit der Welt auf die Giite Gottes? Gibt es nicht viel Giite, die von 
der SchOnheit geradezu peinlich weit entfernt ist? Und ist nicht der 
gute Christ nur umso wertvoller, wenn er ein klein wenig unscheinbar 
oder hausbacken ist?« 

»Der Christ,« entgegnete sie ernst, »hat es oft nicht umgehen 
kOnnen, die SchOnheit zu bekåmpfen, und mag es kunftig wieder thun 
mussen; aber der Christ, der nach Wissen trachtet — denn Du be- 
greifst doch selbstverståndlich, dass es Christen gibt, die nach Erkenntnis 
trachten, die wohl wissen, warum sie Christen sind; und andere, die 
aus Gehorsam Christen sind, standhaft und unterwurfig einem Gesetz, 
das sie nicht kennen — der nach Erkenntnis trachtende Christ wird 
stets mit wehem Herzen gegen die SchOnheit streiten.« 

»Du weisst,« fuhr sie fort, »jedes geistige Gut birgt seine Gefahr. 
Sogar die Vortrefflichheit selber bildet Laster aus, Herbheit und Eng- 
herzigkeit, wie die SchOnheit zur Weiche und Schlaffheit der Seele 
fuhrt. SchOnheit ist nur einer von Gottes Engeln, und sie zu ehren, 
als sei sie Gott selbst, heisst sie verwirren und entstellen durch falsche 
Anbetung. Aber sie ist ein Engel und als solener ein Bote Gottes, 
der vielleicht auf seinem Wege seine Botschaft vergessen hat, geblendet 
vom Weihrauch aus irdischen Altåren. 

Das ist die Gefahr eurer neuzeitlichen SchOnheits-Religion — ihr 
betet den Boten an und vergesst die Botschaft«. 

»Weiche Botschaft hat denn die SchOnheit ånders als ihre eigene 
SchOnheit zu verkiindigen?« fragte der Mann. 

»Die Botschaft der SchOnheit ist die Giite Gottes,« antwortete sie. 

Nach einer Pause sagte er: »Du hast ungewOhnliche Dinge aus- 
gesprochen, aber Du hast sie kaum bewiesen. Du hast gesagt, die 
Welt sei schOn, dårum ist Gott gut. Nun denn, fassen wir einmal 
Deinen Standpunkt in einen bestimmten Gradmesser ein und sagen 
wir: die Welt ist so schOn, wie Gott gut ist. Dann fragt sich: wie 
schOn ist die Welt — und wie håsslich! Hinter der grunen Maske 
des Fruhlings lauert ein heimliches Scheusal mit fletschenden Zåhnen ; 
die SchOnheit ist sein Koder; und dieses liebliche Grun, was ist es 
ånders als das gleissende Grun eines Riesengrabes, die Pestgrube, 
in die die Menschheit Jahrtausende um Jahrtausende hineinsturzt ? Die 
grtine Welt! Ja! Das wunderschOne grune Grab der Menschheit, in 
Ordnung gehalten vom Todtengråber Sonne und niedlich ausgestattet mit 
all den grossen und kleinen Gånseblumchen, genannt Himmelssterne.« 



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806 LE GALLffiNNE. 

»Du bist traurig,« sagte sie leise, »und Deine Seele ist sehr krank«. 

»Wessen Seele sollte nicht krank sein, wenn er an den namen- 
losen Jammer dieser Welt denkt, >dieser grunen Welt<?!« 

»Ja, das ist ein gutes Gefiihl, eine zu stiirmische Giite. Gott 
kennt die Schmerzen seiner Welt und er låchelt, wenn wir ihm helfen, 
sie zu ertragen; aber er will nicht, dass wir versuchen, alles auf 
unsere schwachen Menschenschultern allein zu nehmen. Wenn wir 
vergessen, dass er mittrågt, so vergessen wir ihn selbst. Denn Gott 
kennt die Bedeutung des Leidens und låchelt. Und sein Låcheln ist 
SchOnheit. Traurige Gråber grunen, sagst Du, aber das ist auch nur 
wieder eine mystische Verkiindigung von Gottes Willen. Wenn wir 
wussten, warum die Gråber grun werden, so kOnnten wir die schOne 
Bedeutung des Todes begreifen — und ganz ohne eine Ahnung seines 
Sinnes sind wir ja auch nicht.« 

(Fortsetzung folgt.) 



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EIN WIRKLICHER BRIEF AN EIN WIRKLICHES 
ZWOLFJÅHRIGES MÅDCHEN. 

(Aus dem Cyklus »Das Leben selbst«.) 

Von PETER ALTENBERG (Wien). 

Piroska, meine Liebe, Sie werden naturlich das durchaus 
nicht verstehen, was ich hiemit zu Ihnen sage und vielleicht wird 
es Ihnen auch niemals erklårlich werden. 

Denn Sie beginnen den Weg, welchen ich bereits zu Ende 
gegangen zu sein das Vergniigen håbe. 

Jawohl, das Vergniigen ! 

Denn ich håbe das Vergniigen, meine Seele, meinen Geist, 
auf ziemlich unwegsamen Pfaden bereits dorthin gebracht zu 
haben, wo dieselben ausruhen durfen von den Strapazen und 
einen gewissen Uberblick haben iiber das Land, das Land der 
Traume, der Realiteten und der iiberfliissigen Emotionen! Ich 
wiederhole Ihnen, Piroska, meine Liebe, dass Sie diese Dinge 
auch spåterhin nicht erklårlich finden konnten, niemals; denn die 
Wege des Mådchens und der Frau pflegen dort geråde abzu- 
brechen, wo eben die Pfade unserer Weisheiten beginnen! 

Nun, Piri, mein Liebling, das mochte ich Dir mittheilen, 
dass alles Jugendliche, welches ich antraf auf meinen Lebens- 
wegen, mir alt vorkam, greisenhaft, gebrechlich, leicht zu er- 
schuttern und zu schwåchen vor lauter miihseligen Hoffnungen 
und Tages-Tråumen und sehnsiichtigen Emotionen und Unent- 
schiedenheiten in dem und in jenem. Die jungen Mådchen, welche 
ich sah, besassen die Falten unruhiger Lebenssehnsuchten in ihrem 
milden Antlitz, ja sogar in ihren Augen. Die Jiinglinge waren 
blass oder puterroth vor todtem, gleichsam gestocktem, durch 
Generationen mitgeschlepptem Ehrgeiz, welcher wie Blei in ihrem 
Nervensysteme lag. 

Selbst die Natur, diese friedevolle, schien mir unruhevoll zu 
sein und sich zu sehnen, der Sommer nach dem Herbst, das 
baumelnde Blatt nach Fallen, Ruhen, das Wasser nach Ver- 



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808 PETER ALTENBERG. 

dunsten, die Wolke nach Concentration in Tropfen. Alles, alles 
war alt vor inneren Unruhen, vor uberflussigen Bewegungen, 
welche den Organismus schwåchen und gleichsam die chemischen 
Verbindungen, Organisierungen auseinanderschiitteln und ver- 
hindern. 

Gebt Ruhe! 

Siehe! Bismarcks und Goethes Geist waren von Anbeginn 
voll Ruhe. In unerschutterlichen Sicherheiten waren sie, Tag und 
Nacht, zu jeder Stunde, niemals bedrångt von sich selbst, so 
wenig wie die Lunge von ihrem Athmen, das Herz von seinem 
Klopfen bedrångt wiirde! 

Sie wirkten, ruhevollst! 

Aus diesem Frieden wuchs die Kraft, die Grosse! 
So sei Dein Herz, o Mensch! So wachse, Frauenseele! 
Alles also, wie gesagt, Piroska, Piri, mein schoner Liebling, 
war alt und kam mir alt vor vor lauter Jugendlichkeiten, 
weil es an sich selbst riittelte, Thore vorzeitig aufzusprengen 
suchte und zu Erlosungen stiirmisch zu kommen trachtete! 

Da erblickte ich Dich . 

Da erblickte ich Dich und der heilige Friede der Unbedenk- 
lichkeiten, der inneren Harmonien, mit einem Worte der von ihrem 
Irrgange erlosten Welt, offenbarte sich mir in Dir! 

Piroska, Piri !? 

In Deinen sussen Augen lag es, auf Deiner sanften Stirne 
lag es, auf Deinen schimmernden Haaren lag es, in Deiner zarten 

Gestalt lag es . 

Willenlos, vom Wollen erlost, wunschlos, vom Wunschen 
los, ohne Anfang, ohne Ende, ein in sich gesichertes Sein, lebst 
Du, Piroska, wie der Stern auf seiner ihm selbst mysteriosen 
Bahn, wie das Genie, welches sich verlåsst auf einen Gott 
in ihm! 

Da sitzest Du, Piri, mein Liebling, in ewiger Jugend, nimmst 
meinen freundschaftlichen Blick an in Ruhe, meinen fréundschaft- 
licheren Handedruck, meine sanfteste Beriihrung Deiner seidenen 

Haare . 

In Ruhe låchelst Du. 

Eine Blume gibst Du mir, welche ich natiirlich kiisse. Du 

wirst nicht roth, nicht blass dabei . Wie der See nicht 

errothet oder erbleicht, wenn der Dichter denselben besingt oder 
sich sogar vor ihm verneigt im Abendfrieden. 



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EIN WIRKLICHER BRIEF AN EIN WIRKLICHES 12JÅHR. MÅDCHEN. 809 

Bleibe jung, Piri, indem Du niemals jugendlich wirst und 
einherstiirmst innerlich. Bleibe jung, indem Du selber unbe- 
weglich bleibst und die Schonheiten und Bitterkeitejn 
dieser Welt in Dich einstromen lassest, und, gleich der 
Seelen-Constitution edler Griechinnen, Dir Wunden geråde so tief 
nur schlagen lassest vom Leben, dass sie noch leicht und schon 
vernarben und eine neue Zierde Deiner Seele werden! Wie 
Schrammen von Helden, welche von Siegen kommen! 

Bleibe ruhig . Dem unbeweglichen Fischer kommt 

der Lachs an die Angel. 

Bleibe ruhig, Piroska, lasse Dich nicht erschuttern von Dir 
selbst, von Tråumen und Vergeblichkeiten ! 

Bleibe ruhig ! Dann wird diese herrliche, bewegte, stromende 
Welt in Dich sich ergiessen, weil sie selbst, diese Rastloseste, 
einen Hafen der Ruhe sucht. In Deine ruhevolle Seele wird sie 
sich ergiessen, Piroska, und wird Dich ausfiillen und reich machen. 
Glucklich?! Nein, reich!! 

Piroska, meine Liebe, ich vermuthe, Du wirst diese Dinge 

niemals ganz erklårlich finden. Weshalb?! Weil Eure Wege dort 

abzubrechen pflegen, wo die Pfade unserer Weisheit erst be- 

ginnen . 

Dein 

Peter Altenberg. 



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EIN FRANZOSISCHER CARICATURIST : 
CHARLES LÉANDRE. 

Von KARL EUGEN SCHMIDT (Paris). 

Wåhrend der letzten Wahlcampagne in Frankreich hatte der 
»Figaro«, dieses schlaue Kammermådchen der Offentlichen Meinung, 
die gute Idee, die bekanntesten Candidaten dem Publicum in Wort 
und Bild vorzufiihren, und schaute sich zu dem Ende nach einem 
Caricaturisten um. In Paris, wo ein Kunstler auf dem andern sitzt, 
sind die Zeichner von Zerrbildern nicht geråde dunn gesået, und der 
»Figaro« hatte in gewissem Sinne mit dem Embarras de rich esses zu 
kåmpfen. Sollte er Forain oder Caran d'Ache, den phantastischen 
Jean Veber oder den lyrischen Adolphe Willette nehmen ? Schliesslich 
wandte sich das Boulevardblatt an Charles Léandre, und sechs Wochen 
lang war im »Figaro« jeden Tag die komische Fratze eines Politikers 
zu sehen. Als dann die Wahl voriiber war, brachte der »Gaulois« 
einen långeren Artikel an leitender Stelle, worin von der abschreckenden 
Håsslichkeit dieser PolitikerkOpfe ein Langes und Breites geredet und 
Léandre als ein bitterer Feind der Politik und als ein grausamer 
psychologischer Kritiker geschildert wurde. Nach der Ansicht des 
Artikelschreibers war Léandre ein boshafter Satiriker, der in seiner 
Erbitterung gegen die Politik aus jedem Politikerschådel alle Nieder- 
tracht und Schlechtigkeit herauslas, um sie in seinen Caricaturen 
verstarkt wiederzugeben. 

Als wir diesen Artikel lasen, mussten wir vom Herzen lachen, 
und der am vergniigtesten mitlachte, das war Charles Léandre selbst. 
Die Sache war aber auch wirklich komisch, und um die ganze Hohe 
ihrer Komik ermessen zu kOnnen, muss man Léandre, diesen gut- 
miithigsten und liebenswurdigsten alier Zerrbilderzeichner, persønlich 
kennen. Vor mir liegt eines seiner Selbstportråts, worin er die Eigen- 
thiimlichkeiten seiner Ersc heinung mit der nOthigen Obertreibung zu 
Papier gebracht hat. Auf einem kreisrunden Båuchlein sitzt unver- 
mittelt ein ebenso runder und fast ebenso grosser Kopf, woraus zwei 
Riesenaugen wie Glaskugeln herausstehen ; darunter eine grosse, 
klobige Nase, eine feiste Wange, welche den Mund ganz zusammen- 
drtickt; ein rundes Kinn, wovon ein diinnes Ziegenbårtchen hångt; 
der runde KOrper ruht auf ebenso runden, ganz kurzen Beinchen, und 
als charakteristische Zugabe hat sich der Zeichner hinten ein anmuthig 
geringeltes Schweineschwånzchen angehångt. 

Wohlverstanden, so sieht Léandre auf dem von ihm selber ge- 
zeichneten Selbstportråt aus, die Wirklichkeit ist etwas ånders, obgleich 
die Zeichnung von låcherlicher Ahnlichkeit ist. Ich erinnere mich, 
dass er eines Abends im Café de la Nouvelle Athenes eine junge 
und hubsche Dame zeichnete. Es wurde daraus ein abscheuliches 
Gesicht mit grossem Munde, schiefer Nase, kleinen Schlitzaugen und 



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EIN FRANZØSISCHER CARICATURIST: CHARLES LÉANDRE. 8ll 

enger Stim. Das Original der Zeichnung war entriistet fiber ein 
solches Attentat auf ihre SchØnheit. Sie sah in den Spiegel und 
verglich ihr Portråt mit sich selbst. Da wuchs ihr Zorn zur Wuth 
und sie zerriss das arme Stuck Papier. War sie zornig wegen der 
Ungeschicklichkeit des Zeichners? O nein, sie war ganz einfach 
daruber zornig, dass das abscheuliche Bild ihrem hubschen Gesicht 
so åhnlich sah. Sie hatte wirklich einen grossen Mund, eine schiefe 
Nase, kleine Schlitzaugen und eine Idiotenstirne. Nur hatte dies bisher 
kein Mensch bemerkt, und erst als sie dem unerbittlichen Physiognomen 
Léandre zum Opfer geworden war, wurden ihre SchOnheitsmångel fur 
jeden sichtbar. 

Die Caricatur ist von jeher etwas Uber die Achsel angesehen 
worden, meiner Ansicht nach nur deshalb mit einem Anschein von 
Recht, weil so viele Leute Caricaturen zeichnen, die keine zeichnen 
kOnnen. In Wirklichkeit ist es schwerer, eine gute Caricatur zu 
zeichnen als ein Portråt. Jeder Mensch, der gesunde Augen und 
Hånde hat, kann es mit einiger Beharrlichkeit dahin bringen, ein 
Gesicht einigermassen åhnlich abzuzeichnen. In diesem Gesichte aber 
sofort alle von den Normalformen abweichenden charakteristischen 
Eigenthumlichkeiten zu entdecken und sie so zu iibertreiben, dass 
die Verzerrung die Åhnlichkeit nicht geringer, sondern im 
Gegentheil grOsser macht, das ist eine Kunst, die man nicht 
lernen kann. Das muss angeboren sein. Ein weiteres gebieterisches 
sine qua non beim Caricaturenzeichnen ist die innigste Vertrautheit 
mit der anatomischen Structur des Gesichtes. Man muss der unge- 
heuren Nase ansehen, dass sie trotz ihrer Ungeheuerlichkeit in der 
Natur so vorkommt, dass sie von einem angemessenen Knochengerust 
getragen wird und nicht nur als unnaturlicher Klumpen dahångt. 
Der Portråtzeichner braucht nur der Wirklichkeit zu folgen, um eine 
gute oder wenigstens annehmbare Arbeit zu liefern. Der Zerrbildner 
aber muss die Wirklichkeit iibertreiben, ohne die Schranken der 
physischen MOglichkeit zu fiberschreiten. Es gibt Gesichter, die 
man sehr wohl portråtieren, aber nicht carikieren kann: bei ganz 
regelmåssigen Ziigen låsst sich keine Einzelheit iibertreiben, wenn 
man nicht der Åhnlichkeit schaden will und vor derartigen Gesichtern 
muss die Kunst des Zerrbildners haltmachen. 

Diese Gabe, in einem jeden Gesicht sofort alle Eigenthumlich- 
keiten zu entdecken und duren ihre Betonung die Åhnlichkeit in der 
komischesten Weise zu erhOhen, besitzt Charles Léandre in ganz 
hervorragendem Masse. Die Leute, welche ihn mit dem Artikelschreiber 
des »Gaulois« fur einen Psychologen halten, irren sich: Psycholog ist er 
nur insoweit, als das Gesicht der Spiegel der Seele ist. Was die Zuge 
vom. Seelenleben offenbaren, das erfasst er auf den ersten Blick 
sicher und untriiglich, und wenn die Politiker im »Figaro« wirklich 
alle so niedertråchtig aussehen, wie der »Gaulois« meint, so ist das 
nicht einer boshaften Voreingenommenheit des Zeichners zuzuschreiben, 
sondern ganz einfach der Thatsache, dass die Politik ein unehrliches 



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812 SCHMIDT. 

Geschåft ist, das den professionellen Politikern auch åusserlich seinen 
Stempel aufdriickt. Léandre selbst fragt nichts nach diesen Subtilitåten, 
ihm kommt es einfach darauf an, die Formen so komisch wie møglich 
zu veråndern und dabei doch die grOsste Åhnlichkeit mit dem Original 
zu erzielen. 

Als ich ihn im Anfang des Larms fur und wider Zola fragte, 
auf welcher Seite er seinen Stift zu fuhren gedenke, antwortete er: 

»Am liebsten wåre ich fiir Zola, aber der Mann hat ein so 
komisches Gesicht, dass ich es nicht iiber's Herz bringen kann, ihn 
durchzulassen.« 

Léandre ist ein Caricaturist, das ist auch seine ganze politisene 
Gesinnung. Er bearbeitet mit dem gleichen Vergniigen Cavaignac 
und Zola, Felix Faure und die KOnigin von England, Yvette Guilbert 
und Mounet-Sully, Méline und Jaurés. Als vor einem Jahre der 
»Figaro« in seinem Ausstellungssaale mehrere hundert Zeichnungen 
Léandres zusammenbrachte, konnte man daselbst eine vollståndige 
Galerie aller Pariser Beruhmtheiten bewundern. Und aus allen diesen 
Bildern lachte den Beschauer der nåmliche Humor an, der uns in 
Rabelais entgegentritt. Es ist die alte gaieté gauloise. 

Fiir das grosse Publicum ist Charles Léandre nur ein Caricaturist, 
die aufmerksamen Besucher der Pariser Kunstausstellungen aber wissen, 
dass er auch im ernsthaften Portråt ganz Hervorragendes leistet. Er 
gehOrt zu den bedeutendsten Pastellisten Frankreichs und seine Bild- 
nisse von Frauen und Kindern, die er uns alljåhrlich in der Aus- 
stellung der Pastellisten bei George Petit vorfQhrt, zeichnen sich eben- 
sosehr durch Anmuth, Leben und reizende Farbengebung aus, wie 
seine Caricaturen durch larmende FrØhlichkeit. Der Pastellist Léandre 
kam zur nåmlichen Zeit in die Mode, wo die Redactionen der 
illustrierten Zeitungen auf ihn aufmerksam wurden, und den Stamm- 
gåsten der Nouvelle-Athénes gereichte es nur halbwegs zur Freude, 
dass ihr Genosse so beriihmt und seine Arbeiten so begehrt wurden. 
Denn fruher sass Léandre allabendlich im Kreise seiner Freunde, und 
wåhrend er mit diesen plauderte, bedeckte sich ein Blatt Papier nach 
dem andern mit den komisch entstellten Fratzen der Gåste. Oft hat 
er an einem Abend in dieser spielenden Weise fiinf und sechs Cari- 
caturen gezeichnet und die Umsitzenden pflegten die Zeichuungen 
nachher in die Tasche zu stecken und mit nach Hause zu nehmen. 
So entstand seiner Zeit das vor zwef Jahren erschienene Album 
»Les Nocturnes«, worin Léandre die hervorragendsten dieser Kaffee- 
hausbilder vereinigt hatte. 

Jetzt aber ist er vom Moloch der Beruhmtheit ereilt worden und 
kann sich gegen den Sturm der Bestellungen nicht wehren: er zeichnet 
regelmåssig fiir die »Illustration«, den »Figaro«, das »Rire«, das »Journal 
amusant«, und eine Merige kleinerer Blåtter; er illustriert ein lustiges 
Buch nach dem andern, und kaum ist er mit einem Pastell zu Ende 
gekommen, so tritt schon ein neuer Auftraggeber herein, um sich auf 
den Modellstuhl zu setzen. . . . 



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AUS WALT WHITMANS AUFZEICHNUNGEN 
UBER DEN AMERIKANISCHEN BORGERKRIEG (1861— 65). 

Obersetzt von Karl Federn. 

(Fortsetzung.) 

An der Front. 

Falmouth in Virginia, gegenuber von Fredericksburg, 21. De- 
cember 1862. — Beginne meine Besuche in den Feldlazarethen der 
Potomac-Armee. Verbringe einen guten Theil des Tages in einem weiten 
Ziegelgebåude an den Ufern des Rappahannock, das seit der Schlacht 
als Lazareth verwendet wird — scheint nur die schlimmsten Falle 
aufgenommen zu haben. Vor den Thiiren, am Fusse *eines Baumes, 
keine zehn Ellen vom Hause entfernt, liegt ein Haufen amputierter 
Fiisse, Schenkel, Arme, Hånde etc, eine geniigende Ladung fiir einen 
einpferdigen Karren. Einige Leichname liegen in der Nåhe, jeder mit 
seinem braunen, wollenen Tuche zugedeckt. Im Thorhof gegen den 
Fluss sind frische Gråber, meist von Officieren, die Namen auf Stucke 
von Fassdauben oder zerbrochenen Brettern geschrieben, die im Kothe 
stecken. (Die meisten dieser Leichen wurden spåter aufgehoben und 
nach dem Norden zu ihren Freunden transport iert.) Der weitlåufige 
Bau ist gesteckt voll, oben und unten, alles improvisiert, kein System, 
alles schlecht genug, aber zweifellos das Beste, was sich thun Hess; 
alle Wunden recht arg, einige furchterlich ; die Leute in ihren alten 
Kleidern, unsauber und blutbefleckt. Einige der Verwundeten sind 
gefangene Rebellen, Soldaten und Officiere. Einer davon, ein Mississipier, 
ein Hauptmann, schlimm am Fusse verwundet; ich sprach mit ihm 
eine Zeitlang; er bat mich um Zeitungen, die ich ihm gab. (Ich sah 
ihn drei Monate spåter in Washington, den Fuss abgenommen, sonst 
wohl.) Ich gieng durch die Råume, oben und unten. Einige der Leute 
waren im Sterben. Ich hatte nichts zu geben bei diesem Besuch, 
schrieb aber ein paar Briefe an ihre Leute zu Hause, Mutter etc. 
Sprach auch mit drei oder vieren, die dafiir am meisten zugånglich 
oder darnach bedurftig schienen. 

Nach der ersten Schlacht von Fredericksburg. 

23. bis 31. December. — Die Resultate der letzten Schlacht sind 
uberall sichtbar in der Umgegend in tausenden von Fallen (hunderte 
sterben tåglich hin) in den Feldlazarethen, den Brigade- und Divisions- 
spitålern. Es sind nur Zelte und oft recht armselige ; die Verwundeten 



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814 WHITMAN. 

liegen auf der Erde, ein Gluck, wenn ihre Leintiicher auf Lagerståtten 
von Pinienreisern oder den Zweigen der Schierlingstanne oder Laub 
gebreitet sind. Keine Bettståtte, selten eine Matratze. Es ist hubsch 
kalt. Der Boden ist hart gefroren, hie und da Schnee. Ich gehe herum 
von einem zum andern. Ich finde nicht, dass ich diesen Wunden und 
Sterbenden viel Gutes thun kann, aber ich kann sie nicht verlassen. 
Da oder dort fasst ein Junge mich convulsiv und halt sich an mich, 
und ich thu' fur ihn, was ich kann, wenigstens bleib' ich bei ihm, 
sitze bei ihm stundenlang, wenn er es wunscht. 

Ausser den Spitålern gehe ich gelegentlich auf lange Runden 
durch die Lager, plaudere mit den Leuten etc. Sitze hie und da bei 
Nacht unter den Gruppen um die Feuer in ihren Shebang-Gehegen 
aus Stråuchern. Es sind eigenthiimliche Scenen, voll von Charakteren 
und Gruppenbildern. Ich werde bald iiberall im Lager bekannt, mit 
Officieren und Leuten, und man begegnet mir immer freundlich. Mit 
den Regimentern, die ich am besten kenne, geh' ich manchmal auf 
Feldwache. Was die Nahrung anbelangt, so scheint die Armee hier 
gegenwårtig ertråglich verproviantiert zu sein und die Leute haben 
genug — von dem, was sie kriegen: hauptsåchlich gepOckeltes 
Schweinefleisch und harten Kåse. Die meisten Regimenter campieren 
in den årmlichen, kleinen Schutzzelten. Einige wenige haben sich 
Hutten aus Balken und Lehm mit Feuerståtten erbaut. 

Funfzig Stunden verwundet auf dem Feld. 

Hier ein Fall eines Soldaten, den ich unter den dichtgedrångten 
Betten im Patentamt fand; er freut sich, wenn er jemanden hat, mit 
dem er plaudern kann, und wir wollen ihm zuhOren. An jenem 
ereignisreichen Samstag, den 13. December, vor Fredericksburg wurde er 
schlimm in Schenkel und Hiifte getroffen. Die zwei folgenden Tage 
und Nåchte lag er hilflos auf dem Feld zwischen der Stadt und den 
grimmigen Terrassen von Batterien; seine Compagnie und Regiment 
waren gezwungen, ihn seinem Schicksal zu uberlassen. Die Sache 
wurde noch schlimmer dadurch, dass er mit dem Kopf ein wenig 
nach abwårts zu liegen gekommen war und sich selbst nicht ånders 
legen konnte. Nach etwa funfzig Stunden wurde er mit anderen 
Verwundeten unter einer Waffenstillstands-Flagge vom Feld getragen. 
Ich fragte ihn, wie ihn die Rebellen wåhrend dieser zwei Tage und 
Nåchte, die er in ihrem Bereiche lag, behandelt hatten, ob sie zu 
ihm gekommen waren, ob sie ihn misshandelten? Er antwortete, dass 
mehrere Rebellen, Soldaten und andere, zuzeiten zu ihm kamen. 
Ein paar, die beisammen waren, sprachen rauh und sarkastisch, thaten 
aber nichts Schlimmeres. Ein Mann von mittleren Jahren indessen, der 
im Feld unter den Todten und Verwundeten in guten Absichten umher- 
zugehen schien, kam zu ihm in einer Weise, die er nie vergessen 
wird ; er behandelte unseren Mann in gtitiger Art, verband seine 
Wunden, sprach ihm Muth zu, gab ihm einige Biscuits und einen 
Trunk von Whisky und Wasser, fragte ihn, ob er etwas Fleisch 



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AUFZEICHNUNGEN OBER DEN AMERKANISCHEN BCRGERKRIEG. 815 

essen kOnnte. Aber auch dieser gute Secessler ånderte die Lage 
unseres Soldaten nicht, weil durch die Bewegung das Blut aus den 
verklebten und gestockten Wunden hatte brechen kOnnen. Unser 
Soldat ist aus Pennsylvania, hat eine recht arge Zeit hinter sich, 
denn die Wunden erwiesen sich als schlimme. Ist aber guten 
Muthes geblieben und es geht jetzt aufwårts mit ihm. (Es ist nichts 
UngewOhnliches, dass da Leute in dieser Art auf dem Felde bleiben, 
ein, zwei, ja selbst vier oder funf Tage lang.) 

Das Weisse Haus im Mondlicht. 

24. Februar. Ein Intermezzo von schOnem, milden Wetter. Ich 
wandere ein gut Theil umher, manchmal des Nachts unter dem Mond. 
Sah heut* Nacht lange auf das Haus des Pråsidenten. Das weisse 
Portal, die palastartigen, hohen, runden Såulen, fleckenlos wie Schnee 
— die Wånde desgleichen — das zarte und milde Mondlicht, das 
Qber den bleichen Marmor flutete und eigenthumliche, schwache, 
schwindende Schattierungen — keine Schatten — wirft, uberall ein 
sanftes, transparentes, nebelhaftes, dunnes, blaues Mondnetz, in der 
Luft hangend — die glånzenden, ungewOhnlich reichen Gascandelaber 
rings um Fa9ade, Portal und Såulengang, alles so weiss, so marmorn 
rein, blendend und doch so mild — das Weisse Haus kunftiger 
Dichtungen, das Haus kunftiger Traume und Dramen, hier im milden, 
reichflutenden Mond — die pomphafte Front in den Båumen, unter 
dem strahlenden, hellen Mond, voll Wirklichkeit, voll traumhaften 
Scheines — die Båume entlaubt, schweigend, die Stamme und die 
Myriaden von Winkeln und Ecken im Netzwerk der Zweige, unter 
den Sternen und dem dunkeln Himmel — das Weisse Haus des Landes, 
und der SchOnheit und der Nacht — Schildwachen vor den Thoren 
und im Gang, schweigend in ihren blauen Månteln auf und nieder- 
schreitend, — sie halten niemanden an, aber folgen mit scharfen 
Augen, wo immer man geht. 

Eine Abtheilung im Militårspital. 

Einen Besuch will ich ausfuhrlich erwåhnen, den ich den baracken- 
artigen, einstOckigen Bauten des Campbell-Hospitals draussen in der 
Ebene, am Ende der damaligen Pferdebahn in der 7. Strasse machte. 
Far jede Abtheilung ist ein langes Gebåude da. Gehen wir in die 
Abtheilung 6. Sie enthielt heute, nach meiner Schåtzung achtzig bis 
hundert Patienten, zur Hålfte Kranke, zur Hålfte Verwundete. Das 
ganze Gebåude besteht nur aus Brettern, die innen gut geweisst sind, 
und den gewOhnlichen, diinnen Eisenbettståtten, schmal und einfach. 
Wenn man den Mittelgang hinabgeht, hat man auf jeder Seite eine 
Reihe, die Fusse gegen uns, die KOpfe zur Wand gerichtet. Feuer 
sind in grossen Ofen angezundet und das vorherrschende Weiss der 
Wånde ist durch einigen Schmuck, Sterne und Krånze von Immergrun 
gehoben. Das ganze Gebåude ist ohne Abtheilung, so, dass es mit all 
seinen Inwohnern mit einem Blick ubersehen werden kann. Man kann 



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816 WHITMAN. 

StOhnen oder anderer Laute unertråglichen Leidens von zwei oder drei 
der Bettstellen hOren, aber im ganzen herrscht Ruhe, ein beinahe 
schmerzliches Fehlen alier Demonstration ; nur die bleichen Gesichter, 
die stieren Augen und der Schaum auf den Lippen sind Demonstration 
genug. Die meisten dieser Kranken und Wunden sind offenbar junge 
Burschen vom Land, FarmerssOhne und dergleichen. Man achte auf 
die schOnen breiten Gestalten, die hellen und starken Gesichter, die 
vielen, noch merklichen Zeichen einer kråftigen Constitution und 
gesunden Natur. Man achte auf die geduldige, stumme Art unserer 
amerikanischen Verwundeten, wie sie hier in solch trauriger Ver- 
sammlung lagen; Repråsentanten von ganz Neu-England, von New- 
York, und New-Jersey und Pennsylvania — in der That von allen 
Staaten und allen Stådten — vielfach auch aus dem Westen. Die 
meisten von ihnen sind hier gånzlich ohne Freunde und Bekannte 
— kein vertrautes Gesicht, kaum jemals ein Wort vernunftiger Sym- 
pathie oder Ermunterung in ihren oft langen und widerwårtigen 
Krankheiten und den Qualen verschlimmerter Wunden. 

Eine nåchtliche Schlacht (vor einer Woche). 

Es war hauptsåchlich in den Wåldern, und alle Truppen im Feuer. 
Die Nacht war schOn, von Zeit zu Zeit schien der Mond voll und klar 
herunter, die ganze Natur so ruhig, das friihe Sommergras so weich und 
das Laub der Båume — und darunter das Wiithen der Schlacht, und viel 
wackere Burschen hilflos am Boden und immer neue neben sie sinkend, 
jede Minute mehr, unter dem Knattern der Gewehre und dem Krachen 
der Kanonen, das rothe, lebendige Blut rieselnd aus KOpfen, Rumpfen 
und Gliedern auf dem grimen, thaukiihlen Grås. Streifen des Waldes 
fassen Feuer, und zahlreiche Verwundete, unfåhig sich zu bewegen, 
werden von den Flammen verzehrt — iiber viele Båume fegt das 
Feuer, verbrennt die Todten — manche Soldaten kommen mit ver- 
sengtem Haar und Bart, andere mit Brandwunden an Gesicht und 
Hånden, andere mit LOchern in den Kleidern davon. Die aufzuckenden 
Flammen der Kanonen, die rascher lodernden Flammen und der Rauch, 
der ungeheure Larm, das Gewehrfeuer so allgemein — das Licht fast 
heil genug* dass die beiden Heere einander sehen kOnnen, das Krachen, 
das Stampfen der Månner, das Gebriill, das dichte Gemenge, wir 
hOren das Johlen der Secessler — unsere Leute jauchzen laut zuruck, 
insbesondere wenn Hooker in Sicht ist — Handgemenge, beide Seiten 
halten kraftvoll aus, tapfer, entschlossen, wie Dimonen erneuern sie 
ihre Angriffe auf uns — tausend Thaten wurden vollbracht, wurdig 
genug, um grOssere Gedichte auf sie zu schreiben — und immer noch 
stehen die Wålder im Feuer, und noch immer werden viele nicht 
nur versengt, nur zu viele, unbeweglich und hilflos, gehen durchs Ver- 
brennen zu Grunde. 

Dann die Plåtze fur die Verwundeten — rilf Himmel, gehOrt 
das wirklich noch zur Menschheit, diese_Fleischbånke ? Es sind 
mehrere da. Da liegen sie — im besten Falle in einer Waldlichtung 



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AUFZEICHNUNGEN OBER DEN AMERKANISCHEN BORGERKRffiG. 817 

— zweihundert bis dreihundert arme Kerle — das Schreien und 
Stohnen ! Der Blutgeruch, vermischt mit dem frischen Duft der Nacht, 
der Gråser und Båume — welch ein Schlåchterhaus ! O gut, dasa 
ihre Mutter, ihre Schwestern sie nicht sehen, nicht denken kønnen, 
nie dachten, dass solches mOglich sei. Ein Mann ist von einem 
Granatenstfick in Arm und Bein geschossen, beide sind amputiert, 
daneben liegen die weggeworfenen Gliedmassen. Einige haben die 
Beine weggesprengt, einige Kugeln durch die Brust, einige unbe- 
schreiblich furchterliche Wunden im Gesicht oder im Kopf, alle ver- 
stummelt, halb ohnmåchtig vor Obelkeit, zerfetzt, ausgebohrt — einige 
im Unterleib — einige noch Knaben; sehr viele Rebellen, schlimm 
verwundet, kommen an ihre Reihe mit den andern und wie die andern, 
die Årzte verfahren mit ihnen auf die gleiche Weise. So sieht der 
Verbandplatz aus, der Ort der Verwundeten — ein Fragment, ein 
Spiegelbild des blutigen Schauspieles in der Ferne — wåhrend fiber 
allem, der klare, grosse Mond zuzeiten sanft und ruhig scheinend 
hervortritt. Inmitten der Wålder diese Scenen entschwebender Seelen 

— inmitten des Krachens und Donnerns und all den heulenden, 
johlenden Tønen der ungreifbare Duft des Waldes und dazwischen 
wieder der stechende, erstickende Rauch — das Strahlen des Mondes, 
der vom Himmel so friedlich herabsieht — das Helldunkel hoch oben, 
die wogenden Oceane der Høhe uber ihnen, einige wenige friedliche 
Sterne, die schweigend und låssig hervorkommen und wieder ver- 
schwinden, die melancholische, sammtene Nacht fiber allem, um alles. 
Und unten auf den Feldern, auf den Strassen und im Walde der 
Kampf, wie es nie einen verzweifelteren in irgend welchen Zeiten und 
Låndern gab, beide Parteien nun in Vollzahl, Massen auf allen Seiten, 
kein Amateurgefecht, kein halbes Spiel, sondern wildwfithende Teufel, 
die in Kampf gerathen, Muth und Todesverachtung die Regel, fast 
ohne Ausnahmen. 

Welche Geschichte kann je das rasende entschlossene Ringen 
der Armeen in all ihren einzelnen grossen und kleinen Detachements 

— gleich diesen — jedes vom Haupt bis zu Fuss in verzweifelte, 
tOdtliche Aufgaben gestfirzt — berichten, wer fiberhaupt es wissen und 
Qbersehen? Wer die Handgemenge alle kennen, die zahllosen Hand- 
gemenge im Dunkeln, in diesen schattigdichten, auflodernden, mond- 
fiberstrahlten Wåldern, die ringenden Gruppen und Schwadronen, das 
Geschrei und Gewfihl, das Krachen der Gewehre und Pistolen, die 
fernen Kanonen, das Hurrahrufen, das Schreien und Drohen und die 
entsetzliche Musik der Flfiche — die unbeschreibliche Verwirrung — 
die Commandorufe der Officiere, das Zureden und Anfeuern, alle 
Teufel im menschlichen Herzen gehørig aufgestachelt — der måchtige 
Ruf: »Charge, men, charge W das Blitzen der nackten Degen, 
die rollenden Flammen und der Rauch. Und immer noch der 
zerrissene, klare und bewOlkte Himmel, und immer wieder dar 
Mondlicht, das silberig und sanft seine strahlenden Streifen fibes 
das Ganze wirft. 

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818 WHITMAN. 

Ungenannt bleiben die Tapfersten. 

Wer schreibt, frage ich, wer kann je die Geschichte solcher 
Scenen schreiben? Von hunderten, ja tausenden aus Nord und Sud 
unverzeichneten Helden, unbekannten Heroismus, unglaublichen, unvor- 
bereiteten, unvergleichlichen Verzweiflungsthaten — wer erzåhlt von 
ihnen? Keine Geschichte verzeichnet, kein Gedicht besingt, keine 
Musik verkundet diese tapfersten Månner von allen, diese Thaten. 
Kein formeller Bericht eines Generals, kein Buch in der Bibliothek, 
keine Spalte in der Zeitung, verewigt die Tapfersten aus Norden und 
Siiden, Osten und Westen. Ungenannt und ungekannt bleiben die 
tapfersten Soldaten und werden es bleiben. Unsere Månnlichsten — 
unsere Jungen, unsere muthigen Lieblinge: kein Bild zeigt sie uns. 
Der typische Fall (der zweifellos fur hunderte und tausende gilt) bleibt 
vermuthlich der, dass er zu irgend einem Busch oder ins Farnkraut 
kriecht, nachdem er seinen Todesschuss empfangen, dort schtitzt er 
sich eine kleine Weile, weicht Wurzeln und Grås und Erde mit seinem 
rothen Blute auf — die Schlacht schreitet vor, wogt zuriick, flutet 
von der Scene weg, braust vortiber, und hier vielleicht unter Qualen 
und Schmerzen (aber geringeren, viel geringeren, als man meint) windet 
sich die letzte Schlaftrunkenheit wie eine dunkle Schlange um ihn, 
die Augen verglasen im Tod und — niemand fragt weiter nach ihm — 
vielleicht durchforscht die Begråbnismannschaft eine Woche spåter 
bei Waffenstillstand die verborgene Stelle gar nicht und hier zerfållt 
der Tapferste von allen auf der Mutter Erde, unbestattet und 
unbekannt. 

(Fortsetzung folgt) 



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BERLINER THEATERBRIEF. 

Von LEO BERG (Berlin). 

Die Berliner Theatersaison begann mit drei Directions- 
ånderungen. Das »Lessing-Theaterc, wo zehn Jahre lang Oscar 
Blumenthal das Scepter fuhrte, stellte uns seinen neuen Herrn in 
Dr. Otto Neumann-Hof er vor, welcher jetzt der sechste Journalist 
und Kritiker ist, der vierte unter den »Modemen«, der neuerdings die 
kritische Beaufsichtigung mit der Leitung grosser Theater ubernahm 
(Blumenthal, Lindau, Brahm, Schlenther, Loewenfeld, Neumann-Hofer). 
Jedesmal fragt man sich: wie wird sich der Geschåftsmann mit dem 
Kritiker vertragen? Die Erfahrung lehrt: ganz ausgezeichnet. Blumen- 
thal und Lindau war es mit der Kritik ja gar nicht so ernst, und im 
ubrigen ist der Capital ismus kein Gewissenswecker. Mit der Moral 
baut man keine Eisenbahnen, und mit der Kritik leitet man kein Theater. 
Flir einen gewissenhaften Kritiker gehOrt schon Oberwindung zur 
Obernahme einer Redaction, selbst in einer literarischen Zeitschrift, 
weil auch der beste Redacteur zuweilen zu etwas ja sagen muss, 
wozu er als Kritiker zweifellos nein sagen musste. Ein Kritiker aber, 
der sich zur Direction eines Theaters entschliesst, wirft ein schlechtes 
Licht auf seine ganze kritische Vergangenheit. Denn man weiss, dass 
der Theaterdirector nothgedrungen dem Kritiker Unrecht geben muss. 
Es kommt schliesslich auf dasselbe hinaus, als ob ein Polizeidirector 
ein Tingeltangel ubernimmt. Als Kritiker ist man Kunstrichter, als 
Theaterdirector Publicumdiener. Wie soli die Kritik nicht entwertet und 
einflusslos werden, wenn ein Richter nach dem andern von seinem 
Stuhle heruntersteigt und sich unter die »Angeklagten« mischt, als 
welche ja die Directoren vor dem Forum der Kritik fast immer stehen. 
Au88erdem gibt man den Banausen recht, welche der Kritik das 
Bessermachen zurufen. Jetzt aber heisst es wirklich besser machen ! 
Die kritische Vergangenheit ist nur hinderlich, zwingt zu Lugen und 
Inconsequenzen. Die »Visitenkarten, die man abgibt«, sind immer ge- 
fålscht. Auf Blumenthals stand Lessing (und nicht Blumenthal-Kadelburg !), 
wiewohl er jenen zu spielen nie die ernstliche Absicht hatte; auf 
Brahm's Karte stand Schiller (und nicht Hauptmann!), auf Neumann- 
Hofers steht Shakespeare (und nicht Sudermann oder Wolzogen!) 
Was will man damit beweisen ? Dass man Lessing, Schiller, Shakespeare 
noch ehrt? Oder eine Absicht, die man gar nicht hat, ein Programm, 
das man nicht ausfuhren will? Am wenigsten beweist es fur das 
KOnnen des Theaters : Denn entweder kann man die Classiker spielen, 
dann ist die totale Programm-Ånderung erst recht bedauerlich, oder 

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820 BERG. 

man kann sie nicht spielen, dann blamiert man sich, wie Brahm, 
traurigen Angedenkens, mit der realistischen Auffuhrung von »Kabale 
und Liebe«. Hat man sich dann blamiert, dann kommt man hinterher 
mit der Ausrede, dass die Schauspieler auf die Classiker nicht gestimmt 
seien. Im »Lessing-Theater«, dessen Buhnenverhåltnisse schon gar nicht 
fur Shakespeare'sche Historien in meiningerhafter Ausfiihrung passen, 
und wo man ausserdem auf Heinrich V. bloss, weil dies patriotische 
Schauspiel lange nicht in Berlin gespielt wurde, verfiel, ragte einzig 
Adolf Klein in die tragische Hohe Shakespeares. Von der Pietåt gegen 
diesen zeugt Qbrigens die Dingelstedt'sche Bearbeitung, die voller 
Rohheiten und Willkurlichkeiten ist, geråde auch nicht. Dramatisch ist 
dies Werk eines der schwåchsten Shakespeares ; aus dem Zusammenhange 
der Lancaster-Tetralogie gerissen, aber gar nicht zu verstehen und wegen 
Beinés dem grossen Publicum vOllig fremden historischen Beiwerks 
wie die meisten Historien Shakespeares fur die moderne Buhne nicht 
mehr zu retten. 

Ober die beiden andern Ereignisse des Berliner Theaters ist noch 
weit weniger zu sagen. Im »Neuen Theater« sehen wir zum ersten- 
male einen weiblichén Director. Nach Lautenburg, fur den es nur zwei 
Weltsprachen gibt: franzosisch und ungarisch, Frau Nuscha Butze, 
fQr die es wahrscheinlich nur eine Literatur gibt, nåmlich soweit sie 
in der »Garlenlaube« zu erfahren ist. Dies Theater, in dem wir 
unglaubliche Ehebett-Verwechslungen und ungenierte Entkleidungen 
staunenden oder gierigen Auges gesehen, dieses Theater wird jetzt in 
ein hOheres Mådchenpensionat umgewandelt, fur das die Directorih 
in ebenso liebenswurdiger wie possierlicher Weise Reclame macht. 
Dramaturgisch soli ihre ganze Familie »wahnsinnig« beschåftigt sein, 
we&halb auch das erste Stuck (Patriotismus, der noch Lauff Gberlåuft) 
gleich ein schauderhaftes Schauspiel war. Auch die Damen, und nicht 
nur die Kritiker sollen ja heute zeigen, dass sie alles ebenso gut 
kOnnen als die andern, in diesem Fall als wir Mannsleute. Ob Nuscha 
Butze diesen Beweis fuhren wird? Man soli nicht prophezeien! Man 
soli jedem Stand, jedem Beruf und jedem Geschlecht Zeit und Gelegen- 
heit lassen, sich selbst zu blamieren. Das ist der wahre Liberalismus. 

Von dem driften Wandel zu reden, lohnt noch weniger. Das 
»Theater unter den Linden« (jetzt »Metropol-Theater«), Berlins 
schonstes Theater, das bisher durch sein Repertoire noch unter den 
Theatern Berlins mitzåhlte, ist von seiftem neuen Director in ein unteres 
Possentheater mit Gesang und Ausstattung umgewandelt, d. h. zum 
Rendezvousplatz der Lebewelt, die durch keinerlei Kunst, Text oder 
Gesang, gern gestOrt sein will. Hier heisst es: Kunst oder die Vor- 
befeitung zu nåchtlichen Vergnugungen. 

Die erste literarische Premiere aber kommt diesmal von Bjørn- 
sone Sohn, BjOrn: »Johanna«*), die im »Deutschen Theater« 
einen nur schwachen Beifall hatte. Dies Werk scheint aus einer 



*) Munchen, Leipzig, Paris. Albert Langen's Verlag. 2. Auflage. 1898. 



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BERLINER THEATERBRIEF. 821 

Kreuzung literarischer Rassen entstanden zu sein: es stammt von 
J. P. Jacobsen, Hauptmann und Halbe sowie ein bischen auch von 
Ibsen und Bjørnson Vater ab. Die Seele hat es von Jacobsen, die 
weiche, undramatische, sich in Stimmungen selbst belauschende Seele, 
das Scenische von Hauptmann, die orthodoxfeindliche Tendenz von 
Halbe, den Emancipationskampf, der allerdings nicht activ, sondern 
eine Art gewaltsamer AufstØrung traumhafter Passivitåt ist, von Ibsen, 
und die specielle Wendung der Frauenfrage von Bjørnson Vater. Es 
ist kein grosses und kein tiefes Werk, aber eine feinsinnige Arbeit, 
der die Kritik, wahrscheinlich infolge der schlechten Aufiuhrung, 
nicht gerecht wurde. Das seelische und schliesslich aufruttelnde 
Ereignis dieses Schauspiels ist etwas sehr Undramatisches: das 
pløtzliche Hineinfallen einer hellen Lebenssonne in die stille, kleine 
und dumpfe Welt eines jungen Mådchens, der Clavierlehrerin 
Johanna Sylow, die eines Tages im Hause des' reichen Consuls 
Svendsen entdeckt wird und nun in die andere, freiere, lichte Welt 
hinubergezogen werden soli, wåhrend sie hier gewaltsam durch den 
finsteren Geist ihres Verlobten, der, tendenziøs genug, Theologe ist, 
festgehalten wird. Es ist eine Art Sonnen-Aufgangs-Drama der Frauen- 
emancipation. »Sie sind ja Kunstlerin,« sagt ihr der Dichter Strøm, 
»mit jeder Faser! Sozusagen: Vollblut! Ohne Anhang, ja, verzeihen 
Sie! — von Familienrucksichten und dergleichen. Und mit einem 
Willen — so fest auf einen Gredanken gerichtet: etwas zu werden, 
von dem Glanz ausgeht. . . . Nein, nein, so etwas låsst sich nicht 
machen mit einem Diener Grottes vor Anker oben in einem Øden 
Pfarrhof, der Sie und Dire Kunst angåhnt. Da werden Sie hubsch 
heim mtissen vor der Zeit.« 

Dies ist der Angelpunkt des Dramas. Wie glucklich war sie am 
Morgen, nachdem sie bei Svendsen gespielt: »Es ist heut alles so licht 
und heil.« Alles war so liebenswurdig, so frei, so entgegenkommend. 
Der FHigel klang von selber unter ihren Fingern. Eine ganz neue 
Welt mit tausend Hofmungen und Freuden steht pløtzlich mit weit 
oftenen Thoren vor ihr. Man will sie starten. Sie will auf eine grosse 
Kunstreise. Sie møchte es gerne durchs offene Fenster hinausschreien, 
Wie unsagbar froh sie ist. Und dårum muss sie den Anker lichten. 
Und dies wird das Drama. Trotz der Tendenz in seiner dramatischen 
Stellung ist dieser Theologe doch eine lebenswahre, zuweilen sogar 
ergreifende Gestalt, ein Mensch, der, wiewohl er Unrecht haben soli 
im Stuck, doch Recht hat fur sich ; ein Zeichen, dass dem Dichter 
das Mensdiliche und Poetische uber den Kopf oder uber die Tendenz 
hinweg gewadhsen ist. Denn fur Otar ist Johannas Kunst das Feindliche, 
nicht nur weil er Theologe ist und ihm eine fremde Welt damh ent- 
gegentritt; er liebt sie und die Kunst ist ee, die neue Seden- Welt, 
die sie ihm rauben wird. Er ist zu schweren Geistes, um mit ihr den 
Sprung zu machen, dårum legt er sich ihr vor Anker, um sie fest- 
zuhalten in seiner Welt. Aber das neue Seelchen ist flugge geworden 
und fliegt ihm von dannen. Beide kåmpfen sie um sich selbst; sie, 



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822 BERG. 

die Kunst, fur ihre Freiheit, den freien Flug hinaus, er far seine 
Existenz. Sein Bann ist philistrischer Egoismus, aber ihre Flucht 
ist Verrath 

Das Drama aber wåre grOsser und freier geworden, wenn Licht 
und Schatten gerechter vertheilt worden wåren. Im Gegensatz zu 
dieser gar zu deutlichen Tendenz sind andere Theile des Schauspiels 
wieder zu unklar gehalten. Z. B. der Dichter StrOm und Johannas 
VerhåMtnis zu ihm. Er ist ihr ein Bote aus der neuen, freien, lichten 
Welt, der Verfuhrer, der Luzifer. Aber er ist ein wenig Charlatan, 
und es will mir fast scheinen, als ob in dieser Gestalt etwas wie Selbst- 
satire und Selbstkritik des Dramas herauskåme. Wenn ein Weib einen 
Mann verlåsst, um dem Rufe eines anderen zu folgen, so ist das schon 
Untreue. Von hier aus hat der Bråutigam noch einmal Recht. Sehr 
aufdringlich kommt andererseits wieder die Tendenz in dem Onkel 
Johannas heraus, der so etwas wie Chorus- und Schrittmacher der 
Emancipation ist. Er will sie in eine hOhere Wagenclasse setzen und 
macht sie dem Theologen abspenstig, und er ist es, der diesen zum 
Kampf aufstOrt. 

Trotzdem fehlt es dem Drama an Contouren. Das eigentliche 
Schauspiel schwebt, unausgesprochen, zwischen den Lippen. Es ist 
vieles mit grosser Zartheit ausgedriickt. Das Drama spielt in der 
weichen Luft halbdåmmernder Seelenstimmung, worin es an Hauptmanns 
»Einsame Menschen« erinnert, aber die ein greller Ruf des Tages leise 
erzittern macht. Der Sturm braust uber den KOpfen hinweg, wåhrend 
es in der Sphåre der Seelen ziemlich ruhig bleibt. Es ist keine 
Bewegung von innen heraus. Es hat daher alles einen doppelten 
Klang. Die Seelen stossen mit feinem oder dumpfem Klang zusammen, 
und zwischen durch macht jemand Spectakel hinein. Die Menschen 
sprechen leise und gedåmpft, aber es lårmt noch jemand uber sie 
hinweg und uberschreit ihre Stimmen. Die Schauspieler sprachen die 
kalte, fremde und banale Oberstimme. Das feinere Unterhalb des 
Schauspiels kam nicht zur Auffuhrung und schimmerte kaum hie und 
da durch. Ausserdem haben beide Dramen, das Oben und das Unten, 
ein verschiedenes Tempo. Das gibt dem Werke einen widerspruchs- 
vollen kunstlerischen Ausdruck. Das Aussendrama ist immer wo 
ånders, als wo das Innendrama ist. Wåhrend dies erst im halben 
Traume dem neuen Tage entgegendåmmert, ist jenes schon im rauhen 
Zanke mit dem alten. Der Traum ist in den hellen Sonnenschein 
verschoben, der Tag dåmmert und brennt zugleich. Das tiefere Drama 
kommt nicht zum Fortgang, das åussere ubersturzt sich. Der Schau- 
spieler in BjOrn Bjørnson hat dem Dichter das Wort abgeschnitten, 
und der Zeitmensch hat die Worte ausgesprochen, die dem Dichter 
noch nicht von der Zunge waren. 



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NOTIZEN. 



POLITIK. 

Gegen die lichtumflossene Ge- 
stalt, die vergeblich in der Welt 
umherzog, um einen Fleck Erde 
zu finden, auf dem sich Ideale 
ansiedeln kOnnen, hatten sich seit 
langem alle Måchte der Finsternis 
verschworen; aber Aug in Aug 
mit der leuchtenden Furstin ver- 
fluchtigten sie sich; jeder Streich, 
der gegen sie gefuhrt wurde, zog 
einen neuen Zauberkreis um die 
Unbesiegbare. Es musste ptøtzlich 
eine finstere Gestalt aus dem Ab- 
grund auftauchen und meuchlings 
den Todesstoss gegen den KOrper 
fiihren, da der Seele von innen 
nicht beizukommen war. 

Diese Unthat der dunklen In- 
stincte ist kein Sieg. Der Dolch 
zerriss zugleich die Scheinidee, die 
ihn leitete. Der MOrder gehOrt 
jenen Gesellen an, die mit dem 
Leben gewaltsam abschliessen und 
dabei auch die vermeintlich durch 
einzelne Personen verkOrperte 
gierige Lebenslust treffen wollen. 
Sie glauben, dass die Grausamkeit 
der Naturkråfte, die ihre Opfer 
nicht nach deren Schuld, sondern 
wahllos herausgreifen, vorbildlich sei 
fur die von ihnen erkorene Art der 
Vernichtung. Da bei der Schulung 
der in den heutigen Anarchisten 
wiedererstandenen Assassinen des 
Ostens ein verlåsslicher Schutz 
gegen ihre tJberfålle selbst bei aller 
Wachsamkeit ausgeschlossen ist, 
muss man den Niedergang dieser 
Secte vor allem von einer Nieder- 
lage erwarten, die sich ihr leitender 
Gedanke selbst bereitet. Und eine 
solche hat ihn jetzt ereilt. 



Bei ihrem jiingsten Opfer hatte 
der Wunsch zu leben långst auf- 
gehOrt — in viel nattirlicherer 
Weise als dies bei den Anarchisten 
selbst der Fall ist. So haben diese 
denn die Lebensunlust in ihrer 
Reinheit zu Falle gebracht und 
dadurch fur alle Zukunft dem 
Anarchismus die Entwicklungs- 
mOglichkeit zu den Hohen der 
socialen Idee benommen. Das Ver- 
brechen an unserer Kaiserin wirkt 
in diesem Sinne, wie keines vor- 
her, aufklårend auf die blinden 
Fanatiker des politischen Mordes. 
F. Schik. 



LITERATUR. 

Stephane Mallarmé f. 

Wåhrend diese Blåtter in Druck 
gehen, kommt aus Paris die 
Nachricht vom Tode Mallarmé's. 
Kein deutsches Blatt hat von 
seinem Tode Notiz genommen 
und auch die franzOsischen Journale 
haben nur ein paar nichtssagende 
Wendungen uber ihn zu sagen 
gehabt. Aber Mallarmé ist auch 
einer der wenigen unjournalistiscjien, 
antijournalistischen Geister der 
Gegenwart gewesen. Vielleicht 
kein Dichter ist von den Zeitungs- 
schreibern mehr verhOhnt worden 
wie er. Es ist schwer zu sagen, 
bis zu welchem Punkte seine Ver- 
hOhner im Recht waren. Thatsache 
ist, dass Mallarmé von einer ge- 
wissen, absichtlichen Exclusivitåt 
war. Er liess sich mit seinen 
Offentlichen Gegnern niemals in 
polemische Discussionen ein, weil 
er nicht jene verderbte Routine 



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824 



NOTIZEN. 



und Witzigkeit der literarischen 
Journalisten besass. Er wurde in 
seiner Exclusivitat immer starr- 
sinniger. Kein gutes Gedicht — 
verkundete er schliesslich in seinem 
aristokratischen Paroxismus — 
welchea nicht gleichzeitig ein 
Råthsel wåre . . . Mailarmé ist in 
diesen Paroxismus getrieben worden, 
obzwar er gewiss schon von Haus 
ans ein undemokratischer Geist 
war. Er wollte nur zu jeneri 
sprechen, welchen die Symptome 
der Erscheinungen zur Verstån- 
digung genugen, und nichts war 
ihm verhasster als die breite All- 
zudeutlichkeit. — Sein und seiner 
Freunde grOsstes Verdienst besteht 
darin, dass er den Wert des 
Wortes fur den Dichter wieder 
betont hat. Er verlangte, dass 
ein Gedicht seinen Inhalt, seine 
Stimmung nicht nur durch seinen 
Gedanken, sondern auch durch 
seinen Rhythmus und durch 
seine Klangwirkung vermittle. 
Jeder geniale Dichtergedanke 
kann nur eine geniale Form 
haben Solche Principien 



mussen in einer Zeit verhOhnt 
werden, wo das Wort meist nur 
gedruckt, ungesprochen, todt bleibt, 
wo der Buchstabe alles und das 
Wort nichts ist. Umso beharr- 
licher hat Maliarmé auf ihnen be- 
standen. Er hat schliesslich Gedichte 
geschrieben, welche alles nur durch 
ihre Form und Wortklang sagen 
sollten und worin schwerlich ein« 
> Idee « , zur Kriicke fur den modemen 
Buchermenschen, zu finden ist. 
Mailarmé hat sich gewiss oft uber- 
stiegen, aber er ist niemals ein ab- 
sichtlicher Blageur gewesen. Nach 
dem Respect, welchen die Menge 
den unverstandenen Autoritåten 
entgegenbringt, hat er nie gelechzt. 
Erst als sehr gereifter Mann 
entschloss er sich eine Sammlung 
seiner Gedichte herauszugeben. 
Er war ein Dichter, der seinen 
Ruhm bei wenigen am besten auf- 
gehoben wusste. st. gr. 



Von Maurice Maeterlinck er- 
scheint im Laufe dieses Herbstes 
ein neuer Band Essays. 



Herausgeber: Gustav Schoenaich, Felix Rappaport. 
Verantwortlicher Redacteur: Gustav Schoenaich. 

K. k. Hoftheater-Druckerei, Wien, I., WollzeiJc 17. (Verantwortlich A. Rimrich.) 



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Bd. IV. No. 22. 

Wiener 
Rundschau. 



1. OCTOBER 1898. 

Die menschllche Wahrheit Obor Bismarck . KARL BLEIBTREU 

Dein Brief GEORG HIRSCHFELD 

Stephane Mailarmé VITTORIO PICA 

Wenn ich Gott wfire RICHARD LE GALLIENNE 

Neues von Neuseeland LADISLAS GUMPLOWICZ 

Dear little glrl ELSE MEYER-FORSTER 

Das Sckicksal der Kaiserln .... GABRIELE D'ANNUNZIO 
Notlzen. 

Erscheint am 1. und 16. einas jeden Monals. 
HERAUSGEBER: GUSTAV SCHOENAICH, FELIX RAPPAPORT. 

REDACTION UND ADMINISTRATION: 
WIEN, l/i., SPIEGELGASSE No. 11. 

Leipzig, in Commission bei Wilhelm Opetz. 

Vertretung fur BERLIN: CHARLES PALMlÉ, W. 62, Kurforsten- 

strasse No. 125 a. ^ 

Die Nii.T.ir.s; : 40 kir. = 80 Pf. Quartafii 9i l2 e *7^4 Ma>rk 



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Die „Wiener Rundschau" begann mit No. 19 vom 
15. August 1898 das VlePte Quartal ihres ZWeiten 
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liche Buchhandlungen, Zeitungsverschleisser und Postanstalten des 
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vom 1. October 1. J. begonnen werden und endet dann mit 
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^^iener f^undsctiau. 



1. OCTOBEE 1898. 



DIE MENSCHLICHE WAHRHEIT UBER BISMARCK. 

Von KARL BLEIBTREU (Wilmersdorf bei Berlin). 

Sich zu voller Objectivitåt aufzuschwingen fållt selbst Auserlesenen 
schwer. Menschliches, allzu Menschliches wuchtet uns allemal zu Boden, 
fesselt uns an den Ichwahn, der die Dinge nur vom eigenen Gefuhls- 
oder Interessenstandpunkt wertet, Gut und Bose mit subjectiver Elle 
misst. Dåchten alle oder auch nur die Mehrzahl objectiv, so gabe es 
keine sociale Frage zu losen, denn das Reich der Gerechtigkeit und 
Freiheit, des Wohlwollens und der Liebe kame von selber. Das Sprich- 
wort hat den gesunden Altruismus, nåmlich die Rucksicht auf den 
Nebenmenschen aus Rucksicht auf uns selbst, triftig ausgedruckt : » Was 
du nicht willst, dass dir man thu', das fug' auch keinem andern zu!« 
Wenn man nun als Unterdrucker oder Ausbeuter unendlich vielen 
unendlich vieles zufQgt, wovon man selber nicht den tausendsten Theil 
ertragen møchte, so gehOrt doch naive Unbilligkeit dazu, von den Ge- 
schådigten zu erwarten, sie sollten dafur noch dankbar die Ruthe kussen. 
Wir mussen es daher als den Gipfel subjectiver Selbstsucht, vOUiger 
Unfåhigkeit zu objectivem Denken bezeichnen, wenn man der Social- 
demokratie vorwarf, sie håbe Bismarcks Apotheose nicht mitmachen 
und ihm noch gar Lorbeerkrånze ums Grab nicht winden wollen. Man 
musste die Socialdemokraten im Gegenteil verachten, wenn sie ihren 
grimmen vollberechtigten Hass gegen einen Despoten verhehlen wollten, 
der zahllosen ihrer Genossen schweres Leid bereitete, bis zuletzt ihre 
Sache mit unversOhnlicher Wuth befehdete und sogar den Vorschlag 
nicht scheute, man solle die »Umsturzler« einfach ausserhalb des Gesetzes 
erklåren. Bismarck blieb bis zum letzten Athemzug eine anachronistische 
Erscheinung, ein verstockter Feudalbaron, jeglichem socialen Empfinden 
fremd, das seiner durch und durch egoistischen Herrennatur naturlich 
in jeder Fiber widerstrebte. Dies darf man ihm nicht verargen, denn 
niemand kann tiber seinen Schatten springen. Ein Mann, der mit pein- 

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826 BLEIBTREU. 

licher Genauigkeit in seinen Briefen auseinanderhielt, ob er Wohlgeboren 
oder Hochwohlgeboren titulieren solle, musste sich selber sagen : hat der 
Socialismus Recht, dann warst du dein Leben lang auf dem Holzweg. 
Sind Gerechtigkeit, Mitleid, Menschenliebe jene heiligsten Guter, welche 
bekanntlich Europas Volker wahren sollen, dann war dein ganzes Lebens- 
werk, nur auf åusserliche Machtgebilde gerichtet, leerer Schall und 
Rauch. Das will sich aber niemand gerne sagen lassen, nicht einmal 
vom eigenen Gewissen, und so wirkt denn sein subjectiver Hass geradeso 
ehrlich und natiirlich, wie umgekehrt der Hass wider ihn. 

Dass freilich ein solcher Ubermensch, von jeglichem Christenthum 
durch Abgriinde getrennt, sich von seiner persOnlichen Fortdauer in 
einem christlichen Jenseits etwas versprach und an die Zauberkråfte 
des hl. Abendmahls glaubte, wie sein Gutspastor salbungsvoll ver- 
sichert — das gehOrt zu den unlOslichen Råthseln des Menschen- 
problems. Denn er wie alle seiner Art und Kaste miissten sich doch 
bei einigem Nachdenken dartiber klar werden, dass ihre eigene Christen- 
religion keine doppelte Buchfuhrung kennt und das fleissigste Kirchen- 
besuchen ihnen hOchstens den zweifelhaften Vorzug verschaffen kOnnte, 
neben den Pharisåern an die Orte hinabzufahren, wo da ist Heulen 
und Zåhneklappern. Doch man braucht nicht an die beispiellose 
Unverschåmtheit sich zu erinnern, mit der dieselben von Jesus ge- 
brandmarkten Pharisåer sich als seine Leibpriester in einer angeblich 
christlichen Kirche einsetzten, bis sie zuletzt selbst daran glaubten, das 
von ihnen vorgetragene Kauderwelsch stimme mit dem freiheitlich 
herrlichen Geiste der Evangelien tiberein. Eine vflllig im Irdisch-Nichtigen 
aufgehende Natur wie Bismarck ist im Grunde zu oberflåchlich, um 
sich iiber die letzten Dinge ein Urtheil zu bilden. Bis zuletzt beschåfrigten 
den Greis rein materielle Politikfragen, alles hOhere Sinnen und Denken 
lag seinem Bereich so fem, dass er geråde hierdurch so recht zum 
Abgott der Philistermasse sich eignet. Ein versedrechselnder Alkoholiker 
sah ihn daher sofort mit gewaltigem Kladderadatsch 'gen Walhalla 
emporsteigen, hoffentlich reicht ihm Tor das grosse Bierhorn entgegen, 
das nie alle wird — wie auch die Dummen nie alle werden und die 
falschen Biedermånner. Vielleicht hatte die teutsche Nation ihren 
erhabenen Nationalhelden nie so innig ins Herz geschlossen, wenn er 
nicht im »Kneipen« ihrer classischen Bårenhåuterei mit glorreichem 
Beispiel vorangegangen und ein Meister des Alkohols wie der Staats- 
kunst gewesen wåre. In reingeistigen Gebieten war er ebensowenig 
bewandert wie das sogenannte »Volk der Dich ter und Denker«, dagegen 
in geistigen Getrånken nahm er es mit jedem Corpsstudenten auf, mit 
den Edelsten der Nation. Dass wir hiermit die wirkliche åussere 
Grosse nicht antasten wollen, wird spåter ersichtlich werden. Wohl 
aber bemerken wir nachdriicklich, dass solche »Walhallafahrt« des 
uberlebensgrossen Recken — auch diese physische Korperlånge im- 
ponierte den guten Deutschen riesig und qualificierte ihn zum National- 
heiligen — wohl altgermanischen Barbaren geziemt, denen Kraft als 
einzige Tugend galt, nicht einem modemen christlichen Volke. Die 



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DIE MENSCHLICHE WAHRHEIT OBER BISMARCK. 827 

allmåchtige Heuchelei zwingt immer wieder zu betonen, dass jenes 
aus dem Buddhismus hervorgegangene Urchristenthum sich ausdrucklich 
»ein Reich nicht von dieser Welt« nannte, dass also eine Staats- 
kirche, die irdischen Machthabern huldigt, ein Unding in sich selber, 
direct dem antiken Heidenthum verwandt, das zuletzt den Cåsaren- 
bildern als »GOttern« opferte. Selbst das verknøcherte Judenthum, 
gegen das Jesus auftrat, war doch wenigstens eine Theokratie und 
wollte von irdischen Cåsaren nichts wissen. Deshalb lebte es in der 
katholischen Priesterschaft im gleichen Geiste fort und wir verehren 
daher in der romischen Kirche, all ihrer Siinden gegen freiheitliche 
Entwicklung unbeschadet, das letzte Bollwerk der Demokratie und 
Geistesherrschaft gegen das rohe Feudalsystem im Mittelalter, auch 
heute noch unendlich mehr vom wahren Christenthum erfullt, als ihr 
Zerrbild, der angeblich freiheitlichere, in Wahrheit vollig unter die 
Staatsgewalt geduckte Protestantismus. Es ist daher kein Zufall, dass 
die eigentlichen Staatsmenschen im Katholicismus ihren naturlichen 
Feind sehen und die rOmische Kirche heut eine theils verstohlene, 
theils offenkundige Hinneigung zum Socialismus verråth. Sie hat sich 
eben noch Logik und Wurde bewahrt, statt wie das protestantische 
Staatsdienerthum vollig vor den Herren dieser Welt zu capitulieren 
und das »Seid unterthan der Obrigkeit!« zum Leitmotiv zu wåhlen; 
abtriinnig von ihrem Stifter Luther, dem Revolutionår, in dem erst im 
Alter der conservative Bauer die Oberhand behielt. Wir selber denken 
buddhistisch, also »religiøs«, und glauben an eine ewige Gerechtigkeit 
des Ausgleichs, an innere Vergeltung, sowie an jene uralt indische 
Auffassung unendlicher Fortdauer des unerlOsten Ichs. Das gilt heute 
als mystischer Blods i nn, aber der atheistische Materialismus, sehr gesund 
als Riickschlag gegen hohle Dogmenkirchelei, hat bei vielen Denkenden 
grundlich abgewirtschaftet und jene angeblich abstrusen Lehren der 
alten Inder haben von jeher in den klarsten Kopfen wie Lessing, 
Schopenhauer u. a. glåubige Verfechter gefunden, weil nur sie eine 
Logik ins Weltbild hineintragen. 

Nun wohl, Bismarck war eine gånzlich in »Sansara« befangene 
Natur, die nach buddhistischer Auffassung noch endlos irren muss, ehe 
sie je »Nirwana«, das liebevolle Aufgehen des Ichs im All, finden kann. 
Hat er je wirklich religiOse Anwandlungen gehabt — und sein beruhmter 
Brief, er wiirde das Leben fortschmeissen wie »ein schmutziges Hemde«, 
wenn er hicht an eine unsterbliche Seele glaubte, låsst darauf schliessen 
— so gab er sich eben wie so viele der traurigen Verwechslung 
hin, dass man einer »gottlichen« Weltordnung diene, wenn man dem 
Moloch »Staat« — zum eigenen Vortheil notabene — Opfer bringe 
und mit Vorliebe Menschenopfer. Ihn zu splitterrichten oder iiberhaupt 
zu verdammen sind wir weit entfernt; das verbietet uns geråde unser 
buddhistischer Glaube. Er hat seinen Selbstwahn ausgelebt, wie es 
seiner Naturanlage gegeben war, und wird daflir die Vergeltung — 
rich tiger ausgedruckt: die logische Folge — durch neues »Karma« 
Anden, wie die Indier es auffassen. Es wåre ja auch moglich, dass 



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828 BLEIBTREU. 

wir uns tåuschen, denn »ins Innere blickt nur Gott«, und wir mussten 
geråde solche Pharisåer werden wie die angeblichen »Christen«, wenn 
wir uns zum Moralrichter eines jeden machen wollten, der unsere 
Meinungen verletzt. Fur ihn, den Ichwahn, war die brutalste Gewalt 
die einzige ultima ratio gegen den Socialismus, er hatte am liebsten 
jeden aufgehångt, der seinem Ich widerstrebte, so wie er erbarmungslos 
auch alle persønlichen Widersacher wie Arnim, Geffken u. s. w. zer- 
driickte, wo es sich doch nicht mal um tiefere Principien handelte. 
Der auf hOherer Rotunde Stehende darf nicht in gleichen Wahn ver- 
fallen, er muss zwar nicht verzeihen — denn auch das Verzeihen 
steht uns nicht zu — aber milde belåcheln, wie ein Ich in fOrmlichen 
Kråmpfen sich wand, um allen ihm missliebigen Dingen und Personen 
die Lebensader zu unterbinden. Nur das eine durfen wir nach schwacher 
subjectiver Einsicht als historische Wahrheit empfinden: der erhabene 
edle Wodan, zu dem heut die Teutonen ihn stempeln, war er eben- 
sowenig, wie die genialen Portråtdichtungen Lenbachs allen authentischen 
Photographien gleichen. Lenbach hat bewunderungswurdig Legende 
gemalt, einen Ausdruck in seine Bismarck-Physiognomien hineingezaubert, 
wie er seinem Kimsterwesen entsprach, das einen solchen Helden sehen 
wollte. Denn Bismarcks dåmonische Erscheinung lud fOrmlich zur 
Dichtung ein, wirkte artistisch. Auch wir haben in griiner Jugend 
diesem urwuchsig Berserkerhaften ein paar mal dichterisch gehuldigt, 
obschon wir schon 1886 mit Recht bekråftigten : »Nie paarte ich 
mich jener Thoren Zahl, der Sclavenherde, die der Tag regiert, 
die, als Erfolg mit Lorbeer dich geziert, dich angestaunt als ihren 
Gotzen Baal«. Man weiss ja aber mit dem Apostel, dass man, da 
man ein Mann wird, abthut, was kindisch war. Der Verzuckungs- 
taumel der Bismarck-Raserei erscheint uns also heut als kindliche 
Unreife, die wir schon sehr lange tiberwunden haben. Allein, das 
Gerechtigkeitsgefuhl blieb uns, einzugestehen, dass in einer Zeit der 
Mittelmåssigkeiten, die oft auch »moralisch« keineswegs hoher stiegen, 
die hochragende Gestalt dieses Willensmenschen immer noch das 
wurdigste Object bot, an das der Bewunderungstrieb der Menschen 
sich klammern konnte. Vergleiche mit Gladstone und Cavour, wie sie 
von Auslåndern gezogen wurden, sind låcherlich und es muthet als 
doppelsinnig riickwirkende Komik an, dass der elende Crispi in hoch- 
trabenden Telegrammen sich seiner staatsmånnischen Freundschaft 
bertihmte, die sich mit dem grossen Todten ganz eins wusste. Nein, 
von solchen »liberalen« Schwåtzern oder gewissenlosen Verbrechern 
trennt unsern deutschen Bismarck eine ganze Welt, trotz aller Klein- 
lichkeit seiner Ichsucht und aller Beschrånktheit seines einseitigen 
»Genies«. Bedeutungsvoller scheint es dagegen, dass der andere 
»Geniale« des 19. Jahrhunderts, Ferdinand Lassalle, schon nach dem 
ersten Auftreten Bismarcks auf dessen Gewaltmenschenthum schwor, 
obschon er dessen unerhørte Erfolge nicht erleben, freilich auch nicht 
das volle Ausreifen des Bismarck' schen Despotismus ahnen konnte. Den 
Junker und Arbeiterfuhrer vereinte eben der gleiche gluhende Hass 



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DIE MENSCHLICHE WAHRHEIT OBER BISMARCK. 829 

gegen die »liberale« Bourgeoisie und das gleiche »nationale« Einheits- 
streben. Aber von wie verschiedenen Gesichtspunkten aus! Ein Lassalle 
hasste das satte Burgerthum als Urtyp philistrOser Selbstsucht, ein 
Bismarck im Gegentheil als Hindernis fur seine feudale Herschsucht. 
Ein Lassalle hoffte von der Einheit ein schnelleres sittliches Erstarken 
freiheitlichen Ausbaues im In n nem, ein Bismarck im Gegentheil ein 
Erstarken preussisch-dynastischer Vorherrschaft und Machtfulle nach 
au s sen. Nur heuchlerische Unterstellung darf also der Socialdemokratie 
unter die Nase reiben, dass ja ihr Grunder fur Bismarck geschwårmt 
håbe: das war eben nicht der eiserne Kanzler, den wir heute kennen. 
Doch wollen wir keineswegs Lassalle neben Bismarck an »geschichtlicher« 
Grøsse stellen, obschon des ersteren Werk das des letzteren uberleben 
wird, da Bismarck der Vergangenheit und dem Socialismus die Zukunft 
gehOrt, wenn auch vielleicht nicht ganz im socialdemokratischen, 
8ondern gewissermassen monarchischen Sinne, welche MOglichkeit be- 
kanntlich Lassalle gelten Hess. Ob diese Socialmonarchie aus der alten 
bestehenden, die sich auf neue Grundlagen stellt, hervorgehen wurde, 
ist wenig wahrscheinlich, unmOglich aber nicht. Wahrscheinlicher ist 
freilich dieser Weg durch eine Dictatur å la Cromwell und Napoleon 
(erster Consul), wie denn auch Robespierres gescheiterte Dictatur im 
Grunde aufs gleiche hinauslief. Wenn der »treue Diener« Bismarck in 
selbstischer Wuth zeterte: »Ich werde mich noch an die Spitze der 
Socialdemokraten stellen«, so blieb er doch innerlich von allen modemen 
Ideen eines Staatssocialismus und einer Socialmonarchie unangekrånkelt. 
Wenn aber ein geistvoller Mann am Ende des 19. Jahrhunderts der 
socialistischen Weltanschauung jegliche Berechtigung abspricht und ihr 
mit »Blut und Eisen« beizukommen meint, wie einst die Cåsaren dem 
Christenthume, so mag er ein grosser Diplomat gewesen sein, aber 
nicht einmal ein Staatsmann im hOchsten Sinne und ganz gewiss kein 
grosser Mann im eigentlichen Sinne des Wortes. Als Mirabeau Friedrich 
dem Grossen in Sanssouci allerlei revolutionåre Tendenzen vortrug, 
hOrte ihn der KOnig geduldig an und gestand zu, dass ihm vieles 
daran einleuchte; da er aber sein »Metier« als Konig nun so lange 
geubt håbe, kOnne er sich nicht mehr auf seine alten Tage zu solchen 
Anschauungen bekehren. So sprach eben ein grosser Mann, der geistig 
Ebenbiirtige und Freund der Voltaire und Rousseau, der in einer 
seiner heroischen Versbeichten singt: »Unsere Unsterblichkeit ist, 
den Menschen Wohlthaten zu erweisen«. Man nenne mir ein einziges 
Wort Bismarcks aus seinem Todesjahr, wo der Mensch doch Ab- 
rechnung mit sich halt, das eine Ahnung hOherer Menschlichkeit 
athmete! Denn wir mussen dem Einwand zuvorkommen, dass diese 
Herrenmenschen å la Bismarck aus anderem Metall gegossen seien wie 
die stillen Geisteshelden und SchOpfer, dass sie eben »Realpolitiker« 
(o, viel gemissbrauchter Begriff!) und That-Gewaltige seien, die nicht 
mit geistigen und moralischen Massståben wie andere reinere GrOssen 
beurtheilt werden mussten. In der That tiberwiegt bei solchen 
Naturen meist der »Wille« den »Intellect«, letzterer ist bei ihnen 



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830 BLEIBTREU. 

nur ein Kriegswerkzeug des egoistischen, blinden Willens, wie 
die Zåhne beim Raubthier. Das stimmt fur Peter den Grossen, 
Dschingiskhan, Karl den »Grossene, Sulla, Pitt, Richelieu, obschon 
bereits Richelieu an feinerer Cultur und tolerantem Hohenblick 
der Vorurtheilslosigkeit dem mårkischen Junker unendlich tiberlegen 
war. Nicht aber trifft es zu fur die grOssten Herrschernaturen, die 
Cåsar und Alexander, die beiden deutschen »aufgekl arten Despoten« 
Friedrich II. Hohenstaufen und Friedrich II. Hohenzollern, oder 
gar fur Cromwell und Napoleon. Diese dichterisch-philosophischen 
Ideenmenschen, selbst meist als Dichter und Philosophen thåtig, 
giengen bei genialster Beherrschung der »Realpolitik« doch innerlich 
von grossen organisatorischen Gedanken aus. Alexander briitete mit 
griechischen und indischen Weisen uber das Weltgeheimnis, Cromwell 
mit sich selber uber die letzten religiosen Probleme. Friedrich der Grosse 
war es sterbend »mtide, tiber Sclaven zu herrschen«, Napoleon beugte 
auf St. Helena sein Haupt vor Christus, »dem grossten Eroberer«, in 
måchtigen monumentalen Worten. Cromwell wusste auf dem Todten- 
bett, wo er sich heimlich der AbtrQnnigkeit vom reinen Freiheitsideal 
zieh, dennoch, dass er »einst in der Gnade war«, und verhauchte 
seine Heldenseele in ergreifendem inbriinstigen Gebet: seine Sunden 
moge Grott an ihm alleine strafen, seine Tugenden aber einzig dem 
Volke heimzahlen — Oberwindung des Ichs, wie nur wahre Grosse 
sie ermoglicht. Wo haben seine delirierenden Anbeter je eine solche 
Beichte grosser Gesinnung von Bismarck berichten konnen? Wenn 
irgendein bedeutungsvolles Wort in den letzten Stunden gefallen wåre, 
es prangte heute schon in bengalischer Beleuchtung. Nein, »Pinnow, 
lieber guter Pinnow, gib mir zu trinken!«, das ist alles, was uns 
ruhrend vermeldet wird, und Pinnow bekam dafiir auch volle funf- 
tausend Reichsmark als Legat. (Siehe den famosen Process mit Ober- 
forster Lange. Vergleiche auch die schlimmen Anspielungen v. Gerlachs 
in der Wiener »Zeit«, der als Einschåtzungssteuercommissar mit ihm 
zu thun hatte.) Denn »der treue Diener« wusste treue Dienste zu 
belohnen! Moltke hieng ihm zu sehr am Gelde, solchen Geiz ver- 
achtete Bismarck, wie wir jiingst lasen unter sturmischem Heiterkeits- 
erfolg. Doch es widersteht uns, in solchen Kleinlichkeiten zu wuhlen; 
wir enthalten uns daher aller nebensåchlichen Untersuchungen, ob 
seine Panegyriker ein Recht hatten, nur von »kleinen Schwåchen« 
zu reden. Und doch, wem taucht nicht beim Heimgang dieses »grOssten 
Deutschen«, den verrotteter Unverstand mit Napoleon dem GrOssten 
zu vergleichen, ja tiber ihn zu erheben wagt, ein anderes Testament 
in der Erinnerung empor, jenes des Gefangenen von St. Helena, wo 
mit ergreifender Gerechtigkeit und Dankbarkeit jeder kleinste Dienst, 
jede Unteretutzung von Anbeginn seiner Laufbahn als »Hauptmann« 
vor Toulon durch legatåre Wohlthaten vergolten ward! Wer hierin 
etwa eine Pose wittern wollte, beweist nur seine gånzliche Unkenntnis 
des heroisch wohlwollenden LOwen, von dem sogar einer seiner 
BenOrgler zugesteht: »Er vergass nie einen Dienst, dem man ihm 



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DIE MENSCHLICHE WAHRHEIT OBER BISMARCK. 83 1 

gezollt«. Doch wir wiirden dariiber wegsehen, mochte auch der 
»grosste Deutsche« mit allergrOssten Privatschwåchen behaftet gewesen 
sein, wenn er mir als offentliche Historienfigur dem Bilde entsprochen 
hatte, das ein nobelfuhlender und reindenkender Mensch sich von 
einem grossen Manne entwirft. Denn sehr richtig sagte Macaulay von 
Karl I.: Man erzåhlt uns immer, er sei ein treuer Gatte und guter 
Vater gewesen, als ob uns das interessieren konnte, wenn er falsch 
gegen seine Freunde und Diener, meineidig gegen sein Volk und ein 
grausamer Tyrann gewesen ist. Da die bevormundende Weltanschauung 
das tiefgefuhlte Bediirfnis spurt, ihre Gewalthaber mit ethischem Nimbus 
zu verklåren und so abwechselnd von der Geistes- an die Charakter- 
grOsse zu appellieren, so machten die deutschen »Patrioten« in ihrem 
fernstehenden naiven Dusel sich aus ihrem Abgott auch noch das 
Ideal aller deutschen Tugenden, vornehmlich der »Treue«, zurecht. 
Dass der Kanzler seinem alten Herrn zugethan war, weil dieser ihm 
den Willen that, bezweifeln wir nicht: er musste ein Unmensch sein, 
wenn er nicht so viel »Treue« bewahrt hatte. Aber der widerliche 
Feldzug, den er von Friedrichsruh aus anzettelte, die unversohnte 
Rachsucht des guten Hassers, die auch schrill ubers Grab hinaus tont, 
musste doch jedem die Augen offnen, was unter dieser »Treue« aus 
Eigennutz zu verstehen sei. Das nennt man monarchische Gesinnung! 
Aber die Bismarck-Glåubigen haben auch hier wieder eine faule Ent- 
schuldigung bei der Hånd: dies ewige Stånkern sei aus heiliger 
Vaterlandsliebe geschehen, weil der neue Cours »uns« zugrunde richte. 
Worauf bezieht sich das? Da die Socialreform, zu der Wilhelm IL 
urspriinglich hinneigte und geråde deshalb mit dem unmodernen Alten 
in Zwist gerieth, långst ja zur Wollust der Bismarckianer versandete, 
so kann doch nur das Verhåltnis zu Russiand in Frage kommen. 
Aber wer hat denn eigentlich den Dreibund geschlossen, wer Russiand 
beim Berliner Congress uber den Løffel barbiert, wofur wir ihm 
aufrichtige Dankbarkeit schulden? Wenn er hinterm Rucken 
Osterreichs zugleich eine Ruckversicherung mit Russiand abschloss, 
was er nachher mit unerhorter Indiscretion als kaiten Wasserstrahl 
benutzte, hat er dårum minder einem beliebigen englischen Maler 
(siehe jiingst publicierte Erinnerungen) seine Oberzeugung ausgesprochen, 
dass wir bestimmt dereinst von Russiand angegriffen wiirden und das 
Bundnis mit England das wunschenswerteste sei?! Worauf in aller 
Welt pochte er also als eine Besonderheit seines alten Courses? Durch 
alles Phrasengewebe schimmert immer wieder die Wahrheit durch: 
dass der junge, von Thatkraft, Selbstgefiihl und modemer Anschauung 
erfiillte Kaiser sich wunderte, weshalb man so selten ihm direct Vortråge 
halte, und die Aufklårung erhielt, dass sozusagen Bismarck der eigentliche 
Regent sei. Und da soli man als objectiv Denkender sich uber den Sturz 
des »Riesen« und uber angeblichen Undank entriisten? Den jungen 
Monarchen mochten wir entdecken, der je ånders gehandelt hatte! 

Man spricht sich am liebsten die Tugenden zu, die man nicht 
hat: daher die Legende von deutscher Treue und Biederkeit. Unser 



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832 BLEEBTREU. 

lieber Ahnherr, Hermann der Cherusker, betrog die ROmer geradeso 
wie Bismarck seine Gegner, und Heinrich v. Kleist, der unsere Eigenart 
am besten verstand, låsst daner Vams ausrufen: »So kann man blondes 
Haar und blaue Augen haben und doch so falsch sein wie ein Punier!« 
Ein rOmischer Autor beståtigt ausdrucklich, dass auf dem weiten 
Erdenrund kein listigeres, verschlageneres Volk lebe als die Germanen. 
Dass der »grOsste Deutsche« sich zum Nationalhelden eigne, in dem 
das Germanenthum seinen Typus erblickt, kann in diesem Sinne 
freilich nicht geleugnet werden. So wird denn kein Unparteilicher den 
ostelb ischen Junkern ihre stolze Todtenklage bemångeln kOnnen: »Er 
war unser!« Das war er, er starb in den Siehlen, wie er gelebt, als 
das hochmuthig bockbeinige Paradepferd der alten Weltanschauung 
und die Pegasusflugel, welche schmeichelnde Legende ihm ankleben 
mochte, sind eben nur Zeitungspapier. Aber grade hierin liegt 
seine welthistorische GrOsse. Sein Todestag ist von noch hoherer 
symbolischer Bedeutung als der Tag seiner Geburt. Er erschien in 
dem Jahre, wo die franzOsische Weltherrschaft endgiltig gebrochen 
wurde und das allmåhliche Erstarken Deutschlands begann, und wie 
Napoleons Todesjahr den Beginn einer unablåssig weiterflutenden 
Reactionswoge bezeichnete, die endlich in Bismarck ihren hOchsten 
Stand erreichte, so verschwand Bismarck in dem Augenblick, wo eine 
neue Weltordnung ihr Haupt erhebt. Wie Napoleon der internationale 
Weltbefreier wider Willen gewesen ist, so wurde Bismarck der natio- 
nale Befreier wider Willen; er ist aus einem altpreussischen verbohrten 
Junker ein grossdeutscher Staatsmann geworden. Denn dass er letzteres 
wirklich war, so weit ihm dies mOglich, daran åndert die Ansicht der 
Gegner, dass er im Grunde nur ein Grosspreussen schuf, wohl objectiv, 
aber subjectiv nicht das Mindeste. Der åltere Bismarck war nach bestem 
Wissen und Gewissen ein Deutscher, kein Preusse, und wer kOnnte 
verkennen, dass sein ganzes nervøses Naturell wohl »deutsch«, aber so 
unpreussisch wie moglich sich darstellte! In dieser Beziehung gleicht 
er dem Demokraten Bliicher. Wie dieser Recke an Scharnhorst schrieb, 
dass die Fursten, wenn sie den Befreiungskampf nicht mitthun wollten, 
mit Napoleon zugleiqh hinausgejagt werden mussten, so machte sich 
Bismarck nichts daraus, altangestammte Dynasten mit einer Derbheit 
zu beseitigen, die an Napoleons Formel erinnerte: »Das Haus so und so 
hat aufgehort zu regieren.« Es heist also die Wahrheit bestreiten, 
wenn man ihm den Rang eines »guten Revolutionårs« abspricht. Er 
war im tiefeten Innern ein Umsturzler ohne jede Scheu und Schonung 
vor ererbten Rechten, und wenn er sich einen Monarchisten nannte, 
so meinte er nachher damit nur sein eigenes Herrschen. Ein Monarchist, 
doch gewiss kein Legitimist. Seine Gleichgiltigkeit gegen historische 
Måchte gieng so weit, dass er der åltesten und vornehmsten Welt- 
macht, der ROmischen Kirche, den Fehdehandschuh hinwarf, als diese 
ihm seine Suprematie zu bedrohen schien. Sein trotziges Selbstgefuhl 
Btreifte sogar zeitweilig die Bande seiner Kaste ab, doch immer wieder 
brach der triviale Junker durch. Seine plumpen Reiterstiefel staken 



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DIE MENSCHLICHE WAHRHEIT OBER BISMARCK. 833 

noch tief im Mittelalter, d. h. im falsch aufgefassten legendåren Feudal- 
Mittelalter, ohne die starke Demokratie der Stådte und theilweise der 
katholischen Kirche in Betracht zu ziehen. Man hat viel von genialer 
Originalitåt seiner åusseren Politik geschwatzt. Aber schon Friedrich der 
Grosse wollte einen Norddeutschen Bund stiften, Osterreich hinausdrången; 
schon er und der grosse Kurfurst, obschon beide sonst aus Hass gegen 
Osterreich den Franzosen zugethan, erkannten in Frankreich das Hin- 
dernis fur Zusammenfassen der deutschen Kråfte. Unzåhlige andere 
dachten wie Bismarck. Zugegeben, er hat es ausgefuhrt. Aber dass 
ihm dies so blitzschnell gelang, zeigt zur Genuge, dass eben »die Zeit 
erfullet war«. An dem inneren wirtschaftlichen Erstarken Preussens 
bis zu den Sechziger-Jahren war er doch herzlich unschuldig, und 
was hatten seine staatsmånnischen Gewaltstreiche gefruchtet ohne die 
Arbeit Roons, ohne die allgemeine Wehrpflicht, ohne all die glorreiche 
Hinterlassenschaft der demokratischen Befreiungskriege, der Scharnhorst, 
Stein, Schon! Wenn man aber das Legendengefasele hOrt, so sollte 
man meinen, dieser >deutsche Napoleon« håbe die Kriege geleitet, 
die Schlachten geschlagen, und bei Unwissenden im Ausland burgert 
sien wahrhaftig schon dieser Mythos ein. Moltke hat seinen Ruhm 
noch sorglich beiseite gebracht, eifersuchtig genug auf den Kanzler — - 
man lese die Klagen Bismarcks bei den Pariser Capitulations-Ver- 
handlungen in Hérissons bekanntem Documentenbuch — aber Roon, 
der ehrenhafte, pflichtstrenge, selbstlose Altpreusse im besten Sinne, 
kam schon lange zu kurz. Wie darf man aber gar einen Cromwell, 
Friedrich, Napoleon mit diesem »grOssten Deutschen« an Genie und 
Arbeitskraft vergleichen! Waren sie angewiesen auf fremde Beihilfe 
zur Ausfuhrung ihrer Plåné, waren sie nicht die Organisatoren und 
Feldherren ihrer Staaten wie ihrer Heere auf allen Gebieten, um ihre 
Staatskunst nach aussen und innen durchzusetzen ? Die Deutschen haben 
in Friedrich dem Grossen wahrhaftig schon ihren wahren Nationalhelden, 
ins Dåmonisch-Gigantische gereckt und bei allen Schwåchen doch von 
unvergleichlich reinerer Vornehmheit des Wesens, um nicht diesen 
Bismarck-Mythos fur chauvinistische Verblendung zu bedurfen. 

Mit der > Originalitåt« des »grossten Deutschen« ist's uberhaupt 
ein eigen Ding. Er hat ausgerufen: »Der kommt am weitesten, der 
nicht weiss, wohin er geht« — ja wohl, das hat Cromwell gesagt! 
Er prågte den Witz: »Ein KOnig sollte sich nie ohne ministerielle 
Bekleidungsstucke zeigen« — ja wohl, das hat er von Napoleon! 
Aber was sagte der? »Ein KOnig ist nicht in der Natur, er ist nur 
in der Civilisation. Deshalb hat er nichts Nacktes, er muss bekleidet 
sein.« Dort Napoleon: eine grandiose Weltanschauung in zwei Såtzen, 
monumental. Hier Bismarck — ein Berliner Witz auf plagiatorische 
Anregung. Dass ihm hie und da geistreiche Wendungen und Gleichnisse 
gelangen, sei zugegeben. im ganzen sind seine Reden ohne tieferen 
Gehalt. Man sehe sich doch die sogenannten Bismarck-Katechismen 
durch, nichts als banale Redensarten wie die erbårmliche Phrase: 
»Wir Deutsche furchten Gott«. Man sollte sich uber eine Nation 



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834 BLEIBTREU. 

8chåmen, die derlei — ubrigens auch obendrein Plagiat — als 
Wodans-Weisheit nachlallt. Dass in seinen Briefen viel Frisches, 
Munteres, Medisant-Humoristisches sich findet, sei nicht bestritten. 
Dass die Mår von seiner vOlligen Gleichgiltigkeit gegen Poesie und 
Kunst unwahr sei, glauben wir gern. Aber kann man sich bei ihm 
Åhnliches auch nur vorstellen wie Napoleons Gespråche mit Goethe 
und Wieland, mit Laplace und Monge, wobei er u. a. die Natur- 
wissenschaftler auf die Welt des unendlich Kleinen hinwies, die 
spåtere Mikroskopforschung anregte. Fur den Wissenden ist es einfach 
eine Frechheit, den einseitigen Willensmenschen Bismarck mit dem 
Gedankenriesen aus Corsica in einem Athem zu nennen. 

(Schluss folgt) 



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DEIN BRIEF. 

Ich sitze still in meiner dunklen Laube 

Am Tisch von Eichenholz geschnitzt, die Ranken 

Von wildem Wein umschmeicheln luft'ge Åste, 

Aus denen sich der Bau zusammenfugt. 

Die Luft ist mild, und still bewegen sich die Blåtter, 

Sie låcheln iiber Sommerwindes Spiel, 

Dann tråumt es wieder — tief und ruhig, 

Gefållig eingewiegt schlåft die Natur. 

Mein Haupt sinkt auf die muden Arme nieder, 

Das Auge blickt umflort auf einen Gegenstand, 

Der zitternd in der Hånd mir wilde Gluten 

Und sanfte Riihrungen erweckt: Dein Brief. 

So lern' ich Deine Ziige, so umfass* ich 

Dein Wesen segnend, wie ein muder Pilger 

Vor einem Bildstock schluchzend niedei^inkt. 

Dein Brief! — Ich les' ihn nicht, ich seh* ihn nur 

Und lese tief in Deinem tiefen Herzen. 

Genug der Tråumerei. Das Leben fordert mich, 
Es fordert, dass ich thåtig nun Dich preise, 
Dass nicht in nihrend sehnenden Gedanken, 
Nein, in der That Dein Segen sich erweise. 

1889. GEORG HIRSCHFELD. 



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STEPHANE MALLARMÉ.*) 
Von VITTORIO PICA (Neapel). 

In einem eleganten kleinen Salon der Rue de Rome in Paris, 
dessen Wånde zwei Bilder von Edouard Manet und Claude Monet, eine 
Radierung von Whistler, verschiedene Blåtter des Amerikaners Caldecott, 
eine kleine, aber erlesene Bibliothek und ein paar bizarre japanische 
Nippes zieren, versammelt sich von Zeit zu Zeit eine Reihe franzosischer 
Literaten, und vor allem eine Anzahl jener jungen Dichter und Schrift- 
steller, die man gemeinhin mit dem vågen Namen »Symbolisten« be- 
zeichnet. 

Jenen vertraulichen Versammlungen, aus denen alle politischen 
Fragen streng verbannt sind, und in denen nur von der Kunst die 
Rede ist, steht der Herr des Hauses vor, ein Mann von mittelgrosser 
Gestalt, mit rOthlichem, spitz zugestutztem Bart und einer måchtigen 
Stirn, unter der ein Paar pråchtige, schwermuthige Augen flammen. 
Spricht er, so schweigen alle ringsum und lauschen andåehtig, denn 
er ist ein seltener, gewandter, origineller und fascinierender Redner. 

Auf diesen Dichter — Stephane Mailarmé — den viele verkannten, 
weil sie seine Werke zu oberflåchlich lasen oder die Muhe scheuten, in 
8eine ganz eigenartige Åsthetik einzudringen, låsst sich sehr wohl das 
Wort des Péladan uber den Belgier Félicien Rops anwenden: »H est 
inconnu. au public, mais s' il n'a pas de reputation, il a la gloire.« 
Hundert subtile Geisfftr bewundern und lieben ihn und nur um den 
Beifall jener Kenner ist es diesem Meister zu thun. Sollte es geschehen, 
dass eins seiner Werke einem mittleren Menschen, einem aus jener 
grossen Menge, fur welche die Durchschnittsbucher geschrieben werden, 
gefiele, dann wurde er es sofort vernichten. Ein Patricier der Kunst, 
will er nur von seinesgleichen beurtheilt werden, nicht etwa aus Hoch- 
muth — seine Unberiihmtheit, die eine willkurliche ist, zeugt genugsam 
fur seine Bescheidenheit — sondern weil er weiss, dass die Kunst ein 
Cult ist, der allen, die sich zu ihm erheben, Aufnahme gewåhren, sich 
aber nie zu jenen herablassen soli, die des Aufschwunges unfåhig sind. 

Diese ultra-aristokratische Tendenz, bloss fur einen engen Kreis 
erwåhlter Geister eine Kunst zu schaffen, die der grossen Menge unzu- 
gånglich bleibt — eine Tendenz, die tåglich neue Anhånger gewinnt — 
mag verwerflich und falsch sein, aber sie verkOrpert, wie Edouard 
Rod sagt, die naturliche und nicht ungerechtfertigte Reaction gegen 
eine gewisse missverstandene Demokratisierung der Kunst. Je mehr die 
Geschåftsleute unter den Malern und den Literaten ihre Ware herab- 
setzen, um sie dem Beutel und dem Verståndnis der Menge erreichbar 

*) Siehe »Notizen« dieser Nummer. 



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STEPHANE MALLARMÉ. 837 

zu machen und jedem Geschmack gerecht zu werden, desto angelegent- 
licher werden die wahren Kunstler mit ihrem Hass gegen das Triviale 
sich bestreben, eine enge, unzugångliche Gemeinde mit complicierten 
åsthetischen Gesetzen zu bilden. 

Wie immer man flber diese Hyper-Exclusiven, deren Prototyp 
Mallarmé ist, denken mag, kann man doch nicht umhin, den stolzen 
Stoicismus zu bewundern, womit sie freiwillig auf den Beifall der 
Menge verzichten, der doch jedem Kunstlerherzen so wohl thut, sich 
dem Spotte preisgeben, und riskieren auch von der Nachwelt verkannt 
zu werden, nachdem sie bei der Mehrzahl ihrer Zeitgenossen kein 
Verståndnis fanden. 

PersOnlich ist Mallarmé von seltener Bescheidenheit und hat eine 
geradezu inbrQnstige, fast ubertriebene Ehrfurcht vor der Kunst. Wer 
wurde glauben, dass jener funfundfunfzigjåhrige Dichter, der seit mehr 
als 30 Jahren literarisch thåtig ist und von einer erlesenen und ziemlich 
stattlichen Zahl junger Kunstler zu ihrem Meister erhoben wurde, bis 
vor wenigen Jahren keinen Band herausgegeben, einfach, weil — wie 
er in einem vertraulichen Brief åusserte — eine Vereinigung einzelner 
da und dort erschienener Gedichte — »jener armen, verstreuten Blåtter, 
die ein Windstoss, der von Ferne kam, einem truben Leben entrissen« — 
an Aufbau, Rhythmus und Harmonie nicht seiner Vorstellung von 
einem Buch entspricht! 

Nicht minder bescheiden ist die åussere Lebensfuhrung dieses 
kOstlichen Dichters, dieses eifrigen Åsthetikers, sein Lebenslauf so 
ereignislos, dass er sich in wenig Worten erzåhlen låsst. Im Mårz 1842 
zu Paris geboren, wandte sich Mallarmé, kaum dass er die Schule 
verlassen, der Literatur zu. Er verheiratete sich fruhzeitig und nahm 
eine Stelle als englischer Professor an der Universitåt an (er hatte 
sich die englische Sprache angeeignet, um Edgar Poé in der Ur- 
sprache zu lesen), was ihm ermOglichte, in Zuruckgezogenheit seinen 
Tråumen zu leben und ihn des journalistischen Frohndienstes und 
aller kunstlerischen Zugeståndnisse enthob. Und bis heute noch 
theilt er sich zwischen den undankbaren tåglichen Kampf einer Schul- 
meister-Existenz und einer immer raffinierteren, immer subtileren kunst- 
lerischen Arbeit. 



Mailarmés Åsthetik beruht auf einer streng philosophischen 
Grundlage, die der des Richard Wagner verwandt ist und ohne deren 
Kenntnis es sehr schwer ist, seine so eigenartige Kunst zu verstehen 
und zu geniessen. 

Mallarmé hat sich eine ganz idealistische Weltanschauung gebildet; 
fur ihn, wie fur Plato und Fichte, ist die Welt, in der wir leben und 
die wir die wirkliche nennen, bloss eine Vorstellung unserer Seele, dem 
einzigen, wirklich Existenten. Unglucklicherweise ist uns das Bewusstsein 
unserer schOpferischen Kraft abhanden gekommen und so wurden wir 
zu Opfern und Sclaven der von uns gezeugten Welt. Darum mussen 



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838 PICA. 

wir uns uber diesem triiben Leben des Scheines ein anderes, besseres, 
froheres Leben schaffen: das ist die Aufgabe der Kunst. Aber woher 
soli der Kunstler die Elemente fur dies neuzuschaffende, hOhere Leben 
nehmen? Er muss sie doch wieder jenem untergeordneteren Leben 
entnehmen, das wir die Wirklichkeit nennen. Denn den Kunstlern 
wird ein Werk doch nur dann lebendig vor der Seele stehen, wenn 
es sich unter den gewohnten Daseinsformen darstellt. 

Darum ist es die Mission der Kunst, sagt Wyzewa — und 
wiederholt damit nur, was Wagner und Mailarmé ihren Jungern so 
oft gepredigt — in vollem Bewusstsein und mittelst åusserer Zeichen 
das gesammte Leben des Weltalls nachzuschaffen, d. h. die Seele, in 
der das mannigfache Schauspiel des Lebens, das wir Universum 
nennen, sich entrollt. 

Nun besteht aber unsere Seele aus zahlreichen Elementen, denen 
drei verschiedene Formen inneren Lebens entspringen: der Eindruck, 
die Erkenntnis und die Empfindung, auf welchen drei Lebensformen 
die verschiedenen Kiinste beruhen. Die sinnlichen Eindrucke dienen 
den bildenden Kiinsten — der Malerei und der Sculptur — die 
Erkenntnis dem Schriftthum, die Empfindung der Musik zur Grundlage. 
Da nun jede dieser Kiinste nur einen Theil, eine Form des inneren 
Lebens der Seele zum Ausdruck bringt, so ist jede an sich unvollståndig 
und mangelhaft. Die ideale Kunst wird dårum diejenige sein, welche 
das gesammte Leben und nicht nur das der Sinne, des Geistes oder 
des Herzens wiedergibt. Jene alles umfassende ideale Kunst wird die 
hOchste Errungenschaft der neuen Zeit sein und wird den menschlichen 
Geist bis zu jenem Zustand hellseherischen Tråumens erheben, von 
dem Richard Wagner in seinem so bedeutenden Brief an Dillot im 
Jahre 1861 schrieb. 

Nun denn, jene neue, herrliche Kunst, die Richard Wagner nur 
durch eine innige Vermåhlung der verschiedenen Kunstformen erreichbar 
schien und die er durch das Musik-Drama zu verwirklichen strebte, 
ist das Ziel, worauf alle Neuerungen der franzøsischen Dich ter unseres 
Jahrhunderts gerichtet sind. Deshalb trachteten zuerst die Romantiker 
mit Victor Hugo an der Spitze, dann Baudelaire, dann die Parnassiens 
und endlich Verlaine und Maliarmé sammt ihren Jungern, mOgen sie 
nur gewissermassen unbewusst oder mit einem klaren Vorsatz jenem 
Ideal einer allumfassenden, schOpferischen Kunst zugeschritten sein, 
demselben durch eine weise Bereicherung der Ausdrucksmittel nåher 
zu kommen. Jenen Worten, die durch mehr als zwei Jahrhunderte, 
d. h. von Malherbe bis zur romantischen Periode, keine andere als 
eine streng abstracte Bedeutung gehabt hatten und deshalb nur die 
Welt der Erkenntnisse auszudriicken vermochten, versuchten mehrere 
Dichter zu Anfang des Jahrhunderts, dann Flaubert und einige andere 
Prosatoren ihre emotionelle und sinnliche Kraft wiederzugeben, die 
sie beim Entstehen der Sprache zweifellos besessen. So horten die 
Worte auf, todte, abstracte Zeichen zu sein und wurden wieder 
lebendig nach dem schOnen Satze des Victor Hugo: »Car le mot, 



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STEPHANE MALLARMÉ. 839 

qu'on le sache, est un étre vivant.« Sie druckten nicht mehr bloss 
Ideen aus, sondern auch sinnliche Eindriicke wie die bildenden Kunste, 
Empfindungen wie die Musik. So konnte die Literatur und vor allem 
die Poesie mit dem ihr wesentlichen, musikalischen Element, das sie 
zu einer Art von Obergangskunst oder besser zu einer allumfassenden 
Kunst macht, versuchen, såmmtlichen Kraften, die in uns leben, Ausdruck 
zu verleihen. 

Die Åsthetik Maliarmés setzt sich aus zwei wesentlichen Elementen 
zusammen: dem Symbolismus und der Suggestion, zwei Elemente/ 
die manches Verwandte haben und oft verwechselt werden. Bekanntlich 
ist ein Symbol die Anwendung eines materiellen Bildes, um etwas 
der geistigen Welt Angehorendes darzustellen. Alle Religionen haben 
ihre Symbole und die »Hohe Magie«, welche einst nahezu die ganze 
Welt beherrschte und heute missachtet und verlacht wird, obwohl sie 
oftmals so philosophisch tief und gewaltig ist, besitzt deren herrliche. 

Man muss jedoch zwei wesentliche Arten von Symbolismus unter- 
scheiden. Der eine ist trivial und entspringt dem angeborenen Bedurfnis 
des Volkes, sich das, was der spiritualen Welt angehOrt in greifbaren 
Bildern vorzustellen, um es seinem Verståndnis nåher zu bringen. Das 
ist jener niedere Symbolismus, der den Gedanken herabzieht und seinen 
Flug låhmt ; er ist es, der die Volker zum Fetischdienst treibt und den 
Bildersturmern das Schwert in die Faust driickt; er ist es, der den 
Dutzendschreibern die banalen Gleichnisse und herkommlichen Metaphern 
eingibt. Dann aber gibt es einen hohen Symbolismus, der den Menschen 
mittelst weise erwåhlter Bilder aus der materiellen Welt in die des 
Geistes geleitet, ein strenger, priesterlicher Symbolismus, der oftmals, 
wenn er das endgiltige Sinnbild gefunden, sich nicht bei uberflussigen 
Erlåuterungen auf halt, sondern auf dessen måchtige suggestive Wirkung 
bauend, es dem Geiste der Leser iiberlåsst, in sein Geheimnis einzu- 
dringen, das Dunkel zu durchleuchten und den zeugenden Gedanken 
ans Licht zu fordern ; ein Symbolismus, der zugleich eine Synthese 
und eine Entscheidung ist, indem er, mit Obergehung alier gewOhn- 
lichen und unniitzen Menschen und Geschehnisse des Alltags, eine 
synthetische Erscheinung erwåhlt, in der ein ewiger unvergånglicher 
Gedanke sich verkOrpert oder ein menschliches Wesen, das in sich 
alle eigentlichen Zuge einer ganzen Gruppe von Menschen vereinigt 
und so gleichsam einen Typus repråsentiert ; ein Symbolismus endlich, 
der die unsterbliche TragOdie der menschlichen Seele erzåhlt und hinter 
den wandelnden Ereignissen die ewigen Wahrheiten entdeckt. Von 
dieser zweiten Art ist der Symbolismus des Mallarmé. 

Die Poesie, die schon von Natur synthetisch, aristokratisch und 
wåhlerisch ist, eignet sich nicht bloss vortrefflich fur den Symbolismus, 
sie wird dadurch sogar von gewaltiger GrOsse. Der Roman dagegen, 
in dem heute alle Arten der Prosadichtung aufgehen, soli analytisch 
und beschreibend sein und ins einzelne gehen, er soli das moderne 
Leben in seinen mannigfaltigen Erscheinungsformen ruckhaltslos und 
schrankenlos studieren und darf sich nur ab und zu erlauben synthetisch 



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840 PICA. 

zu sein. In dieser Weise wurden Poesie- und Prosadichtung einander 
glucklich ergånzen, indem die eine den concreten, die andere den 
abstracten Theil des Lebens und seinen geistigen Inhalt darstellen, 
die, eine die positivistischen, die andere die idealistischen Tendenzen 
verkOrpern wiirde. 

Aber jedesfalls sind jene Werke von unvergånglicherem Reiz, die, 
statt die Gedanken und GefGhle des Autors deutlich auszudrucken, sich 
damit begnugen, dieselben bloss anzudeuten, sie gleichsam mit einem 
Nebelschleier zu umhullen und es dem Leser uberlassen, sie selber 
ergånzend nachzuschaffen. 

Offenbar schwebt das dem Maliarmé vor, wenn er eine symbo- 
listische Form fur seine Dichtungen wåhlt, die freilich allzu dunkel 
im Ausdruck metaphysischer Begriffe ist und allzu grossen Nachdruck 
auf das musikalische Element in der Poesie legt, die uberdies manch- 
mal in Spitzfindigkeiten und Verworrenheiten geråth, die nur einer 
ganz kleinen Zahl erlesener Geister zugånglich sind. Doch låsst sich 
dieses Obermass vielleicht durch das Wort des Joubert, eines tiefen 
Denkers des vorigen Jahrhunderts, rechtfertigen : >Souvent on ne peut 
éviter de passer par le subtil, pour s* elever et arriver au sublime, 
comme pour monter aux cieux il faut passer par les nuées — .« 



Die Reihe der VerOffentlichungen begann fur Mailarmé im Jahre 
1866, wo bei Lemerre der erste Band des >Parnasse Contemporain« 
erschien, eine bedeutende und charakteristische Sammlung von neuen 
Dichtungen aus den Reihen der Parnassiens. Darin verOffentlichte 
Maliarmé zehn Gedichte, welche lebhaftes Aufsehen in literarischen 
Kreisen erregten und seine erste Weise kennzeichnen. Sie waren 
tadellos in der Form und — was ihr grosses Obergewicht uber die 
sonstigen Dichtungen der Parnassiens ausmachte — von wohlthuendem 
Einklang zwischen Form und Inhalt, so dass die kunstvolle Musik 
der Worte und Rhythmen genau den Gedanken und Empfindungen 
entsprach, die der Dichter auszudrucken gedachte. 

Von jenen ersten Talentproben des Mailarmé schrieb Théophile 
Gautier in seinem : »Tableau de la poesie francaise depuis 1830« : 
»L'Extravagance un peu voulue en était traversée par de brillants 
éclairs.« 

Vermuthlich hat der Dichter der »Emaux et Caméesc, alt und 
abgemudet, wie er war, Mailarmés Bedeutung als Neuerer ubersehen, 
die ihn in jungeren Jahren sicherlich begeistert hatte; aber anderaeits 
glaube ich, dass die lakonische Bezeichnung: »Extravagance un peu 
voulue« keinen Vorwurf bedeutet im Munde desjenigen, der zur Ver- 
theidigung Baudelaires die folgenden Worte schrieb, die sich ebenso 
gut auf Mallarmé anwenden lassen: »Man hat Baudelaire oftmals der 
absichtlichen Bizarrerie, der gesuchten Originalitåt um jeden Preis, 
und namentlich der Manieriertheit angeklagt. Es gebdrt sich bei 
diesem Punkte långer zu verweilen. Es gibt Leute, die von Natur 



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STEPHANE MALLARMÉ. 841 

manieriert sind. Schlichtheit wåre bei ihnen AfFectation, eine Art von 
umgekehrter Manier. Sie miissten lange suchen und sehr an sich 
herumarbeiten, um schlicht zu sein.« 

Mailarmé nimmt gewOhnlich einen complicierten und umfassenden 
philosophischen Gedanken zum Ausgangspunkt, und da dieser, um in 
die Erscheinung zu treten, einer åussern Gestalt bedarf, so wåhlt er 
einen Vorgang oder ein Schauspiel in der Natur, worin dieser Gedanke 
sich ausdruckt und der dadurch eine symbolische Bedeutung erhålt. 
Weiterbauend geht er nun deducierend von Idee zu Idee, und in 
Analogien von Bild zu Bild. Aber die Deductionen sind meist åusseret 
spitzfindig, und die Analogien weit hergeholt und immer ungewOhnlich. 
Da er obendrein das Bild zumeist nicht ausfuhrt, sondern bloss durch 
ein synthetisches Wort andeutet, sprunghaft schreibt, und es dem Leser 
uberlåsst, die Lflcken auszufullen, so wird der Sinn seiner Verse immer 
schleierhafter und schwerer zu entråthseln. Dazu kommt noch ein 
anderes: Wie schon gesagt, geht Maliarmés hOchstes Streben dahin, 
eine Sprache zu schaffen, die das gesammte Leben der Seele aus- 
druckt, d. h. neben den Gedanken auch ihre Empfindungen und Emo- 
tionen wiedergibt. Darum finden sich in seinen Vereen oft Worte, ja 
ganze Såtze, die keine begriffliche Bedeutung haben, sondern nur zur 
emotionellen Wirkung, im Hinblick auf den Rhythmus und die Klang- 
wirkung, Platz darin finden. Freilich hat Mailarmé dadurch, dass er 
sich alle Errungenschaften der Parnassiens aneignete, sie durch unab- 
låssigen geduldigen Fleiss bereicherte und steigerte, sie durch neue 
Funde vermehrte, aus der Sprache ein unubertreffliches poetisches 
Werkzeug gemacht. Aber dennoch sollte man daruber nicht vergessen, 
dass die Sprache doch in erster Linie dazu da ist, um Gedanken 
auszudrucken, und dass man Worte mit bestimmter, feststehender 
Bedeutung nicht ihrem Sinn entgegen oder in einem ganz fremden 
Sinne anwenden darf, lediglich auf ihre Klangwirkung bedacht. Dies 
thut aber Mallarmé in willkurlichster Weise. Dies scheint mir seine 
årgste Verirrung, die zu jener schier undurchdringlichen Unverstånd- 
lichkeit seiner letzten SchOpfungen fuhrt. 

Ist es doch an sich schwer genug seinem verzweigten Ideengang 
zu folgen, zur Quintessenz seiner metaphysischen Speculation vorzu- 
dringen! Denn nur allzugern Gberlåsst er sich einem Hang zum Spin- 
tisieren, zu spitzfindigem Untersuchen, der eigentlich weit ener im 
deutschen als im latinischen Geiste liegt. Selbst der geubte, philo- 
sophisch geschulte Leser vermag ihm ohne grundliche Vorbereitung 
und geduldiges Eingehen nicht zu folgen, und wenn auch dem SchOpfer 
einer neuen Åsthetik das Recht zusteht, sich uber das Niveau des 
Durchschnittes zu erheben, sich ohne Rucksicht darauf mit seinen 
Lehren nur an eine geistige Elite zu wenden, so muss ein solcher 
Zug zur Mystik, zur Geheimnisthuerei und Verballhornung, wenn ihm 
keine Schranken gesetzt werden, doch schliesslich unausweichlich zum 
Schiffbruch fiihren. 



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34* plCA - 

Alle Feinheiten, allefl Raffinemefit seiner erlesenen Kunst hat 
Stephane Maliarmé in der Ekloge niedergelegt, die er »L'Aprés-fnidi 
d'un Faune« benannt hat, und die man zweifellos als ein poetischeø 
Jttwel beaeichfldn muss. Darin wird das, was man sonst den Dichtungen 
dér zweiterl Periode rum Vorwurf macht: die Unklarheit tind Doppel* 
åinnigkdt und die Subtilitåt der Empfindung, zu einem Reiz mehr. 
Obfigens ist sie einheitlicher und weniger sprunghaft als aeine sonstigen 
Ariteiten. 

Es ist der Monolog eines lasternen Fauns, der sich an einem 
fteissen Sdrnmernachmittag an zwei entzflckende Nymphen erinnert, 
dte er beim Baden Oberrascht und die vor ihm entflohen. Sie waren 
so flQchtig, dass er sich fragt, ob jene Frauen nicht etwa bloss die 
VerkOrperung eines Wunsches seiner Sinne waren; und wåhrend er 
die Erinnerung an sie heraufbeschwOrt, wird es ihm plOtzlich bewusst, 
date alle Visionen nur WQnsche und Traume der Seele sind. Mit deil 
Kl&ngen seiner Hirteftflote versucht er nun, das wolldstige Bild der 
beiden FlGchtigen zurflck zu zaubern und glaubt sie zu umfassen, bis 
sie plOtzlich aufs neue seiner Umarmung entgleiten ; und von der 
Hitze tiberwåltigt versinkt der Faun in Schlaf mit den Worten: 
*CoUple, adieu; je vais voir Tombre, que tu devins.« 

In diesem entzuckenden Gedicht, worin der Dichter abermals im 
pfåchtigen Gewand der Symbole die erlesenen Freuden schildert, 
welche dem Menschen aus idealen SchOpfungen seiner Seele zufltesseri 
tirld den unsterblichen Conflict zwischen dem Traume und der nfichternen 
Wirklichkeit darstellt, ist alles weise erwogen; die leuchtenden und 
suggestiven Bilder wachsen zu greifbarer Lebendigkeit, wie die wohl- 
Ittøtigen Erinnerungen in der Seele des lQsternen Fauns anschwellen 
ttfld er die heraufbeschworenen Frauengestalten leibhaftig zu umfassen 
Wfthnt. Die siisse, schmelzende, buhlerische Musik der Verse wird 
gellend, WO die Sinnenglut des bockfussigen Schwårmers wild aufschåumt. 
Und endlich sei noch die in unsern Tagen so seltene FarbenfQlle hervor- 
gehoben, jene weise kunst der Steigerungen, der Tone, der Lichter 
und Sch atten, und vor allem die wahrhaft classische Frische und An- 
ttltith, die an Theokrit, Virgil, Ovid erinnert und an jenen neuen 
Gfiechen, def sich André Chénier nannte. 

Zu Beginn dieses Jahrhunderts kamen die kleinen, dichterisch 
éoncentrierten Werke, vers en prose auf. Diese Form entspricht vor- 
trefflich dem immer schårfer werdenden Verlangen nach Knappheit, 
Welches die literarische Generation von heute kennzeichnet. Doch setzen 
sie in dem, det sie Oben will, ungewOhnliche stilistische Voflendung 
und ein synthetisches Denken voraus; denn so ein Gedicht in Prosa 
soli zusammenfassen, was sonst ein Paar Seiten an Analyse und Be- 
schreibung fQllt; in knapper Wirksamkeit soli da ein ungemeiner und 
doch typischer Seelenzustand ausgedrQckt werden; seltene Adjective, 
ifi weisef Auswahl gefunden, mOssen da so genatt an ihrer Stelle 
stehen, dass man sie nicht vertauschen kOnnte, ohne den Sinn des 
Ganzen zu zerstOren und ein wohlerwogener, musikalischer Rhythmus 



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STEPHANE MALLARMÉ. 843 

muss dem Leser die Stimmung, die der Dichter auszudriicken gedachte, 
suggerieren. 

Sicherlich sind die kleinen Prosadichtungen des Baudelaire 
im ganzen entzuckend, dennoch sind manche darunter allzu weit- 
schweifig und ergehen sich oftmals in ferner liegenden Einzelnheiten, 
die ihre Wirkung abschwåchen. Ihnen scheinen nur die des Maliarmé 
an Formvollendung und Quintessenz des Inhaltes weit uberlegen. Jene 
Skizzen: »Le Fusain«, »Le petit Saltimbanque«, »La Pipe«, »Plaintes 
d'Automne«, »Frissons d'hiver«, »L'Ecclésiastique« und einige andere, 
die der belgische Verleger Deman im Jahre 1891 unter dem Titel: 
»Pages« vereinigte, bilden in ihrer grossen Klarheit und Verstånd- 
lichkeit, einen lebhaften Gegensatz zu Maliarmés sonstigen Werken, 
ein Winkelchen, das allen zugånglich ist, an dem sich alle erfreuen 
kOnnen. 

Aber um den Prosaschriftsteller Mailarmé erschOpfend zu kennen, 
ist es nothwendig, nebst seinen kunstkritischen Essays, die unter dem 
Namen: »La Musique et les Lettres« vereinigt sind, auch seine Ober- 
setzung der poetischen Werke des Edgar Poé, seine Vorreden zu 
»Vathek« und seinen Vortrag uber Villiers de lTsle Adam kennen 
zu lernen. 



Als Schluss dieses Oberblickes uber die Kunstanschauung des 
Maliarmé und zur Charakterisierung seines Lebenswerkes, iiber das 
sich heute noch kein Urtheil fallen låsst, das aber jedesfalls Achtung 
gebietet, als das Werk, in # das ein gewaltiger, vornehmer Kunstler 
seine ganze Seele legt, und um des leidenschaftlichen Ernstes willen, 
womit er nach einer neuen Åsthetik strebt, mOge folgendes Bruchstuck 
eines Briefes von ihm hier Platz finden: »Je crois que la littérature, 
reprise å sa source, qui est l'art et la science, nous fournira un 
théåtre, dont les représentations seront le vrai culte moderne; un 
livre, explication de V bomme, suffisante å nos plus beaux reves. Je 
crois tout cela écrit dans la nature de fa9on, å ne laisser fermer les 
yeux qu'aux interesses å ne rien voir. Cette oeuvre existe, tout le 
monde l'a tentée sans le savoir, il n'est pas un génie ou un pitre, 
ayant prononcé une parole, que n'en ait retrouvé un trait sans le 
savoir. Montrer cela, et soulever un coin du voile de ce que peut étre 
pareil poéme, est dans un isolement mon plaisir et ma torture.« 



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»WENN ICH GOTT WÅRE.« 

Ein Gespråch 
von 

RICHARD LE GALLffiNNE. 

Aua dem Englischcn iibersetzt von Wilhelm SchOlermann. 

(Schluss.) 

»Worte! Worte! Was kann denn der »Sinn«, was kann die 
Entschuldigung sein fur etwas so Scheussliches wie der Tod, fur all 
die versteckten und grausamen Schleichwege der Krankheiten?« 

»Wir stehen dem allen noch zu nah, um es erkennen zu kOnnen. 
Aber es gibt eine Bedeutung dafur, ganz gewiss eine schOne Be- 
deutung. « 

»Du glaubst das wirklich?« 

»Ja, bestimmt und ohne Furcht.« 

»Eine schOne Bedeutung?« 

»Ja.« 

»Eine schOne Bedeutung auch bei einem Fall wie diesen? .... 

»Vor einem Monat etwa wohnte ich im Hause eines Freundes, 
auf einem der lieblichsten griinen Winkel dieser Erde. Der Friihling 
stand in seiner Blute. Wenn je die Erde eine himmlische Bedeutung 
hatte, schien sie es in diesem Thale auszudrucken, von fruh bis spat 
in den herrlichsten Farben und Klangen. Der Himmel wOlbte sich voll 
strahlender Gute uber dieses Thai. Wie heiter die Sonne, wie klar und 
mild die Sterne! Das Erdreich selbst duftete Liebe aus, Myriaden kleiner 
Hånde hervorstreckend, Stengel, Blatt und Keime dicht gedrångt in 
prangendem Oberfluss, wie um zu zeigen, welch ein warmes Herz 
darunter pochte. Man empfand das drångende junge Leben oft so 
stark, dass man glauben konnte, der grune Plan hebe sich wie der 
Busen einer schlafenden Jungfrau. Vorsichtig trat man auf, um nicht 
das kleinste Blatt ihres duftigen Kleides zu verletzen. 

»Wårest Du dort gewesen, meine liebe Freundin, so wurdest Du 
wie heute ausgerufen haben: »Darf man an Gottes Gute zweifeln!« und 
ich wurde geantwortet haben: »Ich kann es hier nicht.« 

»Aber nun hOre, wie in diesem Thai der grune Schleier der 
SchOnheit jah zerrissen ward und wie uns das Gesicht des Scheusals 
aus dem Hinterhalt angrinste. Im Hause war eine junge Magd, 18 Jahre 
alt, frisch, lieblich und munter wie ein Vogel, unschuldig und froh 
wie ein Kind, das den ersten Traum des Weibes tråumt. Die Burschen 
vergOtterten sie. Sie hatte niemals Krankheiten gekannt und Zahn- 



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WENN ICH GOTT WÅRE. 845 

8chmerz war vielleicht das Schlimmste, was sie bis dahin zu ertragen 
gehabt. Auf einmal fieng, an einem sonnigen Morgen, ihr linker 
Fuss an zu schmerzen. Es wurde schlimmer, so dass sie sich legen 
musste. Wir hielten es fur eine Verstauchung oder Erkåltung, bis der 
zweite Fuss auch anfieng zu schmerzen. Der Arzt kam und unter- 
suchte die Fusse. Sie waren bleifarben und eiskalt. Dann sagte er 
zu meinem freundlichen Gastgeber: »In dieser grossen Folterkammer, 
Welt genannt, gibt es einen Krankheitskeim von so teuflischer Hinterlist, 
dass Du Deine ganze Jugendzeit hindurch, springend und jauchzend, 
die Stunden jagen kannst, bis plOtzlich, vielleicht am lieblichsten Tage 
Deines Lebens, ein Gefuhl Qber Dich schleicht wie der langsame 
Schnitt einer Sense duren Deine Fusse; Du wirst Dich niederlegen 
wie jenes junge Mådchen ; die Fusse werden kålter und kålter und — 
wenn Gott barmherzig ist — wirst Du sterben; wenn nicht, so wirst 
Du Dich nach Monaten vom Schmerzenalager erheben: ein neues, 
unheimliches Gefuhl beschleicht Dich — Gott gebe Dir Kraft ! — Deine 
beiden Fusse sind fort. . . So gieng es dem armen, unglQckseligen Kinde 
von 18 Jahren. Das Ungeheuer hatte aus seinem Versteck unter dem 
grunen Hugel hervorgelugt und — zugebissen«. . . . 

Er schwieg. Sein Gesicht war bleich und erregt. Dann fuhr 
er fort: 

»Nun sage mir doch, meine Freundin, wo liegt hier die liebe- 
volle Bedeutung?« 

»Das ist furchtbar — furchtbar,« sagte sie langsam, mit tiefer 
Seelenqual im Ton der Stimme; das Leuchten ihres Gesichtes schien 
einen Augenblick zu flackern und dunkler zu werden, »entsetzlich . . . 
kein weiser Christ wird thOricht genug sein, diese Heimsuchung und 
ihre Bedeutung erklåren zu wollen. Nur so viel kann ich sagen: es 
hat einen Sinn — ja, ich wage es trotzdem zu glauben, einen liebe- 
vollen Sinn. Aber... o ja, gewiss, es ist furchtbar. c Ihre Stimme ver- 
rieth, dass sie in diesem Augenblick nicht nur an die eine Erzåhlung 
dachte, sondern an all das gehåufte Elend des menschlichen Daseins. 
Ihre Gedanken durcheilten plOtzlich die blaue, strahlende Abendferne 
und senkten sich hinab, weit hinter dieser tråumerischen Welt in eine 
andere Region, eine Region voll ungesunder Luft und engen, brutenden 
Strassen, wo Månner und Frauen keine Ahnung hatten von den remen, 
sonnigen Hohen dort oben, wo sie beide sassen und in die klare 
Atmosphåre hineinredeten. In den schmutzigen Håusern giengen ihre 
Gedanken aus und ein und bekannte Gesichtszuge begegneten ihr, sorgen- 
gebeugt und mit den Zeichen des Verbrechens auf den Stimen. Sie 
schauderte und machte unwillkfirlich eine Bewegung, als mQsse sie 
hineilen in diese Welt ihrer Vision, als bedQrfe die ihrer FQrsorge. 
Wenn das kleine, einsam flackernde Licht, das da ffir Gott angezundet 
war in jenen dustern Strassen, ausgehen sollte, wåhrend sie auf den 
Hohen låchelte? Ja. Der Verehrer der SchOnheit hatte schon recht: 
die Welt war dunkel und sehr håsslich anzusehen — håsslicher als 
man sich's tråumen liess, wenn man fiber diese grunen Abhånge 



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846 LE GALLIENNE. 

hinweg zu den freundlichen, weissschimmernden Ddrfern hinuberblickte. 
Vom Himmelsdom aua betrachtet, mochte die Erde wohl gesegnet 
erscheinen! Sah Gott sie vielleicht auch nur so von seiner Hdhe 
herab? Sah er nicht die blutigen Schwåren, horte das Wehklagen 
nicht? Aber Gottes Sohn hatte hier doch alles gesehen und alles 
erduldet. Hatte Er sie nicht dahin begleitet, Tag und Nacht durch diese 
verpesteten Gassen, und im Lichte Seines Antlitzes hatte sie da nicht 
die Bedeutung dieser Dunkelheit gelesen? 

»Ja, es ist furchtbar,« wiederholte sie, aus ihrem Sinnen 
erwachend, »und als ich das zuerst sah, dachte ich ebenso wie Du. 
Aber als ich dann nåh er herantrat, es håufiger sah, es besser kennen 
lernte, hinter sein schreckliches Antlitz blick